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PDF Version Artikellink per Mail  | Soz Nr. 03/2024

An den Rand notiert
von Rolf Euler

Während im Radio als Erfolgsmeldung angekündigt wird, dass die Tesla-Fabrik in Grünheide wieder arbeitet, während die Absatzzahlen der deutschen Autohersteller steigen, während ein kleines Dorf in Schleswig-Holstein mit 4 zu 3 Stimmen für den Bau einer hochsubventionierten Autobatteriefabrik auf dem platten Land stimmt, geht diese Meldung unter: »Der Golfstrom auf dem Weg zum Kollaps«.

Klimaforscher haben seit längerem sog. »Tipping-Points« (Kipppunkte) bestimmt, bei denen eine zunächst langsam verlaufende Klimaänderung zu qualitativen Veränderungen führt, die eine Art »Umsturz« des chaotischen Klimasystems in sich beschleunigende Prozesse bedeutet, deren Entwicklung dann nicht mehr rückgängig gemacht werden kann.
Einer dieser Entscheidungsprozesse für das Weltklima, vor allem aber für das europäische Klima ist der Golfstrom. Seine im Bereich des Mittelatlantiks und des Golfs von Mexiko aufgewärmten Oberflächenwasser strömen in nordöstlicher Richtung zum Nordatlantik, zwischen England und Island hindurch sowie durch die Nordsee und letztlich an Norwegens Westküste weiter. Das salzhaltige kalte Nordpolarmeerwasser sinkt ab und kehrt in den unteren Schichten des Atlantiks nach Süden zurück – ein scheinbar endloser Strom. Der Golfstrom bestimmt das relativ milde Klima in ganz West- und Nordeuropa.
Neuere Berechnungen (www.science.org/doi/10.1126/sciadv.adk1189) haben nun bekräftigt, dass der Golfstrom tatsächlich abzubrechen droht – der Zeitpunkt wäre noch nicht klar, aber die Tendenz dahin lasse sich nachweisen. Der Grund liegt darin, dass das Nordpolarmeer seit vielen Jahren nicht mehr so kalt wird, zum Beispiel weil die Eisbedeckung auch im Winter nicht mehr das Ausmaß wie früher annimmt. Dazu kommen die Schmelzprozesse der grönländischen Gletscher, überhaupt der nördlichen Eismassen auf Spitzbergen und um den Nordpol herum. Damit gelangt immer mehr Süßwasser in das Nordpolarmeer, das dadurch nicht so schwer ist wie das Salzwasser und damit nicht so kräftig absinken kann wie bisher. Je weniger Wasser im hohen Norden absinkt, desto weniger wärmeres Wasser kann aus dem Süden nachströmen – dann droht der »Kollaps« oder das Ende des Golfstroms und damit das Ende des mitteleuropäischen Klimas, wie wir es kennen.
Die Industriekonzerne kümmert das nicht – sie verlangen niedrige Industriestrompreise für alle weitere Produktion. Sie verlangen ein »Weiter so!« mit moderaten Änderungen in Richtung »grüne« Produktion. Sie verlangen grünen Wasserstoff. Sie verlangen Ladesäulen für E-Autos. Und sie bekommen Subventionen für den Bau von Batterie- und Chip-Fabriken und mehr. Ihre Bosse spielen nun nicht nur Golf auf dem »Green« der Golfplätze, sondern immer mehr auf dem »Blue« des Golfstroms – und noch viel mehr auf dem Rücken der unter dem Klimawandel leidenden Menschen.

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