Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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PDF Version Artikellink per Mail  | Soz Nr. 03/2024

Informationstechniker:innen organisieren sich
Gespräch mit Peter Müller

In Berlin organisieren sich Programmierer:innen und Informationstechniker:innen in der Tech Workers Coalition (TWC) – Versuche der Selbstorganisation in einem schwierigen Umfeld. Mit dem Aktivisten Peter Müller sprach Matthias Becker.

Peter, du arbeitest als Softwareentwickler.

Seit zwanzig Jahren, in diesem Zeitraum habe ich nur zweimal den Job gewechselt!

Das klingt ganz anders als die Geschichten, die wir oft aus der IT-Branche hören – nächtelang durcharbeiten und vom Chef Pizza bestellen lassen…

Das sind Klischees. In der IT-Branche gibt es sehr unterschiedliche Arbeitsverhältnisse. Mir waren Sicherheit und Berechenbarkeit wichtig. In meiner jetzigen Firma wird das Arbeitsrecht peinlich genau eingehalten. In der vorherigen war ich 15 Jahre lang angestellt.

Wie bist du zur Tech Workers Coalition gekommen?

Mich hat angesprochen, dass IT-Angestellte sich mit politischen Themen beschäftigen und sich andererseits auf der Arbeit organisieren. Als die Covid-19-Pandemie einsetzte, gab es in vielen IT-Unternehmen Konflikte über die Möglichkeit, von zuhause aus zu arbeiten. Auch der Chef in meiner damaligen Firma versuchte, Home Office zu verhindern oder wenigstens so weit wie möglich einzuschränken. Das war der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Die Unzufriedenheit über die Entlassungen und die intransparenten und ungleichen Löhne führten dazu, dass eine Welle von Betriebsratsgründungen einsetzte. Diejenigen, die sie vorantreiben wollten, fanden sich dann bei den Tech Work­ers zusammen, die sich ein Jahr zuvor gegründet hatten. Wir haben uns regelmäßig online getroffen und gegenseitig unterstützt.

Nach 15 Arbeitsjahren hast du auf einmal die Notwendigkeit gesehen, etwas in deiner Firma zu verändern? Wegen des Streit ums Home Office?

Nein, das war für mich nicht relevant, uns Entwicklern wurde das nicht verweigert. Nur die Angestellten aus dem Service und anderen Bereichen sollten ins Büro kommen. Mich hat das trotzdem empört. Ich war schon lange vor der Pandemie unzufrieden gewesen. Es war eine mittelständische Firma, in der der Chef und Firmengründer sich wie ein Alleinherrscher aufführte. Wer beispielsweise auf Bildungsurlaub bestand, bekam im Gegenzug keine Gehaltserhöhung. Die Lohnhöhe hing von der Sympathie des Chefs ab. Es herrschte schlicht Willkür. Auch die Beschäftigten vermieden es, über ihre Löhne zu sprechen. Von einem Betriebsrat hatte ich mir mehr Transparenz und Gerechtigkeit erhofft.

Das klingt vernünftig!

Die Betriebsratsgründung ist aber letztlich gescheitert. Der Chef war vehement dagegen und hat viel Zeit und Mühe darauf verwandt, einen Betriebsrat zu verhindern. Wahrscheinlich hat er sich von einer dieser Anwaltskanzleien beraten lassen, die sich auf das Unterdrücken von Gewerkschaftsaktivitäten spezialisieren. Kolleg:innen wurden massiv unter Druck gesetzt. Da hieß es: »Entweder stehst du auf der Seite des Managements oder auf der Seite der Gewerkschaft!« Der Chef hat dann eine Handvoll höriger Kolleg:innen gefunden, die sich für die Wahl aufstellen ließen und auch gewonnen haben. Nach einem Jahr hat sich der Betriebsrat dann wieder aufgelöst. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon gekündigt.
Bei einigen anderen Unternehmen aus der Branche war die BR-Gründung dagegen erfolgreich. Beispiele sind Soundcloud, Contentful, ShareNow, SumUp, Klarna, N26, TikTok oder Spotify. Andere Firmen versuchen weiterhin, das zu verhindern, zum Beispiel Flink. Hello Fresh hat sich stark, aber letztlich erfolglos gewehrt und versucht, die BR-Arbeit zu behindern.

Wie steht ihr zu den DGB-Gewerkschaften?

Zu uns gehören Mitglieder von Ver.di und IG Metall, aber auch Unorganisierte und eher Gewerkschaftskritische. Bei ernsteren Arbeitskonflikten oder BR-Gründungen holen wir uns anwaltliche Beratung von den großen Gewerkschaften. Mein Eindruck ist, dass diese froh darüber sind, dass wir Kontakte in die Branche haben, die sie nicht selbst herstellen können.
Für Gewerkschaften ist es schwieriger, einen Zugang zu finden. Das fängt schon damit an, dass wir eine englischsprachige Organisation sind. Bei uns gibt es kaum Deutsche, ich bin eine seltene Ausnahme! In der IT-Branche arbeiten viele Menschen aus Indien, Osteuropa und der Türkei. Die meisten wohnen in Berlin, aber sie arbeiten für ausländische Firmen.
Entsprechend haben wir Mitglieder aus vielen verschiedenen Ländern und sprechen viel darüber, wie das deutsche Arbeitsrecht funktioniert. Wir stellen englischsprachige Informationen zusammen und machen Infoveranstaltungen zu arbeitsrechtlichen Themen. Ansonsten organisieren wir thematische Workshops und Lesegruppen, zum Beispiel über Rassismus in der IT-Branche. Außerdem treffen wir uns regelmäßig zu einem Stammtisch.

In welchen Unternehmen seid ihr aktiv?

Wir kommen aus unterschiedlichen Bereichen der IT-Branche: Software für die Automobilindustrie, Internetdienstleistungen, Financial Tech – quer durch die Bank.

Die Berliner Gruppe ist ein Ableger einer US-amerikanischen Organisation, die es aber beispielsweise auch in Brasilien oder in den Niederlanden gibt.
Gemeinsam ist allen TWC-Gruppen ein ausgesprochen politisches Profil. Sie positionieren sich zu Themen wie Militarismus, Sexismus oder Umweltzerstörung. Seid ihr eigentlich eher eine Gruppe von Aktivist:innen oder eine Gewerkschaft – wollt ihr eure Arbeitsbedingungen verbessern oder die Welt retten?

Zu uns kommen die politisch Bewussten und Engagierten, das stimmt. Wir diskutieren auch über Fragen, die nichts mit der eigentlichen Arbeit zu tun haben. Aber die Lohnabhängigkeit ist trotzdem der eigentliche Anstoß, um sich bei uns zu organisieren. Daher ja auch der Name Tech Workers. Das meint, wir sind Arbeiter:innen, auch wenn wir in Büros mit Kicker und Obstschale tätig sind!
Die Firmen wollen, dass ihre Angestellten sich wohl fühlen, aber sie stellen diese Annehmlichkeiten auch zur Verfügung, damit keine höheren Löhne oder Sozialleistungen verlangt werden.
Viele neoliberal sozialisierte Beschäftigte haben eine Ideologie verinnerlicht, derzufolge die Unterscheidung zwischen Unternehmer und Angestellten unwichtig ist, nur Kreativität und Leistungsbereitschaft zählen, wir treiben mit unserer Arbeit den technischen Fortschritt voran und damit werden alle Probleme gelöst. Diese sog. kalifornische Ideologie gibt es in verschiedenen Ausprägungen und Schattierungen, aber viele IT-Beschäftigte sehen sich tatsächlich nicht als Arbeiter:innen, sondern als eine Art Arbeitskraft-Unternehmer. Die eigene Lohnabhängigkeit wird verdrängt solange es geht, vielleicht bis zur Entlassung.
Dieses Denken wird vom Management nach Kräften gefördert. Darüber hinaus gibt es eine Kultur des Heuerns und Feuerns und üble Ausbeutungsverhältnisse, die einfach hingenommen werden. Genau dagegen richtete sich die Gründung der TWC im Jahr 2014. Der Impuls war: »Nein, wir sind Arbeiter, und wir haben Rechte!«

Die Organisation mischt sich durchaus auch in betriebliche Entscheidungen ein. Zum Beispiel protestierten Google-Angestellte gegen die geplante Zusammenarbeit ihrer Firma mit dem US-Militär. Andere beteiligten sich an den Klimastreiks von Fridays for Future.

Auch das ist eigentlich eine Reaktion auf die kalifornische Ideologie. Die Industrie erzählt uns ja die ganze Zeit, dass sie mit ihrer Technik die Welt verbessert. Die Argumentation lautet ungefähr, Technologie macht Politik überflüssig. Die Leute, die sich bei uns organisieren, sehen das kritisch. Sie verstehen, dass wir gesellschaftliche Lösungen für gesellschaftliche Probleme brauchen. Deswegen lautet eine der häufigsten Parolen: »Technik wird uns nicht retten!«

Welche Konflikte schwelen gerade in der IT-Branche?

Die Löhne werden oft individuell und intransparent vereinbart. Entsprechend groß ist der Gender Pay Gap, Frauen werden durchschnittlich deutlich schlechter bezahlt. Ein anderes wichtiges Thema ist der Bereitschaftsdienst. Die Software läuft heutzutage oft rund um die Uhr. Deswegen müssen Kolleg:innen zur Verfügung stehen, wenn sich die Programme verhaken oder etwas nicht mehr funktioniert. Oft gibt es Konflikte darüber, wie die Bereitschaft vergütet wird. Eigentlich unterscheiden sich die Probleme gar nicht so sehr von denen in anderen Branchen.

Welchen Einfluss kann eine Organisation wie die TWC nehmen?

Bei unseren Treffen gibt es viel Fluktuation, nur ein kleiner harter Kern ist immer dabei. Wir sind eine kleine Organisation, aber wir haben einen gewissen Einfluss. Über eine Mailingliste und eine Telegram-Gruppe erreichen wir einige hundert Leute. Wir können als Plattform dienen, um Erfahrungen auszutauschen und zum Beispiel die Gründung von Betriebsräten anzustoßen. Letztes Jahr gab es eine große Entlassungswelle bei IT-Firmen. Entsprechend groß war das Interesse an Information, welche Rechte Gekündigte haben, wie ordentliche Abfindungen durchgesetzt werden, welche Fristen gelten und so weiter. Damals haben wir Flugblätter vor Unternehmen verteilt, die gerade Leute entlassen hatten, und zu einer Informationsveranstaltung online eingeladen. Das hat sehr gut funktioniert!

https://techworkersberlin.com/

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