Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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PDF Version Artikellink per Mail  | Soz Nr. 06/2024

Über Grundzüge des US-Imperialismus
von Angela Klein

Werner Rügemer: Verhängnisvolle Freundschaft. Wie die USA Europa eroberten. Köln: Papyrossa, 2023. 328 S., 22,90 Euro

Da denkt man, das Register der Verbrechen der US-Regierungen enthalte nichts mehr, was nicht bekannt wäre – doch weit gefehlt! Werner Rügemer unternimmt in seinem neuen Buch den Versuch, die Systematik hinter diesen Verbrechen zu erforschen und sie aus dem Entstehungsprozess der Vereinigten Staaten von Amerika selbst herzuleiten. Dabei ergeben sich etliche Erkenntnisgewinne.

Es fängt schon gut an, nämlich mit einem Zitat von Henry Kissinger: »Es kann gefährlich sein, Amerikas Feind zu sein, aber Amerikas Freund zu sein ist fatal.«
Wer aber ist Amerikas Freund? Kurz gesagt, wer Amerikas Weltherrschaft akzeptiert, wer sich außenpolitisch und militärstrategisch unterordnet und seine Märkte seinen Konzernen öffnet. Wer das nicht tut, ist Feind. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um einen kommunistischen oder einen kapitalistischen Gegenspieler handelt. Rügemer unterstreicht:
»US-Kapitalisten und ihre Lobbyverbände … fördern seit Beginn keineswegs, wie sie suggerieren, den Kapitalismus als allgemeines System, sondern nur einen US-geführten Kapitalismus … Als nach 1990 das nun kapitalistische Russland mit dem korrupten Boris Jelzin einen US-freundlichen Staatschef hatte, der Unternehmen an Oligarchen und US-Investoren verscherbelte … da war Russland ein Freund. Aber als das immer noch kapitalistische Russland danach mit Wladimir Putin einen nationalbewussten Staatschef hatte, der den Ausverkauf stoppte … da inszenierten die USA Russland zum Todfeind.«
Die selbst zugewiesene Berufung, die Welt in ein »Amerikanisches Jahrhundert« zu führen, wie die Leitmedien in den USA 1940 das globale Kriegsziel der USA formulierten, setzte auf der Erfahrung des Niedergangs des britischen Empire auf. Das US-Kapital machte sich daran, seinen bisher engsten Verbündeten zu beerben – vor allem seine Kolonien und Militärstützpunkte.
Die außenpolitische Zielsetzung der USA hat sich seitdem nicht mehr geändert. Einer Institution wie der NATO, gegründet zur Abwehr einer behaupteten »bolschewistischen Gefahr«, wurde nach dem Zerfall des Warschauer Pakts relativ reibungslos eine neue Zielsetzung unterlegt: die Eroberung Eurasiens – beginnend mit der EU-Osterweiterung, bei der jeder Staat zuerst NATO-Mitglied werden musste, bevor er der EU beitreten durfte. Die Ukraine bildet dabei den »geopolitischen Brückenkopf Amerikas in Eurasien«.

Eine lange Geschichte
Das Muster, nach dem diese Landnahme erfolgt, ist alt, es geht auf den Amerikanischen Bürgerkrieg zurück. Dieser war »der bis dahin nach Zahl der militärisch und zivil Getöteten und Verwundeten und nach Materialeinsatz der größte Krieg der Menschheit und ein grausamer totaler Krieg«.
Rügemer sieht in ihm wie auch im Völkermord an den indianischen Ureinwohnern – ab 1880 sprachen US-Generäle von der Endlösung des »Indianerproblems« (final solution of the Indian problem) – ein konstituierendes Merkmal des US-Imperialismus: »Der US-Kapitalismus enthält den Keim des notfalls gnadenlosen Kriegs gegen eigene Staaten – und später auch gegen ›Verbündete‹ … Die Verbündeten können zu Gegnern werden oder werden auf vielfältige Weise geschädigt.« Der Amerikanische Bürgerkrieg legte auch den Grundstein für den beispiellosen, sagenhaften Reichtum, der in den darauffolgenden Jahrzehnten angehäuft wurde.
Das Muster der Durchsetzung des US-amerikanischen Weltherrschaftsanspruchs lautete damals wie heute: Zerstörung, Wiederaufbau, Vereinnahmung.

Leuchtturm der Demokratie?
Der Sieg der Nordstaaten über die Südstaaten endete mit einer Sklavenbefreiung. Dafür wurde die Arbeiterschaft nun umso mehr drangsaliert, sie avancierte zum neuen Feind – bis auf den heutigen Tag sind Konzernspitzen in den USA militant antikommunistisch, lassen keinen Sozialstaat zu und unterbinden die Bildung von Gewerkschaften, wo sie nur können.
Die Furcht vor deren Erstarken und dem Übergreifen kommunistischen Gedeankenguts auf die USA, insbesondere nach dem Scheitern des westlichen Interventionskriegs gegen die junge Sowjetrepublik, trieb sie in den 20er, vor allem aber in den 30er Jahren an die Seite von Diktatoren und Faschisten … US-Konzerne und US-Leitmedien förderten zuerst Mussolini und Pi?sudski, dann Hitler, Franco und Metaxas in Griechenland.
Ausführlich legt der Autor dar, auf welch vielfältige Weise US-Konzerne, allen voran die Wall Street, Hitler bis zuletzt unterstützt haben: Noch in den letzten Kriegstagen bombardierten die Alliierten nicht etwa die Produktionsstätten der Rüstungsindustrie, sondern die Zivilbevölkerung. Freilich wurden zugleich Hitlergegner mit Waffen beliefert und militärisch unterstützt. Dahinter steckte dieselbe Hoffnung wie hinter dem Münchner Abkommen 1938, das Hitler freie Hand für die Annexion des Sudetenlands und später den Überfall auf Polen gab: dass es zwischen Deutschland und Russland zu einem Krieg der gegenseitigen Vernichtung kommen werde.
Parallel dazu stiegen antisemitische Kapitalvertreter an die Spitze von Konzernen auf (beileibe nicht nur Henry Ford), wurden diese von Juden gesäubert und jüdische Flüchtlinge abgewiesen (es sei denn, sie hatten viel Geld).

Konstanten
In seinem Langzeitdurchschnitt der imperialen Geschichte der USA arbeitet Rügemer Konstanten heraus – das ist mit einer der interessantesten Aspekte des Buches. Eine davon lautet: Die Verbündeten sollen stark genug sein, um sich eventuellen Feinden der USA entgegenzustellen, sie sogar stellvertretend zu bekriegen. Aber sie sollen schwach genug sein, dass sie US-Interessen nicht in die Quere kommen können. Davon kann man in Deutschland ein Lied singen.
Das Buch liefert eine kohärente und aufschlussreiche Charakterisierung des imperialen Amerika. In der Schlussfolgerung mag man Rügemer jedoch nicht folgen: Die Alternative ist nicht China, nicht die G77 und nicht die BRICS-Staaten. Deren autokratische Herrschaft ist noch unerträglicher, auch wenn ihr imperiales Auftreten weniger aggressiv ist.
Das Buch behandelt allerdings nur die »erste Stufe der Entwicklung des US-Imperialismus«. Es verspricht also eine zweite Stufe, die seit dem Zweiten Weltkrieg bis heute. Man darf gespannt sein.

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