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PDF Version Artikellink per Mail  | Soz Nr. 04/2024

Lenin und die III.Internationale
von Elfie Müller

Die erste antikolonialistische Weltpartei, die Kommunistische Internationale, war die praktische Konsequenz von Lenins Imperialismusanalyse.

Lenins Biographie ist eng mit der ersten erfolgreichen Arbeiter:innenrevolution verbunden, die 1917 eine Wende in die koloniale Welt brachte. Mit der Geburt der UdSSR haben die Rebell:innen aller Kontinente eine Heimat gefunden. Für viele unter ihnen handelte es sich um ein prekäres Refugium, für andere um ein dauerhaftes Domizil. Für alle war es eine existentielle Erfahrung. Im russischen Reich wurde eine Generation verfolgter und exilierter Intellektueller zur Elite eines neuen Staates, den es inmitten eines Krieges zu gestalten gab. Nur wenige Monate bevor er an der Spitze der ersten Räteregierung stand, lebte Lenin noch ein prekäres Exil in Zürich.
Lenin war von vier Ereignissen geprägt: der Pariser Kommune (1871), den russischen Revolutionen von 1905 und Februar 1917 und dem imperialistischen Weltkrieg 1914. Die 72 Tage der Pariser Kommune haben die Selbstverwaltung der Besitzlosen Realität werden lassen. Sie wurden von der Reaktion gnadenlos massakriert. Deshalb tanzte Lenin am 73.Tag der Sowjetregierung vor Freude im Schnee, weil sie einen Tag länger existiert hatte, als es die Pariser Kommune vermochte. Sein Tanz hat symbolische Bedeutung, weil Lenin nicht davon ausging, dass die Sowjetregierung so lange Bestand haben würde.
Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs prägte Lenins Haltung in der Russischen Revolution. Die Mobilisierungen der Arbeiterbewegung und ein außerordentlicher Kongress der II.Internationale bekräftigten die Solidarität der ­Arbeiter:innen angesichts eines möglichen Krieges.
Bei Kriegsausbruch rief dann jedoch zuerst die deutsche Sozialdemokratie zur Vaterlandsverteidigung gegen die »russischen Barbaren auf« und zog eine Kettenreaktion nach sich. ­Lenin wurde von der Kapitulation überrascht, er hielt sie zunächst für eine Fälschung des russischen Geheimdienstes. Kein anderer Revolutionär hat die Wahrheit dieser Katastrophe unmissverständlicher formuliert, keiner der Verzweiflung des historischen Moments klarer Ausdruck verliehen. Der Schock vom August 1914 veränderte Lenins strategisches Denken und führte zum Bruch mit der Orthodoxie der II.Internationale.

Epochenbegriff
1916 ist das Schlüsseljahr für Lenins Imperialismusanalyse. Nicht nur weil Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus 1917 in Petrograd erscheint, sondern auch weil es das Jahr der Zimmerwalder Linken ist und Lenin die Idee einer III.Internationale entwickelt. Der Text richtete sich vor allem gegen die deutsche Sozialdemokratie und deren Auffassung, der Imperialismus könne ohne Krieg überwunden werden.
Das Besondere an Lenins Herangehensweise an den Ersten Weltkrieg war seine Epochendefinition: Lenins Nein zum Krieg beinhaltete ein Ja zur sozialistischen Revolution, die aus den Widersprüchen des Imperialismus in gleich mehreren Ländern ausbrechen könne. Und anders als alle anderen Linken ihrer Zeit waren die Bolschewiki mental darauf vorbereitet, die Waffen gegen die eigenen Regierung zu wenden. Es gab für Lenin nur die Alternative: Imperialismus oder Sozialismus. »Außerhalb des Sozialismus gibt es für die Menschheit keine Rettung vor Kriegen, vor Hungersnot, vor dem Untergang weiterer Millionen und aber Millionen von Menschen.«
1917 schrieb Lenin Staat und Revolution. Diese Leninsche Utopie erhob sich aus der Asche der Katastrophe.

Der erste globale Versuch
Vom 24. bis 30.April 1916 fand die Internationale Sozialistische Konferenz in Kienthal statt, auf der das heute wieder aktuelle Zimmerwalder Manifest gegen den Krieg beschlossen wurde. Im nachhinein kann es als Gründungsdokument der III.Internationale gelesen werden.
Die 1919 gegründete internationale Organisation repräsentierte den ersten Versuch einer zugleich globalen, antikolonialistischen, antirassistischen und antiimperialistischen Politik. Nach dem Ersten Weltkrieg bot sie den verschiedenen nationalen Befreiungsbewegungen in den Kolonien eine Ideologie und Ressourcen an.
Nach der Revolution veröffentlichten die Bolschewiki die europäischen Geheimabkommen zur Aufteilung der noch nicht kolonisierten Regionen des Globus. Und im Gründungsmanifest der Komintern 1919 riefen Lenin und Trotzki »die Kolonialsklaven Afrikas und Asiens« zur Befreiung auf.
Mit seiner internationalistischen Weltsicht lieferte der Kommunismus Arbeiter:innen, Frauen, Schwarzen und Jugendlichen Identitäts-, Deutungs- und Handlungsangebote. Er vermittelte ein Zugehörigkeitsgefühl, in dem ethnische, nationale und soziale Herkunft und auch Geschlecht keine Rolle spielten. Internationalismus ermöglichte die Überwindung des Kapitalismus, der Klassengesellschaft, des Kolonialismus, der weiblichen Unterdrückung, des Rassismus und Antisemitismus.
Die Geschichte der Komintern ist aber auch eine Geschichte von Konflikten, Differenzen, Dissidenzen und Abspaltungen. Doch 1920 vereinte die Komintern noch marxistische Intellektuelle, revolutionäre Syndikalist:innen, Suffragetten, Sozialdemokrat:innen, Anarchist:innen und Abenteurer. Sie hatte noch offene Ränder.

Die Gründerjahre
Die ersten Jahre der Kommunistischen Internationale waren die Lichtjahre der russischen Revolution, Jahre der strategischen Suche nach einer revolutionären Politik. Es ging um die universelle Tragweite der Oktoberrevolution. Denn aus der alten Sozialdemokratie entwickelte sich nicht von selbst eine neue Arbeiterbewegung.
Der Gründungskongress der III.Internationale (KI) ging von der Aktualität der Revolution aus und wusste sich in einer Epoche der Krisen, Kriege und Revolutionen. Die bürgerliche Demokratie hatte versagt. Für Lenin war die Gründung eine strategische Notwendigkeit, weil er die Praxis der Sozialdemokratie mit dem Kommunismus als unvereinbar ansah.
Der I.Kongress stellt die Räte ins Zentrum der revolutionären Politik, die aber nicht überall entstanden und sich nicht immer so radikal entwickelten wie in Russland. Als Gegenmittel gegen den Reformismus und die Bürokratie festgeschrieben, wurden sie durch die Autorität der KI bestärkt und zu formalistisch interpretiert.
Auf den ersten beiden Kongressen wurde der Kampf um die Macht als unmittelbare Aufgabe festgeschrieben. Der II.Kongress im Juli 1920 tagte inmitten einer revolutionären Offensive. Die internationale Arbeiterbewegung wandte sich an Moskau, die KI wurde hip. Die 21 Aufnahmebedingungen – redigiert von Lenin –, sollten verhindern, dass diejenigen sich bewerben, die die Arbeiterbewegung an ihre Nation verraten hatten; sie verpflichteten die Mitglieder zur Aufrechterhaltung eines illegalen Apparats und einer effektiven antimilitaristischen Arbeit, die Diktatur des Proletariats der parlamentarischen Kollaboration entgegenstellend.
Die ersten beiden Kongresse waren stark linksradikal geprägt und weniger von einer Einheitsfrontidee getragen. Monate vor dem II.Kongress hatte Lenin Thesen zur nationalen und kolonialen Frage entworfen, worin er einen wenig präzisen Begriff von unterdrückten Völkern definierte. Die Komintern sollte die von der II.Internationale vernachlässigten Aufgaben erfüllen: nämlich alle revolutionären Befreiungsbewegungen abhängiger Nationen und der Kolonien unterstützen. Dadurch wurden politische Gemeinsamkeiten zwischen den Kolonialländern und den rassistisch Unterdrückten in den imperialistischen Ländern geschaffen. Diese unklare Definition führte später zu internationalistischen Versuchen wie der Westindischen Föderation in der Karibik, zur Idee der Sozialistischen Staaten Afrikas, aber auch zu nationalistischen Befreiungsbewegungen ohne emanzipatorische Dimension.

Die Wende
Der III.Kongress begründete, wenn auch etwas konfus, die neue Linie der Einheitsfront. Der Rückzug war eingeleitet: der Kronstädter Aufstand wurde niedergeschlagen, die Neue Ökonomische Politik (NÖP) eingeführt, in Europa entscheidende Schlachten verloren. Der III.Kongress änderte die Linie: Nun ging es darum, die Mehrheit der Arbeiter:innen für den Kommunismus zu gewinnen. So wurde die internationale Sozialdemokratie erneut zum Ansprechpartner erkoren und die KI stimmte auf dem III.Kongress für die Thesen über die Taktik, die der Sozialdemokratie und den Gewerkschaften eine Plattform für gemeinsame Aktionen vorschlugen. Der Verrat der II.Internationale war nicht vergeben, aber angesichts der internationalen Lage erachteten die Initiatoren der neuen Linie – Lenin und Trotzki – eine Einheitsfront als notwendig. Das Argument war die neue Konjunktur, die eine neue Taktik erfordere.
Dieser Kongress schaffte die Grundlagen einer heute noch sinnvollen revolutionären Strategie für das kapitalistische Europa. Der Krieg war vorbei, die deutschen Bauern nicht so kämpferisch wie die russischen, die deutsche Bourgeoisie viel besser organisiert, und dann gab es noch die Arbeiteraristokratie. Die Wende auf dem III.Kongress der KI war eine radikale Neuorientierung und zielte auf eine politische Stärkung der kommunistischen Weltbewegung, die mehr war als eine neue Taktik, es ging um das Überleben der Internationale.
Der italienische Kommunist Antonio Gramsci hatte später in seinen Gefängnisheften eine ähnliche Strategie entwickelt. Doch blieb die Strategie eine Baustelle. Nach dem IV.Kongress steckte sie fest. Nachdem sich die Revolution auf Russland begrenzt hatte und die Internationale den staatlichen Interessen der Sowjetunion untergeordnet wurde, kehrte eine große theoretische Stille ein. Die Weltrevolution hatte sich zurückgezogen. Ihre Idee wurde später von Trotzki im Kampf gegen den Stalinismus wieder aufgenommen. Die theoretische Aktivität wurde nur von einer für Jahrzehnte besiegten Minderheit fortgeführt. Die Abzweigungen und Möglichkeiten des häretischen Kommunismus gerieten bis 1968 fast ins Vergessen.

Elfie Müller organisiert den Jour fix in Berlin.

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