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PDF Version Artikellink per Mail  | Soz Nr. 04/2024

Der Euphrat wird vergiftet
von Serdar Kazak

Journalist:innen, die den Unfallort besichtigt haben, haben von einem starken Mandelgeruch berichtet. Nach einer Weile war er nicht mehr auszuhalten. Es gab ein starkes Brennen im Hals. Die Zyanidkonzentration in der Luft war eindeutig zu hoch.

So wurde der »Minenunfall« oder »Erdrutsch« vom vergangenen 13.Februar in Ilic, im Osten der Türkei, beschrieben. Doch es war weder ein Unfall noch ein Erdrutsch. Es war das normale Ergebnis einer jahrelangen wilden Ausbeutung einer Mine. Hier war schon einmal in Juni 2022 ein Leck an der Zyanidleitung aufgetaucht. Damals hat die Arbeiterpartei der Türkei (TIP) Strafanzeige gegen die kanadische Firma wegen Missachtung der Umweltvorschriften gestellt.
Der damalige »Umweltminister«, jetzt Kandidat der regierenden AKP für das Bürgermeisteramt in Istanbul, erklärte nach einer »Untersuchung«, es gebe keinen Handlungsbedarf. Die Firma hatte eine lächerliche Geldstrafe von etwa 600000 US-Dollar zu zahlen. Als das Thema aus den Medien verschwunden war, bekam die gleiche Firma Anagold eine Steuerbefreiung über 7 Millionen Dollar.

Seit 2010 baut Anagold an unzähligen Orten in Anatolien Gold ab, mindestens zwanzig davon sind tickende Zeitbomben.
Anagold gehört zu dem kanadischen Mutterkonzern Alamos, der an der Börse von New York und Toronto Aktien unter dem Namen »SSR-Mining« verkauft, ein Unternehmen wiederum, das Bergbaukonzessionen in Mexiko besitzt. Je tiefer man recherchiert, desto mehr verliert man sich in einem Labyrinth von Firmen und Beteiligungen. Eins aber ist klar: Der Vorstand des türkischen Zweigs von Anagold ist zufällig mit der Tochter von Erdo?an verheiratet. Es wäre interessant zu wissen, mit wem der Chef der mexikanischen Partner verheiratet ist.
Der CEO des kanadischen Mutterkonzerns John McCluskey hat im Jahr 2018 in einem Interview von Bloomberg-TV über die »wunderbaren Geschäftsbedingungen und hochqualifizierten Minenarbeiter in der Türkei« gesprochen.

Minen der Türkei
Was Bodenschätze anbelangt, ist die Türkei ein armes Land. Es gibt zu wenige und ihre Ausbeute ist zu gering, was die Sache für die Umwelt noch dramatischer macht.
Wenn Gold im Gestein in hoher Dichte vorkommt oder sogar mit bloßem Auge zu sehen ist, kann es ohne den Einsatz von Zyanid abgebaut werden. Wenn es nur in kleinen Mengen zu finden ist, muss es unbedingt mit einer Mischung aus Zyanid und Wasser gewaschen werden. Seit 2010 wird in Ilic Gold mit Zyanid gewaschen.
Aus einer Tonne Gestein gewinnt man etwa 2 Gramm Gold. Dann bleibt ein Brei aus Wasser, Erde und Zyanid übrig. Dieser hoch kontaminierte Brei wird irgendwo in der Nähe offen hingekippt. Nach 13 Jahren hat man einen Berg kontaminierter Erde.
Ein solcher Berg wurde in Ilic aufgebaut – 10 Millionen Kubikmeter bzw. 30 Millionen Tonnen Erde setzten sich am 13.Februar in Bewegung. Laut Regierungsangaben starben dabei neun Arbeiter, und die giftige Erde rutschte in einen naheliegenden Bach. Dieser Bach aber mündet in den Euphrat, der die Türkei, Kurdistan, Syrien und den Irak bewässert. Am Ende erreicht er den Persischen Golf.
Einen ähnlichen »Unfall« gab es im Jahr 2000 in Baia Mare in Rumänien. Das war nach Tschernobyl die größte Naturkatastrophe in einem osteuropäischen Land, und mit ihr hat Rumänien immer noch zu kämpfen. Deshalb werden im voraus juristisch sichere Verträge mit Regierungen und Stadtverwaltungen abgeschlossen, damit weder der Konzern noch der türkische Partner in einem Katastrophenfall zur Rechenschaft gezogen werden können. Solche Verträge sind in einem autokratischen Land wie der Türkei ziemlich leicht hinzubekommen.

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