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PDF Version Artikellink per Mail  | Soz Nr. 04/2024

An den Rand notiert
von Rolf Euler

Der 29.Februar wird als Schreckenstag in die Lebensgeschichte von rund 40 Menschen eingehen, die seit längerem zur Pflege in einer »Residenz« in einer Stadt im Ruhrgebiet lebten. Sie wurden wegen Insolvenz des Betreibers aus dem Haus geholt und auf andere Heime in der näheren oder weiteren Umgebung verteilt.

Die Vorgeschichte ist leider kein Einzelfall, menschenverachtend das Gebaren von Finanzkonzernen, die Geld in Pflegeheimen anlegen, um Rendite zu machen.
Die auch »Residenz« genannte Einrichtung wurde vor vielen Jahren als Kombination aus Seniorenwohnungen, Pflegestationen und Hotel gebaut, am Rande der Stadt, fast schon »im Grünen« und nahe bei den »besseren« Wohngebieten. Die Spekulation war deutlich: Hier können Gutverdienende ihren Lebensabend für die Investoren profitabel verbringen.
Die ursprünglichen Eigentümer hatten die Residenz vor längerer Zeit verkauft. Der Pflegebereich geriet nach einer Insolvenz vor zwei Jahren in den Fokus der Behörden, eine Station musste geschlossen werden, weil das Personal nicht reichte, nötige Reparaturen unterblieben und Beschwerden von Angehörigen laut wurden.
2023 wurde das Haus von einer Firma namens Levantus übernommen, da die Vorgängerfirma Convivo pleite gegangen war. Nach noch nicht mal einem Jahr meldete auch Levantus Konkurs an – zehn Häuser hängen an dieser Gruppe, einige fanden Nachfolger, in zwei Häusern wurden die Beschäftigten zum 29.Februar freigestellt und damit der Pflege in diesem Häusern sowie dem Hotel die Grundlage entzogen.
Levantus wirbt auf der Home­page: »Levantus, abgeleitet aus dem Italienischen ›levante‹, was soviel wie … ›Aufgang der Sonne‹ bedeutet, ist der Grundgedanke unseres Levantus-Konzepts. Unsere Gäste mögen dem Lebensalter nach zu den Senioren zählen, doch sie sind jung im Herzen und starten noch einmal durch, getreu der Devise: ›Es ist nie zu spät für etwas Neues!‹« Für dieses »Neue« mussten die Be­wohner:innen vom Kreis mit Krankenwagen notfallmäßig nach Tagen von Hoffen und Bangen am 29.2. aus dem Heim geholt werden.
Es heißt, dass bei einer AG-Insolvenz der aufsichtsführenden, kommunalen Ebene »die Hände gebunden« sind. Wie wäre es mit »Nothilfe« durch einen sozialen Träger, damit die zum Teil dementen Menschen wenigstens in ihrer gewohnten Umgebung bleiben können?
Die Finanzinvestoren, die schon mal als »Heuschrecken« traurige Berühmtheit erlangten, fallen immer wieder über neue Märkte her, in diesem Fall den Pflegebereich, um aus den Alten Profit zu ziehen, und wenn es nicht mehr reicht, wird verkauft, Pflegekosten gedrückt, die Beschäftigten zusätzlich belastet, weil Personal gespart wird, Insolvenz angemeldet und die Pflegebedürftigen wie Waren auf dem Restemarkt verteilt.
Wie heißt es im Grundgesetz-Artikel 14: »Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.« Dem Wohl der Allgemeinheit ist anscheinend am besten gedient, wenn ein insolventer Betreiber eines Pflegeheims »vom Markt genommen« wird. Die Bewohner stören dann nur…

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