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PDF Version Artikellink per Mail  | Soz Nr. 04/2024

Ein scharfer Blick auf die deutschen Verhältnisse
von Peter Nowak

Gerald Grüneklee: Nur Lumpen ­werden überleben. Die Ukraine, der Krieg und die antimilitaristische ­Perspektive. Wien: Mandelbaum, 2024. 166 S., 15 Euro

Deutschland soll wieder kriegsfähig werden, fordern Politiker:innen von Union, Grünen, FDP und SPD. Sie überbieten sich gegenseitig in den Maßnahmen, die sie vorschlagen, um Russland zu ruinieren, wie Bundesaußenministerin Annalena Baerbock ganz offen verkündet.

Dass kürzlich Dokumente auftauchten, die nachweisen, dass ihr Großvater Waldemar Baerbock überzeugter Nationalsozialist war, schadete ihr nicht, obwohl sie in der Vergangenheit mehrmals betonte, sie stehe auf den Schultern ihrer Großeltern.
In Deutschland fragen sich die meisten Medien nach Bekanntwerden der Akte von Baerbocks Opa nur, ob das der Propaganda von Putin nutzt – so schnell haben sich hier Militarismus und Revanchismus wieder breit gemacht. Der russische Angriff auf die Ukraine hat diese Entwicklung beschleunigt, aber nicht ausgelöst. Darauf weist der anarchistische Publizist Gerald Grüneklee in einer gut lesbaren Streitschrift hin, die kürzlich im Mandelbaum-Verlag erschienen ist.
»Derzeit ist in Mitteleuropa eine nationalistische und militärische Formierung zu erleben, wie es sie seit 1945 nicht mehr gab«, beschreibt Grüneklee die politische Großwetterlage. In einem eigenen Kapitel legt er dar, wie gerade die Grünen zur Speerspitze der Kriegspartei geworden sind. Wer die Stellungnahmen von Altgrünen wie Daniel Cohn-Bendit und Claus Leggewie in der Taz gelesen hat, wird diesen Befund nur bestätigen können.

Was meint ›Lumpen‹?
Der Titel des Buches Nur Lumpen werden überleben bezieht sich auf das Gerede vom Lumpenpazifismus, mit dem Linksliberale wie Sascha Lobo Menschen und Gruppen, die nicht kriegsbereit waren und sind, diffamierten. Grüneklee zeichnet in seinen Buch die lange reaktionäre Tradition nach, mit der mißliebige Menschen als Lumpen ausgrenzt wurden. »Lumpen, das waren Menschen, die pauschal von der Obrigkeit verdächtigt werden, kriminell zu sein und sich gemeinschaftsschädlich zu verhalten … Lumpen, das waren Menschen, die ein öffentliches Ärgernis darstellten, weil man ihnen ihre Armut ansah…«
Doch Grüneklee versteht den Begriff als Auszeichnung. »Die Begriffsherkunft des ›Lumpen‹ verweist aber auch auf Menschen, die ihren eigenen Kodex hatten, ihre Überlebensstrategien – und die über beachtliche Widerstandskräfte verfügten, die sie jahrhundertelang recht resilient gegenüber staatlichen Zugriffen und Zwangsdiensten machten.« Grüneklee macht auch klar, was das heute bedeutet: »In diesem erweiterten Sinne verstehe ich den Lumpen-Begriff, beinhaltend die von der Gesellschaft Ver- und Ausgestoßenen, die An-den-Rand-Gedrängten, die Überflüssigen und jene, die sich aus unterschiedlichen Gründen dem Zugriff von Staat und Herrschaft so gut wie möglich zu entziehen versuchten.«
Lumpen sind nach diesem Begriff alle die Menschen, mit denen kein Staat Krieg führen kann. Dazu gehören auch die vielen ukrainischen und russischen Männer, die sich durch Flucht dem Kriegsdienst entziehen. Sie zu unterstützen, wäre eine wichtige Aufgabe einer antimilitaristischen Bewegung auch in Deutschland, findet Grüneklee. Er macht darauf aufmerksam, dass zu den Stimmen der Ukrainer:innen in den meisten Medien in Deutschland nie die vielen Menschen gezählt werden, die sich diesem Kriegsdienst entzogen haben; auch in vielen linken Medien kommen sie nur als Opfer vor und nicht als Menschen, die sich konkret gegen ihre Teilnahme an einen Krieg entschieden haben.
Es zeugt auch vom schlechten Zustand der gesellschaftlichen Linken in Deutschland, dass Grüneklees Einspruch gegen jeden Militarismus nicht mehr Aufmerksamkeit bekommt.

Keine Einseitigkeit
Es ist zu hoffen, dass es auch in Deutschland 2024 noch einige kritische Menschen gibt. Sie könnten durch Grüneklees Streitschrift weitere gute Argumente bekommen. In kurzen Kapiteln wirft er Schlaglichter auf den aktuellen deutschen Nationalismus, der mit Begriffen wie Wehrhaftigkeit und Kriegstüchtigkeit nur so um sich wirft. Er benennt die Profiteure des Krieges, wie den Rheinmetall-Konzern, dessen Aktien seit zwei Jahren im Dauerhoch stehen.
Grüneklee wirft auch ein Schlaglicht auf die Ukraine als Labor des Neoliberalismus und geht auf die rechte Traditionspflege in dem Land ein. Aber er erwähnt auch die libertären ukrainischen Traditionen. Schließlich kennt sich Grüneklee mit der Machnobewegung gut aus.
Es ist gut, dass Grüneklee in einem eigenen Kapitel auch auf die Rechte in Russland eingeht. Es ist paradox, dass sich ein Libertärer wie Grüneklee vorwerfen lassen muss, das autoritäre Putin-Regime in irgendeiner Weise zu verteidigen. In einem eigenen Kapitel erwidert Grüneklee auf den Vorwurf, ein Putin-Versteher zu sein: »Es gibt eine vorherrschende Meinung, damit eine Deutungshoheit. Wer sich dieser Deutungshoheit nicht beugen will, sieht sich allen möglichen und unmöglichen Vorwürfen ausgesetzt, die das Ziel haben, einen auf jeden Fall zu diskreditieren und auszugrenzen.«
Es ist erfreulich, dass sich Grüneklee davon nicht beeindrucken lässt. Schließlich ist die Diskreditierung von Menschen, die gegen jeden Krieg sind, ein Kennzeichen jedes Militarismus und Nationalismus.

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