Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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PDF Version Artikellink per Mail  | Soz Nr. 06/2024

Am Puls der amerikanischen Arbeiter:innenbewegung
von Yanira Wolf und Berit Ehmke

Vom 19. bis 21.April fand die Labor-Notes-Konferenz in Chicago statt. Mit ihrem basisorientierten und klassenkämpferischen Gewerkschaftsansatz begeistert sie von Mal zu Mal mehr – diesmal kamen 4500 Teilnehmende zusammen.

Yanira Wolf und Berit Ehmke konnten dieses Jahr teilnehmen und berichten von ihren Eindrücken.

Um zu erklären, weshalb selbst Gewerkschafter:innen die AfD wählen, hört man oft: »Die Gewerkschaft ist leider auch ein Abbild der Gesellschaft.« Ehrlicher wäre wohl zu sagen, dass Gewerkschafter:innen nur einen besonderen Teilausschnitt der Gesellschaft organisieren. Dass das auch anders geht, führte die Labor-Notes-Konferenz in den USA deutlich vor Augen: Hier kamen im April Kolleg:innen aus einer großen Bandbreite von Branchen – Filmindustrie, Automobil, Post, Amazon, Starbucks, Schule, öffentlicher Dienst usw. – zusammen, um sich in über 300 Workshops an vier Tagen zu bilden, Pläne zu schmieden und Kraft zu schöpfen.
Die Labor-Notes-Konferenz findet seit 1979 alle zwei Jahre statt und war in diesem Jahr mit 4500 Teilnehmenden eine der größten bisher. Es wären wohl weit mehr Menschen gekommen, wenn die Anmeldung nicht geschlossen worden wäre. In Amerika haben Arbeitskämpfe seit Jahren Aufwind. Dass die Erfolge aber Ergebnis harter und vor allem kontinuierlicher Arbeit sind, wird in den Vorträgen und Workshops immer wieder betont.

Über den Alltag reden
Leute aus Betrieben bilden nicht nur unter den Teilnehmenden die überwiegende Mehrheit, auch auf den Podien sitzt nicht die »zuständigen« Hauptamtlichen, sondern sie selbst. Hierdurch hört man lebendige Zeugnisse aus betrieblichen Konflikten: Was sie motiviert hat loszulegen, was sie gewonnen und verloren haben. Was es sie gekostet hat und wie es nun weitergehen wird. Hauptamtliche, Organizer:innen oder solidarische Wissenschafter:innen melden sich ergänzend zu Wort. Wenn sie auf einem Podium sitzen, dann erzählen sie die Organisierungsgeschichte vom Betrieb aus.
Das führt dazu, dass über die Formen der tagtäglichen Ausbeutung und die persönlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen nicht abstrakt referiert wird. Vielleicht vermisst der eine oder die andere die komplexe politische Analyse und theoretische Überlegungen. Vielleicht erscheint einem die Losung: »Es gibt einen Boss und den interessiert nicht, wie es mir geht. Er oder sie will, dass ich besser, schneller arbeite. Dagegen werden wir jetzt etwas tun«, zu platt. Vielleicht liegt das aber gerade daran, dass einem Erkenntnisse dringend erscheinen. Dringender als die unmittelbare Verbesserung eines tagtäglichem Arbeitsleben voll von Entwürdigung und körperlichem wie psychischem Schmerz.

Gemeinsam geht es besser
Labor Notes lässt sich wohl am besten als Ort des kollektiven Lernens beschreiben: Es geht nicht darum, dass die schlaueste Person den strukturiertesten Vortrag hält. Vielmehr gilt hier die Haltung: »Wir haben alle etwas zu berichten, von dem andere Menschen lernen können.« Das bedeutet, dass für diese Konferenz Leute zum erstenmal einen Vortrag vorbereiten, ihn vor unzähligen Menschen halten und die verdiente Anerkennung für ihre Kämpfe bekommen. Als Mensch im Publikum berührt einen das Persönliche und inspiriert zum Mitmachen. Kampfesmut steckt an, wenn man sich selbst in der Person der Kämpfenden sehen kann.
Auffällig ist, dass es bei den betrieblichen Konflikten meist auch um die Gesellschaft geht: Wem dient diese Arbeit und werden wir den Leuten unter den aktuellen Bedingungen gerecht, für die wir gute Arbeit leisten wollen? »Bargaining for the Common Good«, heißt es in Amerika, wenn mithilfe von Bündnissen zwischen Gewerkschaften, Communities und sozialen Bewegungen versucht wird, mehr rauszuholen als die bessere Bezahlung.
Das ist nicht nur gesellschaftspolitisch eine gute Richtung. Wenn man sich die gewerkschaftlichen Macht­ressourcen anschaut, macht das auch für den eigenen Machtausbau absolut Sinn: In vielen Berufen schadet ein Streik weniger dem Arbeitgeber als den Eltern, Kindern, Kunden. Um trotzdem stark auftreten zu können, muss man also deutlich machen, dass der Streik ein gutes Ziel für alle hat. Dadurch wird deutlich, dass der Arbeitgeber/die Politik mit einer Verweigerungshaltung nicht nur gegen die Beschäftigten ist, sondern auch gegen die Nutznießer der Arbeit.
Ein Herzstück der Konferenz sind die vielen Workshops in denen Organizing-Methoden gelernt werden können. »Secrets of a Successful Organizer« heißt auch das empfehlenswerte Lernbuch von Labor Notes. Hier geht es darum, wie man mit der scheinbaren Gleichgültigkeit vieler Kolleg:innen umgehen kann. Wie man sich auf ein Gespräch gut vorbereitet und durchführt. Wie man sich einen Überblick über den Betrieb erarbeitet und wie ein Kampagnenplan aussehen kann. Es gibt viel zu lernen und zu üben…
Da nicht jede Interessierte über den Ozean fliegen kann und will: Auch hier gibt es Möglichkeiten, sich gemeinsam zu bilden und Kraft zu tanken. Das Labor-Notes-Organizing-Buch gibt es auf Deutsch im Schmetterlings-Verlag, die meisten Gewerkschaften bieten Organizing-Workshops an und im Mai 2025 findet erneut die »Konferenz gewerkschaftlicher Erneuerung« (»Streikkonferenz«) der Rosa-Luxemburg-Stiftung statt.

Kommunikation lernen
»Alles was ich wollte war, eine Gewerkschaft bei Starbucks durchzusetzen. Und in dieser Auseinandersetzung geht es nicht nur um Starbucks – es geht um alle, die im Niedriglohnbereich arbeiten. Wenn wir das Selbstvertrauen haben, für uns selbst einzustehen und zu kämpfen, dann können wir noch so viel mehr erreichen.« (Zitat eines Mitglieds der Starbucks Union.)
Dieses »Es ist möglich, wir müssen miteinander sprechen und voneinander lernen« beschreibt in Kürze die Stimmung auf der Labor-Notes-Konferenz. Vier Tage vollstes Empowerment. In allen Panels und Workshops war ein ungeheurer Mut und die Hoffnung auf Veränderung zu spüren.
Die Workshops waren geprägt von Offenheit, einander zuhören und einer großen Neugier allen Teilnehmenden und ihren Erfahrungen gegenüber. Die Atmosphäre in den Workshops und Panels lässt sich am besten als powerful beschreiben. Beeindruckend war, wie es gelang, alle Teilnehmenden aktiv in den Workshops zu beteiligen und in die Gestaltung einzubeziehen. Ein Grund dafür war, dass die Räume kommunikativ so gestaltet waren, dass Teilnehmende keine Sorge haben mussten, etwas »Falsches« zu sagen.
Miteinander sprechen und aus der eigenen Komfortzone heraustreten, war ein roter Faden auf der Labor-Notes-Konferenz. Nicht nur in den Workshops, sondern in der Regel bei jedem Panel gab es die »Aufgabe«, mit den Nachbar:innen eine kommunikative Verbindung herzustellen. Selbst auf einer der großen Podiumsdiskussionen, an der mehrere hundert Personen teilgenommen haben, forderte die Moderation noch vor den offiziellen Redebeiträge dazu auf, sich den Nachbar:innen zuzuwenden und folgendes Versprechen abzugeben: »Auch wenn wir nicht übereinstimmen, respektieren wir ein­ander.«

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