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PDF Version Artikellink per Mail  | Soz Nr. 03/2024

Die Hisbollah bleibt beim Krieg niedriger Intensität
von Nasser Elamine

Während Israels Angriff auf den Gazastreifen in den fünften Monat geht, bleibt unklar, ob er sich zu einem umfassenden regionalen Konflikt ausweiten wird. Einer der entscheidenden Faktoren ist die Hisbollah, einer der am stärksten bewaffneten nichtstaatlichen Akteure der Welt und wohl der erfahrenste in der städtischen und alpinen Kriegführung.

Bislang hat die Gruppe auf eskalierende Maßnahmen verzichtet und versucht, eine libanesische Beteiligung am Krieg zu verhindern, während sie die israelischen Streitkräfte (IDF) mit begrenzten Angriffen aus dem Norden ablenkt. Statt lebenswichtige israelische Infrastruktur anzugreifen, hat sie Hunderte von Operationen durchgeführt, die auf militärische Außenposten zielten und Israel zwangen, Bürger aus den nördlichen Siedlungen zu evakuieren.
Mehr als 170 Hisbollahkämpfer wurden bisher getötet, doch die Partei, die schätzungsweise über 50000 bis 100000 ausgebildete Kämpfer verfügt, kann solche Verluste verkraften.
Es gibt allerdings Elemente in der politischen und militärischen Führung Israels, die offenbar darauf aus sind, eine größere Konfrontation mit der Hisbollah zu provozieren. Ihre Motive sind klar: Erstens wissen die Mitglieder des israelischen Kabinetts, das IDF-Kommando und der Mossad, dass ihre beste Chance, an der Macht zu bleiben, darin besteht, die Kämpfe zu verlängern – sie riskieren dafür sogar, ihre eigenen Zivilisten zu opfern.
Zweitens ist es möglich, dass Israel sich auf der internationalen Bühne noch stärker isoliert, wenn es weiterhin Massenmorde begeht, ohne eines seiner erklärten Kriegsziele zu erreichen; sollte die Hisbollah hingegen damit beginnen, israelische Städte anzugreifen und Zivilisten ins Visier zu nehmen, könnte die Regierung Netanyahu die Fantasie vom bedrohten demokratischen Staat wiederbeleben und die »Kräfte der Zivilisation« für ihre Sache gewinnen.
Drittens besteht die Befürchtung, dass die Hisbollah eines Tages ihre eigene »Al-Aqsa-Flut« über die Nordgrenze Israels hinweg startet – was hochrangige Politiker, darunter Gantz, Gallant und Ben-Gvir, dazu veranlasst, einen Präventivschlag zu fordern.

Regionale Interessenlagen
Israel hat deshalb wiederholt versucht, seinen Nachbarn zu provozieren, indem es Zivilisten im Südlibanon ins Visier nahm und Angriffe auf andere Teile des Landes startete. Hisbollah- und Hamas-Kommandeure, darunter Wissam Al-Tawil und Saleh Al-Arouri, wurden auf libanesischem Boden ermordet, und Netanyahu hat damit gedroht, »Beirut und den Südlibanon in Gaza zu verwandeln«. Doch die Hisbollah bleibt einem Krieg niedriger Intensität verpflichtet und hat sich bisher geweigert, mit einem Großangriff zu reagieren.
Wie lässt sich diese strategische Entscheidung erklären? Es ist nicht nur die Angst vor weiterer Zerstörung, die eine Eskalation verhindert, sondern auch das Bewusstsein, dass dies weder die Ziele der Hisbollah noch die der Achse des Widerstands voranbringen würde.
Um das Kalkül der Hisbollah zu verstehen, müssen wir die Position des Libanon in der Region betrachten. Seit Obamas Ankündigung der »Hinwendung zu Asien« im Jahr 2009 haben die USA versucht, eine neue Sicherheitsarchitektur für den Nahen Osten zu schaffen, die es ihnen ermöglicht, ihre direkte Beteiligung an Stellvertreterkriegen zu minimieren und sich auf die Eindämmung Chinas zu konzentrieren. Sie bemühten sich also um eine Normalisierung der Beziehungen zwischen Israel und der arabischen Welt, dies gipfelte in den Abraham-Abkommen von 2020.
Gleichzeitig begannen der Iran und Saudi-Arabien, sich um eine Entspannung ihrer Beziehungen zu bemühen, in der Hoffnung, ihre Wirtschaft neu auszurichten, Investitionen ins Land zu holen und Beziehungen zu den Nachbarländern zu knüpfen, indem sie ihre jeweilige Rolle in regionalen Konflikten reduzieren.
Letztes Jahr haben die beiden Staaten in Peking ein bilaterales Abkommen geschlossen, dessen Einzelheiten noch unklar sind, das aber offenbar in Ländern, in denen beide Einfluss haben, z.B. im Jemen und im Libanon, einen Kompromiss vorsieht.
Einige Analysten sind der Ansicht, dass der saudische König Mohammed bin Salman nun bereit ist, mit der Hisbollah zusammenzuarbeiten und deren Status als dominierende politische und militärische Macht im Libanon zu akzeptieren. Es könnte sogar in seinem Interesse sein, eine starke Abschreckungstruppe an Israels Grenze zu haben, insbesondere eine, für die er keine finanzielle oder politische Verantwortung trägt.

Wende im Libanon?
Angesichts der anhaltenden wirtschaftlichen Misere im Libanon könnte dies ein möglicher Rettungsanker für das Land sein. Seine Abwärtsspirale begann 2019, nachdem die Golfstaaten, allen voran Saudi-Arabien, ihre Hilfe eingestellt und sich aus seinem Immobilien- und Finanzsektor zurückgezogen hatten.
Nun glaubt die politische Klasse des Libanon, einschließlich mächtiger Elemente in der Hisbollah, die Abkommen zwischen Saudi-Arabien und dem Iran – die auch nach dem 7.Oktober Bestand hatten – könnten es möglich machen, die Zeit zurückzudrehen und das Rentiermodell wiederzubeleben, das sich nach der Mandatszeit (ab 1943) etabliert und in den 90er Jahren unter Rafiq Al-Hariri gefestigt hatte: ein dominanter Finanzsektor, der den Zentralstaat durch regelmäßige Kredite stützt, und ein Immobilienmarkt, der von den Zuflüssen von Investoren aus den Golfstaaten und libanesischen Auswanderern abhängt. Sie hoffen, dass das libanesische Finanzsystem nun als Vermittler von Investitionen aus dem Golf und dem Iran in den Wiederaufbau Syriens auftreten könnte. Die Hisbollah könnte damit in der gesamten Region als eine legitime Kraft anerkannt werden.
Wenn der Iran darauf setzt, seine Beteiligung an regionalen Konflikten zu verringern und dauerhafte Wirtschaftspartnerschaften mit ehemaligen Rivalen aufzubauen, könnte er von der Hisbollah dasselbe verlangen: dass sie ihre militärischen Aktivitäten im Libanon und in Syrien reduziert und sich stattdessen auf wirtschaftlichen Aufschwung und »gute Regierungsführung«. konzentriert.
Man sollte sich davor hüten, kategorische Aussagen über die Beziehungen zwischen dem Iran und der Hisbollah zu machen, deren Konturen sind unklar und letztere ist kaum als einfacher Stellvertreter zu bezeichnen. Auf den ersten Blick scheint die außenpolitische Ausrichtung Teherans jedoch mit dem Vorgehen der Hisbollah in Gaza in den letzten Monaten übereinzustimmen.

Das Angebot der USA
Dies scheint auch den Interessen Washingtons zu entsprechen, das eine Ausweitung des Krieges auf den Nahen Osten verhindern möchte und Berichten zufolge diplomatische Bemühungen unternimmt, um die Hisbollah zur Fortsetzung ihrer Politik der Zurückhaltung zu bewegen.
Laut Informationen von iranischen Beamten und der Hisbollah nahestehenden Medien hat das Weiße Haus der Hisbollah eine neue »Regelung für die gesamte Region« angeboten, solange sie den Krieg nicht ausweitet. Habib Fayad, ein libanesischer Journalist (und Bruder eines Hisbollah-Abgeordneten), hat argumentiert, die Amerikaner würden akzeptieren, dass die Kontrolle über den Libanon an die Hisbollah übergeht unter der Bedingung, dass die Partei sich verpflichtet, niemals einen Überfall auf Israel im Stil des 7.Oktober zu starten.
Eine solche Einigung kann für die Hisbollah auch ein Dilemma bedeuten. Bislang konnte sich die Gruppe der Verantwortung für die libanesische Wirtschaftskrise entziehen, da sie keine Verbindungen zum Banken- und Immobiliensektor hat. Sie konnte ihren Status als transnationale Militärbewegung nutzen, um sich von den nationalen politischen Parteien des Libanon zu distanzieren, die für ihre Misswirtschaft und Korruption verachtet werden. Sollte die Hisbollah das amerikanische Angebot hingegen annehmen, könnte dies ihre langsame Integration in das Establishment signalisieren, und ihrer rebellischen Energie berauben.
Ob die Hisbollah diesen Weg einschlagen wird, bleibt ungewiss. Sie besteht sowohl aus Politikern, von denen die meisten keinen militärischen Hintergrund haben und einer solchen »Normalisierung« möglicherweise positiv gegenüberstehen, als auch aus einer militanten Fraktion – die in der Führung stärker vertreten ist –, die sich nur ungern in Entscheidungen einbinden lässt.

Asymmetrien
Die derzeitige Situation scheint also von einer starken Asymmetrie geprägt zu sein. Israel, das auf dem Schlachtfeld scheitert und sich international diskreditiert hat, steht unter dem Druck, eine Perspektive für nach dem Krieg festzulegen. Die Hisbollah hingegen hat keinen Zeitdruck. Die Hisbollah hofft, dass sie ihre Glaubwürdigkeit wiederherstellen kann, indem sie ein Gleichgewicht zwischen der bewaffneten Solidarität mit Palästina und der Sorge um die Sicherheit des Libanon findet.
Das soll nicht heißen, dass die Hisbollah den Konflikt lediglich instrumentalisiert; ihr Engagement für die palästinensische Sache ist echt und sollte nicht unterschätzt werden. Der Punkt ist, dass Israel und die Achse des Widerstands nach unterschiedlichen Zeitplänen arbeiten.
Die Hisbollah-Politik könnte sich aber wenden, wenn ein regionaler Krieg für notwendig oder unvermeidlich gehalten wird. Hassan Nasrallah hat wiederholt bekräftigt, dass seine Streitkräfte unter diesen Umständen ohne Einschränkungen und Rücksichten kämpfen würden – was etwa bedeuten könnte, dass sie strategische israelische Ziele wie Ammoniumnitratfabriken, petrochemische und Energieanlagen angreifen, um das erhebliche militärische Ungleichgewicht zwischen den beiden Seiten auszugleichen.
Wenn die Hisbollah derzeit eine Strategie der Nichteskalation verfolgt und ihre Bereitschaft zu Verhandlungen mit Israel unter der Bedingung eines Waffenstillstands bekundet, dann deshalb, weil sie davon überzeugt ist, dass sie ihre Macht im Libanon wie in der gesamten Region konsolidieren kann. Wenn die Hisbollah jedoch zur Überzeugung gelangt, dass ein Krieg unvermeidlich ist, dann hat sie nichts zu verlieren. In diesem Fall muss Israel mit einer schwer bewaffneten und nicht mehr an Zurückhaltung interessierten Präsenz an seiner Nordgrenze rechnen.

Der Autor arbeitet zu Fragen der Politik und Wirtschaft im Nahen Osten. Er veröffentlicht u.a. in der arabischsprachigen Londoner Zeitung Al-Quds Al-Arabi. Der vorstehende Artikel wurde am 6.Februar 2024 auf der Seite von New Left Review veröffentlicht, https://newleftreview.org.

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