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PDF Version Artikellink per Mail  | Soz Nr. 04/2024

Trotz gemeinsamem Gegner kommen sie nicht zusammen
von Francesca Kabel und Serhiy Morgunov*

Die Ukraine und die liberale russische Opposition haben einen gemeinsamen Feind. Beide wollen, dass die Herrschaft von Präsident Wladimir Putin und sein Krieg gegen die Ukraine beendet werden. Doch die ukrainische Reaktion auf den Tod des russischen Oppositionsführers Alexej Nawalny hat deutlich gemacht, wie tief die Kluft zwischen beiden Seiten ist –
und wie schwierig es ist, eine ­dauerhafte Versöhnung zwischen den beiden Nachbarn zu erreichen, selbst wenn Putin nicht mehr da wäre.

Während Zehntausende Russen im Land und auf der ganzen Welt dem verstorbenen Politiker die letzte Ehre erwiesen und seinen Verlust betrauerten, war die Reaktion in der Ukraine verhalten. Viele Ukrainer sehen in Nawalny nicht den demokratischen Bannerträger, für den er im Westen gehalten wird. Viele sind der Meinung, dass die russische Opposition die Tötung von Ukrainern und die Besetzung ihres Landes nicht weit genug verurteilt hat und den Krieg aus russischer Sicht ablehnt, sich dabei hauptsächlich auf die Verluste russischer Soldaten und die Auswirkungen des Konflikts auf die russische Bevölkerung konzentriert.
Nawalny hatte in der Vergangenheit die Idee vertreten, Russen, Ukrainer und Weißrussen seien ein Volk und die Krim historisch ein Teil Russlands. Nawalny hatte diese Erklärung jedoch zurückgenommen, zuletzt mit der Veröffentlichung eines 15-Punkte-Plans im vergangenen Jahr, der die Diktatur Putins auflösen und die Ukraine in ihre Grenzen von vor 1991 zurückversetzen sollte, einschließlich der Krim. Der Ukraine sollten Entschädigungen gezahlt und russische Kriegsverbrechen untersucht werden.
Einige haben den Tod des »imperialistischen Chauvinisten« sogar bejubelt: »Nawalnys Leben hat dem ukrainischen Sieg keinen Nutzen gebracht, stattdessen hat er erheblichen Schaden angerichtet. Er hat im Westen die Illusion genährt, dass Demokratie in Russland möglich ist«, schrieb Waleryj Pekao, Dozent an der Kyiv-Mohyla Business School, auf ­Facebook.

Die Last der Geschichte
Viele in der Ukraine betrachten diesen Krieg als das jüngste Kapitel in der jahrhundertelangen Unterdrückung durch die russischen Machthaber und sehen daher liberale Russen nur als Teil der russischen Gesellschaft – und ihres imperialen Projekts.
Die Ukrainer sind auch enttäuscht von dem, was sie als Versagen der russischen Gesellschaft bei der Absetzung Putins empfinden. Immerhin ist es ein Jahrzehnt her, dass sie ihren eigenen prorussischen Präsidenten, Viktor Janukowitsch, stürzten. War­um können die Russen nicht einfach das Gleiche tun, fragen sich viele Ukrainer. Die russischen Liberalen aber sagen, dass sie keine Mittel mehr haben, mit denen sie kämpfen können. Ihre Oppositionsführer sind tot oder sitzen im Gefängnis. Die winzige Minderheit derer, die sich öffentlich gegen den Krieg aussprachen, wurde rasch verhaftet und zu langen Haftstrafen verurteilt.
Die in Moskau lebende russische Menschenrechtsverteidigerin Alexandra Popowa, deren Ehemann Artjom Kamardin im vergangenen Jahre wegen öffentlicher Lesungen von Antikriegsgedichten zu sieben Jahren Haft verurteilt wurde, sagte, die Opposition in Russland sei eingeschüchtert und voneinander isoliert. »Was der russischen Opposition wirklich fehlt, ist die Sympathie der Ukraine. Ich habe eine Menge aggressiver Rhetorik bemerkt, wie zum Beispiel: ›Ihr Russen seid schuld an dem, was hier passiert.‹ Aber … auch in Russland leiden die Menschen.«
Eine erfolgreiche russische Opposition müsste wahrscheinlich innenpolitischen Fragen Vorrang vor der Notlage der Ukrainer einräumen. Doch ohne die Anerkennung der Tatsache, dass der russische Imperialismus eine treibende Kraft hinter dem Krieg ist, ist eine Vereinigung gegen Putin nach Ansicht der Ukrainer ein weit entfernter Traum.
»Ein solches Gespräch findet in russischen Anti-Putin-Kreisen jedoch so gut wie nicht statt«, schreib die ukrainisch-afghanische Schriftstellerin Mariam Naiem. »Vor diesem Hintergrund ist es wichtig anzuerkennen, dass ein Dialog zwischen Täter und Opfer unerreichbar ist, solange die Gewalt andauert.«

*Gekürzt aus Washington Post vom 8.März 2024.

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