Wir müssen Kriegsuntüchtigkeit lernen
Essays gegen den Krieg und für zivile Konfliktlösung
von Peter Nowak
Kriegsuntüchtigkeit als Chance. Essays gegen den Krieg und für zivile Konfliktlösung Hrsg. H.Theisen. Heidelberg: Verlag Graswurzelrevolution, 2026. 272 S., 28 Euro
In Zeiten, in denen die neue Kriegstüchtigkeit beschworen wird, braucht es Stimmen, die sich dem entgegenstellen. In dem kürzlich erschienen Band sind gleich 42 dieser Einsprüche gegen den gar nicht so neuen Militarismus versammelt. Herausgeber ist Hermann Theisen, der wegen seines antimilitaristischen Engagements schon drei Gefängnisstrafen hinter sich hat. Dabei ist strikte Gewaltfreiheit für ihn ein unabdingbarer Grundsatz.
Technofaschismus
Ein Insiderbericht aus Trumps Amerika
von Gerhard Klas
Klaus Brinkbäumer: Der amerikanische Albtraum. Faschismus made in USA. Frankfurt a.M.: S.Fischer, 2026. 352 S., 24 Euro
»Donald Trump, ein Parvenu, ein politischer Clown?« – Mit dieser rhetorischen Frage trifft Klaus Brinkbäumer einen Kern: seine anfängliche Unterschätzung. Für sein Buch hat Brinkbäumer viele Menschen interviewt, die Trump nie unterschätzt haben. Der langjährige USA-Korrespondent und ehemalige Spiegel-Chefredakteur ist kreuz und quer durch die USA gereist, hat Intellektuelle, Aktivist:innen, MAGA-Anhänger und Insider getroffen. Herausgekommen ist ein politisches Sachbuch, das zugleich Reportage, Analyse und persönliches Zeugnis ist.
Faschistische Propagandashow
Olympische Spiele in Nazideutschland
von Ulrich Schneider
Faschistische Propagandashow und antifaschistischer Widerstand
Vor 90 Jahren, 1936, erhielt das faschistische Deutschland eine, aus seiner Sicht großartige Gelegenheit, sich als »friedlicher« und »weltoffener« Staat zu präsentieren, in dem Ruhe, Recht und Ordnung herrschten. In dem Jahr fanden die Olympischen Spiele in Deutschland statt. Vom 6. bis 16.Februar war Garmisch-Partenkirchen Austragungsort der Olympischen Winterspiele. Vom 1. bis 16.August folgten die Sommerspiele in Berlin, der »Reichshauptstadt«.
Putsch gegen die Republik
Vor 90 Jahren: Putsch und Bürgerkrieg in Spanien
Was wir daraus lernen können…zum Beispiel für die Vergesellschaftungsdebatte
von Paul Michel
Am 17.Juli 1936 begann in Spanien ein Putsch faschistischer Generäle. Mit Unterstützung der Kirche sowie der faschistischen Staaten Italien und Deutschland versuchten sie, die Regierung der Volksfront zu stürzen. Aus der ganzen Welt strömten Freiwillige nach Spanien, um die Republik in dieser ersten großen internationalen Konfrontation mit dem Faschismus, dem Vorspiel zum Zweiten Weltkrieg, zu verteidigen.
Letztlich vergeblich. Während Italien und Deutschland Waffen schickten und die deutsche Luftwaffen-Legion Condor für die Putschisten bombte, hatten die westlichen Demokratien Frankreich und England ein Waffenembargo verhängt. In gewisser Weise waren sie damit nicht ganz unschuldig am Sieg der Faschisten 1939, die unter anderem auch britische Bergbauinteressen gegen die Arbeiter verteidigten.
Wir beleuchten in vier Beiträgen den Beginn des Bürgerkriegs. Über sein Vorgeschichte hatten wir kürzlich bereits hier geschrieben.
Das Festival ›Crossing Europe‹ in Linz
Von oben nach unten
von Kurt Hofmann
«Crossing Europe« ist das Festival des jungen europäischen Films. Was vielfach längst glatt und oberflächlich am Markenprodukt »Europäischer Film« erscheint, ist hier, bei ersten Filmen junger Filmemacher:innen mit »Ecken und Kanten« versehen, inhaltlich und ästhetisch abseits des ewig Gleichen.
100 Jahre Surrealismus
Iván Tovar: Kunst aus der Karibik
von Kai Böhne
Seine erste diesjährige Briefmarkenausgabe vom März 2026 widmete das Instituto Postal Dominicano, der Postdienstleister der Dominikanischen Republik, dem hundertjährigen Bestehen des Surrealismus. 1924 veröffentlichte der französische Schriftsteller André Breton (1896–1966) – er gilt als wichtigster Theoretiker des Surrealismus – das erste Manifest der neuen Kunstrichtung, die sich provokant von der damals etablierten Kunst absetzte.
›Viva la Musica – enteignet Vonovia‹
Lebenslaute: Mit Orchester und Chor gegen Atomraketen und Miethaie
von Wolfgang Pomrehn
Klassische Musik und Kohle-Protest oder Kampf gegen Mietwucher und Immobilienhaie? Passt das zusammen?
Jean Ziegler (1934–2026)
Rufer zwischen den Fronten
von Leo Gabriel
Es gibt wohl wenige Autor:innen, die den Mut haben, auf den verschiedensten Ebenen ihre scharfsinnige Kritik an der bestehenden Weltordnung derart voranzutreiben, dass fast jeder Satz zu einem Appell wird, die Dinge zu verändern. Ein solcher Mensch war der Schweizer Sozialwissenschaftler und Menschenrechtsaktivist Jean Ziegler, der am 10.Juni 2026 in seiner Heimatstadt Genf im Alter von 92 Jahren nach langer, schwerer Krankheit verstorben ist.
Profiteure des Faschismus
Causa Mercedes-Benz
von Wolfgang Pomrehn
Gaby Weber: Causa Mercedes-Benz. Mörder und Profiteure. Berlin: Die Buchmacherei, 2024. 12 Euro
Sowjetische Ehrenmale bedroht
Geschichtspolitik der Berliner Grünen
von Wolfgang Pomrehn
Die Berliner Grünen sind der Meinung, dass die sowjetischen Ehrenmale der Stadt »kontextualisiert« werden müssen. Mehrere zehntausend Rotarmisten hatten einst sterben müssen, weil die Naziführung einen längst verlorenen Krieg bis zum bitteren Ende weiterführen wollte, hatten sterben müssen, weil die Bevölkerung des einst roten Berlins keinen Aufstand zuwege brachte. Die Ehrenmale erinnern an sie und sind zugleich für einen Teil von ihnen Begräbnisstätten.
WM 2026 oder Sport als Wahlkampfmaschine
Sport, Trump und der Männlichkeitskult
von Gerhard Klas
Die Fußball-Weltmeisterschaft ist eine Inszenierungsmaschine geworden für zwei Männer, die sie dringend brauchen: Donald Trump und FIFA-Chef Gianni Infantino. Die WM 2026, die am 11. Juni in Mexiko-Stadt beginnt und am 19. Juli in New York mit dem Finale endet, ist im Begriff, zum teuersten, größten und politisch meistaufgeladenen Turnier der Geschichte zu werden.
Timmy: Tierliebe zwischen Projektion und Realität
Von der Tierliebe im Anthropozän
von Matthias Becker
In einem wenigstens muss man »Schnitzelbomber« recht geben: »Das hier ist mehr als nur ein Wal!« So heißt es in einem von diesem »Influencer« mit KI generierten Ohrwurm bei Tiktok. Das hier ist mehr als nur ein Wal, offensichtlich, das ist ein Symbol. Die Parabel entsteht im Livestream – aber wovon handelt sie? Unter der Oberfläche, vielleicht auch unbewusst, wird das Verhältnis zwischen Mensch und Tier im Anthropozän verhandelt. Wie weit reicht die Naturbeherrschung – und wer eigentlich muss gerettet werden?
1936: Volksfront bringt bezahlten Urlaub
Frankreich: für die Arbeitenden öffnete sich das Tor zu einer sozialen Revolution
von Paul Michel
Am 3. Juni 1936 übernahm eine Volksfrontregierung mit Leon Blum an der Spitze in Frankreich die Regierungsgeschäfte. Die Bilanz dieser Regierung ist zwiespältig. Sie hatte Sonnenseiten und Schattenseiten. Im nachfolgenden Text geht es überwiegend um die Sonnenseiten.
Ernährungsdemokratie
Die Konzernmacht der Agrar- und Lebensmittelindustrie und Alternativen
von Volker Brauch
Konzernatlas. Daten und Fakten über die Agrar- und Lebensmittelindustrie 2026
Kostenfrei zu beziehen über die Heinrich-Böll-Stiftung, www.boell.de/konzernatlas
Klima und Klassenkampf
Ihr Verhältnis aus polnischer Sicht
von Norbert Kollenda
Przemyslaw Wielgosz: Pogoda dla rewolucjonistów. Jak zmienic swiat w czasie katastrofy (Ein Wetter für Revolutionäre. Wie die Welt verändern in einer Zeit der Katastrophe)
Krakau: karakter, 2026
Gewalt der Verhältnisse
Lisa Wölfl: Ein verlassenes Haus. Wien: Kremayr & Scheriau, 2026. 240 S., 25 Euro
von Gerhard Klas
Die Mittvierzigerin Sonja wohnt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in der Mietwohnung einer österreichischen Kleinstadt. Sie leben von der Hand in den Mund, hatten nie Gelegenheit, Vermögen zu bilden. Jede Rechnung im Briefkasten erschüttert die Familie.
KI und Faschismus
Rainer Mühlhoff: Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus. Ditzingen: Reclam, 2025. 160 S., 8 Euro
von Rolf Euler
Der Buchpreis 2026 der Friedrich-Ebert-Stiftung geht an Rainer Mühlhoff für ein Buch, das den Zusammenhang zwischen der Schaffung und Verwendung künstlicher Intelligenz-Algorithmen und der politischen Entwicklung erläutert.
UN-Resolution gegen Sklaverei
Die Kolonialmächte müssen zahlen
von Angela Klein
Am 25.März 1807 wurde der Sklavenhandel in Großbritannien verboten – 400 Jahre nach Beginn des transatlantischen Sklavenhandels; in den USA wurde er für alle Bundesstaaten erst 1865 untersagt. Im Jahr 2007 beschloss die UN-Vollversammlung, den 25.März zum Gedenktag für die Opfer der Sklaverei auszurufen.
Jürgen Habermas – eine Würdigung
Die Entzauberung rätselhafter Institutionen
von Helmut Dahmer
Mit Jürgen Habermas ist am 14.März der prominenteste noch lebende Vertreter der Frankfurter Schule gestorben. Er hat ihren kritisch-marxistischen Ansatz weiter entwickelt und sich regelmäßig in die großen politischen Debatten eingemischt – von der Auseinandersetzung mit der Studentenbewegung Ende der 60er Jahre über den Historikerstreit bis hin zur Verteidigung einer republikanischen politischen Identität.
Eine Würdigung von Helmut Dahmer.
Die Känguru-Rebellion
Das Känguru kehrt zurück
von Marina Hoffmann
Marc-Uwe Kling: Die Känguru-Rebellion. Berlin: Ullstein, 2026. 288 S., 14,99 Euro
Wer noch nie etwas von Marc-Uwe Kling gehört hat, geht wohl selten in die Buchhandlung und noch seltener ins Internet.
Der erfolgreiche Bestsellerautor beginnt seine Karriere auf den Lesebühnen Berlins. Für die 2005 selbst gegründete Lese-Düne schreibt er einen Text, in dem ein kommunistisches Känguru vorkommt, das beim anarchistischen Autor einzieht.
Freiheit im Blut
Zwangsverheiratung, Widerstand und die brutalen Verbrechen des ›Islamischen Staats‹
von Florian Osuch
Kudret Günes, Christopher Girard: Freiheit im Blut. Wien: Bahoe Books, 2026. 160 S., 28 Euro
Die im Frühjahr 2026 auf deutsch erschienene Graphic Novel Freiheit im Blut erzählt die erschütternde, traumatisierende Realität von Unterdrückung, Krieg und Verachtung (junger) Frauen durch fundamentalistische Islamisten.
Niederlagen eingestehen
Eine Antwort auf Bernd Gehrke in SoZ 4/2026
von Klaus Dallmer
Bernd Gehrke umschifft mit seiner Kritik an meiner Stellungnahme in SoZ 2/2026 den Kern des Problems. Wir kennen uns ja und er weiß genau, dass ich dieselbe Auffassung von Sozialismus vertrete wie er: Es muss die Arbeiterklasse selbst sein, die herrscht. Unsere Differenz beginnt woanders.
Brigitte Kiechle 1951–2026
Nachruf
dokumentiert
›Man muss so handeln als ob es möglich wäre, die Welt radikal zu verändern‹ (Angela Davis)
Zeit ihres Lebens hat unsere Freundin und Genossin Brigitte politisch gekämpft. Trotz oder gerade wegen ihres unmissverständlichen Idealismus war sie auch bei politischen Gegner:innen respektiert und angesehen, bei den Klassenfeinden gefürchtet. Egal ob auf der Straße, auf Podien, in Gerichtssälen oder an Küchentischen – Brigitte hat uns alle beeindruckt und geprägt.
Weltordnung im Umbruch
Für eine neue Entspannungspolitik
von Peter Nowak
Michael Brie, Erhard Crome, Frank Deppe, Peter Wahl: Weltordnung im Umbruch. Krieg und Frieden in einer multipolaren Welt. Köln: Papyrossa, 2025. 171 S., 14,90 Euro
Der Verlauf des Krieg der USA und Israels gegen den Iran zeigt, dass die von den USA und Europa dominierte Weltordnung der Vergangenheit angehört. Länder wie China und Indien gewinnen an Einfluss. Das Schlagwort von der multipolaren Welt, die keinen eindeutigen Hegemon mehr kennt, gewinnt an Bedeutung.
Die Randglossen zum Zeitgeschehen
Stolpersteine
von Angela Klein
Dieter Braeg: Randglossen zum Zeitgeschehen. Berlin: Die Buchmacherei, 2025. 135 S., 18 Euro
Die Randglossen zum Zeitgeschehen sind eine Reihe von Beiträgen, die Dieter Braeg im Zeitraum 2019–2025 in der Zeitschrift Ossietzky veröffentlicht hat. Warum in die Auswahl nicht auch Beiträge aufgenommen wurden, die er für die SoZ geschrieben hat, ist unverständlich – immerhin finden sich auf deren Webseite www.sozonline.de allein für die Jahre 2010–2024 87 Beiträge von ihm.
Zur Diagonale 2026 in Graz
Fahle Bilder der Unausweichlichkeit
von Kurt Hofmann
Einmal mehr bot das Festival des österreichischen Films den Cinephilen ein vielfältiges und spannendes Programm. Ab der nächsten Saison ist mit Einsparungen durch die Förderer zu rechnen, trotz aller Lippenbekenntnisse ist der Stellenwert der Kultur längst nicht so hoch wie in Sonntagsreden beschworen. Bloß an den »richtigen Stellen« sparen – bei manchen Sozialausgaben und vor allem bei den Asylwerbenden hat es schon angefangen und in Landesregierungen mit FPÖ-Beteiligung stehen viele kleine Kulturinitiativen schon jetzt vor dem Aus. Der Bund zögert in Sachen Kürzungen in manchen Bereichen (noch), macht vage Versprechungen in Sachen Alternativen, aber auch die Diagonale muss sich wohl auf kalte Zeiten vorbereiten.
Leuchtturm Saxby
Mehr als eine Navigationshilfe
von Kai Böhne
In der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts wurde Gusseisen zunehmend für große Bauwerke verwendet, für Brücken, Viadukte und auch für Leuchttürme. So wurde 1871 auf der estnischen Insel Vormsi der gusseiserne Leuchtturm Saxby errichtet. Ein erstes Leuchtfeuer stand dort bereits seit 1864, doch Stürme und zunehmender Schiffsverkehr erforderten ein leistungsstärkeres Schifffahrtszeichen.
Geschichte und politische Macht ökonomischer Ideen (Teil X)
Neoliberalismus: Markt gegen Sozialismus
von Ingo Schmidt
Nach dem Zweiten Weltkrieg war in konservativ-liberalen Kreisen die Ansicht verbreitet, der Marsch in den Sozialismus lasse sich vielleicht verlangsamen, aber nicht aufhalten. Der Sozialismus war, obwohl gespalten in Kommunisten im Osten, Sozialdemokraten im Westen und nationale Befreiungsbewegungen im Süden, zu einer realen Kraft geworden.
Tod einer Weltordnung
Der freie Markt ist nicht frei für alle
von Marina Hoffmann
Patrick Kaczmarczyk: Zerfall der Weltordnung. Die Ignoranz des Westens und der Aufstand des globalen Südens. Neu-Isenburg: Westend, 2026. 224 S., 24 Euro
Am Ende des Zweiten Weltkriegs etablierten die Alliierten die aktuelle Weltordnung, nachdem die harten Auflagen des Versailler Vertrags und die Weltwirtschaftskrise zum Aufstieg des Faschismus in Deutschland und damit zum Krieg und dem Tod von über 60 Millionen Menschen geführt hatte.
Sie haben eine Meinung? Vergessen Sie’s!
Zur Zensurdebatte in Deutschland und anderswo
von Kurt Hofmann
Was ist da passiert? Da hat eine etwas »Falsches« gesagt und schon wird öffentlich nach Konsequenzen verlangt. Der Ort des Geschehens: Die Berlinale 2026. Die nicht »aufgepasst« hat oder Vorkehrungen zur Vermeidung verpasst haben soll, ist die Festivalleiterin Tricia Tuttle.
Ein Handbuch für Unerschrockene
Revolutionärer Optimismus
von Peter Nowak
Johanna Schellhagen: Wie wir uns eine Zukunft auf diesem Planeten erkämpfen. Ein Handbuch für Unerschrockene. Marburg: Büchner, 2026. 172 S., 18 Euro
500 Jahre Bauernkrieg, Teil 13
…die Enkel fechten’s besser aus
von Angela Klein
Im Vorwort zu seiner Arbeit über den »deutschen Bauernkrieg« hebt Friedrich Engels die Leistungen hervor, die die »Bauern und Plebejer« damals erbracht haben: dass sie »mit Ideen und Plänen schwanger gingen, vor denen ihre Nachkommen oft genug zurückschaudern«.
Einige dieser Pläne haben wir im Rahmen dieser Serie vorgestellt, andere wären noch zu nennen. Manche, die besonders weit vorgriffen in der gedanklichen Umgestaltung der Gesellschaft, waren das Werk einzelner Bauernführer, die ihre Vorstellungen zwar zu Papier brachten, aber den Bauernversammlungen gar nicht zur Annahme als Programm vorlegten, ganz zu schweigen von den kommunistischen Vorstellungen eines Thomas Müntzer, der jedoch in der Tradition der mittelalterlichen Ketzerbewegung steht und insofern aus der Reihe fällt.
Susan George (1934–2026)
Abschied von einer kämpferischen Analytikerin
von Wolfgang Pomrehn
Dezember 1999. Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt, die Stimmung kämpferisch. Den Neoliberalen wehte der Wind entgegen. Aus aller Welt hatten Gewerkschaften, Umweltorganisationen und Bauernverbände – Gegner von Freihandel, Verschuldung und Austeritätspolitik – nach Seattle mobilisiert. Proteste gegen die Tagung der Welthandelsorganisation WTO waren geplant, Sitzblockaden sollten sie behindern. Für den nächsten Tag war eine große Demonstration angekündigt. Der Saal jubelte, als die ältere Dame auf dem Podium The Battle of Seattle ausrief.
Epstein
Fragen einer hilflosen Generation
von Marina Hoffmann
Triggerwarnung: Dieser Text handelt von harten Themen und Emotionen, reproduziert aber keine explizite Gewalt.
Als ich vor einigen Wochen bei der Tagesschau auf Instagram über die brandneuen Enthüllungen der Epstein-Files las und auf dem letzten Slide nur Prinz Andrew sah, schockierte mich das. Die Auszüge der Files, die jemand in seiner Story teilte und die ich mir natürlich durchgelesen habe, haben gereicht. Mein bisheriges Weltbild ist zerbrochen. Ich verstehe die Tragweite.
Geschichte und politische Macht ökonomischer Ideen (Teil IX)
Neokolonialismus: Surplusprofite statt Souveränität
von Ingo Schmidt
Die marxistischen Imperialismustheorien haben klargemacht, weshalb sich die kapitalistische Produktionsweise über die ganze Welt ausbreiten, Produktivkräfte, Macht und Einkommen dabei aber ungleich zwischen imperialen Zentren und kolonialen Peripherien verteilen musste.
Politische Unabhängigkeit der Kolonien galt daher als erster Schritt zur Überwindung der aufgezwungenen Unterentwicklung. Die Sowjetunion, aus dem »peripheren Imperium« des Zarenreichs hervorgegangen, wurde zum Beleg, dass ein vorwiegend agrarisches und vom Weltmarkt ausgeschlossenes Land industrialisiert werden kann.
Hermann Dworczak (1948–2026)
Kämpfer zwischen den Welten
von Leo Gabriel
Es gibt Menschen, die aufgrund ihrer Energie und Strahlkraft für die sozialen und politischen Bewegungen unverzichtbar sind; Menschen, denen ihre Überzeugung wichtiger sind als kurzfristige Erfolgserlebnisse und die dadurch wertvolle Bindeglieder zwischen den Organisationen innerhalb des weitverzweigten Spektrums der Linken sind; egal ob in Österreich, auf europäischer oder auf internationaler Ebene.
Elfriede Müller (1957–2026)
Erinnerung an eine unermüdliche Kämpferin
von Friedrich Dorn
»Elfriede Müller war leidenschaftliche politische Denkerin, Aktivistin, Internationalistin und sie war eine streitbare Gefährtin und innige Freundin. Mit ihrem Charme hat sie so viele zusammengebracht. Elfi hat gegen den Krebs und für eine gerechtere Gesellschaft gekämpft bis zum Schluss.«
Geächtet und gebannt
Wie die EU Menschen ohne Anklage ihrer Rechte beraubt
von Peter Nowak
Hannes Hofbauer: Aller Rechte beraubt. Mit außergerichtlichen EU-Sanktionen zum autoritären Staat. Promedia: Wien, 2026. 224 S., 22 Euro
Die EU, die sich gerne als Hort der demokratischen Werte feiern lässt, greift zu Instrumenten, die die Fundamente des Rechtsstaats aushebeln. Das beschreibt der Historiker und Publizist Hannes Hofbauer in seinem Buch Aller Rechte beraubt sehr gut.
500 Jahre Bauernkrieg, Teil 12
Die Bauernrepublik
von Angela Klein
Die politisch fortgeschrittenste Bewegung spielte sich wohl in Tirol ab. Hier entzündete sich Anfang Mai 1525 ein erster Funke im Bistum Brixen.
Am Eingang zum Pustertal, lag die Bischofsstadt an der wichtigsten Handelsstraße nach Italien und war reich durch verschiedene Zolleinnahmen und durch Silberbergwerke.
Muhammad Ali zum 10.Todestag
Schweben wie ein Schmetterling
von Kai Böhne
Wir schreiben Freitag, den 19.Juli 1996: Im Centennial Olympic Stadium der US-amerikanischen Stadt Atlanta läuft die Eröffnungsfeier für die Olympischen Sommerspiele. Nachdem Janet Evans, Schwimmerin und vierfache Goldmedaillengewinnerin, ihre Stadionrunde beendet hat, übergibt sie die Fackel vor einer langen Rampe an die Boxlegende Muhammad Ali (1942–2016). Dem unter einer Parkinson-Erkrankung leidenden Ausnahmesportler kommt die Ehre zu, das Olympische Feuer zu entzünden.
Trotzkisten im Zweiten Weltkrieg
Ein internationalistischer Ansatz trotz Besatzung und Krieg
von Reiner Tosstorff
Über den Widerstand gegen die Nazis im Krieg gibt es immer noch Neues zu berichten. Vor sechs Jahren veröffentlichte Wladek Flakin im Schmetterling-Verlag ein Buch über den deutschen Trotzkisten Martin Monath, Arbeiter und Soldat. Ein Berliner Jude unter Wehrmachtssoldaten.
Brüder im Geiste
Zionismus und völkischer Nationalismus
von Arn Strohmeyer
Clemens Messerschmid: Die deutschen Wurzeln des Zionismus. Zur Entwicklung des Siedlerkolonialismus in Palästina. Mit einem Beitrag von Helga Baumgarten. Heidelberg: Palmyra Verlag, 2025. 112 S., 18 Euro
Wie der Zionismus aus dem Vorbild des deutsch-völkischen Nationalismus entstand und die Palästinenser dabei auf der Strecke blieben
Was heißt ›ökologisches Verständnis‹?
Eine Betrachtung aus der Sicht indigener Völker
von Angela Klein
Robin Wall Kimmerer: Geflochtenes Süßgras. Die Weisheit der Pflanzen. Berlin: Aufbau, 11.Auflage, 2025. 464 S., 28 Euro
Das ist in jeder Hinsicht ein außergewöhnliches Buch. Es vermittelt dem Menschen der Industriegesellschaft einen lebendigen Eindruck von dem, was ein ökologischer Ansatz ist – nicht mehr und nicht weniger nämlich, als die Aufhebung der Entfremdung des Menschen von der Natur. Ökologie ist die Lehre vom Haushalt der gesamten belebten wie unbelebten Natur, den Menschen eingeschlossen.
Einspruch gegen Kriegsfähigkeit
Ein Handbuch zur Erinnerung
von Peter Nowak
Die große Militarisierung. Die Bundeswehr von der Wiederbewaffnung bis zur Kriegstüchtigkeit. Hrsg. AK Militarismus. Köln: Papyrossa, 2025. 207 S., 16,90 Euro
Fortschritt als Fehlschritt
Ein Plädoyer wider die Hoffnungslosigkeit
von Angela Klein
Annette Schlemm: Fortschritt als Fehlschritt? Eine rettende Kritik. Stuttgart: Schmetterling, 2025. 206 S., 15 Euro
Eine Dialektik von Schöpfung und Zerstörung sieht Marx am Werk, wenn er im Kapital Fortschritt unter kapitalistischen Produktionsbedingungen beschreibt: »Jeder Fortschritt der kapitalistischen Agrikultur ist nicht nur ein Fortschritt in der Kunst, den Arbeiter, sondern zugleich in der Kunst, den Boden zu berauben, jeder Fortschritt in Steigerung seiner Fruchtbarkeit für eine gegebene Zeitfrist zugleich ein Fortschritt im Ruin der dauernden Quellen dieser Fruchtbarkeit.«
Denkmal für Sozialhilfeempfänger:innen
Ein literarischer Apell
von Gerhard Klas
Sandra Weihs: Bemühungspflicht. Frankfurt/M.: FVA, 2025. 248 S., 24 Euro
Die österreichische Schriftstellerin Sandra Weihs hat Sozialhilfeempfänger:innen ein literarisches Denkmal gesetzt und einen packenden Roman geschrieben.
500 Jahre Bauernkrieg, Teil 11
Die Christliche Vereinigung
von Angela Klein
Die zwölf Artikel von Memmingen geben nur unvollständig die Vorstellungen wieder, die in der Bauernschaft gärten. Daneben hatten die in Memmingen zusammengetroffenen Haufen auch eine Bundesordnung beschlossen, die zum Teil ihre eigene Zusammenarbeit regeln sollte, dann aber auch darüber hinausgriff und Veränderungen in der Repräsentation und die Stellung der Bauernschaft im öffentlichen Leben der Zeit betrafen.
Furchtlos, widerständig, solidarisch – Ein Nachruf auf Rolf Becker
von Manfred Klingele
Bekannt war er aus Theater, Film, Fernsehen und diversen Sprecherrollen. Doch er war nicht nur Schauspieler, sondern engagierte sich auch für politische Häftlinge, gegen NATO-Kriege und gegen die Erpressung Griechenlands. Nur wenige wissen, dass er bis zum Schluss Mitglied der Gruppe „Arbeiterpolitik“ war.
Rolf Becker (1935-2025) lernte ich 1974 in Hamburg in der Gruppe Arbeiterpolitik kennen. Er fiel mir auf als derjenige, der während unserer politischen Diskussionen fast durchgehend nebenher Texte las und redigierte. Dass er Schauspieler war, erfuhr ich erst deutlich später.
Geschichte und politische Macht ökonomischer Ideen (Teil VIII)
Keynes: Staatsintervention gegen kapitalistische Krise
von Ingo Schmidt
Als Massenideologie aufstrebender Arbeiterbewegungen wurde der Marxismus am Ende des 19.Jahrhunderts zu einer realen Herausforderung kapitalistischer Produktionsverhältnisse. Die Mehrheit der bürgerlichen, oft als neoklassisch bezeichneten Ökonomen reagierte darauf mit dem Rückzug in eine Traumwelt. Dort konnten Individuen nach eigener Fasson kaufen und verkaufen und darüber unbehelligt von Klassenkampf, Krise und Krieg selig werden.
Krieg – und keiner geht hin?
Eine Geschichte der Fahnenflucht
von Gerhard Klas
Rolf Cantzen: Deserteure. Die Geschichte von Gewissen, Widerstand und Flucht. Springe: zu Klampen!, 2025. 204 S., 24 Euro
Deserteure – für die einen sind sie mutige Helden der Gewissensfreiheit, für andere Verräter an der Nation.
138 Tage aktiv gegen DuMont-Schauberg
Ein Streik wie aus einem Krimidrehbuch
von Ayse Tekin
Streik doch einfach mit! 138 Tage Arbeitskampf beim Bundesanzeiger Verlag. Hrsg. Jan Schulze-Husmann et al. Hamburg: VSA, 2025. 168 S., 12 Euro
Das Buch ist handlich und hat nur 165 Seiten, erzählt aber eine Geschichte wie aus dem Lehrbuch des Klassenkampfs gegen den Kapitalismus.
Diebstahl
Abdulrazak Gurnah: Diebstahl. Aus dem Englischen von Eva Bonné. München: Penguin, 2025. 336 S., 26 Euro
von Gerhard Klas
Mit Diebstahl hat Abdulrazak Gurnah den ersten Roman seit seinem Literaturnobelpreis 2021 veröffentlicht. Er spielt in den 1990er Jahren in Sansibar und Dar es Salaam. Es geht um Familiengeschichten, um politische Veränderungen, um Schuld und Verrat im postkolonialen Tansania der 90er Jahre.
500 Jahre Bauernkrieg, Teil 10
Die Zwölf Artikel von Memmingen
von Angela Klein
Das Jahr 1524 war ein Jahr der Gärung. Die Reformation hatte deutliche Spuren im Bewusstsein der aufständischen Städte und Bauern hinterlassen. Die freie Wahl der Pfarrer und die Abschaffung des Zehnten waren jetzt fester Bestandteil der Forderungen.
›Streiks mehr Sichtbarkeit nach außen geben‹
Labournet TV stellt Filme über Arbeitskonflikte zur Verfügung und produziert auch selbst welche
Gespräch mit Johanna Schellhagen
Johanna Schellhagen hat 2011 Labournet TV mitgegründet. Sie dreht, produziert und schneidet Videos und Dokumentarfilme. Mit ihr sprach Gaston Kirsche über ihre Arbeit als Filmverleih und Produktionskollektiv.
Rosa Parks (1913–2005)
Unermüdliche Kämpferin gegen Rassismus
von Dianne Feeley
Zum 70. Jahrestag des Busboykotts in Montgomery (USA)
Am 1.Dezember 1955 geschah tief im Süden der USA, in Montgomery (Alabama), etwas, das dieses eher kleine Städtchen schon bald über die Grenzen des Landes hinaus bekannt machen sollte. Eine kleine, wohlgekleidete farbige Frau mittleren Alters weigerte sich, ihren Sitz für einen Weißen freizugeben. Daraufhin rief der weiße Busfahrer die Polizei, die die Delinquentin, ihr Name war Rosa Parks, festnahm.
Der Vorfall gilt als Start der modernen Bürgerrechtsbewegung, die in den 1960ern und 1970ern den institutionellen Rassismus in den USA zurückdrängen, wenn auch lange nicht aus der Welt schaffen konnte. Wir fragten Dianne Feeley in Detroit, wer diese ungewöhnliche Frau war, die nicht ganz ohne Absicht den Anstoß dazu gegeben hatte.
Geschichte und politische Macht ökonomischer Ideen (Teil VII)
Die Industrialisierungsdebatte in der UdSSR
von Ingo Schmidt
Zur Erinnerung: Ende des 19.Jahrhunderts propagierten konservative Politiker offen eine imperialistische Politik, um die mit der Industrialisierung entstandenen sozialen Spannungen zu lösen. In der Sozialdemokratie wurde darüber gestritten, ob der Imperialismus den Interessen der Arbeiterklasse förderlich sei, wie die Konservativen behaupteten, oder zu Kriegen führe, in denen Arbeiter der industriellen Zentren sich gegenseitig ermordeten, weil der in die Ferne getragene Kampf um neue Märkte zu unüberbrückbaren Spannungen zwischen den herrschenden Klassen der Zentren führen würde.
Der Bauernaufstand 1525
…erzählt mit Zeichnungen und Sprechblasen
von Nele Johannsen
Giulio Camagni: 1525. Der Aufstand. Wien: Bahoe, 2024. 128 S., 28 Euro
Auch dieses Buch ist etwas für den Gabentisch – ansprechend illustriert und leicht verständlich erzählt, bringt es den Bauernkrieg auch Menschen ohne Vorkenntnisse näher.
Zur Viennale 2025
In der Falle
von Kurt Hofmann
Die Viennale ist das größte internationale Filmfestival Österreichs. Es findet jährlich in der zweiten Oktoberhälfte statt und versteht sich als Plattform für anspruchsvollen Autoren-, Arthouse- und Experimentalfilm. Auch heuer, in ihrer 63.Ausgabe, bot sie wieder ein ebenso vielfältiges wie qualitativ hochwertiges Programm.
Epilog einer Krimireihe
Volker Kutscher: Westend. Illustriert von Kat Menschik. Berlin: Galiani, 2025. 112 S., 23 Euro
von Gerhard Klas
Wer die Krimiserie über den Polizisten Gereon Rath in den 1920er und 1930er Jahren und deren Verfilmung als »Babylon Berlin« kennt, sollte sich dieses Buch nicht entgehen lassen.
Im Rahmen eines fiktiven Interviews läßt Gereon Rath seine Zeit als Polizist von der Weimarer Republik bis in die 50er Jahre Revue passieren und offenbart lang gehegte Geheimnisse.
500 Jahre Bauernkrieg, Teil 9
Das Reich Gottes
von Angela Klein
Der Rückgriff auf das Evangelium war damals allen gemeinsam, die gegen die Präpotenz der Kirche und der Landesfürsten aufbegehrten: Bauern, Städtern, Handwerkern, Kaufleuten, Gesellen und Tagelöhnern – und den Reformatoren der verschiedenen Richtungen, die mit ihren unterschiedlichen Akzenten unterschiedliche Klasseninteressen zum Ausdruck brachten.
Listen to the Echo
Eine Ausstellung im Museum Folkwang in Essen
von Rolf Euler
»Hört auf das Echo!« nennt der südafrikanische Künstler William Kentridge eine Ausstellung über Jahrzehnte seines umfangreichen und vielseitigen Schaffens anlässlich seines 70.Geburtstags. Das Museum Folkwang in Essen erinnert an ihn mit Bildern, Grafiken, Tapisserien, vor allem mit Videos aus der Zeit der Apartheid in Südafrika und der Zeit danach.
Frantz Fanon (1925–1961)
›Es geht darum, eine Geschichte der Menschheit zu beginnen‹
dokumentiert
Arzt, antifaschistischer Partisan, Teilnehmer am algerischen Befreiungskampf und Pan-Afrikanist – Frantz Fanon war einer der einflussreichsten antikolonialen Theoretiker seiner Zeit. Sein bekanntestes Werk, Die Verdammten dieser Erde, gilt als das kommunistische Manifest der antikolonialen Revolution. Nachstehend Auszüge aus dem Nachwort.
System Update oder System Change?
Eine kritische Kartographie der ökosozialistischen Strömungen – mit Lücken
von Michael Heldt
Christian Stache: System Update oder System Change? Glanz und Elend des Ökosozialismus. Köln: PapyRossa, 2025. 334 S., 24 Euro
Debatte
Demokratie überwinden, bevor sie sich abschafft!
von Jörg Bergstedt
Das »Demokratie« genannte, politische System, in dem wir leben, hält nicht, was es verspricht. Von Volksherrschaft keine Spur. Aber was muss sich ändern: das Versprechen einer Herrschaft des Volkes oder die Mechanismen, die ihr entgegenstehen? Jörg Bergstedt versucht eine Antwort.
Abschied von der Kriegslogik
Alternativlos ist nur der Frieden
von Albrecht Kieser
Fabian Scheidler: Friedenstüchtig. Wie wir aufhören können, unsere Feinde selbst zu schaffen. Wien: Promedia, 2025. 224 S., 18 Euro
Apokalypse in den Tropen
Ein Film über Brasiliens Evangelikale
von Ayse Tekin
Der Film von Petra Costa* beleuchtet den anhaltenden politischen Kampf in Brasilien und die Hintergründe der Evangelikalen, die in jüngster Zeit in diesem Kampf die Politik des Landes geprägt haben.
Klimakollaps und soziale Kämpfe
Etwas für den Gabentisch
von Angela Klein
Lisa Poettinger: Klimakollaps und soziale Kämpfe. Über Klimaschutz in einer ungerechten Welt. München: Oekom, 2025. 212 S., 18 Euro
500 Jahre Bauernkrieg, Teil 8
Das göttliche Recht
von Angela Klein
Im Jahr 1476 macht eine Schrift namens Reformatio Sigismundi die Runde. Sie war in deutscher Sprache verfasst und griff die Reformvorschläge auf, die auf Betreiben des Kaisers Sigismund auf dem Konzil von Basel 1431–1449 verhandelt worden waren.
Grüner Kolonialismus
Ungerechte Energiewende
von Rolf Euler
Grüner Kolonialismus. Zwischen Energiewende und globaler Gerechtigkeit. Hrsg. Miriam Lang u.a. München: oekom, 2025. 336 S., 25 Euro
Bergarbeiteraufstand 1525
Soziale Bewegung der Bergleute im Königreich Ungarn
von Kai Böhne
Die ersten mittelalterlichen Städte im Königreich Ungarn entstanden zu Beginn des 13.Jahrhunderts vorrangig auf dem Gebiet der heutigen Slowakei. Verantwortlich hierfür war der Bergbau, der vom Spätmittelalter bis ins 18.Jahrhundert ermöglichte, dass sich das slowakische Gebiet zum wohlhabendsten Teil des Königreichs Ungarn entwickeln konnte.
Anna Seghers (1900–1983)
Der Traum von einer veränderbaren Welt
von Volker Brauch
Am 19.November jährt sich der 125.Geburtstag von Anna Seghers.
Mutig statt machtlos
Vom Wert der alltäglichen Solidarität
von Gerhard Klas
Kathrin Hartmann: Die Welt gewinnen. Mutig statt machtlos. München: Ludwig, 2025. 304 S., 20 Euro
Warten, bis neue Regierungen die Probleme der Welt lösen? Nicht unbedingt: Einzelne Persönlichkeiten und Basisbewegungen können etwas bewegen, wenn es gegen Umweltzerstörung und soziale Ungerechtigkeit geht, meint Kathrin Hartmann. Die Journalistin hat überall auf der Welt Beispiele dafür gesammelt.
Die Straßen von Algier
Wie die Erfahrung des Kolonialismus die französische Theorie prägte
von Elfriede Müller
Onur Erdur: Schule des Südens. Die kolonialen Wurzeln der französischen Theorie. Berlin: Matthes und Seitz, 2024. 336 S., 28 Euro
500 Jahre Bauernkrieg, Teil 7
Das alte Recht
von Angela Klein
Der Rechtsboden, auf dem die Bauern in Deutschland bislang gestanden hatten, war ein Gewohnheitsrecht, von den Vorfahren überliefert. Es wurzelte in der germanischen Rechtsauffassung, wonach das Recht ein Stück der Weltordnung war, von Gott oder den Göttern geschaffen und darum unerschütterlich. Das Recht stand auch über dem Staat. Kein König und kein Fürst konnte neues Recht schaffen. Das von Alters her gegebene Recht konnte nur vom gemeinsamen Prozess von Kläger und Beklagtem »gefunden« werden.
Das Filmfestival in Locarno
Der Preis der Perfektion
von Kurt Hofmann
Das Festival in Locarno bot einmal mehr jenen, die nicht wieder sehen wollen, was sie ohnedies schon kennen, Raum für Entdeckungen.
Stimme aus dem Nichts
Hind Rajab auf der Biennale von Venedig
von Marina Hoffmann
Am 7.Oktober 2023, dem jüdischen Feiertag Simchat Tora (Freude der Tora), greift die Hamas Israel an. Raketen detonieren. Zu Land, zu Wasser und aus der Luft überfallen Terrorkommandos Zivilist:innen und filmen ihre Taten – von Hinrichtungen zu Vergewaltigungen.
Die Ökologie der Freiheit
Ein gesellschaftlicher Gegenentwurf aus den 80er Jahren, neu aufgelegt
von Matthias Becker
Murray Bookchin: Die Ökologie der Freiheit. Münster: Unrast, 2025. 544 S., 29,80 Euro
Mit seiner Ökologie der Freiheit warnte Murray Bookchin in den 1980er Jahren vor dem ökologischen Kollaps und entwarf eine Zivilisationsgeschichte der gesellschaftlichen Naturverhältnisse – philosophisch profund und unbedingt lesenswert, wenn auch politisch fragwürdig.
Befreiung vom Überfluss
Eine Postwachstumsökonomie für das 21. Jahrhundert
von Gerhard Klas
Nico Paech: Befreiung vom Überfluss. München: Oekom, 2025. 144 S., 18 Euro
»Spinnt der?«, fragte die Bild-Zeitung, als Niko Paech vor wenigen Wochen die Neuauflage seines Buches von 2012 über eine Postwachstumsökonomie vorstellte, in dem er für eine »Befreiung vom Überfluss« plädiert.
Kriegsspiele
Jonas Tögel: Kriegsspiele. Neu-Isenburg: Westend, 2025. 112 S., 15 Euro
von ak
Bekannt ist der Ausspruch des ersten NATO-Generalsekretärs, des Briten Lord Ismay, bei der Vorstellung der Ziele der neuen Militärallianz: »Keep the Russians out, the Americans in and the Germans down.« An dieser grundsätzlichen strategischen Orientierung der US-Politik hat sich bis heute nichts geändert.
Die Fryheit
500 Jahre Bauernkrieg, Teil 6
von Angela Klein
Die Protagonisten der Aufstände der Jahre 1524–1526 bezeichneten sie nicht als Krieg, das war die Zuschreibung der Gegenseite. Sie sprachen vom »Aufstand des gemeinen Mannes«. Das bezeichnete alle, in Stadt und Land, die einer Herrschaft untertan waren, jedoch nicht Mägde und Knechte, fahrendes Volk und Söldner.
Drei slowakische Antifaschistinnen
Sonderbriefmarke: Frauen in der Widerstandsbewegung
von Kai Böhne
Anfang Mai 2025 meldete Radio Slovakia International*, die slowakische Post habe eine Sonderbriefmarke zum Thema »Frauen in der antifaschistischen Widerstandsbewegung« herausgegeben. Auf dem 2,70-Euro-Wert seien Porträts von Chaviva Reickova (1914–1944), Dalma Spitzerova, geb. Holanova (1925–2021) und Marina Paulinyova (1897–1945) im Profil abgebildet.
Das meistdiskutierte Tor
Sonderbriefmarke für Linienrichter Tofig Bahramov in Aserbaidschan
von Kai Böhne
Zu seinem 100. Geburtstag widmete Aserbaidschan dem Wembley-Linienrichter Tofig Bahramov eine Sonderbriefmarke.
»Fußball ist ein einfaches Spiel: 22 Männer jagen 90 Minuten lang einem Ball nach und am Ende gewinnen immer die Deutschen“, erklärte Gary Lineker im Juli 1990, nachdem England durch Elfmeterschießen im Halbfinale der Fußballweltmeisterschaft gegen Deutschland ausgeschieden war.
Freigeist und Naturfreund
Der Metallarbeiter und Anarchosyndikalist Wilhelm Wehner
von Eveline Linke
Dieses Buch ist mehr als nur die individuelle Lebensgeschichte des Metallarbeiters und Anarchosyndikalisten Wilhelm Wehner.
Zum 30sten Todestag von Ernest Mandel
Erinnern an die Zukunft
von Ayse Tekin
Vor fünfzig Jahren saßen drei Männer in einem Kölner Krankenhauszimmer, als ein Vierter die Tür öffnete: eine riesige Überraschung und große Freude.
Im Juli jährt sich der Todestag von Ernest Mandel (1923–1995) zum dreißigsten Mal. Eine lange Zeit, aber seine theoretischen Ansätze, seine optimistische Lebenshaltung und seine Kämpfe für eine bessere Welt sind weiterhin lebendig.
Die Vergangenheit mit anderen Augen sehen
von Ayse Tekin
Migrantische Kämpfe gegen Ausbeutung und Rassismus. Hrsg. Nihat Öztürk et al. Berlin: Die Buchmacherei, 2025. 472 S., 22 Euro
Ford in Köln ist immer noch ein Betrieb mit vielen Migrant:innen oder Menschen mit Migrationshintergrund. Am 14.Mai war dort ein 24-Stunden-Streik. Auf der IG-Metall-Seite im Internet stand danach: »Erstmals seit 100 Jahren waren die Beschäftigten von Ford in Köln im 24-Stunden-Streik für ihre Zukunft.«
KlimaUNgerechtigkeit
Was die Klimakatastrophe mit Kapitalismus zu tun hat
von Rolf Euler
Die Wissenschaftlerin Friederike Otto hat nach »Wütendes Wetter« erneut ein aufrüttelndes Buch zum Klimawandel geschrieben. Diesmal geht es nicht hauptsächlich um die erneute Darstellung aller bekannten Aspekte der Krisen, sondern um die desaströsen Folgen für die Menschen in den vor allem betroffenen Gebieten. Ihre Hauptthese: »Der Klimawandel ist kein unverschuldeter Schicksalsschlag, er ist vor allem ein Unrecht.«
Friederike Otto: KlimaUngerechtigkeit. Berlin: Ullstein, 2023. 336 S., 14,99 Euro
500 Jahre Bauernkrieg, Teil 5
Das Recht
von Angela Klein
Der Einzug der Geldwirtschaft war einer der Gründe für die Verschlechterung der Lage der Bauern Ende des 15./Anfang des 16. Jahrhunderts. Ein zweiter war die zunehmende Einführung des römischen Rechts; es löste das bis dato geltende Gewohnheitsrecht ab.
Gewaltgeschichte
Das Vergangene ist nicht tot
von Rolf Euler
Peter Seibert: Die Niederschlagung des Bauernkriegs. Bonn: J.H.W.Dietz, 2025. 304 S., 26 Euro
Der Bauernkrieg in Deutschland fand vor 500 Jahren statt. Sollte das die Gegenwart berühren? Peter Seibert, ehemaliger Professor für Sozialgeschichte der Literatur in Siegen, hat dazu ein detailreiches, fesselndes Buch geschrieben.
Ein Weltzeuge
Der Fotograf Sebastião Salgado
von Marina Hoffmann
Ein junges Mädchen mit verschmiertem Gesicht schaut mit stiller Skepsis in die Kamera. In ihren großen, ernsten Augen spiegeln sich Licht und Schatten.
Eine Herde Rentiere zieht durch eine karge Eislandschaft – eine Einheit aus Individuen, deren Farben ineinander übergehen, strömt in die gemeinsame Richtung durch die Kälte.
Ein halbnackter Mann greift den Lauf des Gewehres, das ein anderer Mann in Uniform auf ihn richtet. Er redet auf sein Gegenüber ein. Die rechte Hand hält er auf sein Herz. Der Uniformierte erwidert nichts. Um sie herum andere Menschen, die sie beobachten.
Was hier etwas umständlich beschrieben werden muss, hat ein Mann gesehen und fotografiert: Sebastião Salgado.
Die Geburt des destruktiven Heldencharakters
›Zeitenwende‹ und Kriegsvorbereitung an der Heimatfront
von Jürgen Meier
Mit der »Zeitenwende« und dem Aufruf der Regierung, Deutschland müsse wieder kriegstüchtig werden, kommt der manipulativen Kriegsvorbereitung an der Heimatfront eine besondere Aufgabe zu. Im Ernstfall, so Pistorius, würden junge Frauen und Männer gebraucht, die dieses Land verteidigen können: »Wir müssen durchhaltefähig und aufwuchsfähig sein.«
43 Trillionen Varianten
Vor 50 Jahren ließ Erno Rubik seinen Zauberwürfel patentieren
von Kai Böhne
Im Dezember 2015 saß ein Doktorand auf dem hochgefahrenen Studiosessel dem Moderator der Privatfernseh-Quizshow Wer wird Millionär? gegenüber. Über eine halbe Stunde hatte er alle Fragen richtig beantwortet. Nun kam die finale Frage: »Aus insgesamt wie vielen Steinchen besteht der klassische von Erno Rubik erfundene Zauberwürfel?«
Der Bauernkrieg
Die Städte
dokumentiert
Die Erhebungen der Bauern, die seit den 1470er Jahren verzeichnet sind, fallen in eine Periode der Erholung von über 150 Jahren Agrardepression: Im letzten Drittel des 15.Jahrhunderts nimmt die Bevölkerung wieder zu, verlassene Dörfer werden neu besiedelt, die Getreidepreise steigen allmählich. Die Städte hingegen hatten in der Zeit nicht gedarbt: Die Nachfrage nach verarbeiteten Eisen- und Tuchwaren war gestiegen, Handwerk war gefragt, die Löhne waren hoch, weil Arbeitskräfte knapp waren, statt Getreide gab es Fleisch zu essen. Und der Fernhandel breitete sich aus.
Der lange Krieg gegen Gaza
Israels Herrschaft über Palästina
von Annette Groth
Helga Baumgarten: Kein Frieden für Palästina. Krieg in Gaza, Besatzung und Widerstand. Wien: Promedia, 2021. 192 S., 19,90 Euro
Im Mai 2021 ging die israelische Armee gewaltsam gegen die Bevölkerung in Ostjerusalem, an vielen Orten der Westbank und in Gaza vor. Sie verursachte über 250 Tote und fast 2000 Verletzte. Diese Schreckensgeschichte bildet den Einstieg in die Schilderung der israelischen Herrschaft über Palästina.
Am Anfang war alles anders
Über frühzeitliche Gleichheit und weibliche Schöpfungskraft
von Nele Johannsen
Ulli Lust: Die Frau als Mensch. Am Anfang der Geschichte. Berlin: Reprodukt, 2025. 256 S., 29 Euro
Stellen wir uns eine Menschheitsgeschichte vor, in der nicht Macht und Konkurrenz, sondern Empathie und Kooperation das Überleben sichern – und in der der Frauenkörper kein Objekt der Begierde und Kontrolle darstellt, sondern Ausdruck schöpferischer Kraft ist.
Buch: Kinderwüste
Stefan Schulz: Die Kinderwüste. Wie die Politik Familien im Stich lässt. Hamburg: Hoffmann und Campe, 2025. 160 S., 22 Euro
von Marina Hoffmann
Eine Familie ist, kurz gesagt, eine Gemeinschaft mit Kindern. Früher, in den bäuerlichen Dörfern, kümmerten sich alle um alles, Kinder wurden von allen gemeinsam groß gezogen. Erst mit der Industrialisierung und der Fabrikarbeit etablierte sich die klassische, von Rechtskonservativen immer wieder beschworene Kernfamilie mit fester Rollenverteilung.
›Teil einer autoritären Formierung‹
Der Abschlussbericht zum Antisemitismus bei der documenta 15
von Aram Ziai
Selten war eine Kunstausstellung so in der öffentlichen Kritik wie die documenta 15, die von Juni bis September 2022 in Kassel stattfand und aufgrund der starken Beteiligung von Kunstkollektiven aus dem globalen Süden als »postkolonial« galt. Die Auseinandersetzungen sind nicht isoliert zu betrachten, sondern bewegen sich zwischen dem »Nahostkonflikt« einerseits und der Anerkennung de- und postkolonialer Perspektiven andererseits.
Literatur im Zeichen des Klassenkampfs
Das dritte Working-Class-Literaturfestival – Campi Bisenzio, 4.–6.April 2025
von Eva Gaßen und Riccardo Schreck
Die Sonne scheint heiß auf die Via Fratelli Cervi, die zur Ex-GKN-Fabrik in Campi Bisenzio führt. Ebenso wie die namensgebenden Cervi-Brüder – allesamt Partisanen, die von den Faschisten getötet wurden – ist der Kampf des Fabrikkollektivs Ex-GKN gegen den Investmentfonds Melrose bereits heute in die Geschichte der italienischen Arbeiter:innenbewegung eingegangen.
Kulturkritik ohne Kapitalismusanalyse
Die Kritik an der autoritären Demokratie bleibt im Persönlichen stecken
von Peter Nowak
Georg Seeßlen: Trump & Co. Der un/aufhaltsame Weg des Westens in die Anti-Demokratie. Berlin: Bertz und Fischer, 2025. 235 S., 18 Euro.
Zur Diagonale 2025
Das verlorene Gesicht
von Kurt Hofmann
Die Diagonale, das Festival des österreichischen Films in Graz, bot auch 2025 wieder ein vielfältiges Angebot mit Stoff für Diskussionen.
Der Bundschuh
Historische Bewegung mit antifeudalen Forderungen
dokumentiert
Ein halbes Jahr nach der Niederschlagung des Kemptner Aufstands 1493 wurde nördlich von Schlettstadt im Elsass eine Verschwörung unter dem Zeichen des Bundschuhs aufgedeckt.
Der Bundschuh war die Fußbekleidung des armen Mannes; durch seine langen Riemen wurde er zum Symbol des Zusammenschnürens und Verbindens. Erstmals hatten sich Bauern 1439 unter diesem Zeichen erhoben.
Film: Mein Name Akim
Gedreht wurde in einer Geflüchteten-Unterkunft
von Marina Hoffmann
Mein Name Akim
Regie: Aleksandr Kim
Abschlussfilm der Internationalen Filmschule Köln
2025, 38 min.
Äthiopische Kunst im Kunstpalast Düsseldorf
Elias Sime: Geschichte, Verbundenheit und Transformation
von Nele Johannsen
Der äthiopische Künstler Elias Sime erzählt von globalen Verbindungen und persönlichen Geschichten mit Hilfe von alltäglichen, uns allen bekannten Gegenständen, die bereits eine eigene Reise hinter sich haben. Die aktuelle Ausstellung »Echo« im Kunstpalast Düsseldorf bietet spannende Einblicke in sein Schaffen, dessen Werke Material und Farbe, Tradition und Transformation, Natur und Technologie in lebendigen und faszinierenden Kompositionen vereinen.
Der junge Bob Dylan
Peter Nowak
Der Kinofilm „Like a complete unknown“ zeichnet ein unvollständiges Bild des jungen Bob Dylan.
Zusammenhalt
An den Rand notiert
von Rolf Euler
Die Ruhrfestspiele in Recklinghausen haben sich vor Monaten für 2025 ein prophetisches Motto ausgesucht: »Zweifel und Zusammenhalt«.
Olaf Kröck, einer der politischsten Intendanten in Recklinghausen, arbeitet immer mit solchen programmatischen Wortverbindungen, die aus einer gemeinsamen Wirklichkeit entstehen, dann auch eine gemeinsame Theaterlandschaft umfassen. Nach »Vergnügen und Verlust« im Vorjahr nun also das Aufgreifen von heftigen »Zweifeln« an der Zukunft, die die Menschen spüren, verbunden mit einem deutlichen Hinweis auf eine Antwort darauf: »Zusammenhalt«.
Würden Sie?
Eine Auseinandersetzung mit dem Krieg
von Marina Hoffmann
Ole Nymoen: Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde. Gegen die Kriegstüchtigkeit. Hamburg: Rowohlt, 2025. 141 S., 16 Euro
Nach beschlossener Änderung des Grundgesetzes kann die Regierung nun unbegrenzt Schulden für Rüstung aufnehmen. Dabei bleibt fraglich, mit wem Deutschland Krieg führen möchte. Vor allem aber, mit wem Deutschland Krieg führen möchte.
Schöne neue Welt
von Kurt Hofmann
Die Satire Mickey 17 feierte bei der Berlinale 2025 ihre Uraufführung und kommt nun ins Kino.
Drei Sterne
telegraph, Nr.143/144, www.telegraph.cc
von Rolf Euler
Der telegraph bekommt drei Sterne für seine Kontinuität, seine Widerborstigkeit und sein anarchisches Dauerfeuer auf unhaltbare Zustände. Gegründet noch zu DDR-Zeiten, hält er sich als oppositionelles Zeitschriftenprojekt in Berlin außerhalb jeder »Linie«, zwischen manchen Stühlen. Und immer mit einem großen Teil von Gedichten, Sprüchen, Rezensionen zu alternativen Musik- und Bucherscheinungen.
Der deutsche Bauernkrieg II
Der Pfaffenhass
Zwei Jahre nach dem Aufstandsversuch in Niklashausen erhoben sich die Bauern in der Obersteiermark und kurz danach in Kärnten. Ihre Forderungen beschränkten sich auf die Ablehnung der zusätzlichen Lasten, die ihnen mit dem Einzug der Geldwirtschaft aufgebürdet wurden. Zusätzlich hatten sie unter wiederholten Türkeneinfällen zu leiden.
Erinnerungslücken – Voraussetzung für kommende Kriege
Zur Aktualität einer Ausstellung über die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg
von Albrecht Kieser
»Die beiden [ersten] Weltkriege haben im Großformat gezeigt, wie Menschen durch den Krieg in die Barbarei zurückfallen, moralische Grenzen durchbrochen werden und jede Humanität verloren geht.« Das schreibt Kum’a Ndumbe III., Professor an der Universität Yaoundé in Kamerun. Er schreibt es im Vorwort für ein Buch, das in diesen Zeiten jede:r zur Hand nehmen sollte. Denn die Lektüre macht immun gegen die Lüge, ein Krieg – zumal ein Weltkrieg – sei nicht die Katastrophe schlechthin, bestialisches Morden in ungeheurem Ausmaß, Unterwerfung, Grausamkeit, Verstümmelung, Vergewaltigung, Vernichtung.
Merz: Black Germany
Was wird aus Deutschland mit einem BlackRock-Kanzler?
von Werner Rügemer
Deutschland ist der erste Staat, in dem ein Ex-Funktionär des größten Kapitalakteurs der westlichen Welt auch Regierungschef wird. Seine Partei, die Merz-CDU, wurde jetzt zwar zur größten Partei gewählt, aber die 28 Prozent sind eine Marke auf dem schon lange währenden Abstieg. Und die nächstgeeignete Koalitionspartei, die SPD, hat mit nur 16 Prozent ihren historischen Absturz fortgesetzt. Die politisch billigst-willigste BlackRock-Partei, die FDP, ist aus dem Parlament ganz verschwunden: Diese Absteiger sind also der brüchige Rückhalt für die Merz/BlackRock-Politik.

Alte Wunden
Das Wirken der ukrainischen Nationalisten im Weltkrieg
von Norbert Kollenda
Franziska Bruder: Den ukrainischen Staat erkämpfen oder sterben! Die Organisation ukrainischer Nationalisten (OUN) 1929–1948. Berlin: Metropol, 2007. 280 S., 19 Euro
Die Zerstörung Palästinas… …ist die Zerstörung der Erde
Andreas Malm: The Destruction of Palestine is the Destruction of the Earth. London: Verso, 2024. 144 S., £ 9.99
von Hermann Dierkes
Das neue Buch des schwedischen Klimaforschers Andreas Malm ist sehr lesenswert und nützlich. Es behandelt die Entwicklung bis Juli letzten Jahres.
Ooku: The Inner Chambers
Wenn Geschlechterrollen ins Wanken geraten
von Nele Johannsen
Was wäre, wenn eine mysteriöse Seuche im Japan der Edo-Zeit (1603–1868) fast die komplette männliche Bevölkerung dahingerafft hätte? Diese Alternativwelt zeigt der 2023 auf Netflix erschienene Anime Ooku: The Inner Chambers, der auf dem gleichnamigen Manga von Fumi Yoshinaga basiert.
Draufgänger im Motorsport
Tazio Nuvolari – zwischen Ehrungen, Erfolgen und Knochenbrüchen
von Kai Böhne
1920 fuhr der in Norditalien nahe Mantua geborene Tazio Nuvolari (1892–1953) seine ersten Motorradrennen. Sein Vater Arturo und sein Onkel, ein Motorradhändler, waren erfolgreiche Straßen- und Bahnradrennsportler.
Soundtrack zum Antikolonialismus
Soundtrack to a Coup d’Etat, Niederlande/Frankreich/Belgien 2024, Regie: Johan Grimonprez
von Peter Nowak
1960 hatte sich der Kongo wie zahlreiche andere afrikanische Staaten die Unabhängigkeit erkämpft. Die Vertreter:innen der jungen Nationalstaaten traten selbstbewusst auf UNO-Versammlungen auf, wo sie nun auf Augenhöhe mit den ehemaligen Kolonialstaaten saßen, die auch nur eine Stimme hatten.
500 Jahre Bauernkrieg
Der Pfeifer von Niklashausen
von Angela Klein
Zeitig im Frühjahr 1476 liefen Zehntausende »Handwerksknecht aus den Werkstätten, die Baurenknechte von dem Pflug und die Grasemägde mit ihren Sicheln und Stümpfen, ohne allen Uhrlaub ihrer Meister und Obrigkeit dahin, liessen liegen Werkzeug, Pflüge, Kötzen und anders, und reiseten in den Kleidern, darinnen sie diese Tobesucht begriffe, gen Niclashausen. Der mehrere Teil aus ihnen hatte keine Zehrung, die aber, zu denen sie auf dem Wege einkehrten, versahen sie mit Essen und Trinken. Und war der Gruß unter ihnen nicht anders, denn Bruder und Schwester.«
Widerstandsformen in der Kunst
Wenn Widerstand in Kunst eingeht, entstehen kraftgebende Bilder an der Wand oder im Kopf
von Ayse Tekin
Zwei Orte, zwei Ausstellungen dokumentieren in München, wie Widerstand und Kunst sich treffen. Beide in ungewöhnlichen Ausstellungsräumen.
Geschichte und politische Macht ökonomischer Ideen (Teil V)
Neoklassik: Der Kunde ist König
von Ingo Schmidt
Zur Erinnerung: Marx hatte erkannt, dass kapitalistischer Reichtum entsteht, weil Arbeiter ihre Arbeitskraft zu ihrem vollen Wert verkaufen bzw. entsprechend bezahlt werden, die Verausgabung ihrer Arbeitskraft aber einen über diesen Wert, sprich: die Reproduktionskosten der Arbeitskraft, hinausgehenden Mehrwert schafft. Dieser Mehrwert fließt in die Taschen der Kapitalisten, sobald sie die Waren, die mithilfe der von ihnen gekauften Arbeitskräfte und Produktionsmittel hergestellt wurden, verkaufen.
Der Verfall der deutschen Erinnerungspolitik
Enzo Traverso kritisiert den Missbrauch der Erinnerung an den Holocaust zur Rechtfertigung des Völkermords in Gaza
von Arn Strohmeyer
Enzo Traverso: Gaza im Auge der Geschichte. Berlin: Wirklichkeit Books, 2024. 132 S., 18 Euro
In Deutschland gibt es nicht viele Medien, die aussprechen, was gerade in Gaza passiert. Da ist immer noch die Rede von der »Selbstverteidigung« gegen die »Terroristen« der Hamas. Schilderten diese Medien die wirklichen Geschehnisse im Gazastreifen, müsste man das unaufrichtige Verhältnis, das Deutschland mit Israel verbindet und das das ideologische Fundament des deutschen Staates ist, in Frage stellen.
Der Bauernkrieg in Lindau
Broschüre über die Erhebung der Bauern am Bodensee und im Allgäu
von ak
Karl Schweizer, Johannes C. Wolfart: Der Bauernkrieg 1525/26 in Stadt und Landkreis Lindau. Lindau: Edition Inseltor, 2024. 118 S., 19 Euro
www.edition-inseltor-lindau.de
Der Albtraum vom grünen Kapitalismus
Tesla zeigt, was alles bei uns schiefläuft
von Angela Klein
Heidemarie Schroeder: Eine Gigafabrik in Grünheide oder der Albtraum vom grünen Kapitalismus. Marburg: Büchner, 2025. 204 S., 22 Euro
Heidemarie Schroeder ist den SoZ-Lesenden durch ihre engagierte Berichterstattung über den Bau der Teslafabrik in Grünheide und den Widerstand dagegen wohl bekannt. Sie hat über die Jahre »die Eroberung eines kleinen Ortes im Berliner Umland durch den reichsten Mann der Welt« erlebt und soviele Einsichten in die Verhältnisse vor und hinter den Kulissen gewonnen, dass sie jetzt ein Buch darüber geschrieben hat.
Jake Lamar: Das schwarze Chamäleon
Hamburg: Edition Nautilus, 2024. 328 S., 22 Euro
von Gerhard Klas
Wer kennt noch Eldridge Cleaver? 1968 war er einer der bekanntesten und extremsten Vertreter der Black-Power-Bewegung in den USA. Nach einem siebenjährigen Exil vollzog er eine radikale politische Wendung. Er wandte sich der Religion zu, bezeichnete sich als Antikommunist und wurde Unternehmer. Brogus, ein Universitätsprofessor und Hauptverdächtiger im Kriminalroman von Jake Lamar, ist an diese historische Figur angelehnt.
Vor 500 Jahren
Der deutsche Bauernkrieg
von Jürgen Bönig
Im Februar 1525 formulierten Bauern im oberschwäbischen Memmingen Zwölf Artikel der Bauernschaft, sie benannten die Gründe für ihren im Frühjahr folgenden Aufstand. Sie legten damit den Grundstein für die erste große Revolution in der modernen Geschichte, die sich in deutschen Landen, der Schweiz und Österreich ausbreitete; sie hatte Vorläufer in den Niederlanden, Ungarn und Slowenien gehabt.
Eine alte, zweischneidige Waffe
Hannes Hofbauer: Im Wirtschaftskrieg. Die Sanktionspolitik des Westens und ihre Folgen. Das Beispiel Russland. Wien: Promedia, 2024. 254 S., 22 Euro
von Albrecht Kieser
Wirtschaftssanktionen ziehen sich durch die Gewaltgeschichte der Menschheit.
Schon vor fast 2500 Jahren begannen Würgeversuche mit dem Handel, als Athen eine Wirtschaftsblockade gegen Sparta verhängte. Sie mündete in den 30jährigen Peloponnesischen Krieg um die Vorherrschaft im antiken Griechenland.
Befreiung aus den Fesseln der Konkurrenz
Plädoyer für solidarische Kooperation
von Manuel Kellner
Jakob Schäfer: Konkurrenz – Grundprinzip einer vernünftigen Gesellschaftsordnung?, Wien: new academic press, 2024. 151 S., 12,90 Euro
Wie so oft bei Titeln mit Fragezeichen lautet die Antwort »Nein!«. Konkurrenz ist keineswegs das »Grundprinzip einer vernünftigen Gesellschaftsordnung«. Sie ist das Grundprinzip der kapitalistischen Produktionsweise.
Wie Russland wurde, was es ist
Kapitalismus ohne Demokratie
von Elfriede Müller
Katharina Bluhm: Russland und der Westen. Ideologie, Ökonomie und Politik seit dem Ende der Sowjetunion. Berlin: Matthes und Seitz, 2024. 490 S., 34 Euro
Dogan Akhanli: Sankofa
Bremen: Sujet Verlag, 2024. 563 S., 29,80 Euro
von Ayse Tekin
»Wenn mein Mann mich über seine Flucht informiert hätte, warum sollte ich hierbleiben und darauf warten, dass ich festgenommen werde? Wenn Ihre Frau flüchten würde, würden Sie dann zu Hause auf sie warten? Hätte ich gewusst, dass er fliehen wird, wäre ich zumindest in Erzincan, damit ich ihm helfen kann.« So Gülsen zu dem Offizier, der sie ins Revier mitgenommen hat um zu fragen, wo ihr Mann sein könnte. So sind alle Frauen in Sankofa, Dogan Akhanlis posthum erschienenem Buch: direkt, herausfordernd und kämpferisch.
Der Entfesselungskünstler Harry Houdini (1874–1926)
Kopfüber aus der Zwangsjacke
von Kai Böhne
Seine Mutter Cecilia konnte den besten Apfelkuchen der Welt backen, das vollendete Backwerk habe sie dann in einem Schrank verschlossen, erzählte der Magier und Entfesselungskünstler Harry Houdini gern seinen Bewunderern. Um an seine Leibspeise zu gelangen, habe er bereits in frühester Kindheit begonnen zu lernen, wie sich ein Schloss kunstvoll öffnen und wieder verschließen lässt. So erklärte er die Anfänge seiner Karriere, sich aus Handschellen, Fesselungen, Ketten, Zwangsjacken und zugenagelten Holzkisten zu befreien.
Marija Gimbutas (1921–1994)
Woher das Patriarchat kommt
von Angela Klein
Generationen von Anthropologen, Archäologen, Ethnologinnen und Feministinnen haben versucht herauszufinden, ob es in der Vorgeschichte der Menschheit Beweise für die Existenz nichtpatriarchalischer und egalitärer Gesellschaften gegeben hat. Ein solcher Nachweis ist für die Glaubwürdigkeit der marxistischen Gesellschaftskritik von herausragender Bedeutung. Würde er doch bekräftigen, dass Klassengesellschaft und Patriarchat – beides hängt eng zusammen – etwas geschichtlich Gewordenes und nicht etwas dem Menschen wesenhaft Anheftendes sind; und da sie menschengemacht sind, können sie auch wieder abgeschafft werden.
No other Land
von Peter Nowak
No Other Land
Dokumentarfilm
2024, 95 min.
Ein Video mit seiner toten Enkelin im Arm machte Scheich Khaled Nabhan weltweit bekannt. Der alte Mann aus dem Gazastreifen zeigte öffentlich die Trauer über den Tod des Kindes. Er wurde zum Gesicht der Zivilbevölkerung im Gazastreifen, die nichts mit der Hamas zu tun hat und trotzdem zum Opfer der israelischen Kriegsführung wird.
›Das ist kolonial!‹
An den Rand notiert
von Rolf Euler
So hieß eine Ausstellung im Landesmuseum Westfalen-Lippe (LWL) »Zeche Zollern« in Dortmund in diesem Sommer. In der Umgebung eines ehemaligen Bergwerks sollte auf die deutsche Geschichte der Kolonialzeit hingewiesen werden.
›Nicht mit den herrschenden Wölfen heulen‹
Antimilitaristische Positionen aus der Ukraine
von Angela Klein
AK Beau Séjour: Sterben und sterben lassen. Der Ukrainekrieg als Klassenkonflikt. Berlin: Die Buchmacherei, 2024. 208 S., 15 Euro
Die Buchmacherei ist schon ein kleines Trüffelschwein. Immer findet sie zu wichtigen Debatten Beiträge, die abseits des Mainstreams liegen und gerade deshalb höchst wertvoll sind.
So auch jetzt wieder zum Thema Ukraine. Das vorliegende Büchlein – klein gedruckt und mit ziemlich viel Stoff – leistet vier Dinge:
Die belgische Linke auf Erfolgskurs
Politik für die Arbeiterklasse ist der Schlüssel für linke Erfolge
von Peter Nowak
Peter Mertens: Meuterei – wie unsere Weltordnung ins Wanken gerät. Berlin: Brumaire, 2024. 284 S., 19 Euro
Der belgische Sozialist Peter Mertens stellte in Berlin seine Thesen für erfolgreiche linke Politik vor. Doch sind sie auf Deutschland übertragbar?
Gewalt?
Mithu Sanyal: Antichristie. München: Hanser, 2024. 544 S., 18,99 Euro
von Elfriede Müller
Antichristie ist ein überzeugendes Buch, das ein anspruchsvolles, anregendes und witziges Lesevergnügen bietet. Es thematisiert die komplexe Frage linker Gewalt am Beispiel des indischen Unabhängigkeitskampfes.
Erstarrtes Land
Die Viennale 2024
von Kurt Hofmann
Auch in ihrer 62.Ausgabe bot die Viennale, der Höhepunkt des österreichischen Kinojahrs, wieder ein hochwertiges und variantenreiches Programm.
Die Rote Kapelle im Film
In Liebe, Eure Hilde, Deutschland 2024, Regie: Andreas Dresen; Drehbuch: Laila Stieler
von Peter Nowak
Nur mit einem Schal vermummte junge Leute überkleben mit weißen Papierstreifen, auf denen politische Parolen stehen, Plakate in einer Unterführung. Die Szene sieht auf den ersten Blick wie die Aktion junger Leute aus, die heute mit Adbusting-Aktionen politische Plakate bspw. der Bundeswehr oder der Polizei verfremden. Doch was machte der Mann in Offiziersuniform in dem Bild?
Blenden, lügen, schmieren
Politiker in Maßanzügen, die sich für unbesiegbar halten
von Manuel Kellner
Petra Hartlieb: Freunderlwirtschaft. Kriminalroman, Köln: Dumont, 2024. 413 S., 18 Euro. www.buecherserien.de/petra-hartlieb/
Das vorliegende Buch gehört auf jeden Gabentisch zum Jahresende. Petra Hartlieb, Buchhändlerin in Wien, präsent in den großen Medien Österreichs mit ihren Buchempfehlungen und selbst Bestsellerautorin (das fing an mit Meine wundervolle Buchhandlung, inzwischen sind viele Romane dazu gekommen) hatte einige Jahre lang in Dezemberausgaben der SoZ auf bemerkenswerte Titel aufmerksam gemacht. Angesichts der Qualität ihrer jüngsten Buchveröffentlichung drängt es sich nun auf, unsererseits ihr letztes Werk zu empfehlen.
Erinnert euch!?
An den Rand notiert
von Rolf Euler
Urlaub in Frankreich – so freundliche Gastgeber:innen, so wanderbare Gegenden, so gute Begegnungen und so hervorragendes Essen und Wein.
Urlaub in Frankreich: So viele Mahnmale stehen am Straßenrand. Sommer 1944, der Einmarsch der Alliierten in Frankreich ist gelungen, an vielen Orten im Süden werden deutsche Truppen abgezogen. Sie hinterlassen Verbrechen, deren in diesem Jahr nach 80 Jahre in vielen Städten gedacht wird, zusammen mit dem Gedenken an die Befreiung von den Besatzern.
Radikaler und interaktiver Universalismus
Antworten auf den grassierenden neoliberalen Nationalismus
von Elfriede Müller
Die internationale Philosophie der letzten Jahre versucht auf unterschiedliche Art und Weise, der Nationalisierung des Lebens auf allen Ebenen etwas entgegenzusetzen. Es handelt sich dabei meistens um linksliberale Autor:innen, die auf Begriffe der Menschenrechte rekurrieren, den in postkolonialen Debatten zurecht in Verruf geratenen Terminus des Universalismus und des Kosmopolitismus wiederbeleben und versuchen, diese Begriffe mit neuem Inhalt und kritischem Potenzial zu versehen. Selten wird auf den – in der Praxis auch sehr widersprüchlichen – Internationalismus der Arbeiterbewegung zurückgegriffen.
Lasst uns über Sozialismus reden
Ein nützliches Plädoyer
von Thies Gleiss
Bernd Riexinger, Raul Zelik: Was ist Sozialismus heute? Warum wir den Kapitalismus überwinden müssen. Hrsg. Rosa-Luxemburg-Stiftung. August 2024, 40 S. Kostenlos bestellbar über die RLS
Der frühere Vorsitzende der Partei Die Linke, Bernd Riexinger, und der Schriftsteller, Mitarbeiter des Neuen Deutschland und früheres Mitglied des Parteivorstands der Linken, Raul Zelik, haben gemeinsam einen kleinen Text erarbeitet, in dem sie die Aktualität des Sozialismus für Programm und Praxis der Linken begründen.
Erkämpft das Menschenrecht
Beiträge zur linken Debatte
von Manuel Kellner
Erkämpft das Menschenrecht! Für Frieden, Antifaschismus, Internationalismus und Kultur. Hrsg. Sevim Dagdelen, Annette Groth, Norman Paech. Köln: Papyrossa, 2024. 163 S., 16 Euro
Die in diesem Buch versammelten Beiträge gehen zurück auf ein Symposium vom 7.Oktober 2023 zum 85.Geburtstag von Norman Paech.
Buchtipp
Eine ostdeutsche Stadt
von gk
Elsa Koester: Im Land der Wölfe. Frankfurt: FVA, 2024. 320 S., 24 Euro
In Grenzlitz, einer ostdeutschen Stadt, tobt der Wahlkampf. Zu den Favoriten gehören die grüne Bürgermeisterkandidatin und ihr Konkurrent von den »Blauen«. Die Autorin Elsa Koester, stellvertretende Chefredakteurin der Wochenzeitung Der Freitag erkundet die Befindlichkeit der Bevölkerung zwischen grün und blau, zwischen Ideen von einer fortschrittlichen Zukunft und der Angst vor dem Fremden und den vielen Grautönen dazwischen.
Vor 40 Jahren: Der Streik der britischen Bergleute
Frauen waren das Rückgrat eines historischen Arbeitskampfes
von Ayse Tekin
Vor 40 Jahren, vom 10. bis 20.Oktober 1984, besuchten Frauen der streikenden Bergleute aus England, Kay Sutcliffe und Marie Collins, Deutschland, um hier für Solidarität mit einem spektakulären Arbeitskampf zu werben. Auf zahlreichen Veranstaltungen wurde Geld gesammelt. In Köln bildete sich eine Unterstützergruppe für die Zeche Snowdown, die von dem Arbeitskreis »Frau und Arbeit« getragen wurde. Die Gruppe sammelte Geld und Geschenke, eine Delegation aus fünf Frauen brachte sie persönlich zur Weihnachtszeit nach Aylesham/Kent.
Erinnerungen an ›Kleine Leute‹
Eine Reise durch drei Jahrhunderte
von Rolf Euler
Kleine Leute in Westfalen. Hrsg. Ulrike Gilhaus, Kirsten Bernhardt. Münster: Ardey, 2024. 230 S., 29,90 Euro
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), der mehrere Industriemuseen betreibt, bringt ein bemerkenswertes Buch heraus: »Kleine Leute in Westfalen«, ein Forschungs- und Sammlungsband mit Beiträgen vieler Autor:innen.
Antifa ist mehr als Militanz
Ein Anstoß zur Diskussion über Strategien gegen Rechts
von Peter Nowak
Antifa – Schulter an Schulter, wo der Staat versagte. Deutschland 2024, 92 Min. Regie und Drehbuch: Marco Heinig, Steffen Maurer; Produktion: leftvision;
www.antifa-film.de/
Düsteres Verlangen
Das Filmfestival in Locarno 2024
von Kurt Hofmann
Juryentscheidungen sind häufig Kompromisse. Dies gilt wohl auch die Preisverleihung des »Goldenen Leoparden« an den litauischen Film Akiplesa (Regie: Saula Biluvalté).
Der Film erzählt die Geschichte einer Mädchenfreundschaft rund um eine erhoffte Modelkarriere. Zwei Außenseiterinnen halten gegen Mobbing zusammen, machen sich Gedanken über schlanke Körper, aber mehr noch über das Entfliehen aus der Provinz in die große Stadt. Der Film ist ein intimes Porträt, sensibel erzählt.
Verkehrswendestadt Wolfsburg
Filmtipp
von Matthias Becker
Verkehrswendestadt Wolfsburg. Den automobilen Konsens aufbrechen
Deutschland 2024
Regie: John Mio Mehnert
film.verkehrswendestadt.de/
Bertha von Suttner (1843–1914)
Die Waffen nieder!
von Gisela Notz
Als Vorkämpferin der Friedensbewegungen hat die Schriftstellerin Bertha von Suttner den bürgerlichen Frauengruppen der Jahrhundertwende entscheidende Impulse gegeben. Obwohl sie aus österreichischem Adel stammte, fand sie die Verbindung zur sozialistischen Frauenbewegung und selbst August Bebel hatte Kontakt zu ihr. Mit dem Antikriegsroman Die Waffen nieder! schrieb sie einen der wichtigsten Romane ihrer Zeit. Ihr Leben ist selbst ein Roman.
Erich Kästner
An den Rand notiert
von Rolf Euler
Lieber Erich Kästner,
dies Jahr ist dein 125.Geburtstag und – leider auch – dein 50.Todestag. Wenn ich dir trotzdem schreibe, dann weil du natürlich weitaus lebendiger bist, als diese Daten vermuten ließen. Gratulationen sind daher zwar eher unangebracht, Mitdenken aber hoffentlich in deinem Sinne.
Geschichte und politische Macht ökonomischer Ideen (IV)
Karl Marx und Mary Burns: Die verborgene Stätte der Produktion
von Ingo Schmidt
Zur Erinnerung: Thomas Malthus sah in steigenden Löhnen die Ursache einer die Agrarproduktion übersteigenden Bevölkerungszunahme. Hunger und ein Rückgang von Bevölkerung und Löhnen auf ihr ursprüngliches Niveau seien die Folge. David Ricardo übernahm Malthus’ Lohntheorie – von Ferdinand Lassalle als »ehernes Lohngesetz« bezeichnet. Wachsende Bevölkerungs- bzw. Beschäftigungszahlen galten ihm allerdings als möglich und notwendig, weil er – wie fast alle klassischen Liberalen – die Arbeit als Quelle von Wert und Profit ansah.
Nach den Rechten in Hessen sehen
Rechtsextreme Mordtaten seit Beginn der Bundesrepublik
von Peter Nowak
Sascha Schmidt, Yvonne Weyrauch: Rechter Terror in Hessen. Geschichte, Akteure, Orte. Frankfurt a.M.: Wochenschau-Verlag, 2024. 399 S., 29,80 Euro
Kriege und Literatur
Uri Jitzschak Katz: Aus dem Nichts kommt die Flut. Hamburg: Hoffmann und Campe, 2024. 572 S., 26 Euro
von Elfriede Müller
Der erfolgreiche israelische Drehbuchautor Uri Jitzschak Katz hat seinen ersten Roman vorgelegt, der sich zum Teil wie ein Drehbuch liest. Ein verwirrendes und auch verwirrtes Werk, das manchmal spannend, lustig, traurig, klug, überraschend und dann wieder langatmig ist.
Lisa Fittko
Eva Weissweiler: Lisa Fittko. Biographie einer Fluchthelferin. Hamburg: Hoffmann und Campe, 2023. 380 S., 25 Euro
von Manuel Kellner
Lisa Fittko ist bekannt geworden als Fluchthelferin von Walter Benjamin. 1985 schrieb sie Mein Weg über die Pyrenäen. 1986 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz erster Klasse aus den Händen des deutschen Bundespräsidenten Weizsäcker. Doch sie und ihre Mitstreiter haben auch viele andere Flüchtlinge über die rettende Grenze geführt. Das war eine erste Motivation für die Biografin Eva Weissweiler, ihre Tätigkeit genauer zu beleuchten. Sie zitiert dafür in ihrem Vorwort Walter Benjamin selbst: »Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.«
Alice Milliat
Der Kampf der Frauen für Gleichberechtigung im Sport bei den Olympischen Spielen
von Kai Böhne
Die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit 1896 in Athen waren, ebenso wie in der Antike, reine Männersache. Das im Juni 1894 gegründete Internationale Olympische Komitee (IOC) legte wenig Wert auf Frauensport, er galt zu Beginn des 20.Jahrhunderts als unschicklich. Das änderte sich auch in den Folgejahren nur in sehr kleinen Schritten: 1900 durften Frauen bei den Olympischen Spielen im Tennis und Golf starten, vier Jahre später auch im Bogenschießen, 1908 im Eiskunstlauf und 1912 feierten sie ihr Debüt im Schwimmen.
Vor 109 Jahren: Das Zimmerwalder Manifest
Proletarier aller Länder vereinigt euch!
dokumentiert
In Erwägung
– dass wir erneut auf einen Weltkrieg zusteuern,
– dass ein solcher die Spezies Mensch bedrohen würde,
– dass nur die Besitzenden ein Interesse an diesem Krieg haben können,
– und dass nur die entschlossene gemeinsame, internationale Aktion ihn verhindern kann,
veröffentlichen wir hiermit noch einmal das Zimmerwalder Manifest von 1915.
Es ist leider wieder sehr aktuell.
Kapitalismus am Limit
Eine radikale Abrechnung mit der kapitalistischen Weltordnung
von Rolf Euler
Ulrich Brand, Markus Wissen: Kapitalismus am Limit. München: Oekom, 2024. 320 S., 24 Euro
Ulrich Brand und Markus Wissen haben zu ihrem ersten Buch, Imperiale Lebensweise, nun nachgelegt und eine fulminante und radikale Abrechnung mit der kapitalistischen Weltordnung verfasst. Sie gehen dabei noch stärker auf die Produktionsweise ein, mit der Natur und Mensch ausgebeutet werden.
Ein europäisches Dilemma
Vorschläge gegen Europamüdigkeit
von Matthias Becker
Europa 2050 – souverän, sozial, handlungsfähig. Hrsg. T.Hartmann-Cwiertnia u.a. Bonn: Dietz, 2024. 168 S., 18 Euro
Ein neuer Sammelband aus der Friedrich-Ebert-Stiftung will Hoffnung für die Zukunft der Europäischen Union schüren. Doch das Buch belegt eher, wie gespalten die Union in Wirklichkeit ist.
Chile unter Pinochet
Nona Fernández: Twilight Zone. Aus dem Spanischen von Friederike von Criegern. Hamburg: Culturebooks, 2024. 240 S., 24 Euro
von Gerhard Klas
Diktaturen wie die von Augusto Pinochet in Chile hinterlassen tiefe gesellschaftliche Traumata. Ihre Aufarbeitung ist ein mühevolles Unterfangen, das nur selten gelingt. Ein großer Wurf ist deshalb der neue Roman Twilight Zone der preisgekrönten chilenischen Schriftstellerin Nona Fernández.
Maria Mies (1931–2023)
Für globalen Frieden, Ökologie und soziale Gleichheit
von Kai Böhne
«Du brauchst nur aufzuheben, was dir vor die Füße fällt«, erzählte Maria Mies der Taz-Autorin Elisabeth Meyer-Renschhausen, während sie auf einem Spaziergang gesammeltes Fallobst schälte und klein schnitt, um es zu Kompott zu verarbeiten. Meyer-Renschhausen hatte die Soziologin im Oktober 2018 für ein Porträt in einem Kölner Altenheim besucht.
Erich Mühsam, 1878–1934
Literat – Pazifist – Anarchist
von Volker Brauch
Das literarische und politische Schaffen von Erich Mühsam ist geprägt durch die unbedingte Aufrichtigkeit und Kompromisslosigkeit, seinen Traum von einem selbstbestimmten, freien Menschen zu verwirklichen. Er bezahlte ihn mit Anfeindungen, Niederlagen, Gefängnisaufenthalten, Folter und letztlich mit dem Tod. Seine Parteinahme galt immer den Ausgestoßenen, Entrechteten und Ausgebeuteten, denen er sich mit tiefem menschlichem Gefühl verbunden fühlte. Bis heute zeigt sein Lebenswerk eine große Strahlkraft. Der 10. Juli, 90.Jahrestag seines Todes, ist ein Anlass, an ihn zu erinnern.
Die ›dritte Zerstörung Stuttgarts‹
Vor 30 Jahren wurde mit Stuttgart 21 die Zerstörung des Bahnknotens und der neoliberale Umbau der Stadt angeschoben
von Tom Adler
Vor 30 Jahren, am 18.April 1994, wurde das Tunnelbahnhofsprojekt Stuttgart 21 von fünf profitlich feixenden Herren der Presse vorgestellt. Kein Superlativ sei übertrieben, strahlte Ministerpräsident Erwin Teufel, sekundiert von Herren, die inzwischen meist tot oder nicht mehr zur Verantwortung zu ziehen sind für das, was sie seither der Stadt und dem Bahnverkehr angetan haben: Die fatalste Weichenstellung für Stuttgart nach dem (Nachkriegs-)Umbau zur »autogerechten Stadt«.*
Geschichte und politische Macht ökonomischer Ideen (II)
Adam Smith: Freihandel fürs Kleinbürgertum
von Ingo Schmidt
Adam Smith (1723–1790) war ein Kind der herrschenden Klasse. Der Vater Anwalt, die Mutter Grundbesitzerin. Er hatte einflussreiche Freunde mit einem offenen Ohr für seine ökonomischen Theorien und politischen Ratschläge. Aber erst nach seinem Tod wurden seine Ideen zu einem der zentralen Bezugspunkte des Liberalismus. Die »unsichtbare Hand des Marktes« ist bis heute gängige Floskel liberaler Theorie und Ideologie, obwohl sie bei Smith nicht mehr als eine nebenbei erwähnte Metapher ist.
Verhängnisvolle Freundschaft
Über Grundzüge des US-Imperialismus
von Angela Klein
Werner Rügemer: Verhängnisvolle Freundschaft. Wie die USA Europa eroberten. Köln: Papyrossa, 2023. 328 S., 22,90 Euro
Da denkt man, das Register der Verbrechen der US-Regierungen enthalte nichts mehr, was nicht bekannt wäre – doch weit gefehlt! Werner Rügemer unternimmt in seinem neuen Buch den Versuch, die Systematik hinter diesen Verbrechen zu erforschen und sie aus dem Entstehungsprozess der Vereinigten Staaten von Amerika selbst herzuleiten. Dabei ergeben sich etliche Erkenntnisgewinne.
Buchtipp
Lexikon des guten Lebens
von Rolf Euler
Pluriversum. Ein Lexikon des Guten Lebens für alle. Neu-Ulm: AG SPAK, 2023. 326 S., 18,50 Euro
Wer braucht denn heute noch Lexika – ist nicht alles auf Wikipedia zu finden?
Nein, dieses Buch ist durch Internetlexika nicht zu ersetzen! Es umfasst einen großen Wortschatz des »Pluriversums«, also des »Guten Lebens für alle«.
Tarnen und Täuschen
Filmfestival Crossing Europe
von Kurt Hofmann
Crossing Europe, das Festival des europäischen Films in Linz, bot auch in seiner Ausgabe 2024 ein vielfältiges Programm mit gesellschaftspolitisch relevanten Themen.
Briefträger-Palast
Ein Denkmal aus Wegesrand-Steinen
von Kai Böhne
Unabhängig von allen künstlerischen Strömungen gestaltete der französische Postzusteller Ferdinand Cheval ein einzigartiges, märchenhaftes Bauwerk aus Wegesrand-Steinen.
In seiner Bibelübersetzung des Buches Jesaja schreibt Martin Luther vom »Stein des Anstoßes« und vom »Fels des Ärgernisses« (Jes.8,14). Seine Formulierung wurde zum Allgemeingut und kennzeichnet im übertragenen Sinn den Auslöser eines Streits oder Ärgernisses.
Immanuel Kant (1724–1804)
›Der Friede ist das Meisterwerk der Vernunft‹
von Hermann Klenner
Immanuel Kant wurde am 22.April 1724 als viertes von neun Kindern des Handwerkmeisters Johann Georg Kant und dessen Ehefrau Anna Regina Kant geboren. Von 1730 bis 1732 besuchte er eine Hospitalschule, danach bis 1740 das pietistische Kollegium Fridericianum. Seine Mutter wie sein Vater erhielten nach ihrem Ableben 1737 bzw. 1746 ein Armenbegräbnis. 1740 begann er ein Universitätsstudium, verließ aber die Universität ohne Examina.
Industrie-Kultur
An den Rand notiert
von Rolf Euler
Im Ruhrgebiet wird das 25.»Geburtsjahr« der Route der Industriekultur begangen. 1999 waren gerade heftige Bergarbeiterproteste gegen die vorzeitigen Stilllegungspläne aus Bonn verebbt, Stahlindustrie, Bergwerke und Kokereien gab es noch in deutlich sichtbarer Größe. Nun aber wurden alte Standorte entgegen Abrissplänen erhalten. Daraus wurde eine »Route der Industriekultur« erfunden – das zeigte den reformerischen Blick der Zeit.
Kapitalismus als Stoffwechselstörung
Wie Ausbeutung der Arbeit und Zerstörung der Natur zusammenhängen
von Matthias Becker
Simon Schaupp: Stoffwechselpolitik. Arbeit, Natur und die Zukunft des Planeten. Berlin: Suhrkamp, 2024. 417 S., 24 Euro
Vor 100 Jahren: Rebel Girl auf Rädern
Alfonsina Strada, die einzige Starterin beim Giro d’Italia der Männer
von Kai Böhne
Neben der Tour de France und der Vuelta a España gehört der Giro d’Italia weltweit zu den bedeutendsten Länderrundfahrten des Straßenradsports. Seit 1909 wird der Giro alljährlich im Mai ausgetragen. Die wechselnde Streckenführung führt durch Italien und das angrenzende Ausland. Bis in die 60er Jahre startete das Rennen in Mailand, dem Hauptsitz der Tageszeitung Gazzetta dello Sport, die den Wettstreit als Werbeaktion initiiert hatte.
Rund acht Jahrzehnte hindurch war der Giro eine reine Männerdomäne. Frauen waren ausgeschlossen.
Acqua Alta
Das neue Buch der französischen Bestsellerautorin
von Gerhard Klas
Isabelle Autissier: Acqua Alta. Aus dem Französischen von Kirsten Gleinig
Hamburg: mare, 2024. 208 S., 23 Euro
Die großen Streiks 1924
Eine Ausstellung in Wuppertal
dokumentiert
14.April bis 12.Mai 2024
Verteilungsstelle Kunst und Geschichte
Sedanstr.86/88, 42281 Wuppertal
Jeweils Sa und So von 13 bis 17 Uhr, Tel. (0202) 763553, Eintritt frei
Kambodscha
Vom Terrorregime der ›Roten Khmer‹ zum Kapitalistenparadies
von Gerhard Klas
Ein weitläufiger Schulcampus in der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh, gesäumt von Palmen, Kokos- und Mangobäumen. Ein paar verrostete Stangen aus Stahl stehen auf dem Hof. Sie erinnern an ein Gestell, an dem vielleicht einmal Schaukeln hingen. Ab 1975, das ist gewiss, dienten sie dazu, die Insassen des berüchtigten Gefängnisses S-21 bzw. Tuol Sleng zu foltern. Ihnen wurden die Hände hinter dem Rücken mit einem Seil zusammengebunden, dann wurden sie hochgezogen und hängen gelassen – bis zum Eintritt der Bewusstlosigkeit.
Die Nelken sind verblüht
Zum 50.Jahrestag der portugiesischen Revolution
von Paul Stern
Agenten der faschistischen Geheimpolizei PIDE ermorden noch vier Menschen, bevor ihre Zentrale von den aufständischen Massen eingenommen wird: Am Morgen des 25.April 1974 besetzt die Bewegung der Streitkräfte (MFA – Movimento das Forças Armadas) verschiedene strategische Punkte in Lissabon und stürzt die 1926 errichtete faschistische Diktatur von António de Oliveira Salazar, dem Führer des Estado Novo. Das Ziel der Bewegung ist die Beendigung der 13 Jahre zuvor begonnenen Kolonialkriege, freie Wahlen und die Einführung einer bürgerlichen Demokratie.
Nur Lumpen werden überleben
Ein scharfer Blick auf die deutschen Verhältnisse
von Peter Nowak
Gerald Grüneklee: Nur Lumpen werden überleben. Die Ukraine, der Krieg und die antimilitaristische Perspektive. Wien: Mandelbaum, 2024. 166 S., 15 Euro
Deutschland soll wieder kriegsfähig werden, fordern Politiker:innen von Union, Grünen, FDP und SPD. Sie überbieten sich gegenseitig in den Maßnahmen, die sie vorschlagen, um Russland zu ruinieren, wie Bundesaußenministerin Annalena Baerbock ganz offen verkündet.
Missak Manouchian (1906–1944)
Ein armenischer Résistancekämpfer in Frankreich
von Kai Böhne
Am 21.Februar 1944 wurde Missak Manouchian zusammen mit weiteren 25 Widerstandskämpfern auf dem Mont-Valérien hingerichtet. Unter den Toten waren 22 Mitglieder eines von Manouchian angeführten Partisanennetzwerks sowie drei bretonische Gymnasiasten, die wegen Freischärlertätigkeit verurteilt worden waren.
Hinter der Mauer
Jonathan Glazers The Zone of Interest
von Kurt Hofmann
Fein säuberlich getrennt. So verläuft das Leben des Ehepaares Höß in Auschwitz. Die Trennlinie ist nicht nur die Mauer zwischen dem von Frau Höß liebevoll angelegten Garten und den von ihrem Gatten Rudolf Höß geleiteten KZ. Sie steht auch paradigmatisch für die Ignoranz all derer, die ja, bewahre, keine Täter:innen waren, und nur »ihr Leben gelebt haben«, dabei alles relativierend, was außerhalb von Haus und Herd, »hinter der Mauer« vorging.
Gaza verliert Kulturschaffende
Mustafa al-Kurd gestorben/Bombenterror tötet Refaat Alareer
von Hermann Dierkes
Am 18.Februar ist der Liedermacher, Poet und Theaterkünstler Mustafa al-Kurd in Gaza nach langer Krankheit im Kreis seiner Familie gestorben. Er gilt als Vater des palästinensichen politischen Liedes. Geboren 1945 in Jerusalem, war er schon als Kind begeistert von den verschiedenen Musikrichtungen, die hier aufeinandertrafen: die Sufi-Gesänge, arabische Oud-Musik, byzantinische Hymnen sowie palästinsische und europäische Folklore.
Wladimir Iljitsch Uljanow (22.April 1870–21.Januar 1924)
Lenin und die III.Internationale
von Elfie Müller
Die erste antikolonialistische Weltpartei, die Kommunistische Internationale, war die praktische Konsequenz von Lenins Imperialismusanalyse.
80 Jahre nach dem Ende der Belagerung von Leningrad
Der Vernichtungsfeldzug der israelischen Regierung und Armee in Gaza wirft viele Parallelen aufvon Hermann Dierkes
Der von Regierung und Armee offen propagierte, völkermörderische Vernichtungskrieg Israels gegen den Gazastreifen und seine 2,3 Millionen BewohnerInnen grassiert nun seit Anfang Oktober letzten Jahres. Nach drei Wochen pausenloser Bombardierung begann am 28.Oktober die Bodeninvasion mit weiteren schweren Bombardierungen, Artillerie- und Marinebeschuss, Sprengungen und Scharfschützen. Offiziell – und im klaren Gegensatz zu zahlreichen Ansagen israelischer Politiker und Offiziere – kämpft man nicht gegen die Bevölkerung von Gaza, sondern gegen die ”Terrororganisation Hamas”, die am 7. Oktober mit ihrem verheerenden Angriff auf israelische Grenzorte und der Mitnahme von Geiseln den Rachefeldzug ausgelöst hat.
Crimmitschau: ›Eine Stunde fürs Leben!‹
Vor 120 Jahren streikten im roten Sachsen die Textilarbeiterinnen
von Gisela Notz
Die Stadt Crimmitschau war im 19.Jahrhundert ein Zentrum der aufstrebenden Textilindustrie. Sie spielte schon früh eine Rolle in der deutschen Arbeiterbewegung. Bereits 1860 wurde hier ein Arbeiterbildungsverein gegründet, in dem die Weber:innen Unterricht im Rechnen und Schreiben, in Sprachen und Buchführung erhalten konnten.
Glück und Wohlstand für viele
Radikale Alternativen zum Patriarchat
von Gerhard Klas
Kristen R. Ghodsee: Utopien für den Alltag. Eine kurze Geschichte radikaler Alternativen zum Patriarchat. Berlin: Suhrkamp, 2024. 430 S., 28 Euro
Eine quellenreiche Pionierarbeit
Lexikon des deutschen Rätekommunismus
von Peter Nowak
Philippe Bourrinet: Biografisches Lexikon des deutschen Rätekommunismus 1920–1960. Berlin: Die Buchmacherei, 2023. 300 S., 18 Euro
Gegen alle Klischees
Die Jugendlichen der Banlieues
von Gerhars Klas
Diaty Diallo: Zwei Sekunden brennende Luft. Aus dem Französischen von Nouria Behloul und Lena Müller. Hamburg: Assoziation A, 2023. 192 S., 20 Euro
Nie wieder ’33
Lieder und Texte gegen den Faschismus, zwischen gestern und heute
Ein Gespräch mit Bernd Köhler
Wolfgang Alles sprach für Avanti2 mit dem Mannheimer Musiker Bernd Köhler (Gitarre, Gesang) über das aktuelle »Musikalisch-literarische Programm zwischen gestern und heute«, das er zusammen mit der Schauspielerin Bettina Franke (Texte, Gedichte, Gesang) und dem Geiger Joachim Romeis realisiert hat.
Europa, Europa
Ein Film über die Flüchtlingsabwehr an Polens Grenze zu Belarus
von Gaston Kirsche
Green Border – Zielona granica
Polen, Frankreich, Tschechische Republik, Belgien 2023
Regie: Agnieszka Holland
152 Minuten
Ingrid Strobl (1952–2024)
Eine linke Feministin in Wort und Tat
von Peter Nowak
Ältere Semester können sich vielleicht noch an den großen Westberliner Studierendenstreik in den Jahren 1988/89 erinnern. Neben dem Lateinamerikainstitut war auch das nach Otto Suhr benannte Institut für Politikwissenschaften an der FU (OSI) eines der Zentren des Streiks vor mehr als 35 Jahren. Doch an einem Teil der Institutsgebäude prangte über Nacht ein neues Kürzel: ISI statt OSI.
Solidarität mit Lisa Poettinger
Denunziert mit Lügen und Halbwahrheiten
von Matthias Becker
Manchmal ist es ganz einfach, auf der richtigen Seite zu stehen: Mitlaufen genügt!
›Im eigenen Feuer‹
Buchtipp
von Rolf Euler
Ami Ajalon mit Anthony David: Im eigenen Feuer. Erinnerungen eines Geheimdienstchefs. Mit einem Vorwort von Daniel Barenboim. Bonn: Dietz, 2021 360 S., 26 Euro
Nach dem Kapitalismus
Eine Utopie
von Thies Gleiss
Jakob Schäfer: Mellopolis ’48 – Eine Reportage. Vision einer Gesellschaftsordnung nach der Überwindung des Kapitalismus. Wien: New Academic Press, 2023. 128 S., 12,90 Euro
Die wilden Streiks von ’73
Arbeitskämpfe vor 50 Jahren
von Thies Gleiss
Im Jahr 2023 jährten sich spektakuläre Arbeitskämpfe in Deutschland zum fünfzigsten Mal. Anders als noch zehn Jahre früher, wo der »Vierzigste« nur von der kleinen Szene linker Gewerkschafter:innen gewürdigt wurde, gab es diesmal eine umfangreiche politische und wissenschaftliche Begleitung des Jahrestages.
›Wer Bunker baut…
…wirft Bomben‹
von Rolf Euler
Berlin Story Bunker Museum
Schöneberger Str.23a, Berlin
www.berlinstory.de
Funken der Hoffnung
Die Februarkämpfe 1934 in Österreich
von Paul Stern
Am 12.Februar 2024 jährt sich zum 90.Mal der Beginn der Februarkämpfe 1934 gegen die Etablierung der austrofaschistischen Diktatur in Österreich. Der Zerschlagung proletarischer Strukturen wie des Republikanischen Schutzbunds der SDAP (Sozialdemokratische Arbeiterpartei) und dem Verbot der KPÖ (Kommunistische Partei Österreichs) stellten sich am 12.Februar 1934 bewaffnete Einheiten der Arbeiter:innen entgegen. Dies war der erste bewaffnete Widerstand in Europa gegen die wachsende Zahl autoritärer und faschistischer Staaten. Die Reaktion der Exekutive war hart und grausam: Standrecht, sofortige Todesstrafen, 2000 Getötete und unzählige zerstörte Wohnungen der Arbeiter:innen.
Die Figur Lenin
von Elfriede Müller
Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, ist am 22.April 1870 geboren und am 21.Januar 1924 gestorben.
El Lissitzky hat in den 20 Jahren ein für Lenin adäquates Denkmal entworfen: die Lenintribüne, eine schräge Stahlkonstruktion mit einer vorgeschobenen flugbereiten Plattform, von der aus Lenin loszuschnellen scheint in Tage und Jahre, die die Welt erschütterten. Zum 50.Geburtstag der Oktoberrevolution wurde vor dem Kreml ein anderes Lenin-Denkmal errichtet: Ein Amtsleiter sitzt mit strenger Miene, Quadratschädel und tadelloser Bügelfalte auf seinem Sockel. Ersteres entspricht Lenins Leben, zweiteres ist Produkt des Leninismus, der aus ihm eine autoritäre Kunstfigur schuf, in deren Namen die Oktoberrevolution verraten wurde.
›Nah bei den Leuten und gemeinsam was anpacken‹
Ines Schwerdtner auf Tour durch die Ostverbände der LINKEN
Interview mit Ines Schwerdtner
Ines Schwerdtner ist Politikwissenschaftlerin und Publizistin. Sie war bis zum Sommer 2023 Chefredakteurin der deutschsprachigen Ausgabe des Magazins Jacobin. Das Interview führte Angela Klein
Hammer-Mann
An den Rand notiert
von Rolf Euler
Als die Gewerkschaftslinke sich vor vielen Jahren in Frankfurt im IG-Metall-Haus am Mainufer traf, fuhr ich mit Willi Scherer von der Autobahn kommend an der Frankfurter Messe vorbei. Auffallend davor: die Figur des »Hammermanns«.
Über die Wurzeln des Nationalsozialismus
Die Freikorps. Eberts Regierungstruppen 1920
von Rolf Euler
Norbert Kozicki: Friedrich Eberts Regierungstruppen nach der Novemberrevolution. Die Geschichte des Freikorps Aulock, der 3.Marine-Brigade Loewenfeld und des Freikorps Ep. Beiträge zum Ursprung des deutschen Faschismus. Berlin: trafo, 2023. 496 S., 42,80 Euro
Industriegeschichte im Revier
Die ›soziale Frage‹ neu aufgegriffen
von Rolf Euler
Soziale Ungleichheit im Ruhrgebiet. In: Forum Geschichtskultur Ruhr. Heft 2, Essen 2023
Über das Auseinanderfallen von arm und reich speziell im Ruhrgebiet gibt es viele Statistiken und Erhebungen der Sozialverbände, der Städte und der Kommunalverbände. Die »soziale Frage« ist eigentlich gar keine Frage, sondern eine Feststellung, die während der Industrialisierung ebenso untersucht wurde wie bei der Stilllegungswelle von Bergbau und Stahl, beim sogenannten Strukturwandel.
Bebel für Anfänger:innen
Gisela Notz (Hrsg.): August Bebel oder: Der revolutionäre Sozialdemokrat. Berlin: Dietz, 2023. 190 S., 12 Euro
von hgm
In der Reihe »Biografische Miniaturen« des Berliner Dietz-Verlags ist nun auch ein Band über August Bebel (1840–1913) erschienen.
›Clankriminalität‹
Ein Kampfbegriff, mit dem Politik gemacht wird
von Matthias Becker
Mohammed Ali Chahrour u.a.: Generalverdacht. Wie mit dem Mythos Clankriminalität Politik gemacht wird. Hamburg: Nautilus, 2023. 320 S., 22 Euro
Der Sammelband Generalverdacht versucht, die öffentliche Debatte über kriminelle arabische Großfamilien vom Kopf auf die Füße zu stellen.
Notwendig wie eh und je
Die Proteste gegen Hartz IV und Bürgergeld – Geschichte und Überblick
von Larissa Peiffer-Rüssmann
Anne Seeck u.a.: KlassenLos. Sozialer Widerstand von Hartz IV bis zu den Teuerungsprotesten. Berlin: Die Buchmacherei, 2023. 256 S., 12 Euro
Man kann auch nichts lernen wollen…
Eine Ausstellung und ein Buch zum Hamburger Aufstand 1923
von Jürgen Bönig
Offensichtlich will das Bürgertum es sich mit seinen Verbrechen bequem machen und dabei gleich noch den Adel mit entschulden.
Verfolgung im Namen des Rechts
Der Leidensweg der Kurd:innen in Deutschland
von Ayse Tekin
Alexander Glasner-Hummel, Monika Morres, Kerem Schamberger: Geflohen. Verboten. Ausgeschlossen. Frankfurt/M.: Westend, 2023. 216 S., 24 Euro
»Wie die kurdische Diaspora in Deutschland mundtot gemacht wird«, lautet der Untertitel des Buches, der von drei Autor:innen als gemeinsamer Text präsentiert wird. Sie bieten zur Zeit auf ihrer deutschlandweiten Lesetour die Möglichkeit, darüber zu diskutieren.
Zur Viennale 2023
Alte Gewissheiten, neue Konzepte
von Kurt Hofmann
Auch heuer war die Viennale, ein Festival von überregionaler Bedeutung, wieder der Höhepunkt des österreichischen Kinojahres. Es wurde ein innovatives Programm geboten.
Mobbing
Buchtipp zum Thema Cybermobbing
von Gerhard Klas
Miriam Leroy: Rote Augen. Aus dem Französischen von Daniele Högerle. Hamburg: Nautilus, 2023. 176 S., 22 Euro
Mobbing in sozialen Medien kann in jede Nische des Alltags vordringen und das Leben vergiften. Das liegt auch an der immer noch weit verbreiteten Verharmlosung des Phänomens. Der belgischen Autorin und Journalistin Miriam Leroy ist es gelungen, die zerstörerische Wucht des Cybermobbings zur Sprache zu bringen.
Es kamen Menschen
Dokumentarfilm: Liebe, D-Mark und Tod
von Ayse Tekin
Liebe, D-Mark und Tod
Deutschland 2022
WDR-Mediathek bis 25.1.2024
Deutschlandlieder – Almanya Türküleri
Deutschland 2022
3sat-Mediathek bis 26.1.2024
Die Trostmaschine und das Elend im System
Eine südkoreanische Pop-Band gaukelt heile Welt vor – ein Milliardengeschäft
von Volker Brauch
BTS nennt sich eine siebenköpfige südkoreanische Boy Group, die sich von Vorgängergruppen deutlich unterscheidet. Es geht nicht nur um Musik, Gesang, Tanz und gute Laune, sondern um ein inszeniertes Kunstprodukt mit hoher emotionaler Verbindung zu ihrer weitweiten Fangemeinde. Permanente Inszenierungen bei Auftritten und im Alltag der Gruppe, mit der die Fangemeinde ARMY auf Trab gehalten wird, vermitteln das Gefühl, mit den Idolen Tür an Tür zu leben, und erzeugen ein gewolltes symbiotisches Abhängigkeitsverhältnis.
Weltraumpostbote Bob
Eine humorvolle, kurzweilige Comic-Reihe aus dem All
von Kai Böhne
Guillaume Perreault: Der Weltraumpostbote. Kassel: Rotopol, 2023. 144 S. in Farbe, 18 Euro
Guillaume Perreault: Der Weltraumpostbote. Die Motoräuber. Kassel: Rotopol, 2023. 152 S. in Farbe, 18 Euro
Ein Waldschützer alter Schule
Der Förster Georg Meister fordert: Rettet die Wälder!
von Matthias Becker
Georg Meister: Rettet unsere Wälder! Vermächtnis und Forderungen eines visionären Försters. Frankfurt am Main: Westend, 2023. 196 S., 36 Euro
Nur noch einer von fünf Bäumen in Deutschland ist nicht geschädigt, das geht aus Schätzungen des Bundeslandwirtschaftsministeriums hervor.
Feminismus
Stefanie Lohaus: Stärker als Wut. Berlin: Suhrkamp, 2023. 271 S., 20 Euro
von Liv Kühnel
Stefanie Lohaus, Gründerin des (queer)feministischen Missy Magazine, beschreibt mit ihrem neuen Buch Stärker als Wut die Geschichte des Feminismus der letzten fünf Jahrzehnte aus deutscher Perspektive. Dabei legt sie nicht nur die Geschichte dar, sondern ergänzt diese mit eignen Erfahrungen.
Brandfilme
Vergiss Meyn nicht, Deutschland 2023, Dokumentarfilm. Regie: Fabiana Fragale, Kilian Kuhlendahl, Jens Mühlhoff
von Peter Nowak
Am 19.September 2019 stürzte der Student der Medienakademie Köln, Steffen Meyn, im Hambacher Forst von einem Baum in den Tod. Er wollte eine Langzeitdokumentation über die Besetzung des Hambacher Forsts drehen. Als er starb, fand ein Polizeieinsatz statt, den er im Baumhaus dokumentieren wollte.
Vier Jahre nach seinem Tod haben Freund:innen und Kommiliton:innen mit dem Film Vergiss Meyn nicht seine Arbeit vollendet.
Braungrauer Kriegsalltag
Der Krieg in der Ukraine aus der Perspektive von unten
von Gaston Kirsche
Igort: Berichte aus der Ukraine. Tagebuch einer Invasion. Aus dem Italienischen von Myriam Alfano. Berlin: Reprodukt, 2023. 168 S., 26 Euro
In seiner Graphic Novel schildert der Zeichner Igort die Grausamkeiten des Krieges durchgehend aus der Perspektive von unten – durch einfache Leute, die der kriegerischen Gewalt ausgeliefert sind. Ein notwendiges Gegenstück zu den geostrategisch daherkommenden großen Diskursen.
Ungewollt: bürgerschaftliche Erinnerungsarbeit
Dem Dokumentationszentrum Emslandlager wird gekündigt
von Rolf Euler
In Esterwegen, Standort eines Konzentrationslagers während der NS-Herrschaft, gibt es eine Gedenkstätte zu den Moorlagern. Im Emsland wurden politische Häftlinge ab 1933, später auch Kriegsgefangene, unter unmenschlichen Bedingungen im Moor eingesetzt, gequält, oft gefoltert und ermordet.
Vor 50 Jahren – der Ford-Streik
Erinnerungskultur und Arbeitskämpfe von Migrant:innen
von Ayse Tekin
In diesem Jahr wurde mit zahlreichen Veranstaltungen und Publikationen an den Kölner Ford-Streik 1973 und andere Arbeitskämpfe von Migrant:innen erinnert. So gut und so umfangreich diese Erinnerungsaktionen auch waren, stellt sich die Frage dennoch, warum diese Arbeitskämpfe nicht in das kollektive Gedächtnis der Gesellschaft, der Migrationsgesellschaft und auch nicht in die Gewerkschaftsgeschichte als ein Meilenstein für einen Wechsel der Perspektive eingegangen sind.
Ein zeitgemäßes Lob des Kommunismus
Kohei Saitos Plädoyer für einen Degrowth-Kommunismus
von Angela Klein
Kohei Saito: Systemsturz. Der Sieg der Natur über den Kapitalismus. Aus dem Japanischen von Gregor Wakounig. München: dtv, 2023. 320 S., 25 Euro
Kohei Saito, japanischer Marxist und Mitarbeiter der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA), verfolgt mit dem Buch ein Anliegen, das er so direkt wie verständlich vermittelt: Er erklärt, das nur der Kommunismus in der Lage ist, die stationäre Wirtschaft zu schaffen, die notwendig ist, damit der Mensch seine natürlichen Lebensgrundlagen erhalten und ein Überleben der Gattung in einem relativen Überfluss sichern kann.
Gegen das bürgerliche Bildungsprivileg
Die Geschichte der 68er Bewegung in Speyer
von Peter Nowak
Herbert Obenland, Wolfgang Hien, Peter Birke: Das andere 1968. Von der Lehrlingsbewegung zu den Auseinandersetzungen am Speyer-Kolleg 1969–72. Berlin: Die Buchmacherei, 2022. 260 S., 15 Euro
Berlin, Frankfurt, Tübingen – mit diesen Orten wird die 1968er Bewegung verbunden. Kaum jemand wird ausgerechnet Speyer mit den Aufbruch in Verbindung bringen. Dabei hatte der auch dort Spuren hinterlassen, wie in dem Buch Das andere 1968 beschrieben wird.
Haiti
Marie Vieux-Chauvet: Der Tanz auf dem Vulkan. Aus dem Französischen von Nathalie Lemmens. München: Manesse, 2023. 496 S., 28 Euro
von Gerhard Klas
Die Autorin Marie Vieux-Chauvet ist 1973 gestorben und die bekannteste Schriftstellerin Haitis. Als sich François Duvalier 1957 zum Diktator aufschwang, bedeutete das für sie massive Einschränkungen. Schließlich musste sie ins US-amerikanische Exil fliehen und lebte bis zu ihrem Tod in New York. Der gerade erst ins Deutsche übersetzte Klassiker der modernen haitianischen Literatur porträtiert Saint Domingue mit seiner rassistisch-kolonialen Gesellschaft, die mit der Revolution der Sklaven 1804 zur Republik Haiti wurde.
Der erste Fallschirmsprung
Tollkühn und hochriskant
von Kai Böhne
Im Mai 2022 meldete die Süddeutsche Zeitung einen Weltrekord: Die 103jährige Schwedin Rut Larsson sei als älteste Fallschirmspringerin in das Guinness-Buch der Rekorde aufgenommen worden.
223 Jahre zuvor gab es noch kein Guinness-Buch, sonst hätte die Französin Jeanne Labrosse (1775–1847) am 12.Oktober 1799 auch einen Eintrag im Buch der Superlative bekommen.
Hugo Blanco (1934–2023)
›¡Tierra o Muerte! Land oder Tod!‹
von Gert Eisenbürger und Maria Sundvall
Hugo Blanco, der peruanische Revolutionär, Bauernführer, ehemalige Parlamentsabgeordnete, Kämpfer für die Rechte der indigenen Bevölkerung und für den Umweltschutz, ist am 25.Juni nach kurzer akuter Krankheit in Uppsala, Schweden, gestorben.
Ukraine, Krieg, linke Positionen
Das neue Heft von Widerspruch zum Ukrainekrieg
von Angela Klein
Widerspruch 80. Beiträge zu sozialistischer Politik. »Ukraine, Krieg, linke Positionen«. Heft 1/2023, Zürich. 18 Euro
Auch diese deutschsprachige Theoriezeitschrift versucht einen differenzierten Zugang zum Krieg in der Ukraine. Anders als die in den vorherigen SoZ-Ausgaben besprochenen Zeitschriften Z – Zeitschrift marxistische Erneuerung und Das Argument begibt sich Widerspruch jedoch in die politische Kontroverse.
Wessen Wahnsinn ist der Wahnsinn?
Über die Hintergründe des Ukrainekriegs und seine Folgen
von Albrecht Kieser
Kriegsfolgen. Wie der Kampf um die Ukraine die Welt verändert. Hrsg. von Hannes Hofbauer und Stefan Kraft. Wien: Promedia, 2023. 255 S., 23 Euro
Wer künftig über den Ukrainekrieg und seine Folgen mitreden will, muss dieses Buch gelesen haben. Es ist eine Pflichtlektüre zumindest für Menschen, die sich aus der kurzatmigen Betrachtungsweise lösen wollen, von der aus diese Schlächterei gemeinhin beurteilt wird.
Die langen Schatten der Migration
Sunjeev Sahota: Das Porzellanzimmer. Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. München: Hanserblau, 2023. 240 S., 23 Euro
von Gerhard Klas
Leid und Schmerz prägen die beiden Hauptfiguren im Roman des Briten Sujeev Sahota, dessen Familie 1966 vom Punjab nach England einwanderte. Patriarchalische Machtstrukturen und rassistische Gewalt erzeugen bei ihnen nicht nur Sucht und Depression, sondern die Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmung.
Lunapark ist Geschichte…
…und was für eine!
von Rolf Euler
Diesen Nachruf hätte die SoZ lieber gar nicht schreiben wollen. Zu unserem und auch vieler anderer Lesenden großen Bedauern hat nach dem Tod von Winfried Wolf die Redaktion von Lunapark21 mitgeteilt, dass das Heft nicht mehr weiter erscheinen kann – zu groß war die Rolle des verstorbenen Gründers und Chefredakteurs Winnie gewesen.
Zum Filmfestival in Locarno 2023
Da kommt der gute Doktor
von Kurt Hofmann
In seinem nunmehr dritten Jahr ist es Festivaldirektor Giona A.Nazaro endlich gelungen, den eigenen hochgesteckten Erwartungen gerecht zu werden: Locarno 2023 hatte einen hochwertigen Wettbewerb zu bieten, der den Status von Locarno als A-Festival festigte.
Pablo Neruda (1904–1973)
Dichter, Konsul, Kommunist
von Volker Brauch
Am 23.September dieses Jahres jährt sich zum fünfzigsten Mal der Todestag von Pablo Neruda. Der Schriftsteller und Poet erhob seine Stimme gegen Ausbeutung, Faschismus und Ungerechtigkeit weit über den lateinamerikanischen Kontinent hinaus.
Brav gewühlt, alter Maulwurf!
Das Erinnerungsfest für Winfried Wolf und die Rede von Georg Fülberth
Welch eine Trauerfeier! Gut 200 Menschen (der Saal fasste nicht mehr) versammelten sich Mitte Juli im Württembergischen Kunstverein in Stuttgart zu einem letzten gemeinsamen Abschiedsgruß an Winfried Wolf, der am 22.Mai gestorben war. Geschätzt die Hälfte davon waren Aktivist:innen der Montagsdemonstrationen gegen Stuttgart 21, die andere Hälfte ein Ausschnitt aus den vielen Menschen aus ganz unterschiedlichen Zusammenhängen, die sein Leben begleitet haben. Für die musikalische Umrahmung sorgten zwei Ensembles, das Duo Martl Jäckel und natürlich Bernd Köhler, begleitet von Joachim Romeis, der so oft seine Veranstaltungen musikalisch untermauert hat und auf Kundgebungen gemeinsam mit ihm aufgetreten ist. Der Regisseur Volker Lösch und Angelika Linckh von den Montagsdemos führten durch die Veranstaltung.
Je prekärer die soziale Lage, desto freier dürfen wir uns ›lesen‹
Identitätspolitik spaltet und verdunkelt gemeinsame Klasseninteressen
von Gerhard Hanloser
Identität & Politik. Kritisches zu linken Positionierungen. Hrsg. Gerhard Hanloser. Mit Texten u.a. von Anne Seek, Christoph Jünke, Bernhard Schmid, Karin Wetterau, Ilse Bindseil, Moshe Zuckermann. Wien: Mandelbaum, 2022. 266 S., 22 Euro
Neue Osthilfe
Anmerkungen zu einer systemkonformen Westkritik
von Erhard Weinholz
Sechs Auflagen binnen weniger Wochen, vordere Ränge auf der Spiegel-Bestsellerliste: Dirk Oschmann, Jahrgang 1967, Professor für deutsche Literatur an der Leipziger Uni und einer der wenigen aus dem Osten stammenden Lehrstuhlinhaber hierzulande, scheint mit Der Osten: eine westdeutsche Erfindung* einen Nerv getroffen zu haben. Doch wen spricht sein Buch an?
Maria Mies (1931–2023)
Von der Eifler Bauerntochter zur Professorin – eine beispiellose Karriere
von Irene Franken, Januar 2021
Maria Mies entwickelte Grundlagendiskurse zur Frauenforschung und beschäftigte sich besonders mit den Arbeitsbedingungen der Frauen des Südens. Sie war eine der bekanntesten und international am besten vernetzten Kritikerinnen der Globalisierung.
Tief im Archiv…
… die Rundbriefe der Gruppe Internationale Marxisten (GIM). Das
MAO-Projekt hat das Schrifttum der radikalen Linken digitalisiert
dokumentiert
Das MAO-Projekt ist ein digitales Archiv der Schriften verschiedenster Gruppen der radikalen Linken bis etwa 1990. Wir dokumentieren einen Beitrag, den Billy Hutter auf der Webseite des Archivs dazu veröffentlicht hat.
Ein Krieg gegen die menschliche Zivilisation
Die Umstände des Ukrainekriegs verbieten historische Analogien
von Angela Klein
Ukraine-Krieg – Weltordnungskrieg. Fronten, Folgen, Formen – Eine Zwischenbilanz. Das Argument 340. Hamburg: Argument, 2023. 320 S., 30 Euro
Mumia Abu-Jamal: Texte aus dem Todestrakt. Essays eines politischen Gefangenen in den USA
Frankfurt am Main: Westend, 2023. 240 S., 25 Euro
von Peter Nowak
Am 24.April wurde Mumia Abu-Jamal 69 Jahre alt. In vielen Städten gab es aus diesem Anlass Veranstaltungen mit dem neuen Buch, das unter dem Titel Texte aus dem Todestrakt kürzlich im Frankfurter Westend-Verlag erschienen ist. Darin sind größtenteils Texte von Mumia veröffentlicht, die bislang noch nicht auf deutsch erschienen waren.
Für Carlo
Die bleibenden Tage von Genua
von Benjamin Lapp
Wir tanzen hinein in bewegte Zeiten
Während die Morgensonne einer neuen Zeit
sich Bahn bricht,
auf all die farbenfrohen jungen Gesichter
die die Welt zum bessern tragen wollen
strömen unsere vielstimmigen Gesänge
zu den Bollwerken der Angst
hinter denen sich unsere Repräsentanten
verschanzen.
El Pampero Cine
Mit Alexandra Kollontai durch Argentinien
von Gaston Kirsche
Trenque Lauquen, Argentinien/Deutschland 2022, Teil 1: 128 Min./ Teil 2: 132 Min. Regie: Laura Citarella, Drehbuch: Laura Citarella, Laura Paredes, OmU. Kinostart: 1.Juni
El Pampero Cine ist das bekannteste Filmkollektiv des neuen argentinischen Kinos und in Europa ein Festivalliebling.
Eva Weissweiler: Villa Verde oder das Hotel in Sanremo. Das italienische Exil der Familie Benjamin
München: btb, 2022. 288 S., 22 Euro
von Manuel Kellner
Auf den ersten Blick erstaunt es, dass eine profilierte jüdische Publizistin auf der Flucht aus Nazideutschland ausgerechnet im faschistischen Italien für sechs Jahre ein Refugium gefunden hat, das auch immer wieder von ihrem geschiedenen Ehemann Walter Benjamin als »stiller Hafen« genutzt wurde. Ein genauerer Blick auf die Verhältnisse, die das ermöglichten, lohnt sich.
Die Wohnkolonie am Dunkelschlag
Ein Stück Siedlungsgeschichte der Bergleute in Oberhausen
von Klaus Offergeld
Es gibt in Deutschland nicht viele Orte, wo sich Milieus an ihren angestammten Orten halten konnten. Die Wohnkolonie am Dunkelschlag in Oberhausen ist so ein Ort.
Weder Tränen noch Trinksprüche auf den Tod des Kaimans
von Marco Parodi und Checchino Antonini
Abgesehen von seinen gerichtlichen und familiären Affären war Berlusconi ein klassenloyaler Vertreter des Neoliberalismus, der deshalb mit großem Getöse gefeiert wird. Für uns bleibt er der Anstifter zur Ermordung von Carlo Giuliani und zur schwerwiegendsten Suspendierung der Menschenrechte im Westen seit dem Zweiten Weltkrieg. Er war Komplize und Partner der schlimmsten Diktatoren und der Architekt eines beispiellosen sozialen Gemetzels.
Marijke Colle (1947–2023)
Marijke Colle hat uns verlassen, unerwartet und zu früh. Die starke Raucherin starb am 16.April im Alter von 75 Jahren an Krebs
von Angela Klein
Marijke war Mitglied der belgischen Sektion der IV. Internationale. Insbesondere in den letzten Jahren, angesichts der wachsenden Bedeutung von ökosozialistischen Positionen, führte sie ihr Weg häufiger nach Deutschland, zu unseren ökosozialistischen Konferenzen, und nach Österreich zu einer dortigen Ökosozialistischen Tagung im vergangenen Jahr.
Der Kern der kapitalistischen Ausbeutung
Die Zurichtung des Leibes und die Entwicklung von Klassenbewusstsein
von Angela Klein
Wolfgang Hien: Die Arbeit des Körpers von der Hochindustrialisierung bis zur neoliberalen Gegenwart. Wien: Mandelbaum, 2022. 364 S., 25 Euro
Das Buch behandelt die Geschichte der deutschen und österreichischen Arbeiterbewegung aus der Perspektive der Vernutzung von Körper und Seele der Arbeiterinnen und Arbeiter. Betrachtet werden vor allem die Arbeitsbedingungen in der Grundstoffindustrie (Kohle und Chemie), der Stahlindustrie, Metallverarbeitung, Druckindustrie, in der Textilindustrie und in den Firmenbüros.
Labyrinth der Träume
Ballett von Jaroslaw Iwanenko. Musik von Igor Strawinsky
von Liv Kühnel
Salvador Dalí ist wohl der bekannteste Vertreter der surrealistischen Kunst. Bekannt war er jedoch auch für sein extravagantes Auftreten, auch seine politischen Aussagen haben manchmal für Empörung gesorgt.
In Labyrinth der Träume wird Leben und Werk Dalís dargestellt, wir erhaschen einen Blick in sein Innenleben, das ebenso verworren und verwischt war wie seine Kunst.
Rolf Geffken (1949–2023)
Nachruf
von Michael Heldt
Rolf Geffken war ein Mensch, dessen Name sich auf eine einzigartige Weise in das deutsche Arbeitsrecht eingeschrieben hat. Ein hartnäckiger Fürsprecher für Arbeiter:innen, ein mutiger Anwalt und ein scharfsinniger, immer parteiischer Denker. Sein Tod hinterlässt eine empfindliche Lücke in einer Welt, die sein außergewöhnliches Engagement und seinen Weitblick braucht – und das zu einem Zeitpunkt, in dem jeder Arbeitsrechtsanwalt mit einer sozialistischen Hoffnung im Herzen gebraucht wird, um einen Gegenpol zu pragmatischem, entpolitisiertem Verhalten vor Gericht und in der Öffentlichkeit zu setzen.
Nach unten treten
Crossing Europe 2023 in Linz
von Kurt Hofmann
Das Festival des Europäischen Films in Linz präsentierte eine Reihe sehenswerter Beiträge.
Winfried Wolf (1949–2023)
Ein Leben für die Revolution
von Angela Klein
Brecht, das Lob des Kommunismus
Du bist doch kein Ausbeuter, du kannst ihn begreifen.
Er ist gut für dich, erkundige dich nach ihm.
Die Dummköpfe nennen ihn dumm, und die Schmutzigen nennen ihn schmutzig.
Er ist gegen den Schmutz und gegen die Dummheit.
Die Ausbeuter nennen ihn ein Verbrechen
Wir aber wissen:
Er ist das Ende der Verbrechen.
Er ist keine Tollheit, sondern
Das Ende der Tollheit
Er ist nicht das Rätsel
Sondern die Lösung.
Er ist das Einfache,
das schwer zu machen ist
In der Nacht zum 23. Mai ist Winnie Wolf gestorben. Eine schwere Lebererkrankung hatte ihn schon einmal dem Tod nahe gebracht; durch eine neuartige Therapie kam er dann für einige Monate wieder auf die Beine, stürzte sich erneut in die Arbeit und war auf Vortragsreisen unterwegs. Noch im April hatte er zugesagt, auf der Ökosozialistischen Konferenz der ISO den Film über Stuttgart 21 seines Freundes Klaus Gietinger vorzustellen. Bis zuletzt blühte er auf, wenn es um Politik ging.
Deutschland über alles – Émile Durkheim neu aufgelegt“
„Bald wird es nicht mehr die Rote Armee sein, die Auschwitz befreit hat, sondern das Asow-Bataillon
Diesen klugen Satz hat die deutsch-französische Schriftstellerin Marie Rotkopf in der von ihr neu herausgegebenen und kommentierten Schrift „Deutschland über alles“ geschrieben. Verfasst hatte den Text der französische Soziologe Émile Durkheim 1915 während des Ersten Weltkriegs angesichts der brutalen Kriegsführung der deutschen Wehrmacht. Dazu zählte der deutsche Überfall auf das neutrale Belgien ebenso wie die massive Zerstörung belgischer und französischer Städte.
Krieg und Exil brütet Krieg und Exil
Das Wirken exilkroatischer Gruppen in Deutschland
von Peter Nowak
Matthias Thaden: Migration und Innere Sicherheit. Kroatische Exilgruppen in der Bundesrepublik Deutschland 1945–1980. Berlin: De Gruyter, 2022
Sie warfen die Sprengkörper in die jugoslawische Handelsmission. Dann übergossen sie Möbel, Teppiche und Akten mit Benzin, sodass binnen weniger Minuten alles in Flammen stand. Der Hausmeister der Handelsmission wurde im Beisein seines 12jährigen Sohnes durch einen Lungenschuss getötet.
Ein Bündnis mit Hindernissen
Zum Stand der Zusammenarbeit von Klimaaktiven und Gewerkschaften
von Jakob Schäfer
Sozial-ökologische Transformationskonflikte und linke Strategien. Prokla, Heft 210, März 2023. 176 S., 15 Euro
In insgesamt neun Beiträgen gehen die verschiedene Autor:innen auf die unterschiedlichen Konfliktkonstellationen von Umweltbewegung und abhängig Beschäftigten ein und erörtern mögliche Strategien für ein gemeinsames Programm.
Hobbes oder Rousseau?
Von falschen Geschichten und möglichen Ansätzen
von Manuel Kellner
Rutger Bregmann: Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit
Hamburg: Rowohlt, 2022. 479 S., 15 Euro
Dieses Buch nicht zu lesen, wäre keine gute Idee. Es ist in 55 Sprachen übersetzt worden und erreicht seit Jahren weltweit hohe Auflagen. Überaus erfreulich ist, dass viele junge Leute es zur Kenntnis nehmen und sich davon inspirieren lassen.
Hinter der Tapete
Zur Diagonale 2023
von Kurt Hofmann
Auch in diesem Jahr kuratierten Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber wieder ein vielfältiges Programm abseits der Routine. Es war die letzte von ihnen zusammengestellte Diagonale.
Das war der ÖTV-Streik 1974
Er machte der Regierung einen Strich durch die Rechnung
Nachdruck aus Was tun
Lange Zeit galten im öffentlichen Dienst nur die Müllmänner und die Eisenbahner als kampffähig. Der ÖTV-Streik 1974 bewies erstmals das Gegenteil. Der nachstehende Nachdruck eines Artikels aus Was tun, einer Vorläuferzeitung der SoZ, beschreibt, wie es dazu kam.
Der Spätkapitalismus
Ernest Mandel zum 100.Geburtstag (5.April)
von Ingo Schmidt
Ernest Mandel: Der Spätkapitalismus. Versuch einer marxistischen Erklärung. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1972. 541 S., antiquarisch noch zu haben
In Der Spätkapitalismus (dt., 1972) versucht sich Ernest Mandel an der Entzauberung des »Wirtschaftswunders«, d.h. des langen Aufschwungs, der dem »Zeitalter der Katastrophen« (Eric Hobsbawm) von 1914 bis 1945 folgte.
Vom Mythos des fortschrittlichen Imperialismus
Ernest Mandel über die Rolle der arbeitenden Klassen im Zweiten Weltkrieg
von Angela Klein
Ernest Mandel: Der Zweite Weltkrieg. Frankfurt am Main: ISP, 1991. 248 S., 17,50 Euro, über Manifest-Verlag zu beziehen
Als Ernest Mandel 1995 starb, nannte ihn die Taz den »letzten Klassenkämpfer«. Mit der Landnahme des westlichen Kapitals in Osteuropa und dem Siegeszug des Neoliberalismus schien Klassenkampf obsolet geworden zu sein; Identitätspolitik trat an dessen Stelle. Die multiplen Krisen, die uns seither heimsuchen, allen voran die laufende Produktion von failed states, der zunehmende Hunger in der Welt und über allem die Klimakrise, haben die soziale Frage aber wieder auf die Tagesordnung gesetzt. In welcher Weise der Klassenkampf innerimperialistische Kriege beeinflussen kann, zeigt Mandel am Beispiel des Zweiten Weltkriegs.
Alternative Fakten
Wie sie entstehen und wie sie funktionieren
von Gerhard Klas
Nils C. Kumkar: Alternative Fakten. Berlin: Suhrkamp, 2022. 336 S., 18 Euro
»Alternative Fakten« ist ein schillernder Begriff mit wenig Trennschärfe, der seit mehr als fünf Jahren durch Debatten und Talkshows geistert. Warum es müßig ist, ihre Boten mit wissenschaftlichen Fakten zu konfrontieren, erklärt der Bremer Sozialwissenschaftler Nils C. Kumkar. Dabei ist der Begriff »Fakten« äußerst irreführend, denn im Grunde geht es um die Negation von Fakten mit Hilfe von Halbwahrheiten, Vermutungen, Verdächtigungen.
Zur Berlinale 2023
Vieles, doch nichts
von Kurt Hofmann
Test-, wenn auch nicht einschränkungsfrei sollte der Ablauf der 73.Berlinale sein. Sie verhieß damit Normalität im Ablauf und lockte in allen Sektionen mit einem ebenso umfangreichen wie vielfältigen Programm.
Z. Zeitschrift marxistische Erneuerung
Hrsg. IMSF und Forum marxistische Erneuerung. 34.Jg., Heft 133, März 2023
von ak
Wie gut, dass es in Deutschland einen Pool von linken Intellektuellen gibt, die, bedingt u.a. durch ihre Herkunft aus der DDR, russisch können und sich in Russland auskennen! Einige davon lässt die aktuelle Ausgabe (Nr.133) der Vierteljahreszeitschrift Z zu Wort kommen.
Das Trojanische Pferd – Stuttgart 21 – Der Film
BRD 2022, 91 Min., Regie: Klaus Gietinger
Gekürzt aus: Avanti2*
Als »größtes Betrugsprojekt deutscher Ingenieursgeschichte« hat der Regisseur Klaus Gietinger das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 bezeichnet. In seinem brandaktuellen Dokumentarfilm Das Trojanische Pferd rollt er diesen gigantischen Skandal auf.
Die 48er Revolution und die Bauern
Zum Andenken an Roman Rosdolsky (1898–1967)
von Angela Klein
Vor 175 Jahren erschütterten revolutionäre Erhebungen die europäischen Kernlande, die die Grundfesten der 1815 auf dem Wiener Kongress restaurierten Feudalordnung ins Wanken brachte. Danach setzte auch in Mitteleuropa ein Prozess der Nationalstaatsbildung ein, der erst nach dem Ersten Weltkrieg einen (vorübergehenden) Abschluss fand.
Im Schatten des Doms
Der Stadthistoriker Fritz Bilz geht einem dunklen Kapitel in Köln nach
von Larissa Peiffer-Rüssmann und Hans Peiffer
Fritz Bilz: Im Schatten des Doms zu Köln. Bausteine einer Gegengeschichte. Köln: PapyRossa, 2022. 106 S., 12,90 Euro
Der Kölner Dom ist weit über Köln hinaus bekannt und bewundert. Als prächtiger gotischer Bau ist er das Sinnbild schlechthin für Köln. Aber in seinem Schatten verübte die katholische Kirche zahlreiche Verbrechen, verbündete sich mit den Mächtigen und verweigerte Hilfe für Verfolgte. In 18 Episoden blickt Fritz Bilz auf die Schattenseiten einer Kathedrale.
Gegen den Strom
Die Linke und die Antikriegsbewegung in Russland
von Christoph Wälz
Spezialoperation und Frieden. Die russische Linke gegen den Krieg (Hrsg. Ewgeniy Kasakow). Münster: Unrast, 2022. 248 S., 16 Euro
Nach Norden
Anuk Arudpragasam: Nach Norden. Aus dem Englischen von Hannes Meyer. Berlin: Hanser, 2022. 320 S., 25 Euro
von Gerhard Klas
Wie schon in seinem Debutroman Die Geschichte einer kurzen Ehe beschäftigt sich Anuk Arudpragasam auch in seinem neuen Buch wieder mit dem Krieg. Diesmal stehen die Nachwirkungen und Traumata des Bürgerkriegs im Norden Sri Lankas gegen die Unabhängigkeitsbewegung der Tamil Tigers von 1983 bis 2009 im Mittelpunkt.
Frank Gill
Der vergessene Geburtshelfer des britischen Rundfunks
von Kai Böhne
Keine britische Briefmarke erinnerte an den 100. Gründungstag der British Broadcasting Corporation (BBC) am 18.Oktober 2022, aber die Postverwaltungen der Isle of Man und Serbiens. Sie brachten einen Sondermarkenblock und eine zwölfteiligen Markenserie dazu heraus.
Die Post auf der Insel in der Irischen See erinnerte an den in Castletown geborenen Insulaner Sir Frank Gill (1866–1950), der in der Gründungsphase der BBC eine entscheidende Rolle spielte.
Eberhard Fiebig zum 93.Geburtstag
›Es ist die alte Geschichte vom Golem…‹
Gespräch mit Eberhard Fiebig
Laut Marx tritt eine Epoche sozialer Revolution ein, wenn die materiellen Produktivkräfte in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen, sprich: den Eigentumsverhältnissen geraten. Der Bildhauer Eberhard Fiebig ordnet das durch den 3D-Druck mögliche, additive Produktionsverfahren in diesen Zusammenhang ein. Darüber sprach Angela Klein mit ihm.
Ahmed Shawki (1960-2023)
von Florian Wilde
Mehr als sein halbes Leben lang war er die zentrale Figur in der Führung der International Socialist Organization (ISO) gewesen, hatte Pate bei ihrem Aufschwung zur ab den 90ern stärksten Organisation der US-amerikanischen revolutionären Linken gestanden – aber auch bei ihrer 2019 in einer Selbstauflösung mündenden Krise. Nun ist Ahmed „Shawki“ Sehrawy mit nur 62 Jahren gestorben.
Expert:innen der eigenen Arbeitsbedingungen
Die Berliner Krankenhausbewegung hat ein Buch geschrieben
von Gisela Notz
Silvia Habekost u.a. (Hrsg.): Gebraucht und beklatscht – aber bestimmt nicht weiter so! Geschichte wird gemacht: Die Berliner Krankenhausbewegung. Hamburg: VSA, 2022. 108 S., 10 Euro.
Es ist ein außergewöhnliches Buch. Kein Wunder, dass es in der Reihe »Widerständig« bei VSA in Hamburg erschienen ist. Gebraucht und beklatscht – aber bestimmt nicht weiter so! – der Titel ist Programm.
Proll mit Groll
Die Arbeiterbewegung gegen den Strich gebürstet
von Gaspar Bartholic
Slave Cubela: Wortergreifung, Worterstarrung, Wortverlust. Industrielle Leidarbeit und die Geschichte der modernen Arbeiterklassen. Münster: Westfälisches Dampfboot, 2023. 424 S., 48 Euro
Trotzkismus 2.0
Buch Neuerscheinung
dokumentiert
Manuel Kellner: Trotzkismus 2.0. Neue Entwicklungen, neue Fragen. Stuttgart: Schmetterling, 2022. 142 S., 14,80 Euro
Tragende Säulen der NS-Herrschaft
Wie führende deutsche Unternehmen durch die Nazis groß geworden sind
von Ulrich Franz
David de Jong: Braunes Erbe. Die dunkle Geschichte der reichsten deutschen Unternehmerdynastien. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2022. 496 S., 28 Euro
›Linientreue Dissidenten‹
Kritische Marxist:innen in der DDR
von Peter Nowak
Sonia Combe: Loyal um jeden Preis. »Linientreue Dissidenten« im Sozialismus
Berlin: Ch.Links-Verlag, 2022. 268 S., 25 Euro
Ökofaschismus
Klima und Rechte
von Heiko Koch
Sam Moore, Alex Robert: Außen grün, innen braun. Wie Rechtsextreme Klimakrise und Naturschutz für ihre Zwecke benutzen. München: Oekom, 2022. 208 S., 22 Euro
Entlarvung der Phrasen
Jean-Luc Godard und der Krieg
von Kurt Hofmann
Jean-Luc Godard, vor kurzem gestorben und für das Kino unersetzbar, hat sich in seinen Filmen immer wieder mit dem Krieg auseinandergesetzt. Wie treibt man dem Bild das Abbild aus und den Worten das Wiederholbare? Was in Godards Sinne dabei vermieden werden soll: das nichts aussagende, »anklagende« Bild und eine Sprache, die im Vokabular des Krieges den Krieg bekämpfen will.
Susanna hat nicht gebadet
Von der Vermessenheit des moralischen Zeigefingers – eine Kölner Ausstellung
von Angela Klein
Einer Geschichte in den Apokryphen des Alten Testaments zufolge lauern zwei Älteste und Richter der ehrbaren Frau eines Kollegen in ihrem Garten auf und wollen sie nötigen. Die Frau wehrt dies mit stolzen Worten ab, anerkennt dabei aber zugleich, dass sie verloren ist: Denn wenn sie den Männern nachgibt, bricht sie das Gesetz des Mose, gibt sie ihnen nicht nach, muss sie damit rechnen, von den Männern vor Gericht gestellt zu werden, wo sie keine Stimme und gegen die Autorität der Ältesten keine Chance hat. Sie gibt ihnen nicht nach, schreit um Hilfe, kann ihre Vergewaltigung damit abwehren. Als sie anderntags vor Gericht gestellt wird, tritt der Jüngling Daniel auf und nimmt die beiden Ältesten ins Kreuzverhör. Sie widersprechen sich und werden zum Tod verurteilt.
Göte Kildén (1946–2022)
Ein Vorkämpfer der schwedischen Linken
von Hermann Dierkes
Göte Kildén war viele Jahre lang kämpferischer Sprecher der gewerkschaftlichen Opposition in den Volvo-Lkw-Werken bei Göteborg und ein Kind der weltweiten Zeitenwende der 60er Jahre: mit neuen Emanzipationsbewegungen, dem Mai 1968 in Frankreich, dem vietnamesischen Befreiungskrieg, der portugiesischen Nelkenrevolution und der wachsender Kampfbereitschaft der Arbeiterklasse. Ab 1969 zählte Göte zu den Mitbegründern der schwedischen Sektion der IV.Internationale. Auch als Rentner und bis an sein Lebensende blieb er ein überzeugter und engagierter revolutionärer Sozialist. Er konnte nicht nur austeilen, sondern auch einstecken, vor allem den Tod seiner Lebensgefährtin Karin im Jahr 2016, mit der er 38 Jahre zusammen war.
Der Atlas der Weltwirtschaft
Versuch einer marktwirtschaftlichen Lösung des Klimaproblems
von Angela Klein
Heiner Flassbeck u.a.: Atlas der Weltwirtschaft 2022/23. Frankfurt/M.: Westend, 2022. 130 S., 19,95 Euro
Dieser Atlas ist kein Buch. Es ist ein Nachschlagewerk, eine Faktensammlung, angereichert mit zahllosen, sorgfältig aufbereiteten Grafiken und Tabellen, die zentralen Themen und Fragestellungen zugeordnet sind. Über die Fakten hinaus und angelehnt an sie werden im Text Interpretationen angeboten, die man nicht teilen muss. Sie bieten dennoch wertvolle Einsichten, weil sie unsere unübersichtliche Welt nach Kriterien ordnen, die offengelegt werden. So findet man in diesem Atlas Hilfestellungen, sich in ihr zurechtzufinden.
Der Revolutionär und der Seelenarzt
Helmut Dahmer: Trotzki, die Psychoanalyse und die kannibalischen Regime. Münster: Westfälisches Dampfboot 2022. 277 S., 30 Euro
von Manuel Kellner
Der Autor des Klassikers Libido und Gesellschaft. Studien über Freud und die Freudsche Linke (die dritte erweiterte Auflage erschien 2013, urspr. 1982) ist dafür bekannt, die Werke von Marx und Freud als zwei verschiedene und doch verwandte Ansätze »kritischer Theorie« zu verstehen. Mit seinem neuen Buch führt er die Arbeit fort, beide Theorien miteinander zu konfrontieren und zu zeigen, wie sie sich wechselseitig befruchten können.
Eine Dystopie
Ray Loriga: Kapitulation. Hamburg: CulturBooks, 2022. 200 S., 24 Euro
von Gerhard Klas
Eine zerstörte Umwelt und seit zehn Jahren Krieg. Nur eine gläserne Stadt ohne Geheimnisse scheint noch das Überleben zu ermöglichen. Eine beklemmende Dystopie aus der Feder eines der populärsten zeitgenössischen Schriftsteller in Spanien: Ray Loriga. Er arbeitet seit vielen Jahren als Drehbuchautor, u.a. mit dem Filmregisseur Pedro Almodóvar, hat den in Spanien hoch angesehenen Literaturpreis Alfaguara erhalten, vergleichbar etwa mit dem hiesigen Deutschen Buchpreis oder Georg-Büchner-Preis.
›Straub kommt von sträuben‹
Zum Tod von Jean-Marie Straub
von Kurt Hofmann
Vor einigen Jahren war Jean-Marie Straub ins Österreichische Filmmuseum geladen. Dessen damaliger Direktor Alexander Horwath erwähnte in seiner Einleitung, ein Mitarbeiter des Hauses habe ihn darauf hingewiesen, dass der Name Straub wegen dessen (französischer) Herkunft »eigentlich« französisch auszusprechen sei. Darauf ein erboster Straub: »Was – französisch? Straub kommt vom Sträuben!«
Hitler und das Kapital
Ein vernachlässigtes Kapitel – brandaktuell
dokumentiert
Mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Papyrossa-Verlags veröffentlichen wir Auszüge aus dem Vorwort und dem Kapitel »Krisenauswege der wirtschaftlichen und politischen Eliten« von Ulrich Schneiders Buch 1933 – Der Weg ins Dritte Reich* (Zusammenstellung: Gerhard Klas).
Inprekorr/ISO/SOZ
Göte Kildén, Vorkämpfer der schwedischen Linken, ist nicht mehr unter uns
von Hermann Dierkes
Göte Kildén, viele Jahre kämpferischer Sprecher der gewerkschaftlichen Opposition in den Volvo-LKW-Werken bei Göteborg, ist am 17.11. nach langer Krankeit und kurz vor Vollendung seines 76. Lebensjahrs verstorben. Kind der weltweiten Zeitenwende mit neuen Emanzipationsbewegungen, dem Mai 1968 in Frankreich, dem vietnamesischen Befreiungskrieg, der portugiesischen Nelkenrevolution und wachsender Kampfbereitschaft der Arbeiterklasse zählte Göte ab 1969 zu den Mitbegruendern der schwedischen Sektion der Vierten Internationale.
Warum die deutsche Erinnerungspolitik gescheitert ist
Eine Kritik am offiziellen Gedenken an den Holocaust
von Hermann Dierkes
Arn Strohmeyer: Falsche Loyalitäten. Israel, der Holocaust und die deutsche Erinnerungspolitik. Wien: ProMedia, 2022. 180 S., 19,90 Euro
Die Unterdrückung der Palästinenser durch den israelischen Kolonialstaat und die buchstäblich blinde Ergebenheit der Bundesregierung, der EU und der »westlichen Welt« gegenüber der israelischen Regierung zählt mit zu den schlimmsten weltpolitischen Skandalen unserer Zeit.
Gejagt und verraten
Die KPD Südbayern in den 20er und 30er Jahren
von Peter Nowak
Max Brym: Skizzen – Arbeiterwiderstand in Südbayern. Berlin: Die Buchmacherei, 2022. 83 S., 6,50 Euro
Bayern ist als Ort der Reaktion schon in der Weimarer Republik bekannt. In München begann der Aufstieg der NSDAP. Nürnberg wurde zum Inbegriff der Reichsparteitage der NSDAP. Viel weniger ist über den linken Widerstand in Bayern bekannt.
Den Worten werden Taten folgen
Eine Sprache der Zuversicht ist Bedingung für positive Veränderungen
von Rolf Euler
Ulrich Grober: Die Sprache der Zuversicht. München: Oekom, 2022. 256 S., 24 Euro
Der Oekom-Verlag hat sich mit einer großen Zahl von Publikationen etabliert, die die Klimakrise und mögliche Auswege von allen Seiten beleuchten. Aus diesem Rahmen fällt das Buch von Ulrich Grober heraus.
Abdulrazak Gurnah: Nachleben
Aus dem Englischen von Eva Bonné. München: Penguin, 2022. 378 S., 26 Euro
von Gerhard Klas
Nachleben, der neue Roman des letztjährigen Literaturnobelpreisträgers, spielt wie schon sein vielbesprochener Roman Das verlorene Paradies erneut vor dem Hintergrund der deutschen Kolonialherrschaft in Ostafrika. Auf subtile Weise beschreibt der Autor die traumatischen Auswirkungen auf seine Protagonisten und beleuchtet ein weitgehend vernachlässigtes Kapitel der deutschen Geschichte.
›Lies Marx!‹
Was es heißt, Marxist zu werden und zu bleiben
von Mike Davis*
Seine Bücher öffneten neue Horizonte. Mike Davis schrieb über die Geschichte der Vereinigten Staaten, die koloniale Politik des Hungers, die wachsende Gefahr durch Pandemien, Megastädte im Globalen Süden und, immer wieder, über die politische Ökonomie der Stadt. Als »marxistischer Umweltschützer«, wie er sich selbst bezeichnete, deckte er Zusammenhänge auf, die bis dahin weder in der bürgerlichen Öffentlichkeit noch in der linken Debatte beachtet worden waren.
Streiks sind wichtiger als Symbolik
Emma Dabiri über rassische Zuschreibung und was sie mit Kapitalismus zu tun hat
Nachdruck aus StadtRevue (Köln)
Emma Dabiri wurde in Dublin als Tochter einer irischen Mutter und eines nigerianischen Yoruba-Vaters geboren. Ihre ersten Lebensjahre verbrachte sie in Atlanta, Georgia (USA); ihre Familie kehrte nach Dublin zurück, als Dabiri fünf Jahre alt war. Ihre Erfahrung, isoliert und als Zielscheibe von häufigem Rassismus aufzuwachsen, hat ihre Perspektive geprägt. Nach der Schule zog sie nach London, um Afrikastudien an der School of Oriental and African Studies zu betreiben. Sie hat für die BBC gearbeitet und schreibt unter anderem für den Guardian und die Irish Times.
Willi Hajek (1946–2022)
Am 3.Oktober starb Willi Hajek. Er hatte noch viel vor, doch eine tödliche Krankheit ließ ihm keine Chance
von Jochen Gester
Willi war auf vielen politischen Baustellen unterwegs und eroberte sich hier die Sympathie vieler Menschen, die er anregte, Wege zu erkennen, die gesellschaftliche Transformation möglich machen. Er war ein sozialrevolutionärer Bildungsarbeiter.
Gesellschaftliche Gegenmacht und Sabotage
Aktivist:innen der Klimagerechtigkeitsbewegung melden sich mit zwei Büchern zu Wort
von Gerhard Klas
Ende Gelände: We shut shit down. Hamburg: Edition Nautilus, 2022. 208 S., 16 Euro
Zucker im Tank (Hrsg.): Glitzer im Kohlestaub. Vom Kampf um Klimagerechtigkeit und Autonomie. Berlin/Hamburg: Assoziation A, 2022. 416 S., 19,80 Euro
Dem Vergessen entrissen: Betty Rosenfeld
Auf den Spuren einer jüdischen Kommunistin aus der Weimarer Zeit
von Peter Nowak
Michael Uhl: Betty Rosenfeld. Zwischen Davidstern und roter Fahne. Biographie. Stuttgart: Schmetterling, 2022. 672 S., 39,80 Euro
Den Anfang machte ein vergilbtes Aktenbündel, das der junge linke Student Michael Uhl 1994 in einem spanischen Bürgerkriegsarchiv auf der Suche nach Dokumenten über die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg fand.
Natascha Strobl: Radikalisierter Konservatismus
Berlin: Suhrkamp, 2021. 192 S., 16 Euro
von Ravi T. Kühnel
Natasha Strobl, Politikwissenschaftlerin und Autorin der Taz, des Standard und bei Zeit online, zeigt in ihrem aktuellen Buch die wahre politische Gefahr auf, den »radikalisierten Konservatismus«.
Zur Viennale 2022
Schuld sind die anderen
von Kurt Hofmann
Sechzig Jahre Viennale: Das war ein Anlass zum Feiern für das renommierte, international geschätzte Festival in Wien. Und dieser wurde nicht zu Starparaden und Selbstdarstellungen genutzt, vielmehr dazu, wie stets ein innovatives Programm von hoher Qualität zu präsentieren.
›Ich habe kein Recht, einen künstlerischen Ansatz zu wählen‹
Die Schriftstellerin Annie Ernaux hat eine neue Sprache erfunden, um über
das Leben und die Wünsche von Frauen zu schreiben
von Jess Cotton
Im Oktober erhielt Annie Ernaux den Nobelpreis für Literatur für ihren Mut, das kollektive Gedächtnis Frankreichs zu hinterfragen. Ihr Werk befasst sich mit dem Leben von Frauen aus der Arbeiterklasse, das sie in ihren Büchern mit ungewöhnlicher Würde und mit Respekt behandelt.
Fußballweltmeisterschaft
Der Fußball, die FIFA, Katar und das große Geld
von Volker Brauch
Es gab einmal eine Zeit, da war das Tragen von Werbebotschaften auf dem Trikot verpönt und verboten. Der DFB war aus moralischen Gründen dagegen, dass sich Spieler als laufende Litfaßsäulen in der Bundesliga präsentieren. 1973 wurde das gekippt.
Rechte Schockstrategie
Wie haben vier Jahre Bolsonaro Brasilien verändert?
von Jürgen Kreuzroither
Niklas Franzen: Brasilien über alles. Bolsonaro und die rechte Revolte. Berlin/Hamburg: Assoziation A, 2022. 207 S., 18,95 Euro
Liberaler Antirassismus ist keine Lösung
Der Kapitalismus braucht die Spaltung der von ihm Beherrschten
von Christian Frings
Eleonora Roldán Mendívil, Bafta Sarbo (Hrsg.): Die Diversität der Ausbeutung. Zur Kritik des herrschenden Antirassismus. Berlin: Dietz, 2022. 196 S., 16 Euro
Aus dem Zwang zur Akkumulation aussteigen
Einführung in die Postwachstumsdebatte
von Peter Nowak
Matthias Schmelzer, Andrea Vetter: Degrowth/Postwachstum zur Einführung. Hamburg: Junius, 2021. 256 S.,15,90 Euro
Herr Öder hat ein Problem
Was tun, wenn der Strom ausfällt? – Eine Glosse
von Dieter Braeg
In Verfilzthofen wohnt Markus Öder mit seiner kleinen Familie. Die Eigenheimhypothek ist fast abbezahlt, Frau Öder hat den Halbtagsjob längst gekündigt und kümmert sich um die stramm nach konservativ bayerischen Grundsätzen erzogenen Enkel, die entweder Alphornblasunterricht oder Volkstanzkurse besuchen.
Anna Piccardi: Kontrapunkt ’44
Aus dem Italienischen von Elfie Padovan. Bodenburg: Edition AV, 2023. 80 S., 14 Euro
von Angela Klein
August 1944: Unter dem Druck des Vormarschs der Alliierten zieht die Wehrmacht nach Norden ab, die Front erreicht Prato, nördlich von Florenz. Auf dem Gutshof in der kleinen Gemeinde Capalle kommt der Krieg in Form einer Beschlagnahmung an: Die großen Räume und die landwirtschaftlichen Möglichkeiten sind ideal für die Einrichtung eines Notlazaretts.
Flora Tristan (1803–1844)
Das tragische Leben einer frühen Sozialistin
von Gisela Notz
Flora Tristan gehörte zu den weniger bekannten und oft auch verkannten Gestalten des vormarxistischen Sozialismus. Sie vereinte in ihrem Denken verschiedene Einflüsse der utopischen Sozialisten, ging jedoch bei der Darstellung der Wechselbeziehung zwischen dem Kampf der Arbeiter und der Emanzipation der Frauen weiter als die Sozialisten ihrer Zeit. Bereits fünf Jahre vor Karl Marx und Friedrich Engels gelangte sie zu der Erkenntnis, dass die Befreiung der Arbeiterklasse das Werk der Arbeiter selbst sein wird.
Grenzen der Aufklärung
Was die Debatte um die documenta ausklammerte
von Helmut Dahmer, Wien
Seit die deutsche Volks- und Mordgemeinschaft 1945 in kollektive Amnesie verfiel, ist – allen Anstrengungen zur »Bewältigung« der Zeit des Nationalsozialismus zum Trotz – das Nicht-wahrhaben-Wollen zu einer Art Volkskrankheit geworden.
Schöne agile Arbeitswelt?
Eine Kritik moderner Managementmethoden
von Peter Nowak
Hermann Bueren: Bewegt euch schneller. Zur Kritik moderner Managementmethoden. Bremen: Kellner, 2022. 320 S., 18,90 Euro
»Wo Arbeitern Respekt gezollt wird, ist von Ausbeutung nicht mehr die Rede, es ist die romantische Verklärung schnöder Profitvermehrung«, schreibt der Publizist Felix Klopotek. Es ist auch ein Kommentar über die agile Arbeitswelt, wie sie Hermann Bueren in seinem Buch analysiert.
Indien: Ein Progandawerk im Riefenstahl-Stil
Der Blockbuster The Kashmir Files ist Teil der Agenda des von der BJP-Regierung vertretenen Hindunationalismus
von Dominik Müller
Der im Frühjahr veröffentlichte indische Blockbuster The Kashmir Files, der sich mit dem Exodus der Kaschmiri-Pandits in den 90er Jahren beschäftigt, ist wegen seiner einseitigen Darstellungen, negativen Stereotypen und historischen Ungenauigkeiten höchst umstritten.
Trotzki über Antisemitismus und die ›jüdische Frage‹
Eine Dokumentensammlung von Mario Keßler
von Reiner Tosstorff
Leo Trotzki oder: Sozialismus gegen Antisemitismus. Hrsg. Mario Keßler. Berlin: Karl Dietz Verlag, 2022. 191 S., 12 Euro
Queergestreift
Alles über LGBTIQA+
von Ravi T. Kühnel
Kathrin Köller, Irmela Schautz: Queergestreift. Alles über LGBTIQA+. München: Hanser, 2022. 283 S., 22 Euro
Mit Queergestreift. Alles über LGBTIQA+ haben Kathrin Köller und Irmela Schautz ein Buch geschrieben, dass das Zeug hat ein Standardwerk in Aufklärung über LGBTIQA+ zu werden.
Eine Revolte der Natur
Was die Pandemie uns über den Wahn der Naturbeherrschung sagt
von Angela Klein
Wolfgang Hien: Eine Revolte der Natur. Gesellschaftskritik in Zeiten der Pandemie. Berlin: Die Buchmacher, 2022. 110 S., 8 Euro
Das Büchlein zählt nur 110 Seiten, doch die haben es in sich.
In the middle of nowhere
Locarno 2022: Die 75.Ausgabe
von Kurt Hofmann
Im Jubiläumsjahr des Festivals präsentierte sich dieses unaufgeregt, wenngleich in der Programmauswahl vielfältiger und ambitionierter als in der vorangegangenen Saison.
›Das zerbrechliche Paradies‹
Eine Ausstellung im Gasometer Oberhausen
von Rolf Euler
Der Gasometer in Oberhausen ist schon lange Ausflugsziel erster Güte und die Ausstellung, die jetzt dort läuft, ist noch einmal einen ausführlichen Besuch wert. Sie heißt »Das zerbrechliche Paradies« und betrifft den gegenwärtigen bedrohten Zustand des Lebenssystems Erde.
Der laute Frühling
Ein Dokumentarfilm über Klima und Arbeitswelt von Johanna Schellhagen
von Moritz Binzer
Der laute Frühling, Deutschland 2022, Dokumentarfilm, 62 Min., Regie: Johanna Schellhagen
Kinostart: 4.8.2022. Es werden lokale Gruppen gesucht, die eine Filmvorführung in einem Kino oder sozialen Zentrum organisieren möchten.
Pandemie und Klimakrise
Eine kopernikanische Wende ist eingeleitet, meint der Wissenschaftssoziologe Bruno Latour
von Gerhard Klas
Nach der Pandemie gibt es kein Zurück mehr zum alten Leben, meint der französische Philosoph und Wissenschaftssoziologe Bruno Latour in seinem neuesten Buch, das er vor dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine geschrieben hat. Die Klimakrise wird die Menschheit zu einem neuen Naturverständnis zwingen, zu mehr «Erdverbundenheit», wie der postmoderne Theoretiker formuliert. Eine Zäsur, die er mit der kopernikanischen Wende vergleicht.
Die Enteignung der Zeit
34 Geschichten vom Leben mit der Arbeit
von Wolfgang Hien
Spuren der Arbeit. Geschichten von Jobs und Widerstand (Hrsg. Mark Richter u.a.) Berlin: Die Buchmacherei, 2021 257 S., 14 Euro
Dieses Buch ist ein Hammer – ein Hammer auf den Amboss versteinerter Sprachlosigkeit über himmelschreiende Arbeits- und Lebensverhältnisse der Arbeiter:innenklasse. Es ist kein Buch über die Vergangenheit, es ist ein Buch über die Jetztzeit.
Kampf gegen die Arbeit
Über die Arbeitsbedingungen im Versandhandel und in der Fleischindustrie
von Wolfgang Hien
Peter Birke: Grenzen aus Glas. Arbeit, Rassismus und Kämpfe der Migration in Deutschland. Wien: Mandelbaum, 2022. 398 S., 27 Euro
Dies ist ein beeindruckendes und zugleich schwieriges Buch.
Produktion und Aufstand
Ein Beitrag zur Klassentheorie
von Peter Nowak
Angry Workers: Class Power! Über Produktion und Aufstand. Münster: Unrast, 2022. 525 S., 24 Euro
«Im Jahr 2014 entschieden wir uns, in ein Arbeiterviertel West-Londons zu ziehen. Wir hatten das dringende Bedürfnis, aus der kosmopolitischen Blase auszubrechen und unsere Politik im Alltagsleben der Arbeiter:innenklasse zu verankern.» Mit diesem Bekenntnis leitet die Gruppe Angry Workers ihr kürzlich erschienenes Buch Class Power! Über Produktion und Aufstand ein.
Zwei Familien
Jürgen Meier: Wöbkenbrot und Pinselstrich. Klipphausen/Miltitz: Mirabilis, 2021. 344 S., 24 Euro
von Ravi Kühnel
Zwei Familien, eine bewegte Zeitepoche. Jürgen Meier führt uns in seinem historischen Roman durch die späte Kaiserzeit, den Ersten und Zweiten Weltkrieg, die Weimarer Republik bis hinein in die Student:innenbewegung der Nachkriegszeit.
documenta fifteen – ‹Gemeinsam abhängen›
Im Zentrum der diesjährigen Ausstellung steht das gemeinschaftliche Leben in der Stadt
von Violetta Bock
Die fünfzehnte documenta vom 18.Juni bis 25.September stellt das gemeinschaftliche Leben ins Zentrum. An vielen Orten finden sich daher Nongkrongs (ein indonesisches Wort für «gemeinsam abhängen»), an denen man entspannt chillen kann.
Weniger ist mehr und ohne Wachstum sind wir glücklicher
Vorstellung des neuen Bestsellers von Jason Hickel
von Paul Michel
Jason Hickel ist Anthropologe. Er lehrt an der London School of Economics und ist einer der bekanntesten Protagonisten der Degrowth-Strömung (Postwachstumsströmung). Er schreibt regelmäßig für Zeitungen wie The Guardian über Themen wie globale Ungerechtigkeit, Postwachstum und ökologisches Wirtschaften. Eines seiner Bücher ist The Divide. A Brief Guide to Global Inequality and its Solutions (2017).
Fluchtursachen bekämpfen!
Warum Westafrika einmal reich war und jetzt bitterarm
von Larissa Peiffer-Rüssmann
Olaf Bernau: Brennpunkt Westafrika. Die Fluchtursachen und was Europa tun sollte. München: C.H.Beck, 2022. 317 S., 18 Euro
Wir wissen, dass sich aus reiner Abenteuerlust kein Mensch aus Afrika auf die gefährliche Flucht nach Europa begibt. Aber was genau sind die Gründe?
Arbeit und Leben
Rudolf Brunngraber – ein vergessener Schriftsteller
von Dieter Braeg
Rudolf Brunngraber: Karl und das zwanzigste Jahrhundert. Mit einem Dossier
von Kasimir Edschmid. Nördlingen: Franz Greno, 1988
So ist es. Ist es so?
Crossing Europe 2022 in Linz
von Kurt Hofmann
Auch in der ersten Saison des neuen Intendantinnenduos Sabine Gebetsroither und Katharina Riedler war auf altbekannte Qualitäten Verlass: Weitab der Feelgoodmarke Eurofilm setzten (vorwiegend) junge Filmemacher:innen beim Festival des Europäischen Films abermals neue Akzente abseits des Mainstream.
Wie wollen wir wohnen?
Gemeinschaftliches Wohnen und die Eigentumsfrage
von Gisela Notz
Gemeinschaftliches Wohnen und selbstorganisiertes Bauen. (Hrsg. Andrej Holm, Christoph Laimer) Wien: TU Wien AcademicPress, 2021. 257 S., 19,50 Euro
Wer kennt labournet.tv?
Proletarische Öffentlichkeit im Netz braucht Unterstützung
von Renate Hürtgen
Renate Hürtgen ist Kuratorin in der Stiftung Menschenwürde und Arbeitswelt.
labournet.tv ist ein Online-Archiv für Filme aus der alten und neuen Arbeiter:innenbewegung aus allen Teilen der Welt. Im Zentrum stehen die Situation der Lohnarbeiter:innen, ihre Selbstorganisierung, historische und aktuelle Arbeitskämpfe und gesellschaftliche Alternativmodelle.
50 Jahre Berufsverbote
Das Einreiseverbot für Ernest Mandel…und sein Umgang damit
von John S. Will
Am 28.Januar 1972 beschlossen Bund und Länder, Bewerber:innen für den öffentlichen Dienst künftig auf ihre Verfassungstreue zu überprüfen. Diesem «Radikalenerlass» fiel auch Ernest Mandel zum Opfer, dem fortan die Einreise in die BRD verweigert wurde.
Warengesellschaft und multiple Krisen
Wesentliche Achsen eines ökosozialistischen Sofortprogramms
von Jürgen Marggraf
Jakob Schäfer: Die Warengesellschaft und die Herausforderung der multiplen Krise. Wien: new academic press, 2022. 156 S., 17,50 Euro
Rechtspopulismus und Islamismus
Heidegger, Jünger und andere geben ideologische Orientierung
von Gerhard Klas
Marc Thörner: Rechtspopulismus und Dschihad. Hamburg: Edition Nautilus, 2021. 184 S., 16 Euro
Marc Thörner ist Buchautor und berichtet seit mehr als zwanzig Jahren für die ARD-Anstalten aus dem Maghreb, den Golfstaaten, Syrien, Irak, Afghanistan und Pakistan. Er hat sich eine Expertise erarbeitet, die sich auch in seiner neuesten Veröffentlichung, Rechtspopulismus und Dschihad wiederfindet.
Die irdische Hölle
Hans-Albert Wulf: Plädoyer für den Teufel. Ein Freispruch auf Erden. Norderstedt: Books on Demand, 2022. 188 S., 10 Eurovon Manuel Kellner
Luzifer hatte eine hohe Funktion im Himmel, leitet sogar den 9.
Comics und correctness
Ralf König, einer, der sich nicht verbiegen lässt
Interview mit Ralf König
Du bist über viele Jahre hinweg mit deinem Schaffen gegen die Diskriminierung der Schwulen und Lesben aufgetreten. Man könnte meinen, es sei bis heute vieles besser geworden. In einem deiner früheren Comics lässt du einen CSU-Mann schimpfen, Homosexualität sei gegen Gott und Natur. Derselbe CSU-Typ würde heute einem Flüchtling seine Schwulenfeindlichkeit vorhalten.
Eine prägnante Kritik des Imperialismus
Eine Neuausgabe von C.L.R. James’ Buch über die haitianische Revolution
von Elfriede Müller
C.L.R. James: Die schwarzen Jakobiner. Toussaint Louverture und die Haitianische Revolution. Mit einem Vorwort von Raoul Peck. Berlin: Dietz, 2021. 363 S., 20 Euro
Eine deutsche Analyse
Die ‹Wiederkehr der Klassen› am Jenaer Institut
von Michael Heldt
Die Wiederkehr der Klassen. Theorien, Analysen, Kontroversen. (Hrsg. Jakob Graf u.a.) Frankfurt a.M., New York: Campus, 2021. 232 S., 30 Euro
Mit Die Wiederkehr der Klassen erschien im Februar 2021 der zweite Band aus dem «Projekt Klassenanalyse Jena».
Das Los der Schmetterlinge
Nayantara Sahgal: Das Los der Schmetterlinge. Heidelberg: Draupadi, 2021. 114 S., 12 Euro
von Gerhard Klas
2015 gab die zeitlebens politisch engagierte Journalistin und Schriftstellerin ihren Sahitya-Akademie-Preis, die höchste literarische Auszeichnung in Indien, aus Protest gegen die hindu-nationalistische Regierung zurück. In ihrem neuen Roman werden Muslime in Lager getrieben, ihre Leichen über die Straße verstreut und Frauen von einem marodierenden Mob vergewaltigt.
Radikale Kartografie
Das Unsichtbare sichtbar machen
von Nepthys Zwer und Philippe Rekacewicz
Eine Karte der Toten vor den Toren Europas, eine feministische Karte der New Yorker U-Bahn, eine Kartierung der Shoah, eine Visualisierung der Übernahme des öffentlichen Raums durch den Kapitalismus: Es gibt radikale Möglichkeiten, Kartografie zu produzieren – ein visuelles und informatives Mittel, um die Strukturen der Herrschaft sichtbar zu machen und so Werkzeuge für den Widerstand und den Schutz verletzbaren Lebens zu schaffen.
Von Marx und seiner Anwendung
Linke Stimmen aus der Klimagerechtigkeitsbewegung
von Thies Gleiss
Das Klima des Kapitals. Gesellschaftliche Naturverhältnisse und Ökonomiekritik (Hrsg. Valeria Bruschi, Moritz Zeiler). Berlin: Dietz, 2022. 311 S., 18 Euro
Vor dem Gesetz sind nicht alle gleich
Der Jurist und Journalist Ronen Steinke beschreibt die neue Klassenjustiz
von Michael Heldt
Ronen Steinke: Vor dem Gesetz sind nicht alle gleich. Die neue Klassenjustiz
Berlin: Berlin Verlag, 2021. 227 S., 20 Euro
Zusammenkunft
Natasha Brown: Zusammenkunft. Berlin: Suhrkamp, 2022. 113 S., 20 Euro
von Ravi T. Kühnel
Natasha Brown ist studierte Mathematikerin, hat zehn Jahre im Londoner Finanzsektor gearbeitet und sich jetzt aufs Schreiben verlegt. In ihrem vielbeachteten Erstlingswerk beschreibt sie die Auswirkungen von drei verschiedenen Diskriminierungsformen: Rassismus, Sexismus, Klassismus.
Im indischen Ghetto
Anees Salim: Fünfeinhalb Männer. Heidelberg: Draupadi, 2021. 234 S., 19,80 Euro
von Gerhard Klas
Gesellschaftliche Benachteiligung in einer Tragikomödie zu thematisieren kann funktionieren, wenn sie sich nicht auf Kosten der Benachteiligten lustig macht. Das ist Anees Salim, einem in Indien mehrfach ausgezeichneten Schriftsteller, mit seinem Roman Fünfeinhalb Männer gelungen.
Alexandra Kollontai und die Neue Frau
Die Vordenkerin der sexuellen Befreiung wurde vor 150 Jahren geboren
von Elfriede Müller
Alexandra Kollontai (1872–1952) war eine der schillerndsten Persönlichkeiten der kommunistischen Weltbewegung. Sie widmete sich zwei Schlüsselfragen: der Sexualität und der Familie.
‹Warum ich für Die LINKE kandidiere›
Aktivismus in den Landtag von NRW bringen
dokumentiert
Nicolin Gabrysch ist mit 45 Jahren Mutter zweier Kinder. Sie ist bei «Parents for Future» aktiv und sitzt für die «Klimafreunde» (Teil der bundesweiten «Klimalisten») im Kölner Stadtrat. Nun kandidiert sie auf Listenplatz 5 der Partei Die LINKE zu den Landtagswahlen in NRW.
Das ‹große Rätsel› und die Frage nach den Lösungen
Karl Heinz Roth über den Umgang mit der Corona-Pandemie
von Angela Klein
Der Mediziner und Historiker Karl Heinz Roth hat eine umfassende Studie über die Pandemie, ihre Bekämpfung und ihre Folgen vorgelegt.* Die Themen, die er untersucht, reichen vom Ursprung der Pandemie in China, ihre Ausbreitungswege und Besonderheiten bis zu ihren medizinischen, sozialen und ökonomischen Folgen. Dabei ist sein Ansatz von vornherein global.
Ausgegraben
An den Rand notiert
von Rolf Euler
Am 6.Januar war der 200.Geburtstag von Heinrich Schliemann. Sein bewegtes Leben ist erschlossen, sein «Ruhm» von vor 150 Jahren hat seitdem einige Beulen bekommen. Er gilt als der Entdecker von Troja, als ungelernter Archäologe mit Glück bei der Auffindung vieler antiker Schätze, an denen er sich teilweise persönlich bereicherte.
Anita Garibaldi (1821–1849)
Sonderbriefmarken erinnern an die brasilianische Revolutionärin
von Kai Böhne
Großzügige, breite Fußgängerbereiche, vorzugsweise an Ufer- oder Küstensteifen, in denen Touristen ihre Körper im Strom der anderen Flaneure treiben und ihre Sinne und Gedanken schweifen lassen können, werden gemeinhin als Promenaden bezeichnet.
Freiheit für Julian Assange!
Die SoZ schließt sich der großen Zahl von Protesten gegen die Absicht der britischen Regierung an, den Whistleblower Julian Assange an die USA auszuliefern
von Rolf Euler
Nachdem Anfang 2021 ein britisches Gericht die Auslieferung Assanges an die USA abgelehnt hatte, weil sein gesundheitlicher Zustand nach zwei Jahren Isolationshaft eine solche nicht erlauben würde – der UNO-Sonderberichterstatter für Folter sprach allerdings von Folter wegen der Haftbedingungen in England – hat ein Berufungsgericht, das von den USA angerufen wurde, im Dezember hat dieses Urteil geändert.
Flic – Bulle – Polizist
Ein Blick ins Innenleben des französischen Polizeialltags
von Albrecht Kieser
Valentin Gendrot: Bulle. Undercover in der Polizei von Paris. Hamburg: Hoffmann und Campe, 2022. 320 S., 20 Euro
Notizen aus der Fischfabrik
Ein außergewöhnlicher Roman über die Arbeitswelt – und Kontrapunkt zur Einschaltquoten- und Bestsellerlistenkultur
von Dieter Braeg
Joseph Ponthus: Am laufenden Band. Aufzeichnungen aus der Fabrik. Berlin: Matthes & Seitz, 2021. 239 S., 22 Euro
Blockbuster zur Klimakrise
Don’t look up – auf Netflix
von Gerhard Klas
Der Film Don’t look up ist eine böse und finstere Satire, die ganz absichtlich an den gesellschaftlichen Umgang mit der Klimakrise erinnert. Er startete Anfang Dezember in einigen Kinos und wurde dann am 24.Dezember von Netflix angeboten, wo er innerhalb eines Monats zum zweitmeistgesehenen Film des Streamingdienstes wurde.
Manfred Dietenberger (1952–2021)
Ein feiner Kumpel und Genosse
von der Redaktion
Immer gut gelaunt, mit Witz in starkem schwäbischem Dialekt, Gemütlichkeit und voller lebhafter Anekdoten und wachem Geist ist ein Original von uns gegangen. Geprägt von der Lehrlingsbewegung ist er einer der Betriebsaktiven, der seiner Klasse bis zum Schluss treu geblieben ist. Wann immer wir in der Redaktion im Bereich Betrieb und Gewerkschaft auf der Suche waren, fiel sein Name.
Lesetipp: Digital Organizing
Potenziale für gewerkschaftliche Organisierung
von vb
Digitale Kommunikation ist inzwischen ein wichtiges Mittel sozialer Bewegungen und erweitert auch das Repertoire gewerkschaftlicher Ansätze. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung hat im Herbst die neue Broschüre Digital Organizing herausgebracht. Darin untersuchen Florian Butollo und Jobst Gaus, wie digitale Methoden effektiv in Arbeitskämpfen eingesetzt werden können.
Immerhin wird wieder über Planung gesprochen
Das neue Buch von Klaus Dörre versucht, Utopie konkret zu machen
von Paul Michel*
Klaus Dörre: Die Utopie des Sozialismus. Kompass für eine Nachhaltigkeitsrevolution. Hamburg: Matthes & Seitz, 2021. 345 S., 24 Euro
Die Wannseekonferenz vor 80 Jahren
Übergang zum systematischen Massenmord an den Juden
von Larissa Peiffer-Rüssmann
In einer Villa am Berliner Wannsee treffen sich am 20.Januar 1942 hochrangige Vertreter der Ministerialbürokratie sowie der Polizei und der SS, um die Deportation und Ermordung der gesamten jüdischen Bevölkerung Europas einzuleiten.
Bodo Zeuner (1942–2021)
Nachruf
von Jochen Gester
Am 30.November ist Bodo Zeuner in Berlin gestorben. Mit seinem Tod verlässt uns einer der letzten linken Hochschullehrer des Otto-Suhr-Instituts (OSI) der FU Berlin, die dort über Jahrzehnte wertvolle Beiträge in der Gesellschaftsanalyse des Kapitalismus und für die sozialen Bewegungen leisteten.
Sein «zweiter Anlauf»
Lieder und Texte für den Arbeitskampf
von Gerhard Klas
Bernd Köhler: Halt-LOS. Der zweite Anlauf. Texte, Lieder und Geschichten 1990–2020. Llux Agentur und Verlag 2021. 272 S., 18 Euro + 2 Euro Versand,
Bestellung über bk@ewo2.de
Bitter und bezaubernd
Haitianische Malerei zwischen Vodou und klassischer Moderne
von Angela Klein
Im Jahr 2018 fand in Basel eine Ausstellung über «Kunst aus Haiti 1970–2000» statt. Der daraus entstandene Katalog*, auf dem der vorliegende Artikel mitsamt Illustrationen beruht, ist weiterhin erhältlich.
Die falsche Klimastrategie der Vereinten Nationen
Mehr erneuerbare Energien… und mehr Emissionen
von Daniel Tanuro
Die versprochene «Klimaneutralität» bedeutet keinen «globalen Ausstieg» aus den fossilen Brennstoffen.
Allen hehren Versprechungen zum Trotz steigen die CO2-Emissionen ständig weiter. Die größten Umweltverschmutzer wetten einfach darauf, dass bis 2050, oder sogar 2060, Technologien bereitstehen werden, das emittierte Kohlendioxid wieder «einzufangen».
Nachruf auf Rolf Verleger (1951–2021)
Kritik an Israels Politik ergibt sich aus dem jüdischen Gebot der Nächstenliebe
von Arn Strohmeyer
Rolf Verleger war Psychologe, Hochschullehrer mit dem Forschungsschwerpunkt Neuropsychologie und Mitglied des Zentralrats der Juden in Deutschland. Er hat mehrere Bücher zum Thema Judentum und Israel geschrieben.
Veröffentlichungen u.a.: Israels Irrweg. Eine jüdische Sicht. Köln: Papyrossa, 2010
Südkorea: Squid Game – profitable Kapitalismuskritik
Die Netflix-Serie kennt keine kollektive Gegenwehr
von Manfred Dietenberger
Squid Game, ist das nicht die Serie mit den brutalen Kinderspielen? Ja und nein: In dem in aller Welt alle Verkaufsrekorde brechenden Netflix-Hit geht es darum, wie hunderte hochverschuldete Menschen in lebensgefährlichen Spielen um die Hoffnung auf ein weniger auswegloses Leben ums Verrecken kämpfen.
Die sich nicht anpassen
Zur Viennale 2021
von Kurt Hofmann
Wofür kann subversives Kino heute stehen? Diese Frage stellte sich die Retro der Viennale im Österreichischen Filmmuseum; sie stand im Zeichen des 100. Geburtstags des legendären Kurators und Autors Amos Vogel (Film as a Subversive Art). Aber auch viele Filme der diesjährigen Programmauswahl von Viennale-Direktorin Eva Sangiorgi in den anderen Festivalkinos rückten anpassungsresistente Protagonist:innen ins Zentrum ihrer Erzählung.
Helmut Qualtinger (1928–1986)
Kein Freund der Wiener Gemütlichkeit
von Dieter Braeg
Vor 35 Jahren, am 29. September 1986, starb in Wien Helmut Qualtinger. Ihn verband mit Wien eine Hassliebe, denn er hielt nichts von der Unterwürfigkeit der Wiener. Das Aufbegehren gegen Autoritäten zog sich durch sein ganzes Leben und immer hatte er einen besonders kritischen Blick auf die Mächtigen. Die Wiener Gemütlichkeit, mit der man versuchte, ihn zu umschmeicheln, war ihm zuwider.
Die Gewalt der Siedler und der Fehler von Oslo
Hintergründe des Nahostkonflikts seit der Staatsgründung Israels
von Annette Groth*
Helga Baumgarten: Kein Frieden für Palästina. Der lange Krieg gegen Gaza. Besatzung und Widerstand. Wien: Promedia, 2021. 192 S., 19,90 Euro
Anger, Hope – Action?
Ein Appell, sich der prekarisierten Bevölkerung zuzuwenden
von Violetta Bock
Slave Cubela: Anger, Hope – Action? Organizing und soziale Kämpfe im Zeitalter des Zorns. Berlin: Die Buchmacherei, 2021. 236 S., 14 Euro
Wohnkonzerne enteignen!
Philipp Metzger: Wohnkonzerne enteignen! Wie Deutsche Wohnen & Co. ein Grundbedürfnis zu Profit machen. Wien: Mandelbaum, 2021. 291 S., 17 Euro
von Peter Nowak
Die Kampagne «Deutsche Wohnen und Co. enteignen» hat über Berlin hinaus eine Diskussion darüber entfacht, dass Wohnraum keine Ware sein muss und eine Enteignung von Immobilienkonzernen im Interesse der Mehrheit der Bevölkerung liegen könnte.
Dogan Akhanli (1957–2021)
Die Fremde und eine Reise im Herbst
dokumentiert
Der Schriftsteller Dogan Akhanli wurde in Savsat, einem Dorf in der türkischen Provinz Artvin geboren. Wie so viele linke Studierende musste er nach dem Militärputsch 1980 untertauchen, wurde 1985 festgenommen und zusammen mit seiner Frau in der Gegenwart seines 1,5 Jahre alten Sohnes gefoltert.
Ende einer Karriere
‹Altkanzler› Sebastian Kurz und seine Prätorianer
von Dieter Braeg
Der große «Held», der sich damit brüstete die Balkanroute geschlossen zu haben und für viele Politiker in der CDU/CSU Vorbild war und ist, erschien am 14.Oktober 2021 zum erstenmal, völlig ohne Kanzlertitel, im österreichischen Nationalrat: Dort wurde er als Parlamentarier vereidigt und sofort mit 100 Prozent zum Fraktionsvorsitzenden gewählt.
Elfriede Jelinek
Zum 75.Geburtstag
von Dieter Braeg
«Ich breche euch alle in die knie
«eure schmutzigen mäuler werden
«aus den gesichtern schnattern»
ende. gedichte 1966–1968
Unterwandert
Jörg Köpke: Unterwandert. Wie Rechte den Rechtsstaat okkupieren. Berlin: Das Neue Berlin, 2021. 187 S., 15 Euro
von re
Bei manchen Büchern geht einem beim Lesen «das Messer in der Tasche auf». In Unterwandert schildert der Journalist Jörg Köpke die fast unglaubliche Geschichte des Eindringens von Rechtsextremisten in Bundeswehr und Polizei, in Bürokratie und Geheimdienste.
Die Tschikweiber – das Theaterstück
In Hallein wird die Geschichte der Tabakarbeiterinnen aufgeführt
von Dieter Braeg
‹Tschikweiber haums uns g’nennt›. Die Zigarrenfabriksarbeiterinnen von Hallein. Berlin: Verlag Die Buchmacherei, 2015. 326 S., 20 Euro
Paul Kleiser (1950–2021)
In den frühen Morgenstunden des 16.September ist unser Freund und Genosse Paul Kleiser nach schwerer Krankheit gestorben
von Angela Klein
Er ist zu früh gegangen, das hinterlässt bei der großen Gemeinde derer, die ihn schätzten und sich an ihm orientierten, ein Gefühl der Bitterkeit. Denn Paul war ein treuer und zuverlässiger Familienvater und Genosse, zugleich mit weit überdurchschnittlichen Fähigkeiten ausgestattet, was die Zusammenarbeit mit ihm nicht immer einfach gemacht hat.
Drei Frauen
Filmfestspiele in Locarno 2021
von Kurt Hofmann
Auch zum Filmfestival in Locarno war in diesem Jahr wieder Publikum zugelassen. Unter den Höhepunkten des Programms befanden sich drei Filme, in deren Mittelpunkt (bemerkenswerte) Frauen stehen. Das mag Zufall sein oder auch dramaturgische Konsequenz – lassen wir es offen…
Abschied von Mikis Theodorakis (1925 – 2021)
Ein Leben für die Musik als gelebter Widerstand
von Arn Strohmeyer
Seine letzten Jahre verbrachte Mikis Theodorakis in seinem Haus in Athen, das auf einem Hügel direkt gegenüber der Akropolis liegt und ihm einen der schönsten Blicke der Welt freigab – eben auf die alte Athener Stadtburg mit der herrlich gebauten Harmonie des Parthenon-Tempels.
Covid-19 und die Angst vor dem Tod
Thomas Ebermanns Plädoyer für das uneingeschränkte Recht auf Leben
von Wolfgang Hien*
Thomas Ebermann: Störung im Betriebsablauf. Systemirrelevante Betrachtungen zur Pandemie. Hamburg: Konkret Literatur Verlag, 2021. 136 S., 19,50 Euro
Was ist schlimm am Kapitalismus?
Jean Ziegler erklärt seiner Enkelin das kapitalistische System
von Volker Brauch
Jean Ziegler: Was ist so schlimm am Kapitalismus. Antworten auf die Fragen meiner Enkelin. München: C.Bertelsmann, 2019. 128 S., 15 Euro
Wolfgang Hien, Wolfgang Alles: Gesundheitsschutz muss erkämpft werden!
Mannheim: IG Metall Mannheim, 2021
von Angela Klein
Wolfgang Hien war Referent für Arbeitsschutz beim DGB; Wolfgang Alles war Betriebsratsvorsitzender bei Alstom in Mannheim schon zu Zeiten, als das Werk noch Brown Boveri (BBC) gehörte.
Rosa Luxemburg – eine Zusammenschau ihrer Biografien
Die Zahl der Publikationen zu Rosa Luxemburg ist Legion, von den Klassikern nimmt sie hinter Karl Marx den zweiten Platz ein
von Paul B. Kleiser
Julia Killet: Fiktion und Wirklichkeit. Die Darstellung Rosa Luxemburgs in der biographischen und literarischen Prosa. Hamburg: Kulturmaschinen Verlag, 2020. 348 S., 21 Euro
Anspruch auf Gegenmacht
In sozialen Netzwerken versuchen alternative Rechte, ein neues kollektives Bewusstsein zu schaffen
von Gerhard Klas
Simon Strick: Rechte Gefühle. Affekte und Strategien des digitalen Faschismus
Bielefeld: transcript, 2021. 480 S., 34 Euro
Das Buch könnte «angesichts vergangener und gegenwärtiger rechtsterroristischer Anschläge, aber auch alltäglicher rassistischer, sexistischer wie antisemitischer Gewalt, aktueller nicht sein».
Waldemar Zeiler: Unfuck the Economy
München: Goldmann, 2020. 224 S., 15 Euro
von Rolf Euler
Mit Zorn und Eifer erklärt uns Waldemar Zeiler die kapitalistische Ökonomie und die zum Teil tödlichen Auswirkungen des Wirtschaftens und Konsumierens unserer Gesellschaften. Zusammen mit der Autorin Katharina Höftmann Ciobotaru ist das Buch ein «Ritt» durch alle Krisen unserer Zeit.
Cyril Dion: Tomorrow. Die Welt ist voller Lösungen
Bielefeld: Kamphausen Media, 2017. 296 S., 19,95 Euro
von Rolf Euler
Mit den Veränderungen, die wegen des Klimas nötig sind, befassen sich immer mehr Sachbuchbestseller, von Hirschhausen über Frank Schätzing bis zu Maja Göpel. Einfach mal «die Welt retten», oder unsere Welt «neu denken» – das schafft einen sicheren Trend auf dem Buchmarkt. Ein Buch aus dem Jahr 2017 – es fußt auf dem gleichnamigen Film von 2015 – ist da schon fast in Vergessenheit geraten.
Rudolf Virchow (1821–1902)
‹Seuchen bekämpft man mit Bildung, Wohlstand und Freiheit›
von Angela Klein
Die Medizin ragt unter anderen Wissenschaften heraus, insofern sie eine soziale Wissenschaft auf der Grundlage naturwissenschaftlicher Erkenntnisse ist. In ihren Anwendungsbereichen ist sie darüber hinaus evidenz- und erfahrungsbasierte Praxis.
20 Jahre Genua
Kampfansage gegen den Kapitalismus
von Anja
Heute vor 20 Jahren fanden in Genua die Proteste gegen den G8-Gipfel statt. Ich war damals mit 250.000 anderen Menschen auf der Straße und habe gegen den Kapitalismus gekämpft. Die Proteste markierten nur den Endpunkt einer langen, intensiven Vorbereitungs- und Mobilisierungsarbeit.
Riders United!
Robin De Greef: Riders United! Arbeitskämpfe bei Essenslieferdiensten in der Gig-Economy, das Beispiel Berlin. Berlin: Die Buchmacherei, 2020. 143 S., 10 Euro
von Peter Nowak
Immer mehr prägen Essenslieferdienste das Straßenbild großer Städte. Dabei wird oft vergessen, welche Arbeitsbedingungen in der Branche dominieren. Und immer wieder erinnern die Beschäftigten selber daran, dass Ausbeutung zum Geschäftsmodell gehört.
Lesetipp: Gemeinschaft leben
Gisela Notz: Genossenschaften. Geschichte, Aktualität und Renaissance. Stuttgart: Schmetterling, 2021. 266 S., 16,80 Euro
von Angela Klein
Weibliche Lohnabhängige fordern verstärkt Beteiligungsrechte und Gestaltungsmöglichkeiten, nicht nur über die Erwerbsarbeit, deren Bedingungen und Organisation, sondern auch über den Ertrag ihrer Arbeit und deren Sinnhaftigkeit und sie fordern Beteiligungsmöglichkeiten daran, wie sie zusammenleben und -wohnen, ihren Stadtteil, ihre Region und die Umwelt, also auch die kommunale und die «große» Politik gestalten.
Der Anfang vom Ende Jugoslawiens
Vor 30 Jahren erklärten Slowenien und Kroatien ihre Unabhängigkeit
von Heiko Bolldorf*
Am 25.Juni 1991 erklärten Slowenien und Kroatien, die nördlichsten Teilrepubliken Jugoslawiens, ihre Unabhängigkeit. Damit wurde eine Entwicklung eingeleitet, die zum kompletten Zerfall Jugoslawiens führte.
Das Opfer eines Komplotts
Der Wikileaks-Gründer Julian Assange soll vernichtet werden – zu diesem Ergebnis kommt der UNO-Sonderberichterstatter Nils Melzer
von Albrecht Kieser
Nils Melzer: Der Fall Julian Assange. Geschichte einer Verfolgung. München: Piper, 2021. 336 S., 22 Euro
Ohne Sand keine Häuser, keine Straßen
Der Bauboom in den Städten stößt bald an Grenzen – wenn nämlich der Sand für den Beton ausgeht
von Gerhard Klas
Vince Beiser: Sand. Wie uns eine wertvolle Ressource durch die Finger rinnt. München: Oekom, 2021. 320 S., 26 Euro
Paul B. Kleiser: Merkels Abgang. Von der Banken- zur Coronakrise
Köln, Karlsruhe: Neuer ISP Verlag, 2021. 188 S., 19,80 Euro
von ak
Die kommenden Bundestagswahlen werden eine Zäsur darstellen – allein schon deshalb weil mit Merkels Abschied die Ära der Großen Koalitionen zu Ende gehen wird. Und weil die Grünen mehr denn je in die Regierungsveranwortung drängen, und zwar ausdrücklich in der Rolle als Modernisierer des Kapitals – ein Schritt, der in der Union durchaus umstritten ist.
Georg Lukács (1885–1971): Marxismus als Philosophie der Praxis
Vom romantischen Antikapitalisten zum unbequemen Kommunisten: ein linker Intellektueller im 20.Jahrhundert
von John Will
Vor 50 Jahren, am 4.Juli 1971, starb der ungarische Philosoph Georg Lukács. In eine assimilierte jüdische Familie des Großbürgertums im damaligen österreichisch-ungarischen Budapest geboren, gilt Lukács bis heute als einer, wenn nicht sogar als der wichtigste marxistische Theoretiker des 20.Jahrhunderts.
Die eine Welt der Schiffbauarbeiter*innen
Rezension zur Situation in Bremen und Gdansk
von Renate Hürtgen
Sarah Graber Majchrzak, Arbeit-Produktion-Protest. Die Leninwerft in Gdansk und die AG „Weser“ in Bremen im Vergleich (1968-1983), Köln 2921, 563 S., ISBN 978-3-412-51917-9
Teil des Spiels
Fußball und Gesellschaft
von Kurt Hofmann
Eben erst hat sie begonnen: die Fußball-Europameisterschaft 2021, erstmals verteilt auf mehrere Länder und viele Austragungsstätten.
Zum 50.Todestag von Georg Lukács.
1.Teil: „Die Renaissance des Marxismus“
von Jürgen Meier
Sein Buch „Die Theorie des Romans“ hatte Lukács1 bereits 1916 zu einem berühmten Schriftsteller gemacht. Nachdem er 1918 der KP beigetreten war und 1919 Volkskommissar der ungarischen Räterepublik wurde, entwickelte er sich zu einem der wichtigsten Marxisten des 20. Jh., dessen Theorien noch immer polarisieren.
Faschisten leugnen den Klimawandel – warum?
Der weiße Mann beherrscht die Welt, weil er ein schnelles Auto hat. Dem Technorassismus auf der Spur
von Andreas Malm
Zwei Tendenzen greifen derzeit ineinander: der Anstieg der Temperaturen und der Aufstieg der extremen Rechten. Was passiert, wenn beide aufeinander treffen? Welchen Zusammenhang gibt es zwischen beiden?
2° C
An den Rand notiert
von Rolf Euler
So knapp wie diese Überschrift ist einer der Lesens nötigsten Buchtitel, die in den letzten Tagen auf meinen Tisch kamen. Das Buch ist etwas mehr als fünf Jahre alt und erschien im Zusammenhang mit der Klimakonferenz in Paris.* Und doch soll dies keine Buchbesprechung, sondern ein Appell sein.
Helmut Weiss (1948–2021)
Der geborene Internationalist
von Angela Klein
Von allen Genossinnen und Genossen der ehemaligen KPD/ML, mit denen sich die Mitglieder der GIM im Jahre 1986 zusammenschlossen, war er derjenige, der am wenigsten mit ihnen fremdelte.
Werner Seppmann (1950–2021)
Die Einsamkeit fundamentaler Kritik
von Christoph Jünke*
An dieser Stelle sollte ein Beitrag von Werner Seppmann stehen, in dem er die Grundzüge seiner Klassenanalyse darlegen wollte, wie sie zuletzt in der Broschüre Gibt es überhaupt noch eine Arbeiterklasse? dargelegt wurde. Dazu kam es nicht mehr, der Tod ging dazwischen. Das hat uns sehr erschüttert, es ist ein herber Verlust.
d.Red.
Wer waren die Nationalsozialisten?
Ulrich Herbert beschreibt Aufstieg und den kurzfristigen Sieg der Nazis und wie sie sich nach dem Krieg «in Luft auflösten»
von Paul B. Kleiser
Ulrich Herbert: Wer waren die Nationalsozialisten? München: C.H.Beck, 2021. 303 S., 22 Euro
Der Mensch – eine zerstörerische Kraft
Macht euch die Erde untertan? Das hat schlimme Folgen. Erle C. Ellis sucht im Gestein nach Markern für die neue Erdepoche – das Anthropozän
von Gerhard Klas
Erle C. Ellis: Anthropozän. Das Zeitalter des Menschen – eine Einführung. München: Oekom, 2020. 256 S., 18 Euro
Buchtipps
Klasse und Klassenbewusstseinvon Angela Klein
Werner Seppmann: Gibt es überhaupt noch eine Arbeiterklasse? Sozialstrukturanalyse und politische Handlungsperspektive. Bergkamen: pad-Verlag, 2021. 77 S., 6 Euro
In dieser Broschüre hat sich Werner Seppmann noch einmal mit der Frage auseinandergesetzt: Wie lässt sich die Arbeiterklasse objektiv bestimmen?
Ein Seemannslied gegen trübe Gedanken
Shantys verbinden
von Kai Böhne
Shantys sind Seemannslieder, genauer gesagt Arbeitslieder, deren rhythmischer Takt die Matrosen bei ihrer körperlichen Arbeit unterstützen, anspornen und unterhalten soll. Der junge schottische Postbote, Nathan Evans, verschaffte dieser Tage einem 160 Jahre alten Shanty zu ungeahnter Popularität.
C. L. R. James
Black Jacobin und kritischer Theoretiker des Panafrikanismus
von Elfriede Müller*
Für den schwarzen Schriftsteller und Aktivisten aus Trinidad waren Sklavinnen und Bauern eine revolutionäre Kraft.
Cyril Lionel Robert James (1901–1989) war einer der originellsten linken Denker des 20.Jahrhunderts.
Prominente TV-Schauspieler nutzen Covid zur Selbstdarstellung
Zur Video-Aktion „Allesdichtmachen“
von Meinhard Creydt
Die inhaltliche Botschaft der Videos von prominenten TV-Schauspielern zur Covid-Pandemie
lautet: Die Maßnahmen zur Eindämmung der Seuche sind übertrieben. Die Regierung macht Panik. Der Staat handelt autoritär. Es gibt keine freie Diskussion über die Corona-Politik.
‹Ich war lange ignorant, was die Klimakrise angeht›
Dreharbeiten für labournet.tv The Loud Spring über die globale Klimabewegung
Interview mit Johanna Schellhagen
Du führst seit vielen Jahren Interviews mit Menschen, die in verschiedenen Teilen der Welt Arbeitskämpfe führen. Für euer neues Projekt habt ihr euch jetzt der internationalen Klimabewegung zugewandt. Wie kam es zu diesem neuen Fokus? Gibt es Schnittstellen?
Bekenntnisse einer Links-Konservativen
Das neue Buch von Sahra Wagenknecht ist eine Streitschrift
gegen die gesamte Linke
von Thies Gleiss
Sahra Wagenknecht: Die Selbstgerechten. Mein Gegenprogramm für Gemeinsinn und Zusammenhalt. Frankfurt, New York: Campus, 2021. 345 S., 24,95 Euro
Vor 110 Jahren starb Paul Singer
‹Kleinigkeiten sind nur Teil der großen Gesamtheit›
von Manfred Dietenberger
Wie gewinnen Linke die Herzen der arbeitenden Menschen? Das ist ein treibendes Motiv hinter dem Organizing-Ansatz. Paul Singer war einer von denen, die es vormachten.
Wider den strukturalen Marxismus
Louis Althussers Anweisung, wie Marx zu lesen sei, führt von Marx weg, denn das Element der Praxis verschwindet
von John Will*
Werner Seppmann: Das Elend der Philosophie. Über Louis Althusser. Kassel: Mangroven Verlag, 2020. 380 S., 27 Euro
Einwanderungsgesellschaft wider Willen
Die Abneigung gegen Zugewanderte hat in Deutschland Wurzeln, die bis ins Kaiserreich zurückreichen – trotzdem nimmt deren Anteil ständig zu
von Paul B. Kleiser
Maria Alexopoulou: Deutschland und die Migration. Geschichte einer Einwanderungsgesellschaft wider Willen. Ditzingen: Reclam, 2020. 280 S., 24 Euro
BUCH: Max Brym: Roter Widerstand in der bayerischen Provinz
Jüchen: Romeon, 2021. 108 S., 11,95 Euro
von Nick Brauns
Bei ihrer ersten größeren Saalveranstaltung in der bayerischen Kleinstadt Burghausen im Gasthof Glöckelhofer holten sich die Nazis am 7.Juli 1932 eine blutige Nase.
BUCH: Shida Bazyar: Drei Kameradinnen
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2021. 250 S., 22 Euro
von Ravi T. Kühnel
«Ich bin nicht: das Mädchen, das ihr euch angucken könnt, um mitleidig zu erklären, ihr hättet euch mit den Migranten beschäftigt und es sei ja alles so dramatisch, aber auch so bewundernswert. Ich bin nicht: das Mädchen aus dem Ghetto.»
Am 15.April 2021 erschien bei Kiepenheuer & Witsch der neue Roman von Shida Bazyar.
Imagining Progressive Futures
Nicholas Powers ermuntert uns, uns eine progressive Zukunft vorzustellen
Interview mit Nicholas Powers*
Nicholas Powers schreibt spekulative Fiktion. Er stellt sich vor, wie eine Gesellschaft aussehen könnte, die geprägt ist von progressiven politischen Maßnahmen – er bietet also eine Alternative zu konservativen, dystopischen Zukunftsvarianten.
Vor 95 Jahren: der Fürstenentscheid
Massenmobilisierung für entschädigungslose Enteignung
von Manfred Dietenberger
Forderungen nach Enteignung waren immer schon Bestandteil linker Politik. Die Frage, ob und wie hoch dafür entschädigt wird, ist damit längst nicht geklärt.
Buchtipp
Robert Wallace: Was Covid-19 mit der ökologischen Krise, dem Raubbau an der Natur und dem Agrobusiness zu tun hat. Mit einem Vorwort von Matthias Martin Becker. Köln: Papyrossa, 2021. 206 S., 20 Euro
von Gerhard Klas
Die Corona-Pandemie ist keine Naturkatastrophe. Wie andere Epidemien des 21.Jahrhunderts ist sie eine Folge des menschlichen Raubbaus an der Natur. Das ist die These, die Rob Wallace, US-amerikanischer Evolutionsbiologe und Epidemiologe, in seinem Buch aufstellt.
6.April 1941
Deutscher Überfall auf Jugoslawien
von Paul Michel
Am Morgen des 6.April 1941, dem Palmsonntag, attackierten 500 deutsche Kampfflugzeuge ohne jede Vorankündigung in mehreren Wellen die jugoslawische Hauptstadt Belgrad. Große Teile Belgrads versanken in Schutt und Asche. Zwischen 1500 und 3000 Menschen verloren ihr Leben. Es war das Gernika des Balkans. Die deutsche Propaganda feierte den barbarischen Akt als verdientes «Strafgericht».
April, April, im Mai geht’s los…
Mit euch!
von der Redaktion
Es brodelt und köchelt im SoZ-Büro. Denn die nächste Ausgabe bekommt die Nummer Null. Wir wagen einen Relaunch. Die SoZ bekommt ein neues Gewand und auch an den inhaltlichen Schrauben wird gedreht. Mehr dazu in der nächsten Ausgabe. Wie ihr konkret die SoZ unterstützen könnt, erfahrt ihr jetzt.
Zwischen den Stühlen
Zum 100.Geburtstag von Erich Fried (1921–1988)
von Kurt Hofmann
Es ist schwer, sich Erich Fried als Hundertjährigen vorzustellen. Doch es ist ein Leichtes, die Lücke zu benennen, die Fried seit seinem Tod im Jahr 1988 hinterlassen hat: Da war einer, der zuschärfte, wo andere abschwächten, Zweifel anmeldete, wo andere Gewissheiten vermuteten.
Anthropozän
An den Rand notiert
von Rolf Euler
Selbst wenn Paul Crutzen, der vor kurzem verstorbene niederländische Wissenschaftler, nur wegen der Erforschung des Ozonlochs und der Ursachen durch FCKW bekannt geworden wäre, wäre dieser «Rand» nötig, daran zu erinnern.
Rest in Power
Eine ungewöhnliche Trauerfeier für einen ungewöhnlichen Kämpfer
von Violetta Bock
Am 21.Februar fand die internationale Gedenkveranstaltung zu Ehren von Christian Krähling statt. Christian wurde bekannt als Arbeiterführer, Vertrauensleutesprecher und einer der Streikaktivisten der ersten Stunde bei Amazon in Bad Hersfeld. Für viele stand er noch für einiges mehr. Das wurde auf dieser Veranstaltung deutlich.
Was ist Klassismus?
Zwei Bücher zum Begriff werden heftig diskutiert
von Gisela Notz
Francis Seeck, Brigitte Theißl (Hrsg.): Solidarisch gegen Klassismus – organisieren, intervenieren, umverteilen. Münster: Unrast, 2020. 280 S., 16 Euro
Buchtipp: Marc-Uwe Kling: Qualityland 2.0
Berlin: Ullstein, 2020. 432 S., 19 Euro (geb.)
dokumentiert
Der Schwerpunkt dieser SoZ-Ausgabe ist das Thema Militarisierung. Ein Artikel behandelt das Thema Kampfroboter und KI. Mark-Uwe Kling hat in seinem neuesten Buch Qualityland 2.0 dieses Thema ebenfalls aufgegriffen.
Russland
Alexei Nawalny – keine Alternative
von David Mandel
Um Alexei Nawalnys Rolle zu verstehen, muss man den Charakter des politischen Regimes in der Russischen Föderation begreifen.
In Russland herrscht ein «bonapartistisches» Regime, in dem die Staatsverwaltung und die Nähe zu ihr die Hauptquellen der Akkumulation sind.
Vor 150 Jahren
Die Frauen in der Pariser Kommune
von Manuel Kellner
Vor 150 Jahren, am 18.März 1871, begann der Aufstand, der zu den 72 Tagen der Pariser Kommune führte. Karl Marx und Friedrich Engels verarbeiteten diese historische Erfahrung. Ihre Schlussfolgerungen gehören bis heute zu den Grundüberzeugungen sozialistischer Revolutionäre in aller Welt.
Wir haben nachgefragt
Die LeserInnenumfrage der SoZ
von Nora Schmid
«SoZ für die Revolution – Revolution für die SoZ», unter diesem Motto haben wir im Herbst letzten Jahres unsere Kampagne für die Neuaufstellung der SoZ gestartet. Keine Revolution jedoch ohne unsere LeserInnen, AbonnentInnen und die vielen UnterstützerInnen.
Ein Instrument zur Zerstörung sozialer Strukturen?
von Rolf Euler
Seit einigen Jahren hat die SoZ ihren Facebook-Auftritt, im sozialen Netzwerk der Massen. Wir versuchen, neben dem Internetauftritt unsere Inhalte breiter zu verteilen als bloß über die gedruckte Zeitung. Um welchen Preis?
Buchtipp: Recht gegen rechts – Report 2020
Hrsg. Nele Austermann u.a., Frankfurt/M.: S.Fischer, 2020
von Leni Klaaß
Ob Polen oder Ungarn – dort wo rechte Regierungen an der Macht sind, wird die Unabhängigkeit der Justiz eingeschränkt. Aber auch in Deutschland lässt der Aufschwung rechter Politik die Rechtsprechung nicht unberührt.
Film: Komm und sieh (Idi i smotri)
UdSSR 1985, Regie: Elem Klimow, 146 min., erschienen bei Bildstörung, 20 Euro
von Gaston Kirsche
Der sowjetische Historiker Ales Adamowitsch hat jahrelang kreuz und quer durch Belarus Zeugenaussagen aufgezeichnet von Überlebenden des deutschen Vernichtungsfeldzugs.
Kein Ausweg, naturgemäß
Zum 90.Geburtstag des Schriftstellers Thomas Bernhard
von Kurt Hofmann
Anders als die von ihm so oft beschriebenen renitenten, letztlich sterbensunwilligen Greise ist Thomas Bernhard nur 58 Jahre alt geworden. Er zählt zu den bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellern der jüngsten Vergangenheit.
Zum Holocaustgedenktag
An Vergangenheit erinnern ohne die Gegenwart zu vergessen
von Arn Strohmeyer*
Israel hat die Erinnerung zu einer ethnisch-nationalistischen Ideologie gemacht. Die Palästinenser als sekundäre Opfer des Holocaust werden vollständig ausgespart.
Ronald Friedmann (Hrsg.): Was wusste Thälmann? Unbekannte Dokumente zur Wittorf-Affäre
Berlin: Dietz, 2020. 144 S., 16 Euro
von Reiner Tosstorff
Am 27.September 1928 veröffentlichte das KPD-Zentralorgan Rote Fahne eine Pressemitteilung. Auf einer Sitzung des Zentralkomitees seien Unterschlagungen in der Hamburger Parteiorganisation durch einen lokalen Funktionär namens John Wittorf erörtert worden.
Film: Little Fires Everywhere
USA 2020, Regie: Lynn Shelton
von T. Ravi Kühnel
Serien, die das Thema Rassismus behandeln, gibt es mittlerweile viele. Der gesellschaftliche Diskurs spiegelt sich längst auch in unserer Medienlandschaft wieder. Meist wird das Thema Rassismus nur einseitig beleuchtet. Die Serie Little Fires Everywhere macht einiges anders und sticht aus der Masse hervor.
Krankenpfleger im Exil
Im Porträt: George Poe Williams
Gespräch mit George Poe Williams
Weil er für gute Pflege in Liberia kämpft, kann er nicht zurück nach Hause
Bill Gates und Corona
Weder Weltenretter noch Verschwörer
von Kathrin Hartmann*
Er mache sich schwere Vorwürfe, weil er nicht «nachdrücklicher vor der Gefahr gewarnt» habe, sagte Bill Gates im Frühjahr kurz nach Beginn der Corona-Pandemie.
Fast alle Medien verbreiteten seine Worte unhinterfragt.
Marie-Janine Calic: Tito. Der ewige Partisan
München: C.H.Beck, 2020. 442 S., 29,95 Euro
von Paul Michel*
Die Tito-Biographie von Marie-Janine Calic ist weit mehr als eine Schilderung des Lebens einer Person.
Calic beschreibt die Zeitumstände, mit denen sich Tito herumschlagen musste und die er im Lauf seines Lebens nachhaltig beeinflusste.
Ein Weltgeist mit den Mitteln des Kinos
Jean-Luc Godard wurde 90
von Paul B. Kleiser
Am 3.Dezember wurde Jean-Luc Godard 90 Jahre alt. Es gibt keinen Filmemacher, der in der Nachkriegszeit ein so vielfältiges Werk geschaffen und das Kino, vor allem natürlich das Avantgardekino, stärker beeinflusst hätte.
Zum 80. Todesjahr von Walter Benjamin
Zehn Thesen zu seinem Beitrag zur Kritischen Theorie
von Michael Löwy
Walter Benjamins Hauptthemen der Reflexion und vor allem seine Thesen Über den Begriff der Geschichte sind von einer frappierenden Universalität. Sie geben uns Werkzeuge an die Hand, mit deren Hilfe wir kulturelle Wirklichkeiten, historische Phänomene und soziale Bewegungen in anderem Kontext, zu anderen Zeiten und auf anderen Kontinenten verstehen können.
Die Kunst des Aufstands
200 Jahre Friedrich Engels – Wie kann die Arbeiterklasse die Macht erobern?
von Hans-Günter Mull
«Neben seiner Jugendfrische und Güte ist nichts so bemerkenswert an ihm wie seine Vielseitigkeit. Nichts bleibt ihm fremd. Naturgeschichte, Chemie, Botanik, Physik, Philologie …, politsche Ökonomie und last not least militärische Taktik.»
200 Jahre Engels
Engels neu entdecken
von Angela Klein / Hans Günter Mull
Elmar Altvater: Engels neu entdecken. Das hellblaue Bändchen zur Einführung in die «Dialektik der Natur» und die Kritik von Akkumulation und Wachstum. Hamburg: VSA, 2015. 190 S., 12 Euro
Paradise Lost
Florian Hurtig: Paradise Lost. München: Oekom-Verlag, 2020. 432 S., 28 Euro
von Rolf Euler
Das verlorene Paradies oder die «Vertreibung» aus dem Paradies ist eine Erzählung aus der Bibel und anderen Überlieferungen. Phantasie und Glauben mischen sich, aber es gibt eine ganz reale historische Grundlage für diese Mythen und die deckt Florian Hurtig in seinem Buch Paradise Lost auf.
Au Loong-yu: Revolte in Hongkong. Die Protestbewegung und die Zukunft Chinas.
Berlin: Bertz+Fischer, 2020. 320 S., 14 Euro
von Hermann Dierkes
Au Loong-yu, langjähriger Globalisierungskritiker und Aktivist für Arbeiterrechte aus Hongkong, legt mit seinem zweiten Buch* die bisher beste Analyse der Demokratiebewegung aus linker Sicht vor.
Tima Kurdi: Der Junge am Strand. Geschichte einer Familie auf der Flucht
Hamburg: Assoziation A, 2020. 256 S., 19,80 Euro
von Albrecht Kieser
Er ruht sich aus, dieser Junge am Strand. Zwei oder drei Jahre mag er alt sein, die blaue kurze Hose, die er trägt, und das rote T-Shirt prahlen mit ihren Farben. Den Kopf hat er weggedreht vom Betrachter. Er ruht sich aus, er ist erschöpft vom Sterben auf dem Meer. Der Tod hat ihn an Land gespült, nahe des türkischen Badeorts Bodrum. Er hat seine Flucht vor dem IS beendet.
Anwalt des Proletariats
Die Serie Babylon Berlin erinnert an den Rote-Hilfe-Anwalt Hans Litten
von Nick Brauns*
Im Oktober sendete die ARD eine neue Staffel der populären, in der turbulenten Endphase der Weimarer Republik spielenden Kriminalserie Babylon Berlin.
QualityLand – eine Dystopie
Marc-Uwe Kling: Qualityland 2.0. Berlin: Ullstein, 2020. 432 Seiten, 19 Euro
von Ravi T. Kühnel
Friedrich Merz kniet ehrfürchtig vor den Statuen von Cowboy Ronald und der eisernen Lady Margaret. Auf einer Tafel daneben stehen die Zehn Gebote, eines davon lautet: «Du sollst keine Steuern zahlen». Leise murmelt er vor sich hin: «…und schütze den freien Markt, denn er wird es richten und alles in den richtigen Bahnen halten.»
Filmtipp
Contemporary Past – Die Gegenwart der Vergangenheit, Polen 2020, Regie: Kamil Majchrzak
von Peter Nowak
Der Regisseur begleitet in seinem Filmessay eine Gruppe von Jugendlichen aus Rumänien, Deutschland und Polen bei ihrem mehrwöchigen Besuch in der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald.
Zur Viennale 2020
Internationales Filmfestival in Wien
von Kurt Hofmann
Anders als anderswo findet die «Viennale», statt, wenn auch mit strengen COVID-19-Auflagen und verringertem Platzangebot. Es geht weiter und zwar mit gleichbleibendem Qualitätsanspruch. Viennale-Direktorin Eva Sangiorgi hat ein variantenreiches Programm mit hohem Niveau vorgelegt. Anbei einige Highlights der diesjährigen Festivalausgabe.
War Engels der größte Fehler von Marx?
Eine Kritik an Engels’ Kritikern
von Paul Blackledge*
200 Jahre nach seiner Geburt ist der Ruf Friedrich Engels’ als origineller Denker, zumindest unter anglophonen Akademikern, auf einem Tiefpunkt angelangt. Der Hauptgrund für diesen unglücklichen Zustand ist zweifellos ein politischer.
Antônio Andrioli: Brasilien zwischen Hoffnung und Illusionen. Kritische Blicke auf ein Land in der (Öko-)Krise
München: Oekom, 2020. 280 S., 26 Euro
von Hermann Dierkes
Der brasilianische Agrarwissenschaftler Antônio Inácio Andrioli ist in Deutschland vor allem in der Umwelt- und alternativen Agrarbewegung bekannt. Seine in Osnabrück entstandene Dissertation über genmanipuliertes Soja wurde bereits 2007 als Buch veröffentlicht.*
Ein linker Green New Deal ist keine angemessene Strategie
Fünf Gegenargumente
von Christian Zeller
Bernd Riexinger, Co-Vorsitzender der Partei DIE LINKE von 2012 bis 2020, legt einen programmatischen und strategischen Vorschlag für einen linken Green New Deal vor.*
Weißensee-Skandal
Israelische Botschaft unterstützt Antisemiten
von Shir Hever
Der Ton gegen israelkritische Juden wird zunehmend schärfer. Nun wurde eine Vortragsreihe an der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee abgesagt.
Juliette Gréco (1927–2020)
Abschied von der „grande dame de la chanson“
von Paul B. Kleiser
Am 23.September starb in Paris mit Juliette Gréco die letzte der großen Chansonsängerinnen, die für die Nachkriegszeit prägend waren. Sie ist in einem Atemzug mit Edith Piaf und Barbara, aber auch den Chansonniers George Brassens, Jacques Brel und Leo Ferré zu nennen; die beiden letzteren schrieben zudem eine Reihe von Liedern für sie.
Rossana Rossanda (1924–2020)
Eine Tochter des 20.Jahrhunderts
von Salvatore Cannavò
Rossana Rossandas Leben ist vollständig verwoben mit dem Jahrhundert, das sie durchlebt hat.
ZF-Friedrichshafen
Vom ständigen Wandel eines Mobilitätsherstellers
von Manfred Dietenberger
Aus den Protesten gegen Massenentlassungen beim Autozulieferer ZF Friedrichshafen (siehe SoZ 9/2020) hat sich eine kleine Serie um den Konzern entwickelt, der wie kein anderer prädestiniert wäre, den Vorreiter für die Mobilitätswende zu spielen. Die jetzige vierte Folge befasst sich mit der Geschichte des Konzerns.
AlarmstufeRot – Kunst ist systemrelevant
Deutschlands sechstgrößter Wirtschaftszweig steht vor dem Kollaps
Gespräch mit Daniel Schulz, alias Der Schulz
Die aktuelle Situation bedroht die Veranstaltungswirtschaft. Clubs sterben aus, KünstlerInnen, VeranstaltungstechnikerInnen und VeranstalterInnen sind arbeitslos oder stehen vor der Insolvenz.
Ausländer raus…
Erinnerung an Christoph Schlingensief
von Dieter Braeg
«Wien ist anders» – das war einmal. In einer Juniwoche im Jahr 2000 zeigte Wien sein wahres Gesicht. Die Deutschen blickten neidisch auf die österreichische Hauptstadt. Anders als heute durften sie damals keine Ausländer abschieben.
Royale Küstenstraße
Australische Künstlerplakate auf Briefmarken
von Kai Böhne
Edward VIII., der 1936 nach dem Tod seines Vaters, George V., zehn Monate den britischen Thron bekleidete, gilt wegen seiner Nähe und seine Sympathien für die Nazis als schwarzes Schaf der Königsfamilie.
Fundgrube bis heute
Friedrich Engels (28.11.1820–5.8.1895)
von Manuel Kellner
Friedrich Engels wurde bekannt als Mitstreiter von Karl Marx. Mit ihm zusammen entwickelte er eine bis auf den heutigen Tag gültige Kritik der kapitalistischen Klassengesellschaft und die kommunistische Perspektive der Selbstbefreiung des Proletariats als Hebel für eine umfassende menschliche Emanzipation.
Martialisches Erinnern
Kampfjets der Bundeswehr und Israels betreiben gemeinsam «Holocaust-Gedenken» am Himmel über Deutschland
von Arn Strohmeyer
In jedem Jahr am Holocaustgedenktag (27.Januar) donnern israelische Kampfjets über das frühere Vernichtungslager Auschwitz, während israelische Schulkinder unten zwischen den Baracken Fahnen mit dem Davidstern schwenken und Treueschwüre für ihren Staat ablegen.
Heimat und Vertreibung in Deutschland
Ein Bericht aus dem Rheinischen Revier
dokumentiert
Sabine Schölermann stammt aus Garzweiler. Auf einer Veranstaltung der Naturfreunde Köln im Vorfeld der Großdemonstration am 30.8. hat sie berichtet, wie sie in ihrer Jugend die Vertreibung aus dem Dorf erlebt hat.
Garzweiler war ein alter Ort, urkundlich erwähnt schon im 12.Jahrhundert.
Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831)
Ein Philosoph der Freiheit
von Paul B. Kleiser
Am leichtesten fällt in der Regel die Polemik mit einem Unbekannten: In der maßgeblich von Stalin beeinflussten Großen Sowjetenzyklopädie von 1953 heißt es: «Am schärfsten kommt der Kampf gegen den Materialismus zum Ausdruck in den Werken von Kant, Fichte, Schelling und Hegel, deren Philosophie die Reaktion der Aristokratie auf die französische bürgerliche Revolution und den französischen bürgerlichen Materialismus des 18.Jahrhunderts verkörpert.»
Das Vierte Reich
Buch von Gavriel D. Rosenfeld
von Paul B. Kleiser
Gavriel D. Rosenfeld: Das Vierte Reich. Der lange Schatten des Nationalsozialismus. Darmstadt: wbg, 2020. 448 S., 34 Euro
Immer wieder ist – vor allem im Zusammenhang mit Waffensammlungen – von «Reichsbürgern» die Rede, die den Staat BRD nicht anerkennen und mit selbstverfertigten Dokumenten «des Deutschen Reiches» hausieren gehen.
Global Player Israel
Neues Buch von Arn Strohmeyer
von Hermann Dierkes
Arn Strohmeyer: Weltmacht Israel. Wie der nahöstliche Kleinstaat als globaler Player agiert. Herne: Gabriele Schäfer Verlag, 2019. 242 S., 17,90 Euro
Arn Strohmeyer hat seine umfangreichen Publikationen zum Thema Israel/Palästina um ein sehr wichtiges Thema ergänzt. Sein neues Buch untersucht vor allem die Stellung Israels in der Welt und sein außenpolitisches Agieren. Dabei stützt er sich auf die zahlreichen Publikationen kritischer israelischer und jüdischer Wissenschaftler, Autoren und Aktivisten, die in Deutschland viel zu wenig publiziert werden.
Das «System Tönnies» – organisierte Kriminalität und moderne Sklaverei
Hrsg. Jour Fixe Gewerkschaftslinke Hamburg. Berlin: Die Buchmacherei, 2020. 126 S., 10 Euro
von Dieter Braeg
Schlachthoftod. Das ist nicht der Titel eines jener Kriminalromane, die mit Lokalkolorit, einen mit seltsamsten Krankheiten ausgestatteten Ermittler oder einen an einer Leberkässemmel oder einem Fischbrötchen erstickten Verbrecher in einer mit kitschigstem Lokalkolorit ausgestatteten Landschaft überführen. Im Jahre 1905 erschien in Amerika der Roman The Jungle von Upton Sinclair. Dieser Roman wurde ein Welterfolg, er schildet das Leben und die Arbeitswelt in den Schlachthöfen Chicagos.
Einmal die Ersten
Bukowski in Nordmazedonien
von Kai Böhne
Was treibt eigentlich die Post Nordmazedoniens? Die Post Nordmazedoniens treibt, was sie soll: Sie transportiert mal mehr und mal weniger zuverlässig Sendungen diverser Art, lässt Leute an Schaltern anstehen, bis sie blau werden, und macht nebenher noch ein wenig Geschichtspolitik.
Der erste Rocker
Ludwig van Beethoven (17.12.1770–26.3.1827)
von Angela Klein
Warum Beethoven? Der Eventkult um den ersten modernen Komponisten ist, Corona sei dank, ziemlich ins Wasser gefallen. Ohnehin hätte er mehr vernebelt, als Beethoven einem breiteren Publikum nähergebracht. Aber was ein wirklich Großer ist, der findet auch so zu Menschen von heute, und nicht nur zu einem kleinen Kreis von Spezialisten. Was ihn für uns heute „modern“ macht, dem will ich hier etwas nachgehen.
Hier arbeitet die Crew?…
…und das hat sie sich gedacht
dokumentiert
Für diejenigen, die beide beteiligten Zeitungen kennen, dürfte die Antwort auf die Frage, warum wir mit direkter Zusammenarbeit in Form einer Beilage experimentieren, eigentlich unmittelbar augenfällig sein.
What would Picard do?
Thematisierung sozialer Aspekte bei Startrek und Co.
von Torsten Bewernitz
Die Science-Fiction-Fernsehserie Startrek wurde 1966 erstmals im US-Fernsehen ausgestrahlt. Darin ging es um das Raumschiff Enterprise, «das unterwegs ist, um fremde Welten zu entdecken, unbekannte Lebensformen und neue Zivilisationen».
In der Hoffnung auf ein besseres Land
Sebastian Gerhardt und Erhard Weinholz im Gespräch über die Initiative für eine Vereinigte Linke (VL) *
1. Das Ziel
Erhard Weinholz: Wir wollen im Folgenden über etwas reden, das mit unserem eigenen Leben eng verbunden ist, über das Wirken der VL. Also einer Bürgerbewegung vom Herbst 1989, einer Gruppierung, die heute fast niemand mehr kennt und die sich in vielem anders orientiert hat als frühere sozialistische Organisationen hierzulande. Ein Neuansatz also, der auch – ich will das nicht überschätzen – doch in gewissem Maße ausgestrahlt hat auf andere. Wir machen das hier aber nicht, um der VL posthum die Große Revolutionäre Verdienstmedaille umzuhängen. Die Frage ist, ob und wie die Betrachtung dieser VL-Geschichte für andere produktiv werden kann, dafür wollen wir Material anbieten.
Sebastian Gerhardt: Und wir verweisen gleich mal auf den aktuellen Kontext: Einige Mitstreiter von damals haben sich im letzten Jahr zu Wort gemeldet, auch mit neuen Positionen: Thomas Klein im telegraph Nr. 135/136, Bernd Gehrke in der SoZ Nr. 1/2020. Vielleicht ist dieses verstärkte Interesse kein Zufall…
Uri Siegel ist verstorben
Neffe des Präsidenten Kurt Landauer vom FC Bayern
von Dietrich Schulze-Marmeling
Gestern verstarb im Alter von 97 Jahren Uri Siegel, der Neffe des legendären und von den Nazis vertriebenen Bayern-Präsidenten Kurt Landauer.
Ernest Mandels Spätkapitalismus*
… und die lange Welle neoliberaler Akkumulation
von Ingo Schmidt
Das waren noch Zeiten. Sozialreform statt Klassenkampf. Friedliche Koexistenz statt Imperialismus. Nachholende Entwicklung statt kolonialer Ausplünderung.
Klimarevolution
Was denn sonst
von Thies Gleiss
Christian Zeller: Revolution für das Klima. Warum wir eine ökosozialistische Alternative brauchen. München: Oekom, 2020. 242 S., 22 Euro
Rainer Werner Fassbinder (1945–1982)
«Schlafen kann ich, wenn ich tot bin»
von Paul B. Kleiser
Am 31.Mai vor 75 Jahren wurde Rainer Werner Fassbinder in Bad Wörishofen geboren. Ab den späten 60er Jahren wurde er zu einem der produktivsten Autoren und Filmemacher der alten BRD.
Wurzeln im Baskenland
50.Todestag des Tenors und Schauspielers Luis Mariano
von Kai Böhne
Der Belcanto-Sänger Luis Mariano (1914–1970) verzauberte seine Zeitgenossen in den 40er und 50er Jahren mit beliebten Operettenmelodien. Als er einmal gefragt wurde, ob er sich mehr als Spanier oder als Franzose sehe, erwiderte er, er fühle sich als Baske.
Wenn die Köchin die Staatsgeschäfte leitet
Von den Anfängen der Arbeiterselbstverwaltung in Jugoslawien
von Paul Michel
Die jugoslawische Arbeiterselbstverwaltung und die damit einhergehende Selbstverwaltung der Kommunen sind heutzutage fast vergessen. Von den 50er bis in die 70er Jahre war das Projekt, das die jugoslawischen Kommunisten «erfunden» hatten, nachdem sie 1948 von Stalin exkommuniziert worden waren, in aller Munde.
Alte und neue Epidemien
Was braucht es, um Seuchen zu besiegen?
von Angela Klein
Um die Corona-Pandemie richtig einordnen zu können, hilft ein Blick in die Vergangenheit.
Die junge Generation muss radikalere Wege gehen
Die erste Ausgabe der deutschsprachigen Jacobin über den Niedergang der Sozialdemokratie
von John Will
Seit einigen Jahren ist ein ungebrochener Aufstieg einer sozialistischen Linken in den USA festzustellen. Im Windschatten von Bernie Sanders’ Kampagnen um die Präsidentschaftskandidatur 2016 und 2020 gewann nicht nur der Begriff «Sozialismus» vor allem unter den jüngeren Generationen vermehrt eine positive Bedeutung.
Grüner wird’s nicht
Kapitalismus geht vor Klimaschutz
von Gerhard Klas
Kathrin Hartmann: Grüner wird’s nicht. Warum wir mit der ökologischen Krise völlig falsch umgehen. München: Blessing, 2020. 174 Seiten, 14 Euro
Jonathan Coe: Middle England
Roman. Wien, Bozen: Folio, 2020. 477 S., 25 Euro
von Paul B. Kleiser
Wer etwas über das soziale und geistige Klima in Großbritannien vor und nach dem Referendum über den Brexit erfahren möchte, dem sei der neue Roman von Jonathan Coe, Middle England, empfohlen. Er handelt von Entwicklungen in den Jahren zwischen 2010 und 2018 und schließt an seine Romane Erste Riten (2001) und Klassentreffen (2004) an.
Großes Geld regiert
Bundesligaspiele laufen wieder
von Manuel Kellner
Als eine «Taskforce» der DFL ihr «Hygiene-Konzept» vorgelegt hatte, nannte ich das im Internet «kalt kalkulierten Wahnsinn im Interesse der Plusmacherei». Rainer Vollmer, Vorstand der Fan-Interessengemeinschaft «Unsere Kurve» meinte: «Das zeigt deutlich, dass es den Machern nur ums Geld geht und nicht um die Gesundheit der Spieler.»
150 Jahre brasilianische Choro-Musik
Briefmarken zum Jubiläum
von Kai Böhne
Choro ist ein Melange aus Walzer, Polka und afrikanischen Sklavenrhythmen.
Zum 120.Geburtstag des brasilianischen Saxophonisten Pixinguinha (1897–1973) wurde der 23.April zum «Internationalen Tag der Choro-Musik» erklärt.
„weiloisirgendwiazamhängd“
Antonio Andrioli erhielt den Naturschutzpreis vom BUND Bayern
Antonio Andrioli, brasilianischer Agrarwissenschaftler und SoZ-Autor, wurde im Januar dieses Jahres für seine verdienstvolle, kritische Forschung in Sachen Gensoja und sein grenzüberschreitendes Umweltengagement vom BUND Bayern mit Naturschutzpreis geehrt. Mit ihm hat der BUND einen würdigen Preisträger ausgewählt.
150 Jahre Lenin
100 Jahre „Der linke Radikalismus“
von François Sabado
Der vorliegende Beitrag ist das Vorwort zu einer 2011 erschienenen französischen Neuedition¹ von Lenins Buch „Der ‚linke Radikalismus‘, die Kinderkrankheit im Kommunismus“.
Grégoire Chamayou: Die unregierbare Gesellschaft. Eine Genealogie des autoritären Liberalismus
Berlin: Suhrkamp, 2019. 496 S., 32 Euro
von Paul B. Kleiser
Der französische Sozialwissenschaftler Grégoire Chamayou, der mit Ferngesteuerte Gewalt. Eine Theorie der Drohne bekannt geworden ist, versucht eine Antwort auf die Frage, wie und warum sich der Neoliberalismus seit den späten 1970er Jahren gegen den Keynesianismus (als «alternativlos», wie Merkel sagt) in Theorie und Praxis durchzusetzen vermochte.
Ein Intellektueller in Buchenwald
David Rousset: Das KZ-Universum. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 2020
von John Will
Die Zahl an literarischer Produktion im wissenschaftlichen Bereich über das System der deutschen Konzentrationslager ist kaum zu ermessen. Trotz oder gerade aufgrund des Aufstiegs der radikalen Rechten in Deutschland nimmt dieser Trend nicht ab.
Die Linken in der DDR
Von der Schwierigkeit, die eigene Geschichte aufzuarbeiten
von Renate Hürtgen
Thomas Klein: Erinnerung an eine Revolution oder Geschichte einer Entfremdung. Mein Abschied von alten Freunden aus der DDR-Opposition. In: telegraph, Nr.135/136, 2019/2020
Edward Snowden: Permanent Record: Meine Geschichte
Frankfurt a.M.: S.Fischer, 2019. 432 S., 22 Euro
von Rolf Euler
Eigentlich müsste man für das Buch von Edward Snowden nicht mehr groß werben, es stand im letzten Jahr wochenlang auf der Sachbuchbestenliste. Aber die Geschichte dieses einzigartigen Falls von Whistleblowing, seine eigene Geschichte von ihm selber aufgeschrieben, gehört jenseits der Aktualität zu den Grundlagen demokratischer Aufklärung.
Über die Rolle der Initiative für eine Vereinigte Linke im Herbst 1989
«Nicht das antikapitalistische Programm entscheidet, sondern die Praxis»
von Renate Hürtgen
Das Scheitern eines Ansatzes für einen Sozialismus, der diesen Namen verdient, im Herbst 1989 beschäftigt weiterhin die AkteurInnen von damals.
«Feindlich-negative Elemente» – damals wie heute
Eine Broschüre zur Repression gegen Linke in der DDR sorgt für Wirbel
von Anna Ernst
Die linke Auseinandersetzung mit der Geschichte und dem Gesellschafts- und Herrschaftssystem der DDR hat bekanntlich ihre Tücken und Fallstricke. So auch in diesem Fall.
Kapp-Putsch und Märzrevolution
Neuerscheinungen und Neuausgaben
von Reiner Tosstorff
Am 13.März jährten sich der Kapp-Putsch gegen die Weimarer Republik und der ihn niederringende Generalstreik mit den anschließenden Kämpfen insbesondere im Ruhrgebiet zum 100.Mal.
Berlinale 2020
Das goldene Kalb
von Kurt Hofmann
Auch auf den sog. Nebenschauplätzen der Berlinale gab es in diesem Jahr viel Entdeckenswertes.
Sieg beim 50.Boston-Marathon
Wie Stelios Kyriakides zum Volksheld in Griechenland wurde
von Kai Böhne
Der Läufer Stelios Kyriakides startete, um Hilfsgüter und Spenden für seine Landsleute im zerstörten Griechenland zu sammeln.
Im Jahr 1946 gewann der Grieche Stelios Kyriakides als erster Nichtamerikaner den Boston-Marathon. Mit 2 Stunden 29 Minuten und 27 Sekunden gelang ihm ein neuer Europarekord.
Der Grundwiderspruch der USA
Allgemeine Menschenrechte und Sklaverei
von Paul B. Kleiser
In der von Thomas Jefferson (1743–1826) formulierten und am 4.Juli 1776 verkündeten Unabhängigkeitserklärung der 13 britischen Kolonien, die die USA bilden sollten, heißt es:
AFDP – Die rechte Versuchung
Die braunen Wurzeln der FDP
von Paul Kleiser
Wäre es in Thüringen nach der FDP gegangen, würde heute zum erstenmal seit 90 Jahren wieder eine Nazipartei in einem Bundesland mitregieren.
Georg Leber (1920–2012)
Ein waschechter Kommunistenfresser
von Manfred Dietenberger
Georg Leber wurde 1966 von der rechtsgerichteten britischen Tageszeitung Daily Mail als bedeutendster Gewerkschaftsführer Europas bezeichnet. Das war er sicher nicht.
Ein untypischer Genosse
Zum Tode von Michel Lequenne (1921–1920)
von Wilfried Dubois
Im Mai wäre er 99 Jahre alt geworden, nun ist er am 13.Februar gestorben. Michel Lequenne hat nach einer Jugend in Le Havre fast sein gesamtes Leben in Paris gelebt. Er war durch und durch Franzose, ein Intellektueller, der nie eine Universität besucht hat, und ein sehr kritischer, ein querdenkender «Trotzkist».
Späte Kämpfe
Zu einem Rückblick auf die VL und die 89er DDR-Revolution
von Erhard Weinholz*
Wer auf die Siebzig zugeht, sie vielleicht gar überschritten hat, sieht sich oft in der Pflicht, die eigene Sicht auf einst mitgestaltetes Geschehen gültig, endgültig zu formulieren. Vielleicht deshalb haben sich in letzter Zeit auch frühere Mitglieder der Initiative für eine Vereinigte Linke (VL) wieder eingehender mit deren Geschichte beschäftigt.
Erstaunlich aktuell
Michael Löwy über Rosa Luxemburg
von John Will
Michael Löwy: Rosa Luxemburg. Der zündende Funke der Revolution. Hamburg: VSA, 2020. 14 S., 14,80 Euro
Warum nach Halle vor Halle ist…
Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Erinnerungsstörungen
von Helmut Dahmer
Nachstehend veröffentlichen wir das Vorwort zu einer Aufsatzsammlung von Helmut Dahmer, die kürzlich unter dem Titel Antisemitismus, Xenophobie und pathisches Vergessen im Verlag Westfälisches Dampfboot erschienen ist (101 S.,10 Euro).
Gerhard Hanloser: Die andere Querfront. Skizzen des antideutschen Betrugs
Münster: Unrast, 2019. 343 S., 18 Euro
von Peter Nowak
Über die antideutsche Strömung ist schon viel geschrieben worden. Bereits 2004 hat der Publizist Gerhard Hanloser mit dem von ihm herausgegebenen Sammelband Wir war’n die Antideutschesten der deutschen Linken eine in großen Teilen fundierte Kritik an der Entwicklung der antideutschen Strömung veröffentlicht.
Andrea Röpke, Andreas Speit: Völkische Landnahme
Berlin: Ch. Links Verlag, 2019. 208 S., 18 Euro
von Rolf Euler
Andrea Röpke und Andreas Speit schreiben über «Alte Sippen, junge Siedler, rechte Ökos» und die rechten bis neofaschistischen Bestrebungen, Land und Leute zu unterwandern, kulturelle Hegemonie im ländlichen Raum zu erringen.
Kirk Douglas (1916–2020)
Zum Leben und Wirken des Filmstars
von Paul Kleiser
Am 5.Februar starb in Beverly Hills der große Schauspieler Kirk Douglas im biblischen Alter von 103 Jahren.
Eine bislang uneinnehmbare Bastion
50 Jahre Lohnfortzahlung im Krankheitsfall
von Mirko Düsterdieck*
Was heute selbstverständlich anmutet, nämlich die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall seitens der Arbeitgeber, war seit Gründung der BRD bis ins Jahr 1969 alles andere als selbstverständlich. Am 1.1.2020 wurde die Lohnfortzahlung 50 Jahre alt: ein Rückblick.
Max Brym: Mao in der bayerischen Provinz
Waiblingen: SWB, 2019. 300 S., 15 Euro
von Nick Brauns
Nicht nur in den westdeutschen Groß- und Universitätsstädten brodelte es in den 1970er Jahren unter der Jugend. Auch im tief katholischen Oberbayern wurde Mao Zedongs Schlachtruf «Rebellion ist gerechtfertigt» vernommen.
Engels neu erleben
Ein Roman über den Freund und Mitstreiter von Karl Marx
von Tim Kühnel
Tilman Röhrig: Und morgen eine neue Welt. München: Pendo, 2019. 512 S., 20 Euro
Anna Karina (1940–2019)
Zum Tod der Godard Muse und Schauspielerin
von Paul Kleiser
Am 14.Dezember 2019 starb in Paris die Schauspielerin Anna Karina im Alter von 79 Jahren.
Claude Cahun (1894–1954)
Zum Leben und Werk der französischen Fotografin und Schriftstellerin
von Kai Böhne
Zu Beginn der 1920er Jahre führte die französische Künstlerin Claude Cahun gemeinsam mit ihrer Stiefschwester und Lebensgefährtin Suzanne Malherbe ein exzentrisches Bohèmeleben in Paris.
Zum 90. Todestag von Paul Levi (1883–1920)
«Republik, das ist nicht viel, Sozialismus ist das Ziel»
von Manfred Dietenberger
Rosa Luxemburg kennt jede und jeder. Aber wer war dieser Dr. jur. Paul Levi, dessen Todestag sich am 8.Februar 2020 zum 90. Mal jährt?
Uli Leicht ist gestorben
Die Redaktion LabourNet Germany und labournet. e.V. trauern um ihr langjähriges Vorstandsmitglied Ulrich Leicht
dokumentiert
Am 27. Dezember 2019 starb Ulrich Leicht (geb: 3.5.1947), lange Jahre (seit 2005) Vorstandsmitglied in Verein labournet. e.V. und auch Autor einiger Veröffentlichungen im Labournet.
«Dieser Betrieb wird bestreikt»
Eine wichtige Neuerscheinung zum legendären Metallerstreik von 1963
von wa
Einer der härtesten Arbeitskämpfe der westdeutschen Nachkriegsgeschichte ist selbst in der IG Metall weitgehend in Vergessenheit geraten. Das könnte sich jetzt ändern.
Mit Poulantzas kämpfen
Teil 3: Der Weg zum Sozialismus
von Thomas Goes
Poulantzas suchte nach einem demokratischen Weg zum Sozialismus. Dabei wandte er sich gegen Strategien, die im Staat entweder lediglich ein zu nutzendes Instrument oder einen Mechanismus sehen, den es zu «zerschlagen» gelte.
Wirtschaftsnobelpreis 2019
An ihrer Armut sind die Armen schuld
von Gerhard Klas
Abhijit V. Banerjee, Esther Duflo: Poor Economics. Plädoyer für eine neues Verständnis von Armut. München: btb, 2012. 384 S., 14 Euro
Esther Duflo: Kampf gegen die Armut. Berlin: Suhrkamp, 2013. 182 S., 16 Euro
Gregor Gog …
… und der Internationale Vagabundenkongress 1929
von Manfred Dietenberger
Gregor Gog kam am 7.November 1891 in Schwerin als Sohn einer Magd und eines Zimmermanns auf die Welt. Die Mutter sagt zu ihrem Sohn, der eigentlich Pfarrer oder zumindest Beamter werden sollte, später einmal: «Es wäre besser gewesen, ich hätte dich in der Badewanne ertränkt.»
Blick zurück im Zorn
Der telegraph Nr.135/136 zum Herbst ’89 in der DDR
von Rolf Euler
30 Jahre nach der Öffnung der Berliner Mauer und den anschließenden Monaten der Hoffnung auf ein anderes Regime in der ehemaligen DDR kommt mit dem neuen telegraph die Korrektur des (oft westlichen) Blicks auf Mauerfall und deutsche Einheit.
Ivan Blatný 1919–1990
Zum 100.Geburtstag
von Kai Böhne
Am 21.Dezember jährte sich der 100.Geburtstag des lange Zeit vergessenen tschechischen Dichters Ivan Blatný.
In den letzten Jahren stieg das Interesse an seiner Person. 2015 wurde Martin Reiners Roman über das Leben Blatnýs mit dem «Magnesia Litera», dem wichtigsten tschechischen Literaturpreis, als Buch des Jahres ausgezeichnet.
Der Herbst ’89 in der DDR
Als politische Führung mit einer Perspektive für eine neue DDR hat die Opposition versagt
Gespräch mit Bernd Gehrke
Der Sieger schreibt die Geschichte. Das ist auch beim Ende der DDR nicht anders. Aus der Westperspektive hat die Öffnung der Mauer am 9.November das Ende der DDR eingeläutet, der Moment also, wo die Waren in den Osten und die Menschen in den Westen gingen. Aus Ostperspektive stellt sich die Sache ganz anders dar – da war der Mauerfall erst der Beginn des gesellschaftlichen Aufbruchs in der DDR.
Plastiken vom 3D-Drucker
Zu Besuch beim Schöpfer des doppelten Rotulus
von Manuel Kellner
Wir sind gegen Ende November zu Besuch bei Eberhard Fiebig* in seinem Atelier in Kassel. Angela Klein ist schon lange Zeit mit ihm befreundet. Wir sehen Plastiken, darunter viele aus Kunststoff, Bilder und einen 3D-Drucker. Fiebig bewirtet uns mit Tee und Gebäck und spricht über seine Arbeit. Wir stellen ihm die eine oder andere Frage.
Mit Poulantzas kämpfen
Klassen und Staat im Kapitalismus, Teil 2
von Thomas Goes
Wie im ersten Teil dieses Artikels dargelegt (SoZ 11/2019), hat Nicos Poulantzas Klassenbeziehungen von vornherein im Zusammenhang mit politischer Herrschaft analysiert. Das drückte sich zum einen in der Art seiner Klassenbestimmung, zum anderen in seiner Theorie des kapitalistischen Staates aus.
Die Mythen der alten BRD
Büchertipps zur Deutschen Nachkriegsgeschichte
von Paul B. Kleiser
Zwei Neuerscheinungen beschäftigen sich mit einer Reihe von offiziellen Narrativen, wie sie von der Politik in der Nachkriegszeit erfunden wurden und bis heute, sogar von Linken, nachgebetet werden.
Max Hoelz…
…und die individuelle Expropriation der Expropriateure
von Manfred Dietenberger
Das bilderbuchschöne, kleine Dorf Todtmoos-Rütte im Südschwarzwald dient schon seit langem vielen, Erholung an Leib und Seele suchenden Städtern als romantisches Refugium. Todtmoos-Rütte war über viele Wochen auch der Ort, an dem sich nach fast siebeneinhalb Jahren Gefängnis der zwar nicht gebrochene, aber durch die lange Isolierung und Einzelhaft doch angegriffene Revolutionär Max Hoelz (1889–1933) daran machte, wieder zu Kräften zu kommen und sich wiederzufinden. Viel zulange war er unschuldig von der Klassenjustiz der Freiheit beraubt gewesen.
Fiktion und Wirklichkeit
Zur Bilanz der deutschen Revolution 1918–1923
von Manuel Kellner
Seit November 2018 begleitet Manuel Kellner die deutsche Revolution vor 100 Jahren in kleinen Serienartikeln und verschiedenen längeren Beiträgen bzw. Themen. Die vorliegende Bilanz beschließt jetzt die Serie. Sie zeigt vor allem eins: Heute wie damals ist ein abschließendes Urteil am Schreibtisch nicht möglich.
Film: Bamboo Stories
Bangladesh/Deutschland 2019, Regie: Shaheen Dill-Riaz (Sabat.Media, 96 Min.)
von Peter Nowak
Während bei uns eine gutbetuchte Mittelschicht zunehmend auf Bambusprodukte als ökologische Alternative zurückgreift, zeigt ein Film die Ausbeutung bei der Bambusgewinnung in Bangladesh.
Buchtipp: Die letzten Byzantiner
Osmanisches Reich im Ersten Weltkrieg
von Paul B. Kleiser
Mirko Heinemann: Die letzten Byzantiner. Die Vertreibung der Griechen vom Schwarzen Meer. Eine Spurensuche. Berlin: Chr. Links, 2019. 263 S., 25 Euro
«So eine wie ich ist hier eigentlich nicht vorgesehen»
Der neue Roman von Karen Köhler ist eine Parabel
auf Politik, Unterdrückung und Emanzipation
von Petra Hartlieb
Karen Köhler: Miroloi. München: Hanser, 2019. 464 S., 24 Euro
«Eselshure», «Schlitzi», «Ausgeburt der Hölle». So wird sie von den Kindern gerufen, wenn sie durch das Dorf huscht. Das Dorf wird von allen das «Schöne Dorf» genannt und liegt auf einer einsamen Insel irgendwo im Meer.
Lehrbücher umschreiben!
Das Europaparlament in den Fußstapfen Kaczynskis
von Andrej Hunko*
Das EU-Parlament ist traditionell nicht eben als Ort ausgewogener geschichtspolitischer Debatten und Resolutionen bekannt. Was sich dieses Parlament aber am 18.September 2019 mit einer erdrückenden Mehrheit von knapp 82 Prozent in der Resolution mit dem Titel «Bedeutung des europäischen Geschichtsbewusstseins für die Zukunft Europas» an Anmaßung, Ignoranz und Geschichtsverdrehung geleistet hat, geht weit über alles bisher dagewesene hinaus.
Großbritannien: Die Labour Party, die Linke und die EU
Ein Rückblick und ein Ausblick
von Gus Fagan
1975: das erste Referendum
Im Oktober 1972 stimmte das britische Unterhaus, angeführt vom konservativen Premierminister Edward Heath, mit 356 zu 244 Stimmen für einen Beitritt Großbritanniens zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG); der Beitritt erfolgte im Januar 1973. Es gab dazu kein Referendum.
30 Jahre nach Öffnung der Mauer
Wer ist das Volk?
von Ingo Schmidt
Tausende gingen im Herbst 1989 gegen die Parteiherrschaft in der DDR auf die Straße. Eine Herrschaft, die sich auf die Interessen des werktätigen Volkes berief, dieses durch Bespitzelung und Bevormundung aber beständig gegen sich aufbrachte. Kein Wunder, das der Slogan «Wir sind das Volk» weit über den Kreis der Montagsdemonstrationen hinaus Anklang fand.
Mit Poulantzas kämpfen
Klassen und Staat im Kapitalismus, Teil 1von Thomas Goes
Am 3.Oktober 1979 nahm sich der marxistische Politikwissenschaftler Nicos Poulantzas das Leben, gerade 43 Jahre alt.
Poulantzas gehörte zu einer Generation marxistischer Intellektueller, die unter historisch außergewöhnlichen Bedingungen wirkte: innerhalb und im Umfeld der großen «eurokommunistischen» Parteien Italiens und Frankreichs, die nach einem demokratischen Weg zum Sozialismus suchten; im Schatten der Jugendradikalisierung Ende der 1960er Jahre und einer lebendigen, wenngleich sich dogmatisierenden radikalen Linken; im Rahmen eines Marxismusrevivals an den Universitäten, die zu Hochburgen der gesellschaftlichen Linken wurden.
Marxismus als strategische und eingreifende Wissenschaft Poulantzas verfolgte vor diesem Hintergrund eine Art «strategische und eingreifende Wissenschaft», die sich direkt auf die Kämpfe der Arbeiterbewegung und der Linken bezog. Deren Probleme wurden aufgegriffen, um durch Analyse und Theoriebildung zu ihrer Lösung beizutragen.
Helmut Dahmer: Freud, Trotzki und der Horkheimer Kreis
Münster?: Westfälisches Dampfboot, 2019. 525 S., 45 Euro
von Manuel Kellner
Sándor Ferenczi war der weltweit erste Professor für Psychoanalyse. Er wurde es 1919 in der ungarischen Räterepublik und gehörte zu denen, die neurotische Störungen als «soziale Leiden» verstehen. Genau in dieser Traditionslinie arbeitet der Soziologe Helmut Dahmer, der von 1968 bis 1992 verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift Psyche war.
Nicaragua 1979–2019
Vom Triumph der Sandinisten zum demokratischen Aufstand
von Helmut Wendler
Matthias Schindler: Vom Triumph der Sandinisten zum demokratischen Aufstand – Nicaragua 1979–2019. Berlin?: Die Buchmacherei, 2019. 173 S., 10 Euro
Seit dem Sieg der Frente Sandinista de Liberación Nacional (FSLN) über die mehr als vierzig Jahre dauernde, von den USA gestützte Familiendiktatur des Somoza-Clans im Jahre 1979, war die Unterstützung der nicaraguanischen Revolution über viele Jahrzehnte für die Linke ein Schwerpunkt deutscher und internationaler Solidaritätsarbeit.
Für einen antikapitalistischen Feminismus…
«…auf den Schultern von Marx und Engels»
von Larissa Peiffer-Rüssmann
Cinzia Arruzza, Tithi Bhattacharya, Nancy Fraser: Feminismus für die 99%. Ein Manifest. Berlin: Matthes & Seitz, 2019. 108 S., 15 Euro
Feminismus für die 99 Prozent meint nicht das eine Prozent, das es in die Konzernetagen von namhaften Unternehmen geschafft hat, was vor allem in den Medien als großer Sieg der Frauen gefeiert wird. Den drei Autorinnen geht es um einen internationalen, antikapitalistischen Feminismus, der für die Rechte aller Frauen kämpft, die ausgebeutet, beherrscht und unterdrückt werden in einem zunehmend räuberischen Kapitalismus, der sich weltweit in einer gesamtgesellschaftlichen Krise befindet.
Vorrevolutionäre Situation 1923
Verpasste Chance zur Machteroberung in Deutschland?
von Manuel Kellner
Nach fünf Jahren latentem und immer wieder ausbrechendem Bürgerkrieg verschärften sich im Jahr 1923 die sozialen und politischen Widersprüche extrem. Die Verelendung großer Teile der Bevölkerung spitzte sich spektakulär zu. Einzig die großen Kapitaleigentümer und Großgrundbesitzer blieben davon verschont.
Klaus Schilp (1931–2019)
Nachruf
von der SoZ-Redaktion
Unser langjähriger Genosse und Mitstreiter Klaus Schilp ist am 7.Oktober im Alter von 88 Jahren gestorben.
Klaus wurde am 13.April 1931 geboren. Er war lange Zeit mit Marianne verheiratet, die 2017 starb, und hinterlässt zwei Kinder.
Peter Handke
Literaturnobelpreisträger und Buhmann
von Dieter Braeg
Peter Handke, Literaturnobelpreisträger des Jahres 2019 längst ein Großmeister des bedachten Schweigens, machte zu Beginn seiner Laufbahn mit zwei spektakulären Auftritten auf sich aufmerksam.
Wem gehört die Revolution?
Replik auf eine «Offene Erklärung» ostdeutscher Bürgerrechtler
von Renate Hürtgen
Am 21.August veröffentlichte die Robert-Havemann-Gesellschaft auf ihrer Webseite eine Offene Erklärung von DDR-Bürgerrechtlern. Diese wandte sich gegen die Alternative für Deutschland (AfD), die «im Wahlkampf die Revolution von 1989 für ihre Zweck zu vereinnahmen» versuchte.
Treuhand und die Folgen
Der größte Raubzug in Friedenszeiten zeigt Folgen bis heute
von Werner Rügemer*
Die Treuhand eröffnete die Übermacht der Unternehmer in der Ex-DDR. Dies setzte sich in ganz Deutschland fort, auch mit der politischen Rechtsentwicklung.
«Herrschaft des Unrechts»
Wie juristische Begriffe zu politischen Kampfbegriffen werden
von Paul B. Kleiser
Stephan Detjen, Maximilian Steinbeis: Die Zauberlehrlinge. Der Streit um die Flüchtlingspolitik und der Mythos vom Rechtsbruch. Stuttgart: Klett-Cotta, 2019. 263 S., 18 Euro
Aspekte des neuen Rechtsradikalismus
Mit der Kraft der Vernunft
von Manuel Kellner
Theodor W. Adorno: Aspekte des neuen Rechtsradikalismus. Mit einem Nachwort von Volker Weiß. Berlin: Suhrkamp, 2019. 88 S., 10 Euro
Der Ball ist nicht rund
Frauenfußball wird weniger anerkannt und schlechter bezahlt
von Dieter Braeg
Erinnert sich noch jemand an die Frauenfußballweltmeisterschaft in diesem Jahr? Volle Stadien, begeisterte Zuschauerinnen und Zuschauer und dazu hochklassige Spiele.
«Offensive» und Niederlage
Zur gescheiterten Märzaktion der VKPD 1921
von Manuel Kellner
Im Dezember 1920 war aus der Fusion der KPD mit dem linken Flügel der USPD die Vereinigte Kommunistische Partei Deutschlands (VKPD) mit schätzungsweise 350000 Mitgliedern hervorgegangen (siehe SoZ 9/2019).
Locarno 2019
Licht und Dunkel
von Kurt Hofmann
Auch unter der neuen Direktorin, Lili Hinstin, ist Locarno ein wichtiges Festival geblieben, das faule Kompromisse (weiterhin) meidet.
Rekorde und Engagement
Luftfahrtpionier André Japy pendelte zwischen Tahiti und den Atollen
von Kai Böhne
In den frühen Morgenstunden des 29.Dezember 1935 starteten der Pilot und Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry und sein Mechaniker André Prévot mit einer Caudron-Renault-Simoun-Propellermaschine vom Pariser Flughafen Le Bourget, um einen Streckenrekord zu unterbieten. Wenige Tage zuvor war der Flugpionier André Japy in drei Tagen und 15 Stunden von Paris nach Saigon geflogen.
Eine revolutionäre Massenpartei entsteht
Vereinigung der KPD mit der USPD-Linken zur VKPD
von Manuel Kellner
Im Jahr 1920 übten die junge russische Räterepublik und die nur ein Jahr alte Kommunistische Internationale (KI) eine starke Anziehungskraft auf bedeutende Kräfte links der Mehrheitssozialdemokratie aus.
In Deutschland zog es einen wachsenden Teil der Mitglieder der USPD in die KI. Damit stellte sich der KPD mehr und mehr die Frage der Vereinigung mit diesen Elementen.
100 Jahre Bauhaus. Vielfalt, Konflikt und Wirkung
(Hrsg. Bernd Hüttner, Georg Leidenberger.) Berlin: Metropol, 2019. 272 S., 22 Euro
von Angela Klein
Es gibt bei dem ganzen Rummel, der um das Bauhaus gemacht wird, wenig Literatur, die sich kritisch damit befasst: mit seinen inneren Widersprüchen; dem, was es zusammengehalten und was es auseinandergetrieben hat; mit seiner Verortung zwischen dem Aufbruch in eine neue, noch zu gestaltende Welt und dem ästhetischen Ausdruck des entwickelten Industriekapitalismus.
Filmtipp
Pedro Almodóvar: Leid und Herrlichkeit (Dolor y gloria), Spanien 2019
von Paul B. Kleiser
Der 1949 geborene Pedro Almodóvar ist der wichtigste spanische Filmregisseur der nachfrankistischen Zeit.
Sein erster Film Pepi, Luci, Bom und der Rest der Bande (mit der später ziemlich bekannt gewordenen Sängerin Olvido Gara «Alaska») kam 1980 in die Kinos. Wer meint, in seinen Filmen würden im Unterschied zu Luis Buñuel oder Carlos Saura die Herrschaftsverhältnisse des Landes nicht zur Sprache kommen, übersieht, dass er mit seiner Hauptthematik, der sexuellen Identität, eine Bombe in die autoritäre und katholische Einhausung des Landes geworfen hat.
Anna Walentynowicz (1929–2010)
Zur Erinnerung
von Kai Böhne
Die Mitgründerin der Solidarnosc wäre am 15.August 90 Jahre alt geworden.
West-östlicher Divan: 200.Geburtstag
Warum wird das an deutschen Schulen nicht gelehrt?
von Manuel Kellner
Zu Goethes Zeit galt Mohammed als „Lügenprophet“. Voltaire zeichnete mit seiner Tragödie „Mahomet“ ein Zerrbild des Islam. Goethe selbst war künstlerischer Morgenlandfahrer und schuf den West-östlichen Divan (erschienen im August 1819) im Geiste des Dialogs zwischen christlich-westlicher bzw. „aufgeklärt“-westlicher und islamisch-östlicher Kultur. Die Mehrheit der eingewanderten Menschen in Deutschland kommt aus dem islamischen Kulturkreis. Es ist ein Skandal, dass dieses Werk von Goethe an deutschen Gymnasien nicht behandelt wird.
Die SPD und die Ökonomen
Hoffnung auf Marx, Kompromiss mit Keynes, Anbiederung an Hayek
von Ingo Schmidt
Die SPD bei der Europawahl: Das schlechte Ergebnis der Bundestagswahl nochmal unterboten und dann in eine Führungskrise geschlittert. Auf der iberischen Halbinsel und in den Niederlanden hingegen sind die Sozialdemokraten stärkste Partei geworden. Das gilt auch für mehr oder minder zeitgleichen Wahlen zu nationalen Parlamenten in Spanien, Dänemark und Finnland. Damit bestätigt sich ein Muster, das sich spätestens seit der Großen Rezession herausgebildet hat: Sozialdemokraten können Wahlen gewinnen, wenn sie als Oppositionsparteien antreten. Aber sie enttäuschen ihre Wähler als Regierungsparteien.
Bürgerkrieg im Ruhrgebiet
Bewaffnete Arbeiterschaft und «Rote Ruhrarmee» 1920
von Manuel Kellner
Schon in den Monaten vor dem Kapp-Putsch (siehe SoZ 6/2019) herrschte eine Art Krieg zwischen der ethnisch bunt zusammengewürfelten Arbeiterschaft des Ruhrgebiets und den Herren der Gruben und Schlote.
Die Beschäftigten wollten mehr als nur einen Hungerlohn und die Verkürzung ihrer mörderischen Schichten, besonders im Bergbau. Die Gruben- und Schlotbarone bedienten sich ausgiebig aller staatsoffiziellen bewaffneten Banden, derer sie habhaft werden konnten, und nahmen den Beschäftigten alles eventuell Errungene im Handumdrehen wieder weg, etwa mit drastischen Preiserhöhungen, wenn sie Lohnerhöhungen zugestehen mussten.
Aron Amm: Moribund. Ein Amerika-Roman
Berlin: KLAK-Verlag, 2019. 379 S., 16,90 Euro
von Manuel Kellner
Die Aero-Company produziert Flugzeuge und gerät nach dem 11.September 2001 unaufhaltsam in den Strudel der Pleite. Gordon Stahl bleibt nichts zu erben. Zuletzt spekuliert er noch vergebens auf eine politische Karriere. Privat – in seiner Ehe mit Maureen – ist er ohnehin schon gescheitert. Letztlich bringt er sich um. Der amerikanische Traum umgekehrt.
Über 28 Minuten Vorsprung bei der Tour de France
Sonderbriefmarke für Radsportlegende Fausto Coppi
von Kai Böhne
Am Abend des 29.Juni 1951 durchlebte der Radsportler Fausto Coppi die schmerzlichsten Stunden seines Lebens. Tagsüber hatte er gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Serse an der Piemont-Rundfahrt teilgenommen. Beim Abschlussspurt in Turin blieb Serse mit dem Vorderrad in einer Straßenbahnschiene hängen und stürzte auf den Kopf. Dabei erlitt er einen doppelten Schädelbruch. Die Ärzte im Krankenhaus konnten sein Leben nicht mehr retten, Serse starb an einer Hirnblutung.
200 Jahre Theodor Fontane
«Ich habe mich heut der Reaction verkauft»
von Paul B. Kleiser
Im Unterschied zu den anderen Autoren des «poetischen Realismus», die im deutschsprachigen Raum die wichtigsten Novellen und Romane des 19.Jahrhunderts verfasst haben – etwa Theodor Storm, Wilhelm Raabe oder die beiden Schweizer Gottfried Keller und Conrad Ferdinand Meyer –, hatte Theodor Fontane immer ein großes Lesepublikum. Nach dem Ende der DDR hat der Einfluss dieses urpreußischen Autors wohl noch zugenommen. Besonders seine «Frauenromane», die eigentlich Gesellschaftsromane sind, Cécile, Stine, Frau Jenny Treibel und natürlich Effie Briest, erfreuen sich nach wie vor großer Beliebtheit.
Volk der Linken
Ein Beitrag zur sozialistischen Strategiediskussion
von Manuel Kellner
Thomas E. Goes: Klassen im Kampf. Vorschläge für eine populare Linke. Köln: PapyRossa, 2019. 182 S., 14,90 Euro
In seinem neuen, lesenswerten Buch präzisiert Thomas Goes seine Vorstellungen zur strategischen Orientierung der sozialistischen und revolutionären Linken, die er zusammen mit Violetta Bock 2017 in Ein unanständiges Angebot? Mit linkem Populismus gegen Eliten und Rechte vorgestellt hatte.
Frankreich: Text über und für die Gelbwesten
«Jede Person, die eine Gelbweste verunglimpft, beleidigt meinen Vater»
von Édouard Louis
Dieser im Dezember 2018 verfasste Text des französischen Schriftstellers Édouard Louis erschien mit dessen freundlicher Genehmigung in l’Anticapitaliste, der Monatszeitschrift der Neuen Antikapitalistischen Partei (NPA) (Nr.103, Januar 2019). Ebenfalls im Januar ist das neueste Buch von Édouard Louis unter dem Titel Wer hat meinen Vater umgebracht auf Deutsch erschienen (S.Fischer, 80 S., 16 Euro).
1968 im Sport. Eine historische Bilderreise
Hildesheim: Arete Verlag, 2018. 124 S., 18 Euro
von Kai Böhne
Das Jahr 1968 im Spitzensport
Walter Ulbricht und Erich Honecker lächelnd und händeschüttelnd mit breitkremprigen Sombreros auf dem Kopf – dieses seltsame Foto stammt aus dem Bildband 1968 im Sport. Die Hüte waren ein Mitbringsel des Präsidenten des Nationalen Olympischen Komitees der DDR, gefeiert wurde das erfolgreiche Abschneiden der DDR-Sportler bei den Olympischen Spielen in Mexiko.
Versailles – der überforderte Frieden
Eine Last, an der wir heute noch tragen
von Paul B. Kleiser
Jörn Leonhard: Der überforderte Frieden. Versailles und die Welt 1918–1923. München: C.H.Beck, 2018. 1531 S., 38 Euro
Die Konferenz von Paris und Versailles, die am 28.Juni 1919 mit einem umfangreichen Vertragswerk zu Ende ging, hat im 20.Jahrhundert weitreichende Auswirkungen gehabt.
Crossing Europe 2019
Zum Filmfestival in Linz
von Kurt Hofmann
Kurz vor den Europawahlen vermochte das Filmfestival Crossing Europe, auch in seiner 16.Ausgabe zu überzeugen. Hier eine Auswahl.
Filmtipp: Streik
Frankreich 2018, Regie: Stéphane Brizé
von Rolf Euler
Fast zwei Stunden entführt uns der Film Streik in eine Szenerie, die wie aus einer anderen Welt erscheint: ein massiver Arbeitskampf über mehrere Monate in und vor einer Fabrik für Autoteile im französischen Agens.
Streik ist ein spannender, politischer, kritischer und wie ich finde: menschlicher Film aus Frankreich unter der Regie von Stéphane Brizé, wie man ihn sonst vielleicht von Ken Loach kennt. Hautnah an den Aktivisten der Streikfront wird eine Detailgeschichte des globalisierten Kapitalismus vor uns ausgebreitet, ein Arbeitskampf mit allen Höhen und Tiefen, getragen von einer Gruppe von Männern und Frauen, die ihren Arbeitsplatz verteidigen möchten.
Frauen am Bauhaus
«…für die Werkstatt nicht geeignet»
von Angela Klein
Das 1919 gegründete Bauhaus hat viele Vorläufer. Seine Besonderheit liegt darin, dass bei ihm nicht nur der Wunsch nach künstlerischer Erneuerung Pate stand, sondern auch die gefühlte Notwendigkeit, «alle Bereiche des Lebens zu reformieren», wie es in der lesenswerten Geschichte des Bauhauses von Magdalena Droste heißt.
Friedensbedingungen von Versailles
Die Linke und die deutsche nationale Empörung 1919-1923
von Manuel Kellner
Die revolutionäre Linke, voran die Bolschewiki, waren für „Frieden ohne Annexionen und Kontributionen“. Weil es sich von beiden Seiten her um einen imperialistischen Krieg handelte. Weil die Einverleibung von Gebieten und das Eintreiben von Beute den Keim des nächsten Kriegs in sich tragen, Revanchismus und Nationalismus befeuern. Was Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg betrifft, so ist das mit den Bestimmungen der Versailler Friedensbedingungen bekanntlich prächtig gelungen.
Polnische Presseschau 133, 18.05.2019
NUR SAG ES NIEMANDEN https://studioopinii.pl/archiwa/192755
Es ist ein sehr bewegender Film über den Missbrauch durch Priester ist im Netz. Die Filmemacher geben den Opfern Raum, um ihr Leid zu schildern. Ganz anders als in schriftlichen Berichten sehen wir hier die Opfer und können auf diese Weise eher ermessen, was für eine Last sie das Leben lang begleitet. Es ist mutig und anerkennenswert von ihnen sich öffentlich mitzuteilen. Am Beginn wird eine Szene eingesprochen, bei der eine missbrauchte Frau vor einer kirchlichen Untersuchungskommission mit der Hand auf die Bibel den Eid nachsprechen muss:
Von Opportunismus und Panik geprägt
Angriffe gegen Kevin Kühnert erbärmlich
von Dieter Schulze-Marmeling
„Seine größte Stärke ist die Schwäche der anderen“, schrieb vor einigen Monaten Catarina Lobenstein über Kevin Kühnert in der „Zeit“. Die letzten Tage haben diese Einschätzung bestätigt. Deutschlands politische Elite hinterlässt in der Auseinandersetzung mit dem 29-Jährigen einen erbärmlichen Eindruck. Dies gilt auch für Teile von Kühnerts eigener Partei. Und das ist nicht gut für die politische Streitkultur.
Munition für den Klassenfeind?
Die Rote Hilfe im Kreuzfeuer der Kritik
von Angela Klein
Am 7.Oktober dieses Jahres jährt sich zum 70.Mal die Gründung der DDR – 40 Jahre später war der 7.Oktober 1989 der Auftakt zu ihrem Zusammenbruch.
Nicht zu diesem Anlass, aber in diesem Kontext hat die Rote Hilfe ein Sonderheft herausgegeben, das sich mit der Unterdrückung der linken Opposition in der DDR beschäftigt. Das hat auf der Seite der unverbesserlichen Verteidiger der DDR einen Sturm der Entrüstung hervorgebracht – von der jungen Welt über die DKP, den Freidenkerverband, das Ostdeutsche Kuratorium der Verbände… Antworten darauf gab es u.a. von Teilen der ehemaligen Vereinigten Linken der DDR und der Zeitschrift telegraph.
Rolf Geffken: Umgang mit dem Arbeitsrecht. Handbuch für Beschäftigte
Neuauflage und Altauflage in einem. 400 S., 26,80 Euro
von Michael Sankari
40 Jahre Erfahrung mit dem Arbeitsrecht – Um es gleich vorweg zu nehmen: wir können nur hoffen, dass das Buch von Rolf Geffken zum Standard in jedem Betriebsratsbüro und in jedem Buchregal betriebspolitisch interessierter und Organizer und Aktivisten wird. Wo wir es ganz sicher nicht finden werden, ist in den Stuben professioneller Konfliktabwickler, in den Büros der Versicherungen und den Schreibtischen des DGB-Rechtsschutz im Gewerkschaftshaus (sofern die nicht schon zum Call-Center umstrukturiert wurde) – nötig wäre es dort umso mehr.
Winfried Wolf: Mit dem Elektroauto in die Sackgasse. Warum E-Mobilität den Klimawandel beschleunigt
Wien: Promedia, 2019. 216 S., 17,90 Euro
von Rolf Euler
Über den Titel des Buches stolpert man erstmal: Ist nicht gerade die Vermeidung des Verbrauchs von fossilen Brennstoffen und damit des CO2-Ausstoßes ein dringendes Ziel und müsste das nicht im Verkehr durch den Einsatz von elektrischen Antrieben geschehen? Wieso dann Sackgasse?
Der Autor Winfried Wolf ist seit Jahrzehnten als Kritiker der Autokonzerne und als Verteidiger des öffentlichen Verkehrs bekannt. Seine Untersuchung zu den technischen, gesellschaftlichen und Umweltfolgen des Elektroautos sind überzeugend dargelegt: Tatsächlich handelt es sich um den Versuch der Autokonzerne, aus allen Krisen des motorisierten Individualverkehrs heraus eine neue Stufe der profitorientierten Autoproduktion zu erreichen.
«Für uns Schah-Gegner war kein Platz»
Über die widersprüchlichen Folgen der iranischen Revolution
Gespräch mit SAID
Mitte Januar 1979 verließ der Schah des Iran das Land unter dem Druck monatelanger Streiks, die Ende 1978 stattgefunden hatten und die vom Bürgertum wie auch von der Geistlichkeit unterstützt wurden. Zwei Wochen später kehrte der 1964 ins Pariser Exil getriebene Führer der Geistlichkeit, Ayatollah Khomeini, nach Teheran zurück und übernahm alsbald die Macht. Am 1.April wurde die Monarchie per Referendum abgeschafft und durch die neue Staatsform Islamische Republik ersetzt.
Der Aufstand des 22.Februar in Algerien
Vorgeschichte und Entstehung
von Lamri Lakrache*
Seit der Unabhängigkeit 1962 hat Algerien keine derart breite, tiefe und dauerhafte Massenbewegung mehr gegen das herrschende politische Regime erlebt. Soziale Erschütterungen wie der «Printemps berbère» (Berber-Frühling) 1980, die Brotaufstände 1988, der schwarze Frühling 2001 und der arabischer Frühling 2011 haben trotz ihrer tiefgreifenden politischen Wirkungen nicht so viele Menschen mobilisiert wie der gegenwärtige Massenaufstand.
Generalstreik gegen den Kapp-Putsch 1920
Die Revolution hebt wieder ihr Haupt
von Manuel Kellner
Nach dem blutigen Rückschlag der deutschen Revolution in Berlin schrieb Rosa Luxemburg am 14.Januar 1919 in der Roten Fahne der KPD: «Eure Ordnung ist auf Sand gebaut. Die Revolution wird sich morgen schon ‹rasselnd wieder in die Höh› richten und zu eurem Schrecken mit Posaunenklang verkünden: ‹Ich war, ich bin, ich werde sein.›»
Eine lesenswerte Studie zur deutschen Revolution
Axel Weipert: Die Zweite Revolution. Rätebewegung in Berlin 1919/1920
von mke
Berlin, Brandenburg: be.bra, 2015. 476 S., 32 Euro
Im Gegensatz zu dem, was der Titel ausdrückt, beschränkt sich die Studie nicht auf Berlin. Berlin war zwar der politische Mittelpunkt des deutschen Reichs und das Epizentrum der Arbeiter- und Soldatenrätebewegung, der Autor geht aber immer wieder auf Ereignisse in anderen Teilen Deutschlands ein.
Ist der Deutsche «Fußball»-Bund noch zu retten?
Wenn der Kommerz Überhand nimmt
von Mirko Düsterdieck*
Der Fußball, weltweit die Sportart Nr.1, befindet sich zur Zeit in einer ganz erheblichen Daseinskrise.
Agnès Varda (1928–2019)
Zum letzten Film und ihren Werken
Paul B. Kleiser
Am 29.März ist die belgisch-französische Fotografin und Filmemacherin Agnès Varda in betagtem Alter gestorben. Bis zuletzt war sie als Regisseurin, aber auch als bildende Künstlerin aktiv; ihr letzter Film Varda par Agnès wurde auf der Berlinale uraufgeführt und soll bald in die Kinos kommen.
Zur Diagonale 2019
Das Filmfestival in Graz
von Kurt Hofmann
Die Diagonale 2019, das Festival des österreichischen Films, war eine Mischung aus vertrauten Programmformen und neuen Ansätzen. Wenig schien in diesem Jahrgang von ungefähr zu sein und vieles durchdacht.
Erst kürzlich haben die Angriffe der schwarz-blauen Rechtskoalition auf den ORF, die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt, wieder zugenommen.
Alles Bauhaus oder was?
Wie die inneren Widersprüche zugekleistert werden
von Dietrich Heißenbüttel*
Die Weißenhofsiedlung wurde im Bauhaus-Stil erbaut: Solche Halbwahrheiten haben zur Hundertjahrfeier der Kunstschule in Weimar und Dessau Konjunktur. Richtiger werden sie dadurch nicht. Zeit, ein wenig Essig in den Schaumwein zu tröpfeln.
Die Arbeit des Körpers im Kapitalismus
Warum technischer Fortschritt schwere körperliche Arbeit nicht abschafft
von Johann-Friedrich Anders
Wolfgang Hien: Die Arbeit des Körpers. Eine kritische Arbeitsgeschichte von der Hochindustrialisierung in Deutschland und Österreich bis zur neoliberalen Gegenwart. Wien: Mandelbaum, 2018. 344 S., 25 Euro
Was passiert mit den Körpern und der Psyche der Arbeiterinnen und Arbeiter bei der Arbeit in der kapitalistisch verfassten Industrie und im Dienstleistungsgewerbe? Wie erleben sie den Arbeitsprozess?
Die Zukunft ist Geschichte
Masha Gessen: Die Zukunft ist Geschichte. Wie Russland die Freiheit gewann und verlor. Berlin: Suhrkamp, 2019. 640 S., 26 Euro
von Paul B. Kleiser
Die besten Bücher über die untergegangene Sowjetunion und die postsowjetischen Erfahrungen stammen von Frauen. Das bekannteste Beispiel ist die Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch und ihr Buch Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus. Oder aber die Bücher der erst 1967 geborenen Masha Gessen, deren neuestes Werk Die Zukunft ist Geschichte. Wie Russland die Freiheit gewann und verlor, gerade auf deutsch erschienen ist.
«Eine Zeit bricht zusammen»
Erster Weltkrieg und Revolution 1918/19 – die Erschütterungen hinter den Ereignissen
von Paul B. Kleiser
Den Traum von einem einigen deutschen Reich gab es – zumindest unter Intellektuellen – seit napoleonischer Zeit. Doch erst in der Revolution 1848 wurde der Versuch gemacht, diese Einheit auf revolutionärem Wege herbeizuführen.
Wider die Mainstream-Politik
Arn Strohmeyer: Wider den Mainstream. Plädoyers gegen Israels Palästina-Politik und den Antisemitismus-Vorwurf als politische Waffe. Herne: Gabriele Schäfer Verlag, 2019. 261 S., 16,90 Euro
von Hermann Dierkes
Der Bremer Journalist Arn Strohmeyer analysiert und kommentiert seit vielen Jahren die politische Entwicklung im Nahen Osten und die völker- und menschenrechtswidrige Unterdrückung der Palästinenser. Dabei bildet das Verhältnis der deutschen Mainstream-Politik zu diesem Komplex den besonderen Schwerpunkt.
Kein Denkmal für Le Corbusier
Trotz Ruhm – Faschist bleibt Faschist
von Manuel Kellner
Charles-Eduard Jeanneret-Gris, geboren als Schweizer, später französischer Staatsbürger und bekannt unter seinem Künstlernamen Le Corbusier, war Architekt, Architekturtheoretiker, Stadtplaner, Maler, Zeichner, Bildhauer und Möbeldesigner. Siebzehn seiner Bauten gehören zum Weltkulturerbe der UNESCO. Die von ihm vertretene Stilrichtung des «Purismus» (vom französischen «pur» für «rein») befürwortet rationale Kompositionen aus elementaren geometrischen Figuren ohne gewollt dekorative Effekte.
Berlinale 2019: Forum
Internationale Filmfestspiele Berlin
von Kurt Hofmann
Einige der gelungensten Produktionen der diesjährigen Auswahl des Forums waren dem (stets wichtigen) Wechselspiel zwischen Geschichte und Gegenwart gewidmet.
Die Wochen der Münchener Räterepublik
Das tragische Ende einer Farce
von Manuel Kellner
Der erste Ministerpräsident von Bayern, Kurt Eisner, Mitglied der dort sehr schwachen USPD, war vor Beginn der deutschen Revolution eher durch seine Theaterkritiken als durch eine besondere politische Rolle aufgefallen. Er war auch nicht für die dauerhafte Errichtung einer Rätemacht, sondern durchaus für die Einberufung der Nationalversammlung. Seiner Meinung nach sollten Parlamente und Räte einander ergänzen.
Partisanen einer neuen Welt
Eine Geschichte der Linken in der Türkei
von Nihat Özer
Dies ist der Titel eines Buches, das im August 2018 im Verlag Die Buchmacherei erschienen ist. Es behandelt die Geschichte der Linken in der Türkei seit Ende des Osmanischen Reichs bis zur Gegenwart, die hierzulande weitgehend unbekannt ist.
Politik und Poesie
An den Rand notiert
von Rolf Euler
Was hat das wohl miteinander zu tun in Zeiten von Fakenews, Sachzwängen und erneuten kalten Kriegen? «Politik und Poesie» lautet das Motto der diesjährigen Ruhrfestspiele auf, die mit Theater, Tanz, Lesungen, Kabarett im Mai und Juni wieder in Recklinghausen unter neuer Leitung stattfinden werden.
Die «geistig-moralische Wende»…
… und die herrschende Leere im Konservatismus
von Paul B. Kleiser
Thomas Biebricher: Geistig-moralische Wende. Die Erschöpfung des deutschen Konservatismus. Berlin: Matthes & Seitz, 2018. 320 S., 28 Euro
Der Politologe Thomas Biebricher hat ein kluges Buch geschrieben, in dem nicht nur die Entwicklung der CDU seit Helmut Kohl analysiert wird, sondern auch die politischen Diskurse behandelt werden, die im Gefolge von 1968 von konservativer Seite verbreitet wurden. Er zeigt den inzwischen eingetretenen, weitgehenden Substanzverlust dieser politischen Richtung auf. Im Grunde sei nur noch die «schwarze Null» übrig geblieben.
Richard Zach (1919–1943)
Ein verkannter österreichischer Dichter und Antifaschist
von Angela Klein
«Werde ein guter Bürger, mein Sohn.
Glaube an Volk und Tradition.
Und eines lass Dir ewiglich raten:
Du, wage es nie, mit dem Staate zu raufen.
Die Märzstreiks 1919
Räte als Organe der Aktionseinheit
von Manuel Kellner
Die Niederschlagung der Massenbewegung im Januar und die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in Berlin waren nicht das Ende der deutschen Revolution. Auch im Februar gab es in vielen Städten Streiks und Widerstand gegen die gewaltsamen Versuche von Freikorps und Reichswehr, die Räte zu beseitigen.
Versäumte linke Einheit
Die Revolutionären Obleute 1916–1919 und die KPD
von Manuel Kellner
Die Revolutionären Obleute spielten während des Krieges und in der Novemberrevolution eine zentrale Rolle. Sie waren unabhängig von den bestehenden Gewerkschaftsstrukturen gewählte betriebliche Vertrauensleute und in zahlreichen Industriebetrieben, besonders in den Berliner Rüstungsbetrieben, verankert. Sie lehnten sich gegen die Unterstützung des Krieges durch die SPD und gegen die Burgfriedenspolitik auf.
Krimitipp: Andrew Brown: Teuflische Saat
Berlin: btb, 2018. 415 S., 10 Euro
von Udo Bonn
«Mach schon, Lahmarsch», mit dieser spöttischen Aufforderung wird Gabriel Cockburn von seiner Frau zum Weiterlaufen angetrieben. Nicht unbedingt nett, aber noch weniger nett ist ihre Ankündigung, ihn wegen eines anderen Manns verlassen zu wollen.
15 Jahre AlstomChor
Jubiläum in Mannheim
Gespräch mit Bernd Köhler
2003 gründete sich im Kontext eines massiven Widerstands gegen Arbeitsplatzabbau der Mannheimer AlstomChor. Mit einem bewegenden Fest feierte er Ende Oktober 2018 sein 15jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass sprachen wir mit Bernd Köhler, dem Initiator des Chors.
100 Jahre KPD
Das lebendige Erbe des frühen deutschen Parteikommunismus
von Florian Wilde*
Inmitten des von der Novemberrevolution ausgelösten Umbruchs vereinigten sich zur Jahreswende 1918/19 der Spartakusbund und die Internationalen Kommunisten Deutschlands zur Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD).
Revolution in der Frontstadt Köln? Gott bewahre…
Wie der christliche Oberbürgermeister Konrad Adenauer 1917/18 die «Gefahr des Bolschewismus» abwandte
von Werner Rügemer*
Nach dem Sieg Preußens über Frankreich und der Gründung des deutschen Kaiserreiches 1870/71 wurde Köln an der Rheingrenze zur hochgerüsteten Frontstadt gegen den Erzfeind Frankreich ausgebaut. Die Stadt wurde zur deutschen «Wacht am Rhein» – Festungsstadt mit Forts, Schützengräben, militärischen Gleisanlagen. Der preußische Militärgouverneur befahl über das Militärgefängnis und die Garnison mit ständig 8000 Soldaten. Der Neumarkt war ihr Exerzierplatz. Im benachbarten Porz-Wahn wurde der schon länger bestehende Truppenübungsplatz weiter ausgebaut. […]
Januar 1919 in Berlin
Der Mythos vom Spartakusaufstand
von Reiner Tosstorff
Die Mär vom «Spartakusaufstand» geistert bis heute herum. Sie ist gleichsam zur offiziellen deutschen Ideologie geworden. Die SPD, die mit Regierungschef Friedrich Ebert und ihrem Kriegsminister Gustav Noske bewusst das fatale Bündnis mit den Freikorps eingegangen war, nutzte ihn weidlich. Skrupellose Rechtfertiger aus den Reihen der Täter (die zugleich versuchten, ihre Taten zu vertuschen) taten dies auch.
Ultralinke Stimmung
Eindrücke vom Gründungsparteitag der KPD
von Manuel Kellner
Das Protokoll des Gründungsparteitags der KPD vermittelt einen lebendigen Eindruck vom Zustand der jungen kommunistischen Bewegung. Es lohnt sich, es sorgfältig zu studieren und auf Bildungsveranstaltungen darüber zu diskutieren.
«Russische Zustände» an der Spree?
Revolution und Rätebewegung
von Axel Weipert*
Oft wird den Deutschen nachgesagt, sie seien kein Volk von Revolutionären. Vor hundert Jahren aber war das Gegenteil richtig, auch wenn diese revolutionäre Tradition im öffentlichen Bewusstsein weitgehend verschüttet ist. Denn der zentrale Akteur dieser Revolution war die basisdemokratisch-sozialistische Rätebewegung.
Die Revolution in Deutschland ist untrennbar mit der Gründung von Räten verbunden. In den ersten Tagen waren sie zentrale Akteure der Umwälzung, Anhänger und Gegner identifizierten sie geradezu mit der Revolution selbst.
Der letzte große Italiener
Bernardo Bertolucci (1941–2018)
von Paul B. Kleiser
Am 26.November 2018 starb in Rom der italienische Filmemacher Bernardo Bertolucci im Alter von 77 Jahren. Mit ihm endet (vorläufig?) die große Zeit der italienischen Filmemacher von Weltrang.
Anti-Geschichtsbuch: Eine kritische Auseinandersetzung mit der Novemberrevolution
Klaus Dallmer: Die Meuterei auf der «Deutschland» 1918/19 – Anpassung, Aufbäumen und Untergang der ersten deutschen Arbeiterbewegung. Berlin: Die Buchmacherei, 2018. 320 S., 12 Euro
von Peter Nowak
«Lasst euch nicht verdrießen. Denn wir wissen absolut! Noske, der wird schießen.»
Dieses Spottlied auf einen berüchtigten SPD-Politiker, der für die Massaker an rebellischen Arbeitern nach der Novemberrevolution verantwortlich war, stammt bereits von 1907. Damals schon stand Gustav Noske auf dem rechten Flügel der SPD und war als Reichstagsabgeordneter Experte für Kolonialpolitik und Militärfragen. In dieser Funktion forderte er im Reichstag, Arbeitsplätze auf deutschen Schiffen sollten nur Deutschen vorbehalten sein, und erklärte, im Falle eines Angriffs würde die SPD Deutschland verteidigen. Zur gleichen Zeit, 1907, war Karl Liebknecht unter Anklage des Hochverrats wegen Verfassens antimilitaristischen Schriften zu einer eineinhalbjährigen Zuchthausstrafe verurteilt worden.
Antisemitismus und Israelsolidarität
Moshe Zuckermann: Der allgegenwärtige Antisemitismus oder Die Angst der Deutschen vor der Vergangenheit. Frankfurt a.M.: Westend, 2018. 255 S., € 20
von Larissa Peiffer-Rüssmann
In Deutschland wird jede Kritik an der israelischen Politik umgehend mit dem Vorwurf des Antisemitismus geahndet. Trotzdem können wir angesichts des Unrechts, das den Palästinensern tagtäglich angetan wird, nicht schweigen und müssen uns gleichzeitig der deutsch-jüdischen Vergangenheit stellen. Moshe Zuckermann greift in seinem Buch die Widersprüche in diesem Konflikt auf und analysiert den Realitätsverlust gegenüber Israel. Er zeigt auf, wie das Gedenken an die Judenverfolgungen im Nationalsozialismus begrifflich instrumentalisiert und eine Auseinandersetzung mit der realen israelischen Politik verhindert wird.
Allgemeiner Kongress der Arbeiter- und Soldatenräte Deutschlands
16.–20.Dezember 1918 Berlin – Stenografische Berichte. (Hrsg. Dieter Braeg, Ralf Hoffrogge.) Berlin: Die Buchmacherei, 2018. 618 S., 20 Euro
von Reiner Tosstorff
Protokoll des deutschen Rätekongresses
Mitte Dezember 1918, nur sechs Wochen nach dem Sturz des Kaiserreichs und der Proklamation der Republik, trat in Berlin im Abgeordnetenhaus, dem ehemaligen Scheinparlament der preußischen Monarchie, der Kongress der Arbeiter- und Soldatenräte zusammen. Sein Ergebnis ist bekannt: Aufgrund der SPD-Mehrheit wurden Wahlen zur Nationalversammlung binnen vier Wochen zur Ablösung der Räteherrschaft beschlossen. Doch wäre es falsch, daraus einfach zu folgern, die Delegierten hätten nichts anderes als das direkte und unmittelbare Begräbnis der Revolution im Sinne gehabt.
Alexander Solschenizyn (1918-2008)
von Paul B. Kleiser
Am 11.Dezember 2018 wäre Solschenizyn hundert Jahre alt geworden. Zweifellos zählt er zu den bedeutendsten russischen/sowjetischen Autor*innen des 20.Jahrhunderts, auch wenn er nach den großen Erfolgen seiner Bücher, vor allem von Archipel Gulag (1974), und der Verleihung des Nobelpreises für Literatur an ihn 1970, heute etwas in Vergessenheit geraten ist.
100 Jahre Novemberrevolution
Eine lehrreiche Feierstunde
von Manfred Dietenberger
Als die Kronen purzelten und das Volk aufstand, bekamen die Fabrikherren wieder das Knieschlottern. Die Gewerkschaftsführungen aber auch, und so unterzeichneten beide zwölf Tage nach dem Matrosenaufstand in Kiel gemeinsam ein Abkommen, das der Revolution ganz schnell ein Ende bereiten sollte. Die Fabrikherren hielten sich nicht lange daran, sie warteten auf die nächste Gelegenheit, es über Bord zu werfen. Das tun sie heute wieder, wenn auch mit weißen Handschuhen statt dem SA-Knüppel. So führen sie die vielen salbungsvollen Reden, in denen die liberalen Eliten dieses Landes nach 100 Jahren die Novemberrevolution als Geburtsstunde der Republik preisen, selber ad absurdum: Hinter der Tünche steckt der Klassenkampf.
Die deutsche Revolution im Dezember 1918
Vorbereitung des Bürgerkriegs
von Manuel Kellner
Am zweiten Tag der deutschen Revolution vom 9. November 1918 war Friedrich Ebert vom scheidenden Reichskanzler Max von Baden zum Reichskanzler ernannt worden. Die Arbeiter- und Soldatenräte der Hauptstadt Berlin machten ihn sofort darauf zum Vorsitzenden des Rats der Volksbeauftragten, bestehend aus drei SPD- und drei USPD-Mitgliedern, und damit zum Regierungschef der Räterepublik.
Die Rätedemokratie: Auch 100 Jahre danach noch eine konkrete Utopie
Eine Biografie von Richard Müller
von Reiner Tosstorff
Ralf Hoffrogge: Richard Müller. Der Mann hinter der Novemberrevolution. Berlin: Dietz, 2018. 24,90 Euro
Ralf Hoffrogge zeichnet in seinem neuen Buch das Leben eines der zentralen Akteure der Rätebewegung, Richard Müller, nach.
200 Jahre Karl Marx – Ein Rückblick auf die Debatte anlässlich des Jubiläums
Ausblick auf die Bedeutung marxistischer Theorie und Praxis
von Winfried Wolf
Grundlage des folgenden Textes ist die Rede, die Winfried Wolf am 5. Mai 2018 in Köln auf der Veranstaltung der SoZ zum 200. Geburtstag von Karl Marx hielt. Die Rede erschien zum erstenmal in Lunapark21 (Heft 42, Sommer 2018) und wurde für die dortige Veröffentlichung bearbeitet und deutlich erweitert. Der Abdruck in der SoZ geschieht mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Alle Welt schrieb im letzten Jahr über «150 Jahre ‹Das Kapital›». Alle Welt schreibt in diesem Jahr über «200 Jahre Karl Marx» – und auch über «170 Jahre Kommunistisches Manifest». Deutlich weniger, aber immer noch viel, wird 2020 die Rede sein von «200 Jahre Friedrich Engels».
Gauland und Konsorten
Literatur und Info zum Thema AfD
von Paul B. Kleiser
Olaf Sundermeyer: Gauland. Die Rache des alten Mannes. München: C.H.Beck, 2018. 176 S., € 14,95
Melanie Amann: Angst für Deutschland. Die Wahrheit über die AfD: wo sie herkommt, wer sie führt, wohin sie steuert. München: Droemer, 2018. 318 S., € 16,99
Alexander Gauland, der 40 Jahre Mitglied der CDU war und unter Ministerpräsident Wallmann, dem Nachfolger von Dregger aus der «Stahlhelmfraktion», in der hessischen Staatskanzlei gearbeitet hat, klammert die verschiedenen Strömungen (einschließlich der Rechtsextremen) in der AfD zusammen.
200 Jahre Karl Marx, Teil 9
Technologie ist nicht neutral
von Manuel Kellner
Karl Marx war dafür, «alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist». Aktuell bleibt auch seine Kritik der kapitalistischen Produktionsweise, die «die Erde und den Arbeiter untergräbt». Immer bereit an allem zu zweifeln, verdient er nicht, zum Säulenheiligen gemacht zu werden. Sein Konzept der Selbstbefreiung der Arbeiterklasse als Mittel universaler Emanzipation bleibt allerdings entscheidender Bestandteil des revolutionären Kampfes für eine weltweite sozialistische Gesellschaft.
Zur Viennale 2018
Drei Beispiele der Verfremdung
von Kurt Hofmann
Die diesjährige Viennale – das internationale Filmfestival in Wien – wurde erstmals von Eva Sangiorgi verantwortet.
Eine «politische Viennale» sei es geworden, wurde vielfach angemerkt. Das ist zutreffend, doch war das «politisch» im Sinne von Godards Diktum zu verstehen, nicht «politische Filme» zu machen, sondern Filme politisch zu machen.
Marlon James: Eine kurze Geschichte von sieben Morden
Übers. Gudrun Argo u.a. München: Heyne, 2018. 864 S., 15 Euro
von Udo Bonn
Am 3. Dezember 1976 dringen sieben Männer in das schwerbewachte Haus von Bob Marley ein, um ihn zu töten. Nur von zwei Streifschüssen verletzt, hat er mehr Glück als seine Frau und sein Manager. Beide bezahlen das Attentat beinahe mit ihrem Leben.
Keine Frauenliteratur
Tipps für den Gabentisch und das geruhsame Schmökern im Lehnstuhl
von Petra Hartlieb
Auf der Leipziger Buchmesse gibt es seit mehreren Jahren eine Veranstaltung, die nennt sich «Ladies Night». Hier werden unter dem Überbegriff «Frauen» vier Lesungen in einen Abend gepackt, dessen Bücher nichts, aber wirklich nichts Gemeinsames haben, außer dass sie nicht von Männern geschrieben wurden.
In eigener Sache
„Lebensschützer“
von Angela Klein
In SoZ 10/2018 hat Ute Abraham einen Artikel über den §219a geschrieben. Dieser Paragraf ist ein Relikt aus der Nazizeit. Er beinhaltet, dass Ärztinnen und Ärzte nicht öffentlich darüber informieren dürfen, dass sie Abtreibungen durchführen. Er wurde der Ärztin Kristina Hänel zum Verhängnis, die deshalb im November 2017 wegen unerlaubter Werbung angeklagt wurde (siehe SoZ 1/2018, 5/2018 und 10/2018).
Jahrestage
Wer keine Zukunft sieht, hat auch keine Geschichte
von Ingo Schmidt
So viel Erinnerungsarbeit wurde lange nicht geleistet. Doch den unzähligen Büchern, Ausstellungen und Feuilletonartikeln, die den Revolutionen von 1848, 1918 und 1968 gewidmet sind, haftet etwas Gespenstisches an. Nicht im Sinne eines die herrschenden Mächte verängstigenden Gespenstes des Kommunismus, das Marx und Engels am Vorabend der 1848er Revolution beschworen, sondern einer von der Gegenwart abgeschnittenen Vergangenheit.
Kein deutscher Oktober
Die kurze Blüte der deutschen Revolution
von Manuel Kellner, Angela Klein
Die Massenmedien erinnern heute an den 9.November als «Geburtsstunde der Demokratie». Damals aber wollten sie davon nichts wissen. Erst die nicht wegzudiskutierende Niederlage im Krieg und die Wucht der revolutionären Bewegung mit der Schaffung potentieller Organe der Gegenmacht in Form der Räte nötigte die alten Machthaber, abzudanken.
Der Kieler Matrosen- und Arbeiteraufstand 1918…
… und die Politik der Linken
von Klaus Kuhl*
Die USPD hatte in Kiel nach Aussagen Lothar Popps¹ die Revolution und damit den Sturz der Regierung bereits im Januar 1918 vorbereitet, vermutlich in enger Abstimmung mit Berlin. Dabei sollten Landmarineeinheiten eine wichtige Rolle spielen. Die Vorstellung der USPD war, im Verlauf von ausgedehnten Streiks und Unruhen mit militärischen Einheiten zentrale Positionen zu besetzen und damit den Umsturz durchzuführen. Dies wurde jedoch durch die Verhaftung einer ganzen Reihe von führenden Kieler USPD-Mitgliedern verhindert.
Vor 100 Jahren: Frauen dürfen wählen!
Waren damit alle Frauenträume erfüllt?
von Gisela Notz
In vielen Veröffentlichungen zum 100.Jahrestag der Durchsetzung des Frauenwahlrechts werden heute vor allem die Verdienste der Frauen aus der bürgerlichen Frauenbewegung hervorgehoben, die für das Stimmrecht gekämpft haben, aber lange Zeit nicht wussten, ob sie das wirklich auch für die unteren Klassen erkämpfen sollen. Vergessen wird der Kampf der sozialistischen Arbeiterinnenbewegung, ohne den das allgemeine und gleiche Wahlrecht für Frauen nicht durchgesetzt worden wäre.
Klaus Gietinger: November 1918. Der verpasste Frühling des 20.Jahrhunderts
Mit einem Vorwort von Karl Heinz Roth. Hamburg: Nautilus, 2018. 270 S., 18 €
von Reiner Tosstorff
Ein neues Buch von Klaus Gietinger
Der 100.Jahrestag der Novemberrevolution führt seit geraumer Zeit zu einer Fülle von Veröffentlichungen, was der Bedeutung dieses Ereignisses durchaus angemessen ist.
Fortgesetzte Geschichtsfälschung
Arn Strohmeyer antwortet auf die «Ausstellung zur Staatsgründung Israels»
von Hermann Dierkes
Arn Strohmeyer: Ein klassischer Fall von Geschichtsfälschung. Eine Gegendokumentation. Herne: Gabriele Schäfer Verlag, 2018. 157 S., € 14,90
2008 jährte sich zum 60.Mal die Nakba, die Katastrophe mit Vertreibung, Massakern, Flucht, Zerstörung und Enteignung, mit der das palästinensische Volk die Staatsgründung Israels bezahlen musste – und bis heute bezahlt.
Peter Zudeick: Heimat. Volk. Vaterland. Eine Kampfansage an rechts
Frankfurt a.M.: Westend, 2018. 187 S., € 18
von Paul B. Kleiser
Kampf um Worte und Begriffe
In Umbruchzeiten, wie wir sie im Gefolge der großen Krise von 2008 und der raschen Digitalisierung gerade erleben, werden bei vielen Menschen sicher geglaubte Gewissheiten und Lebensplanungen zerstört.
200 Jahre Karl Marx, Teil 8
Zerstörerische «Reinigungskrisen» und Zusammenbruch
von Manuel Kellner
Karl Marx war dafür, «alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist». Aktuell bleibt auch seine Kritik der kapitalistischen Produktionsweise, die «die Erde und den Arbeiter untergräbt». Immer bereit an allem zu zweifeln, verdient er nicht, zum Säulenheiligen gemacht zu werden. Sein Konzept der Selbstbefreiung der Arbeiterklasse als Mittel universaler Emanzipation bleibt allerdings entscheidender Bestandteil des revolutionären Kampfs für eine weltweite sozialistische Gesellschaft.
Über Leben in Demmin
Deutschland 2017, Regie: Martin Farkas
von Peter Nowak
Am Ende des Films rufen Antifaschisten den Neonazis die Parole zu: «Ihr habt den Krieg verloren.» Der Spruch wird auf vielen Antifademos gerufen. Doch in der mecklenburgischen Kleinstadt Demmin hat er eine besondere Bedeutung. Dort haben sich im Mai 1945 nach der Niederlage Nazideutschlands über 600 Menschen das Leben genommen. Sie haben sich erhängt oder sind mit Steinen in den Manteltaschen ins Wasser gegangen. Familien haben erst ihre Kinder und dann sich selber erschossen. Ein Film über diese Ereignisse kann schnell in Kitsch und deutschen Opfermythos enden. Doch der im Allgäu geborene Regisseur Martin Farkas hat es mit seinem Film Über Leben in Demmin geschafft, die Stimmung in einer Kleinstadt in Ostdeutschland in der Gegenwart einzufangen.
Krimitipp: Jo Nesbø: Macbeth
Berlin: Penguin, 2018. 621 S., € 24
von Udo Bonn
Für Henning Mankell war Shakespeares Macbeth die beste Kriminalgeschichte aller Zeiten. Was liegt da näher, als im Rahmen des Hogarth-Shakespeare-Projekts einen Kriminalroman zu schreiben? Dem norwegischen Autor Jo Nesbø ist die Transformation der blutigen Tragödie aus dem schottischen Mittelalter ins 20.Jahrhundert gelungen.
Das große Geld verdirbt den Spaß
Warum viele Fußballfans rebellieren
von Manuel Kellner
Zwanzig Schweigeminuten in den Stadien aus allen drei Profiligen – so in Berlin, Bremen, München, Hannover, Freiburg und Köln – was ist da los? «Stimmungsboykott»! Zu sehen sind Transparente mit Aufschriften wie «United by money. Korrupt im Herzen Europas», oder «Fußball is for you and me – not for fucking Pay-TV».
Ab ins Museum
An den Rand notiert
von Rolf Euler
Im Ruhrgebiet gilt das Interesse der Museumsbetreiber in diesem Jahr vorrangig der Beendigung der Steinkohlenförderung auf den letzten beiden Bergwerken. Damit soll mehr als nur örtliches oder kurzfristiges Interesse angesprochen werden. Es ist Anlass für 17 Kunstmuseen, Bilder, Videos oder Skulpturen diesem Thema zu widmen. Für die Industriemuseen der beiden Landschaftsverbände gilt sozusagen «Bergbau» und alles was damit zu tun hat, als «Pflichtveranstaltung».
30 Jahre Wackersdorf
Lieber nachvollziehen, als am Mythos stricken – Ein Zeitzeuge erinnert sich
von Theo Völkl
Dieser Tage ist ein Film über den Widerstand gegen die Wideraufbereitungsanlage (WAA) in Wackersdorf in den 80er Jahren angelaufen. Letztlich konnte die Anlage verhindert werden, doch war dies nicht allein das Verdienst der Bewegung – es kam viel zusammen. Ein Lehrstück für den Hambacher Forst?
«Wenn wir den Klassenkampf nicht verstehen, verstehen wir gar nichts»
Über die Bedeutung von Klassenbewusstsein
Gespräch mit Ken Loach
Der britische Filmregisseur Ken Loach ist einer der angesehensten Filmemacher unserer Zeit. Er ist ein sehr engagierter Künstler und einer der wenigen Regisseure, die zweimal die prestigeträchtige Goldene Palme von Cannes erhalten haben. In seinem Werk greift er oft soziale oder politische Themen auf.
Prag 1968: Demokratie in die Betriebe
Das Herzstück sozialistischer Demokratie
von Karel Kovanda*
In den tschechoslowakischen Medien entfaltete sich im Frühjahr 1968 eine intensive öffentliche Diskussion über Fragen der Arbeiterselbstverwaltung. In der Wochenzeitung Reporter erschien im April ein «Offener Brief an die tschechoslowakischen Arbeiter», der zur Bildung einer Arbeiterbewegung für die Selbstverwaltung aufrief.
Tim Engartner: Staat im Ausverkauf, Privatisierung in Deutschland
Frankfurt a.M.: Campus, 2016. 268 S., € 22,95
von Larissa Peiffer-Rüssmann
Seit mehr als drei Jahrzehnten entledigt sich der Staat seiner Aufgaben durch eine immer schneller voranschreitende Privatisierung einst öffentlicher Dienstleistungen. Dazu gehören neben Post und Bahn, dem Energiesektor und der Flugsicherung auch eine wachsende Zahl von Bildungseinrichtungen.
Herzlichen Glückwunsch!
Die SoZ gratuliert
von der Redaktion
In dieser Ausgabe haben wir die Freude, gleich zwei unserer langjährigen Mitstreiter zu ihrem 80.Geburtstag gratulieren zu dürfen.
Buchtipp: Raul Zelik: Spanien. Eine politische Geschichte der Gegenwart
Berlin: Bertz+Fischer, 2018. 240 S., € 14
von Peter Nowak
Es ist schon einige Jahre her, als Spanien an der Spitze einer EU-weiten Protestbewegung gegen die wesentlich von Deutschland ausgehende Austeritätspolitik stand. Massendemonstrationen und Platzbesetzungen in vielen spanischen Städten wurden zum Vorbild für Proteste in anderen europäischen Ländern.
200 Jahre Karl Marx, Teil 7
Mehrwertproduktion als verschleierte Ausbeutung
von Manuel Kellner
Karl Marx war dafür, «alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist». Aktuell bleibt auch seine Kritik der kapitalistischen Produktionsweise, die «die Erde und den Arbeiter untergräbt». Immer bereit an allem zu zweifeln, verdient er nicht, zum Säulenheiligen gemacht zu werden. Sein Konzept der Selbstbefreiung der Arbeiterklasse als Mittel universaler Emanzipation bleibt allerdings entscheidender Bestandteil des revolutionären Kampfs für eine weltweite sozialistische Gesellschaft.
Filmfestival Locarno 2018
Drei Filme im Fokus
von Kurt Hofmann
Carlo Chatrian, der 2020 die Leitung der Berlinale übernimmt, hat 2018 ein letztes Mal als Direktor das Festival von Locarno programmiert und dabei einmal mehr gezeigt, wie Qualität ermöglicht wird: durch Verzicht auf faule Kompromisse.
Die Kafka-Konferenz 1963
Der politische Auslöser des Prager Frühlings
Auszug aus einem Interview mit Eduard Goldstücker*
Vor 50 Jahren wurde dem Versuch, die politischen Verhältnisse in einem sich sozialistisch nennenden Staat zu demokratisieren und eine Arbeiterselbstverwaltung einzuführen, durch den Einmarsch sowjetischer Truppen ein jähes Ende gesetzt. In den Massenmedien konzentriert sich die Erinnerung an den Prager Frühling auf den Kampf zwischen den Kräften des Alten Regimes und den «Reformern».
Die Wirtschaftsreformen in der Tschechoslowakei
Technokratische und demokratische Bestrebungen in den 60ern
dokumentiert
Anfang der 60er Jahre geriet die tschechoslowakische Wirtschaft in eine Rezession, das Bruttoinlandsprodukt sank stärker als in anderen europäischen Ländern. Die Probleme, die mit der Übernahme des sowjetischen Modells der Planwirtschaft verbunden waren, machten sich verstärkt bemerkbar.
Ihr Hauptfehler lag darin, dass die Planvorgaben willkürlich von einer wenig informierten zentralen Planungsbürokratie vorgegeben wurden, die mit den realen Vorgängen in den Betrieben wenig zu tun hatten.
Roman Deiningen, Uwe Ritzer: Markus Söder. Politik und Provokation. Die Biographie
München: Droemer, 2018. 384 S., € 19,99
von Paul B. Kleiser
Der rabiate Politikverkäufer
Seit Mitte März 2018 ist Markus Söder als Nachfolger von Horst Seehofer, der das Amt zehn Jahre lang bekleidet hat, bayerischer Ministerpräsident. Alle Versuche seines Vorgängers und von dessen Entourage, den «Intriganten aus Nürnberg» am Aufstieg zu hindern, sind somit gescheitert. «Söder hat sich seiner Partei und dem Land regelrecht aufgezwungen», schreiben die Journalisten der Süddeutschen, Roman Deininger und Uwe Ritzer.
Ihre Majestät Aretha
Die Queen of Soul – von religiöser zu weltlicher Musik
von Kim D. Hunter*
Man kann die Aufnahmen der Lieder, die Aretha Franklin als Teenager in der Kirche gesungen hat, online finden. Sie war ein Star, wenn nicht gar die Hauptattraktion in der Kirche ihres Vaters in Detroit, wo es viele großartige Sänger gab, einschließlich ihres Vaters. Sie hat ihre Stimme so sehr weiter entwickelt, dass sie zur Musikikone wurde. Weniger bekannt ist, ist wie sie ihre Gospel-Wurzeln in ihrer unglaublichen musikalischen Karriere verwendet hat.
Deutsch statt doitsch
Eine Auseinandersetzung mit dem Begriff Heimat
von Paul B. Kleiser
Thea Dorn: Deutsch, nicht dumpf. Ein Leitfaden für aufgeklärte Patrioten. München: Knaus, 2018. 334 S., € 24
Der Begriff Heimat eignet sich nicht für polemische Vereinfachungen jedweder Art.
Samir Amin (1931–2018)
Ein Nachruf
von Hannes Hofbauer*
Einer der einflussreichsten Intellektuellen des «globalen Südens» ist tot. Samir Armin verstarb am 12.August 2018 fast 87-jährig in Paris. Er war u.a. Autor des Promedia-Verlags, dessen auf französisch verfasster Text «Souveränität im Dienste der Völker» gerade ins Deutsche übersetzt wird und im Frühjahr 2019 erscheinen soll.
Volker Matthies: Im Schatten der Entdecker
Berlin: Ch. Links Verlag, 2018. 248 S., € 28
von Rolf Euler
Was für ein Titelbild! Im strömenden Regen steigt ein Mann einen Berg hinauf, auf dem Rücken ein Sesseltraggestell mit einem anderen Mann darauf sitzend. Was für ein Buchthema! «Indigene Begleiter europäischer Forschungsreisender» ist der Untertitel einer spannenden, bewegenden Sammlung von Geschichten und Erkenntnissen über die Menschen, die den europäischen Welteroberern die «neue» Welt, in die sie aus Forschungs- und Eroberungsdrang kamen, überhaupt erst zugänglich machten. Sie standen bisher «im Schatten der Entdecker», aus dem sie der Autor Volker Matthies herausholt.
Krimitipp: Dominique Manotti: Kesseltreiben
Berlin: Ariadne, 2018. 397 S., € 20
von Udo Bonn
Die Übernahme der Alstom-Energiesparte durch General Electric in den Jahren 2013–2015 ist der Hintergrund für Dominique Manottis neuesten Roman Kesseltreiben, der ein Lesevergnügen ersten Ranges darstellt.
Krimi: Hideo Yokoyama: 64
von Udo Bonn
Im 64.?Regierungsjahr des Kaisers Hirohito wurde die siebenjährige Shoko in der japanischen Präfektur entführt und konnte trotz Lösegeldzahlung nur tot aufgefunden werden. Der Täter konnte nicht gefasst werden. Im Dezember 2002, 13 Jahre später, wird der Generalinspekteur aus Tokyo die Präfektur aufsuchen, um den einsamen Vater des ermordeten Mädchens zu besuchen und um vor der versammelten Presse eine Erklärung abzugeben.
«Das Zeitalter der Kohle»
Schicht im Schacht. Die Ausstellung «Das Zeitalter der Kohle»
Der Steinkohlenbergbau in Deutschland wird in diesem Jahr eingestellt. Anlass für viele Kunst- und Industriemuseen, diesem wichtigen Industriezweig einen Nachruf zu widmen. Auf der Kokerei Zollverein, Teil des Weltkulturerbes in Essen, heißt die Ausstellung «Das Zeitalter der Kohle». Die SoZ widmet dem eine Innen- und eine Außenansicht.
Serie 200 Jahre Karl Marx, Teil 6
Die «endlich entdeckte politische Form»
von Manuel Kellner
Karl Marx war dafür, «alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist». Aktuell bleibt auch seine Kritik der kapitalistischen Produktionsweise, die «die Erde und den Arbeiter untergräbt». Immer bereit an allem zu zweifeln, verdient er nicht, zum Säulenheiligen gemacht zu werden. Sein Konzept der Selbstbefreiung der Arbeiterklasse als Mittel universaler Emanzipation bleibt allerdings entscheidender Bestandteil des revolutionären Kampfs für eine weltweite sozialistische Gesellschaft.
«Die Klassengesellschaft ist sinnlich wahrnehmbar»
Vom Neoliberalismus zum «mittelmeerischen Denken. Ein Buch von Andrea Ypsilanti
von Paul B. Kleiser
Es kommt nicht alle Tage vor, dass eine Sozialdemokratin, dazu noch eine Landtagsabgeordnete aus Hessen, ein lesenswertes und kritisches Buch vorlegt. Andrea Ypsilanti war von 2003 bis 2009 Fraktionsvorsitzende der hessischen SPD und wäre nach den Landtagswahlen 2008 in einer rot-grünen, von der LINKEN tolerierten Koalition als Nachfolgerin des CDU-Rechtsauslegers Roland Koch beinahe Ministerpräsidentin geworden, wenn nicht vier SPD-Abgeordnete wenige Stunden vor der Wahl ihr «Gewissen» entdeckt und erklärt hätten, nicht für sie stimmen zu wollen.
1848 – eine europäische Revolution, Teil III
Die Rolle der Bauernschaft. 1848/49 in Österreich-Ungarn
Potenziell revolutionär und Stütze der Reaktion
von Roman Rosdolsky
Karl Marx und Friedrich Engels hatten eine – gelinde gesagt – negative Einstellung zu den slawischen Nationalitäten (mit Ausnahme der Polen), aber auch zu Basken, Bretonen, Walisern und Griechen (aber nicht zu den Iren). Vor allem Engels drückte immer wieder höchst ungerechte und drastische Urteile über sie aus und sprach von «geschichtslosen Völkern», «reaktionären Völkern und Völkertrümmern».
Gerade auch 1848/49 unterschieden sie zwischen «revolutionären» und «konterrevolutionären» Nationen. Der ukrainische Marxist Roman Rosdolsky unterzog diese Sichtweise einer eingehenden Kritik – mit einer Studie, die heute immer noch viel zu wenig bekannt ist. Im Kern geht es dabei um die Rolle der bäuerlichen Massen in der Revolution. Mit ihrer Politik zugunsten einer radikalen Agrarreform und für das Selbstbestimmungsrecht unterdrückter Nationen konnten sich die russischen Revolutionäre von 1917 auf sie stützen. 1848/49 wurden sie jedoch vor allem in Österreich tatsächlich zu einer Stütze der Konterrevolution. Der von uns ausgewählte Ausschnitt der Studie von Rosdolsky erklärt die Zusammenhänge.
Marc Elsberg: Zero. Sie wissen, was du tust
von Angela Klein
Science fiction hat für meinen Geschmack oft den Nachteil, dass sie negative technische und gesellschaftliche Entwicklungen in eine Zukunft projeziert, von der man weiß, dass es sie so nicht geben wird. Damit rücken uns solche Beschreibungen aber auch nicht so nah auf den Pelz, denn in der Mehrzahl der Fälle können wir sagen: «In solchen Verhältnissen leben wir nicht und sie sind auch nicht absehbar.»
Revolution als Realpolitik
Eine Biografie des KPD-Führers Ernst Meyer
von Thies Gleiss
Wenn man, wie der Rezensent, ein ausgesprochenes Faible für die Geschichte der Arbeiterbewegung, dargestellt an Biografien einzelner Akteure, hat, und wenn der Titel der Biografie zusätzlich auf eine persönliche Empfehlung an den Autor zurückgeht, dann besteht die Gefahr, befangen zu sein. Mit dieser Vorbemerkung soll hier eine dicke Empfehlung für die gerade erschienene Biografie des Mitbegründers des Spartakusbundes und der KPD, engen Weggefährten von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht und eines der Führer der KPD in deren wichtigster und lebendigster Phase, Ernst Meyer, ausgesprochen werden.
Produktive oder unproduktive Arbeit?
Was die Klassenlage bestimmt
von Manuel Kellner
In der bürgerlichen Soziologie und Statistik gilt die Kategorie «Arbeiterinnen und Arbeiter» als Bezeichnung für eine Minderheit und dazu noch schwindende gesellschaftliche Größe. Rinnt uns also unser – potenziell – «revolutionäres Subjekt» durch die Finger? Bilden nicht auch nach Ansicht von Karl Marx nur die «produktiven Arbeiterinnen und Arbeiter» der Industrie das Proletariat?
1848 – eine europäische Revolution, Teil II
Die Unentschlossenheit der deutschen Nationalversammlung. März in Deutschland
Karl Marx über die politische Unabhängigkeit der arbeitenden Klasse
Zu besprechen, was vor 170 Jahren in Deutschland geschah, ist entgegen dem Anschein alles andere als eine zweckfreie Übung für Adepten der Geschichtswissenschaft. Die Wirkung der Niederlage der deutschen Revolution von 1849/49 reicht weit bis ins 20.?Jahrhundert, bis in die Gegenwart und darüber hinaus.
Deutsche nationale Einheit und Demokratie waren die miteinander untrennbar verbundenen Ziele dieser Revolution. Doch die deutsche Einheit kam später, im Jahr 1871, von oben, von Bismarcks Gnaden, als Resultat des Sieges über Frankreich im Krieg und auf Grundlage der – gemeinsam mit der besiegten Armee Louis Bonapartes durchgeführten – Massakrierung der Pariser Kommune. Diese Tatsache, einschließlich der «Erbfeindschaft» gegenüber Frankreich, lastet wie ein Alp auf der gesamten späteren Geschichte Deutschlands.
1848 – eine europäische Revolution, Teil I
Der «Wind der Revolution». Februar in Frankreich
Ein Schwerpunkt von Manuel Kellner
Die Februarrevolution 1848 in Frankreich kam nicht aus dem Nichts. Seit der Revolution von 1830 hatte es immer wieder, vor allem in Paris, Proteste und Zusammenstöße gegeben. Die soziale Lage in der Hauptstadt war extrem angespannt. Der äußerst konservative und doch kluge Alexis de Tocqueville wandte sich am 29. Januar 1848 mit folgender Warnung an die Abgeordneten der Nationalversammlung, die er später in seinen Erinnerungen zitiert:
«Fühlen Sie nicht mit einer Art instinktiver, der Analyse unzugänglicher, aber untrüglicher Intuition, dass die Erde in Europa wieder bebt? Fühlen Sie nicht, wie soll ich sagen, den Wind der Revolution in der Luft? … Nun denn! Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass die verfallenden öffentlichen Sitten Ihnen in kurzer, vielleicht naher Zeit neue Revolutionen hervorbringen werden.» Am 21.?Februar bricht die Revolution in Paris tatsächlich aus, und sie wird zum Startschuss für eine ganze Reihe weiterer Revolutionen in Europa.
Arn Strohmeyer: Die israelisch-jüdische Tragödie. Von Auschwitz zum Besatzungs- und Apartheidstaat Israel. Das Ende der Verklärung
Herne: Gabriele Schäfer Verlag, 2017. 277 S., € 19,80
von Hermann Dierkes
Unheilvolle «Vergangenheitsbewältigung»
Arn Strohmeyer publiziert seit Jahren sehr lesenswerte Artikel und Bücher zum deutsch-israelischen Verhältnis, zum Holocaust, zum Aufstieg des Zionismus und seiner Dominanz gegenüber völlig anderen, humanen Denktraditionen im Judentum, zum Antisemitismus und über die Unterdrückung der Palästinenser.
Was uns Che noch zu sagen hat
Zum 90. Geburtstag von Ernesto Guevara
von Antonio Moscato*
Nachdem die Welle der Veröffentlichungen, die nach Jahren des Vergessens eine Lücke gefüllt hatte, wieder abgeebbt ist, ist es möglich und notwendig, Ernesto Guevara (1928–1967) außerhalb vom Mythos und der Rhetorik vom «heroischen Guerrillero» zu stellen. Nachdem sich der Nebel von Veröffentlichungen aus dritter Hand gelichtet hat, bleiben einige große Biografien, die Ergebnis wirklicher Arbeit sind und aus denen wegen ihrer Vollständigkeit diejenige von Paco Ignacio Taibo II herausragt, der die vielen Beziehungen zu engen Mitarbeitern des Che ausnutzen konnte, welche er in seinen früheren Arbeiten über Santa Clara und den Kongo geknüpft hatte.
Der eigenständige Weg zum Sozialismus
Das Schisma zwischen Stalin und Tito
von Paul B. Kleiser
Am 28.Juni 1948 wurde die jugoslawische KP aus dem Kominform ausgeschlossen.
Von der Nutzung der «Teufelsmaschine»
Werner Seppmanns «Kritik des Computers»
von Anja Lorenz
Werner Seppmann: Kritik des Computers. Der Kapitalismus und die Digitalisierung des Sozialen. Kassel: Mangroven Verlag, 2017. 300 S., € 16,80
Erfolgreiche SoZ-Feier
Zum 200.Geburtstag von Karl Marx
die Redaktion
An die 80 Interessierte fanden ins Naturfreundehaus Köln-Kalk, um an der SoZ-Feier zum 200.Geburtstag von Karl Marx teilzunehmen. Die meisten waren aus Köln, manche angereist aus anderen Städten, vorwiegend aus unserem politischen Umfeld. Es waren aber auch eine Reihe von Leuten da, die wir vorher nicht kannten.
El Awadalla: good luck – good bye. vom kommen und überleben. ein tagebuch aus der willkommenskultur
Unter Mitarbeit von Dhia Ali. Klagenfurt: Sisyphus, 2018. 160 S., € 14,80
von Kurt Hofmann
Die sich einmischen
Ob es denn in Österreich verboten sei zu helfen, wird El Awadalla von irakischen Flüchtlingen gefragt, die sie betreut und mit denen sie sich angefreundet hat, und hört zur Illustration dieser erstaunlichen Frage von diesen eine Geschichte über einen Diebstahl am Hauptbahnhof.
200 Jahre Karl Marx, Teil 5
Materialistische Geschichtsauffassung
von Manuel Kellner
Karl Marx war dafür, «alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist». Aktuell bleibt auch seine Kritik der kapitalistischen Produktionsweise, die «die Erde und den Arbeiter untergräbt». Immer bereit an allem zu zweifeln, verdient er nicht, zum Säulenheiligen gemacht zu werden. Sein Konzept der Selbstbefreiung der Arbeiterklasse als Mittel universaler Emanzipation bleibt allerdings entscheidender Bestandteil des revolutionären Kampfs für eine weltweite sozialistische Gesellschaft.
Crossing Europe 2018
Abseits der Klischees
von Kurt Hofmann
Das Festival «Crossing Europe» in Linz an der Donau präsentierte in diesem Jahr abermals Filme außerhalb des «Eurofilm»-Einheitsbreis, ästhetisch anspruchsvoll und nachfragend in gesellschaftspolitischen Angelegenheiten. Auf der Leinwand zu sehen war: ein Europa abseits der Klischees.
Krimitipp: Garry Disher: Leiser Tod
Übers. Peter Torber. Berlin: Unionsverlag, 2018. 352 S., € 22
von Udo Bonn
Wieder einmal muss an dieser Stelle ein Roman des australischen Autors Garry Disher vorgestellt werden. Egal, ob es sich um die Reihe um den Einbrecher Wyatt handelt oder um den Kriminalkommissar Hall Challis, bei jedem seiner Werke merkt man Dishers Sonderklasse als Schriftsteller an, und das nicht nur in der australischen Krimiliga. So auch in seinem Roman Leiser Tod.
Kunst und 68
Der etwas andere Blick auf die wilden 60er Jahre
von Angela Klein
Flashes of the Future – Die Kunst der 68er oder Die Macht der Ohnmächtigen
Aachen, Ludwig Forum, Jülicher Str. 97-104, bis 19.August 2018
Wer tatsächlich vor 50 Jahren ideenreich für Reflexion, für Veränderung eintrat, es war die Kunst in vielfältiger Weise.
Internationalismus konkret
Bericht eines Aktivisten der Solidarität mit dem antikolonialen algerischen Befreiungskrieg in Deutschland
Gespräch mit Hans Peiffer*
Warum hast du damals in den 50er und beginnenden 60er Jahren des 20. Jahrhunderts zusammen mit deinen Genossinnen und Genossen der deutschen Sektion der IV. Internationale die Solidarität mit der algerischen Revolution in den Mittelpunkt der internationalistischen Arbeit gestellt?
Digital: Smart und grün?
Informations- und Kommunikationstechnik verbraucht 10 Prozent der weltweiten Stromnachfrage
von Rolf Euler
Steffen Lange, Tilman Santarius: Smarte Grüne Welt? Digitalisierung zwischen Überwachung, Konsum und Nachhaltigkeit. München: Oekom, 2018. 268 S., 15 €
Der Oekom-Verlag bietet ein kritisches Buch zum rasanten Wachstum der IT-Industrie an, das sich mit dem Mythos dessen angeblich «grüner» Entwicklung auseinandersetzt. Was wird wirklich «gespart» bei Computern, Smartphones und Internet?
50 Jahre Mai ’68
Zur Geschichte der Studentenbewegung
von Angela Klein
50 Jahre nach dem Attentat auf Rudi Dutschke liegt der Fokus der Aufarbeitung von «1968» in den bügerlichen Medien immer noch auf der angeblichen Gewalt der Studentenbewegung. Ein gehypter, weil ursprünglich selbst aus der Bewegung kommender Historiker wie Wolfgang Kraushaar spitzt seinen Artikel zum Mord an Rudi Dutschke in der Frankfurter Rundschau darauf zu, dass die Empörung der Studenten fehlgeleitet war, weil der Mörder Bachmann nicht Bild im Auto liegen hatte, als er Dutschke erschoss, sondern die rechtsextreme Deutsche Nationalzeitung, die getitelt hatte: «Stoppt Dutschke jetzt! / Sonst gibt es Bürgerkrieg».
Images en lutte
Bilder einer Ausstellung zu 1968
von Bernard Schmid
Die Kunsthochschule Ecole des Beaux Arts in der Pariser Rue Bonaparte wurde zweimal von der Polizei geräumt: einmal im Frühsommer 1968, nach mehrwöchiger Besetzung durch Kunststudierende, Lehrpersonal und andere Rebellierende des Pariser Mai, um vier Uhr morgens. Das andere Mal im Februar 1974, nachdem dort fast drei Jahre lang allwöchentlich Vollversammlungen der im Gefolge des 68er Aufbruchs aufkeimenden feministischen sowie Homosexuellen-Bewegung stattgefunden hatten. Die Regierung unter Präsident Georges Pompidou glaubte, dadurch dem Emanzipationsspuk ein Ende setzen zu können.
Rudi Dutschke und die Achtundsechziger
«Der sozialistischen Bewegung das Unterscheidungsvermögen wiedergewinnen»
von Paul B. Kleiser
Es gibt wenige Namen und Gesichter, die mit der Bewegung von 1968 in Theorie und Praxis so eng verbunden sind wie die von Rudi Dutschke.
Aufgrund der Hetze der Springerpresse und anderer rechter Medien, die im Klima des Kalten Krieges besonders in Westberlin auf fruchtbaren Boden fiel, wurde er am Gründonnerstag 1968 Opfer eines Mordanschlags. Der Täter Josef Bachmann schoss Dutschke mit drei Kugeln nieder.
«Ohne die CGT hätte 68 in Frankreich nicht dieselbe Bedeutung erlangt»
Erforschung neuer Quellen über die 68er Bewegung in Frankreich
Gespräch mit Ludivine Bantigny
50 Jahre nach 1968 ist Archivmaterial zugänglich, zu dem es vorher keinen Zugang gab. Neuere Forschungen ergeben deshalb stellenweise einen sehr anderen Blick als den, die die Akteure von damals bislang transportierten. Ludivine Bantigny ist Historikerin an der Universität Rouen in Frankreich. Sie hat in den Archiven über die 68er Bewegung geforscht und vor kurzem ein Buch darüber auf französisch veröffentlicht.*
Getrennt marschieren
Die 68er Bewegung in Italien hat die Dominanz der PCI nicht brechen können
von Diego Giachetti
Die Gesellschaftskrise, die in Italien 1968 offenbar wurde, war Teil eines umfassenderen, gleichzeitigen Prozesses, der die industrialisierten Gesellschaften des Westens, aber auch einige Länder des Ostblocks wie Polen und die CSSR erfasste. Der außerparlamentarische Protest der Jugend traf auf ein neues Selbstbewusstsein der einfachen Arbeiter in den gewerkschaftlichen und betrieblichen Kämpfen, auf eine neue Nachfrage nach öffentlichen Dienstleistungen in den Städten, auf die Einforderung neuer Bürgerrechte.
1968 in Polen
Studentenunruhen und antisemitische Kampagnen
von Stefan Bekier für Le Monde Diplomatique/Polska
Im März 1968 kam es auch in Polen zu bedeutenden Studentenunruhen. Die Studierenden forderten vor allem mehr Meinungsfreiheit. Der polnische Staat machte Juden als Strippenzieher dafür verantwortlich. Nach unterschiedlichen Quellen wanderten deshalb 13000–20000 Polen jüdischer Abstammung mit ihren Partnern aus Polen aus. Auf ihre polnische Staatsangehörigkeit mussten sie verzichten. Sie bekamen sog Reisepapiere, die nur für eine Ausreise galten.
1968 im Senegal
Studierende rebellieren gegen Senghor
von Bernard Schmid
Bei der Jahreszahl «1968» denkt man, von Deutschland aus betrachtet, zunächst einmal an Frankreich. Im günstigeren Falle fällt einem dann noch ein, dass die Geschehnisse internationaler Natur waren und und sich – neben Westberlin und Paris – auch in Mexiko-Stadt, San Francisco und Tokyo abspielten. Aber in Afrika? Hat man dafür im deutschsprachigen Raum einen Gedanken übrig?
Glenn Jäger: In den Sand gesetzt. Katar, die FIFA und die Fußball-WM 2022
Köln: PapyRossa, 2018. 311 S., € 16,90
von Anton Holberg
Der Titel dieses hervorragenden Buches führt etwas in die Irre. Der Fußball ist hier im wesentlichen glücklicherweise nur der Aufhänger für eine umfangreiche Studie einerseits über den alltäglichen Kapitalismus und die in seine DNA eingeprägte Kriminalität unter besonderer Beachtung der Korruption und andererseits über die mit beidem innigst verbundene politische Entwicklung des Nahen Ostens, insbesondere seit dem vermeintlichen Arabischen Frühling und hier dem «Bürgerkrieg» in Syrien, der von Anfang an – auch und keineswegs in letzter Instanz – Teil einer viel älteren imperialistischen Agenda war und ist.
Eva Weissweiler: Lady Liberty. Das Leben der jüngsten Marx-Tochter Eleanor
Hamburg: Hoffmann und Campe, 2018. 416 S., 26 €
von Manuel Kellner
Am 1.Mai des Jahres 1890 kommen 300000 Arbeiterinnen und Arbeiter in London zur Kundgebung. Eleanor Marx, mit familiärem Spitznamen Tussy, führt sie vom Themse-Ufer in den Hyde Park und spricht zu ihnen:
Blaue Blume der Romantik und Utopie
Michael Löwy zum 80.Geburtstag
von Manuel Kellner
Bücher, Aufsätze und Artikel von Michael Löwy, der am 6.Mai 1938 in São Paulo in Brasilien geboren wurde, gibt es in einer Reihe von Sprachen. Der deutschsprachigen Leserschaft liegen einige seiner Schriften vor1, er hat auch immer wieder für die SoZ2 und die Presse der IV.?Internationale (so für Inprecor und International Viewpoint) geschrieben, deren führendes Mitglied er seit langem ist.
200 Jahre Karl Marx, Teil 4
Ein Demokrat wird Kommunist
von Manuel Kellner
Karl Marx war dafür, «alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist». Aktuell bleibt auch seine Kritik der kapitalistischen Produktionsweise, die «die Erde und den Arbeiter untergräbt». Immer bereit an allem zu zweifeln, verdient er nicht, zum Säulenheiligen gemacht zu werden. Sein Konzept der Selbstbefreiung der Arbeiterklasse als Mittel universaler Emanzipation bleibt allerdings entscheidender Bestandteil des revolutionären Kampfs für eine weltweite sozialistische Gesellschaft.
Zur Diagonale 2018
Am Puls der Zeit
von Kurt Hofmann
Die Diagonale, das Festival des Österreichischen Films, zeigte sich im dritten Jahr der Intendanz Höglinger/Schernhuber politisch wach und blieb in der Auswahl der Filme am Puls der Zeit.
Krimitipp: Wolfgang Schorlau: Der große Plan
Köln: Kiepenheuer& Witsch, 2018. 448 S., 14,99 Euro
von Udo Bonn
Anna Hartmann ist verschwunden. Kurz vor ihrem Karrieresprung in Richtung IWF, immer noch im Dienst der Troika, diesem erpresserischen Gremium, das für Kredite an Griechenland die fragile Sozialstruktur zerstören und staatliches Eigentum verhökern lässt, ist die junge Frau nicht mehr auffindbar. Die Videoaufnahmen der irischen Botschaft in Berlin sind nicht eindeutig. Hat sich Anna Hartmann aus ihrem Job und ihrem privaten Umfeld einfach zurückgezogen oder ist sie entführt worden?
Der Internationalismus von Karl Marx…
…heute noch aktuell
von Manuel Kellner
Im «Kommunistischen Manifest» von 1848 geht Karl Marx weit über eine Haltung hinaus, die internationale Solidarität als eine Aufgabe neben anderen versteht: «Die Kommunisten unterscheiden sich von den übrigen proletarischen Parteien nur dadurch, dass sie einerseits in den verschiedenen nationalen Kämpfen der Proletarier die gemeinsamen, von der Nationalität unabhängigen Interessen des gesamten Proletariats hervorheben und zur Geltung bringen» (MEW 4:474).
SoZ-Feier
Zum 200.Geburtstag von Karl Marx
5. Mai um 14:00 – 22:00 in Köln-Kalk
Von den Bürgerlichen totgesagt, ist Marx seit der Krise 2008 wieder in aller Munde. Für viele der Jüngeren ist er aber kein Kompass mehr bei ihrem Kampf für eine lebenswerte Welt, zu schwer wiegen Niedergang und Krise der traditionellen Arbeiterbewegung.
Veranstaltungsreihe „Revolution, Revolution!“ in Oberhausen
Auftaktveranstaltung mit Dr. Manuel Kellner
Deutsche Revolution 1848/49 – Was hat das mit heute zu tun?
Dienstag, 17. April 2018
19:00 Uhr
Fabrik K14, Lothringer Str. 64, 46045 Oberhausen.
Leserbrief: ’68 kann es heute wieder geben – wozu denn?
Betr.: «68 kann es heute wieder geben», SoZ 3/2018, S.4
von A. Holberg
Das ist schön, dass Alain Krivine, laut SoZ «Seele der Bewegungsfraktion vom Mai 68», ein neues «’68» für möglich (gar wahrscheinlich?) hält, ohne dabei darauf zu verzichten, darauf hinzuweisen, dass die Arbeiterklasse seitdem zwar gewaltig gewachsen aber auch stärker differenziert ist.
200 Jahre Karl Marx, Teil 3
Ein radikaler Demokrat
von Manuel Kellner
Karl Marx war dafür, «alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist». Aktuell bleibt auch seine Kritik der kapitalistischen Produktionsweise, die «die Erde und den Arbeiter untergräbt». Immer bereit an allem zu zweifeln, verdient er nicht, zum Säulenheiligen gemacht zu werden. Sein Konzept der Selbstbefreiung der Arbeiterklasse als Mittel universaler Emanzipation bleibt allerdings entscheidender Bestandteil des revolutionären Kampfs für eine weltweite sozialistische Gesellschaft.
Krimitipp: Dave Zeltsman: Small crimes
Übersetz. Michael Grimm, Angelika Müller (Pulp master, 2017). 337 S., 14,80 Euro
von Udo Bonn
Der ehemalige Polizist Joe Denton war sieben Jahre inhaftiert, jetzt kommt er auf Bewährung frei. Sein Vorsatz: Er will alles besser machen. Aber seine Vergangenheit wirkt bis heute nach. Nur widerwillig wird er von seinen Eltern in ihr Haus gelassen, für seinen Vater ist er ein Soziopath, seine Mutter begegnet ihm mit Schweigen. Die Ehefrau ist mit den beiden Töchtern in eine andere Stadt gezogen. Fliehen musste sie vor Dentons Gewaltausbrüchen, seiner Drogen- und Wettsucht, die die Familie zugrunde richtete.
Jochen Gester: Auf der Suche nach Rosas Erbe. Der deutsche Marxist Willy Huhn (1909–1970)
Berlin: Die Buchmacherei, 2017. 835 S., 22 Euro
von Rolf Euler
Auf der Suche nach Rosas Erbe, ist Jochen Gester auf die Spur des deutschen Sozialisten Willy Huhn gekommen. In einem umfassenden Buch plus CD mit Texten lässt der Autor einen Marxisten zu Wort kommen, der anscheinend sein Leben lang zwischen vielen Stühlen der kommunistischen, sozialistischen und rätedemokratischen Bewegungen zugebracht und sich oft heftig mit den Hauptströmungen der Arbeiterbewegung des 20 Jahrhunderts auseinandergesetzt hat.
1968 – Was bleibt?
Die Aktualität von 68 misst sich schon allein am weiterhin tobenden Kampf um seine Deutungen
von Paul B. Kleiser
Seit wohl 40 Jahren gibt es zahlreiche Versuche einer «Historisierung», vielfach einer Entsorgung von 1968. Abgesehen von einigen Lobgesängen wird heute häufig der Versuch gemacht, eine «utopische Generation» für «Identitätsverlust», die Globalisierung und deren Folgen sozialer Spaltung für verantwortlich zu erklären. Schließlich seien Bill Gates oder Steve Jobs auch 68er gewesen.
Arbeitszeit kritisch betrachtet
Nicht alles, was Tarif und Gesetz ist, ist auch rechtens
von Rolf Euler
Arbeitszeit gestalten. Wissenschaftliche Erkenntnisse für die Praxis. Hrsg. Regine Romahn. Marburg: Metropolis, 2017. 248 S.,19,80 Euro
Das Buch ist eine Sammlung von fast zwanzig Aufsätzen, die sich mit den Problemen der Arbeitszeitgestaltung und der Gesundheitsvorsorge unter den modernen Bedingungen der Globalisierung, Digitalisierung und Flexibilisierung der Arbeit befassen.
Wenn die Erfahrung der Klassenzugehörigkeit fehlt
Ein Beitrag zur Klassentheorie
von Angela Klein
Werner Seppmann: Kapital und Arbeit. Klassenanalysen I. Kassel: Mangroven-Verlag, 2017. 162 S., 17 Euro
Die Wahlerfolge der AfD, insbesondere ihre Einbrüche in gestandene sozialdemokratische Milieus wie auch der Erwerbslosen und Prekären, haben auf der Linken zu neuen Debatten darüber geführt, ob die alten Klassentheorien noch zur Fundierung gesellschaftsverändernder Strategien taugen und welche politischen Schlussfolgerungen unter Umständen aus einer aktuellen Klassenanalyse zu ziehen wären.
Warum flog die Tomate?
Die 68er und die Neuen Frauenbewegungen
von Angela Klein
Gisela Notz: Warum flog die Tomate? Die autonomen Frauenbewegung der Siebzigerjahre. 2., komplett überarb. Aufl.
Alain Krivine zu Mai 68
68 kann es heute wieder geben
von Tullio Giannotti
50 Jahre nach 68 spricht Alain Krivine, einer der Protagonisten von damals, mit einem Reporter der italienischen Nachrichtenagentur ANSA.
Die vielen Gesichter des 8.März
Eine kurze Geschichte des Internationalen Frauentags
von Tatiana Montella*
Der 8.März ist ein Tag, der eng mit den Kämpfen von Frauen und der Frauenbewegung verbunden ist. Dabei bleibt sein Ursprung im Dunkeln, es ist kein besonderes Ereignis, das gefeiert wird, eher ist es ein symbolisches Datum, das für die Frauenbewegung schlechthin steht.
Die Frauen des Oktober
Die Arbeit der Shenotdel
von Tariq Ali
In SoZ 11/2017 berichteten wir über die Abschaffung der zaristischen Gesetze nach der Oktoberrevolution, mit denen die Frauen unterjocht worden waren. Weitaus schwerer als die Abschaffung der Gesetze war jedoch die Ausrottung der patriarchalischen Sitten und Denkweisen, die bis weit in die Reihen der Bolschewiki selbst hineinreichten. Um sie zu bekämpfen, wurde eine eigene Frauenabteilung gebildet, die elf Jahre existierte und sich das Ziel setzte, Arbeiterinnen und Bäuerinnen für die Selbstbefreiung der Frau zu gewinnen.*
Totgesagte leben länger
Paradoxien gegenwärtiger Marxismusbeschäftigung
von Werner Seppmann*
Marx ist wieder in aller Munde, aber die wenigsten wollen an ihm anknüpfen.
200 Jahre Karl Marx, Teil 2
Die Grundlage: Sein Menschenbild
von Manuel Kellner
Karl Marx war dafür, «alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist». Aktuell bleibt auch seine Kritik der kapitalistischen Produktionsweise, die «die Erde und den Arbeiter untergräbt». Immer bereit an allem zu zweifeln, verdient er nicht, zum Säulenheiligen gemacht zu werden. Sein Konzept der Selbstbefreiung der Arbeiterklasse als Mittel universaler Emanzipation bleibt allerdings entscheidender Bestandteil des revolutionären Kampfs für eine weltweite sozialistische Gesellschaft.
Krimi: Mike Nicol: Korrupt
Übers. Mechthild Barth. München: btb, 2018. 509 S., 10 Euro
von Udo Bonn
Jacob Zuma muss gehen. Das Führungsgremium des ANC hat beschlossen, dass der korrupte Präsident Südafrikas zurückzutreten hat.
In Mike Nicols Thriller Korrupt ist der Präsident allerdings auf Lebenszeit gewählt, das verleiht ihm einen noch größeren Spielraum für seine Geschäfte, seine sexuellen Ausschweifungen, seine Intrigen.
Der grüne Marx
Kohei Saitos Natur gegen Kapital rekonstruiert Marx’ ökologische Kritik des Kapitalismus
von hgm
Kohei Saito: Natur gegen Kapital. Marx’ Ökologie in seiner unvollendeten Kritik des Kapitalismus. Frankfurt a.M., New York: Campus, 2016. 328 S., 39,95 Euro
Bruno Kern: Es rettet uns kein höh’res Wesen? Zur Religionskritik von Karl Marx – ein solidarisches Streitgespräch
Ostfildern: Matthias Grünewald Verlag, 2017. 141 S., 19 Euro
von Manuel Kellner
Wer den Autor dieses Büchleins aus ökosozialistischen Zusammenhängen der politischen Bildungsarbeit kennt, weiß, wie wenig dieser linke Theologe dazu neigt, mit seinen religiösen Überzeugungen hausieren zu gehen. Desto willkommener ist nun sein vorliegendes Angebot zum «solidarischen Streit» mit seinen nichtgläubigen Kampfgefährten für eine menschenwürdige Welt.
Krimitipp: Gudrun Lerchbaum: Lügenland
Bielefeld: Pendragon, 2016, 424 S., 17 Euro
von Udo Bonn
Als hätte Gudrun Lerchbaum geahnt, wie sich die politischen Verhältnisse in Österreich entwickeln werden, als hätte sie so einen Typen wie Kurz im Kanzleramt mit Rechtspopulisten als Koalitionspartner für möglich gehalten. Nur so kann eine Geschichte wie in ihrem Roman Lügenland nicht nur geschrieben, sondern auch für möglich gehalten werden.
200 Jahre Karl Marx, Teil 1
Eine neue Biografie
von Manuel Kellner
Karl Marx war dafür, «alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist». Aktuell bleibt auch seine Kritik der kapitalistischen Produktionsweise, die «die Erde und den Arbeiter untergräbt». Immer bereit an allem zu zweifeln, verdient er nicht, zum Säulenheiligen gemacht zu werden. Sein Konzept der Selbstbefreiung der Arbeiterklasse als Mittel universaler Emanzipation bleibt allerdings entscheidender Bestandteil des revolutionären Kampfs für eine weltweite sozialistische Gesellschaft.
Von Mussolini bis Mélenchon
Zu den Quellen des «Linkspopulismus»*
von Manuel Kellner
Im Duden wie in der Umgangssprache ist der Begriff «Populismus» negativ besetzt. Gemeint sind Versuche, «die Gunst der Massen zu gewinnen», sie zu manipulieren und für eigene Zwecke zu instrumentalisieren. Dafür wird an ihre Ressentiments angeknüpft und für angestrebte Wahlerfolge werden illusorische Erwartungen bei ihnen geweckt.
Transformatives Organizing
Ein Handbuch, die Welt zu verändern
von Manuel Kellner
Eric Mann: Handbuch Transformatives Organizing. (Übers. Violetta Bock, Michael Heldt.) Köln: Neuer ISP Verlag, 2017. 236 S., € 19,80
Der Titel verrät es: Diese Schrift kommt aus dem angelsächsischen Raum, genauer aus den USA. Ihre Botschaft ist aber global. Der Autor hat eigens zum Erscheinen in deutscher Sprache ein Vorwort geschrieben, das sich an europäische und deutsche Aktive wendet. Darin setzt er sich leidenschaftlich für eine konsequent antirassistische Haltung sowie
Antifa Ost …
… Erinnerungen an eine angefeindete Bewegung
von Peter Nowak
Eine Gruppe von Punks und alternativen Jugendlichen sitzt um einen Tisch an einer Schreibmaschine und ist mit der Herstellung eines Flugblatts beschäftigt. In einer anderen Szene treffen sich die Jugendlichen zu einer Diskussion, doch ein Teil verlässt diese schon nach kurzer Zeit, weil zu viel geredet und zu wenig gehandelt wird.
Jan C. Zoellick: Postwachstum. Unser Leben nach dem Wachstumswahn.
isw-Report 110, September 2017. 28 S., € 2,50
von Angela Klein
Mit dem prophezeiten Ende des Verbrennungsmotors ist in der Öffentlichkeit auch ein Diskurs angekommen, der es wagt, das bisherige Mobilitätskonzept, das auf dem privaten Pkw basiert, in Frage zu stellen. Er greift Vorstellungen von einer Lebensweise auf, in deren Mittelpunkt nicht der maximale Produktionsausstoß steht, sondern die beste und ressourcenschonendste Dienstleistung.
Frau, Familie, Sexualmoral, Kultur
Frühe Errungenschaften der Oktoberrevolution
von Manuel Kellner
Die junge Räterepublik brachte die rechtliche und politische Gleichstellung der Frauen mit den Männern – ein völliger Bruch mit den Verhältnissen unter dem Zarismus.
Am 19. und 20.Oktober 1917 wurde die zaristische Familiengesetzgebung durch das «Dekret über die Ehescheidung» und das «Dekret über die Zivilehe, die Kinder und die Führung der Personenstandsregister» ersetzt. Für Eheschließung und Scheidung (auch auf Antrag von nur einer der beiden Seiten) genügte nun die einfache standesamtliche Registrierung.
Krimi Tipp: Ahmet Ümit: Die Gärten von Istanbul
Übers. Sabine Adatepe. München: btb, 2017. 734 S., € 12
von Udo Bonn
Sie liegen da, ein Schnitt durch die Kehle, blutleer. Die Beine gespreizt, in den gefesselten Händen eine Münze. Sieben Tote an sieben Tagen. Fundorte sind die großen historischen Gebäude von Byzanz, Konstantinopel, Istanbul. Die Stadt mit den vielen Namen und der großen Geschichte. Die Münzen sind historisch mit den Prägungen von Byzas, Konstantin, Theodosius, Justinian, Sultan Mehmed II., Sultan Süleyman I. Was verbindet die Toten und wer hat ein Interesse an ihrem Tod?
Mein Buch des Jahres: Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben (Originaltitel: A Little Life)
Aus dem Englischen von Stephan Kleiner. Berlin: Hanser Berlin, 2017. 957 S., 28 Euro
von Petra Hartlieb*
Entwicklungsroman, Männergeschichte, aber…
Manchmal habe ich das Gefühl, ich habe schon alles gelesen. Immerhin lese ich seit fünfundvierzig Jahren und seit ungefähr zwanzig Jahren professionell, zuerst als Literaturkritikerin, jetzt als Buchhändlerin. Das ist das Schöne an meinem Beruf – die Fülle an Themen, die unfassbare Auswahl, die ich zur Verfügung habe.
Fabrikkomitees und Arbeiterkontrolle in der russischen Revolution
Zur Sozialisierung getrieben*
von Manuel Kellner
Die Forderung nach «Arbeiterkontrolle» und eine entsprechende Praxis sind in der aktuellen sozialistischen Debatte – zumindest in Deutschland – weitgehend unbekannt.
Gemeint ist damit das erkämpfte Recht von Belegschaften, in Entscheidungen von Unternehmenseigentümern oder Geschäftsleitungen einzugreifen bzw. sie von der Zustimmung ihrer gewählten Kontrollausschüsse abhängig zu machen.
«Deine Depression ist mir nicht fremd…»
Zum 50.Todestag von Roman Rosdolsky
von Yurii Colombo
Als Roman Rosdolsky am 20.Oktober 1967 in Detroit starb, hatte er gerade die Fahnen seines Buches Zur Entstehungsgeschichte des Marxschen «Kapital» fertig korrigiert. An diesem Werk, das im folgenden Jahr postum erschien, hatte er fast zwanzig Jahre gearbeitet. Es war die erste und bedeutendste Monografie zu Marx’ Grundrissen. In zahlreiche Sprachen übersetzt, förderte sie deren Verbreitung und hatte bedeutenden Einfluss auf deren spätere Interpretation.
Das Bauhaus – ein politisch unliebsames Projekt
Eine szenische Lesung erinnert an den Kulturkampf der Nazis
von Gregor Kritidis
«Wir fordern deshalb größte Sparsamkeit und … sofortige Streichung sämtlicher Ausgaben für das Bauhaus.» Mit dieser Forderung trat die NSDAP zur Gemeinderatswahl am 25.Oktober 1931 an. Zudem sollte «der Abbruch des Bauhaus sofort in die Wege geleitet» werden. Kaum ein Jahr später – vor 85 Jahren – wurde die erste Forderung umgesetzt. Aus diesem Anlass hat die Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen-Anhalt am 19.11. im Bauhaus eine szenische Lesung zur Vertreibung der Kunst-, Design und Architekturschule aus Dessau veranstaltet.
Harald Rein: Wenn arme Leute sich nicht mehr fügen…! Bemerkungen über den Zusammenhang von Alltag und Protest.
Wasserburg: AG SPAK, 2017. 184 S., 14,80 Euro
von Peter Nowak
Wenn von armen Leuten die Rede ist, schwingt schnell ein Klang von Bedauern und Mitleid mit. Doch wenn der Sozialwissenschaftler und Erwerbslosenaktivist Harald Rein seinem neuesten Buch den Titel Wenn arme Leute sich nicht mehr fügen gibt, knüpft er an eine Debatte über die Poor Peoples Movements an. Es sind soziale Bewegungen von Menschen, die weitgehend außerhalb der Lohnarbeitsprozesse stehen.
Gerth M. Neugebauer: Erde in Not
Wien: Promedia, 2017. 216 S., 19,90 Euro
von Rolf Euler
Alles achtet auf die Klimaentwicklung und die oft fruchtlosen Verhandlungen zur Begrenzung der Treibhausgase. Inzwischen findet jedoch «heimlich» eine weitere Katastrophe für den Planeten statt: die Vernichtung fruchtbaren Bodens durch die globalisierte und technisierte Produktionsweise.
Krimitipp: Lisa Sandlin: Ein Job für Delpha
Deutsch von Andrea Stumpf. Berlin: Suhrkamp, 2017. 351 S., 9,95 Euro
von Udo Bonn
Wie schön kann die Ruhe eines eigenen Zimmers sein, der Blick aus einem unvergitterten Fenster statt auf einen Gefängnishof. Und um wie viel schöner ist dann noch ein Angelausflug auf einem See und erst Recht die Autofahrt zum Meer mit einem attraktiven jungen Mann. Delpha Ward war 14 Jahre eingesperrt, weil sie in Notwehr einen Vergewaltiger umgebracht hat. So ist mit Frauen Ende der 50er Jahre in Texas umgegangen worden, und 1973 hat sich daran nicht viel geändert.
Daniel Viglietti (1939–2017)
Stimme der lateinamerikanischen Revolution
von hgm
Am 30.Oktober starb der uruguayische Sänger und Songschreiber Daniel Viglietti im Alter von 78 Jahren in Montevideo. Er war einer der bekanntesten Vertreter des uruguayischen und lateinamerikanischen populären und politischen Liedes. Sein Freund Eduardo Galeano nannte ihn die «wohlklingende Stimme, die die Wände erzittern lässt». Drei Tage vor seinem plötzlichen Tod war Viglietti noch bei einem Konzert zu Ehren Che Guevaras aufgetreten.
Die russische Revolution und die Ökologie
Eine allzu kurze Begegnung
von Daniel Tanuro
Im Januar 1919 tobte der Bürgerkrieg, die weißen Armeen waren auf dem Vormarsch, das Russland der Oktoberrevolution war in Lebensgefahr, das Territorium der jungen Sowjetrepublik beschränkte sich auf das Umland von Petrograd und Moskau. Doch am 16.Januar 1919 hieß das Thema in Lenins Arbeitszimmer im Kreml Naturschutz.
Regieren auf sozialdemokratisch
Was ein Kabinettsbeschluss aus dem Jahr 2000 mit den Wahlniederlagen der SPD zu tun hat
von Reiner Tosstorff
Michael Naumann ist gewiss kein Name, den man aus der Politik unbedingt kennen muss. Als Kulturminister Schröders von 1998 bis 2001 und gescheiterter Oberbürgermeisterkandidat der Hamburger SPD 2008 hat er nicht sehr viele Spuren hinterlassen. Eher wurde er als Verleger (Rowohlt) und Journalist (Die Zeit, Cicero) wahrgenommen. Seine kurze Zeit davor in der Politikwissenschaft ergab eine Habilitationsschrift über den irischen Sozialisten James Connolly, von den Briten hingerichteter Mitanführer des Osteraufstands von 1916, die allerdings keinen nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat.
Die Verstaatlichung der Revolution…
…und wie man ihr begegnen kann
von Manuel Kellner
Ist es nur der Kalender, der uns zur Beschäftigung mit der «Oktoberrevolution» vom 7.November 1917 (25.Oktober a.St.) in Russland treibt? Ist sie nicht ohne Belang für die Gegenwart? Brauchen wir sie – wie manche unterstellen –, um einen Mythos zu unterhalten, der über den heute so geringen Einfluss revolutionär-sozialistischer Ideen hinwegtrösten soll?
Die vollendete Revolution
Anmerkungen zur Erinnerungspolitik der russischen Oktoberrevolution
von Christoph Jünke*
Die Oktoberrevolution ist nicht mehr der Prüfstein innerlicher Politik. Trotzdem kommt man nicht an ihr vorbei.
Im Jahre 1967, sozusagen auf halbem Wege von der Russischen Revolution bis heute, hielt Isaac Deutscher seine noch im selben Jahr unter dem Titel Die unvollendete Revolution veröffentlichten Trevelyan-Vorlesungen und zog dabei die Bilanz seiner jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit der sowjetrussischen Revolution und ihren Folgen.
Vom Oktober 1917…
…zum «Sozialismus des 21.Jahrhunderts
von Catherine Samary*
Nicht jede Vergangenheit hat dieselbe Zukunft. Der Oktober 1917 wird nicht leicht beerdigt werden können. Da wurde gewagt, die bestehende Ordnung in Frage zu stellen – ohne Rezepte und nicht ohne tragische Irrtümer, im Kampf mit den Kriegen und der sozialen Gewalt der Herrschenden. Hundert Jahre später, obwohl der Kommunismus nicht mehr als Option erscheint, ähneln die Herausforderungen doch denen des Oktober vor hundert Jahren.
Die Bolschewiki
Partei einer Klasse, die sich verflüchtigt
von David Mandel
Wie konnte es kommt, dass so kurz nach Eroberung der politischen Macht durch die Räte diese ersetzt wurden durch das Regime der Kommunistischen Partei? Das ist die immer noch virulente Frage im Zusammenhang mit der Oktoberrevolution.
David Mandel hat sich damit in mehreren Aufsätzen beschäftigt, aus einem davon stammt der nachstehende Auszug.*
Isolation, Gewalt, Fehlentwicklung
Die internationale Dimension der Revolution
von Manuel Kellner
Was war die Oktoberrevolution? Diese Frage stellte 2007 ein Herr Jörg Baberowski in der Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte, herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung. Die Antworten, die er gibt, haben nichts mit der Suche nach historischer Wahrheit zu tun: es handelt sich um Polemik auf unterstem Niveau. Leider war sich die Bundeszentrale nicht zu schade, dieses Machwerk auch 2017 im Rahmen eines «Dossiers» zu 100 Jahren Oktoberrevolution 1917 wieder ins Netz zu stellen.
Domenico Losurdo: Wenn die Linke fehlt… Gesellschaft des Spektakels, Krise, Krieg.
Köln: PapyRossa, 2017. 356 S., 19,90 €
von Anton Holberg
«Das Schild der Humanität ist die beste, sicherste Decke der niederträchtigsten öffentlichen Gaunerei.» Dieser Satz des Schriftstellers Johann Gottfried Seume (1763–1810) könnte zusammen mit «Doppelte Moral – möchte man hinzufügen – war schon immer etwas weniger als gar keine Moral» (Jörg Fauser im Nachwort zu Mickey Spillanes Roman Gangster) als Motto für das im Oktober auf Deutsch erschienene Buch des emeritierten italienischen marxistischen Philosophieprofessors Domenico Losurdo dienen. Losurdo wiederum zitiert in gleichem Sinn Nietzsche: «Und niemand lügt soviel als der Entrüstete.
Rudolf Geist: Die Wiener Julirevolte. Bericht eines Augenzeugen (Hrsg. Dieter Braeg)
Berlin: Die Buchmacherei, 2017
von Angela Klein
Vor 90 Jahren, im Juli 1927, brannte in Wien der Justizpalast – nicht das Werk eines Provokateurs, auch nicht eines einsamen Kämpfers gegen eine heraufziehende Diktatur, sondern das Werk von Hunderten und Tausenden aufs höchste erregter Arbeiterinnen und Arbeiter, die sich gegen Polizeiwillkür und Klassenjustiz auflehnten.
100 Jahre russische Revolution, Teil 8
Ein schwieriges, aber wichtiges Erbe
von Manuel Kellner
Der Sturz der Kapitalherrschaft durch Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte hat viele spätere antikapitalistische Bewegungen inspiriert. Die bürokratische Diktatur diskreditierte jedoch die sozialistische Idee. 1991 wurde die Sowjetunion aufgelöst. Was bleibt hundert Jahre nach der Oktoberrevolution?*
Nachruf: Jürgen Wilk (1946–2017)
Das Leben eines klassenbewussten Arbeiters
von Wolfgang Günther (Freidenkerverband Schweinfurt)
Am 20.September ist Jürgen Wilk gestorben. Ehemalige Mitglieder der Vereinigten Sozialistischen Partei, des Runden Tischs der Erwerbslosen, der Euromärsche sowie vieler anderer Organisationen und Initiativen haben einen treuen Freund und Genossen verloren.
Krimi: Simone Buchholz: Beton Rouge
Berlin: Suhrkamp, 2017. 227 S., 14,95 Euro
von Udo Bonn
Als Kandidat lädt man manchmal zum Pressegespräch, wo dann auch nach persönlichen Interessen gefragt wird. Und als Krimileser auch nach einem Tipp.
Ganz unschuldig und ohne Hintergedanken habe ich der sympathischen Vertreterin der dominierenden örtlichen Zeitung unter anderem Beton Rouge von Simone Buchholz empfohlen. Wenn sie den Roman gelesen hat, wird sie mir die Unschuld aber nicht abnehmen.
Bekämpfung des Terrors oder Bekämpfung der Linken?
Eine Rückschau auf das Jahr 1977
die Redaktion
Die Bilder vom Polizeieinsatz gegen die G20-Demonstrationen haben Erinnerungen an die Vergangenheit geweckt – zumal sie mit dem 40.Jahrestag der Ermordung des damaligen Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer zusammenfallen. Grund genug, sich die Vorgänge in dem Jahr noch einmal zu vergegenwärtigen.
Der deutsche Völkermord an den Herero
Bis heute ungesühnt
von Klaus Engert
Die Geschichte Schwarzafrikas ist voll von Kriegen und Massakern an der einheimischen Bevölkerung. Aber die fast völlige Auslöschung eines ganzen Volkes, der Herero, in der damaligen deutschen Kolonie Südwestafrika (heute: Namibia) ist etwas Einmaliges und für Deutschland etwas Besonderes. Das Thema ist ungebrochen aktuell, denn erst jetzt, nach über 100 Jahren, wurde dieser Völkermord endlich offiziell als das anerkannt, was er ist.
Bruno Latour: Kampf um Gaia. Acht Vorträge über das neue Klimaregime.
Berlin: Suhrkamp, 2017. 522 S., 32 €
von Gerhard Klas
Eher geht die Welt unter…
Gaia ist eine Figur aus der griechischen Mythologie, die Göttin, die die Erde verkörpert. Ihr Problem: Sie ist von einer Krankheit befallen, die Menschheit heißt. So könnte man eine Grundthese von Bruno Latours Buch Kampf um Gaia skizzieren.
100 Jahre russische Revolution, Teil 7
Oktoberrevolution – Putsch oder Aufstand?
von Manuel Kellner
Der Sturz der Kapitalherrschaft durch Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte hat viele spätere antikapitalistische Bewegungen inspiriert. Die bürokratische Diktatur diskreditierte jedoch die sozialistische Idee. 1991 wurde die Sowjetunion aufgelöst. Was bleibt hundert Jahre nach der Oktoberrevolution?*
150 Jahre Das Kapital
Ein ungelöster Fall
von Ingo Schmidt
Das Kapital ist einer jener Krimis, bei denen die Leser schon früh wissen, wer der Bösewicht ist. Ob er gefasst wird, bleibt aber bis zum Ende offen. Bisher wurde er nicht gefasst. Deswegen ist seit Marx’ Tod eine Reihe weiterer Folgen geschrieben worden.
Die Geschichte beginnt in einer gespenstischen Welt. Sie wirkt friedlich und frei. Sie wird von Menschen bewohnt, die untereinander Waren tauschen.
100 Jahre russische Revolution, Teil 6
September: Kurs auf den bewaffneten Aufstand
von Manuel Kellner
Der Sturz der Kapitalherrschaft durch Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte hat viele spätere antikapitalistische Bewegungen inspiriert. Die bürokratische Diktatur diskreditierte jedoch die sozialistische Idee. 1991 wurde die Sowjetunion aufgelöst. Was bleibt 100 Jahre nach der Oktoberrevolution?*
Marxistische Stalinismuskritik im 20. Jahrhundert. Eine Anthologie
(Hrsg. Christoph Jünke.) Köln, Karlsruhe: Neuer ISP Verlag, 2017. 616 S., 29,80 €
von Manuel Kellner
Zwischen Revolution und Bürokratie
Die Sowjetunion und die Einparteienherrschaft der KPdSU gibt es nicht mehr, die DDR mit der «führenden» Staatspartei SED auch nicht, und die meisten poststalinistischen Kommunistischen Parteien sind kaum noch ein Schatten einstiger Größe. Die bürgerliche Ideologie beherrscht in den besonders kruden Formen des Neoliberalismus Universitäten und öffentliche Meinung. Was liegt da eigentlich an linker, dazu noch marxistischer Stalinismuskritik?
Das wichtigste Werk der documenta 14
“The most important piece at documenta 14 in Kassel is not an artwork. It’s evidence.”*
von Serdar Kazak
Es ist nicht von der Hand zu weisen: Bei dem auf der documenta präsentierten Stück des Forschungsinstituts Forensic Architecture der Londoner Goldsmith University handelt es sich nicht um ein Kunstwerk, sondern um einen forensischen Beweis. Wenigstens hatten die Macher am Anfang nicht vor, ein Kunstwerk zu schaffen. Sie hatten den Auftrag, die existierenden Beweise zum neunten NSU-Mord in Kassel zu analysieren und Klarheit über die staatliche Unterstützung und Verwicklung in den Mord herzustellen.
Zum Tode von Helmut Kohl
Der Bimbes-Patriarch
von Paul B. Kleiser
Es war zu erwarten, dass Helmut Kohl, der im neuen Jahrhundert bei seinen seltenen Auftritten wie ein Fossil aus vergangenen Zeiten wirkte, nach seinem Ableben als «Kanzler der Einheit» und als einer der «Väter der europäischen Einigung» gewürdigt würde. In Straßburg wird sogar ein «europäischer Staatsakt» für ihn inszeniert.
Ulrich Brand, Markus Wissen: Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus.
München: Oekom, 2017. 224 S., 14,95 Euro
von Rolf Euler
Die Autoren greifen ein unter politisch Interessierten hinlänglich bekanntes, aber gesellschaftlich «gern» verdrängtes Thema auf, dessen Bedeutung für die zukünftige Entwicklung der Welt nicht unterschätzt werden kann: die Hegemonie des westlichen Kapitalismus nicht nur als ökonomische Tatsache, sondern auch als gesellschaftliche Belastung, insofern die schädlichen Folgen der Profitwirtschaft das tägliche Leben in immer größerem Umfang durchdringen.
Ostwind für Kohl
Berliner Tagung erinnert an den ostdeutschen Widerstand gegen die Abwicklung der ostdeutschen Industrie
von Bernd Gehrke
Am 20.Juni 1992 fand in Ostberlin die 1.Konferenz Ostdeutscher und Berliner Betriebs- und Personalräte statt. 140 Betriebs- und Personalräte aus 70 Betrieben, die 107000 Beschäftigte vertraten, unternahmen damals den selbstorganisierten Versuch zu einem branchen- und regionenübergreifenden Widerstand von Belegschaften in Ostdeutschland gegen die Treuhandanstalt und deren Politik der Deindustrialisierung mittels Privatisierung der ostdeutschen Wirtschaft.
Wer ist Jean-Luc Mélenchon?
Porträt eines linken Populisten
von Pierre Rousset
Vielen, ob hierzulande oder in Frankreich, gilt er als Linker, zwar ein Reformist und auch nicht unbedingt von der appetitlichen Sorte, aber doch ein Strohhalm. Die Entwicklung, die er in der letzten Zeit durchgemacht hat, legt eher nahe, dass man an seinem Beispiel studieren kann, was linker Populismus ist.
Rainer Balcerowiak: Die Heuchelei von der Reform. Wie die Politik Meinungen macht, desinformiert und falsche Hoffnungen weckt.
Berlin: Edition Berolina, 2017. 144 S., 9,99 Euro
von Peter Nowak
Streitschrift wider den Reformmythos
Nach der Präsidentenwahl in Frankreich wurde der wirtschaftsliberale Emmanuel Macron von deutschen Medien und Wirtschaftsverbänden aufgefordert, möglichst schnell mit den Reformen zu beginnen.
Filmtipp: Comrade where are you today?
Deutschland/Finnland 2016, Regie: Kirsi Liimatainen; Ilanga Films, auf DVD
von Rolf Euler
Über junge Linke und Revolutionäre, ihre großen Träume von Gerechtigkeit und Solidarität und was aus ihnen geworden ist – diesen Dokumentarfilm von einer jungen Finnin, die dabei war, empfehle ich gern.
Kirsi Liimatainen verbringt als aufrührerische Arbeiterjugendliche mit vielen anderen zusammen Ende der 80er Jahre ein Studienjahr in der DDR auf der FDJ-Schule am Bogensee nahe Berlin.
«Mit permanenten Grüßen». Leben und Werk von Emmy und Roman Rosdolsky. Hrsg. Rosdolsky-Kreis
Wien: Mandelbaum-Verlag, 2017. 453 S., 15 Euro
von Hermann Dworczak
Roman Rosdolsky ist auch in linken Kreisen eher nur «Spezialisten» bekannt. Völlig zu Unrecht: Sowohl sein politisches Wirken und erst recht seine theoretische Arbeit sind mehr als bemerkenswert.
Roman wurde 1898 im damals österreichischen Lemberg in einer ukrainischen Familie geboren. Er politisierte sich bereits als Gymnasiast, wurde Sozialist bzw. Kommunist.
Wie stoppen wir die Rechten in Europa?
Bericht von ISO-Veranstaltungen in Köln und Berlin
von Angela Klein
Für Olivier Besancenot war es erst das zweite Mal, dass er in Deutschland gesprochen hat, sein erster Weg führte ihn vor drei Jahren nach Berlin – da stand die Veranstaltung der Neuen antikapitalistischen Organisation (NaO) noch unter dem Motto «Die kommenden Aufstände in Südeuropa – was tun?»
Thomas E. Goes, Violetta Bock: Ein unanständiges Angebot? Mit linkem Populismus gegen Eliten und Rechte
Köln: PapyRossa, 2017. 136 S., 12,90 Euro
von Thies Gleiss
Er ist in aller Munde und jetzt gibt es ein Buch zum Thema: Der Populismus aus linker Sicht. Das Buch hat nicht gehalten, was es versprochen hat. Wenigstens das Rezensionsexemplar zerfiel nach einmaligem Blättern und Lesen in seine Bestandteile. Aber irgendwie passt das zum Thema.
100 Jahre russische Revolution, Teil 5
Die Julitage und der Kornilow-Putsch
von Manuel Kellner
Der Sturz der Kapitalherrschaft durch Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte hat viele spätere antikapitalistische Bewegungen inspiriert. Die bürokratische Diktatur diskreditierte jedoch die sozialistische Idee. 1991 wurde die Sowjetunion aufgelöst. Was bleibt 100 Jahre nach der Oktoberrevolution?*
documenta 14
Ein Streifzug am Rande der diesjährigen Weltkunstausstellung
von Violetta Bock
Die politischste Documenta jüngerer Zeiten, so heißt es zumindest. Seit 1955 verwandelt sich Kassel alle fünf Jahre für hundert Tage in das Zentrum für zeitgenössische Kunst. Begründet wurde sie von Arnold Bode, der in der NS-Zeit als «entartet» gebrandmarkt worden war; die documenta sollte nach dem Krieg die Menschen mit zeitgenössischer Kunst vertraut machen. Diesmal ist Adam Szymczyk Kurator, gemeinsam mit einem internationalen Kuratorenteam.
Revolution und Bürgerkrieg in Spanien, Teil XII
Die Ermordung von Andreu Nin…und die Akten des KGB
von Reiner Tosstorff
Im Mai 1937 kommt es zu bewaffneten Kämpfen zwischen der republikanischen Regierung, unterstützt von der KP, auf der einen Seite, Anarchisten und der POUM (Partido Obrero de Unificación Marxista – Arbeiterpartei der marxistischen Einigung) auf der anderen Seite (siehe SoZ 5/2017). Letztere verloren den Kampf, die Führung der POUM wurde verhaftet, die Partei in die Illegalität getrieben.
In eigener Sache
Zum Artikel von Andreas Kemper, «Die Netzwerke», im Rahmen des Schwerpunkts zur AfD, SoZ 4/2017
von Angela Klein
In SoZ 4/2017 ist ein Vortrag von Andreas Kemper wiedergegeben, den dieser im Rahmen der Mobilisierungen gegen den AfD-Parteitag in Köln gehalten hatte. Das autorisierte Transkript beschreibt u.a., zu wem der Exponent des rechtsextremen Flügels, Björn Höcke, Beziehungen pflegt – dazu gehören auch Mitglieder der ehemaligen Stahlhelmfraktion der CDU in Hessen, wie etwa Martin Hohmann.
100 Jahre russische Revolution, Teil 4
Die Rolle der bäuerlichen Bevölkerungsmehrheit
von Manuel Kellner
Der Sturz der Kapitalherrschaft durch Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte hat viele spätere antikapitalistische Bewegungen inspiriert. Die bürokratische Diktatur diskreditierte jedoch die sozialistische Idee. 1991 wurde die Sowjetunion aufgelöst. Was bleibt 100 Jahre nach der Oktoberrevolution?*
Buchtipp – Petra Hartlieb: Meine wundervolle Buchhandlung
Köln: DuMont, 2014. 208 S., 18 Euro
von Manuel Kellner
Petra Hartlieb hatte, wie’s scheint, in Hamburg ein Leben wie ein Hund ohne Flöhe. Eine schöne Wohnung in einem angenehmen Stadtviertel, einen lieben und gut verdienenden Mann, einen Halbtagsjob, der ihr viel Zeit lässt für anderes, ihren Sohn und die gemeinsame kleine Tochter, die eine Kita besucht, wie man sie sich alternativer und besser nicht wünschen kann. Doch eines Tages brechen sie und ihr Mann über Nacht alle Zelte ab und übersiedeln nach Wien, um eine kleine Buchhandlung zu übernehmen, die geschlossen worden war und zum Verkauf steht.
Leithammel sucht Leitkultur
Gesellschaft und Kultur in Deutschland
von Helmut Dahmer*
«Kein schöner Land in dieser Zeit,
als hier das unsre weit und breit,
wo wir uns finden, wohl untern Linden,
100 Jahre russische Revolution, Teil 3
Der Krieg und sein Klassencharakter
von Manuel Kellner
Der Sturz der Kapitalherrschaft durch Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte hat viele spätere antikapitalistische Bewegungen inspiriert. Die bürokratische Diktatur diskreditierte jedoch die sozialistische Idee. 1991 wurde die Sowjetunion aufgelöst. Was bleibt – 100 Jahre nach der Oktoberrevolution?*
Mario Vargas Llosa: Die Enthüllung
Berlin: Suhrkamp, 2016. 299 S., 24,70 Euro
von Ralf Leonhard*
Vargas Llosas Fantasien
Vargas Llosa nutzt seinen neuen Roman für zwei persönliche Abrechnungen: mit dem Regime von Alberto Fujimori (1990–2000) und mit der peruanischen Skandalpresse.
Gegen den bis dato kaum bekannten Agraringenieur Fujimori war der weltweit prominente Literat einst in der Stichwahl um die Präsidentschaft unterlegen.
Marcel van der Linden: Workers of the World. Eine Globalgeschichte der Arbeit
Frankfurt a.M.: Campus, 2017. 503 S., 39,95 Euro
von Michael Sankari
Die Übersetzung des Buches macht die Veröffentlichung, die vielen Interessierten durch die englische Ausgabe bereits bekannt war, endlich auch einem breiteren, deutschsprachigen Publikum zugänglich. Eigentlich wendet es sich an Interessierte an einer eigenen Forschungsrichtung: der «Globalgeschichte der Arbeit». Aber wer wird sich schon Marxist nennen und dann behaupten, er oder sie hätte damit nichts zu tun?
Revolution und Bürgerkrieg in Spanien, Teil XI
Bürgerkrieg im Bürgerkrieg: Die Mai-Tage 1937 in Barcelona
von Reiner Tosstorff
Vor 80 Jahren, vom 3. bis zum 7.Mai 1937, kam es in Barcelona zu bewaffneten Auseinandersetzungen innerhalb des republikanischen Lagers: zwischen den Anarchisten und der antistalinistischen POUM (Arbeiterpartei der marxistischen Einigung) einerseits und der PCE (Kommunistische Partei Spaniens) und der katalanischen Regierung andererseits. Dieser «Bürgerkrieg im Bürgerkrieg» ist vor allem durch den Erlebnisbericht bekannt geworden, den der englische Schriftsteller George Orwell in seinem Buch Mein Katalonien davon gegeben hat.
AUFSTAND!
Käthe Kollwitz neu gesehen
von Rolf Euler
Käthe Kollwitz, die bei vielen Menschen bekannte Künstlerin des Antikriegsbilds «Nie wieder…!», kann im Käthe-Kollwitz-Museum in Köln mit vielen ihrer Werke immer wieder neu betrachtet werden, diesmal mit Sonderausstellungen zu ihrem 150.Geburtstag.
Martin Schulz – einer von uns?
Von der Polit-Elite in den Wahlkampf
von Manfred Dietenberger
Die SPD macht wieder Politik und lässt Merkel nicht einfach weiter vor sich hin sozialdemokrateln, schrieb Anfang März der Vorwärts der SPD. Und in der Tat, Schulz und Superman wurden noch nie im selben Raum gesehen. Ist also Schulz tatsächlich Superman?
Was wir über Martin Schulz wirklich wissen ist: Er kommt aus einfachen Verhältnissen, war Bürgermeister einer Kleinstadt und schaffte es nach Europa. Dort gehörte er viele Jahre der hochbezahlten europäischen politischen «Elite» an.
Sahra Wagenknecht – eine mögliche linke Populistin
Sahra Wagenknecht: Reichtum ohne Gier. Wie wir uns vor dem Kapitalismus retten. Frankfurt am Main: Campus, 2016. 294 S., 19,95 Euro
von Thomas Goes
Lenin hat einmal geschrieben, Kommunismus sei Sowjetmacht plus Elektrifizierung. In Anlehnung daran könnte man sagen: Ein fortschrittlicher linker Populismus, den wir in Deutschland dringend bräuchten, das wäre Sahra Wagenknecht plus konsequenter Antirassismus, ein klarer Bezug auf soziale Kämpfe und Internationalismus.
Griechenland 1967
Vor 50 Jahren putschten die Obristen
von Paul B. Kleiser
Am 21.April 1967 putschte eine Gruppe niederrangiger Offiziere der griechischen Armee gegen die demokratisch gewählte Regierung der Zentrumsunion von Giorgos Papandreou und etablierte ein sieben Jahre währendes Terrorregime. Bis zu 80000 politische Gefangene wurden gemacht und teilweise auf kahle Inseln deportiert. Wie konnte es 18 Jahre nach dem Ende des blutigen Bürgerkriegs zu diesem Staatsstreich kommen?
Gisela Notz zum 75. Geburtstag
Keine feministische Theorie ohne feministische Praxis
Im Gespräch mit ihrem Autonomen feministischen Colloquium
Gisela Notz ist Historikerin und Sozialwissenschaftlerin. Sie war u.a. Redakteurin der SoZ (2003–2005), der Zeitschrift beiträge zur feministischen theorie und praxis (1985–1997), seit 2008 und bis heute ist sie in der Redaktion von lunapark21. zeitschrift zur kritik der globalen ökonomie. Außerdem ist sie u.a. im «Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung» als politische Aktivistin engagiert. Zuletzt erschien von ihr Kritik des Familismus (Schmetterling-Verlag, 2015) und der seit 15 Jahren erscheinende Kalender Wegbereiterinnen (AG SPAK) zu Frauenbiografien. Mehr unter www.gisela-notz.de.
Tom Burgis: Der Fluch des Reichtums. Warlords, Konzerne, Schmuggler und die Plünderung Afrikas
Frankfurt am Main: Westend, 2016. 351 S., 24 Euro
von Paul B. Kleiser
Im vergangenen Jahr sind über 5000 Menschen beim Versuch ertrunken, aus Afrika über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Auf die Flüchtlingsbewegungen reagieren die Europäer mit immer brutaleren Methoden der Abschottung.
100 Jahre russische Revolution, Teil 2
Februarrevolution und Aprilthesen
von Manuel Kellner
Der Sturz der Kapitalherrschaft durch Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte hat viele spätere antikapitalistische Bewegungen beflügelt. Die bürokratische Diktatur diskreditierte jedoch die sozialistische Idee. 1991 wurde die Sowjetunion aufgelöst. Was bleibt – 100 Jahre nach der Oktoberrevolution?*
Krimitipp: Jerôme Leroy: Der Block
Deutsch von Cornelia Wend. Hamburg: Nautilus, 2017. 320 S., 19,90 Euro
von Udo Bonn
Endlich ist es soweit. Frankreichs «Bloc Patriotique» steht kurz davon, mit Ministerämtern versorgt zu werden. Seit Wochen erlebt das Land Aufstände, die Zahl der Toten ist schon auf über 750 Menschen gestiegen, die Sender zeigen, wie von Stunde zu Stunde mehr sterben. Zwei Männer sitzen derweil in ihren Zimmern und warten. Antoine Maynard in seiner Pariser Luxuswohnung, es hätte auch etwas besseres sein können, und Stanko, sein alter Kumpel, in einem heruntergekommenen Hotelzimmer.
„Der junge Karl Marx“
Gesehen und genehmigt
von Manuel Kellner
Ein Spielfilm über Karl Marx in den Jahren 1843–1848, im Exil in Paris, Brüssel und London, das ist schon etwas Besonderes. Manche Kritiken waren nicht eben überschwänglich, aber ich finde diesen Film des Regisseurs Raoul Peck gelungen. Als ich ihn mir zum ersten Mal angesehen hatte, waren Schulklassen im Saal – und gerade das ist gut so. In den meisten Kinos wurde „Der junge Karl Marx“ nur ein paar Tage gezeigt, und sehr bald ist er wohl ganz abgesetzt. Hoffentlich gibt es ihn dann bald als Konserve, und er sollte möglichst vielen jüngeren Leuten gezeigt werden, die dadurch angeregt werden könnten, mehr über Marx und von Marx zu lesen.
Ein Schaumschläger mit Rechtsdrall
oder die hohe Kunst der (Selbst-)Inszenierung
von Paul Michel
Martin Schulz Superstar. Martin Schulz Hoffnungsträger. Innerhalb weniger Wochen ist der SPD dank ihm die Trendwende gelungen. Zum erstenmal seit vielen Jahren liegt die längst abgeschriebene SPD in Meinungsumfragen wieder vor der CDU, im direkten Vergleich mit Merkel lässt der neue Star der SPD die Kanzlerin um Meilen hinter sich. Offenbar kommt er gut an. Er präsentiert sich als ein Mann aus «einfachen Verhältnissen», der von sich behauptet, «für die hart arbeitenden Menschen» in diesem Land zu kämpfen.
An den Rand notiert – vor 50 Jahren
1967
von Rolf Euler
«Auch was hinter uns liegt, steht uns weiter bevor» (Martin Seel, Theorien).
«Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen» (Christa Wolf, Kindheitsmuster).
Am Anfang dieses Jahres 2017, wenn die Aktualitäten nach erneuter Kritik und Einmischung verlangen,
Fragebogenaktionen können militanter sein
So hat Karl Marx sie angelegt
von Manfred Dietenberger
Der Fragebogen als Mittel der Untersuchung der Lage und Wünsche der arbeitenden Klassen geht auf Karl Marx zurück.
In der ersten Aprilhälfte 1880 verfasste Marx einen Fragebogen für Arbeiter auf Englisch (deutsch in MEW 19, S.230–237). Er erschien erstmals – in französischer Übersetzung und anonym – am 20.April 1880 in der Zeitschrift La Revue Socialiste,
War Lech Walesa ein Spitzel?
Hetzkampagnen in Polen
von Norbert Kollenda
Die Witwe von General Kiszczak bot vor einem Jahr dem Institut des Nationalen Gedenkens, IPN, das für die Aufarbeitung der Geheimdienstdokumente zuständig ist, für 90000 Zloty Papiere aus dem Nachlass ihres Mannes an, der bis 1990 Innenminister war. Der IPN-Vorsitzende, Lukasz Kaminski, übergab die Dokumente in Sache «Bolek» im Eiltempo der Öffentlichkeit. Weder Historiker noch Grafologen konnten vorher ihre Echtheit überprüfen.
Revolution und Bürgerkrieg in Spanien, Teil X
Die KP als Totengräber der Revolution
von Paul Michel
Nach den Wahlen am 17.Februar 1936 bekam die Kommunistische Partei Spaniens (Partido Comunista de España – PCE) einen deutlichen Mitgliederzuwachs. Er beschleunigte sich noch einmal in den Monaten nach Francos Putsch. Zur Jahreswende 1936/37 war die PCE die dominierende Kraft im republikanischen Lager, und sie nutzte diese Machtposition, um ihre Vorstellungen anderen Kräften aufzuzwingen.
Nach Goldschätzen graben, Regenwürmer finden. Die Linke und das Regieren.
(Hrsg. Thies Gleiss u.a.) Köln: PapyRossa, 2016. 256 S., 14,90 Euro
von Anke Agnelli
Mit Alexandre Millerand, der im Jahr 1899 in Frankreich in die Regierung Waldeck-Rousseau eintrat, fing die Kontroverse an. Für Rosa Luxemburg machte er sich damit als Sozialist zur Geisel einer bürgerlichen Regierung. Seitdem wird die Teilnahme von Linken an bürgerlich dominierten Regierungen als «Millerandismus» oder «Ministerialismus» kritisiert.
Serie: 100 Jahre russische Revolution, Teil 1
Die Revolution von 1905
von Manuel Kellner
1917–2017 · Was bleibt?
Revolutionäre haben ihren eigenen Kalender. Lange Zeit bezogen sie sich auf die französischen Revolutionen von 1789, 1830 und 1848. Die Monate der Pariser Kommune von 1871 galten ihnen 34 Jahre lang als grundlegende Erfahrung. Erst die russische Revolution von 1905 gab der strategischen Debatte der sozialistischen Linken neue Impulse. Zwölf Jahre später brach die russische Revolution wieder aus
Andreas Cassee: Globale Bewegungsfreiheit. Ein philosophisches Plädoyer für offene Grenzen.
Berlin: Suhrkamp, 2016. 282 S., 17 Euro
von Gerhard Klas
In Zeiten simpler Erklärungsversuche, wie der aktuellen sozialökonomischen Krise zu begegnen sei – nämlich mit Abschottung gegenüber Einwanderungswilligen –, ist es durchaus ratsam, den Horizont zu erweitern und den Blick auf philosophische Debatten zu werfen, die sich den Grundsatzfragen der heutigen Zeit zuwenden.
Krimitipp: Jerome Charyn: Winterwarnung
Deutsch von Sabine Schulz. Zürich: Diaphanes, 2017. 328 S., 24 Euro
von Udo Bonn
Erst Polizist, dann Polizeichef und dann Bürgermeister von New York: Isaac «Citizen» Sidel ist aufgestiegen, hat die Bronx vom Zugriff der Baumafia befreit und das Bildungsprogramm Merlin für arme Jugendliche durchgesetzt.
Und jetzt? Jetzt sitzt er im «weißen Gefängnis» fest, er ist POTUS, President of the United States,
Die Verirrungen von Sahra Wagenknecht
Undemokratische Inthronisierung
von Thies Gleiss
Das Jahr 2017 wird in Deutschland durch eine Reihe von Parlamentswahlen und die Bundespräsidentenwahl geprägt. Bei Umfragewerten von unter 40% für eine «Rot-Rot-Grüne»-Regierungsoption und nur noch 20% für die SPD ist ein schillernd als «R2G» bezeichneter Regierungswechsel seit geraumer Zeit außer Sichtweite.
Randalierer oder Stasi-Agent?
Die Argumente, Andrej Holm loszuwerden, sind austauschbar
von Peter Nowak
Es ist schon einige Jahre her, dass Studierende in Berlin Universitätsräume besetzt haben, um Verbesserungen ihrer Studienbedingungen erkämpfen. Seit dem 17.Januar sind nun wieder Hochschulräume besetzt, nämlich die des Instituts für Sozialwissenschaft. Die Studierenden protestieren gegen die Entlassung des Stadtsoziologen Andrej Holm, der Mitte Januar nach wenigen Wochen als Staatssekretär zurücktreten musste.
«Dem neoliberalen Politikverständnis den Kampf ansagen»
Murat Çakir über seine Kandidatur für das Amt des Oberbürgermeisters in Kassel
Gespräch mit Violetta Bock
2017 – Jahr der Wahlen: in Nordrhein-Westfalen, in Frankreich, in Deutschland. In Kassel wird am 5.März der Oberbürgermeister gewählt. Die Kasseler Linke sitzt dort seit Jahren im Stadtparlament und nominierte Murat Çakir als ihren Kandidaten. Er ist bekannt als Geschäftsführer der Rosa-Luxemburg-Stiftung Hessen und für seine Analysen zur Situation in der Türkei. Nun kandidiert er in so bewegten Zeiten auf kommunaler Ebene.
Ulrich Grober: Der leise Atem der Zukunft. Vom Aufstieg nachhaltiger Werte in Zeiten der Krise
München: Oekom, 2016. 320 S., 19,95 Euro
von Rolf Euler
Werte und Zukunft sind Schlagworte geworden, hier ist ein Buch, das sie mit positiven Inhalten zu füllen vermag.
Ulrich Grober, bekannt durch Bücher über Nachhaltigkeit und Wandern, setzt seine Fußwanderungen fort zu Orten und Menschen, die Zukunft und Gelassenheit im Blick haben und die ersten Schritte in eine Richtung gehen,
Bernhard Knierim: Ohne Auto leben. Handbuch für den Verkehrsalltag
Wien: Promedia, 2016. 176 S., 14,90 Euro
von Rolf Euler
Im Nachgang zum Thema der letzten SoZ – VW, die Autogesellschaft und die Verkehrswende – empfehle ich das Buch von Bernhard Knierim: Ohne Auto leben.
Revolution und Bürgerkrieg in Spanien, Teil IX
Die Regierung Largo Caballero und der Wiederaufbau des Staatsapparats
von Paul Michel
Der Spanische Bürgerkrieg 1936–1939 war die letzte Chance, dem endgültigen Sieg des Faschismus in Europa noch einmal etwas entgegenzusetzen und den Zweiten Weltkrieg zu verhindern. In der Linken ist der Streit über die Verantwortung für die Niederlage der antifaschistischen Kräfte bis heute stark umstritten. Grund genug für diese Zeitung, die politische und soziale Entwicklung in jenen Jahren noch einmal nachzuzeichnen.*
Kolonien ein Randthema?
Das DHM und die deutsche koloniale Vergangenheit
von Angela Klein
Im Jahr 2009, mitten in den Wirren der Finanzkrise, starteten einige entwicklungspolitische Gruppen und Einzelpersonen einen Kampagnenaufruf «125 Jahre Berliner Afrika-Konferenz – erinnern – aufarbeiten – wiedergutmachen», mit dem sie um Aufmerksamkeit für die koloniale Vergangenheit Deutschlands warben.
Krimi: Joe Ide: IQ
Deutsch von Conny Lösch. Berlin: Suhrkamp, 2016. 388 S., 14,95 Euro
von Udo Bonn
Was machst du, wenn nachts ein Riesenhund in deine gesicherte Villa eindringt und dich töten will? Wenn du ihm so gerade entkommst, du aber sowieso im Grenzbereich lebst, ausgebrannt als Rapper, vollgepumpt mit legalen und illegalen Drogen, ständig unter Druck des Business, immer liefern zu müssen?
Deutscher Kolonialismus – eine Ausstellung in Berlin
Versuch einer Aufarbeitung
von Larissa Peiffer-Rüssmann
Das Deutsche Reich gehörte von 1884 bis 1919 zu den großen Kolonialmächten – über 35 Jahre lang. Umso erstaunlicher ist es, dass es im Deutschen Historischen Museum (DHM) in Berlin, das sich als Ort der «Vermittlung von Geschichte» versteht, «kaum Hinweise auf Deutschlands Kolonialgeschichte» gibt, wie schon vor Jahren eine Gruppe junger Historikerinnen kritisierte.
Mit der Bindung an die KP ist auch die Identität verloren gegangen
Didier Eribon über den Erfolg des Front National in der Arbeiterschaft
von Paul B. Kleiser
Didier Eribon: Rückkehr nach Reims. Berlin: Suhrkamp, 2015. 238 S., 18 Euro
Dieses Buch des französischen, an der Universität Amiens lehrenden Soziologen Didier Eribon wurde bereits 2009 veröffentlicht, ist aber erst im vergangenen Jahr auf deutsch erschienen. Es hat hierzulande, vor allem in linken Kreisen, eher mehr Aufmerksamkeit gefunden als in Frankreich.
Revolution und Bürgerkrieg in Spanien, Teil VIII
Francos Weg zum Caudillostaat
von Paul Michel
An die 100000 Menschen wurden im Verlauf der drei Jahre Bürgerkrieg in der «nationalistischen Zone» umgebracht. Sie fielen nicht militärischen Auseinandersetzungen, sondern dem gezielten Terror der nationalistischen Machthaber zum Opfer, 50–70% von ihnen wurden zwischen Juli und September 1936 ermordet.
Wiedervereinigung oder Neuanfang?
ISL und RSB sind jetzt zusammen und heißen ISO
von Angela Klein, Jakob Schäfer
Nach einem Anlauf von fast drei Jahren haben sich die Internationale Sozialistische Linke (ISL) und der Revolutionär-Sozialistische Bund (RSB) am 3./4. Dezember 2016 zur Internationalen Sozialistischen Organisation (ISO) zusammengeschlossen. Die beiden Quellorganisationen hatten sich Anfang der 90er Jahre getrennt und sind erst im Zuge der Bildung der Neuen antikapitalistischen Organisation (NaO) vor fünf Jahren wieder zusammengekommen.
Olivier Besancenot, Michael Löwy: Revolutionäre Annäherung. Unsere roten und schwarzen Sterne.
Für die Solidarität zwischen Marxist*innen und Anarchist*innen. Berlin: Die Buchmacherei, 2016
von Manuel Kellner
Anarchismus und Marxismus scheinen für unüberbrückbar gegensätzliche Ansätze zu stehen. Bei näherer Betrachtung ist das aber nicht so klar. Die beiden Autoren dieses Büchleins plädieren für eine differenzierte Sicht. Ihre Absicht ist die Zusammenführung beider Richtungen für den gemeinsamen Kampf – für die Befreiung von Ausbeutung und Unterdrückung, für den Sozialismus des 21.Jahrhunderts.
Krimitipp: Andreas Pflüger: Endgültig
Berlin: Suhrkamp, 2016. 459 S., 19,95 Euro
von Udo Bonn
Nach fünf Jahren kommt Jenny Aaron zurück nach Berlin in ihre alte «Abteilung». Niko Kvist, ihr alter Liebhaber und enger Exkollege, hat sie abgeholt. Die alten Stimmen und drei neue, bekannte Umarmungen, angenehme Orientierungen. Gelöste Stimmung, der gute Pavlik wird fünfzig, aber fit. Sie ist wieder da in ihrer alten Einheit, aber nur auf einen Sprung. Sie gehörte dazu und war eine der Besten in dieser supergeheimen, international operierenden Polizeitruppe, von der niemand wissen darf.
Das Lebenswerk von Fidel Castro
Unbeugsam im Widerstand gegen den US-Imperialismus
von Dave Kellaway
Bilder von Fidel füllten über Jahrzehnte die Wochenschauen: abgerissen und besiegt nach der blutigen Attacke auf die Moncadakaserne; im feinen Anzug als freier Mann beim Gang aus dem Gefängnis ins Exil; bei einem Interview mit einem US-Journalisten 1958 in einem Versteck in den Bergen; beim triumphalen Einmarsch mit Che, Cienfuegos und den anderen jungen bärtigen Kriegern in Havanna;
An den Rand notiert
Josef Capek neu entdeckt
von Rolf Euler
Ich staune, wie angesichts der europaweiten Rechtsentwicklung plötzlich eine Ausstellung in der «Provinz» in die Zeit tritt: Karikaturen von Josef Capek, dem tschechischen Autor, Zeichner und Verfolgten. Das Recklinghäuser Museum für Stadtgeschichte zeigt zu den Jahrestagen der Pogromnacht und zum Ende des Ersten Weltkriegs eine Ausstellung, die dem Leben und den Karikaturen eines in der Tschechoslowakei gut bekannten Künstlers gewidmet ist.
Revolution und Bürgerkrieg in Spanien, Teil VII
Die Internationalen Brigaden – «Unsere Heimat ist heute vor Madrid»
von Paul Michel
Heute erinnert in Albacete nur noch ein (kleines) Denkmal daran, welche Bedeutung dieser Ort im spanischen Bürgerkrieg hatte. Seit dem 14. Oktober 1936, als die ersten internationalen Freiwilligen dem Ruf «¡A las armas!», «Zu den Waffen!» folgend hier ankamen, glich die Stadt einem aufgewühlten Ameisenhaufen, wie André Malraux in seinem berühmten Roman Die Hoffnung schreibt.
Bücherkiste – Wer den Wind sät, und andere.
Leseempfehlungen
von Rolf Euler
Es gibt Bücher, die muss man lesen: zur Information, oder um neues Wissen zu erwerben. Und Bücher, die muss man auch lesen: um sich von den anderen zu erholen…
Meine diesjährigen Buchempfehlungen beginnen mit einem «Muss»-Buch der ersten Art:
Gisela Notz: Kritik des Familismus.
Stuttgart: Schmetterling, 2015. 228 S., 10 Euro
von Jan Schiffer
Unter Familismus versteht man in der Sozialwissenschaft die Position, die die klassische heterosexuelle, monogame Kleinfamilie zum Dreh- und Angelpunkt der Gesellschaft hochstilisiert und die Politik auf ihre Förderung ausrichtet.
Rebellisches Schlesien. Geschichten über soziale Kämpfe in Oberschlesien.
DVD von Dariusz Zalega. Polnisch mit Untertiteln
von Peter Nowak
Der Film stellt eine Region als Ort von Kämpfen und Streiks vor, die oft mit deutschnationalen Ansprüchen konnotiert ist.
Der Titel mag manche Linke irritieren. Denn wenn es um Schlesien geht, sind oft die Vertriebenenverbände nicht weit und deren Rebellion gegen die Anerkennung von historischen Tatsachen nach der Niederlage der Nazis ist manchen noch in schlechter Erinnerung. Doch darum geht in dem Film nicht.
Donald Ray Pollock: Die himmlische Tafel
Deutsch von Peter Torberg. München: Liebeskind, 2016. 432 S., 22 Euro
von Udo Bonn
Der US-amerikanische Schriftsteller Donald Ray Pollock am Tag der Wahl in Spiegel online: «Wir sind grundsätzlich eine gewalttätige Nation. Das gehört bei uns zur Geschichte. Aber in Chicago sind in diesem Jahr bereits so um die sechshundert Morde begangen worden. Das muss man sich mal vorstellen. Bei einem Terroranschlag, der dreißig Tote fordert, würde ein Riesenaufstand gemacht.
Martin Luther – Lichtgestalt oder Finsterling?
Der Protestanten Jubeljahr
von Manuel Kellner
Am 31. Oktober 1517 soll Martin Luther seine 95 Thesen an die Tür der Wittenberger Schlosskirche angeschlagen haben. Ob das nun wirklich so war oder nicht (in der Forschung ist es umstritten): Das Ereignis gilt als Auftakt der Reformation. Aus diesem Anlass laufen in Deutschland seit dem 31. Oktober 2016 ein ganzes Jahr lang Feierlichkeiten zum 500.Reformationsjubiläum.
Revolution und Bürgerkrieg in Spanien, Teil VI
«¡No pasarán!» – Der Kampf um Madrid
von Paul Michel
Der Massenaufstand im Spanien der 30er Jahre – erst gegen die alten gesellschaftlichen Verhältnisse, dann gegen den Putsch General Francos – war in Europa die letzte Chance, den Faschisten noch einmal in die Arme zu fallen, bevor sie den Zweiten Weltkrieg entfesseln konnten. Diese Chance wurde gründlich vertan, die Folgen davon spüren wir noch heute.
Flaschenpost aus Marburg
Zum 75. Geburtstag von Frank Deppe
von Thomas Goes*
Ich habe nie bei Frank Deppe studiert. Als ich ihn das erste Mal erlebte, lag ich gerade in den letzten Zügen mit meiner Dissertation. Einen Bezug hatte ich dennoch zu ihm, und das schon seit Jahren.
Bernd Langer: Kunst und Kampf. Werke und Aktionen aus 30 Jahren
Münster: Unrast-Verlag, 2016. 256 S., 19,80 Euro
von Peter Nowak
In Zeiten von AfD-Aufstieg und Pegida fragen sich nicht wenige, warum man heute so wenig von der Autonomen Antifa hört, die noch vor zwei Jahrzehnten Schlagzeilen machte.
Ausstellungsempfehlungen
Über Arbeit und Arbeitskämpfe
von der Redaktion
Zwei Industriemuseen in Westfalen und im Rheinland zeigen noch bis Ende des Jahres zwei bemerkenswerte Ausstellungen.
Film: Moving Pictures, Großbritannien 2016
BBC Radio 4, www.bbc.co.uk/programmes/b07wpgjm, Regie: Leah Karibian
von Angela Huemer
Mitunter ist es notwendig, keinen Kinofilm oder Fernsehserie zu empfehlen, sondern etwas ganz anderes, weil man einfach so sehr begeistert davon ist. Dieses andere heißt Moving Pictures und ist eine Reihe von BBC Radio 4, dem wohl besten Radiosender der Welt.
Maren Rahmann, Dieter Braeg: Erich-Mühsam-Text-und-Lieder-Revue
Berlin: Die Buchmacherei, 2016
von Angela Klein
Die Buchmacherei hat eine kleine, ansprechend gestaltete Broschüre mit Auszügen aus Schriften und Gedichten von Erich Mühsam herausgegeben. Maren Rahmann hat die Gedichte vertont – eine CD liegt der Broschüre bei. Dazwischen werden Text von Mühsam gelesen, die Auskunft geben über seinen Werdegang und die Gedichte sozusagen miteinander verbinden.
Krimi: Simone Buchholz: Blaue Nacht
Berlin: Suhrkamp, 2016. 235 S., 14,99 Euro
von Udo Bonn
Ganz am Ende sitzen sie, der Faller, der Calabretta, der Schulle, der Brückner, Rocco, Karla, Klatsche und Riley im Stadion, um den FC St.Pauli mit seinem neuen sympathischen Trainer beim Kampf gegen den Abstieg zu unterstützen. Nicht nur die 11 auf dem Platz scheinen auf der Verliererseite zu spielen. Wenn man in Hamburg einem Gangster die Eier wegschießt, ist Schluss mit Karriere als ermittelnde Staatsanwältin.
Klassenorientierung – Erfolgsgarantie nicht inbegriffen
Zum 75. Geburtstag von Frank Deppe
von Thomas Goes
Ich habe nie bei Frank Deppe studiert. Als ich ihn das erste Mal erlebte, lag ich gerade in den letzten Zügen meiner Dissertation. Einen Bezug hatte ich dennoch zu ihm, und das schon seit Jahren. Als ich mein Studium an der Universität Oldenburg begann und anfing Hochschulpolitik zu machen, begegnete mir die sog. „Marburger Schule“ in Gestalt „unseres Lehrers Abendroths“. Es waren ältere GenossInnen in der PDS, die so zu sprechen pflegten. Das waren Erinnerungsreste, die mich erreichten.
Peter Brückner und die deutschen Verhältnisse
Aus dem Abseits, Deutschland 2015, Regie: Simon Brückner. (Der Film wurde am 29.8.2016 in 3sat ausgestrahlt.)
von Peter Nowak
Der Film Aus dem Abseits bringt uns einen linken Intellektuellen wieder näher, der zur Zielscheibe des Modell Deutschlands von Helmut Schmidt wurde.
Revolution und Bürgerkrieg in Spanien, Teil V
Vorteile für Franco dank Hitler und Mussolini
von Paul Michel
Ende Juli/Anfang August hatten sich zwei weitgehend geschlossene Territorien, das republikanische und das nationalistische, herausgebildet. Im republikanischen Gebiet lebten etwa 60% der Bevölkerung. Es umfasste mit dem Baskenland und Katalonien die beiden einzigen Industrieregionen Spaniens. Demgegenüber kontrollierten die Putschisten mit Kastilien und Andalusien die wichtigen Agrarregionen.
Patrick Kingsley: Die neue Odyssee. Eine Geschichte der europäischen Flüchtlingskrise.
München: C.H.Beck, 2016. 332 S., 21,95 Euro
von Angela Huemer
Die neue Odyssee nennt Kingsley sein Buch, wissend, dass Migration mitnichten ein neues Phänomen ist. Nicht umsonst stellt der äußerst begabte und belesene junge Journalist und Autor ein Zitat aus Homers Odyssee (V.Gesang) voran, das ich hier wiedergeben will, da es trefflicher nicht sein könnte (Kingsley verweist im Buch übrigens auch auf Vergils Aeneis):
Die Krise der Gewerkschaften und Möglichkeiten ihrer Erneuerung
Thomas Goes: Aus der Krise zur Erneuerung? Gewerkschaften zwischen Sozialpartnerschaft und sozialer Bewegung. Köln: PapyRossa, 2016. 186 Seiten, 13,90 Euro
von Manuel Kellner
Das neue Buch von Thomas Goes ist der Aufmerksamkeit aller Gewerkschaftsaktiven, im weiteren Sinne aber auch der Diskussion in der Linken anzuempfehlen.
Filmtipp: Hieronymus Bosch – Schöpfer der Teufel
Niederlande 2016, Regie: Pieter van Hujistee
von Angela Huemer
In den letzten Jahren gab es im Dokumentarfilmbereich fast so etwas wie einen Trend: Filme über Kunst, oder besser: Kunst und die Art ihrer Präsentation und Bewahrung. In Das große Museum blickte Johannes Holzhausen hinter die Kulissen des Kunsthistorischen Museums Wien, und der Doyen des «direct cinema» (ein puristisches Dokumentarfilmgenre), Frederick Wiseman, nahm sich die Londoner National Gallery im gleichnamigen Film vor.
Filmtipp: Tschick
Deutschland 2016, Regie: Fatih Akin
von Jan Schiffer
Tschick ist eine Verfilmung des gleichnamigen populären Jugendromans von Wolfgang Herrndorf, erschienen 2010 und mittlerweile Standardlektüre an Schulen und vielfach erfolgreich für das Theater adaptiert.
Krimitipp: Luther Blisset: Q und Wu Ming: Altai
Luther Blisset: Q. Deutsch von Ulrich Hartmann. Berlin: Assoziation A, 2016. 704 S., 19,80 Euro
Wu Ming: Altai. Deutsch von Klaus-Peter Arnold. Berlin: Assoziation A, 2016. 352 S., 24 Euro
von Udo Bonn
Die Sondertische zu 500 Jahre Reformation sind in den größeren Buchhandlungen schon gedeckt, was in der Regel dabei fehlt, ist der großartige Roman Q vom Kollektiv Luther Blisset. Vom Verlag Assoziation A wieder aufgelegt, erzählt er über einen Zeitraum von knapp 40 Jahren von der radikalen Interpretation Luthers, von der traumatischen Niederlage der Bauern gegen die vereinigten Fürsten in Frankenhausen,
Ein Werk radikaler Mo(nu)mente
Zum 100. Geburtstag von Peter Weiss
von Patrick Ramponi
«Wir haben die Gestalt des Hölderlin so angelegt / dass er sich drin befindet und bewegt / als spiegle er nicht nur vergangne Tage / sondern als ob die gleichen Aufgaben er vor sich habe / denen auch manche von den Heutgen gegenüber stehn / … nicht trennen will er aus dem Wirklichen den Thraum / es müssen Fantaisie und Handlung seyn im gleichen Raum / nur so wird das Poetische universal
Kinder? Kinder!
Umfrage: Kinder oder nicht
von Rolf Euler
In den erfreulichen Urlaub mit Enkel stößt die Nachricht: Bei einer Online-Befragung geben fast 20% der befragten Eltern an, wenn sie sich noch einmal entscheiden könnten, würden sie keine Kinder haben wollen. Fast 100% beteuern, sie würden ihre Kinder dennoch lieben. Sie machen vor allem die Einschränkung ihrer persönlichen Entfaltung dafür verantwortlich, meinen zum Teil auch, sie würden in ihrem beruflichen Aufstieg gehemmt.
Erinnerungen an Robert Steigerwald
Allzeit lernbereit
von Manuel Kellner
Am 30.Juni 2016 ist Robert Steigerwald gestorben. Er war ein prominentes Mitglied der DKP, das erheblichen Einfluss auf die Programmatik dieser Partei hatte.
Klassenkämpfe in der UdSSR
Erstausgabe eines Klassikers
von Rolf Euler
Charles Bettelheim: Die Klassenkämpfe in der UdSSR. Bd.3 und 4 (Deutsche Erstausg.) Berlin: Die Buchmacherei, 2016. 666 S., 24 Euro (zzgl.Porto bei Direktbestellung: gester.jochen@berlin.de)
Filmtipp: Tomorrow
Frankreich 2015
von Angela Huemer
Der Einstieg in den Film bringt – auf zwar leicht gewöhnungsbedürftige Art und Weise, was auch an der deutschen Fassung liegen mag – sehr gut auf den Punkt, worum es geht: «Vor drei Jahren», sagt Mélanie Laurent, eine in Frankreich relativ bekannte Schauspielerin und Regisseurin des Films, den Zuschauern, «als ich gerade schwanger war, erzählte mir Cyril von einer Studie. Die Studie kam zu dem Schluss, dass mein Sohn in einer Welt aufwachsen würde, in der Nahrung, Wasser und Öl knapp sind.»
Krimi: Max Annas: Die Mauer
Reinbek: Rowohlt, 2016. 221 S., 12 Euro
von Udo Bonn
Ein schrecklicher Tag. Happiness ist müde, zu wenig Schlaf, ihre Tochter hat die ganze Nacht geweint. Und jetzt sitzt sie vor den Monitoren und beobachtet, ob in den sechs Gated Communities einer größeren Stadt in Südafrika alles in Ordnung ist. Die Anweisungen sind nicht eindeutig. Nicht alles soll sie melden, aber wann ist es angebracht, den Sicherheitsdienst vor Ort, die Zentrale oder sogar die Polizei zu informieren?
Revolution und Bürgerkrieg in Spanien, Teil IV
Der rote Sommer der Anarchie
von Paul Michel
Die Kollektivierung der Industrie in Katalonien
Wenige Jahre nach der Zwangskollektivierung von Industrie und Landwirtschaft in der Sowjetunion mit der Folge enormer wirtschaftlicher und sozialer Katastrophen und parallel zu der darauffolgenden Welle der Moskauer Prozesse erlebte Spanien zumindest in den von der Gewerkschaftskonföderation CNT dominierten Landesteilen einen «roten Sommer der Anarchie».
Erinnerungen an Robert Steigerwald
Ein Genosse, den wir nie vergessen werden
von Manuel Kellner
Am Donnerstag, den 30. Juni 2016 ist Robert Steigerwald gestorben. Er war ein prominentes Mitglied der DKP, das erheblichen Einfluss auf die Programmatik dieser Partei hatte. Er war auch bis ins hohe Alter ein Kämpfer für die sozialistische Revolution, ein Lehrer und Philosoph, bereit zu lernen bis in den Tod, und bereit zur Zusammenarbeit und zur solidarischen Diskussion mit anderen Linken, sogar mit den ehemals verfemten oppositionellen kommunistischen Richtungen.
Robert Steigerwald gestorben
Presseinformation des DKP-Parteivorstandes, 1. Juli 2016
dokumentiert
Robert Steigerwald (24. März 1925 – 30. Juni 2016) wurde in Frankfurt am Main
geboren und wuchs in einer kommunistischen Arbeiterfamilie auf. Nach dem Abitur wurde
er zur faschistischen Wehrmacht eingezogen und zum Piloten ausgebildet. Nach kurzem
Kriegseinsatz ging er freiwillig in US-amerikanische Gefangenschaft, aus der im Mai 1945
floh und nach Frankfurt zurückkehrte.
Der 4.Juni in Dortmund
Parteinahme für die Rechte der Nazis
von Ulrich Sander
Am Nazi-Tag «der deutschen Zukunft», diesmal in Dortmund, standen 900 Nazis und 6000 Polizisten aus ganz Deutschland gegen 3000 bürgerliche und gewerkschaftliche Demonstranten, 2000 von «BlockaDO» und rund 100 Künstler mit «Spiegelwürfeln» für friedliche Blockaden sowie Tausende Platzbesetzer. Die Polizei erschien erstmals mit Bergepanzern, Unmengen von Tränengas und nicht erkennbarer, weiterer Bewaffnung.
Der Big-Brother-Award
«Da unterschreibe ich doch!»
von Rolf Euler
Der vom Verein Digitalcourage verliehene «Big-Brother-Award» ist ein «Preis» für Personen, Firmen und Institutionen, die sich bei ihrer Datensammelei wenig um Datenschutz und Sicherung kümmern. Er wird seit dem Jahr 2000 vergeben und gilt auch als «Oskar für Datenkraken».
Revolution und Bürgerkrieg in Spanien, Teil III
Der Aufstand der Generäle
von Paul Michel
Vor 70 Jahren öffnete der Wahlsieg der linken «Volksfront» in Spanien den Weg für eine revolutionäre Entwicklung. Dagegen formierten sich die faschistischen Kräfte, die versuchten, die neu gewählte Regierung Quiroga wegzuputschen.
Vor 500 Jahren erschien Thomas Morus’ Roman Utopia
Erster sozialistischer Zukunftsentwurf der Neuzeit
von Gerald Munier*
Vor 500 Jahren erschien mit dem Roman Utopia des englischen Staatsmanns und katholischen Klerikers Thomas Morus (englisch Thomas More, 1478–1535) der erste Sozialismusentwurf der Neuzeit und wohl auch überhaupt der erste der Menschheitsgeschichte.
Rainer Roth: «Sklaverei als Menschenrecht»
Über die bürgerlichen Revolutionen in England, den USA und Frankreich. Frankfurt a.M.: DVS, 2015. 612 S., 15 Euro
von Angela Klein
«Warum heute ein Buch über Sklaverei in England, den USA und Frankreich, den drei Zentren der bürgerlichen Revolution? Haben nicht England (1838), Frankreich (1848) und die USA (1865) ihre Sklaverei und ihren Sklavenhandel (1807–1808) schon vor langer Zeit abgeschafft, weil sie den Werten der universalen Menschenrechte gefolgt sind? Gehört das Thema also nicht der Vergangenheit an? Sollten sich wirklich die bedeutendsten Sklavenhalternationen der sogenannten Moderne mit einem Federstrich aus Vertretern der Barbarei in Vertreter der Humanität verwandelt haben? So hätte man es gern.»
Filmtipp: Im märkischen Sand. Eine Webdoku, Deutschland 2016
Regie: Katalin Ambrus, Nina Mair und Matthias Neumann mit Bewegtbildern von Cosimo Miorelli.
Jederzeit verfügbar auf: www.imidoc.net
von Angela Huemer
«Am 23.April 1945 werden 127 italienische Zwangsarbeiter in einer Sandgrube erschossen. Das Massaker wird vergessen. Doch dann kehrt die Erinnerung zurück. Ein filmische Ausgrabung in Treuenbrietzen, Brandenburg.» Diese filmische Ausgrabung in insgesamt 24 kurzen Filmen nennt sich Webdoku, den Anstoss dazu gab Matthias Neumann, seines Zeichens Kameramann.
Krimi: Ross Thomas: Porkchoppers
Deutsch von Alexander Wewerka. Berlin: Alexander, 2016. 309 S., 14,90 Euro
von Udo Bonn
Rumble in the jungle war nicht nur das Motto des legendären Boxkampfs zwischen George Foreman und Muhammad Ali 1974 in Kinshasa. Es ist auch das heimliche Motto eines jeden (Vor-)Wahlkampfs um das Präsidentenamt in den USA. Ein Höchstmaß an Personifizierung, Ausspionierung und Verunglimpfungen des Gegners, Eintreiben von Geldern – auch aus dunklen Quellen, kurze, inhaltslose Reden und hirntötende Musik.
Mare Nostrum?
Die 70.Ruhrfestspiele in Recklinghausen
von Rolf Euler
Im Mai und Juni fanden zum siebzigsten Mal die Ruhrfestspiele in Recklinghausen statt. Neben Klassischem und bewährten internationalen Produktionen gingen die Veranstalter diesmal auch auf ein sehr aktuelles Thema ein: Flüchtlinge. Einige von ihnen waren aktiv bei mehreren Projekten dabei.
Faulheit als Sünde und Verbrechen
Arbeitswut, Arbeitszwang, Arbeitszeitverkürzung*
von Manuel Kellner
Das hier besprochene Buch dient der politischen Bildung in emanzipatorischer Absicht in herausragender Weise. Die Diskussion über eine ökosozialistische Alternative zur kapitalistischen Klassengesellschaft kann nur daran gewinnen, diese Darstellung und Kritik der christlich-abendländischen Tradition des geharnischten Kampfs gegen die „Faulheit“ und deren Zuspitzung im Zuge der Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise aufzugreifen und den Vorschlag einer radikalen Verkürzung der – direkt oder indirekt – erzwungenen Arbeitszeit in ihre Vorstellungen zu integrieren.
Fritz Güde: Umwälzungen. Schriften zu Politik und Kultur
Hrsg. von Sebastian Friedrich. Münster: Edition Assemblage, 2015. 220 S., 20 Euro
von Peter Nowak
Fritz Güde gehörte zu den politisch Verfolgten in der BRD der 70er Jahre. Wegen seiner kurzen Mitgliedschaft im maoistischen KBW bekam er 1974 Berufsverbot. Er war einer von Tausenden, doch sein Fall bekam ein großes Medienecho. Schließlich war er Sohn des Generalbundesanwalts Max Güde. Zudem war Güde zum Zeitpunkt seines Berufsverbots bereits 39 Jahre.
Nikos Chilas, Winfried Wolf: Die griechische Tragödie
Rebellion, Kapitulation, Ausverkauf. Wien: Promedia, 2016. 228 S., 17,90 Euro
von Hermann Dworczak
Um Griechenland ist es in letzter Zeit ziemlich ruhig geworden. Die Hoffnungen nach dem Wahlsieg von SYRIZA sind weitgehend verflogen – in Griechenland und international. Nikos Chilas und Winfried Wolf zeigen in ihrem materialreichen Buch, wie es dazu gekommen ist.
Solidarität statt Chaos! – Memorandum 2016
Hrsg. Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik. Köln: Papyrossa, 2016. 263 S., 17,90 Euro
von Rolf Euler
Das neue Memorandum der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik (AAW, www.alternative-wirtschaftspolitik.de) stellt wie jedes Jahr aktuelle Forderungen an die politische Szene – diesmal insbesondere zur EU und der Flüchtlingsmigration. Dabei freut man sich einerseits, jedes Jahr wieder mit alternativen Gedanken zum neoliberalen Mainstream konfrontiert zu werden, andererseits bemerkt man die Zahl der (fast) nutzlosen Appelle und hofft, dass nicht alles, was die AAWler schreiben, im Papierkorb der Geschichte landet.
Filmtipp: Parchim International
Deutschland 2015, Regie: Stefan Eberlein und Manuel Fenn
von Angela Huemer
Flughafen Parchim in Mecklenburg-Vorpommern: «Eins, drei, zwei» – der Chinese Jonathan Pang durchschneidet ein rotes Band und weist dann darauf hin, dass hier auch eine chinesische Fahne hängt. Jonathan Pang ist der Unternehmer und Investor, der dem Flughafen Schwerin-Parchim eine große Zukunft verleihen will.
Krimi: Malla Nunn: Tal des Schweigens
Hamburg: Argument, 2015. 317 S., 13 Euro
von Udo Bonn
Südafrika 1953, Detective Sergeant Emmanuel Cooper sitzt nach acht Jahren immer noch der Krieg in Europa in den Knochen und in der Seele. Seine Polizeikarriere ist auf dem absteigenden Ast, zu wenig passt er in die Farbskala des Apartheidregimes. Er hat gerade mit der Frau geschlafen, die sein Chef demnächst heiraten will, da ruft dieser ihn an:
Kampf um die Armut. Von echten Nöten und neoliberalen Mythen.
(Hrsg. Ulrich Schneider u.a.). Frankfurt a.M.: Westend, 2015
von Rolf Euler
Die regelmäßigen Armutsberichte des Paritätischen Wohlfahrtsverbands sind ebenso regelmäßig Stein des Anstoßes für die Mainstreampresse und die herrschende Wirtschaftswissenschaft: Sie legen die Finger in die Wunde der Gesellschaft, sie zeigen die Einkommens- und Gerechtigkeitslücke, deren Beseitigung humane und sogar verfassungsmäßige Aufgabe wäre.
Flüchtlinge und Wohnungsnot nach dem Krieg
Wie man damals damit umging
von Manfred Dietenberger
Der Zweite Weltkrieg war die Ursache für die größte Wohnungsnot in der deutschen Geschichte. In die zerbombten und oft schwer zerstörten Städte strömten Soldaten, Vertriebene, befreite KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und viele andere Menschen, die die Kriegswirren entwurzelt hatten.
Miguel de Cervantes und seine Zeit
Vor 400 Jahren starb der Schöpfer des Don Quijote
von Alan Woods*
Miguel de Cervantes (1547–1616) ist der berühmteste Autor der spanischen Literatur. Als Romanschriftsteller, Dramatiker und Lyriker produzierte er ein umfangreiches Werk, doch heute ist er in erster Linie als Schöpfer des Don Quijote bekannt.
Filmtipp: Zur Diagonale 2016
Festival des östrreichischen Films, Graz
von Kurt Hofmann
Österreich, das war in der gängigen Sprachregelung «das erste Opfer Hitlers» – bis zu Waldheim, dem geschichtsvergessenen Präsidenten. 1986, mit dem Beginn der Waldheim-Debatte, war es aus mit dem Opfermythos. Zwanzig Jahre danach: ein übersehenes «Jubiläum», befand zumindest die neue Intendanz der Diagonale.
Filmtipp: Heart of a Dog
USA 2015. Regie: Laurie Anderson
von Angela Huemer
Wenige Filme haben auf mich so einen Eindruck gemacht wie Home of the Brave, ein Film der Musikerin und Komponistin, Pionierin der elektronischen Musik, Dichterin, Bildhauerin und Fotografin Laurie Anderson von 1986. Damals war sie für mich vor allem die Musikerin, einige Jahre zuvor war ihr Lied «Oh Superman» in die Charts geraten und eine Weile war sie so etwas wie berühmt.
Krimi: Paul Colize: Back up
Deutsch von Cornelia Wend. Hamburg: Edition Nautilus 2015. 352 S., 19,90 Euro
von Udo Bonn
Seit Dominique in der Brüsseler Derscheid-Klinik seine Arbeit als Physiotherapeut begonnen hat, gibt es hier was zu lachen, selbst die Ärzte können sich seinem «Wie ist das Leben schön» auf Dauer nicht entziehen. Doch besonders die Patienten genießen sein fachliches Können und seinen aufmunternden Humor. Nur beim Patienten X Midi stößt er auf Granit.
Zum 400.Todestag von Miguel de Cervantes
Don Quijote de la Mancha: Das Buch, das die Moderne eröffnet
von Antonio Prete*
Don Quijote ist die Sehnsucht, die die Welt und ihre Hindernisse durchstreift. Sehnsucht, die mit jeder Verweigerung, jeder Enttäuschung stärker wird. Don Quijote ist auch die beharrliche, penible, ja zwanghafte Imitation eines Modells: des Rittertums, wie es von Amadis von Gallien** gelebt wurde.
Labor for Bernie
Die Kampagne für Bernie Sanders ist noch nicht gelaufen
von Dianne Feeley*
Die Unterstützung für den demokratischen Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders bleibt aufrecht, obwohl nach derzeitiger Zählung der Wahlmänner eine Nominierung von Hillary Clinton immer wahrscheinlicher erscheint.
Über den kritischen Umgang mit historischen Fotos
Zum Vortrag von David Rojkowski
von Kai Böhne*
Noch heute werden Propagandabilder unkommentiert zur Illustration genutzt. Der Fotohistoriker Rojkowski fordert, historische Fotos quellenkritisch zu verwenden.
Filmtipp: Die Kommune
Dänemark 2015, Regie: Thomas Vinterberg
von Angela Huemer
Der Architekt Erik besichtigt mit seiner Familie, seiner Frau Anna und seiner vierzehnjährigen Tochter Freja das Haus, in dem er aufgewachsen ist. Er hat es soeben geerbt und klingt zufrieden, als er vom Makler vernimmt, dass er 1 Million Kronen dafür bekommen könnte, denn er arbeitet als Dozent, und Geld ist eher knapp. Um selber drin zu wohnen, wäre es doch viel zu groß, meint Erik. Und zu teuer. Doch seine Frau Anna und die Tochter Freja haben andere Pläne, sie überlisten Erik geradezu und beschließen dann, das große Haus mit anderen zu teilen, also eine Art Hausgemeinschaft, eine Kommune zu starten.
Krimi: Deon Meyer: Cobra
Deutsch von Stefanie Schäfer. Berlin: Aufbau, 2016. 438 S., 9,99 Euro
von Udo Bonn
Was könnte der Traum eines geübten Taschendiebs in Kapstadt sein? Für Tyrone Kleinbooi besteht er darin, einmal durch Europa reisen zu können und seine Fingerfertigkeiten an Touristen in Barcelona auszuprobieren. Sein Onkel Solly hatte ihn unter seine Fittiche genommen und ihm beim Erlernen des Handwerks auch Ehre und Anstand beigebracht: Die Taschen der Reichen sind sein Ziel, Höflichkeit und Anstand gelten den Armen und insbesondere seiner Schwester, deren Studium er durch seine Diebereien finanziert.
Ein Brief von Umberto Eco an seinen Enkel
«Lieber Enkel, lerne auswendig»
von espresso.repubblica.it*
Der Semiotiker und Schriftsteller schreibt seinem Enkel. Mit Überlegungen zur Technologie und einem Rat für die Zukunft: nämlich die «Vispa Teresa» [ein Gedicht von Luigi Sailer]**, die Aufstellung der Fußballmannschaft vom AS Rom oder die Namen der Domestiken der drei Musketiere auswendig zu lernen. Denn das Internet kann weder das Wissen noch unser Gehirn ersetzen.
Gianis Varoufakis will die EU retten
DIEM25: Democracy in Europe Movement 2025
von Thies Gleiss
Am 9.Februar 2016 lud der frühere griechische Finanzminister und mittlerweile Popstar der gefälligen EU-Kritik, Gianis Varoufakis, zur Abendversammlung in die Berliner Volksbühne, um sein Projekt «Democracy in Europe Movement 2025» aus der Taufe zu heben.
VIO.ME macht weiter
Drei Jahre betriebliche Selbstverwaltung
von Hans Bürger
Mitte Februar (13./14.2.) feierte VIO.ME sein dreijähriges Bestehen als selbstverwalteter Betrieb – mit Workshops und Musik.
Seit 2013 produziert die Belegschaft in eigener Regie umweltfreundliche Seifen und Reinigungsmittel ohne chemische Zusätze. Inzwischen hat der Betrieb offiziell den Status einer Sozialkooperative mit eigener Steuernummer erlangt. Die Produkte werden ohne Zwischenhändler auf informellen Märkten und in sozialen Zentren in Griechenland vertrieben. Eine breite internationale Solidartätsbewegung unterstützt das Projekt durch Spenden und durch die Abnahme der Produkte.
Genosse der Bosse – Gerhard Schröder im Porträt
Gregor Schöllgen: Gerhard Schröder. Die Biographie. München: DVA, 2015. 1038 S., 34,99 Euro
von Paul B. Kleiser
Vor ein paar Monaten konnte Merkel den zehnten Jahrestag ihres Einzugs ins Kanzleramt feiern. Sie schien auf dem Weg zur «ewigen Kanzlerin», als sie die Grenzen für Flüchtlinge öffnen ließ; seither machen plötzlich Schlagzeilen über ihren baldigen Sturz die Runde. Verglichen mit den brutalen Pressekampagnen, die ihr Vorgänger Schröder und seine häufig wackelige rot-grüne Mehrheit zu überstehen hatten, handelt es sich bei den jetzigen Rücktrittsforderungen aber eher um einen Sturm im Wasserglas.
NGO statt Internationale
Axel Honneth: Die Idee des Sozialismus. Versuch einer Aktualisierung. Berlin: Suhrkamp, 2015. 168 S., 22,95 Euro
von Gerhard Klas
Der Sozialismus war eines der wichtigen politischen Leitbilder des 20.Jahrhunderts und inspirierte unzählige Menschen zum Handeln. Auch wenn in Ländern wie Venezuela Linksregierungen einen Sozialismus des 21.Jahrhunderts verkünden, in Europa scheint die Idee vom Sozialismus viel von ihrer Popularität eingebüßt zu haben. Axel Honneth überdenkt diese Idee in seinem gleichnamigen Buch und will ihr so wieder Leben einhauchen.
Makhdoumin oder die Dienstbotengesellschaft
Makhdoumin (A Maid for Each), Libanon/Frankreich/Norwegen 2016, Regie: Maher Abi Samra
von Peter Nowak
Eine Familie des gehobenen Mittelstands sitzt in einem Büro und blättert in Katalogen. Mal nimmt die Frau einen Zettel aus einer Klarsichtfolie und liest ihn genauer. Mal tuschelt die Frau mit ihrer Tochter und lacht. Man könnte denken, die Familie plant ihren Urlaub und sucht das passende Hotel. Doch auf dem Foto sind junge Frauen abgebildet und die Familie unterhält sich über ihre Gesichtszüge und stellt Mutmaßungen an, welche Frau freundlich und welche streng ist. Es ist eine Agentur für Arbeit in Beirut und die Familie sucht sich gerade ein neues Dienstmädchen aus.
Zum Tod des Sinologen Ingo Nentwig
Analyse statt Projektion
von Manuel Kellner
Der Sinologe Ingo Nentwig ist tot. Er starb am 30.Januar im Alter von 55 Jahren. Er war ein extrem belesener undogmatischer Kommunist. Über seinem Haus in Rödinghausen in Ostwestfalen wehte die rote Fahne, es gleicht einer öffentlichen Bibliothek.
Gemeinsam für soziale Rechte
«Berlin für alle» im Haus der Demokratie und Menschenrechte gegründet
von Renate Hürtgen
«Wir kämpfen gemeinsam für unsere sozialen Rechte und dabei ist uns egal, wer welchen Pass besitzt. Das Leben ist schön. Berlin für alle.» Mit diesen fröhlich-hedonistischen Worten endete ein Statement, das am 14.Februar nach sechs Stunden Plenum und Diskussion in Arbeitsgruppen von den Teilnehmenden des 2.Ratschlages «Berlin für alle» verabschiedet wurde. Von den über 200 Personen waren zu diesem späten Zeitpunkt immerhin noch 150 anwesend, und sie einigten sich überraschend schnell auf einen kurzen Text, in dem es darum geht, sich den sozialen Raum der Stadt solidarisch anzueignen.
Ronan de Calan: Das Gespenst des Karl Marx
Illustriert von Donatien Mary. Berlin: Diaphanes, 2014. 63 S., 14,95 Euro
von Larissa Peiffer-Rüssmann
Die Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AjuM) hat Ende September 2015 in Erfurt den Heinricht-Wolgast-Preis an den französischen Philosophieprofessor Ronan de Calan und den Illustrator Donatien Mary für ihr Kinderbuch Das Gespenst des Karl Marx verliehen. Das ist eine erstaunliche Entscheidung. Es ist aber auch ein ungewöhnliches Kinderbuch, das Kindern und Jugendlichen die Ideen von Karl Marx in verständlicher und unterhaltsamer Form näher bringen will, mit einer außergewöhnlichen grafischen Gestaltung.
Filmtipp: Hail, Caesar!
USA 2015, Regie: Joel und Ethan Coen
von Angela Huemer
Ein enger Beichtstuhl. Ein Mann beichtet, dass er es trotz bester Vorsätze doch ziemlich schwer findet, mit dem Rauchen aufzuhören. Kurz darauf sitzt derselbe Mann im Dunkeln in einem Auto. Für manche fängt der Tag früh an, sagt eine Stimme aus dem Off. Der Mann ist Eddie Mannix, Leiter des fiktiven Filmstudios Capitol. Es sind die frühen 50er Jahre.
Tito Topin: Exodus aus Libyen
Deutsch von Katarina Grän. Heilbronn: Distel, 2015. 233 S., 14,80 Euro
von Udo Bonn
Sie wollen raus aus Tripolis. Acht Menschen sind auf der Flucht an die Grenze zu Tunesien. Wardia Tisantani, eine schwangere Krankenschwester, Salima-El-Najib, Schauspielerin und sechs Männer, der Kampfpilot Henri Ventura, Emanuel Scharif, Auslandskorrespondent, Kenneth Hitchcock, Arzt, Ousmane Elmalik, aus dem Tschad geflohen, Jean-David Mouillon, Archäologe.
Revolution und Bürgerkrieg in Spanien, Teil II
1936 – Zeit der Massenbewegungen
von Paul Michel
Am 16.1.1936 wurde die Volksfront (Frente Popular) gegründet. Sie umfasste im wesentlichen die gemäßigten Republikaner (Republikanische Linke und Republikanische Union), die sozialdemokratische PSOE (Spanische Sozialistische Arbeiterpartei) und den ihr nahestehenden Gewerkschaftsverband UGT, die stalinistische PCE (Kommunistische Partei Spaniens) sowie die unabhängigen Kommunisten der POUM (Arbeiterpartei der marxistischen Einigung).
Zum Tod des Sinologen Ingo Nentwig
Analyse statt Projektion
von Manuel Kellner *Der Sinologe Ingo Nentwig ist tot. Er starb am 30. Januar im Alter von 55 Jahren. Er war ein extrem belesener undogmatischer Kommunist. Über seinem Haus in Rödinghausen in Ostwestfalen wehte die rote Fahne, es gleicht einer öffentlichen Bibliothek.
Rolf Geffken: Streikrecht – Tarifeinheit – Gewerkschaften
Aktuelle Analysen zur Koalitionsfreiheit in Deutschland. Cadenberge: VAR, 2015
von Michael Sankari
Ein Buch mit diesem Titel, noch dazu von einem streitbaren Anwalt, der sich wie wenige seiner Kolleginnen und Kollegen aus der politischen Deckung wagt, sollte eigentlich längst rezensiert und erst recht breit diskutiert sein.
Revolution und Bürgerkrieg in Spanien, Teil I
Vom Ende der Monarchie zur Volksfront
von Paul Michel
Große gesellschaftliche Transformationen in Europa sind immer ein europäischer Prozess. Daran zu erinnern lohnt sich vor allem in der heutigen Situation, wo es erneut massive gesellschaftliche Umbrüche in Europa gibt. In Spanien hat sich 1936–1939 das Schicksal Europas entschieden: Erst durch das Scheitern dieser Revolution wurde der Weg frei für den Zweiten Weltkrieg und die Vorherrschaft des Faschismus.
25 Jahre isw
Arbeit an einem neuen Selbstverständnis
von Paul B. Kleiser
Im Dezember 2015 feierte das in München beheimatete Institut für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung, isw, mit einer Festveranstaltung, zu der etwa 150 Menschen kamen, sein 25jähriges Bestehen. Den Festvortrag hielt Frank Deppe aus Marburg.
Filmtipp: Anomalisa
USA 2015, Regie: Charlie Kaufman, Duke Johnson
von Angela Huemer
Dichte Wolken, die Sonne dringt leicht durch. All das von einem Flugzeugfenster aus gesehen. Dann sehen wir, wie ein Mann eben dies vom Flugzeugfenster aus betrachtet und werden daran erinnert, dass dies ein Animationsfilm ist. Trotzdem «fühlt» sich der Film von Anfang an eigenartig real an.
Krimi: Antonio Ortuño: Die Verbrannten
Deutsch von Nora Haller. München: Verlag Antje Kunstmann, 2015. 208 S., 19,95 Euro
von Udo Bonn
Irma, auch Negra genannt, kommt mit ihrer kleinen Tochter nach Santa Rita, einem unbedeutenden Örtchen im Süden Mexikos. Als Sozialarbeiterin, die für die Nationalkommission für Migration arbeitet, muss sie ihre erschossene Kollegin ersetzen.
Ellen Meiksins Wood (1942–2016)
Die Verteidigung der Klassenanalyse
von Vivek Chibber*
Nach langem Kampf gegen den Krebs ist die marxistische Historikerin Ellen Meiksins Wood am 14.Januar gestorben.
Wood war eine Denkerin von außerordentlichem Format, die mit großer Kompetenz über das antike Griechenland, das politische Denken der frühen Moderne, die zeitgenössische politische Theorie, den Marxismus und die Struktur und Entwicklung des modernen Kapitalismus schrieb.
Ingo Nentwig ist gestorben
Kurze Mitteilung, Nachruf folgt
von MANUEL KELLNER*
Heute morgen um 9.21 Uhr ist unser Freund und Genosse Ingo Nentwig (geboren am 8. April 1960) nach schwerer Krankheit viel zu früh gestorben.
Kurt Holl (1938–2015)
Nachruf
vom Vorstand des Rom e.V.
Am 10.Dezember verstarb der Motor, Mentor und Menschenrechtler Kurt Holl im Alter von 77 Jahren.
Peter Langos (1942–2015)
Nachruf
von Renate Angstmann-Koch*
Er hatte immer eine Tasche dabei, in den letzten Jahren einen Rucksack – voll mit Zeitungen, Aufsätzen, Flyern und Flugblättern. Der Alt-68er und überzeugte Linke kam so auch oft in die Redaktion des Tübinger Tagblatts, stets auf der Suche nach Neuigkeiten und Gesprächspartnern. Peter Langos erlag am 14.12. einem Herzinfarkt.
Elisabeth Benz: Ein halbes Leben für die Revolution
Fritz Rück (1895–1959). Essen: Klartext, 2014. 440 S., 29,95 Euro
von Hans Peiffer
Fritz Rück wurde in eine sozialdemokratische Familie hineingeboren. Sein Vater war aktiver Gewerkschafter und Sozialdemokrat, auch die Mutter beteiligte sich an den politischen Aktivitäten. In seinem Geburtshaus befand sich eine Gaststätte, wo Versammlungen des sozialdemokratischen Vereins und der Gewerkschaft stattfanden. Stuttgart war eine linke Hochburg, in der führende Vertreter der SPD-Linken auftraten.
JahrBuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung
Nr. III/2015. NDZ GmbH, 230 S., 11 Euro
von Peter Nowak
An einen trüben Januartag 1933 wurde die russische Kommunistin Sinaida Wolkowa in Berlin beerdigt. Sie hatte im Alter von 31 Jahren Selbstmord verübt. Ihr Vater konnte nicht an ihrer Beerdigung teilnehmen, weil er im türkischen Exil lebend von den meisten europäischen Staaten kein Visum bekommen hatte.
Nizaqete Bislimi, Beate Rygiert: Durch die Wand
Von der Asylbewerberin zur Rechtsanwältin. Köln: DuMont, 2015. 255 S., 19,99 Euro
von Larissa-Peiffer-Rüssmann
In Deutschland Flüchtling zu sein bedeutet, in ständiger Angst vor Abschiebungung zu leben, ohne soziale Teilhabe, ohne Perspektive und einem sehr eingeschränkten Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung. Das musste auch die Familie Bislimi erfahren, die 1993 vor dem beginnenden Jugoslawienkrieg aus dem Kosovo nach Deutschland floh.
Swetlana Alexijewitsch: Secondhand-Zeit
Leben auf den Trümmern des Sozialismus. München: Hanser, 2013/Berlin: Suhrkamp, 2015 (Taschenbuchausgabe)
von Paul B. Kleiser
Zugegebenermaßen habe ich die Bücher von Swetlana Alexijewitsch, vor allem Secondhand-Zeit, erst wenige Monate vor der Verleihung des Nobelpreises eher zufällig kennen gelernt. Es gibt nicht viele Autoren, die einen so klaren Blick auf die Katastrophen der Sowjetunion und Russlands entwickeln, und dies auch noch vor allem aus weiblicher Perspektive.
Filmtipp: Carol
USA/Großbritannien 2015. Mit Cate Blanchett, Rooney Mara. Regie: Todd Haynes
von Angela Huemer
Winter in New York. Noch besser, Vorweihnachtszeit. Und dazu noch im schönen Ambiente der 50er Jahre. Wir sind in einem der großen Kaufhäuser New Yorks. Mit dem Wunsch für schöne Feiertage werden dort rote Weihnachtsmannmützen an die Verkäuferinnen verteilt. Die junge Therese Belivet arbeitet hier in der Spielwarenabteilung.
Dennis Lehane: Am Ende einer Welt
Deutsch von Steffen Jacobs. Zürich: Diogenes, 2015. 394 S., 24 Euro
von Udo Bonn
Dennis Lehane weiß, wie man spannende Bücher schreibt und Krimis mit einem literarischen Touch versieht. Und sein Schweizer Verlag weiß, wann man die Bücher am besten plaziert.
Das Flehen der Erde und das Flehen der Armen
Laudato Si – eine systemkritische Enzyklika
von Michael Löwy*
Die Umweltenzyklika von Papst Franziskus ist aus religiöser, sozialer und politischer Sicht ein Ereignis von globaler Bedeutung. Zieht man den enormen weltweiten Einfluss der Katholischen Kirche in Betracht, so ist sie ein entscheidender Beitrag zur Entwicklung eines kritischen ökologischen Bewusstseins. Von ernsthaften Verteidigern der Umwelt wurde sie mit Enthusiasmus aufgenommen, doch unter Religiös-Konservativen, Vertretern des Kapitals und Ideologen der «marktwirtschaftlichen Ökologie» sorgte sie für Ablehnung und Unruhe.
Spitzensport – ein Wintermärchen
Fußball: Lichtgestalten, Big Business und Korruption
von Manuel Kellner
Wir könnten auch über die Dopingskandale bei den Radprofis oder den Leichtathleten reden, oder vielleicht über die Autobiografie von André Agassi, der die verhunzte Kindheit, die jahrzehntelangen Schmerzen und den körperlichen Ruin beschrieben hat, die unweigerlich mit der Selbstbehauptung unter den besten Tennisspielern verbunden sind. Die Projektionsflächen des Publikums, das seine Fluchtwelten braucht, um das eigene Leben als lebenswert zu empfinden, sind Gegenstand bedeutender Investitionen und machtpolitischer Kalküle – das geht auf die Knochen dieser Aktiven wie auch der vielen Millionen Passiven, die sich auf ihren Sofas oder in ihren Sky-Kneipen bei Bier und Kartoffelchips nicht wirklich (sondern höchstens in der Einbildung) spielerisch und gesundheitsfördernd entfalten.
Retter der Welt?
Eine Streitschrift gegen den Betrug mit der «Nachhaltigkeit»
von Gerhard Klas
Kathrin Hartmann: Aus kontrolliertem Raubbau. Wie Politik und Wirtschaft das Klima anheizen, Natur vernichten und Armut produzieren. München: Blessing, 2015. 448 S., 18,99 Euro
Karlheinz Deschner: Abermals krähte der Hahn
Christentumskritik wieder aufgelegt
von Manuel Kellner
Karlheinz Deschner: Abermals krähte der Hahn. Eine Demaskierung des Christentums von den Evangelisten bis zu den Faschisten. Aschaffenburg: Alibri, 2015. 1019 S., 44 Euro
James Lee Burke: Glut und Asche
Deutsch von Daniel Müller. München: Heyne, 2015
von Udo Bonn
Ein kleines Schildchen in einer großen Buchhandlung: «James Lee Burke, wir knien vor Ihnen nieder.» Es geht natürlich auch bescheidener, nichtsdestotrotz ist James Lee Burkes Werk die Wiederentdeckung in Deutschland. Der deutsche Krimi-Preis 2015 für Regengötter war eindeutig und mehr als verdient, und die jetzt erschienene Fortsetzung Glut und Asche steht dem Vorgänger in nichts nach.
Filmtipp: Mia madre, Italien 2015
mit Margherita Buy, John Turturro, Nanni Moretti, Regie: Nanni Moretti
von Angela Huemer
Arbeiter demonstrieren vor einer Fabrik: «Lavoro per tutti» fordern sie, «Arbeit für alle». Es ist keine reale Szene, ein Film wird gedreht. Die Regisseurin des Films ist Margherita, dargestellt von Margherita Buy. Man spürt sofort, dass sie unter Anspannung ist, nicht nur die Anspannung, die ihr die Regiearbeit abverlangt. Der Grund: Ihre Mutter liegt im Krankenhaus, jeden Tag ist sie bei ihr. Dazu kommt die Trennung von ihrem Partner, der zu allem Übel einer der Schauspieler ihres Films ist.
‘Don’t mourn… Organize!’
Vor 100 Jahren wurde der Gewerkschaftsaktivist Joe Hill in den USA hingerichtet
von Rod Owens*
Joe Hill war ein Organizer, Liedermacher und Karikaturist der Industrial Workers of the World (IWW), die als „Wobblies“ bezeichnet wurden. Des 100.Jahrestags seines Todes wurde im November weltweit gedacht.
Lenin in Zimmerwald
Vor hundert Jahren legte die Linke die Grundlagen für eine neue Internationale
von Jean Batou
Vor 100 Jahren, vom 5. bis 8.September 1915, fand die Zimmerwalder Konferenz statt. Sie versammelte während des Ersten Weltkriegs eine Handvoll sozialistischer Kriegsgegner, da die überwältigende Mehrheit der Führungen und Mandatsträger der Sozialdemokratie für Kriegskredite gestimmt hatte – einige führende Sozialdemokraten waren sogar an den Regierungen der kriegführenden Staaten beteiligt.
Athanasios Karathanassis: Kapitalistische Naturverhältnisse
Ursachen von Naturzerstörungen – Begründungen einer Postwachstumsökonomie. Hamburg: VSA, 2015, 240 S., 22,80 Euro
von Rolf Euler
Wir wissen inzwischen sogar vom Papst, dass «Kapitalismus tötet». Wir wissen immer mehr über den Raubbau an den natürlichen Grundlagen der Erde, den das ungebrochene Wirtschaftswachstum mit sich bringt. Und dazu gibt es nun als Neuauflage das Buch von Athanasios Karathanassis, Kapitalistische Naturverhältnisse. Er ist einer der, ungebeugt durch universitäre Gepflogenheiten, sich auf marxistische Theorietraditionen berufenden Wissenschaftler.
Musiktipp: Solo zu viert
«Wir sind wir»
von Dieter Braeg
Lungau? Schon gehört? Das ist einer der Bezirke des Landes Salzburg, und wenn das Wetter schiach (schlecht) ist, dann scheint in der Marktgemeinde Tamsweg vielleicht noch die Sonne. Solo zu viert sind vier gestandene Musiker aus diesem so weit von Salzburg entfernten Bezirk; sie bezeichnen sich als «Liedermacherband».
Buchtipp: Gernot Wolfgruber: Herrenjahre
Salzburg: Residenz, 2015. 360 S., 22,90 Euro
von Dieter Braeg
Das Interesse großer Teile der Linken für die 70er und 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts ist ziemlich gering – ob es nun um damalige Kämpfe geht oder um gesellschaftliche Entwicklungen.
Dabei hat Gernot Wolfgruber genau in dieser Zeit neben Fernseh- und Hörspielen und einigen kürzeren Texten – in den in Österreich auch heute noch in erstaunlich großem Umfang erscheinenden Literaturzeitschriften – auch die Romane Herrenjahre (1976), Niemandsland (1978), Verlauf eines Sommers (1981) und Die Nähe der Sonne (1985) veröffentlicht.
Filmtipp: Das Golddorf
Deutschland 2015, Regie: Carolin Genreith
von Angela Huemer
Drei Musiker stehen auf einer Bergspitze und spielen zünftig auf. Wir sehen Ansichten des Chiemgaus, eine der schönsten Gegenden Deutschlands und auch in Bayern ein Juwel, sozusagen Bilderbuchbayern, gepflegt, grün, geordnet und voller zufriedener Kühe.
Auch hier sind Flüchtlinge untergebracht. In einem ehemaligen Landgasthof. An der Rezeption werden sie registriert, nach ihrer Religion gefragt. Sie haben es gut getroffen, der Alltag ist beschaulich, die Menschen freundlich.
Krimi: Don Winslow: Das Kartell
Übersetzung Chris Hirte. Droemer Verlag, 2015. 831 S., 16,99 Euro
von Udo Bonn
Am 26.September letzten Jahres wurden 43 Lehramtsstudenten in der mexikanischen Stadt Iguala von Sicherheitskräften festgenommen, an eine örtliche Drogenbande übergeben und von dieser ermordet. Trotz der Festnahme des PRD-Bürgermeisters und des Chefs der Bande sind weder die Opfer identifiziert noch das Netzwerk aus Politik, Polizei und Drogengang wirklich aufgedeckt.
Philipp Ther: Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent
Eine Geschichte des neoliberalen Europa. Berlin: Suhrkamp, 2014.
431 S., 24,99 Euro
von Paul B. Kleiser
Ein Vierteljahrhundert nach der historischen «Wende» im Osten, die zum Zusammenbruch der Sowjetunion und des Ostblocks und vor allem zur Wiedereinführung des Kapitalismus unter neoliberalem Vorzeichen führte, versucht sich der Wiener Historiker Philip Ther an einer «Geschichte des neoliberalen Europa».
Selbstorganisation der Arbeiterklasse
Trotzki vor 75 Jahren ermordet – was bleibt?
von Manuel Kellner
Am 20.August 1940 wurde Leo Trotzki von dem Agenten des sowjetischen Geheimdiensts, Ramón Mercader, im Auftrag Stalins in Mexiko erschlagen. Er war eine herausragende Persönlichkeit der Oktoberrevolution von 1917 in Russland und der Kommunistischen Internationale in ihren ersten Jahren, und später der prominenteste kommunistische Oppositionelle und Mitbegründer der 1938 gegründeten IV.Internationale.
Karl Marx: Texte, Schriften
Ausgewählt, eingeleitet und kommentiert von Bruno Kern. Wiesbaden: marixverlag, 2015
von Manuel Kellner
Bruno Kern ist promovierter Theologe und Philosoph, dazu radikaler Ökosozialist, der sich früher selber als Marxist verstanden hat und noch heute sehr viel von Marx und seinem Werk hält – wenn auch sehr viel weniger von den meisten seiner «Epigonen», also solchen, die sich auf sein Denken berufen und daraus eine «Weltanschauung» bzw. ein «System» machen.
Musiktipp: The Maccabees
Der Brit-Pop lebt
von Dieter Braeg
In den sattsam bekannten Internetforen, wo Musik gelobt oder in den Keller gepostet wird, entdeckte ich The Maccabees, das Londoner Quintett (benannt nach den Anführern einer jüdischen Rebellenarmee) und ihre neueste CD Marks to prove it: «The Maccabees are back. This is one of their best.» Oder: «Song superbly done, love you guys!»
Krimi: Wu Ming: 54
(Übers.: Klaus-Peter Arnold.) Berlin: Assoziation A, 2015. 526 S.,
24,80 Euro
von Udo Bonn
Bevor Cary Grant in Alfred Hitchcock seinen Mentor gefunden hatte und mit ihm zum Star Hollywoods wurde, lebte er in armen Verhältnissen in England und verdiente sich seinen knappen Lebensunterhalt als Artist und Komödiant.
Auf seine Herkunft angesprochen, versuchen britische Geheimdienstleute ihn für eine pikante, patriotische Mission zu gewinnen: Er soll Tito treffen, der seine Schauspielkunst und seine lässige Eleganz bewundert.
Filmtipp: How to change the world
USA 2015, Regie: Jerry Rothwell
von Angela Huemer
Die Figuren in diesem Film könnten einem Hollywood-mäßigen Abenteuerfilm entstammen. Und auch die Geschichte, die erzählt wird, ähnelt einem Spielfilm. Sie ist exemplarisch. Der Kern der Geschichte ist Bob Hunter, ein politischer Kolumnist der Vancouver Sun mit einer der damaligen Zeit angemessenen Haarmähne und Rauschebart samt intelligentem und freundlichem Gesicht. Vancouver, so erfahren wir bald, war Anfang der 70er Jahre ein besonderer Ort. Die kanadische Hafenstadt am Pazifik war damals eine Hochburg für Hippies, Esoteriker und vor allem politisch Aktive aller Art. Viele Amerikaner waren dort gestrandet, weil sie sich dem Wehrdienst entziehen wollten.
Born to Sing
Van Morrison
von Paul B. Kleiser
Am 31.August feierte der aus dem nordirischen Belfast stammende Liedermacher, Sänger und Musiker George Ivan Morrison, seinen 70. Geburtstag – er war im vergangnen Juni in den Adelsstand erhoben worden. Die meisten deutschen Gazetten haben das Datum geflissentlich übersehen, und wenn sich die Feuilletonisten zu einem Artikel bequemten, dann war die Qualität meistens bescheiden.
Die Hartz-IV-Diktatur. Eine Arbeitsvermittlerin klagt an.
Inge Hannemann, Reinbek: Rowohlt, 2015. 283 S., 9,99 Euro
von Larissa Peiffer-Rüssmann
Inge Hannemann hat viele Jahre als Arbeitsvermittlerin in einem Hamburger Jobcenter gearbeitet – auch mit Erfolg. Doch als sie anfing, das System zu durchschauen und sich fragte: «Was mache ich da eigentlich?», wurde sie für die Arbeitsagentur untragbar.
Sie war nicht länger bereit, Dienst nach menschenverachtenden und kontraproduktiven Vorschriften zu machen, und so verlor sie ihren Job. Doch sie wollte nicht schweigen und so liegt uns jetzt ein umfangreicher Erfahrungsbericht aus ihrer Zeit als Arbeitsvermittlerin vor.
Marxistisches Wörterbuch der Philosophie
Alfred Kosing, Berlin: Verlag am Park, 2015. 865 S., 39,99 Euro
von Jürgen Meier
Alfred Kosing lebt heute in der Türkei und war seinerzeit Professor für Philosophie in der DDR. Sein Marxistisches Wörterbuch der Philosophie erschien erstmals 1985. Die jetzige Neuauflage begründet der Autor mit der «Krise des Marxismus», deren Beginn er bereits mit der Machtübernahme der kommunistischen Bewegung durch Stalin datiert und die mit dem Zerfall der Sowjetunion und der DDR auf die Spitze getrieben wurde. Aber auch damit, dass er heute «ohne Rücksicht auf irgendwelche Vorgaben und Grenzen» schreiben könne.
Rufmord – Die Antisemitismus-Kampagne gegen links
Wolfgang Gehrcke, Köln: PapyRossa, 2015. 177 S., 12,90 Euro
von Anton Holberg
Wolfgang Gehrcke, MdB DIE LINKE, stellvertretender Fraktionsvorsitzender und Mitglied des Vorstands der Linkspartei, hat ein hervorragendes Buch geschrieben und dennoch ist es eine Qual, es zu lesen. Der Grund ist einfach: Bei der flächendeckenden Antisemitismus-Kampagne handelt es sich um ein unappetitliches Gebräu, in dem sich seitens der Giftmischer in individuell unterschiedlichem Maße Unwissenheit und/oder schiere intellektuelle Minderbemitteltheit mit dem Willen zur Volksverhetzung paart.
Alles gehört auf den Prüfstand…namentlich die eigene Geschichte
History is unwritten. Linke Geschichtspolitik und kritische Wissenschaft. Ein Lesebuch
Hrsg. AutorInnenkollektiv Loukanikos, Berlin: edition assemblage, 2015
von Renate Hürtgen*
Es war der Zweifel an bisheriger Theorie und Praxis linker Geschichte, der 2013 den Anstoß zu einer Debatte in der Zeitung analyse & kritik (siehe ihre Sonderbeilage: www.akweb.de/themen/sonderbeilage_unwritten.htm) gab. Sie kreiste um die Frage, wie in einer kritischen Auseinandersetzung mit herrschenden und linken Mythen vermieden werden kann, eine Gegenerzählung zu schaffen, die wieder neue Mythen produziert.
Musiktipp: Ernst Jandl
Eile mit Feile, Hörverlag, 2015
von Dieter Braeg
Musik braucht Texte, und da wird oft eine feine Melodie zum Ärgernis. So mancher Reim – etwa «Liebe, Hiebe, Triebe»– verdirbt den Hörgenuss und es endet mit einer Intelligenzbeleidigung.
Filmtipp: The Yes Men
The Yes Men – Jetzt wird’s persönlich, USA 2015, Regie: Laura Nix
von Angela Huemer
Im UN-Hauptquartier in New York steht wieder mal eine Klimakonferenz an. Gegenüber, auf der anderen Seite des Hudson River, stehen oder besser schwimmen zahlreiche beige Bälle im Wasser, es sind die Überlebensbälle, genannt die Survivaballs, überdimensionale aufblasbare Kugeln, in denen sich einzelne Menschen vor dem Klimawandel retten können, darin ist alles enthalten, was man so braucht.
Krimi: Merle Kröger: Havarie
Berlin: Argument, 2015. 228 S., 15 Euro
von Udo Bonn
Zwei Nächte, ein Tag. Lalita Masarangi, Ghurka im Dienst ihres Vaters, Sicherheitskraft auf dem Kreuzfahrtsschiff Spirit of Europe, sucht ihren Liebhaber. Ihr Chef, Sicherheitsoffizier Nikhil Metha wartet auf das Ergebnis seines Prozesses in Indien. Léon Moret liebt die Nacht auf der Kommandobrücke des Schiffes und sehnt sich nach seiner Frau. Sybille Malinowsky und Seamus Clark sind Passagiere und tragen ihre Traumata mit sich herum. Marwan Fakhouri, Flüchtling aus dem syrischen Bürgerkrieg und schwer erkrankt, ist als blinder Passagier aufgeflogen.
Peter Janich und der kulturalistische Ansatz
Handwerk und Mundwerk – Womit befasst sich Naturwissenschaft?
von Manuel Kellner
Seit vielen Jahren kenne und schätze ich die Kleine Philosophie der Naturwissenschaften1 von Peter Janich. Vor einigen Monaten habe ich sein Spätwerk Handwerk und Mundwerk2 gelesen, das seine Auffassungen zusammenfasst. Wo viele Naturwissenschaft und Natur verwechseln, sieht Janich «lebensweltliche Zusammenhänge», aus denen naturwissenschaftliche Praxis hervorgeht.
Ernest Mandel 1923-1995
Sozialistische Strategie
von der Redaktion
Heute vor 20 Jahren verstarb der belgische marxistische Theoretiker und sozialistische Revolutionär Ernest Mandel. Er war das bekannteste führende Mitglied der Vierten Internationale. Unter Bundeskanzler Willy Brandt („mehr Demokratie wagen“) von der SPD und dem liberalen Innenminister Hans-Dietrich Genscher erhielt er 1972 (bis 1979) ein Einreiseverbot, nachdem ihn der Berliner Senat daran gehindert hatte, seine Stelle als Professor für Ökonomie an der FU Berlin anzzutreten.
Ein Erfahrungsraum revolutionärer Umgestaltungen
Eine militante Untersuchung über selbstverwaltete Betriebe in Argentinien
von Jochen Gester
Unter dem Titel „Wir übernehmen“ gibt es ein neues Buch im Mandelbaum-Verlag Wien. Bei diesem kleinen feinen Verlag hat die Analyse zeitgenössicher Arbeiter/innenbewegungen einen festen Platz. Besetzt wird er vor allem durch linke Aktivist/innen in operaistischer Tradition, die es verstehen ihre sozialwissenschaftliche Ausbildung mit profunden Kenntnissen der Arbeitswelt zu verbinden.
Das Handy*
„und es sterben haufenweise Kinder…“
von Ernesto Cardenal
Du sprichst in dein Handy
und redest und redest
und lachst in dein Handy
Der neue Bürgermeister von Cádiz
José María González Santos*: «Wir wollen für und mit den Bürgern regieren»
im Gespräch mit SoZ
In mehreren Städten Spaniens haben bei den jüngsten Kommunalwahlen linke Bürgerlisten mit Unterstützung der Partei Podemos, die aus der Bewegung 15M hervorgegangen ist, aus dem Stand Bürgermeisterposten erobert, so auch in Cádiz (Andalusien). Die Liste «Por Cádiz sí se puede – Candidatura de Unidad Popular» wurde zweitstärkste Partei. Ihr Spitzenkandidat war José María González.
Die Krise in Griechenland
Die Krise in Griechenland. Ursprünge, Verlauf, Folgen (Hrsg. U.-D.Klemm, W.Schultheiß)*
von Paul B. Kleiser
Anders als der Buchtitel vermuten lässt, behandelt der vom früheren deutschen Botschafter in Athen, Wolfgang Schultheiß (2005–2010), und dem früheren Kulturattaché und späteren Botschafter in Marokko, Ulf-Dieter Klemm, herausgegebene Sammelband keineswegs nur die Wirtschaftskrise in Hellas seit dem Jahr 2009, sondern geht auch auf geschichtliche Entwicklungen seit der Unabhängigkeit des Landes 1830 bis in die jüngste Zeit ein.
Ernest Mandel (1923–1995)
Politische Ökonomie im 20.Jahrhundert und das neue sozialistische Projekt
von Ingo Schmidt
Marxistische Analysen der kapitalistischen Warenproduktion, ihrer Widersprüche und Krisentendenzen sind gewiss keine Mangelware. Was fehlt, ist eine Gesamtschau, die Zusammenfassung von Analysen verschiedener Ausschnitte kapitalistischer Wirklichkeit in einer Art und Weise, die es der Arbeiterbewegung und anderen sozialen Bewegungen erlauben würde, Ansatzpunkte für politisches Eingreifen zu bestimmen.
Kinder oder keine?
Sarah Diehl: Die Uhr, die nicht tickt. Kinderlos glücklich.*
von Gisela Notz**
Sarah Diehl, Mitte 30 und selbst kinderlos, hat ein Buch geschrieben zu einem (scheinbar) brennenden Problem: dem Kinderwunsch. Die Uhr, die nicht tickt heißt es, und bereits der Untertitel zeigt die Parteilichkeit für diejenigen, die sie nach dem (fehlenden) Kinderwunsch befragt hat: Kinderlos glücklich, so wie Sarah Diehl und viele andere Frauen, sind auch die Protagonistinnen im Buch.
Stalag XVIII C (317)
Ehemaliges Kriegsgefangenenlager St.Johann
von Dieter Braeg
Das schöne St.Johann im Pongau ist ein gastfreundlicher Ort heutzutage. Das war in früheren Zeiten anders, viele Menschen haben keine sehr gute Erinnerung an diesen Ort.
Ab 1941 gab es ein Stammlager in St.Johann, wo bis zu 30.000 Gefangene untergebracht waren, bewacht von rund 1000 Mann. Es gab ein Nord- und ein Süd-Lager.
Die Lernprozesse der MLPD in der Umweltbewegung
Stefan Engel: Katastrophenalarm! Was tun gegen die mutwillige Zerstörung der Einheit von Mensch und Natur? Essen: Neuer Weg, 2015
von Thies Gleiss
Als eines der langlebigsten Produkte der linken Organisationsphase in den 70er Jahren wirkt in Deutschland die unbeirrt maostalinistische «Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands» (MLPD).
«Der Widerspruch wird plakatiert»
Walter Mossmann, 1941–2015
von Angela Klein
Überraschend vielen sagt der Name nichts. Das mag daran liegen, dass er seit den 90er Jahren nicht mehr singen konnte, ein Kehlkopfkrebs hatte ihm die Stimme weggefressen. Oder auch daran, dass die bürgerlichen Medien ihn zeit seines Lebens geschnitten haben und er sich ihren Regeln nicht unterordnen wollte. Seine Lieder gehörten der Bewegung und von ihr wurden sie weitergetragen. Aber Walter Mossmann gehörte zu den ganz großen politischen Liedermachern in Deutschland; aus meiner Sicht war er der kreativste.
Doug Seegers: Going down to the river
Lionheart Music Group/Universal
von Dieter Braeg
Die schwedische Sängerin Jill Johnson war zusammen mit einem Filmteam in Nashville unterwegs. Plan war, Eindrücke aus der Country-Welthauptstadt zu sammeln. Das Team traf auf einen älteren Mann, der in ziemlich abgenutzter Kleidung auf einer schleißigen Gitarre einen Song spielte. Alte Sünden und trotzige Hoffnung kamen da rüber zum Ohr. Der Gitarrenkoffer war geöffnet und auf einem kleinen Schild war zu lesen: «Arbeitslos, alles hilft.» Also half das schwedische Team und filmte einen Song dieses Straßenmusikers.
Silvia Federici: Caliban und die Hexe
Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation. Wien: Mandelbaum, 2012. 340 S., 24,90 Euro
von Olga Dedinas
Die italienische Feministin und Marxistin Silvia Federici ist bereits durch mehrere ausgezeichnete Publikationen bekannt, etwa die Essaysammlung Anleitung zum Aufstand aus der Küche. Ihr Hauptwerk Caliban und die Hexe, das 2012 auf deutsch erschien, veröffentlicht die Ergebnisse eines großen Forschungsprojekts zum Thema «Frauen und die ursprüngliche Akkumulation» in einer Schriftform, die für ein breites Publikum lesbar ist.
Filmtipp: Victoria, Deutschland 2015
Regie: Sebastian Schipper. Kamera: Sturla Brandth Grøvlen, Preisträger des Silbernen Bären. Berlinale 2015
von Angela Huemer
Blau-weißes pulsierendes Licht, Techno-Musik. Eine junge Frau tanzt und sieht glücklich dabei aus. Die Kamera ist nah an ihr dran. Sie bindet ihre Haare zu einem Pferdeschwanz und geht hinaus, eine Schlange an der Toilette. Ein junger Mann fängt an, mit ihr zu reden, sie reden englisch, eher rudimentär, sie ist Spanierin, heißt Victoria und kommt aus Madrid, erst seit kurzem ist sie in Berlin.
Nachruf auf Arno Klönne
Wir trauern
dokumentiert
Arno Klönne verstarb am 4. Juni im Alter von 84 Jahren.
Erstes großes Forschungsthema des Politik- und Sozialwissenschaftlers war die Jugend im Nazi-Reich. Sein Hauptinteresse galt denjenigen Jugendlichen, die trotz allen Zwangs und aller Lügenpropaganda nicht zu Mitläufern und Mittätern wurden, sondern sich dem Unrecht verweigerten und Verfolgten halfen.
«…gleichgültig, ob darüber Armenier zugrunde gehen»
Der Völkermord an den Armeniern und die deutsche Mitschuld
von Paul B. Kleiser
Die ersten Pogrome fanden bereits in den Jahren 1895/96 statt: Sie kosteten über 100.000 Opfer. Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieg jedoch wurden die Armenier Ziel einer Ausrottungspolitik des Osmanischen Reichs, das seit dem Staatsstreich gegen Sultan Abdul Hamid II. 1909 von den «Jungtürken» geführt wurde. Wie konnte es zu diesem Aghet (Katastrophe) genannten Genozid kommen, das bis zu 1,5 Millionen Opfer forderte?
Zwischen allen Stühlen – «Deutsche Volksfront»
Der Versuch eines Neuanfangs im Widerstand und nach dem Krieg
von Jörg Wollenberg*
13 Jahre nach seiner Flucht aus Deutschland kehrte der damals 30jährige Schriftsteller und Maler Peter Weiss von Juni bis August 1947 als Reporter der schwedischen Zeitung Stockholms Tidningen nach Berlin zurück.
Das Konzentrationslager und Zuchthaus Sonnenburg
Ein KZ zur Ausschaltung der Arbeiterbewegung
von Peter Nowak
Das Konzentrationslager und Zuchthaus Sonnenburg. (Hrsg. Hans Coppi, Kamil Majchrzak). Berlin: Metropol, 2015. 240 S., 19 Euro
«Sonnenburg symbolisiert wie kaum ein anderer Ort Beginn und Ende der zwölf Jahre währenden Schreckensherrschaft des NS-Regimes», heißt es im Klappentext.
MoZuluArt, Township Serenade
Universal Harmonia Mundi
von Dieter Braeg
Wer denkt beim Hören der Kleinen Nachtmusik schon an Löwen in der südafrikanischen Steppe oder an die bassigen Rhythmen einer Djembe? Die Gruppe MoZuluArt gründete sich 2008 und ist seitdem Bestandteil der internationalen World-Music-Szene.
Filmfestival «Crossing Europe»
Nicht vor und nicht zurück
von Kurt Hofmann
Die diesjährige Ausgabe des Festivals des europäischen Films in Linz (23.–28.April 2015) zeigte sich auf der Höhe der Zeit, viele der zentralen Filme spiegelten das Europa der Krise wider. Auch heuer sorgte Intendantin Christine Dollhofer dafür, dass keine «Eurofilme», sondern Beispiele eines engagierten europäischen Kinos zu sehen waren.
Dominique Manotti: Abpfiff
Aus dem Französischen von Andrea Stephan. Berlin: Argument, 2015. 230 S., 17 Euro
von Udo Bonn
«Ich habe Fußball immer verabscheut. Diese Brutalität, diese Spieler, die man kauft und verkauft wie Vieh, diese tobenden Massen, diese Leute, die sie manipulieren… ein Sport…» «Fürs Volk, Herr Richter, fürs Volk.»
Nachruf auf „Emmely“
Barbara Emme – Kassiererin bei Kaiser’s
Dokumentiert
Der «Fall Emmely» hat in Deutschland Geschichte gemacht. Diese mutige Kassiererin, die sich gegen ihre willkürliche Entlassung gewehrt hat, hat nicht nur einen beispielhaften Arbeitskampf geführt, sie hat damit eine gesellschaftliche Diskussion über Bagatellkündigungen angestoßen und die Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts beeinflusst.*
Wer hat den Zweiten Weltkrieg gewonnen?
Kämpfe gegen Diktatur und Besatzung
von Przemyslaw Wielgosz
Die heißeste Front des neuen Kalten Krieges zieht sich durch unsere Geschichte. Zu dieser Meinung könnte man gelangen, wenn man den polnischen Politikern und Medien folgt. Sie triumphieren über Putin, indem sie die Vergangenheit neu erschaffen.
Arbeiterbewegung Ende des Zweiten Weltkriegs
Der Wunsch nach Einheit in Deutschland
von Manfred Dietenberger
Die «Stunde Null», von der anlässlich des 70.Jahrestags des Endes des Zweiten Weltkrieges wieder so viel die Rede ist, gab es nicht wirklich. Dennoch, die bedingungslose Kapitulation am 8.Mai 1945 besiegelte die militärische Niederlage und das organisatorische Ende des deutschen Faschismus und das Aus für die von den Nazis geplanten «neuen europäischen Ordnung».
Eduardo Galeano 1940–2015
Originell und tiefgründig
von Atilio Borón
Die Nachricht von Eduardo Galeanos Tod hat mich tief getroffen. Und das einzige, worauf ich Lust hatte, war – ehrlich gesagt –, seine Bücher in meiner Bibliothek zu suchen, um mich wieder in seiner Begleitung an ihrer Lektüre zu erfreuen.
Werner «Mecki» Hülsberg
8.Mai 1950 – 24.März 2015
von Manuel Kellner
Als ich im Oktober 1973 von Belgien zurück nach Deutschland kam und Mitglied der Gruppe Internationale Marxisten (GIM) wurde, war Mecki schon Hauptamtlicher dieser «deutschen Sektion der IV.Internationale» und eine große Autorität für mich. Er blieb in unserem Politischen Büro bis Oktober 1986, als die GIM sich mit der ehemals maoistischen KPD/ML zur Vereinigten Sozialistischen Partei (VSP) zusammentat.
Fotografie und Film für das 20.Jahrhundert
Ausstellung – Paul Strand*
von Burkhard Maus und Angela Huemer
Das Fotomuseum Winterthur (Schweiz) zeigt als erste europäische Kulturinstitution eine Retrospektive dieses wichtigen amerikanischen Fotografen und Kameramanns.
Der Fotograf und Filmemacher Paul Strand (1890–1976), geboren in New York, wurde durch den Besuch der Ethical Culture School zur Fotografie angeregt.
Ein Shoabuch für Kinder und Erwachsene
Annika Tetzner: Die rote Masche*
von Dieter Braeg
Annika Tetzner ist ein Kind und Überlebende des Holocaust. Geboren in Prag, lebt sie jetzt in Jerusalem. Sie schreibt und illustriert Bücher für Kinder und Erwachsene. Sie überlebte als einzige ihrer Familie die Konzentrationslager Theresienstadt, Birkenau und Mauthausen.
In dem bemerkenswerten Vorwort zum Buch meint die Philosophin Elisabeth von Samsonow: «Diese drei Geschichten weisen auf die Möglichkeit der Rehabilitation des Menschlichen hin, sie erzählen den großen Triumph des Mädchens, welches immerfort hungert, sich fürchtet und sich auf der Schwelle zur absoluten Katastrophe befindet.
Mauthausen… vom großen Sterben hören
ESC Records
von Dieter Braeg
Verdrängen, Vergessen, Verleugnen. Vom 8.August 1938 bis zum 5.Mai 1945 gab es das KZ Mauthausen bei den gleichnamigen Granitsteinbrüchen, die der Reichsführer-SS, Heinrich Himmler, im März des Jahres 1938 besucht hatte.
Die Diagonale 2015
Festival des österreichischen Films*
von Kurt Hofmann
Die Diagonale, das jährlich im März in Graz stattfindende Filmfestival, wurde in diesem Jahr zum letzten Mal von Barbara Pichler geleitet, deren Intendanz gleichermaßen von einem unprätentiösen, gelassenen Stil wie von Souveränität geprägt war. Sie bot eine beachtliche Bilanz im Rückblick und einige ansehnliche Premieren in der Vorschau.
Elser, Deutschland 2015
Regie: Oliver Hirschbiegel
von Angela Huemer
Ein junger Mann arbeitet fieberhaft, er deponiert ein komplex aussehendes Gebilde – es sieht aus wie ein Uhrwerk in einer Säule des Münchener Bürgerbräukellers. Dieser ist feierlich geschmückt, bald wird er eine NS-Veranstaltung samt Führer beherbergen.
James Ellroy: Perfidia
Berlin: Ullstein, 2015. 951 S., 25 Euro
von Udo Bonn
Nach dem Sex: Bette Davis fordert ihren Liebhaber auf, einen «Japs» umzulegen. Der Liebhaber zögert nicht lange, steigt in seinen Wagen und erschießt einen Japaner. Der Liebhaber ist Sergeant Dudley Smith von der Los Angeles Police.
Ausstellung von Joachim Römer
tausend und eine flaschenpost
von der Redaktion
Vom 18.April bis zum 1.November zeigt der Künstler Joachim Römer (u.a. auch Grafiker und Bildgestalter der SoZ) seine Kunstinstallation «Tausend und eine Flaschenpost» im Museum am Strom in Bingen.
Robert Becker: Abgruppiert!
Ein Roman aus der Arbeitswelt*
von J.-F.Anders
Arbeiter als Schreiber und als Thema von deutschsprachigen Gegenwartsromanen haben Seltenheitswert – zuletzt gab es das in der BRD vermutlich in den 70er Jahren. Da gab es mal den Werkkreis Literatur der Arbeitswelt und seine Publikationen.
Best of KPD
Linke Organisierung damals und heute*
von Florian Osuch
Ein Sammelband zur frühen Geschichte der KPD, bevor sich die Partei «in ein Werkzeug der russischen Außenpolitik verwandelt» hatte.
Anfang der 20er Jahre existierte in Deutschland mit der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) eine revolutionäre Kraft mit mehreren hunderttausend Mitgliedern und Millionen Wählern.
Proletenpassion, 2-CD-Box mit Textbuch
BMG Ariola Austria GmbH
von Dieter Braeg
Am 15.Mai 1976 wurde im Schlachthof St.Marx im Rahmen der Wiener Festwochen die Proletenpassion uraufgeführt. Wenig später wurde dieser Ort besetzt und es entstand die «Arena». Dabei war sich die Gruppe namens «Schmetterlinge» bei der Entstehung gar nicht einig, was den Begriff «Passion» betraf, obgleich das Projekt in der Geschichte des Austropop schon des Umfangs wegen – 65 Songs auf drei Vinyl-LPs – ausgesprochen anspruchsvoll war.
Heinz R.Unger: Proletenpassion ff
Wien: Mandelbaum, 2015*
von Dieter Braeg
Erinnern wir uns noch an die großartige «Proletenpassion»? An den ersten Text dieser ganz anderen Darstellung von Geschichte?
Das ewige Leben. Österreich 2015
Regie: Wolfgang Murnberger
Drehbuch: Wolf Haas, Josef Hader, Wolfgang Murnberger
von Angela Huemer
Zu Beginn sieht man schöne Nahaufnahmen von Menschen, die das Leben mitunter nicht so sanft behandelte. Ein schmuckloser Raum, ein Wartezimmer. Auf einem Monitor sind Nummern zu sehen.
James Lee Burke: Sturm über New Orleans
Berlin: Pendragon, 2015. 576 S., 17,99 Euro
von Udo Bonn
Mike Nicol: Bad Cop. Berlin: btb, 2015. 542 S., 9,99 Euro
Andrew Brown: Trost. Berlin: btb, 2014. 351 S., 14,99 Euro
Geplant war, zwei Romane aus Südafrika vorzustellen, aber dann ist James Lee Burkes Sturm über New Orleans erschienen, und obwohl erst im Januar sein Regengötter hier besprochen wurde, führt kein Weg an der neuen Veröffentlichung vorbei.
Kommunistische Strategie zu Beginn der 20er Jahre
Der Kampf um die Mehrheit
von Manuel Kellner
Über das Verhältnis zur Regierung SYRIZA wird in der radikalen Linken trefflich gestritten. Ein Blick in die Geschichte kann da weiterhelfen.
Die organisierte kommunistische oder revolutionär-marxistische Bewegung war zu Beginn der 20er Jahre des 20.Jahrhunderts außerhalb Russlands eine Minderheit unter den abhängig Beschäftigten, aber zumindest in Deutschland eine bedeutende Minderheit.
Der Mindestlohn ist ein Papiertiger
Die Lastenträger. Hrsg. Günter Wallraff und work-watch*
von Dominik Müller
Seit Anfang Januar gilt der lang ersehnte gesetzliche Mindestlohn in Deutschland. Mit 8,50 Euro brutto in der Stunde bleibt er nur geringfügig über dem Hartz-IV-Satz.
Eine Arbeiterjugend in der Ukraine
Pawlo Lysjanskyj
Die Ukraine ist ein sehr junger Staat. In welchem politischen Klima man dort nach seiner Gründung 1991 aufwuchs, erzählte uns Pawlo Lysjanskyj nach der Kölner Veranstaltung am 29.1. Das Gespräch ist in der Ich-Form wiedergegeben.
Die Wiedereinführung des Kapitalismus in Russland
nach dem Scheitern der Selbstreform der Bürokratie
von Paul B. Kleiser
Felix Jaitner: Einführung des Kapitalismus in Russland. Von Gorbatschow zu Putin. Hamburg: VSA, 2014. 174 S., 16,80 Euro.
Die Auseinandersetzungen um die Ukraine haben gezeigt, dass große Teile der deutschen Linken weiterhin dem Lagerdenken des Kalten Krieges verfallen sind und offenbar den großen historischen Bruchs, der sich Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre unter Jelzin in Russland vollzog, nicht wirklich realisiert haben.
Die 70er und 80er Jahre in Köln
Irgendwie so wird es wohl gewesen sein
von Thies Gleiss
Die Stadt, das Land, die Welt verändern. Die 70er/80er Jahre in Köln – alternativ, links, radikal, autonom. Hrsg. Reiner Schmidt, Anne Schulz, Pui von Schwind. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2014. 627 S., 29,99 Euro
Werner Scholem, eine Biografie
Mirjam Zadoff: Der rote Hiob. Das Leben des Werner Scholem. München: Hanser, 2014. 382 S., 24,99 Euro
von Hermann Dworczak
Wer den Namen Scholem hört, denkt unwillkürlich an den jüdischen Religionswissenschaftler Gershom Scholem, den Freund und Briefpartner von Walter Benjamin. Aber es gibt noch einen anderen Scholem, den Bruder Werner – revolutionärer Marxist, Kritiker Stalins und im KZ Buchenwald ermordet.
Keith Jarrett, The Köln Concert
Keith Jarrett, Charlie Haden, Paul Motian, Hamburg‚ 72 (ECM/Universal)
von Dieter Braeg
24.Januar 1975. An diesem Tag gab es in der Kölner Oper ein Improvisationskonzert – und immer noch, mehr als 40 Jahre später, ist das, was da geboten wurde, wenn man Jazz mag, eine immerwährende Freude fürs Ohr.
Wer rettet wen?
Deutschland 2015, Regie: Leslie Franke, Heidolor Lorenz
von Angela Huemer
Athen. Die Akropolis. Straßenzüge, die weniger schönen Seiten werden sichtbar. Am Pier, Dämmerung. Junge Leute erzählen von ihren Lebensumständen. «In 8 Stunden verdiene ich 15 Euro.» «Es gibt keine Geld, kaum Arbeitsplätze, ich persönlich überlege, ins Ausland zu gehen», sagt ein junger Mann.
Oliver Bottini: Ein paar Tage Licht
Köln: Dumont, 2014. 512 S., 19,99 Euro
von Udo Bonn
Anfang Februar gab es mit Begierde – Mord im Zeichen des Zen eine recht gelungene Fernsehadaption des ersten Kriminalromans von Oliver Bottini um die Kriminalkommissarin Louise Boni. Nach vier weiteren Folgen wandte sich Bottini dem Metier Politthriller zu.
Erste Betriebsbesetzung in Deutschland…
… vor 40 Jahren
von Dieter Braeg
Am 10.März 1975 besetzte die Belegschaft die Zementfabrik Seibel & Söhne in Erwitte.
In der kleinen Stadt Erwitte nahe Lippstadt begann am 10.März 1975 die erste Betriebsbesetzung in der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung.
Charlies Karikaturen
Gegen Herrschende oder gegen Beherrschte?
von Manuel Kellner
Charlie Hebdo ist eine linke Zeitschrift, die bei der politischen Rechten und extremen Rechten und auch bei konservativen und neoliberalen Sozialdemokraten alles andere als beliebt war und ist. 1995 sammelte sie 200000 Unterschriften für das Verbot der rechtsextremen Front National.
Israel Schwerpunkt auf der Leipziger Buchmesse
Der Neue ISP Verlag sagt deshalb Teilnahme ab
von Martin Lejeune
Mit ihrem Messeschwerpunkt «1965–2015. Deutschland – Israel» «würdigt» die Leipziger Buchmesse im März 2015 ein «besonderes Jubiläum»: 50 Jahre deutsch-israelische diplomatische Beziehungen.
Wir trauern um Hermann Weber (1928–2014)
von Wolfgang Feikert und Wilfried Dubois
Am 29.Dezember 2014 ist Hermann Weber im Alter von 86 Jahren gestorben. Er war einer der führenden Historiker zur Geschichte des deutschen Kommunismus und zur Geschichte der DDR.
Enzo Traverso: Geschichte als Schlachtfeld
Zur Interpretation der Gewalt im 20.Jahrhundert.
Köln: Neuer ISP Verlag, 2014. 256 S., 22 Euro
von Elfriede Müller
Der lange in Frankreich lebende italienische Historiker Enzo Traverso, der seit einem Jahr an der Cornell University in Ithaca im Staat New York unterrichtet, untersucht in seinem zuletzt auf Deutsch erschienenen Buch Geschichte als Schlachtfeld den Geschichtsbegriff der Jahrhundertwende.
Indien – Die größte Demokratie der Welt?
Marktmacht – Hindunationalismus – Widerstand. Berlin: Assoziation A, 2014
von Christian Weiß
Der Erfolg der hindunationalistischen BJP bei den letztjährigen Unterhauswahlen in Indien 2014 ist zweifellos eine Zäsur in der indischen Geschichte. Die BJP kam zwar nicht zum ersten Mal an die Macht, mit Narendra Modi wurde aber ein besonders umstrittener Politiker Regierungschef.
«Zum nidaknian»
Molden, Resetarits, Soyka, Wirth: Ho RUGG, monkey music
von Dieter Braeg
Musik-Hörerinnen und -Hörer, heute möchte ich ein Lobschreiblied musikkolumnieren – gewidmet dem Ernst Molden, dem ich in seiner geliebten Mundart, dem Weanerischen, die Überschrift «Zum Niederknien» widme, für seine feine Kunst, die sich in Text und Melodie ausdrückt.
The Imitation Game
USA, Großbritannien 2014. Regie: Morten Tyldum
von Angela Huemer
Allen, die sich mit Computern auskennen, vielleicht auch damit, welche Ideen und Konzepte der Entwicklung der Computer zugrundeliegen, ist Alan Turing schon lange ein Begriff – allen anderen hoffentlich spätestens nach diesem Film bzw. der Oscar-Verleihung am 22.Februar.
National Gallery
Regie: Frederick Wiseman, 2014
von Angela Huemer
Mitunter scheinen Themen in der Luft zu liegen. Der Film Das große Museum über das Wiener Kunsthistorische Museum (siehe SoZ 11/2014) und Frederick Wisemans Film National Gallery über das gleichnamige Londoner Museum sind ziemlich zeitgleich entstanden.
James Lee Burke: Regengötter
.München: Heyne, 2014. 670 S., 16,99 Euro
von Udo Bonn
Die Krimizeit-Bestenliste für das Jahr 2014 wird – aus meiner Sicht auch unangefochten – von James Lee Burkes 670 Seiten starken Roman Regengötter angeführt.
Bergarbeiterstreik 1984/85 in Großbritannien
COAL NOT DOLE – Fotos* von Michael Kerstgens vom
von Rolf Euler
Coal not dole. The Miner’s Strike 1984/1985. Zu beziehen bei Hannes Wanderer, Peperoni Books, Berlin (www.kerstgens.de, www.peperoni-books.de/“>www.peperoni-books.de)
Dreißig Jahre ist es her, dass der einjährige Streik der britischen Bergleute in Wales und Yorkshire zu Ende ging – mit einer Niederlage nicht nur der Bergleute, sondern für die ganze britische Arbeiterbewegung.
Wendy Lower: Hitlers Helferinnen
Deutsche Frauen im Holocaust. München: Hanser, 2014. 336 S., 24,90 Euro
von Larissa Peiffer-Rüssmann
Die in diesem Buch geschilderten Biografien machen auf bedrückende Weise deutlich, wie problemlos sich die Frauen nicht nur in die NS-Gesellschaft einfügten, sondern selber auf unbeschreibliche Art und Weise Gewalt ausübten.
Bernd Langer: Antifaschistische Aktion
Geschichte einer linksradiakalen Bewegung
Münster 2014, 266 S., 16 Euro
von Florian Osuch
Bernd Langer, langjähriger Antifa-Aktivist, hat ein Buch zur Geschichte der Antifaschistischen Aktion vorgelegt. Auf 266 Seiten, vielfach ergänzt durch Fotos und zeitgenössische Plakate, erzählt er die «Geschichte einer linksradikalen Bewegung».
Griechenland vor 70 Jahren
Britische Truppen gegen die Widerstandsbewegung
von Paul Michel
Am 6.Dezember 1944 begannen britische Kampfflugzeuge mit Angriffen auf die Arbeiterbezirke von Athen. Von ihren Stellungen auf dem Parthenon aus unterstützte britische Artillerie die Bombardierungen, Panzer bewegten sich in den Straßen und nahmen Widerstandsnester unter Beschuss. Die Militäraktion richtete sich nicht etwa gegen Stellungen deutscher Besatzungstruppen – die waren sieben Wochen vorher, von britischen Angriffen weitgehend unbehelligt, in Richtung Rumänien und Bulgarien abgezogen.
Drei Betriebsräte gegen den Weltkonzern
Macht und Recht im Betrieb – Der «Fall BMW-Berlin»
Hrsg. Frank Steger. Berlin: Die Buchmacherei, 2014. 352 S., 14,95 Euro
von Dieter Wegner
Es gibt mehrere außergewöhnliche Betriebskämpfe, auch in den letzten Jahren, die wir als radikale Linke kennen sollten, um Hintergrundwissen und Maßstäbe zu haben für heutige und zukünftige Kämpfe. Je besser wir die früheren Kämpfe kennen und verstehen – seien es Kämpfe von Belegschaften, kleinen Gruppen oder Einzelpersonen –, desto besser sind wir für die Zukunft gerüstet, in der die Konflikte gewiß noch härter ausgetragen werden als in der Vergangenheit.
Martin Matthias Becker: Mythos Vorbeugung
Warum Gesundheit sich nicht verordnen lässt und Ungleichheit krank macht.
Wien: Promedia, 2014. 224 Seiten, 17,90 Euro
von Peter Nowak
Esse viel frisches Obst und Gemüse! Vermeide fetthaltige Nahrung und Süßigkeiten! Mit solchen Aufforderungen sind wir heute ständig konfrontiert. Auf dem ersten Blick scheinen diese Ratschläge sehr vernünftig. Wer wollte bestreiten, dass ein frischer Apfel bekömmlicher ist als ein überzuckerter Powerdrink?
Friedhelm Hengsbach: Teilen, nicht töten
Frankfurt a.M.: Westend, 2014. 128 S., 12 Euro
von Rolf Euler
Unter diesem provokanten Titel hat Friedhelm Hengsbach, der bekannte katholische Sozialethiker, eine kleine Streitschrift gegen den modernen Kapitalismus veröffentlicht. Gegenüber Stéphane Hessels «Empört euch!» kommt seine Analyse der Umstände, unter denen «diese Wirtschaft tötet!» – wie er zustimmend und titelgebend den Papst zitiert – eher in gemäßigtem Ton daher. In der Sache aber klar und unnachgiebig:
Annie Lennox: Nostalgia
Island, Universal Music
von Dieter Braeg
Wer in der Musikgeschichtssuppe herumrührt und so wie ich, seit Jahrzehnten gute Musik ebenso wie gute Bücher im Leben braucht, wird auf Annie Lennox stoßen. In den 80er Jahren bildete sie zusammen mit Dave Stewart die Band Eurythmics, mit einigen Welthits – «Sweet Dreams», «When tomorrow comes» und «Thorn on my Side» – war sie sehr erfolgreich
Joachim Sartorius: Niemals eine Atempause
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2014. 348 S., 22,99 Euro
von Dieter Braeg
Wir haben mit 2014 ein Jahr hinter uns gebracht, in dem wir viel «Geschichte» und «Gedenken» geboten bekamen. Der Autor Joachim Sartorius, der bereits mit seinen Anthologien Atlas der neuen Poesie, Minima Poetica und Alexandria Fata Morgana mehr als nur lyrische Kompetenz bewiesen hatte, hat nun das Handbuch Niemals eine Atempause herausgegeben.
Magic in the Moonlight
USA 2014. Mit Colin Firth. Regie: Woody Allen
von Angela Huemer
Kaum ein Regisseur hat so viele Filme gemacht wie Woody Allen, nahezu jedes Jahr kommt ein neuer Film von ihm in die Kinos. Während seine absoluten Meisterwerke wohl die Filme der 70er und 80er Jahre waren – angefangen von Play it again Sam über Manhatten und Radio Days – hat er auch danach viele sehr schöne Filme geliefert.
Orkun Ertener: Lebt
Fischer Scherz 2014. 639 S., 19,99 Euro
von Udo Bonn
Bei nahezu jeder Bambi-Verleihung sind auch sie da, jene Schauspielerinnen mit hoher Publikumsgunst und Ehemännern aus der Medien- und Finanzindustrie, deren Vermögen es den Gattinnen erlaubt, bei der Auswahl der Engagements wählerisch zu sein. Und denen es so auch möglich ist, karitativ tätig zu sein.
Stille Nacht, heilige Nacht
Klassenkampftaugliche Übersetzung
Das weltweit wohl bekannteste Weihnachtslied „Stille Nacht, heilige Nacht “ wurde in über 300 Sprachen und Dialekte übersetzt. Eine klassenkampftaugliche Übersetzung erfuhr das besonders beim Bürgertum beliebte rührselige Weihnachtslied durch Boleslaw Strzelewicz. Im Repertoire der zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufkommenden Arbeiterchöre eroberte sich das umgetextete Lied einen festen Platz.
Kleine politische Ökonomie von Weihnachten
Alle Jahre wieder
von Manfred Dietenberger
Die Werbung suggeriert, Weihnachten sei eine «magische Zeit». Dann rückt die Familie romantisch/verkitscht in den Vordergrund. Doch vor allem ist Weihnachten das wichtigste Geschäft des Jahres.
Weihnachtsmarkt
Weihnachten ist vor allem ein gigantischer Weihnachtsmarkt. Weihnachtsmärkte haben hierzulande eine fast 600jährige Tradition. In Deutschland gibt es über 2500 Weihnachtsmärkte.
Arbeitsunrecht – eine Bestandsaufnahme
Werner Rügemer, Elmar Wigand: Die Fertigmacher. Arbeitsunrecht und professionelle Gewerkschaftsbekämpfung. Köln: PapyRossa, 2014. 238 S., 14,90 Euro
von Dieter Braeg
Die Sozialpartnerschaft hat schon lange den Löffel abgegeben. Denen, die ihre Arbeitskraft verkaufen müssen, drohten und drohen gefährliche Zeiten. Immer dann, wenn man die eigene Lage verbessern will, entwickelt in diesem Land das Kapital Strategien, die dazu führen, dass die Rechte der abhängig Beschäftigten ausgehebelt werden.
Ein Spiel mit dem Feuer. Die Ukraine, Russland und der Westen
Hrsg. Peter Strutynski. Köln: PapyRossa, 2014. 216 S., 13,30 Euro
von Hermann Dworczak
Das Buch bietet interessante Einblicke und Informationen, lässt jedoch wichtige Bereiche wie die Herrschaft der Oligarchen ziemlich unbeleuchtet. Pikanterweise kommt in dem von einem Linken geschriebenen Buch die sicher kleine ukrainische Linke kaum vor.
Buchtipps
für den Gabentisch
Enzo Traverso: Geschichte als Schlachtfeld. Zur Interpretation der Gewalt im 20.Jahrhundert. Köln: Neuer ISP Verlag, 2014. 253 S., 22 Euro
Enzo Traverso ist einer der führenden Theoretiker der Gewalt im 20.Jahrhundert, das ja in erheblichem Maße von Faschismus, Holocaust und Stalinismus sowie deren Nachwirkungen geprägt war.
Robert Wyatt: Different Every Time
Doppel-CD, Domino Records
von Dieter Braeg
1973 stürzt der 1945 in Bristol geborene Jazzdrummer Robert Wyatt nach reichlichem Alkoholgenuss aus einem Fenster im vierten Stock und sitzt seitdem im Rollstuhl.
Zwei Tage, eine Nacht
Belgien 2014. Regie: Jean-Pierre und Luc Dardenne.
Mit Marion Cotillard
von Angela Huemer
Eine junge Frau schläft. Etwas klingelt, nachdrücklich – zunächst glaubt man, es ist der Wecker. Es ist ihr Telefon. Es braucht eine Weile, bis sie aufwacht – fast möchte man sie wecken, dann, endlich, wacht sie auf und geht ans Telefon.
Die Tagebücher von Erich Mühsam
Schöpfen aus dem Brunnen eines Rebellen
von Manuel Kellner
Chris Hirte, Mitherausgeber der Tagebücher von Erich Mühsam1, liest im Buchladen Akzente in Hamm Anfang Oktober. Der Rosa Luxemburg Club Hellweg Soester Börde und SALZ e.V. hatten eingeladen. Viele sind gekommen, alle hören zu wie gebannt.
Kostenfaktor Mensch
Ulrich Schneider: Mehr Mensch. Gegen die Ökonomisierung des Sozialen. Frankfurt a.M.: Westend, 2014. 158 S., 13,99 Euro
von Paul B. Kleiser
Das neue Buch von Ulrich Schneider stellt eine Philippika gegen den unter neoliberalen Vorzeichen immer weiter getriebenen Sozialabbau und die Taylorisierung der Sozialarbeit dar. Geschrieben ist es für die «Gutmenschen, Bedenkenträger und Sozialromantiker», also jene, die sich gegen den neoliberalen «Zeitgeist» wenden, der laut Marx häufig der «Ungeist eines geistlosen Zeitalters» ist.
NSU: Ermittlungen auf dem Prüfstand
Geheimsache NSU. Zehn Morde, von Aufklärung keine Spur. (Hrsg. Andreas Förster.) Tübingen: Klöpfer & Meyer, 2014. 318 S., 22,90 Euro
von Jochen Gester
10 Journalisten stellen ihre Recherchen vor.
Geheimsache NSU. Zehn Morde, von Aufklärung keine Spur – bereits der Buchtitel bringt kurz und treffend zum Ausdruck, welche Schlussfolgerungen die zehn hier zu Wort kommenden Autoren aus der Praxis der Ermittlungsbehörden in Sachen NSU ziehen.
25 Jahre Mauerfall
Teildeutsche Geschichtslegenden
von Arno Klönne
Den «Nationalfeiertag» am 3.Oktober, die Erinnerung an den Tag des Beitritts der DDR zur BRD, haben wir wieder einmal hinter uns. Große Gefühle erzeugt er nicht. Das mag auch an dem Nebel liegen, der sich über seine lange Vorgeschichte gelagert hat.
Phoenix – eine Filmkritik
Was dabei herauskommt, wenn ideologische Verblendung die Feder führt
Phoenix: Deutschland 2014. Regie: Christian Petzold. Mit Nina Hoss, Ronald Zehrfeld, Nina Kunzendorf
von Paul B. Kleiser
Alfred Hitchcock sagte einmal von seinen Filmen, er gestatte es der äußeren Realität nicht, ihr gemeines Haupt zu erheben. Seine Filme funktionieren daher als eine Art Doppelgänger der Realität, wie Träume bzw. Alpträume; ein Verweis auf Vertigo, Psycho oder Die Vögel sollte hier zur Verdeutlichung dieses Sachverhalts genügen.
Marianne Faithfull
Give my love to London (Naive/Lotus Records)
von Dieter Braeg
Marianne Faithfull hat in ihrem Leben viele wichtige Leute, die ihr halfen und helfen, wo sie nur konnten, so gut sie konnten. Mick und Keith, die beiden Rolling Stoners, schrieben ihr einen Nummer-1-Hit. Dann waren es Wirte und Drogendealer, die ihr alles das besorgten, was sie fürs Leben, oder auch nicht, haben wollte.
Das große Museum
Österreich 2014. Regie: Johannes Holzhausen
von Angela Huemer
Ein großes, ein sehr großes Bild wird in prunkvollen Räumen vorsichtig abgehängt. Kaiserin Maria Theresia und ihre Kinder sind darauf zu sehen. Es soll renoviert werden. Das Bild hängt in der Präsidentschaftskanzlei, eine barocke Raumfluchtpracht, eigentlich unangemessen für den Präsidenten einer kleinen europäischen Republik.
The Cut
Deutschland u.a. 2014. Regie: Fatih Akin
von Angela Huemer
Der junge Schmied Nazaret holt seine Zwillingstöchter von der Schule ab. Er fragt die Lehrerin, wie sie sich denn so machen und erfährt, dass es mit der Geografie ein wenig hapert. Er fragt die Töchter nach der Hauptstadt Frankreichs, nun ja, wenigstens eine der beiden weiß die Antwort. Ein Kranich fliegt über sie hinweg und Nazaret erklärt seinen Töchtern, dies sei ein Vorbote für eine lange Reise, wer einen Kranich sieht, so sagt man, wird eine lange Reise unternehmen. Vielleicht unternehmen sie ja gemeinsam diese Reise, fügt er noch hinzu.
Joe R. Lansdale: Dunkle Gewässer
München: Wilhelm Heyne, 2014. 320 S., 9,99 Euro
von Udo Bonn
Der Autor Joe R.Lansdale ist in dieser Kolumne schon mehrfach vorgestellt worden, zum ersten Mal vor über zehn Jahren mit dem Roman Die Wälder am Fluss, spielend in den Sumpfgebieten von Osttexas, erzählt aus der Sicht des 11jährigen Harry Crane, der in den Wäldern um den Sabine River die Leiche einer mit Stacheldraht gefesselten Schwarzen findet. Ku-Klux-Klan oder der mythologische Ziegenmann?
Georg Trakl, 1887–1914
Eine Dichterexistenz am Vorabend des Ersten Weltkriegs
von Dieter Braeg
«Inzwischen habe ich viel gelesen: ergriffen, staunend, ahnend und ratlos; denn man begreift bald, dass die Bedingungen dieses Auftönens und Hinklingens unwiederbringlich einzig waren, wie die Umstände, aus denen eben ein Traum kommen mag.
Denn Trakls Erleben geht wie in Spiegelbildern und füllt seinen ganzen Raum, der unbetretbar ist, wie der Raum im Spiegel.
Wer mag er gewesen sein?»
Rilke über Trakl
Tails – The amnesic incognito live system
Hefte zur Förderung widerständigen Praxis gegen den digitalen Zugriff, Bd.1, 36 S.*
von Florian Osuch
Kaum eine Woche vergeht ohne Meldungen von Datendiebstahl, neuer Schadsoftware, Computerviren oder Überwachungsskandalen der Geheimdienste. Die Cyberspione in Berlin, London, Paris, Washington und Moskau bespitzeln sich gegenseitig und schneiden alles mit, was ihnen zwischen die Finger oder vor den Bildschirm gerät.
Tayfun Guttstadt: Çapulcu
Die Gezi-Park-Bewegung und die neuen Proteste in der Türkei. Münster: Unrast, 2014. 327 S., 18 Euro
von Bernard Schmid
Die gesellschaftlichen Verhältnisse in der Türkei riefen im vergangenen Jahr zeitweilig erhebliche Hoffnungen in fortschrittlichen Kreisen hervor, brachte doch die breite Protestbewegung ab dem Juni 2013 die Verhältnisse auf spektakuläre Weise zum Tanzen. Nichtsdestotrotz gewann die islamistisch-wirtschaftsliberale Regierungspartei unter Recep Tayyip Erdogan (AKP) vielerorts sowohl die Kommunalwahlen im März dieses Jahres als auch die Präsidentschaftswahl im August.
Wolfgang Leonhard 1921-2014
Die Revolution entlässt ihre Kinder
von Manuel Kellner
Am 17.August 2014 ist Wolfgang Leonhard im Alter von 93 Jahren gestorben. Berühmt wurde er wegen seines zuerst 1955 erschienenen autobiografischen Buchs Die Revolution entlässt ihre Kinder.
Eve Blau: Rotes Wien
Architektur 1919–1934. Wien: Ambra, 2014. 532 S., 102,13 Euro
von Fritz Keller
Nach dem Zusammenbruch der k. und k. Monarchie bracht Wiens sozialdemokratischer Gemeinderat 1919 ein radikales Reformprogramm zur Umgestaltung der sozialen und wirtschaftlichen Infrastruktur von Österreichs Hauptstadt nach sozialistischen Leitlinien auf den Weg. Kernstück dieses Programms und zugleich die dauerhafteste Errungenschaft des «Roten Wien» war die Errichtung der Wiener Gemeindebauten:
Eurovisionen
Aspekte und Entwicklungen der europäischen Repressionsstruktur. (Hrsg. Redaktionskollektiv Hamburger Roten Hilfe.) Hamburg: Laika, 2014. 132 S., 17 Euro
von Florian Osuch
Der Sammelband skizzierte aktuelle Trends der Innen-, Außen- und Sicherheitspolitik in der Europäischen Union. Die Hamburger Ortsgruppe der linken Solidaritätsorganisation Rote Hilfe hat dazu elf Beiträge zusammengestellt.
Glenn Greenwald: Globale Überwachung
Der Fall Snowden, die amerikanischen Geheimdienste und die Folgen. München: Droemer, 2014. 368 S., 19,99 Euro
von Rolf Euler
Wer John Le Carré kennt, weiß, wieviel umgearbeitete Wirklichkeit hinter seinen oft spannenden Spionageromanen stecken. Aber das Buch, das der Anwalt und Journalist Glenn Greenwald über seine Zusammenarbeit mit Edward Snowden geschrieben hat, beschreibt die wahre Geschichte hinter der sogenannten „Affäre» der NSA – spannend und sicher so gut geschrieben wie ein Roman von John Le Carré.
Jura Soyfer: Lieder von der Erde und von den Menschen
Gesungen und gestaltet von Maren Rahmen & Rudi Görnet
von Dieter Braeg
Die Zeit bräuchte heute, Tag für Tag, politische Lyrik und genau der begegnet man nicht mehr in dieser Medienwelt, die nur noch Inhalte verbreitet, die die politische Bewusstlosigkeit der Bevölkerung bewahren oder sogar noch vertiefen. Neben den bekannten «Verdächtigen» ist da Bernd Köhler zu erwähnen, der mit seinen Liedern dem kritischen Bewusstsein auf die Sprünge hilft.
Ballesterer
Fußballmagazin. Nr. 94, September 2014. 4,50 Euro
von Dieter Braeg
In dieser Medienwelt gibt es vor allem, wenn es um die Sportart Fußball geht, eine große Ansammlung überwiegend keiner Notwendigkeit dienende Druckerzeugnisse und dazu natürlich auch Fernsehsendungen, die weder durch den Titel «Doppelpass» noch durch «erlesene» Moderatoren und sehr wenige Moderatorinnen das Sportgerät Fußball noch runder machen, als es eh schon ist, oder außer der ewig währenden Regel «Elfmeter ist, wenn der Schiedsrichter pfeift» etwas zu bieten hätten, das einen vom Hocker reißt.
A Most Wanted Man
Großbritannien 2013. Regie: Anton Corbijn
von Angela Huemer
Ich wollte, dass dieser Film im Herbst spielt, der Farben wegen», sagt Regisseur Anton Corbijn, der seine Karriere als Photograph begann, gegenüber dem Guardian in einem Interview. «A Most Wanted Man» ist die Verfilmung des gleichnamigen Romans von John Le Carré, das Drehbuch schrieb Andrew Bovell. «Der Grund ist, dass diese Geschichte etwas Melancholisches hat und Veränderung in der Luft liegt … hin zu etwas noch schlechterem.»
Ross Thomas: Am Rand der Welt
Berlin: Alexander-Verlag, 2010. 406 S., 14,90 Euro
von Udo Bonn
Wer erinnert sich noch an Imelda Marcos und ihren Gatten Ferdinand? Sie, die ständig aufgebrezelte Präsidentengattin mit weltberüchtigtem Schuhtick, und er mit seiner Schmierlappenfresse. Für George Bush war dieses Schurkenpärchen noch Garant für einen demokratischen Prozess auf den Philippinen, bis ein breites gesellschaftliches – aber instabiles – Bündnis die Marcosbande von der Macht entfernte.
Zum 50.Todestag von Hans Moser
«Wie können Sie draußen husten, wenn ich drinnen horch?»
von Angela Huemer
Peter Handke sagte einmal treffend: «In seinen (Mosers) Filmen wartet man immer, dass er endlich wieder auftritt.» Dass das Gros seiner mehr als 150 Filme von eher mäßiger Qualität war, eint Hans Moser mit großen Komikerkollegen wie Louis de Funès und Totò.
9 Monate Streik bei Neupack
Berichte, Interviews, Dokumentation (Hrsg. Mitglieder des Soli-Kreises Neupack). 2.Aufl. Berlin 2014. 184 S., 11,50 Euro*
von Helmut Born
Die Mitglieder des Soli-Kreises Neupack haben ein Buch über den neunmonatigen Arbeitskampf bei dem Verpackungshersteller Neupack in Hamburg und Rotenburg an der Wümme geschrieben. Darin kommen erfreulicherweise die Träger des Arbeitskampfs, die Beschäftigten, zu Wort, was es sehr lesenswert macht.
Betriebsräte als Rüstungslobbyisten?
Nicht ganz neu
von Manfred Dietenberger
Kaum hatte sich Anfang Juli Ursula von der Leyen (CDU) für die Entwicklung einer bewaffneten europäischen Drohne ausgesprochen, stellte sich ihr Beifall klatschend der 2.Bevollmächtigte der IG Metall Ingolstadt, Bernhard Stiedl, zur Seite. Das sei ein «Lichtblick» und «würde am Standort Manching 1500 Arbeitsplätze sichern».
Produktion und Krieg
Der Erste Weltkrieg und heute: Ähnlichkeiten und Unterschiede
von Ingo Schmidt
Die Kriegführung ist immer auch ein Abbild der zu einem gegebenen Zeitpunkt herrschenden Produktionsverhältnisse. Ein Vergleich mit der Zeit vor hundert Jahren ist aufschlussreich.
Geschichte Deutschlands im 20.Jahrhundert
Ulrich Herbert: München, C.H.Beck, 2014. 1451 S., 39,99 Euro
von Paul B. Kleiser
Unter den deutschen Historikern, die nach 1950 geboren wurden, nimmt Ulrich Herbert, der an der Universität Freiburg lehrt, einen besonderen Rang ein. Lange Jahre bearbeitete er Themen, die vom historischen «Mainstream» eher links liegengelassen wurden.
August 1914: Deutsche Kriegsverbrechen in Belgien
Vorläufer der Wehrmachtsverbrechen im Zweiten Weltkrieg
von Angela Klein
Mit dem Ersten Weltkrieg verbindet sich in der Erinnerung der Massenmord durch schwere Artillerie und der Gaskrieg. Von den deutschen Kriegsverbrechen in Belgien und Frankreich ist kaum die Rede.
Sixto Rodríguez
Das Gültige vergeht nicht
von Dieter Braeg
Sixto Rodríguez marschierte wieder jeden Tag auf die Baustelle in Detroit, wo er immer schon schuftete. Er zog drei Töchter auf. Die Musik blieb ihm. Privat. Aus seinem Haus fand sie nicht mehr hinaus.
Jimmy’s Hall, Regie: Ken Loach
Großbritannien/Irland 2014, mit Barry Ward, Jim Norton. Ab 14.8. im Kino
von Liam MacUaid
Die beiden staatlichen Gebilde in Irland (Ulster und die Republik) waren das Produkt einer Revolution, die im Jahr 1921 eine Niederlage erlitt, als Michael Collins den Vertrag unterzeichnete, der das Land teilte.
Klaus Kufeld: Der kulinarische Eros
Geschichten über die Seele des Kochens & Essens. Wien: Edition Splitter, 2009. 144 S., 22 Euro
von Dieter Braeg
Der Herr Feuerbach hatte schon recht, als er verkündete, der Mensch sei, was er isst! Der Umgang mit Lebensmitteln findet zur Zeit leider nur sehr selten im Bereich Kultur und Philosophie statt. Wir haben es eher mit «Kochkünstlern» zu tun, die Geist und Körper leider nicht einmal leichte Kost bieten, sich «Lafer-Lichter-Lecker» oder so ähnlich nennen und Lebensmittel und Esserin/Esser foltern.
Yisid Sarid: Limassol
Zürich: Kein & Aber, 2010. 206 S., 16,90 Euro
von Udo Bonn
Tel Aviv zur Zeit der zweiten Intifada. Die Situation ist aufgrund der Attentate äußerst angespannt. Jeden Tag werden Palästinenser festgenommen und von den israelischen Geheimdienstleuten verhört: Wo und wann soll der nächste Anschlag stattfinden?
75 Jahre Zweiter Weltkrieg
Vier Kriege in einem
von Manuel Kellner
Am 1.September 1939 begann mit dem Überfall Nazideutschlands auf Polen der Zweite Weltkrieg. 60 bis 70 Millionen Menschen sind ihm zum Opfer gefallen, wenn unmittelbare Kriegsfolgen wie Hungersnöte und Seuchen einbezogen werden, dürften es sogar 80 Millionen gewesen sein.
Schweiz: Sozialistische Partei und Erster Weltkrieg
Basis stimmte gegen „Landesverteidigung“
von Rolf Krauer
Im November 1912 fand in Basel ein internationaler sozialistischer Kongress statt, dessen Ziel die Verurteilung der imperialistischen Politik und des sog. Marschs in den Krieg war. Einige Tage nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs brachen auch die politischen und organisatorischen Schwächen der II.Internationale hervor. Die Führungen der Sozialdemokratie waren gewissermaßen überrascht vom Zeitpunkt des Ausbruchs des Krieges.
China vor 25 Jahren: Das Massaker auf dem Tiananmen
Die Demokratiebewegung von 1989
von Au Loong Yu und Bai Ruixue
Die Demokratiebewegung ist allgemein als Studentenbewegung bekannt. Dabei wird häufig übersehen, dass die Beteiligung der Arbeiterklasse in einem späteren Stadium sehr zentral wurde und auch zu einer unabhängigen Organisierung von Arbeitenden führte. Das beunruhigte die KPCh und war einer der Gründe für die Zerschlagung der Bewegung am 4.Juni. Danach war die Arbeiterklasse atomisiert und demoralisiert.
1941/44: Deutsche Terrorherrschaft in Griechenland
Zum 70.Jahrestag des Massakers in Distomo
aus Griechenland-Info Nr.7
Am 10.Juni jährte sich das von Soldaten der Wehrmacht angerichtete Massaker von Distomo bei Delphi zum siebzigsten Mal. Dabei wurden das Dorf niedergebrannt und 218 Frauen, Alte und Kinder bestialisch umgebracht. Es war einer der traurigen Höhepunkte einer langen Blutspur der Wehrmacht in Griechenland.
Mit Mikrokrediten gegen die Armut?
Rendite machen und Gutes tun? Mikrokredite und die Folgen neoliberaler Entwicklungspolitik. Hrsg. Gerhard Klas, Philip Mader. Frankfurt a.M.: Campus, 2014. 217 S., 19,90 Euro
von Paul B. Kleiser
Eines der Ideologeme des Neoliberalismus besteht in der Vorstellung, jeder sei seines Glückes Schmied. Demnach brauchen arme Menschen vor allem im globalen Süden kein gutes Ausbildungs- und Gesundheitssystem, sondern «Mikrokredite» zur Herstellung von einfachen Produkten, die sie dann auf dem Markt mit Gewinn verkaufen und damit die Kredite zurückzahlen. Längerfristig würde dadurch in den Entwicklungsländern die Armut abgebaut, so die offizielle Propaganda.
Europas Strippenzieher
Wer in Brüssel wirklich regiert. Cerstin Gammelin, Raimund Löw: Berlin 2014. 384 S., 19,99 Euro
von Paul B. Kleiser
Das Buch der beiden Autoren ist in mehrerlei Hinsicht von Interesse: Löw hat als langjähriger Brüsseler Korrespondent des Österreichischen Rundfunks (ORF) offensichtlich gute Beziehungen zu den Brüsseler «Sherpas», die für die Politiker die Drecksarbeit machen dürfen (aber auch gute Hintergrundinformationen besitzen); auf dieser Grundlage berichtet er häufig detailliert über die Hintergründe von Entscheidungen (und die Abgründe der Treffen); außerdem kommt er aus einem kleinen Land, was seine Kritik am Gerangel beflügelt. Die Journalistin Cerstin Gammelin schreibt für die Süddeutsche Zeitung.
Roger Willemsen: Das Hohe Haus
Ein Jahr im Parlament. Frankfurt a.M.: S.Fischer, 2014. 398 S., 19,99 Euro
von Paul B. Kleiser
Roger Willemsen, der viele Jahre mit Dieter Hildebrandt zusammengearbeitet und lesenswerte Bücher über Guantánamo und Afghanistan geschrieben hat, hat den nötigen Masochismus aufgebracht, sich ein Jahr ins Plenum des Bundestags zu setzen und einfach den Abgeordneten zuzuhören. Es werden in diesem Zeitraum (zwischen zwei austauschbaren Neujahrsansprachen der Kanzlerin) unzählige innen- und außenpolitische Themen abgehandelt, wobei es häufig nicht auf Sachkenntnis, sondern auf Beschimpfung des Gegners, allen voran der LINKEN, ankommt.
Erich Mühsam Lesebuch
.«Das seid ihr Hunde wert!». Hrsg. Markus Liske, Manja Präkels. Berlin: Verbrecher-Verlag. 345 S., 16 Euro
von Dieter Braeg
Vor 80 Jahren, im Juli 1934, wurde Erich Mühsam nach über 16monatiger «Schutzhaft» von der SS ermordet
Geboren am 6.April 1878 in Berlin, wuchs er in Lübeck auf. Früh entstanden erste Texte, die in der Schule und im Elternhaus auf Ablehnung stießen. Wegen «sozialistischer Umtriebe» wurde er relegiert. Er lernte Apotheker, ab 1900 Arbeit arbeitete er verschiedenorts als Apothekergehilfe.
Mukoma wa Ngugi: Nairobi Heat / Caarl Hiassen: Sternchen Himmel.
Transit Buchverlag 2014. 174 S., 19,80 Euro / Goldmann 2014. 398 S. 9,99 Euro
von Udo Bonn
«Afrika wird dich zu einem Ali machen. Amerika zu einem Foreman…» Wer den denkwürdigen Boxkampf in Kinshasa 1974 gesehen hat, weiß eigentlich sofort, wie man sich entscheiden muss. Ishmael, ein schwarzer Polizist aus Wisconsin, wird von seinem kenyanischen Kollegen O. vor diese Alternative gestellt. Beide kennen sich erst kurze Zeit. Ein anonymer Anruf nach einem Mord an einer jungen blonden Frau in einem reichen Vorort hat Ishmael nach Kenya gebracht.
Die Psychologie soldatischer Männerbünde
Zur Aktualität von Klaus Theweleits Männerphantasien
von Rolf Euler und Manuel Kellner
Klaus Theweleits Männerphantasien erschienen 1977/78 in zwei Bänden und umfassen über tausend Seiten. Sie gehören zu den Schriften, die von Zeit zu Zeit wieder hervorgeholt werden sollten, gerade heute. Denn seine Erkenntnisse gelten nicht nur für die Vergangenheit: Erster Weltkrieg, Kolonialkriege, Faschismus und Nationalsozialismus, sie helfen auch die neueren Kriege, Massaker, gewaltsame Konfrontationen und brutalen Misshandlungen zu verstehen, wie vor wenigen Jahren in Jugoslawien und heute im Irak, in Syrien und in vielen weiteren Teilen der Welt
Last Week Tonight
John Oliver, Fernseh- und Internet-Comedy-Show. HBO, USA, seit Mai 2014
von Angela Huemer
Einige Leser werden sich wundern, was soll das, keine Besprechung eines ernsthaften und engagierten Films, stattdessen der Hinweis auf was Lustiges? Eine Comedy-Show, noch dazu eine amerikanische? Kann das denn gut sein?
Gegenstimmen
Lieder von unerträglichen Zuständen
von Dieter Braeg
Wo man singt, da lass dich nieder», so beginnt eines der Sprichwörter, das jenen, die singen, nichts Böses zutraut. So viele Chöre singen der heilen Welt ihr Lied oder loben Gott in der Höhe oder sonst wo auch immer. Miteinander im Chor singen hat Tradition und findet meistens in Kirchen statt, oder es werden jene Tugenden per Chor besungen, die keine sind. Bei den «Gegenstimmen», einem Chor von 50 Männern und Frauen, der sich in Wien im Jahre 1989 gründete, ist das anders.
Cash oder Crash
Denknetz-Jahrbuch 2013 (Hrsg. Denknetz)
von Peter Nowak
Im Zentrum der Aktionskonferenz Care-Revolution, die Mitte März in Berlin stattgefunden hat, stand das Recht, «selbstbestimmt für sich und andere zu sorgen und selbstbestimmt zu entscheiden, von wem wir versorgt werden wollen», schrieb Gabriele Winker, einer der Kongressorganisatorinnen. Die Diskussion ist überfällig.
Fred Hersch: Alive at the Vanguard
von Dieter Braeg
Wer beginnt schon im Alter von vier Jahren mit dem Klavierspiel? Nein, hier geht es nicht um jenen Wolferl, von dem Salzburg bis heute «lebt», ohne Tantiemen zu zahlen. An wen auch. Hier geht es um Fred Hersch. Hersch war geschätzter Begleitmusiker bei Stan Getz, Jane Ira Bloom, Joe Henderson, Art Farmer, Garry Burton und Charlie Haden.
Franz Innerhofer: Schöne Tage
Ergänzte Neuauflage. Salzburg, Wien: Residenz, 2011
von Dieter Braeg
Kein schöner Land? So beginnt ein Volkslied, da findet man sich ein unter Linden zur Abendzeit und versinkt in picksüßer Idylle. Schöne Tage der erste Roman von Franz Innerhofer erschien im Jahre 1974. «Der Pflege einer kinderlosen Frau entrissen, sah Holl sich plötzlich in eine fremde Welt gestellt. Es waren da große Räume und viele Menschen, die keine Zeit hatten für Kinder, denn sie mussten sich heftig bewegen. Die Felder waren verwahrlost und die Menschen hungrig.»
Filmfestival «Crossing Europe»
von Kurt Hofmann
Das Filmfestival «Crossing Europe» in Linz hat auch in diesem Jahr ein vielfältiges Programm trotz enger finanzieller Grenzen gezeigt: In der Ausgabe 11, die vom 23. bis 28.April stattfand, wurde «Crossing Europe» erneut seinem Ruf als Gegenentwurf zum sterilen Einheitsbrei des «Eurofilms» gerecht.
Karim Miskè: Entfliehen kannst du nie
Köln: Bastei Lübbe, 2014. 335 S., 8,99 Euro
von Udo Bonn
Seit Jahren lebt Ahmed Taroundant zurückgezogen in seiner mit Büchern vollgestopften Bude im Pariser Viertel La Villette. Er hat Schreckliches erlebt und taucht jetzt nur noch beim befreundeten Antiquar Monsieur Paul auf, um sich mit neuen Krimis zu versorgen. Da kommt der Tod in das Haus. Seine Nachbarin Laura, zu der er sich merkwürdig hingezogen fühlt, ist ermordet worden und die Zeichen in der Wohnung deuten auf eine rituelle Tat hin. Ahmed zieht sich zurück und schläft, besser als in den letzten Jahren.
Hommage an Sampat Pal
Amana Fontanella-Khan: Pink Sari Revolution – Die Geschichte von Sampat Pal, der Gulabi Gang und ihrem Kampf für die Frauen Indiens. Berlin: Hanser, 2014. 272 S., 19,80 Euro
von Gerhard Klas
Seit eineinhalb Jahren berichten Medien immer wieder von Vergewaltigungen in Indien. Mit Pink Sari Revolution ist nun ein Buch erschienen, das den Widerstand von einfachen, armen Frauen gegen die alltägliche Gewalt und Unterdrückung am Beispiel der Gulabi Gang beleuchtet, die in Zentralindien aktiv ist.
Österreichischer Film: Diagonale 2014
Schatten der Vergangenheit
von Kurt Hofmann
Drei Filme, stellvertretend für die diesjährige Auswahl der «Diagonale», des Festivals des österreichischen Filmes.
Ton Stein Scherben
Nach 25 Jahren wieder auf Tour
von Dieter Braeg
Am 1.April, da rechnet man ja mit den üblichen Scherzen, ich radle in Salzburg den Salzachfahrradweg in die Stadt und sehe da plötzlich ein Plakat mit der Ankündigung, dass am 12.April die Band Ton, Steine Scherben in Salzburg aufspielen wird. In Salzburg? In der Mozartkugelfestspielgesinnungsstadt?
Die Rote Hilfe in der BRD
Das Prinzip Solidarität. Zur Geschichte der Roten Hilfe in der BRD (Hrsg. Bambule). Hamburg: Laika, 2013. 2 Bd., je Band 21 Eur
von Peter Nowak
In den letzten Wochen haben Häftlinge in Bremen und Thüringen mit Hungerstreiks gegen die aus ihrer Sicht unzumutbaren Haftbedingungen protestiert. Auch die linke Öffentlichkeit nahm wenig Notiz davon. Schließlich handelte es sich nicht um politische Gefangene, die in der Regel Unterstützergruppen haben. Dabei gibt es auch bei sognannten sozialen Gefangenen eine Tradition von Kämpfen um ihre Rechte.
Wo ist die Zeitlupe?
Hartmut Rosa beschwert sich darüber, dass alles immer schneller geht
von Ale Schmitz
Die Linken haben keine Zeit, Revolution zu machen. So gesehen sind sie tatsächlich der bewussteste Teil der Bewegung – denn die meisten Menschen klagen darüber, dass sie zu wenig Zeit haben. Aber die Revolution soll man ja auch nicht in der Freizeit machen, sondern in den Betrieben, oder?
Bücherkiste: Paul Frölich, Irène Némirovsky
Paul Frölich: Im radikalen Lager. Politische Autobiographie. 1890–1921. Berlin: BasisDruck, 2013. 416 S., 29,80 Euro
Paul Frölich, von 1908 an bis zu seiner Flucht vor den Nazis an führender Stelle in verschiedenen Parteien und Strömungen der deutschen Arbeiterbewegung aktiv, verfasste seine Autobiografie 1938. Dem Verlag BasisDruck kommt das Verdienst zu, das maschinenschriftliche Manuskript seiner Autobiografie im Internationalen Institut für Sozialgeschichte (IISG) in Amsterdam ausgegraben und 2013 erstveröffentlicht zu haben.
Streifzüge durch das rote 20.Jahrhundert
Christoph Jünke, Hamburg: Laika, 2013. 320 S., 21 Euro
von Dieter Braeg
Spaziergang, Bewegung, Ausflug, Bummel, Marsch, Weg, Exkursion, Tour, Trip, Spritztour, Spaziergang, Bewegung, Bummel, Marsch, Exkursion, Abstecher, Fahrt ins Blaue, Lustfahrt, Landpartie, Abstecher, Erholungsfahrt, Vergnügungsfahrt, Wanderung, Ausflug…
25.April 1974 – Die Nelkenrevolution
Hrsg. Willi Baer, Karl-Heinz Dellwo. Hamburg: Laika, 2012
von Gaston Kirsche
Mit zwei Dok-Filmen: Viva Portugal!, Portugal/BRD 1975, von Malte Rauch, Christiane Gerhards und Samuel Schirmbeck, 115 Min.; Scenes from the Class Struggle in Portugal, Portugal/USA 1977, von Robert Kramer, 85 Min. Portugiesisch mit deutschen Untertiteln
Alfred Hackensberger: Letzte Tage in Beirut
Edition Nautilus, 2014. 159 S., 12,90 Euro
von Udo Bonn
Unendliche 966 Seiten lang ist Frank Schätzings Familien- und gleichzeitiger Politroman Breaking News, in dem es letztendlich um eine Verschwörung gegen Ariel Sharon geht, der 2005 in ein Koma fällt. Wie man dagegen auf 159 Seiten die Verwicklungen und inneren Interessenlagen der Nahostpolitik spannend erzählen kann, hat Alfred Hackensberger in seinem Buch Letzte Tage in Beirut demonstriert.
Die deutsche Sozialdemokratie 1914
Die Waffen hoch
von Arno Klönne
Friedrich Engels verstand etwas von der Realität des Militärischen im Prozess der Geschichte. Im Jahre 1887 schrieb er über einen drohenden modernen Krieg: «8–10 Millionen Menschen, Soldaten, werden sich untereinander abwürgen und dabei ganz Europa so kahl fressen wie noch nie ein Heuschreckenschwarm.
Aus der Vorgeschichte des Weltkriegs
Wirkliche Ursache Imperialismus
von Anton Pannekoek
Während der Weltkrieg seit über einem Jahr Europa in ein gewaltiges Schlachtfeld verwandelt, sind die Ursachen, die zu all dem Grauen geführt haben, noch sehr wenig bekannt. Nicht nur in den kriegführenden Ländern selbst, wo die Regierungen die Parole von der Verteidigung des bedrängten Vaterlands ausgaben, dem Feind die Schuld für den Krieg zuwiesen und mittels der Zensur die Äußerung jeder anderen Meinung verhinderten – auch in den anderen Ländern überwiegen dieselben oberflächlichen Erklärungen.
Kirchenkritiker Karlheinz Deschner
Gestorben am 8. April 2014
von Manuel Kellner
Es war ihm nicht vergönnt, seine monumentale Kriminalgeschichte des Christentums zu Ende zu bringen. In hohem Alter, bevor er jetzt mit 89 Jahren gestorben ist, vollendete er den zehnten Band zum „18. Jahrhundert mit Ausblick auf die Folgezeit“. Die im Juni erscheinende Printausgabe der SoZ wird eine Würdigung seines Lebenswerks bringen.
Der Große Krieg
Deutschlands imperialistische Bestrebungen
von Paul B. Kleiser
Der Erste Weltkrieg war in vielerlei Hinsicht ein einschneidendes Ereignis. Er forderte mindestens 10 Millionen Tote – rechnet man die indirekten Opfer, etwa die der Hungersnöte oder der Spanischen Grippe hinzu, bis zu 17 Millionen. Am Ende des Krieges waren 40 Staaten mit etwa 70 Millionen Soldaten an ihm beteiligt.
Manfred Jansen: Ihr seid Träumer – sagte der Traum
Beuwsstseinsentwicklung im Betrieb
von Wolfgang Hänisch
Die Welt der Warenproduktion ist das große Mysterium der bürgerlichen Gesellschaft. Gebirge von Waren begraben die Konsumenten unter sich – die Produzenten dieser Waren und die Umstände, unter denen sie leben und arbeiten, bleiben aber praktisch unsichtbar. Medial und gesellschaftlich sind sie nicht präsent.
Tony Benn
1925–2014
Am 14.März, drei Wochen vor seinem 89.Geburtstag, starb Tony Benn, der seit vier Jahrzehnten die Galionsfigur der antikapitalistischen Linken in der britischen Labour Party war.
Ulrich Renz: Die Tyrannei der Arbeit
Wie wir die Herrschaft über unser Leben zurückgewinnen. München: Ludwig, 2013. 272 S., 17,99 Euro
von Jochen Gester
Im Jahr 1998 beendete der Autor Ulrich Renz seine berufliche Karriere, die er als Arzt begonnen hatte und die ihn zum Leiter eines medizinischen Fachverlages machte. Er hatte das Gefühl, dass andere Dinge des Lebens vor lauter Arbeit zu kurz kommen. Deshalb wechselte zur freiberuflichen Tätigkeit als Publizist und Schriftsteller.
L.Mozarts Violine (Paladino Musik)
Maria Bader-Kubizek u.a., CD für etwa 18 Euro
von Dieter Braeg
Der Vater von Amadeus Mozart, Leopold Mozart (1719–1787), war zunächst in Salzburg Kammerdiener, und weil damals Bildung auch wichtig war, trat er 1743 als vierter Violinist in die erzbischöfliche Hofkapelle ein. Später diente er sich hoch und war Hofkompositeur und stellvertretender Kapellmeister.
Die schöne Krista
Deutschland 2013, Regie: Antje Schneider und Carsten Waldbauer
von Angela Huemer
Die schöne Krista ist kein hübsches Mädchen, sondern eine Kuh. Eine sehr große, schwarz-weiß gefleckte, sympathische Kuh. Krista ist nahe Oldenburg zuhause, auf dem Hof des jungen Bauern Jörg Seeger.
Gleich zu Beginn des Films betreten wir eine für Stadtpflanzen wie mich völlig unbekannte, aber faszinierende Welt: die der Viehschauen.
Verbotene Filme
Deutschland 2014, Regie: Felix Möller
von Peter Nowak
«Historische Nitrofilme sind hochexplosiv», warnt Egbert Koppe, Spezialist für Filmrestaurierung am Bundesarchiv in Hoppegarten, einem Vorort von Berlin. Diese Szene steht auch am Anfang eines Films, bei dem es um Streifen geht, die nicht nur wegen des chemischen Materials hochexplosiv sind.
David Peace: GB 84
München: Liebeskind, 2014. 536 S., 24,80 Euro
von Udo Bonn
April 2013: Jenseits der bewachten Begräbnisfeierlichkeiten knallen die Sektkorken, ausgelassene Jugendliche machen Straßenparty anlässlich des Ablebens vom Margret Thatcher. Die Nachrichtenagentur DPA/AFP zitiert einen ehemaligen Bergarbeiter aus Nordengland: «Ich bin hier, um ihre Geburt zu betrauern, weil sie für das System steht, unter dem wir alle noch immer leiden.»
Schriftsteller im Ersten Weltkrieg
Es war Krieg und (fast) alle gingen hin
von Dieter Braeg
Das Jahr 2014 hatte noch gar nicht angefangen, da «gedachte», ja «feierte» man den Beginn des Ersten Weltkriegs in jenen Medien, die dafür sorgen, dass Berta von Suttners Feststellung in Vergessenheit geriet: «Keinem vernünftigen Menschen wird es einfallen, Tintenflecken mit Tinte, Ölflecken mit Öl wegwaschen zu wollen. Nur Blut soll immer wieder mit Blut abgewaschen werden.»
Eine neue Zukunft bauen
Manifest für eine akzelerationistische Politik
von Ale Schmitz
Wer sind die Akzelerationisten? Akzeleration heißt Beschleunigung. Das neueste Denk-Ding einer minoritären, akademischen Linken. Erstmal sind darunter nur die Autoren eines typischen Büchleins aus dem Berliner Merve-Verlag zu verstehen: chic, reißerisch, fragmentarisch, aber immer: hoppla, jetzt kommen wir!
Sparifankal: Bayern-Rock
von Dieter Braeg
Ton Steine Scherben? Na gut, geht so. Aber der Carl Ludwig Reichert (Gesang, Gitarre, Posthorn) dazu Florian Laber (Bass, Gesang), Günther Sonderwald (Schlagzeug, Triangel), Tillmann Obermaier (Gesang, Dulcimer, Gitarre, Sulna) und Jan Dosch (Bass, Gitarre, Okarina, Gesang) haben im Feburar 1976 als Sparifankal bei Konzerten im Theater K. und im Jugendhaus «Picnic» in Erding eine Riesenplatte aufgenommen!
Im Kältefieber. Februargeschichten 1934
Hrsg. Erich Hackl, Evelyne Polt-Heinzl. Wien: Picus, 2014
von Dieter Braeg
Vier Wochen nach Hitlers Machtergreifung löste der österreichische Bundeskanzler Engelbert Dollfuß am 4.März 1933 nach einer Abstimmungspanne den Nationalrat auf. Pressezensur und die Auflösung des Verfassungsgerichtshofs folgten. Mit Hilfe des Mentors von Dollfuß, Benito Mussolini, wurde auf dem Katholikentag am 12.September verkündet, Österreich werde ein «sozialer, christlicher, deutscher Staat auf ständischer Grundlage mit starker autoritärer Führung».
Monuments Men
USA 2014, Regie: George Clooney
von Angela Huemer
Das allererste was ich in meine Studium der Kunstgeschichte tun musste, im Proseminar 1, war ein Bild zu beschreiben, um zu lernen, genau hinzusehen. Nicht irgendein Bild, es war der Genter Altar der flämischen Maler Jan und Hubert van Eyck, eines der wichtigsten Kunstwerke der westlichen Welt, eines, das in keinem der Überblickswerke der Kunstgeschichte fehlt – und auch eines der schönsten.
Ulrich Ritzel: Trotzkis Narr
Berlin: btb, 2013. 461 S., 19,99 Euro
von Udo Bonn
Crammenow, Kreis Havelland, in der Datsche von Finklin. Was hat den Exkommissar Berndorf in das Refugium eines notorischen Trotzkisten und Polizistengegners getrieben? Berndorf weiß das selbst nicht so genau.
Pete Seeger (1919–2014)
Der Mann mit dem kleinen «c»
von Alexander Billet
Pete Seeger, der große Sänger der amerikanischen Folkmusik, starb am 27.Januar in New York im Alter von 94 Jahren.
Pete Seegers Leben und Werk haben eine eigenartige Symmetrie. Obwohl er fast ein Jahrhundert lang lebte, blieb für ihn bis zuletzt die Zeit stehen. Er war aber kein Relikt, sondern erinnerte daran, dass in der amerikanischen Kultur trotz aller Mainstreamelemente stets ein organischer sozialistischer Strang lebendig geblieben ist.
Gerlef Gleiss (1954–2014)
Nachruf
vonTheresia Degener
Als am 5.Februar 2014 Gerlef Gleiss starb, verlor die deutsche Behindertenbewegung und die deutsche Linke einen der wichtigsten Querdenker in Sachen Behindertenpolitik und einen wunderbar warmherzigen, aufrichtigen und humorvollen Genossen.
Mythen und Fakten zur Rentenpolitik
«Alte kassieren! Junge zahlen nur drauf!»
von Rolf Euler
„Die Alten leben auf Kosten der jungen Generation!“ Das ist das Mantra der gegenwärtigen Propaganda, ob es um Steuern, Haushaltsdefizite oder Renten und Krankenversicherung geht –immer wird die demografische Entwicklung herangezogen, um Spardiktate durchzusetzen. Und immer wird verschwiegen, wie es um die Einkommens- und Vermögensverteilung aussieht: Wer zahlen könnte und wer für alles zahlen muss.
Die Bundeswehr in Afghanistan
Ein Comic über den verschleierten Krieg
von Manuel Kellner
David Schraven hat tausende Seiten offizieller Dokumente gesichtet und mit einer Reihe von deutschen Soldaten gesprochen. Die gewonnenen Erkenntnisse verarbeitete er nicht zu einer klassischen Reportage, sondern machte daraus zusammen mit dem Zeichner Vincent Burmeister einen Comic.*
«Soldaten sind keine Brunnenbauer. Soldaten sind Soldaten. Sie tragen Waffen.
Bruce Springsteen: High hopes
Columbia Records, 2014
von Dieter Braeg
In Zeit-online wird die neueste CD von Bruce Springsteen, High hopes, von Jan Kühnemund nicht gerade in den siebten Musikhimmel gelobt: «Wann nimmt dieses Genöle denn ein Ende?» Es ist Springsteens 18.Studioalbum. Ja, es gab Alben, die Springsteen als kritischen Rock-/Popmusiker Geist und Ohr näher bringen: Born to run, Darkness on the edge of town oder Nebraska, und ich erinnere mich gerne an die kämpferische Brüllvorlage Born in the USA.
High hopes allerdings, das ist kein Aufwecker wie das 2012 erschienene Album Wrecking ball, das ich High hopes vorziehe.
Reform oder Revolution? Die ewige Streitfrage
Reform und Revolution. (Hrsg. M.Kellner, E.Lieberam, R.
Blau ist eine warme Farbe
Frankreich 2013, Regie: Abdellatif Kechiche. Länge: 175 Minuten
von Ilona Herrmann
Seit dem 19.Dezember ist in den Kinos der Film Blau ist eine warme Farbe (Originaltitel: La vie d’Adèle – Chapitres 1&2) des französischen Regisseurs Abdellatif Kechiche zu sehen, der gemeinsam mit den beiden Hauptdarstellerinnen bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes 2013 die Goldene Palme gewann.
Ein filmisches Meisterwerk, das wie kein anderes zuvor den Beginn und das Ende einer langjährigen Liebesbeziehung zwischen zwei Frauen beschreibt, oder anders ausgedrückt: Eine dreistündige außergewöhnliche Filmstudie, die die intensive Romanze zwischen der siebzehnjährigen Schülerin Adèle (Adèle Exarchopoulos) aus dem Arbeitermilieu und der lesbischen Kunststudentin Emma (Léa Seydoux) darstellt. Adèles Leben ändert sich gravierend, als sie Emma, der Frau mit den blauen Haaren, zum erstenmal auf der Straße begegnet, während sie ungezwungen und ausgelassen Arm in Arm mit einer anderen Frau an ihr vorübergeht.
Jim Thompson: Zwölfhundertachtzig schwarze Seelen
Zürich: Diogenes, 1992. 267 S., 8,90 Euro
von Udo Bonn
«Was halten Sie von den Bullschiwitzkis? Werden sie den Zaren stürzen?» Nick ist nicht der hellste Kopf im Zwölfhundertachtzig-Seelen-Kaff Pottsville, irgendwo in Texas Anfang des vergangenen Jahrhunderts.
Ausstellung: Die Künstler der Avantgarde im Ersten Weltkrieg
Umsturz und Krieg
von Angela Klein
Es war Krieg und alle gingen hin, allen voran die Intellektuellen, die die öffentliche Meinung prägten: Schriftsteller, Künstler, Philosophen, Journalisten. Tausende ließen alles stehen und liegen, was sie bisher getan hatten und meldeten sich freiwillig zum Krieg – nicht nur in Deutschland. Auch die der bürgerlich-dekadenten Gesellschaft kritisch gegenüberstehende junge Künstlergeneration – Maler des Expressionismus und Kubismus – ließ sich vor deren Karren spannen. Es war ein Massenwahn, in die Geschichte eingegangen als «Augusterlebnis».
Die Bonner Ausstellung «1914.
Ein Krieg, den keiner wollte?
Erinnerungspolitik zum Thema «1914»
von Arno Klönne
Einhundert Jahre seit dem «Ausbruch» des Ersten Weltkriegs: Dieses eigentlich düstere Jubiläum ist in der medialen Verwertung hochgradig rentabel, es bietet in Fülle Gelegenheiten zu Geschichtstourismus im weitesten Sinne, vom Buchmarkt bis zum Museum. Es fehlt dabei nicht an Absurditäten: Beispielsweise stellt die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin «Kleider im Krieg» aus; ohne die Jahre 1914–1918, so wirbt sie, wäre «die Befreiung der Frau vom Korsett und langen Rock nicht möglich gewesen». Was sind, daran gemessen, schon die 20 Millionen Kriegsopfer damals…
Wirklich Grund zum Jubeln hat das traditionell deutschnationale Gemüt. Genau rechtzeitig ist ein «Buch des Jahres» erschienen und rasch zum Superseller geworden, Die Schlafwandler von Christopher Clark. In einem Interview mit der Jungen Freiheit, dem wöchentlichen Organ der Neuen Rechten, hat der Autor seine Leistung für das hiesige Nationalgefühl auf den Punkt gebracht: Durch sein Werk sei nun endlich nachgewiesen, dass Preußen-Deutschland unter Wilhelm II.
Interview mit Karol Modzielewski: Sie sind wütend geworden? Herrlich!
Vom Dreiklang von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit blieb für Polen nur die Freiheit
Mit Karol Modzielewski sprach Grzegorz Sroczynski von der polnischen Tageszeitung Gazeta Wyborcza am 4. und 15. September 2013
„Wir stehen nicht über der Geschichte, sondern unterliegen ihren Abläufen. Die Revolution ist ein unverrückbarer Bestandteil und Nachfolger der allgemeinen Krise des Systems.“ Das haben Sie zusammen mit Jacek Kuron 1964 geschrieben.
Ich mag diesen Text gar nicht mehr.
Art War
Deutschland 2013, Regie: Marco Wilms. Länge: 90 Minuten
von Angela Huemer
Eigentlich sollte es ein ganz anderer Film werden, ein Film über den deutsch-ägyptischen Autor und Politologen Hamed Abdel Samad, dafür hatte er auch schon Förderung erhalten. Doch dann kam alles anders.
Die Revolte in Tunesien schwappte vor fast genau drei Jahren nach Ägypten über und es trat ein, was niemand für möglich gehalten hatte: das Regime Mubarak wurde gestürzt. Seither ist viel passiert, aus Marco Wilms’ Film ist eine besondere Art der Dokumentation über diese nach wie vor andauernde Revolution geworden – ein Film über die Künstler, die mit ihren Graffitis die Revolution mitprägen.
Dieter Hildebrandt (1927–2013) – Nachruf
Er war der Vater des Nachkriegskabaretts
von Paul B. Kleiser
Es gibt wenige Künstler in deutschen Landen, die das politische und kulturelle Leben über einen sehr langen Zeitraum so nachhaltig geprägt haben wie Dieter Hildebrandt. Mit seinen Fernsehsendungen Notizen aus der Provinz und Der Scheibenwischer erreichte er ein Millionenpublikum, für das diese Sendungen Kultstatus erlangten. Für die deutsche Rechte, vor allem die CSU mit Franz Josef Strauß und Konsorten oder die hessische «Stahlhelmfraktion» unter Dregger, und natürlich für die Regierung des dünnhäutigen Helmut Kohl, wurde er zum Hassobjekt.
Die Superreichen
In der Krise nochmal fett geworden
von Paul B. Kleiser
Chrystia Freeland: Die Superreichen. Aufstieg und Herrschaft einer neuen globalen Geldelite. Frankfurt a.M.: Westend, 2013. 358 S., 19,99 Euro
Reichstagsbrand
Eine immer noch aktuelle Kontroverse
von Helga W. Schwarz
Alexander Bahar, Wilfried Kugel: Der Reichstagsbrand. Geschichte einer Provokation. Köln: PapyRossa, 2013. 360 S., 17,90 Euro
Barbara Kalender, Jörg Schröder: Kriemhilds Lache.
Neue Erzählungen aus dem Leben. Berlin: Verbrecher Verlag, 2013. 272 S., 26 Euro
von Dieter Braeg
In der Wexstraße in Berlin wird viel erzählt und auch an allen anderen ehemaligen Wohnorten von Barbara Kalender und Jörg Schröder war das so. Zu Kalender & Schröder gehört der März-Verlag, der viele von uns in den Nachkriegsjahren, als wir noch jung waren und angepasst werden sollten, mit seinen Büchern von einem ordentlichen Lebensweg abhielt.
Terra nera
Italien 2012, Regie: Simone Ciani, Danilo Licciardello (Englisch, Französisch mit deutschen Untertiteln)
von Angela Huemer
Ein Film über Ölsandabbau durch Großkonzerne in Kanada und im Kongo.
Dominique Manotti: Zügellos
Hamburg: Argument, 2013. 286 S., 18 Euro, und:
Charlotte Otter: Balthasars Vermächtnis. Hamburg: Argument, 2013. 316 S., 13 Euro
von Udo Bonn
Zwei lesenswerte Kriminalromane, von denen einer in Frankreich, der andere in Südafrika spielt.
«Das Lagerthema ist die Kernfrage unserer Epoche»
Eine Ausstellung über den russischen Autor und Lagerchronisten Warlam Tichonowitsch Schalamow
von Jochen Gester
Noch bis zum 8.Dezember zeigt das Literaturhaus Berlin eine Ausstellung über den russischen Schriftsteller Warlam Schalamow, einen literarischen Chronisten des stalinistischen Lagersystems. Die Ausstellung schafft einen emotional bewegenden Zugang zur Biografie Schalamows, der dreimal verhaftet wurde und insgesamt 17 Jahre Lagerhaft durchstand. Parallel dazu werden zahlreiche Veranstaltungen mit Filmen und Lesungen zu Schalamow und Schriftstellerkollegen wie Alexander Solshenizyn, Jewgenija Ginzburg, Ossip Mandelstam, Boris Pasternak, Iwan Tschistjakow, Andrej Sacharow, Lew Kopelew und Heinrich Böll angeboten.
Võ Nguyên Giáp 1911–2013
von Pierre Rousset
Am 4.Oktober starb in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi im Alter von 102 Jahren General Võ Nguyên Giáp. Seit den 30er Jahren antikolonialer und kommunistischer Aktivist, wurde er als militärisch-politischer Führer berühmt durch seine Rolle in der Schlacht von Diên Biên Phu, die das Ende des französischen Kolonialreichs einläutete. Neben Hô Chí Minh war Giáp der einzige international renommierte Führer der KP Vietnams.
Für Irlands Freiheit
100 Jahre «Irish Volunteers»
von Florian Osuch
Vor 100 Jahren entstanden die «Irish Volunteers». Aus der 1913 gegründeten Organisation ging später die historische IRA hervor.
Seit Generationen treten in Irland Menschen für Demokratie und Selbstbestimmung ein. Die Geschichte des Freiheitskampfs ist jedoch tragisch. Bislang blieb nahezu jede Erhebung erfolglos. Noch immer hat Irland keine vollständige Souveränität. Großbritannien kontrolliert mit dem nordirischen Staatsgebilde bis heute einen beachtlichen Teil der Insel.
Was tun mit Kommunismus?
Auf der Suche nach der besseren Zukunft
von Ale Schmitz
Hat jemand die Zukunft gesehen? Zwei Berliner Gruppen wollen mit Sammelbänden die «Utopie», bzw. das «Ei des Kommunismus» entdecken. Träumen, wachen, kämpfen. Keine Angst mehr haben. Nicht nur dabei sein, sondern auch dagegen. Guevara, Adorno, Bloch – deren Slogans gibt es immer noch, auch wenn viele 68er schon in Rente sind.
Zur Kritik gängiger linker Krisentheorien
Guenther Sandleben, Jakob Schäfer: Apologie von links. Köln: Neuer ISP Verlag, 2013. 145 S., 14,80 Euro
von Thomas Märk
Die Krise ist keineswegs vorbei. Die Wirtschaft befindet sich inmitten eines langwierigen Krisenprozesses, der sich nach kurzer Unterbrechung voraussichtlich weiter zuspitzen wird. Krisentendenzen weisen in Richtung eines Zusammenbruchs, nicht nur des Finanzsystems, sondern der Wirtschaft insgesamt. Dies sind nur drei der Thesen, die die beiden Autoren Guenther Sandleben und Jakob Schäfer in ihrem Buch «Apologie von links. Zur Kritik gängiger linker Krisentheorien» vertreten. Darin legen sie sich so ziemlich mit allen an, die gemeinhin als kritische Ökonomen gelten.
«Ich schrieb mich selbst auf Schindlers Liste»
Die Geschichte von Hilde und Rose Berger
von Peter Nowak
Kürzlich hat der Gießener Psychosozial-Verlag einen Band mit der Lebensgeschichte der mittlerweile verstorbenen Hilde und Rose Berger veröffentlicht und damit das Schicksal der jüdischen Familie Berger in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Der Band enthält mehrere Interviews, die die Geschwister zwischen 1978 und 1997 in den USA gaben, sowie einen von Hilde Berger 1980 verfassten Bericht über ihr Leben und ihr politisches Engagement in Berlin.
Der hessische Landbote 2013
Stuttgart: Peter-Grohmann-Verlag, 2013. 40 S., 3,50 €
von Rolf Euler
Der Hessische Landbote ist wieder erschienen!
Das ist die wohl überraschendste Neuerscheinung anlässlich des 200.Geburtstags des Dichters und Kritikers der herrschenden Zustände. «Der Hessische Landbote 2013» ist ein Aufruf, vielleicht auch in Anlehnung an Stéphane Hessels «Empört Euch!», der im Untertitel von sich sagt: «anstiften will zur Auflehnung».
Der Funke zur Eigenmächtigkeit
Zum plötzlichen Tod von Lorenz Brandlmeier (1960–2013)
von Christiane Niesel und Angelika Prömm
Am 2.Oktober 2013 starb völlig unerwartet mit 53 Jahren Lorenz Brandlmeier. Er zog 1990 aus Oberbayern nach Köln, ins Zentrum der Kunst und Musik und der damals für ihn viel versprechenden Vereinigten Sozialistischen Partei, VSP.
Jörg Huwer: «Gastarbeiter» im Streik
Die Arbeitsniederlegung bei Ford im August 1973. Köln: Edition DOMiD, 1973. 114 S., 12 Euro
von Dieter Braeg
In seinem Vorwort schreibt Manfred Kolb, Geschäftsführer von DOMID (Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland e.V.): «Zweifellos war der Ford-Streik ein deutliches Zeichen für das Ende der ‹Gastarbeiterzeit›. Die bereits zuvor aufgetretenen Fragen nach dem ökonomischen Nutzen und den sozialen Folgen der Zuwanderung ausländischer Arbeitskräfte wurden noch kritischer diskutiert. Die Bundesregierung reagierte auf ihre Weise: Knapp drei Monate nach Ende des Streiks verkündete sie im November 1973 den offiziellen Anwerbestopp für ausländische Arbeitskräfte.»
Goldrausch – Die Geschichte der Treuhand
Deutschland 2012
von Gaston Kirsche
Bei der aktuell erhältlichen DVD-Fassung fehlt der Name des Regisseurs. Der Grund: Es bestand keine Einigkeit mit der Produktionsfirma und den beteiligten Sendern darüber, wie die Geschichte erzählt werden sollte. Vielleicht bezeichnend für einen Film über die Treuhand, denn hier ist jüngste Zeitgeschichte Thema, seit der Einverleibung der DDR durch die BRD, mit deren Folgen, deren sozialen Verwerfungen wir alle leben.
Robert Wilson: Stirb für mich
München: Page & Turner, 2013. 537 S., 14,99 Euro
von Udo Bonn
London, Anfang März 2012, die Olympischen Spiele stehen bevor. Die Erwartungen des Establishments an das Großereignis sind groß, positive Auswirkungen auf die Märkte sind eingeplant. Wie ein i-Tüpfelchen auf die gespannte Stimmung wirkt da das Angebot des charismatischen indischen Aufsteigers Frank D’Cruz, eine Elektroautofabrik im entindustrialisierten England zu errichten. Dann aber wird D’Cruz’ Tochter Alyshia entführt.
Die Völkerschlacht von Leipzig, oder:
Die Geburt der deutschen Nation aus dem Geist des Krieges
von Angela Klein
In der deutschen Geschichtsschreibung gilt die Völkerschlacht von Leipzig als die Geburtsstunde der deutschen Nation: Die Erhebung gegen die napoleonische Fremdherrschaft habe erstmals ein Nationalbewusstsein herausgebildet, das, über viele Rückschläge hinweg, 1871 zur Bildung des Deutschen Reichs und damit zu einem deutschen Nationalstaat geführt habe. Dieselbe Geschichtsschreibung vermerkt mit Stolz, dieser Weg der Nationenbildung sei ohne die Gräueltaten der Französischen Revolution ausgekommen.
Haben wir ein Umweltproblem, weil es zuviele Menschen gibt?
Stephen Emmott, Zehn Milliarden. Berlin 2013: Suhrkamp Verlag, 206 Seiten, 14,95 Euro. Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger.
von Gerhard Klas
Seit dem spektakulären Scheitern des Weltklimagipfels Dezember 2009 in Kopenhagen ist das Thema Erderwärmung in der veröffentlichten Meinung zunehmend in den Hintergrund gerückt. Mit der Veröffentlichung des neuesten Berichts des Weltklimarates unter dem indischen Direktor Rajendra Pachauri Ende September ist die Aufmerksamkeit wieder etwas gestiegen.
Duisburg. Eine Stadt wird zerstört
Roland Günter: Stadtmassaker und Sozialverbrechen. Studie zur Kommunalpolitik am Fallbei(l)spiel ‚Stadtzerstörung und Stadtentwicklung in Duisburg‘. Essen 2013, Klartext-Verlag. 432 Seiten mit vielen Bildern, 23,95 Euro.
von Leo Löwe
Nein, dieses Buch wirft den Leser nicht in eine tiefe Depression, wie der Autor im Vorwort selbst vermutet und wofür er angesichts der geschilderten Ungeheuerlichkeiten in Duisburg allen Grund hat. Nein, dieses Buch, die dargestellten Vorgänge machen wütend. Sie machen mich so wütend, dass ich mich wundere, dass die Menschen in Duisburg nicht längst zu ganz anderen Mitteln als dem gesprochenen Wort und der politischen Debatte greifen.
Wie Bund und Länder bei der NSU-Aufklärung versagen
Bodo Ramelow (Hg.), „Schreddern, Spitzeln, Staatsversagen. Wie rechter Terror, Behördenkumpanei und Rassismus aus der Mitte zusammengehen“. Hamburg 2013: VSA, 238 Seiten, 12,80 Euro
von Andreas P. Zaleshoff
„958 Seiten Inkonsequenz“. So lautete kurz und knapp die Beurteilung des Abschlussberichts des Bundestagsuntersuchungsausschusses durch die sächsische Landtagsabgeordnete Kerstin Köditz. Köditz ist Obfrau der LINKEN im sächsischen Untersuchungsausschuss, der sich allerdings – ein wichtiger Unterschied – als Gegenstand der Arbeit „Neonazistische Terrornetzwerke in Sachsen“ vorgenommen hat.
Eine Linie von Lassalle zu Peer Steinbrück?
Ralf Hoffrogge: Sozialismus und Arbeiterbewegung in Deutschland.
Von den Anfängen bis 1914. 215 Seiten, Stuttgart 2011: Schmetterling Verlag, 10 Euro.
von Jörg Roesler
Vor 150 Jahren, am 23. Mai 1863, gründete Ferdinand Lassalle den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein. Das Datum gilt als Geburtsstunde der Arbeiterbewegung in Deutschland und wurde im vergangenen Mai groß begangen – meist unter dem Titel „150 Jahre Sozialdemokratie“. Doch führt wirklich eine gerade Linie von Ferdinand Lassalle zu Peer Steinbrück?
Kein Kochbuch
Reinhard P.Gruber, „Einfach Essen!“ Kochbuch für die harten Zeiten. 120 Seiten. Graz-Wien 2010: Literaturverlag Droschl. 18 Euro
von Dieter Braeg
Über den Autor Reinhard P.Gruber, muss man doch mehr als nur einige lobende Worte erwähnen. Er hat viele gute Texte geschrieben, er wäre es wert, im deutschsprachigen Raum mehr gelesen zu werden. Da wäre zum Beispiel sein Buch „Nie wieder Arbeit“ da kann man ein Manifest lesen, hier eine kurze „Kostprobe“:
Der Polizist aus der Bronx
Jerome Chagrin, Unter dem Auge Gottes. Diaphanes 2013, 285 Seiten, 16,95 Euro
von Udo Bonn
Der Krimidelikatessenzubereiter Thomas Wörtche hat es – jetzt als Herausgeber der Penser-Pulp-Reihe – wieder einmal geschafft, Feines auf den Büchertisch zu zaubern. Kurz nach seinem Erscheinen in den USA liegt die Übersetzung von Jerome Charyns Roman „Unter dem Auge Gottes“ auf deutsch vor.
Aus dem Widerstand gegen die chilenische Militärdiktatur
Calle Santa Fe, Chile 2007. Regie: Carmen Castillo, Länge: 163 Minuten
von Gaston Kirsche
Calle Santa Fe ist ein sehr persönlicher Film aus dem Widerstand gegen die chilenische Militärdiktatur. Den Putschisten vom 11. September 1973 ist es nicht gelungen, den Kampf und die Erinnerung daran auszulöschen.
„Unser Leben ist der Mord durch Arbeit“
Zu Georg Büchners 200. Geburtstag
von Paul B. Kleiser
Im 19.Jahrhundert gibt es nach 1815 in der deutschen Literatur niemanden, der Büchner sowohl in der Radikalität seiner Ansichten und Poetik wie der Tiefe seiner Philosophie gleichkäme. Daher hat es unzählige Versuche gegeben, dem revolutionären Büchner’schen Werk den Zahn zu ziehen und es als „poetischen Realismus“, als „existentialistisch“ oder geschichtsfatalistisch zu deuten.
Die Geschichte der BRD ist noch nicht geschrieben
Josef Foschepoth: Überwachtes Deutschland. Post- und Telefonüberwachung in der alten Bundesrepublik. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2013. 378 S., 34,99 Euro.
von Dominik Rigoll
Während die Geschichte der DDR zu einem nicht unbeträchtlichen Teil auf der Grundlage von Quellen ihrer Staatsschutzorgane geschrieben wird, harrt die westdeutsche «streitbare Demokratie» noch immer ihrer Historisierung.
Die Schweiz und Deutschland im Zweiten Weltkrieg
von Charles-André Udry
Die Beziehungen zwischen dem helvetischen und dem deutschen Kapitalismus waren während des Zweiten Weltkriegs besonders eng. Darüber ist geforscht worden, unter anderem von einer offiziellen Kommission in der Schweiz unter der Leitung von Jean-François Bergier. Der Bergier-Bericht wird nun von den Rechten angegriffen.
Demokratische Autonomie in Nordkurdistan
Rätebewegung, Geschlechterbefreiung und Ökologie in der Praxis – eine Erkundungsreise in den Südosten der Türkei.
Neuss: Mesopotamien Verlag, 2012. Schutzgebühr: 5 Euro+Porto.
von Ulf Petersen
Im September 2011 fuhr eine Delegation aus Deutschland nach Nordkurdistan (Südosttürkei), um mehr über die Ansätze der Selbstverwaltung im Rahmen des Konzepts der «Demokratischen Autonomie» zu erfahren. Die Ergebnisse mit ausführlichen Interviews sind in einer 180-seitigen Broschüre zusammengefasst (alle Zitate im Folgenden aus der Broschüre).
Vom Wunsch, das Rad zurückzudrehen
Wolfgang Streeck: Gekaufte Zeit. Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus. Berlin: Suhrkamp, 2013. 270 S., 19,99 Euro
von Paul B. Kleiser
Das neue Buch des Kölner Soziologen und früheren Direktors des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung, Wolfgang Streck, hat wegen seiner Analyse der gegenwärtigen Krise des «demokratischen Kapitalismus» große Verbreitung und Beachtung gefunden.
«Der Tod war unser Begleiter»
Filmtrilogie: Birds in the Mire (I), Among the Rocks (II), Rain Girls (III). Griechenland 2008–2011.
Regie: Alida Dimitriou. Griechisch mit engl. Untertiteln
von Peter Nowak
Die außergewöhnliche Filmtrilogie zeichnet die Geschichte des Widerstands griechischer Frauen nach.
«Wird Zeit, dass wir leben»
Zum fünften Todestag von Christian Geissler
von Michael Banos
Den «Hieronymus Bosch des Deutschen Herbstes» nannte der Schriftsteller Jürgen Lodemann Christian Geissler in einem Nachruf vor fünf Jahren (siehe SoZ 10/2008).
Can’t be silent
Deutschland 2013. Regie: Julia Oelkers
von Angela Huemer
Es ist nur scheinbar leichter, einen Film zu machen, bei dem die Musik im Mittelpunkt steht. Denn der Film muss einen eigenen Rhythmus finden. Noch schwerer wird es, wenn es gar nicht nur um die Musik geht, sondern vor allem um die Musiker. Da diese in „Can’t be sielend“ aus aller Herren Länder stammen und keiner von ihnen bis dato in Deutschland einen gesicherten Aufenthaltsstatus hat, ist der Film auch eminent politisch,
Oliver Bottini: Der kalte Traum
Krimi, Köln: Dumont, 2013. 446 S., 9,99 Euro
von Udo Bonn
Ein junger kroatischer Soldat in Großaufnahme, der einem greisen serbischen Zivilisten die Pistole an die Schläfe presst und mit der anderen Hand dessen Kopf an den Haaren nach hinten zu zerren scheint. Die Miene des Kroaten spiegelt blanken Zorn wider, die des Serben panische Angst. Augen und Mund sind aufgerissen. Aus der Nase läuft Blut. Das Foto des Kapetan. Die Bildunterschrift: 25.8.95, bei Knin: Ein serbischer Schlächter zittert vor der gerechten Strafe durch den jungen Kapetan.
Thomas Rothschild: Bis jetzt ist alles gut gegangen. Fälliger Dank und mürrische Zwischenrufe.
Wien: Klever, 2012. 223 S., 19,90 Euro
von Dieter Braeg
Als ich im Jahr 2006 das Buch „Alles Lüge“ von Thomas Rothschild besprach, stellte ich fest: «Gar viele behaupten, an einer schönen Welt zu basteln. Noch mehr lügen in die Taschen anderer, weil die eigene Tasche schon lügenvoll ist. Die Verhältnisse sind nützlich, und es ist so erfreulich, dass Thomas Rothschild noch immer für viel zu viele kein unangenehmer Zeitgenosse ist. Mir wäre lieber, es wäre anders, weil Verhältnisse in diesem Land eben nur für den so sind, wie sie sein sollen, der es sich richtet.»
War Richard Wagner ein Antisemit?
oder: Wenn der Sack geschlagen und der Esel gemeint wird
von Paul B. Kleiser
Richard Wagner, dessen 200.Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird, war bekanntlich der Lieblingskomponist von Hitler. Bis 1939 pilgerte dieser jedes Jahr auf den Grünen Hügel nach Bayreuth, um dort von den Wagnerianern, allen voran Winifred Wagner, empfangen zu werden. Noch in ihren späten Jahren, so in einem Film von H.-J.Syberberg, bekannte sich Winifred ziemlich offen zu ihrer Nazi-«Vergangenheit». Doch macht die Verbindung von Drittem Reich und Wagner sein Werk für alle Zeit ungenießbar, wie immer wieder behauptet wird.
Mehr Licht!
Eine Ausstellung zur Geschichte der Arbeiterbewegung*
von Dieter Braeg
Die Geschichte der Arbeit und der Arbeiterbewegung führt in der heutigen Gesellschaft ein Schattendasein. Wenn Geschichte, dann die, die Guido Knopp «verkauft». Sie hinterlässt den faden Nachgeschmack einer seltsamen «Ausgewogenheit». Wer Arbeit hatte oder hat und dafür die besten Jahre seines Lebens verschwendete, dessen Geschichte erreicht jene öffentlich-rechtlichen Bildschirme, bezahlt per Zwangsbeitrag ohne inhaltliche Einflussnahme, aber nur selten.
Die Unseren
Werner Wachner (17.Juli 1961–15.Mai 2013)
von Peter Berens
Unser Freund und Genosse Werner ist am 15.Mai im Alter von nur 51 Jahren verstorben. Er war seit mehreren Jahren schwer erkrankt, zuletzt an Lungenkrebs. Geboren in Dinslaken, wurde Werner 1977 zunächst als Juso aktiv. Als Azubi zum Stahlbauschlosser bei der MAN-Gute Hoffnungshütte in Oberhausen-Sterkrade trat er 1979 der Gruppe Internationale Marxisten (GIM) bei. In den 80er Jahren prägten ihn die Anti-Atom- und die Friedensbewegung, die Streiks der Stahl- und Metallarbeiter für die 35-Stunden-Woche und Ende 1987/Anfang 1988 der Kampf gegen die Schließung von Krupp in Rheinhausen.
Ab durch den Kamin
«Das allerletzte Gefecht»: Wolfgang Pohrt zieht den Stöpsel aus dem Kommunismus
von Ale Schmitz
Wo bleibt eigentlich die Weltrevolution? Der Essayist und Soziologe Wolfgang Pohrt hat keine Lust mehr, darauf zu warten. Für ihn ist der Kommunismus «wie Rauch durch den Kamin» abgezogen. Während die Banken bislang noch gerettet werden konnten, sei die Linke «jetzt schon bankrott».
Promised Land
USA 2012. Mit Matt Damon, Frances McDormand. Regie: Gus Van Sant
von Angela Huemer
Ein schickes Restaurant in New York City. Steve Butler, verkörpert vom ausgezeichneten Schauspieler Matt Damon, trifft sich dort mit einem Kollegen, d.h. einem seiner Vorgesetzten. (Matt Damon sollte eigentlich auch Regie führen, doch dann kamen Terminprobleme dazwischen, daraufhin heuerte er Gus Van Sant an, mit dem er 1997 in dem erfolgreichen Film Good Will Hunting gearbeitet hatte, der gleichzeitig Matt Damons Durchbruch war.)
Wolf Wetzel: Der NSU-VS-Komplex
Münster: Unrast, 2013. 130 S., 12 Euro
von Angela Klein
Wenn die zuständigen Behörden – Polizei, Landes- und Bundeskriminalamtes, Landes- und Bundesverfassungsschutz bis hinauf zu den Innenministern – alles wussten, wie zuletzt Report Mainz an Hand einer vergessenen Kladde aus dem sächsischen Innenministerium enthüllte. Wenn der NSU im Untergrund dank 25 eingesetzten V-Leuten von den Behörden «wie Goldfische im Aquarium» gehalten wurden und der Kontakt nie abgebrochen ist. Wenn es zwischen den Behörden vielleicht Kompetenzstreitigkeiten gab, sie aber auf den beiden Feldern «Gewährenlassen» und «Vertuschen» alle an einem Strang zogen. Dann stellen sich viele Fragen, denen Wolf Wetzel bohrend nachgeht.
Silvia Federici: Aufstand aus der Küche.
Reproduktionsarbeit im globalen Kapitalismus und die unvollendete feministische Revolution. Münster: Edition Assemblage, 2012. 128 S., 9,80 Euro
von Rahel Wusterack
Der breite Zugang von Frauen zur Lohnarbeit hat bisher nicht zur vollständigen Gleichstellung von Frauen und Männern geführt. In der Regel wird dieser Umstand damit erklärt, dass derartige Umbrüche Zeit benötigen. Dann folgt meist ein leicht rechtfertigend anmutender Verweis auf die immensen Fortschritte der letzten Jahrzehnte.
Gisela Notz: «Freiwilligendienste» für alle.
Von der ehrenamtlichen Tätigkeit zur Prekarisierung der «freiwilligen «Arbeit». Neu-Ulm: AG SPAK, 2012. 120 S., 10 Euro
von Rolf Euler
Stopfen der Löcher im Sozialstaat – ehrenamtliche und freiwillige Arbeit ist erneut das Thema dieses Buchs von Gisela Notz. Seit langem forscht und publiziert sie über die nicht (oder gering) bezahlte Arbeit, vor allem von Frauen. Sie beschreibt die Geschichte der sozial Tätigen – «ehrenamtlich» oder «freiwillig» beschäftigt, mehr oder weniger gezwungen durch Kriegs- oder Krisenfolgen.
Clemens G. Arvay: Friss oder stirb
Wie wir den Machthunger der Lebensmittelkonzerne brechen und uns besser ernähren können. Salzburg: Ecowin, 2013. 232 S., 21,90 Euro
Pferdefleisch und Bioeier brachten zuletzt die Missstände unserer Art der Ernährung wieder in «aller Munde». Auch das österreichische Fernsehen beteiligte sich an der Diskussion mit einer Debatte, an der auch ein junger Agrarbiologe, Clemens Arvay, beteiligt war.
Die neuen Rechten in Europa
Zwischen Neoliberalismus und Rassismus. (Hrsg. Peter Bathke, Anke Hoffstadt.) Köln: PapyRossa, 2012. 365 S., 18 Euro
Als Nachtrag zu einer Konferenz der Rosa-Luxemburg-Stiftung NRW vom November 2011 haben Peter Bathke und Anke Hoffstadt einen Sammelband herausgegeben, der Politik und Ideologie der diversen Rechtsparteien in Europa «zwischen Neoliberalismus und Rassismus» beleuchtet.
Volksfront von Sozialisten und Kommunisten
Der Arbeiterwiderstand gegen die NS-Diktatur am Beispiel Bremen
von Jörg Wollenberg
Die politische Spaltung der Arbeiterbewegung in der Endphase der Weimarer Republik war maßgeblich dafür verantwortlich gewesen, dass die Nazis siegen konnten. Die Einheitsfront, die vor ’33 boykottiert worden war, kam nach ’33 allmählich in Gang. Ihre Vorreiter waren vor allem junge Arbeiter der KPD und aus den «Dissidentenorganisationen» von SPD und KPD: SAP/SJV, KPO, ISK.*
*David King: Ganz normale Bürger. Die Opfer Stalins
Essen: Mehring, 2012. 192 S., 196 Abbildungen, 29,90 Euro (englische Erstveröffentlichung 2003)
von Werner Abel
«Die Weltpartei des Leninismus», diesen Titel gab der wortgewaltige Vorsitzende des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale, Grigori Sinowjew, der Buchausgabe seiner Eröffnungsrede auf dem V.Weltkongress der KI im Juni 1924. Sinowjew begründete mit dem «Leninismus» nicht nur eine neue Theorie, die den Marxismus in der Epoche des Imperialismus ergänzen sollte (ein «-ismus», verbunden mit seinem Namen, wäre von Lenin mit Sicherheit entschieden abgelehnt worden), er zeigte auch den Weg auf, wie die kommunistischen Parteien in aller Welt auf diese Theorie eingeschworen werden sollten.
Anja Röhl: Die Frau meines Vaters
Erinnerungen an Ulrike. Hamburg: Edition Nautilus, 2013. 157 S., 18 Euro
von Dieter Braeg
Kindheitserinnerungen, die Ende der 50er Jahre beginnen. Es ist schwer, zu einer Zeit zurückzufinden, sie zu beschreiben, wieder zu durchleben. Anja Röhl kam im Jahre 1955 in Hamburg zur Welt. Sie ist die Tochter aus erster Ehe von Klaus Rainer Röhl (Gründer der Zeitschrift Konkret).
Woodstock in Timbuktu
Deutschland 2012, Regie: Désirée von Trotha
von Angela Huemer
Ein fast klischeehaftes, emblematisches Bild, das auch das Filmplakat ziert, rahmt den Film ein: Vor der untergehenden Sonne stehen Kamele im Gegenlicht, schwarze Silhouetten sind zu sehen. Nur kurz schwelgen wir in der Wüstenromantik, dann sehen wir einen Musiker auf der Bühne des Musikfestivals «Festival au désert». Kurz darauf stellt sich die Filmemacherin selbst vor, Désirée von Trotha, geb. 1961, Regisseurin, Autorin und Fotografin. Sie studierte an der Hochschule für Fernsehen und Film in München, hat zahlreiche Dokumentationen gedreht. Seit 1991 verbringt sie rund sechs Monate im Jahr in der südlichen Sahara, den Tuareggebieten Algeriens, Nigers und Malis sowie im Norden des Tschad.
No Place on Earth
USA 2012, Regie: Janet Tobias
von Peter Nowak
Der Film erzählt die bisher unbekannte Geschichte des Überlebenskampfs ukrainischer Juden im Nationalsozialismus.
Die deutschen Verbrechen in der Nazizeit werden schon lange historisiert. Die Menschen, die sie noch selber erleiden mussten, sind fast alle tot. Daher verdienen Filme, in denen die heute Hochbetagten noch selber zu Wort kommen, besondere Aufmerksamkeit.
75 Jahre seit dem „Anschluss“
Gedenkfeier in Gusen-Mauthausen
von Angela Huemer
Dieses Jahr war es anders als sonst. 2013 ist ein Gedenkjahr: 75 Jahre sind seit dem „Anschluss“ vergangen, der Annexion Österreichs durch NS-Deutschland, andererseits wurde in diesem Jahr eine neue Ausstellung im ehemaligen Konzentrationslager Mauthausen fertiggestellt und Anfang Mai der Öffentlichkeit präsentiert. Daher gab es in diesem Jahr zwei große Feiern in Mauthausen: am 5.Mai die Eröffnungsfeier der neuen Ausstellung und am 12.Mai die alljährlich stattfindende Befreiungs- und Gedenkfeier – diesmal ohne Bundespräsident und mit weniger offiziellen Ansprachen.
Von der Anpassung zur Zerschlagung
Gewerkschaften und SPD im Mai 1933
von Jörg Wollenberg
Am 2. Mai 1933 wurden in ganz Deutschland Gewerkschaftshäuser von SA- und SS-Truppen umstellt, besetzt, das Eigentum beschlagnahmt und Gewerkschaftsfunktionäre verhaftet und gefoltert. Die so mächtige deutsche Arbeiterbewegung erlitt eine Niederlage, die bis heute nachwirkt.
Mad Men – Fernsehserie, USA, seit 2007
Erfinder der Serie und Chef-Autor: Matthew Weiner
von Angela Huemer
Mad Men, verrückte Männer möchte man meinen, doch nein, gleich nach dem Vorspann – eine Art Animation, in der ein Mann in New York viele Stockwerke langsam hinunterfällt – wird erklärt, was der Begriff bedeutet. ‘A term coined in the late 50s to describe the advertising executives of Madison Avenue.’ Kurze Pause und dann, im nächsten Absatz: ‘They coined it.’ (Ein Begriff, der in den späten 50er Jahren geprägt wurde, um die Werbeleute der New Yorker Madison Avenue zu beschreiben. Sie prägten ihn.)
Vins Gallico: Respekt
Ein ’Ndrangheta-Krimi. Berlin: Assoziation A, 2013. 380 S., 14 Euro
von Udo Bonn
Anfang April beschlagnahmten italienische Behörden knapp 50 Firmen, Grundstücke, Villen und Bankkonten im Wert von 1,3 Mrd. Euro. Der Eigentümer, Vito Nicastri, soll als «Herr der Winde» im Geschäft mit erneuerbaren Energien Geldwäsche für die sizilianische Mafia betrieben haben. Im Herbst vorigen Jahres meldete das Magazin Stern die Verwicklung der HSH Nordbank in einer von ihr mit 200 Mio. finanzierten Windparkanlage in Kalabrien. Hierbei soll es sich um ein Geldwäscheprojekt der ’Ndrangheta handeln.
Klaus-Michael Bogdal: Europa erfindet die Zigeuner
Eine Geschichte von Faszination und Verachtung
von Michael Banos
Sich selbst ein Bild machen, mit eigenen Augen nachsehen; etwas überprüfen; sich vor Augen führen; sich eine eigene Meinung bilden; sich informieren – das ist eine eigentlich positiv besetzte Kulturtechnik. Dass es auch anders geht, wie Bilder von Verzerrung, Hass, Verachtung und vermeintlicher Bedrohung gemacht und weitergegeben werden, zeigt Klaus-Michael Bogdal in einem fundiert recherchierten Buch, wofür ihm kürzlich auf der Buchmesse in Leipzig den Buchpreis zur Europäischen Verständigung verliehen wurde. Er berichtet über ein kollektives Gedächtnis der Ablehnung alles Fremden über Jahrhunderte hinweg, nennt es treffend das «böse Gedächtnis» der Kultur.
Bernd Köhler: Keine Wahl
Lieder, Gesänge und Balladen aus Arbeiterkämpfen (1971–2013)
JumpUp, 15 Euro
von Dieter Braeg
Das Lied gegen das Herrschende, das gibt es schon lange. Der Musikwissenschaftler Otto Brusatti stellt in seinem feinen Text «Vermutungen um Walther (von der Voegelweide), den Liedermacher» unter anderem fest: «Er agierte auch als Liedermacher für/gegen Kreuzzüge.» Also, der «Vater» der Liedermacherei, er hat wohl nicht nur saftigste Minnelieder geträllert, er hat auch zur Politik die Stimmbänder strapaziert.
Handke begegnen
«Die Arbeit des Zuschauers. Peter Handke und das Theater»
von Dieter Braeg
«Ich habe gerade mit Ach und Krach ein Stück geschrieben. Es heißt ‹Publikumsbeschimpfung› und ist mein erstes und mein letztes. Ich möchte es nun aufführen lassen und auch sonst dazu sehen, dass ich es vielleicht anbringe.» Das schrieb am 21.Oktober 1965 der damals 22 Jahre alte Peter Handke an den Verleger Siegfried Unseld. 1966, inszeniert von Claus Peymann, wurde das Stück in Frankfurt uraufgeführt.
Ulrich Chaussy, Gerd R. Ueberschär: «Es lebe die Freiheit!»
Die Geschichte der Weißen Rose und ihrer Mitglieder in Dokumenten und Berichten. Frankfurt a.M.: S.Fischer, 2013. 534 S., 10,99 Euro
von Peter Fisch
«Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit – entscheidet Euch, eh es zu spät ist.» Vor 70 Jahren wurden Hans Scholl, Sophie Scholl und Christoph Probst verhaftet und hingerichtet.
Die letzten Gründe, warum Hans und Sophie Scholl am 18.Februar 1943 Flugblätter vor den noch verschlossenen Hörsälen und in den Gängen der Universität München ablegten und weitere in deren Lichthof warfen, werden wir wohl nie erfahren. War es doch eine fast öffentliche, geradezu leichtfertige Aktion, die zur Festnahme der Geschwister durch den Pedell Jakob Schmid und zur Übergabe an die herbeigerufene Gestapo führte. Neue Erkenntnisse, die das im Februar 2013 von Ulrich Chaussy und Gerd R. Ueberschär unter dem Titel «Es lebe die Freiheit!» herausgegebene Kompendium vermittelt, machen annähernde Vermutungen möglich.
Work hard play hard
Deutschland 2011. Regie: Carmen Losmann. DVD 15,99 Euro
von Angela Huemer
Vor ein, zwei Jahren saß ich mal in der S-Bahn, wohin, weiß ich nicht mehr, nur noch, dass mit mir im Viererabteil drei sich angeregt miteinander unterhaltende, korrekt und adrett gekleidete Manager saßen. Sie sprachen rasch und nicht leise. Es brauchte etwas zu merken, dass sie tatsächlich deutsch sprachen, englische Begriffe in strammer deutscher Aussprache flogen durch den Raum. Obwohl ich mich – neugierig wie ich nun mal bin – darum bemühte zu verstehen worüber sie reden, verstand ich nichts. Eine fremde Welt.
Elmore Leonard: Raylan
Berlin: Suhrkamp, 2013. 368 S., 19,95 Euro
von Udo Bonn
Mit dem Film Harlan County USA setzte die Dokumentarregisseurin Barbara Kopple 1976 streikenden Bergarbeitern und ihren Frauen aus einem der Kohlereviere Kentuckys ein kämpferisches Denkmal. Er war als Unterstützung für die Demokratisierungskampagne der Bergarbeitergewerkschaft gedacht und berichtete von dem mit allen Mitteln, auch mit Waffengewalt, ausgetragenen Streit um höhere Löhne, gesündere Arbeitsbedingungen und das Recht auf Streik in den Jahren 1972/73. Erst der Mord an einem Arbeiter zwang die Bergwerksgesellschaft an den Verhandlungstisch.
Roadmap zum Frieden?
Abdullah Öcalan, Die Roadmap für Verhandlungen: Gefängnisschriften.
Bonn 2013: Pahl-Rugenstein. 146 Seiten, Paperback: 9,90 Euro.
von Nick Brauns
Zwischen dem in Isolationshaft auf der Gefängnisinsel Imrali gefangene Vorsitzenden der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), Abdullah Öcalan, und dem türkischen Geheimdienst laufen derzeit Verhandlungen über ein Ende des Krieges in Kurdistan. Wie eine solche Lösung aussehen könnte, hat Öcalan bereits im Jahr 2009 in einer „Roadmap für Verhandlungen“ skizziert. Der vom türkischen Staat eineinhalb Jahre lang geheim gehaltene Text ist auch für die weiteren Verhandlungen von zentraler Bedeutung, betont die Internationale Initiative „Freiheit für Abdullah Öcalan – Frieden in Kurdistan“; sie ist die Herausgeberin der nun vom Pahl-Rugenstein Verlag vorgelegten deutschen Übersetzung.
Alice im Niemandsland: Alice Schwarzer in der Kritik
Miriam Gebhardt: Alice im Niemandsland. Wie die deutsche Frauenbewegung die Frauen verlor.
München: DVA, 2012. 19,99 Euro
von Paul B. Kleiser
Das Buch der in Konstanz lehrenden Autorin Miriam Gebhardt mit dem Untertitel «Wie die deutsche Frauenbewegung die Frauen verlor» ist nicht nur eine Kritik an den Positionen und der dominanten Rolle, die Alice Schwarzer, als Schülerin von Simone de Beauvoir, seit den 70er Jahren in der deutschen Frauenbewegung einnimmt. Es bringt einen Abriss der Entwicklung der deutschen und internationalen Frauenbewegung und geht der Frage nach, warum die Situation in Deutschland – verglichen mit anderen westlichen Ländern und selbst mit der Vergangenheit im Kaiserreich und in der Weimarer Republik – so provinziell ist. Eine erklärte Antifeministin wie Kristina Schröder konnte hierzulande Frauenministerin werden.
Heuberg: Das erste KZ in Deutschland
Das erste Opfer der Nazi-Gewaltherrschaft war die kommunistische und sozialdemokratische Arbeiterbewegung
von Manfred Dietenberger
Gerade mal zwei Tage, nachdem Adolf Hitler mit seiner Ernennung zum Reichskanzler die Macht übertragen worden war und die faschistische Gewaltherrschaft begann, rief Kurt Schumacher, nach dem Krieg bis 1952 Vorsitzender der SPD, am 1.Februar 1933 auf der antifaschistischen Kundgebung der Eisernen Front* in Stuttgart den Teilnehmern zu: «In der Stunde der Gefahr wenden wir uns auch an die kommunistischen Arbeiter, denn nicht Bruderkampf, sondern Klassenkampf tut not … Die neue Epoche des Kampfes gegen den Faschismus sollte auch ein neues Verhältnis zwischen uns und den Kommunisten einleiten (Schwäbische Tagwacht, 2.2.1933).» Fünf Monate später wurde Schumacher in Berlin verhaftet, in «Schutzhaft» genommen und in das Konzentrationslager Heuberg gesteckt.
Tschikweiber
Die Tabakarbeiterinnen von Hallein
von Dieter Braeg
Tschik ist ein österreichisches Dialektwort für Zigarette; der Tschik gehört zur Geschichte der Stadt Hallein, eine kleine Stadt südlich von Salzburg.
Das denkende Herz
Vor 25 Jahren starb Rose Ausländer
von Peter Fisch
Die Vielvölkerstadt Czernowitz, Hauptstadt der Bukowina, am östlichsten Rand der versunkenen Habsburgermonarchie gelegen und heute zur Ukraine gehörend, wurde 1901 der Geburtsort der Rosalie Beatrice Ruth Scherzer. Fast das ganze 20.Jahrhundert umschließt das Leben der deutsch-jüdischen Dichterin: zwei Weltkriege, Flucht und Vertreibung, Shoah und Exil. Sie wurde zur Nomadin, die, nach dem Verlust der Heimat, zwischen Europa und Amerika unentwegt pendelte.
Louis Gill: George Orwell. Vom spanischen Bürgerkrieg zu „1984“
Lich: Edition AV, 2012. 156 S., 16 Euro
von Werner Abel
George Orwells Mein Katalonien gehört zweifelsohne zu den Klassikern der Literatur über den Spanischen Krieg. Orwell fühlte sich verpflichtet, die aus der Zweiten Republik heraus beginnende soziale Revolution und die junge Demokratie gegen die franquistischen Putschisten zu verteidigen. Hätte ihm die Kommunistische Partei Großbritanniens nicht ein Empfehlungsschreiben verweigert, wäre er vermutlich in die Internationalen Brigaden eingetreten. So trat er den POUM-Milizen bei, sicher auch deshalb, weil die POUM (Partido Obrero de Unificación Marxista) gute Kontakte zur englischen Independent Labour Party hatte, mit der Orwell zu der Zeit sympathisierte und deren Mitglied er 1938 werden sollte.
Sobre la misma tierra – Von der Kunst des Überlebens
Film, Kolumbien, Spanien 2011. Regie: Laura Sipán
von Angela Huemer
Der Film der jungen Regisseurin Laura Sipán führt uns an zwei sehr entgegengesetzte Orte Kolumbiens: einmal in eine entlegene Bergregion, Sur de Bolivar, in der die Bewohner auf altmodische Weise Gold abbauen, ein anderes Mal nach Cali, eine der größten Städte Kolumbiens.
Merle Kröger: Grenzfall
Krimi, Hamburg: Argument, 2012. 347 S., 11 Euro
von Udo Bonn
Auf der Berlinale 2012 wurde der Dokumentarfilm Revision von Philip Scheffner und Merle Kröger gezeigt, leider kam er nur für kurze Zeit in die Programmkinos. Der Film versucht, den Tötungsumständen von zwei rumänischen Staatsbürgern an der deutsch-polnischen Grenze im Jahr 1992 nachzugehen und das zu recherchieren, was während des Prozesses unterlassen wurde. Aus dieser Filmarbeit hat Merle Kröger den Roman Grenzfall entwickelt.
Abraham Lincoln, der Revolutionär
Steven Spielbergs Film Lincoln rückt die Abschaffung der Sklaverei wieder in den Mittelpunkt des Verständnisses vom Amerikanischen Bürgerkrieg
von Alan Maass
Steven Spielbergs Lincoln handelt nur von einer – allerdings entscheidenden – Episode eines jahrelangen Kampfes: von der Abstimmung im Repräsentantenhaus während der letzten Monate des Amerikanischen Bürgerkriegs über den 13.Zusatzartikel zur Verfassung, der die Sklaverei für illegal erklärte. Und er handelt hauptsächlich von einem Protagonisten in diesem Kampf: Abraham Lincoln, eine der wichtigsten Persönlichkeiten im Kampf gegen die Sklaverei. Seine Geschichte ist die eines politisch Moderaten, der durch die Ereignisse eine Wandlung durchmachte, dem es gelang, sich auf die Höhe der historischen Aufgaben zu erheben, als andere in seiner Umgebung dies nicht taten, und der auf diese Weise zur Sache der Freiheit einen wichtigen Beitrag leistete.
Wilder Streik – das ist Revolution!
Der Streik der Arbeiterinnen bei Pierburg in Neuss 1973. (Hrsg. Dieter Braeg.) Berlin: Die Buchmacherei, 2012. 176 S., 13,50 Euro
von Ulrich Peter
Wenn Linke heute die Stichworte «Ausländerstreik, Wilder Streik, 1973» hören, woran denken sie da? Mit Sicherheit an den Streik im Kölner Fordwerk, der vor allem von Arbeitsmigranten getragen wurde und mit einer Niederlage der Streikenden endete. Dabei spielte eine erhebliche Rolle, dass Betriebsrat und IG Metall den Streik ablehnten und Versuche, ihn auch auf Teile der nichtmigrantischen Belegschaft auszudehnen, fast komplett scheiterten. Die Schlagzeile von Springers Bild: «Deutsche Arbeiter kämpften ihr Werk frei» markierte das Desaster dieses Arbeitskampfs.
Sarah Kaminsky: Adolfo Kaminsky – Ein Fälscherleben.
München: Verlag Antje Kunstmann, 2012. 219 S., 19,90 Euro
von Dieter Braeg
«Als ich beschloss, das Leben meines Vaters aufzuzeichnen, hatte ich mich bewusst dafür entschieden, nur über seine Kämpfe zu berichten und die Erzählung im Jahr 1971 enden zu lassen, als er jede Untergrundtätigkeit aufgab. Ich meinte, dass sein anderes Leben, zu dem ich gehöre, nur für den engeren Kreis seiner Familie und Freunde interessant sei.»
Gerhard Schoenberner: Fazit
Hamburg: Argument, 2011. 191 S., 17,90 Euro
von Werner Abel
Lyrik hat selten oder nie Konjunktur in Deutschland. Wenn aber einer einen Band Gedichte, Prosagedichte nennt der Verfasser sie selbst, vorlegt und die Rezensenten – unter ihnen Martin Walser, Eckart Spoo, Fritz J. Raddatz, Matthias Ehlers, Walter Kaufmann und Friedrich Dieckmann – meinen, dass einiges an Hölderlin erinnert und dass seit Brecht solche Gedichte nicht mehr zu lesen waren, dann muss es sich um etwas Besonderes handeln.
Auf vielen Stühlen – Ein Leben in Deutschland
(Sobre varias sillas – Una vida en Alemania), Deutschland 2011 (Spanisch mit deutschen Untertiteln), Regie: Ainhoa Montoya Arteabaro
von Gaston Kirsche
Vicente Martínez, Andrea Miragaya, Rosa Fava, Encarnación Gutiérrez und José Valdueza sind fünf sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, haben aber eine Gemeinsamkeit: Sie sind mit einem oder zwei Elternteilen aus Spanien in Deutschland aufgewachsen und leben in Hamburg. Im Dokumentarfilm erzählen sie, wie es war, als «Gastarbeiterkind» aufzuwachsen.
Neue Krimis von Stuart Neville
Stuart Neville: Die Schatten von Belfast. Berlin: Aufbau, 2012. 445 S., 9,99 Euro
Stuart Neville: Blutige Fehde. Berlin: Rütten & Loening, 2012. 475 S., 19,99 Euro
von Udo Bonn
Beruhigende Nachrichten von der irischen Insel haben nur kurze Gültigkeitsdauer. Die Feierorgien anlässlich des Wirtschaftswunders des gälischen Tigers sind nachhaltig abgesagt, und die Straßenkämpfe in Belfast, ausgelöst durch die läppische Entscheidung, die britische Fahne nicht mehr täglich vor dem Rathaus zu hissen, deuten an, wie brüchig der soziale und politische Frieden in der Republik und in Ulster sind.
Russische revolutionäre Plakate
David King hat eine herausragende Sammlung sowjetischer Plakatkunst aus den 20er und 30er Jahren zusammengestellt
von Werner Abel
Im Jahre 1925 schrieb der Wirtschaftswissenschaftler Lew N. Kritsman sein Buch über «Die heroische Periode der großen russischen Revolution», eine großteils ökonomische Analyse der Zeit des «Kriegskommunismus». Dabei ahnte er nicht, dass sein Buchtitel auf ein weit emotionaleres und expressiveres Genre als die Welt der Wirtschaft Anwendung finden sollte: Weil es für die darstellende Kunst neu, einmalig, für den Fortschritt parteiergreifend war, bezeichnet man das, was in der visuellen Agitation und Propaganda seit der russischen Oktoberrevolution bis zur Zeit der Neuen Ökonomischen Politik entstand, als die heroische Periode der sowjetischen Plakatkunst.
Das Lachen der Hannah Arendt
Hannah Arendt, Deutschland 2012. Regie: Margarethe von Trotta
von Tanja Schultz
Dieser Film war lang erwartet worden, da er in einer Reihe mit Trottas anderen großen Frauenfilmen, Bleierne Zeit, Rosa Luxemburg und Vision – Aus dem Leben der Hildegard von Bingen (stets mit Barbara Sukowa in der Hauptrolle) – steht, und weil Hannah Arendt zurzeit als kompromisslose Denkerin der Globalisierung und Menschenrechte wieder neu entdeckt wird.
Die Karrieristin aus Anderland
Gertrud Höhler analysiert den Weg der Kanzlerin
von Paul B. Kleiser
Das neue Buch Die Patin der Literaturwissenschaftlerin und Unternehmensberaterin Gertrud Höhler stellt die bislang schärfste Abrechnung mit dem «System Merkel» aus bürgerlichen Kreisen dar. Auf der Spiegel-Bestenliste hat es bereits Platz 2 erklommen.
Omar Barghouti: Boykott – Desinvestment – Sanktionen
Die weltweite Kampagne gegen Israels Apartheid und die völkerrechtswidrige Besatzung Palästinas
Karlsruhe: Neuer ISP Verlag, 2012. 232 S., 19,80 Euro.
von Martin Forberg
Dieses Buch führt in eine palästinensische zivilgesellschaftliche Kampagne ein, die seit 2005 international von sich reden macht. Seit den Diskussionen um die US-amerikanische Philosophin Judith Butler, der diesjährigen Trägerin des Theodor-W.-Adorno-Preises, ist die BDS-Kampagne auch in Deutschland ein Begriff, denn Judith Butler unterstützt die Kampagne.
Der Basler Friedenskongress 1912
Warum eine eindrucksvolle Kundgebung für den Frieden in Kriegsbegeisterung umschlagen konnte
von Hans-Peter Gysin
Am 24.November 1912 fand in Basel der letzte Versuch statt, den Ersten Weltkrieg zu verhindern. Auf dem Kongress der II.Internationale beschworen über 500 Parteidelegierte niemals zuzulassen, dass die Arbeiterklasse eines Staates, zum Militär rekrutiert von den herrschenden bürgerlichen und feudalen Schichten, auf die Arbeiterklasse eines anderen Staates schiesst.
Robert Grimm – Marxist, Kämpfer, Politiker
Hrsg. Bernhard Degen u.a., Zürich: Chronos, 2012. 232 S., 26 Euro
von Sabine Hunziker
Robert Grimm nimmt in der Geschichte der Arbeitskämpfe in der Schweiz eine besondere Rolle ein: Anfang des letzten Jahrhunderts führte er den Landesgeneralstreik an und wenig später machte er mit einem breiten Bündnis zur Landesverteidigung gegen den Nationalsozialismus sozialistische Ideen regierungstauglich.
Kommt eine Münzenberg-Renaissance?
Eindrücke einer Arbeitstagung in Berlin
von Raimund Waligora
Nach der Arbeitstagung, die am 12./13.Oktober 2012 im Willi-Münzenberg-Saal des ehemaligen ND-Gebäudes in Berlin stattfand, kann man dies durchaus vermuten.*
Münzenberg, 1889 in Erfurt in ärmlichste Verhältnisse hineingeboren, wurde bald zu dem journalistisch-propagandistischen Organisationsgenie der deutschen kommunistischen und auch internationalen Arbeiterbewegung.
Victor Grossman: Rebel Girls – 32 amerikanische Frauen im Porträt
Köln: PapyRossa, 2012. 251 S., 15,90 Euro
von Anton Holberg
Die Frauen, deren Lebensgeschichte der 1928 in New York geborene und während der McCarthy-Ära in die DDR übergesiedelte Victor Grossman hier erzählt, waren – und sind im Fall der hierzulande wohl bekanntesten, Angela Davis und Jane Fonda – alles andere als «Girls». Beginnend mit Anne Hutchinson (1591–1643) bis zur Gegenwart porträtiert der Autor das Leben von 32 Frauen, die größtenteils zunächst in den britischen Kolonien Nordamerikas, später den USA gelebt und für grundlegende Menschenrechte gekämpft und gelitten haben.
Marion Brasch: «Ab jetzt ist Ruhe». Roman meiner fabelhaften Familie
Frankfurt: S.Fischer, 2012. 399 S., 19,99 Euro
von Dieter Braeg
Marion Brasch erzählt von der Mutter, die aus Wien stammt, dem Vater, Horst Brasch, und ihren drei Brüdern. Ihr Vater bekleidete in der DDR höchste Ämter. Die Eltern, beide jüdischer Abstammung, lernten sich, nachdem sie dem Naziregime entkommen konnten, in London kennen und lieben. Sie gründeten eine Familie, und nach Kriegsende wollte man ein anderes Deutschland aufbauen.
Film: «in Arbeit». Die Kooperativen Placido Rizzotto und Pio La Torre
Regie: Arne Hector, Minze Tummescheit
von Angela Huemer
Arne Hectors und Minze Tummescheits Film über Kooperativen in Sizilien, die auf ehemaligen Mafia-Besitztümern entstanden, ist kein traditioneller Dokumentarfilm. Er ist der dritte Teil einer Reihe, die sich «in arbeit» nennt, «eine dokumentarische Serie, eine filmische Untersuchung zu Bedingungen, Möglichkeiten und Grenzen kollektiven Handelns», so die beiden Filmemacher im Klappentext der DVD. Wir sehen zwar einige Arbeitsvorgänge der Kooperative, wie die Weinlese, doch der eigentliche Kern des Films ist sozusagen abstrakt-theoretisch.
Daniel Woodrell: Im Süden
München: Heyne, 2012. 650 S., 10,99 Euro
von Udo Bonn
Verwundert ist man schon, wenn die Lieblingskrimibuchhandlung an einem normalen Verkaufstag geschlossen ist. Wenn der Buchhändler sich aber auf einem Plakat von seinen Kunden in eine andere Welt verabschiedet, dann ist das wohl brachialer Humor, der das traurige Abschiednehmen vielleicht für die, die ihn kannten, erleichtern soll
Victor Serge und sein «Fall Tulajew»
Victor Serge: Die große Ernüchterung. Der Fall Tulajew. Frankfurt a.M.: Edition Büchergilde, 2012. 448 S., 19,95 Euro.
von Christoph Jünke
Die US-amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag nannte ihn «einen der faszinierendsten moralischen und literarischen Helden des 20.Jahrhunderts», ihr Landsmann und Kollege Adam Hochschild «einen der unbesungenen Heroen eines korrupten Jahrhunderts: eine Gestalt von großer politischer Courage und Menschlichkeit».
Das Londoner Schuldenabkommen 1953
Wie Deutschland seine Kriegsschulden los wurde
von Eric Toussaint/Angela Klein
Während der sog. Schuldenschnitt für Griechenland das griechische Volk zur permanenten Austerität verurteilt, wurde mit Deutschland, dem höchstverschuldeten Land der Welt im 20.Jahrhundert, weil es zwei Weltkriege angezettelt hatte, mehrfach anders verfahren. Das Londoner Schuldenabkommen von 1953 nahm große Rücksicht auf Deutschlands Zahlungsfähigkeit.
Barry Commoner (1917–2012)
Pionier des Ökosozialismus
von Daniel Tanuro
Am 30.September starb im Alter von 95 Jahren Barry Commoner. Von Beruf Biologe, Professor für Pflanzenphysiologie, war er vor allem an der globalen Funktionsweise von Ökosystemen interessiert.
An der Washingtoner Universität, an der Commoner lehrte, gründete er 1966 das «Zentrum für die Biologie natürlicher Systeme». Zuvor war er Ende der 50er Jahre wegen seiner Ablehnung der Atomkraft, insbesondere der oberirdischen Atomwaffenversuche, bekannt geworden.
Barbara Unmüßig u.a.: Kritik der grünen Ökonomie
Impulse für eine sozial und ökologisch gerechte Zukunft.
Hrsg. Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin 2012. 50 S., kostenlos
von Boris Schultz
Zwanzig Jahre nach dem Erdgipfel von Rio und kurz vor dem Rio+20-Gipfel brachten die Autoren im Rahmen der Schriftenreihe zur Ökologie der Heinrich-Böll-Stiftung diese Broschüre heraus. In fünf Kapiteln bilanzieren die Vereinbarungen und die Entwicklungen der letzten 20 Jahre, erklären die verschiedenen Begriffe von Grüner Ökonomie und geben einen Ausblick, wie es laufen könnte.
Krisenproteste
Beiträge aus Sozial.Geschichte Online
Hrsg. Peter Birke, Max Henninger, Berlin: Assoziation A, 2012. 312 S., 18 Euro
von Jochen Gester
Im Jahr 2009 wurde die von der Stiftung für Sozialgeschichte des 20.Jahrhunderts, Bremen, herausgegebene Zeitschrift Sozial.Geschichte. Zeitschrift für historische Analyse des 20. und 21.Jahrhunderts als Projekt «Sozial.Geschichte Online» neu konstituiert.
Armut im Alter
Probleme und Perspektiven der sozialen Sicherung
Hrsg. Christoph Butterwegge u.a., Frankfurt a.M.: Campus, 2012. 393 S., 19,90 Euro.
von Hans-Dieter Hey
Zum aktuellen Thema Altersarmut ist zur rechten Zeit ein weiteres Buch erschienen. Es enthält eine historische Anklage gegen falsche politische Weichenstellungen und mediale Mythen und rückt einiges wieder ins rechte Licht. Ob die «Zuschussrente» von Ursula von der Leyen, die «Solidarrente» der SPD oder die «Riesterrente» der Schröder-Regierung: Für die Autoren sind sie alles Wege, Altersarmut eher zu kaschieren als zu beheben.
Was war? Was bleibt? Wege in die WASG, Wege in DIE LINKE
Hrsg. Klaus Ernst u.a., Hamburg: VSA, 2012. 208 S., 12,80 Euro.<br />
von Dieter Braeg
Das Buch dokumentiert Gespräche mit verschiedenen zentralen Protagonisten dieser Vorläuferpartei der LINKEN.
Lucy Redler, Das Verschwinden der WASG
Lehren aus drei Jahren WASG für die Zukunft der LINKEN
Berlin: SAV, 2012. 60 S., 3 Euro. Bezug: www.sozialismus.info.
von Dieter Braeg
«Der vorliegende Text beansprucht nicht, die gesamte Geschichte der WASG wiederzugeben. Es soll darin vielmehr analysiert werden, inwiefern Geburtsfehler der Fusion von WASG und Linkspartei.PDS die Ursache für die heutige Krise der Partei sind und wie dies mit der Geschichte ihres Berliner Landesverbands zusammenhängt.»
Klaus Mann: «Lieber und verehrter Onkel Heinrich»
Der Briefwechsel zwischen Heinrich und Klaus Mann. (Hrsg. Inge Jens, Uwe Naumann.) Reinbek: Rowohlt, 2011. 304 S., 19,90 Euro
von Peter Fisch
Inge Jens und Uwe Naumann haben eine gediegene Edition des Briefwechsels zwischen Heinrich Mann und seinem 1906 geborenen Neffen Klaus Mann, die beide zu Repräsentanten des antifaschistischen deutschen Exils wurden, vorgelegt – und nicht nur das. Ergänzt wird der 300-Seiten-Band durch alle Tagebuch-Eintragungen von Klaus Mann, die seinen Onkel betreffen, sowie die wichtigsten Aufsätze, die beide übereinander geschrieben haben.
Das Ding am Deich. Vom Widerstand gegen ein Atomkraftwerk
Regie: Antje Hubert. Deutschland 2012
von Gaston Kirsche
Die Wilstermarsch ist flach. Fruchtbares Land an der Unterelbe, auf halber Strecke zwischen Hamburg und der Nordsee. Durchzogen von Wettern, breiten Entwässerungsgräben. Was Wettern sind, wussten in Hamburg auf einmal viele, als 1976 bekannt wurde, dass mitten in die Marsch, direkt ans Elbufer, ein Atomkraftwerk gebaut werden sollte.
Reginald Hill: Rache verjährt nicht
Berlin: Suhrkamp, 2012. 684 S., 19,95 Euro
von Udo Bonn
Wenn sich in einem Roman mit dem Titel Rache verjährt nicht Elemente aus Der Graf von Monte Cristo mit Lady Chatterley vermischen, eine Prise Bourne hinzugefügt wird, die Verbrechen von Private Equity Fonds, Kinderpornografie und russischer Drogenmafia eine Rolle spielen, dann muss man schon ein guter Schriftsteller wie der kürzlich verstorbene Reginald Hill sein, um nicht eine Vorlage für das sonntägliche Schmonzettenabendprogramm des ZDF abzuliefern.
Peer Steinbrück im Kostüm Hilferdings
von Ingo Schmidt
Die SPD hat einen Kanzlerkandidaten. Ein Mann aus gutem Hause. Der Vater Architekt, Urgroßonkel Adalbert Delbrück Mitbegründer der Deutschen Bank, Onkel Ernst Präsident des Statistischen Reichsamts. Peer setzt die elitäre Familientradition im Staatsapparat fort.
Eric Hobsbawm 1917–2012
von Harley Filben
Die bürgerliche Presse fand viele warme Worte für ihn, ihr galt er bis zu seinem Tode als ein reueloser Marxist. Seine Bindung an die Sache des Kommunismus war komplizierter, aber sicher hing er subjektiv zäh an der Bewegung, die zwei Jahrzehnte vor ihm gestorben ist. Das lag an den Umständen, die ihn zur Bewegung führten.
Ein Triumph gescheiterter Ideen. Warum Europa tief in der Krise steckt.
Hrsg. Steffen Lehndorff. Hamburg: VSA-Verlag 2012
von Ingo Schmidt
In zehn Länderstudien stellt dieser Band die Verwandlung der Weltwirtschaftskrise 2008/2009 in die Eurokrise und deren politische Verarbeitung dar. Mit einem Beitrag zu Ungarn ist Osteuropa deutlich unterrepräsentiert, obwohl der IWF dort bereits Strukturanpassungsprogramme durchsetzte, bevor in Griechenland die Troika auftauchte.
Wohlwollender Diktator gesucht: Der dritte Bericht an den Club of Rome
Jørgen Randers: 2052 – Eine globale Prognose für die nächsten 40 Jahre – Der neue Bericht an den Club of Rome.
von Gerhard Klas
Die Finanzkrise und die Erschütterungen der Weltwirtschaft haben ein Thema in den Hintergrund gedrängt, das noch viel unausweichlichere Konsequenzen für die Menschheit haben wird: Die Verwüstung der Welt durch Klimawandel, Artensterben und Raubbau an den Ressourcen. Die deutsche Ausgabe des jüngsten Berichts an den Club of Rome setzt genau dieses Phänomen auf die Agenda.
Alan Steinweis: Kristallnacht 1938. Ein deutscher Pogrom.
Stuttgart: Reclam 2011. 207 S., 22,95 Euro
von Peter Fisch
Alan Steinweis, Historiker und Direktor des Center for Holocaust Studies an der University of Vermont, hat auf ein bekanntes historisches Ereignis, die «Reichskristallnacht» vom November 1938, einen frischen Blick geworfen, neue Problemstellungen fixiert und Antworten gefunden, die die bisherigen Erkenntnisse nicht unwesentlich erweitern bzw. korrigieren.
CINEMA! ITALIA!
von Gaston Kirsche
Neue und anspruchsvolle Produktionen laufen beim jährlichen Festival des Italienischen Films im Original mit deutschen Untertiteln, das bis zum 19.Dezember durch 29 Städte und 32 Kinos tourt. Dieses Jahr wird CINEMA! ITALIA! 15 Jahre alt. Zeit, sich nach der Pubertät in der Arbeitswelt zu orientieren: Drei von sechs Filmen stellen dieses Jahr die sozialen Verwerfungen durch die Krise in den Mittelpunkt.
Dominique Manotti u.a.: Die ehrenwerte Gesellschaft; Das schwarze Korps.
Zum 50.Todestag von Hanns Eisler
„…der Karl Marx des Kommunismus auf musikalischem Gebiet…“
von Peter Fisch
„Viele versuchten umsonst, das Freudigste freudig zu sagen,/
Hier spricht endlich es mir, hier in der Trauer sich aus.“
Am 26.März 1948 endete das fast achtjährige Exil Hanns Eislers in den USA, keineswegs freiwillig, sondern erzwungen. Er wurde politisch verfolgt und des Landes verwiesen: ein Opfer der antikommunistischen Hysterie in den USA im beginnenden Kalten Krieg.
Hanns Eisler im Gespräch mit John Lennon
«Da, wo das Neue so seltsam riecht…»
Im Januar 1962 sind die Beatles in London für Probeaufnahmen bei der Decca. John Lennon erfährt aus dem Radio, dass die «Deutsche Sinfonie» eines gewissen Hanns Eisler, «Komponist der Arbeiterklasse», in den Studios der BBC einstudiert und übertragen wird. Hätte es da nicht sein können, dass sich die zwei getroffen haben und miteinander ins Gespräch gekommen sind? THOMAS FREITAG versucht – täuschend echt –, ein solches Gespräch in zwei Teilen zu konstruieren.*
Gunnar Hinck: Wir waren wie Maschinen
Getrübter Blick auf die 70er Jahre
von Dieter Braeg
Die Maschinenmenschen sind mir im Buch von Gunnar Hinck (Jahrgang 1973) nicht begegnet, dafür begegneten mir vor allem Peter Bernd, Rudi Dutschke, Joschka Fischer, Thomas Schmid, Hans Gerhard Schmierer und einige andere.
Domenico Losurdo: Stalin-Geschichten
Legendenkritik und neue Legenden
von Arno Klönne
Der italienische Philosoph Domenico Losurdo, hervorgetreten mit einigen höchst lesenswerten Studien über politische Ideengeschichte, hat sich vor einigen Jahren mit einer «schwarzen Legende» auseinandergesetzt, dem Bild nämlich, das im öffentlichen Diskurs über die Person und Politik des sowjetischen Staatsmannes J.W.Stalin präsent war oder ist.
Hat Demokratie eine Zukunft?
Eine Debatte unter Linken
von Paul Kleiser
Der kleine Pariser Verlag La Fabrique, der sich vor allem mit der Publikation von zionismuskritischen Schriften hervorgetan hat, bat vor einiger Zeit eine Reihe von linken Philosophen um Beiträge zur Frage, ob es heute noch Sinn mache, sich als «Demokrat» zu bezeichnen, wo doch «alle Welt» dies tue.
Christa Eckes 1950–2012
von Freundinnen und Freunden aus der Zeit in der RAF
Am 23.Mai 2012 ist Christa Eckes in ihrem Wohnort Karlsruhe gestorben, 62 Jahre alt. Die Leukämie-Erkrankung konnte trotz vieler Mühen und Hoffnung nicht mehr behandelt werden.
Neville Alexander 1936–2012
Neville Alexander, der südafrikanische Revolutionär, Erzieher und Linguist, starb am 27.August nach langem Kampf gegen den Krebs in Kapstadt.
Film: Chris Marker 1921–2012
von Angela Huemer
«Er erzählte mir von Sei-Shônagon, einer Ehrendame der Prinzessin Sadako, Anfang des 11.Jahrhunderts der Heian-Periode. Shônagon hatte eine Manie für Listen: die Liste der ‹eleganten Dinge›, der ‹trostlosen Dinge› oder aber der ‹Dinge, die es nicht wert sind, getan zu werden›. Eines Tages hatte sie die Idee, die Liste aufzustellen der ‹Dinge, die das Herz schneller schlagen lassen›.»
Krimi: Howard Linskey: Crime Machine
München: Knaur 2012. 378 S., 9,99 Euro
von Udo Bonn
Wenn Gangster reisen… dann reisen sie mit der Eisenbahn. Zumindest in Howard Linskeys Debutroman Crime Machine. Die Truppe um Bobby Mahoney macht sich per Zug aus dem nordenglischen Newcastle nach Glasgow auf, um dem dort tonangebenden Boss Arthur Gladwell einen Besuch zu erstatten:
Jean-Jacques Rousseau (1712–1778)
Den Fortschritt bremsen!
von Paul Kleiser
Im Unterschied zu den meisten bedeutenden Denkern der Aufklärung, die von der Annahme ausgingen, die Ausweitung von Handel und Gewerbe (und damit der Aufstieg der Bourgeoisie) würde für die Menschheit zu wirtschaftlichem und politischem Fortschritt führen (eine Weltsicht, die unsere Neoliberalen bis heute verfechten), vertrat Rousseau ein weit pessimistischeres Geschichtsbild.
Kaltes Land. Gegen die Verrohung der Bundesrepublik.
Für eine humane Gesellschaft
(Hg. H.Platta/R.Bauer), Hamburg: Laika-Verlag, 2012, 253 S., 22,90 Euro
von Karin Gerlich
In der BRD wurde vor allem mit der Agenda 2010 ein gesetzgeberisches Klima geschaffen, in dem Wohlhabende steuerlich – um der Wettbewerbsfähigkeit willen – massiv entlastet und Banken mit Milliardenbürgschaften gestützt, gleichzeitig aber fast 7 Millionen Menschen in Hartz IV abgedrängt werden. Diese Entwicklung wird von der Politik nicht etwa bekämpft, sondern Jahr für Jahr gesetzlich durch materielle Verschlechterungen für die Betroffenen und durch willkürliche Sanktionen untermauert.
Neue Gedenkstätte für die «Moorsoldaten» in Esterwegen
von Rolf Euler
Wenige Minuten nur sind es mit dem Fahrrad vom Südufer des Küstenkanals zur neuen Gedenkstätte für die Moor-Konzentrationslager: Eben nördlich von Esterwegen «hinterm Berg» lag die «Hölle am Waldesrand» – eines der frühesten KZs für politische Häftlinge aus den ersten Monaten des Naziterrors.
Die Geschichtslüge vom Koreakrieg
Wie die USA die Diktatur von Syngman Rhee installierten
von B.I. Bronsteyn
Am 25.6.2012 jährte sich der Beginn des Koreakriegs zum 62. Mal. Die offizielle Version dieses Ereignisses in Medien und Geschichtsbüchern lautet, am 25.8.1950 hätten überraschend nordkoreanische Truppen die Demarkationslinie überschritten und Südkorea überrannt.
Heinz Lohmar 1900–1976
Sein politisches und künstlerisches Wirken
von Peter Fisch
«Aber ich möchte mir erlauben, Ihnen
für all das, was Sie für mich getan
haben zu danken.»
Zum Tode von Robert Kurz (1943–2012)
von Ingo Schmidt
Robert Kurz ist mit Kaltem Krieg, Wirtschaftswunder und Adenauer-Staat groß geworden. Wie vielen anderen seiner Generation waren ihm die Widersprüche zwischen demokratischem Anspruch und verdrängter Nazivergangenheit, zwischen Freiheitsideologie und technokratischer Wirtschaftsförderung Grund genug, nach Alternativen zu suchen.
Residenzpflicht
Dokumentarfilm 2012, Regie: Denise Garcia Bergt
von Tanja Schultz
Das Babylon in Berlin ist ein bewährter Premierenort für deutsche Erstaufführungen, es war sehr gut besucht und erfüllt von einer besonderen Atmosphäre: Denn es war ein besonderes Publikum anwesend, viele Aktivisten, die in dieser Produktion mitwirkten, sahen sich nach langer Zeit wieder. Man darf nicht vergessen, viele der Aktivisten unterliegen ihrerseits der Residenzpflicht…
Krimi von Pete Dexter: God’s Pocket
Frankfurt: S.Fischer, 2012, 368 S., 9,99 Euro
von Udo Bonn
Was Hell’s Kitchen für die irischstämmigen New Yorker war, ist in Philadelphia God’s Pocket.
Die Bahn und der Holocaust
Räder müssen rollen in den Tod
von Dieter Braeg
Sie fuhr die Menschen in den Tod. Die Bahn. Ab 1933 war sie wichtigster Handlanger und Transporteur der deutschen NS-Diktatur. In diesem Jahr feiern die ‹Reichsbahn›-Erben ihr 175.Jubiläum. Es ist höchste Zeit, dass sie sich der eigenen Geschichte stellen. Unter dem Titel «Verdrängte Jahre» wird nun, unter Mitwirkung von Lehrlingen der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB), im Foyer der ÖBB Infrastruktur in Wien eine Ausstellung zur Geschichte der österreichischen Eisenbahn im Nationalsozialismus gezeigt.
Vor zwanzig Jahren starb Marlene Dietrich
von Peter Fisch
Vor 20 Jahren, am 6.Mai 1992, starb Marlene Dietrich, dereinst die betörende Hollywood-Diva, die mit dem Film „Der blaue Engel“ ihre Karriere begonnen hatte und nach dem Krieg, bis zu ihrem Tod, in Paris lebte.
Ein sympathischer Radikaler
Der peruanische Revolutionär Hugo Blanco
von Gert Eisenbürger
Der Mann ist eine lebende Legende. Diese bei einem Menschen mit einem beeindruckenden Lebenswerk gern genutzte Floskel geht jedoch am Kern dessen vorbei, was Hugo Blanco, geboren 1934, auszeichnet.
Tomás Borge (1930–2012)
Comandante der Revolution (FSLN)
von Matthias Schindler
Am 30.April 2012 starb Tomás Borge. Im Alter von 81 Jahren erlag der nicht unumstrittene Revolutionär und spätere Innenminister im Militärhospital der nicaraguanischen Hauptstadt Managua einem Lungenleiden.
Alan Turing, 1912–1954
«Der Einser, der eine Null wurde…»
von Rolf Euler
Dies Jahr ist Alan-Turing-Jahr. Dem berühmten Denker und Praktiker der Computerentwicklung, der am 23 Juni 1912 geboren wurde, ist aus verschiedenen Gründen ein ganzes Jahr gewidmet.
Kriwoschein und Guderian
Gedanken zu einem Bild
von Werner Abel
Der in SoZ 6/2012 abgedruckte, höchst notwendige und informative Artikel von Kamil Majchrzak, den die junge Welt als Leserbrief nicht veröffentlichen konnte oder wollte, ist mit zwei Bildern illustriert, die eine der abstoßendsten Facetten des Stalinismus zeigen, nämlich sein zeitweiliges Zusammenspiel mit dem Nationalsozialismus, das nicht nur eine verheerende Auswirkung auf die internationale kommunistische Bewegung hatte, sondern auch zur Liquidierung des polnischen Staates führte.
Der (kommende) Aufstand nach Friedrich Schiller
von Tanja Schultz
In ihrer neuen Produktion präsentiert «andcompany&Co.», eine der womöglich wichtigsten Performance- und Theatergruppen unserer Zeit, auf einer Silberbühne, in der Form eines Spiels im Spiel, Don Karlos, ein Stück Friedrich Schillers, welches in der Performance mit der historiografischen Schrift über den Aufstand der Niederländer, «dem Abfall der Niederlande», einer der großen historischen Schritten, re-mixt wird.
Occupy a Theater
Die Situation freier Theater in den Niederlanden und in Deutschland
Tanja Schultz spach mit Alexander Kaschniar von «andcompany&Co.» über ihr neues Stück «Der (kommende) Aufstand nach Friedrich Schiller», politisches Theater und die aktuelle Lage der Subventionsvergabe in den Niederlanden und Deutschland.
Carlos Fuentes (1928–2012)
Die Vision des mexikanischen Schriftstellers
von Alejandro Martínez Pacheco
«Ich sah, was (politische) Macht ist: ein Tigerblick, der dich einschüchtert und dir Angst und Schamgefühle macht.»
Am 15.Mai 2012 starb der mexikanische Autor Carlos Fuentes im Alter von 83 Jahren in Mexiko-Stadt.
Countdown am Xingu II
Deutschland 2012. Regie: Martin Keßler
von Angela Huemer
Martin Keßler ist mit dem Amazonas vertraut: 2009 berichtete er bereits in seiner 90-Minuten-Dokumentation «Kampf um Amazonien» ausführlich über die Auswirkungen von riesigen Staudämmen auf Menschen und Natur. Der Film war von Hoffnung getragen, besonders beeindruckend war der energische Auftritt der Indigenen beim Sozialforum – sie machten auf ihr Anliegen aufmerksam, den Kampf gegen das riesige Kraftwerk von Belo Monte (siehe SoZ 12/2010).
Der Kampf gegen «Belo Monte»
von Martin Keßler
Der Regisseur der Dokumentation Countdown am Xingu II (siehe Filmbesprechung) informiert über die langjährige Geschichte des Staudammprojekts und den anhaltenden Widerstand dagegen.
Für die Indigenen des brasilianischen Amazonasgebiets ist der Xingu ein heiliger Fluss. Doch dieser Tage wird ihr Fluss geschändet.
Drei Sommerkrimis
Empfehlungen von Udo Bonn
Oliver Harris, London Killing. München: Blessing, 2012, 479 S., 19,95 Euro
Jim Thompson, Der Mörder in mir. Zürich: Diogenes, 1992, 234 S., 9,90 Euro
Michael Robotham, Der Insider. München: Goldmann, 2012, 539 S., 14,99 Euro
«Geraubter» Verstand
Über angeblich von Polen geraubte Gebiete und den Hitler-Stalin-Pakt
von Kamil Majchrzak
Auf Einladung der Berliner VVN-BdA kamen zehn polnische Kriegsveteranen der 1.polnischen Armee, darunter Kämpfer, die am Sturm auf Berlin 1945 beteiligt waren, zum «Tag des Sieges am 9.Mai».
Sapere aude – Wage zu denken!
Heiner Geißler: Sapere aude! Warum wir eine neue Aufklärung brauchen, Berlin: Ullstein, 2012, 157 S., 16,99 Euro
von Paul B. Kleiser
Heiner Geißler zählt hierzulande zu den profiliertesten Vertretern des Wertkonservatismus. Wer ihn noch als scharfmachenden Generalsekretär der CDU in Erinnerung hat, könnte sagen, dass er eine Kehrtwende vollzogen hat und altersweise geworden ist. Die Führung der CDU ist meistens «not amused», wenn er als Gast in diversen Talkrunden Kampfreden gegen Finanzkapitalismus und Neoliberalismus hält.
Cecosesola: Die gelebte Utopie einer Kooperative
Arbeiten ohne Chef
von Werner Ruhoff
Anlässlich des 45-jährigen Bestehens der Kooperative Cecosesola in der Millionenstadt Barquisimeto östlich von Caracas erschien im Berliner Verlag «die Buchmacherei» das Buch «Auf dem Weg – Gelebte Utopie einer Kooperative in Venezuela». Drei Mitglieder der Kooperative waren in Deutschland unterwegs, um über ihre Geschichte zu berichten.
Ernesto Kroch, 1917–2012
Arbeiter und Widerstandskämpfer gegen mehrere Diktaturen
von Gert Eisenbürger
Ich traf Ernesto zum ersten Mal 1990 in Montevideo. Im Gepäck hatte ich seine Autobiographie «Exil in der Heimat – Heim ins Exil». Durch sie hatte ich Einiges über seine Geschichte erfahren:
Essen 1952: «Feuer frei!»
Philipp Müller – erstes Todesopfer der BRD-Repression
von Arno Klönne
Die damals in Hamburg erscheinende Tageszeitung Die Welt meldete am 12.Mai 1952 in großer Aufmachung:»Getarnte FDJ schießt auf Polizei in Essen. Demonstration gegen Generalvertrag. Ein Toter und zahlreiche Verletzte.»
Leben und Tod des Jakob van Hoddis
von Peter Fisch
Es scheint eine Widersinnigkeit zu sein. Jakob van Hoddis (eigentlich Hans Davidsohn) gehört zu den großen, aber weitgehend unbekannten Berühmtheiten der deutschen Literatur jüdischer Herkunft.
Donald Ray Pollock: Das Handwerk des Teufels
München: Liebeskind, 2012, 303 S., 19,80 Euro
von Udo Bonn
Im mittleren Westen gibt es viele Orte, die nach den wirtschaftlichen und sozialen Verwüstungen der Großen Depression keine Erholung erfahren haben. Die Heimkehrer aus dem Zweiten Weltkrieg finden aufgegebene Fabriken und unbestelltes Land vor, und bis sie ihre Söhne knapp 20 Jahre später in den Vietnamkrieg ziehen lassen, hat sich bis auf die Musik und die nächste Autogeneration nichts geändert.
Die Farbe des Ozeans
Deutschland/Spanien 2011, Regie: Maggie Peren
von Angela Huemer
Der Film beginnt mit einem langen Prolog. Eine junge Frau klopft heftig an Tür und Fenster, José ruft sie, José. José liegt noch im Bett, er hört sie – doch er ignoriert sie. Er stellt sich unter die Dusche und hält sich die Ohren zu.
Der Dichter und das Phantasieren
Nachwort zur Debatte um Günter Grass
von Helmut Dahmer
In einem poetologischen Essay Sigmund Freuds heißt es: «Man darf sagen, der Glückliche phantasiert nie, nur der Unbefriedigte. Unbefriedigte Wünsche sind die Triebkräfte der Phantasien, und jede einzelne Phantasie ist eine Wunscherfüllung, eine Korrektur der unbefriedigenden Wirklichkeit.»
Die Ideologie der Ungleichwertigkeit
Zehn Jahre «Deutsche Zustände»
von Christian Linde
Zehn Jahre lang hat das Team um den Soziologen Wilhelm Heitmeyer vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld zur «gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit» geforscht. In dieser Zeit hat sich die Bundesrepublik verändert.
Diagonale 2012
Festival des österreichischen Films
von Kurt Hofmann
Eine Leistungsbilanz, ein Blick auf das breite Spektrum unterschiedlicher Formen, ein unprätentiöser Versuch von Gegenöffentlichkeit mit filmischen Mitteln: All dies und mehr ist das Festival des Österreichischen Films, die Diagonale. Der Ort ist Graz, die Ausgabe war die fünfzehnte.
Buch: Ingrid Bachér: Die Grube.
Roman, Berlin: Dittrich, 2011, 173 S.
von Dieter Braeg
Ohne Kriegserklärung gibt es zwischen Köln und Mönchengladbach eine Gegend, die Menschen heimatlos gemacht hat und wohl auch noch macht, dort gibt es eine tote Landschaft.
Landschaft? Nein, es ist ein Bild der Zerstörung, verursacht durch Kapital und Politik. Blühende Landschaften verrecken, Schaufelradbagger, deren größter am Tag (!) 240.000 Kubikmeter Erde, also Landschaft, „bewegt», damit RWE Power Geschäfte macht – auf Kosten der Menschen, ihrer Gesundheit und gegen ihre Interessen.
Kai Degenhardt
Näher als sie scheinen. Plattenbau, 13 Euro
von Peter Nowak
«Auch meine fünfte Platte ist selbstverständlich wieder ein politisches Liedermacher-Album – was sonst? Allerdings nicht in dem Sinne, dass ich zur Klampfe singend tagespolitische Themen erörtere», schreibt der Hamburger Liedermacher Kai Degenhardt auf den Waschzettel zu seiner kürzlich veröffentlichten CD Näher als sie scheinen.
Film: Generation Kunduz – Der Krieg der Anderen
Dokumentarfilm, BRD 2011, Regie: Martin Gerner
von Rolf Euler
Das Beeindruckendste an diesem Film sind die Nahaufnahmen von Mirwais, dem zehnjährigen Jungen aus Afghanistan, der uns erzählt, warum der Krieg schlecht ist: Er kann nicht richtig zur Schule gehen, er muss Schuhe putzen, er wärmt sich die Hände am Straßengrill, riecht die gebratenen Stücke und kauft sich nichts zu essen, um das wenige Geld nach Hause zu bringen. Mirwais erklärt uns den Krieg – den man in dem Film nicht sieht, aber immer im Hintergrund spürt – nur zwei-, dreimal fahren deutsche gepanzerte Fahrzeuge durchs Bild – das ist der Krieg der anderen, und der Film zeigt afghanische junge Menschen, die die Folgen täglich zu spüren bekommen.
Krimi: Giancarlo De Cataldo: Romanzo Criminale
Berlin: Aufbau, 2012, 575 S., 12,99 Euro
von Udo Bonn
Vecchio ist der alte geheime Hintermann der politischen Geschäfte im Italien der 70er Jahre. Während sich im Roman Der Leopard von Giuseppe Tomasi di Lampedusa die Verhältnisse noch ändern müssen, damit alles so bleibt, wie es ist, reicht es hundert Jahre später aus, alles wie bei einer Jonglage in Bewegung zu halten, um den gesellschaftlichen Status quo abzusichern.
Vor 50 Jahren: Algerien wird unabhängig
von Sylvain Pattieu
Am 18.März 1962 unterzeichnete Frankreich das Abkommen von Evian, mit dem es die Unabhängigkeit Algeriens anerkannte, das seit 1830 französische Kolonie war. Die algerische Regierung proklamierte am 5.Juli offiziell die Unabhängigkeit des nordafrikanischen Landes. Damit endete ein antikolonialer Befreiungskampf, der 1954 begonnen hatte und, wie später der Vietnamkrieg, ein wichtiger Kristallisationspunkt für die Herausbildung einer radikalen Linken in Europa war.
R-mediabase
Neue gesellschaftskritische Plattform mit Fokus auf kritische Fotografie
von Hans-Dieter Hey
In Köln hat sich das Bildforum «R-mediabase» gegründet, es will der sozialdokumentarischen Fotografie einen neuen Stellenwert verschaffen. Das Bildforum, ein gemeinnütziger Verein, sammelt, archiviert und organisiert sozialkritische, politische und gesellschaftliche Fotografie und bietet sie als Gemeingut kostenlos an. Neben aktuellen Bilderstrecken wird ein historisches Archiv aufgebaut.
Tomas Sedlacek: Die Ökonomie von Gut und Böse
München: Hanser, 2012, 448 Seiten, 24,90 Euro
von Gerhard Klas
Wenn der Wirtschaftsmotor nicht brummt und ganze Volkswirtschaften in die Rezension zu rutschen drohen, schlägt die Stunde der Ökonomen. Oder besser gesagt: Die Stunde der Ökonomen, die vermeintlich alles – oder vieles – anders machen wollen. Einer von ihnen ist der junge Tscheche Tomas Sedlacek.
Marc Thörner, Die arabische Revolution und ihre Feinde
Hamburg: Edition Nautilus, 2012.
Dass die Politik des Westens gegenüber der «arabischen Welt» nicht unbedingt von tief empfundenen demokratischen Überzeugungen geleitet wird, ist mittlerweile eine Binsenweisheit und spätestens während der arabischen Demokratiebewegung wohl auch dem oberflächlichsten Beobachter klargeworden.
Günther Sandleben: Finanzmarktkrise – Mythos und Wirklichkeit
Wie die ganz reale Wirtschaft die Krise kriegt, Norderstedt: Books on demand, 2011, 124 Seiten, 7,90 Euro.
Das Büchlein will in der Hauptsache die auch unter Linken verbreitete, bürgerliche, These widerlegen, die neue Weltwirtschaftskrise sei durch den Kollaps der Finanzwelt ausgelöst worden – populär ausgedrückt: durch die Gier der Banker.
Jakob Moneta 11.11.1914–3.3.2012
von Angela Klein
Jakob wollte 100 Jahre alt werden. Das hat er nicht ganz geschafft, er ist „nur“ 97 geworden, doch bis zum Schluss bei klarem Bewusstsein. Noch auf der Geburtstagsfeier zu seinem 85.Lebensjahr in der Bildungsstätte der NGG in Oberreifenberg zeigte er sich überzeugt, er werde den Sozialismus noch erleben. Da schüttelten wir schon den Kopf…
Jakob Moneta. Nachrufe.
Der sozialistische Journalist und Gewerkschafter Jakob Moneta ist tot.
Wir dokumentieren die Nachrufe.
The Black Power Mixtape 1967–1975
Dokumentarfilm, Schweden/USA/BRD 2011, Regie: Göran Hugo Olsson
von Gaston Kirsche
The Black Power Mixtape 1967–1975 ist ein ungewöhnlicher Dokumentarfilm. Er ist eine erlesene Mischung aus neu zusammengestelltem, lange vergessenen historischem Filmmaterial des schwedischen Staatsfernsehens über die amerikanische Bürgerrechtsbewegung Black Panther und Interviews, die 2010 mit einigen der damaligen Protagonisten sowie Künstlern und Historikern geführt wurden, die sich heute auf die schwarze Bürgerrechtsbewegung beziehen.
Raimund Wolfert, Nirgendwo daheim
Das bewegte Leben des Bruno Vogel, Leipzig: Universitätsverlag, 2012, 303 S., 29 Euro
von Werner Abel
«Größenwahnsinnige Offizierstypen hetzen mit unzähligen frechen, verlogenen Phrasen zum Kampf für Recht und Ehre, das blanke Schwert in der Faust, um dann die Machtgelüste ihrer Caligulaseelchen wieder möglichst ungehemmt ausleben zu können … Bedauernswerte empfehlen den Krieg als läuterndes Stahlbad, denn er bietet ihnen tausend köstliche Gelegenheit zur gefahrlosen Befriedigung ihrer Triebe.»
Pete Dexter – Zwei Krimis
Train, Frankfurt: S.Fischer, 2012, 400 S., 10,99 Euro
Paris Trout, Frankfurt: S.Fischer, 2010, 416 Seiten, 9,50 Euro
von Udo Bonn
Die Entstehung und Reglementierung vieler Sportarten diente häufig der Wehrertüchtigung der bewaffneten Klassen. Nicht nur die Kunst des Bogenschießens und die zahlreichen Varianten des Boxens und Ringens spielten hier eine Rolle, auch Rudern, Reiten und sogar Fußballspielen galt der körperlichen Stärkung der herrschenden gesellschaftlichen Schichten.
Eindrücke von der Berlinale 2012
Ein lohnendes Vergnügen
von Andreas Bodden
Dies ist ein völlig subjektiver Bericht von der Berlinale 2012. Ich bin als ganz normaler Besucher nach Berlin gefahren und habe mich in die lange Schlange am Kartenschalter angestellt. Mal hatte ich Glück und bekam die Karten für die Filme, auf die ich scharf war, mal hatte ich Pech und die Vorstellung war bereits ausverkauft. So gelang es mir nicht, Karten für den Film Aujour d’hui des senegalesischen Regisseurs Alain Gomis zu ergattern.
„Es gibt noch Leben in dem alten Kerl Trotzki“
Rezension einer neuen Trotzki-Biografie von Reiner Tosstorf.
Zur Trotzki-Biographie von Robert Service
Literatur und Demenz
Von der Notwendigkeit einer literarischen Auseinandersetzung
von Tanja Schultz
Spätestens durch die Bekanntwerdung der Alzheimererkrankung des Fussballmanagers Rudi Assauers ist das Thema in der ganz breiten Öffentlichkeit angelangt. In den letzten Jahren widmeten sich vermehrt eminente Autoren der deutschsprachigen Literatur mit dem Thema. Tanja Schulz zeigt anhand konkreter Beispiele, wie wichtig und notwendig eine solche literarisch-künstlerische mit diesem so schwierigen Thema ist.
Hans Rudolf Vaget, Thomas Mann, der Amerikaner
Frankfurt: Fischer, 2011, 545 S., 24,95 Euro
von Peter Fisch
Vom Cover der Studie von Vaget blickt uns der fast 70-jährige «Doyen des antifaschistischen deutschen Exils», Thomas Mann, an. Offensichtlich wurde das Foto im Garten seines Wohnhauses in Pacific Palisades am San Remo Drive, inmitten der «seven palms», aufgenommen. Es zeigt uns den Thomas Mann, wie wir ihn kennen, ganz seiner Rolle bewusst und entsprechend stilvoll gekleidet.
Michel Hazavanicius, The Artist
Frankreich 2011
von Angela Huemer
Schon bei der Titelsequenz, den «opening titles», merkt man, dass man hier nicht nur einen Film sieht, sondern eine Zeitreise unternimmt. Ein Stummfilm, kein Dialog, nur schwarz-weiß und noch dazu kein Breitband-Format, an das wir uns mittlerweile nicht nur im Kino gewöhnt haben. Kann das gut gehen?
Mike Nicol, payback
München: btb, 2011, 574 S., 9,99 Euro
von Udo Bonn
Mace Bishop und Pylon Buso haben sich im Guerillacamp der südafrikanischen Befreiungsbewegung kennengelernt und sind dann zu Waffenhändlern geworden. Jetzt, nach dem Ende der Apartheid, leben sie von einer besonderen Begleitagentur für begüterte Weiße: Zuerst geht’s zum Schönheitschirurgen und dann auf Fotosafari in einen der Nationalparks.
Theo Angelopoulos (1935–2012)
Studien zur europäischen Geschichte
von Paul B. Kleiser
Am 24.Januar 2012 wurde der griechische Filmregisseur Theodoros Angelopoulos bei den Dreharbeiten zu seinem neuen Film Das andere Meer, in dem er sich auch mit den Folgen der Finanzkrise für Griechenland auseinandersetzen wollte, beim Überqueren der Straße in Piräus von einem Motorrad erfasst. Er starb ein paar Stunden später im Krankenhaus. Er wurde 76 Jahre alt. Das Land verliert mit ihm seinen größten Filmemacher und das europäische Kino einen der bedeutendsten zeitgenössischen Regisseure.
Hörbild zum Zionismus
Söldner gegen die Zukunft oder «Die einzige Demokratie im Nahen Osten». Hörbild zum Zionismus, Neu-Isenburg: Melzer-Verlag, 2011, 14,99 Euro
von Anton Holberg
Der Melzer Verlag hat ein überaus wichtiges, aus zwei CDs bestehendes Hörbuch zum Zionismus und dessen staatlicher Gestalt, Israel, herausgegeben. Von Bedeutung ist insbesondere die erste CD.
Die Chancengewerkschaft
Martin Kempe: 10 Jahre Ver.di. Die Chancengewerkschaft, Münster: Westfälisches Dampfboot, 2011, 113 S., 9,80 Euro
von Helmut Born
Im letzten Jahr hat Martin Kempe, ehemals Chefredakteur der Ver.di-Zeitschrift Publik, in einem Essay die Geschichte der vereinten Dienstleistungsgewerkschaft aus seiner Sicht zu Papier gebracht. Dabei hat er einen gut lesbaren Text geschrieben. Dass ihn eine sehr spezielle Sicht darauf leitet, verwundert nicht. Allerdings sieht er manches zu positiv.
Die Quandts: Reich geworden am Elend der anderen
Joachim Scholtyseck: Der Aufstieg der Quandts. Eine deutsche Unternehmerdynastie, München: C.H.Beck, 2011. 1184 S., 39,95 Euro
von Larissa Peiffer-Rüssmann
Der Bonner Historiker Joachim Scholtyseck legt erstmals im Auftrag der Familie Quandt die Firmengeschichte dieses deutschen Industrieimperiums offen.
Mit ihrem weit verzweigten Industrieimperium gehören die Quandts zu den reichsten Familien in Deutschland; das US-Wirtschaftsmagazin Forbes listete 2011 gleich drei Familienmitglieder unter den zehn reichsten Deutschen: Susanne Klatten auf Platz 3, Stefan Quandt auf Platz 5 und Johanna Quandt auf Platz 7.
Hotel Lux
Ruth von Mayenburg: Hotel Lux. Die Menschenfalle. Mit Drehbuchnotizen von Heinrich Breloer, München: Sandmann, 2011, 384 S., 24,80 Euro
von Werner Abel
Die Kunde von dem Mord im fernen Mexiko im August 1940 versetzte die Bewohner des riesigen Hauses in der Moskauer Maxim-Gorki-Straße 10 in helle Aufruhr. In dem mächtigen Bau, der 1911 als Hotel errichtet und 1921 von der Kommunistischen Internationale zur Unterbringung ihrer nach Moskau gereisten Mitglieder requiriert worden war, wohnten noch immer Funktionäre der Komintern, aber auch Emigranten aus jenen Ländern, in denen die kommunistischen Parteien verboten worden waren.
In Zeiten des abnehmenden Lichts
Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts, Reinbek: Rowohlt, 2011, 426 S., 19,95 Euro
von Jürgen Meier
Dieser Roman ist wahrlich keine erbauliche Lektüre für Kommunisten, die, wie die Romanfigur Kurt, vierzig Jahre der SED die Treue gehalten haben, vielleicht im besten Glauben, auf diese Weise den Sozialismus zur Entfaltung bringen zu können, vielleicht aber auch nur, weil sie zu feige waren, die Welt nicht nur nach den Direktiven des ZK zu interpretieren, sondern sie Marschen Sinne permanent verändern zu wollen. Nach flüchtiger Lektüre scheint dieses mit dem deutschen Buchpreis ausgezeichnete Buch nichts anderes im Sinn zu haben, als den Sozialismus als Alternative zum Kapitalismus in den Dreck zu ziehen. Doch dieser Schein trügt.
Poststalinistische Eierschalen
Herbert Meißner: Trotzki und der Trotzkismus, Berlin: Verlag Wiljo Heinen, 2011, 190 S., 13,50 Euro
von Paul B. Kleiser
Es gibt keine Figur der modernen Geschichte, die in einem solchen Umfang geschmäht und verleumdet worden ist wie der russische Revolutionär Leo Trotzki. Auch in der Nachkriegszeit erschienen im Ostblock in regelmäßigen Abständen Schriften, die seine Ansichten «widerlegten»; gleichwohl konnte man die «Widerlegungen» nicht überprüfen, da sich Trotzkis Schriften im Giftschrank befanden.
Paradies in schwerer Zeit
Thomas Blubacher: Paradies in schwerer Zeit. Künstler und Denker im Exil in Pacific Palisades, München: Sandmann, 2011, 169 S., 29,90 Euro
von Peter Fisch
Tausende Kilometer hatten sie hinter sich gelassen, Staatsgrenzen, Berge und Ozeane, um hierher zu gelangen mit dem alles beherrschenden Ziel, dem Terror und Tod, all dem, was ihnen in Nazideutschland drohte, zu entgehen. Es waren meist deutschsprachige Intellektuelle, denen es gelang, überwiegend von Südfrankreich aus, den Pazifik zu erreichen.
So entstand eine einzigartige «Republik des Geistes» in Südkalifornien, ein «überdimensioniertes Sanary-sur-mer» (die Gemeinde an der Côte d’Azur beherbergte im Zweiten Weltkrieg zahlreiche deutsche Emigranten, von denen einige später in Los Angeles wieder zusammentrafen).
Fremd
Fremd, Deutschland 2011, Regie: Miriam Fassbender
von Angela Huemer
Zu Beginn zeichnet Mohamed, einer der beiden Protagonisten des Films mit schwarzer Kreide eine Landkarte, es ist eine ungewöhnliche, eine abstrakte Landkarte Afrikas, sie zeigt die Reiseroute bis Nordafrika, dort, wo so viele hoffen, in eine der spanischen Enklaven in Marokko vorzudringen oder das Meer nach Europa zu überqueren. «Europa ist das Paradies» heißt es irgendwann im Film, «nein», «Europa ist nicht das Paradies, es ist nur das Paradies für Afrika.»
Der achte Zwerg
Ross Thomas: Der achte Zwerg, Berlin: Alexander, 2011, 351 S., 14,90 Euro
von Udo Bonn
Nicolae Ploscaru ist der achte Zwerg. Frauen lieben ihn, zumindest sind sie nie abgeneigt, mit ihm Sex zu haben. Trotz oder wegen seiner Kleinwüchsigkeit, wegen seines Charmes – immerhin ein rumänischer Aristokrat –, wegen seiner Wortgewandtheit, niemand, v.a. nicht die Männer, kann verstehen, wieso der Kerl so einen Schlag bei den Damen hat. Männer, die mit Ploscaru zu tun hatten, haben mit ihm ganz andere Erfahrungen gemacht. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete er für die unterschiedlichen alliierten Geheimdienste, die er dabei nach Strich und Faden betrogen hat, vor allem die Briten sind auch 1946 noch stinksauer auf ihn.
Über Arbeit in Volker Brauns Erzählung „Die hellen Haufen“
„Die Enkel löffelns besser aus“1
Volker Braun: Die hellen Haufen, Berlin: Suhrkamp Verlag, 2011, 96 S., 14,90 Euro
von Michael Banos
In der Januarausgabe der SoZ gab es einen kleinen, in der Kürze aber sehr trefflichen Buchtipp von Christel Berger zu Volker Brauns neuer Erzählung. „Ein Buch, das mehrmals zu lesen lohnt“, schreibt sie. Richtig, denn alle Seiten des schmalen Bändchen sind auch NACHDENKSEITEN. Und: „Als Philosoph und Lyriker, Chronist und sozialistischer Träumer in einer Person, denkt er über das Wesen und den Sinn von Eigentum nach und über Gewalt, über den Wert von Arbeit sowieso.“
Also: nochmals gelesen und über den Wert von Arbeit nachgedacht, bei Volker Braun nachgelesen.
Mach es gut, Freund und Genosse!
Seiten zum Tode Klemens Alff
Nachruf von Jürgen Noffz, Redaktion von „scharf-links“
Nachruf auf sozialismus.info
Nachruf Die Linke Bremen
Nachruf von Jürgen Roth Arbeitermacht
Nachruf der AKL Antikapitalistische Linke
Nachruf von Siggi Seidel in Der Funke Nr. 85:
Mach es gut, Freund und Genosse!
Am 30. November 2011 ist Klemens Alff, ein Freund und Genosse, nach kurzer, schwerer Krankheit gestorben.
Verlogene Feierlichkeiten
Die Rechten und das Kriegsrecht in Polen
von Jaroslaw Urbanski
Der 30.Jahrestag der Einführung des Kriegsrechts in Polen durch das Regime der PVAP diente in diesem Jahr der nationalistischen und radikalen Rechten in besonderem Maße als Vorwand für ihre Propaganda.
«Ich bereue keine Sekunde dieses Kampfes»
Vor 30 Jahren wurde in Polen der Kriegszustand verhängt
Der «kurze Sommer» der unabhängigen Gewerkschaft Solidarnosc in Polen war der fortgeschrittenste Versuch in einem osteuropäischen Land, der bürokratischen Planungsdiktatur einen echten Selbstverwaltungssozialismus mit Massenanhang entgegen zu setzen. Dieser Versuch wurde durch die Verhängung der Kriegsrechts am 13.Dezember 1981 erstickt. Den Niedergang des Nominalsozialismus hat das nicht aufgehalten, wohl aber die Weichen für die Rechtsentwicklung der Solidarnosc nach 1989 und das geringe Engagement der Arbeiterklasse in der Wendezeit gestellt.
Im Westen waren die Kräfte, die die unabhängige Gewerkschaft auch im Untergrund noch unterstützten, gering. Kamil Majchrzak sprach mit MARCEL GERBER, einem Schweizer Unterstützer der Solidarnosc, über die damalige Solidaritätsarbeit.
Klemens Alff, 1955–2011
Am 30.November ist unser Freund und Genosse Klemens Alff in Bremen gestorben. Wir verlieren einen freundlichen, heiteren Menschen, der in der Lage war, auf andere zuzugehen und unterschiedliche Milieus miteinander zu verbinden. Sein Tod ist ein großer Verlust für uns.
Die Redaktion
Nachstehend Auszüge aus der Trauerrede von Klemens’ Schwester, Susanne Alff-Petersen.
Den Betrieb übernehmen
Zur dritten Ausgabe der Zeitschrift LuXemburg
Anfang November fand auf Einladung der Rosa Luxemburg Stiftung in Berlin eine internationale Konferenz zum Thema «Belegschaftseigentum, Kooperativen und Genossenschaften: Einstieg in die Transformation?» statt. Der Vorbereitung der Konferenz widmete sich die dritte Ausgabe der Zeitschrift Luxemburg. Einige Autoren waren auch zu Gast bei der Konferenz.
Gestreikt. Gekündigt. Gekämpft. Gewonnen.
Gestreikt. Gekündigt. Gekämpft. Gewonnen. Die Erfahrungen der Emmely-Kampagne (Hg. Komitee «Solidarität mit Emmely»), AG SPAK Bücher, 9,50 Euro
Dass Beschäftigte in der Firma einmal etwas mitgehen lassen, ist normal. Auch dass sie bereits bei Verdacht auf Diebstahl gekündigt werden. Doch manchmal ist normal nicht mehr normal. So geschehen im Fall der gekündigten Kassiererin Barbara Emme. Ihre Kündigung mündete in eine öffentlichen Debatte, in der sichtbar wurde, wie unterschiedlich Menschen in dieser Gesellschaft je nach Klassenlage behandelt werden. Emmely war Thema in den Gazetten von Bild bis FAZ und schaffte es zu Kerner und zu Anne Will. Im Juni 2010 hatte die Kassiererin ihre Arbeitsstelle wieder.
«Sie ist so schwer zu fangen…»
Frauenfiguren bei Christa Wolf
von Tanja Schultz
Anfang Dezember starb Christa Wolf. Deutschlandradiokultur entschied sich, am Samstag nach der Nachricht einen Ausschnitt aus einer ihrer Lesungen auszustrahlen.
Volker Braun: Die hellen Haufen
Volker Braun: Die hellen Haufen. Erzählung, Berlin: Suhrkamp, 2011, 97 S., 14,90 Euro
von Christel Berger
Knapp hundert Seiten, die es in sich haben! Wieder offenbart Volker Braun eine andere Seite seines Könnens: Diesmal schreibt er – «ein Narr» – über etwas, das es nicht gab: einen Aufstand von Arbeitern, die nach der Auflösung der DDR ihre Betriebe zurückhaben wollen.
«My Home is my Castle»
«My Home is my Castle», Länge: 75 Minuten, Deutschland, 2011, Buch und Regie: Alexander Kleider, Daniela Michel, Marco Müller, Musik: Eckes Malz
von Angela Huemer
Die Motivation für diesen Film ist hochpolitisch – die Schlagzeilen, die in den letzten Jahren aus Ungarn zu uns dringen, drehen sich vor allem um offenen Rassismus, Rechtsradikalismus und massive Einschränkungen der Pressefreiheit. Grund genug also, einen harten, polemischen Film über Lebenswelten in Budapest zu machen.
Hallgrímur Helgason: Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen / Christopher G. Moore: Der Untreue-Index
Hallgrímur Helgason: Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen, München: dtv, 2011, 271 S., 9,95 Euro /Christopher G. Moore: Der Untreue-Index, Berlin: Unionsverlag, 2011, 378 S., 16,90 Euro
von Udo Bonn
Es klingelt an der Tür. Er ist entdeckt. Auf Socken verschwindet Tomislav Boksic aus dem Haus seiner Gastgeber in das kühle Reykjavík. Aber wo soll er hin in der isländischen Hauptstadt, in der er sich nicht auskennt, in der er nicht sein will, aus der er nicht entkommen kann?
«Ins Ungebundene gehet eine Sehnsucht…»
Zum Tode von Christa Wolf
von Peter Fisch
Christa Wolfs Leben kann exemplarisch als die Biografie einer deutschen Intellektuellen in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts gelesen werden, mit all ihren Hoffnungen, Widersprüchen, Brüchen und Verwerfungen. 1929 in Landsberg an der Warthe (im heutigen Polen) geboren, erlebte sie ihre Kindheit im Nationalsozialismus.
Buchtipps
von Anja Köhler
Hugo Blanco: «Wir Indios». Der Kampf der Indígenas gegen rassistische Unterdrückung und die Zerstörung der Umwelt, Frankfurt: Neuer ISP Verlag, 2011, 175 S., 19,80 Euro und
Bernhard Schmid: Distanzieren. Leugnen. Drohen. Die europäische extreme Rechte nach Oslo, Münster: edition assemblage, 2011, 120 S., 12,80 Euro
Uwe-Jens Heuer (1927–2011)
Nachruf
von Manuel Kellner
Am 22.Oktober ist Uwe-Jens Heuer mit 84 Jahren gestorben. Mitglied der Partei DIE LINKE und des Marxistischen Forums, war er ein streitbarer Genosse, der gegen linke Anpassungstendenzen anging und den Dialog unter sozialistischen und kommunistischen Linken verschiedener Denktraditionen förderte. Er war auch sehr herzlich. Der Soziologe Volker Gransow schrieb ihm 2003 treffend den «Charme eines noch immer jungenhaften sozialistischen Ideologen» zu.
Freiheit statt Kapitalismus
Sahra Wagenknecht: Freiheit statt Kapitalismus, Frankfurt: Eichborn, 2011, 365 S., 19,95 Euro
von Paul B. Kleiser
Es ist eine Art Programmschrift, vermutlich mit Blick auf die Debatten um das neue Programm der Linkspartei verfasst. In gewisser Weise tritt Sahra Wagenknecht in die Fußstapfen von Oskar Lafontaine und schreibt sein Werk Politik für alle in die Gegenwart fort; vielleicht bietet sie sich damit auch für höhere Aufgaben an. Angeblich möchte der Star zahlreicher Talkshows «den typischen FDPlern entgegenhalten, wie Marktwirtschaft tatsächlich funktioniert». Es fragt sich nur, welches Idealbild von Markt hier verkündet wird.
Eine Geschichte der Novemberrevolution
Richard Müller: Eine Geschichte der Novemberrevolution in 3 Bänden, Berlin: Die Buchmacherei, 2011, 756 S., 19,90 Euro
von Dieter Wegner
Mit seinem Buch Richard Müller. Der Mann hinter der Novemberrevolution entriss der junge Berliner Historiker Ralf Hoffrogge Richard Müller und die Revolutionären Obleute von Berlin vor drei Jahren dem Vergessen. Ihm und dem kleinen Berliner Verlag «Die Buchmacherei» ist es nun zu verdanken, dass nach Jahrzehnten Müllers Geschichte der Novemberrevolution neu aufgelegt wurde.
Biermann ist tot – Degenhardt lebt
Zum Tode des Liedermachers Franz-Josef Degenhardt
von Bernd Köhler, Liedermacher und Grafiker
Zwei Geburtstage von Liedermachern, die die späten Nachkriegsdeutschlands entscheidend mitgeprägt haben, standen im November 2011 an. Wolf Biermann wurde 75 und Franz-Josef Degenhardt starb nach langer schwerer Krankheit kurz vor seinem 80.
Am Vorabend seines Todes hatte Biermann seinen Sangesbruder auf WDR5 noch «als schlechten Gitarrespieler, minder begabten Lyriker und überhaupt als abschäumenden Dreckskerl» abgekanzelt.
Zeit des Zorns
Don Winslow: Zeit des Zorns, Berlin: Suhrkamp, 2011, 338 S., 14,95 Euro
von Udo Bonn
Ophelia liebt Ben, den liebevollen Weltenbummler, der sein Geld in soziale Projekte steckt. Ophelia liebt Chon, den harten Ex-Marine. Ben und Chon sind Freunde, die in großem Umfang Gourmet-Marihuana züchten und im südlichen Kalifornien an die ausgesuchte Kundschaft bringen. Bis ihnen das mexikanische Baja-Kartell in die Quere kommt:
«Film Socialisme»
Jean-Luc Godards bislang letzter Film ist eine Elegie auf die historischen Niederlagen des Sozialismus
Am 3.Dezember vergangenen Jahres ist Jean-Luc Godard achtzig Jahre alt geworden. Wenn man seine Filme sieht, erscheint der gleichaltrige Helmut Kohl wie ein Mann aus grauer Vorzeit. Godards Filme waren immer auf der Höhe der Zeit. Seit seinem ersten Langfilm A bout de souffle (Außer Atem) von 1959 hat er das Kino wie kaum ein anderer in einer Weise erneuert und revolutioniert, dass viele von ihm als dem James Joyce oder Pablo Picasso der siebten Kunst sprechen. Sein Werk umfasst mittlerweile gut vierzig Lang- und fast hundert kürzere Filme, die häufig trotz widriger Produktionsbedingungen und Geldmangels dank Godards Improvisationskunst entstanden sind.
Das Märchen von den Kleinkrediten
von Angela Huemer
Gerhard Klas: Die Mikrofinanz-Industrie. Die große Illusion oder das Geschäft mit der Armut, Berlin/Hamburg: Assoziation A, 2011, 19,80 Euro, 320 S.
Wer sich jemals selbst um einen Kredit bemüht hat, weiß, dass die Zinsen umso höher sind, je weniger Sicherheiten man zu bieten hat – falls man überhaupt einen Kredit bekommt. In den letzten Jahren sind die Kreditzinsen ziemlich gesunken, für rund 3–5% Jahreszinsen kann man sich Geld leihen. Die Dispozinsen bei der Bank liegen schon etwas höher – bei 14% oder mehr. Und in der kleinen Geschichte der Kredite, die Gerhard Klas an den Anfang seines Buches stellt, erfahren wir, dass in der Antike Kredite nur in absoluten Notlagen aufgenommen wurden und Zinsen verpönt waren. Platon bspw. warf den Zinsnehmern vor, die Armut zu vergrößern.
Bis an die Grenzen
Fabien Didier Yene: Bis an die Grenzen, Klagenfurt: Drava, 2011, 19,80 Euro
von Angela Huemer
Die Chronik einer Migration, erzählt von einem Migranten.
Der große Crash (Margin Call)
USA 2011, Drehbuch und Regie: J.C.Chandor
von Angela Huemer
Der Filmkritiker des amerikanischen National Public Radio bringt es auf den Punkt: Seitdem das Reaktorunglück im Atomkraftwerk «Three Mile Island» dem Film The China Syndrome unerwartete Aktualität bescherte (im Film geht es um einen ganz ähnlich gelagerten Vorfall), hatte angesichts der «Occupy Wall Street»-Proteste wohl kaum ein Film je solch akute Aktualität wie Der große Crash.
«The Big C»
TV-Tipp Eine neue Fernsehserie
Seit Mitte Oktober zeigt der digitale ZDF-Sender ZDF-Neo – «die» Adresse für qualitätsvolle Serien – die amerikanische Serie The Big C, das große C. C steht für Cancer, Krebs.
Die Stunde des Schakals
Bernhard Jaumann: Die Stunde des Schakals, Reinbek: Rowohlt, 2011, 318 S., 9,99 Euro
von Udo Bonn
Bernhard Jaumann hat in seinem zu Recht mit dem deutschen Krimipreis 2011 gewürdigten Roman Die Stunde des Schakals eine Frauenrolle entwickelt, die so tough und dabei so lebensecht ist, dass sie dem Leser nur staunende Bewunderung entlockt.
«Le Temps des Cerises» oder: Mein Opa war Weber und Tenor
Die Chansonsängerin Blandine Bonjour
Blandine Bonjour und Bernd Köhler veredelten am 8.Oktober 2011 die 25-Jahr-Feier der SoZ mit Liedern von der Pariser Kommune und anlässlich des 140.Jahrestags der blutigen Niederschlagung der Kommune. Besonders Blandine berührte das Publikum, wenn sie über den Hintergrund und die Geschichte der einzelnen Lieder sprach. Inspiriert von den «Chansons sans cigare» die sie uns präsentierten, wollten wir Blandine die Gelegenheit geben, uns mehr von ihr zu erzählen.
Einer, der Geschichte schrieb
Hans-Werner Krauß (1944–2011)
Am 9.September 2011 haben wir unseren Freund und Weggefährten Hans-Werner Krauss verloren.
Hans-Werner hat für uns Geschichte geschrieben. Um diese Aussage zu verstehen, muss man sich in die Jahre der Auseinandersetzungen in der chemischen Industrie zurückversetzen. In den 60er/70er-Jahren war die Industriegewerkschaft Chemie Papier Keramik (heute IG BCE) auf dem linken Flügel innerhalb des DGB angesiedelt. Es gab – sicher auch beeinflusst durch die 68er-Proteste – haupt- und ehrenamtliche Funktionäre, die in den Betrieben etwas bewegen wollten, vom Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit ausgingen und auch gesellschaftspolitisch und international für eine bessere Welt eintraten.
Die jüdische Nationalbewegung und ihr Verhältnis zum Westen
Daniel Cil Brecher, Der David – Der Westen und sein Traum von Israel Köln: PapyRossa, 2011 246 S., 15,90 Euro
von Anton Holberg
Anfang August veröffentlichte der Kölner PapyRossa-Verlag ein wichtiges und, um es vorweg zu sagen, hervorragendes Buch von Daniel Cil Brecher über zentrale im Westen kursierenden Mythen über Israel. Der Autor, 1951 in Tel Aviv geboren und heute in den Niederlanden lebend, ist Historiker, hat an der Universität Haifa und der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem gearbeitet und war Direktor des Leo Baeck Instituts in Jerusalem.
Rote Fahnen – Rote Lippen
Marianne Brentzel, Rote Fahnen – Rote Lippen, Edition ebersbach, 288 S., 18 Euro
von Michael Banos
Wenn wir in diesen Tagen auf 25 Jahre SoZ zurückblicken, lohnt sich auch ein Blick auf die Jahre davor, die Jahre, in denen sich viele tausend Menschen in revolutionären Parteien, Parteiaufbauorganisationen, kommunistischen Bünden organisierten. Marianne Brentzel hat darüber ein sehr lesenswertes Buch geschrieben, worin sie auch von ihren Jahren in der Landesleitung NRW der KPD/AO berichtet.
No more fear
Neue Filme aus Nordafrika, Datum: 7.–9.Oktober 2011, Ort: Filmforum NRW im Museum Ludwig, Köln
«Game Over» nannte das FilmInitiativ seine Filmreihe zu Nordafrika im Mai dieses Jahres. Das «Spiel» war vorbei für die Mächtigen in Tunesien und Ägypten. Ein neues «Spiel» begann, eine neue Zeit, eine Zeit des Übergangs und voller Unsicherheiten. Nun setzt das FilmInitiativ seine Bemühungen fort: vom 7. bis 9.Oktober sind erstmals in Köln Filme zu sehen, die während der Proteste entstanden.
Einschlägig bekannt, Moonlight Mile, Dunkler Gefährte
Dominique Manotti, Einschlägig bekannt, Berlin: Argument, 2011, 250 S. 12,90 Euro.
Dennis Lehane, Moonlight Mile, Berlin: Ullstein, 2011, 380 S., 9,99 Euro.
Jim Nisbet, Dunkler Gefährte, Pulpmaster, 2010, 191 S., 12,80 Euro.
von Udo Bonn
Das wird wohl eine Ausnahme bleiben: Zum dritten Mal in diesem Jahr wird ein Roman von Dominique Manotti an dieser Stelle präsentiert – aber es wäre ein schwerer Fehler darauf zu verzichten. Einschlägig bekannt kann gelesen werden als Abrechnung mit Sarkozys Kärcherpolitik, mit der er als Innenminister seine Präsidentschaftskandidatur vorbereitete, oder als Ursachenforschung für die jüngsten Unruhen in britischen Großstädten.
Grenzüberschreitungen
Günter Blamberger, Heinrich von Kleist. Biographie, Frankfurt a.M.: S.Fischer, 2011; 597 S., 24,90 Euro.
von Paul B. Kleiser
Vor 200 Jahren starb Heinrich von Kleist
Am 21.November 1811 erschoss Heinrich von Kleist am Berliner Wannsee zuerst seine Freundin Henriette Vogel und dann sich selbst. Damit endete das Leben eines der größten und widersprüchlichsten deutschen Schriftsteller, der zu seinen Lebzeiten kaum Anerkennung gefunden hat. Zu radikal war sein Kampf um die Freiheit des Individuums, dessen höchste Verwirklichung der Künstler sein sollte, als dass eine von Standesdünkel geprägte Gesellschaft sich darauf hätte einlassen können. Erst im 20.Jahrhundert begann eine ernsthafte, teilweise aber auch höchst ideologische Rezeption. Heute gehören seine acht Dramen und acht Novellen unbestreitbar zur Weltliteratur; die Zahl der Forschungsarbeiten zu diesem Dichter ist Legion.
Economie Sociale – eine Alternative zum Kapitalismus/Beitragen statt tauschen
Thierry Jeanette, Economie Sociale – eine Alternative zum Kapitalismus
Neu-Ulm: AG SPAK 2010, 114 S., 16 Euro.
Christian Siefkes, Beitragen statt tauschen. Materielle Produktion nach dem Modell Freier Software
Neu-Ulm: AG SPAK 2010, 168 S., 16 Euro.
von Gisela Notz
Mit dem Zerfall des real existiert habenden Sozialismus scheinen Alternativen zum Kapitalismus in Verruf geraten zu sein, jedenfalls soweit es sich um konkrete Utopien und nicht lediglich um Protesterklärungen und Petitionen handelt. Dass gemeinsame Produktion Spaß machen, dass sie angenehm und befriedigend sein kann, wissen alle, die sich in Projekten der alternativen Ökonomie engagiert haben. Thierry Jeanet und Christian Siefkes spinnen die Ideen weiter. Beide fragen nach theoretischen Ansätzen für eine Wirtschaftsweise jenseits von Warenproduktion und Markt und zugleich nach deren praktischer Umsetzung. Ihr Interesse richtet sich darauf, wie ein Gesellschaft aussehen könnte, die von den Bedürfnissen der Menschen bestimmt wird und nicht alleine durch die Interessen des Kapitals.
Die «proletarische Wende» der 70er Jahre
Ein Buch, zwei Ansichten
Jan Ole Arps, Frühschicht. Linke Fabrikintervention in den 70er Jahren,
Hamburg: Assoziation A, 2011, 240 Seiten, 16 Euro
von Jochen Gester und Dieter Braeg
Le Havre
Finnland/Frankreich/BRD 2011, Buch, Regie, Produktion: Aki Kaurismäki, Mit André Wilms, Kati Outinen u.a, Kinostart: 8.September 2011
von Andreas Bodden
Endlich ist es soweit. Fünf Jahre hat die Fangemeinde des finnischen Kultregisseurs auf seinen neuen Film warten müssen. Das Warten hat sich gelohnt.
Vikas Swarup, Immer wieder Gandhi
Immer wieder Gandhi
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2001, 623 S., 9,95 Euro
von Udo Bonn
Ein ehemaliger Staatsfunktionär, berüchtigt für seine Korrumpierbarkeit und seine Affären, der nach einer Séance meint, Gandhi zu sein, eine berühmte Schauspielerin, ein Stammesangehöriger von einer der Andaman-Inseln auf der Suche nach einem gestohlenen Totem, ein um seine Liebe betrogener Handy-Dieb, der Innenminister von Uttar Pradesh, dessen Karriere durch die Eskapaden seines Sohnes verbaut wird, und ein Gabelstaplerfahrer aus Waco, Texas, auf der Suche nach seiner Katalogbraut – sie alle könnten Vicky Rai umgebracht haben.
«… wird mit Brachialgewalt durchgefochten»
Bewaffnete Konflikte mit Todesfolge vor Gericht. Berlin 1929 bis 1932/33
Köln: PapyRossa, 2011, 154 S., 14 Euro
von Johannes Fülberth
Schon lange gilt es unter linken und bürgerlichen Antifaschistinnen und Antifaschisten als ausgemacht, dass die Justiz der Weimarer Republik in krasser Weise auf dem rechten Auge blind war. Tatsächlich hatte es die Republik versäumt, Richter- und Staatsanwaltschaft nach dem Novemberumsturz 1918 zu erneuern. Es gab zwar einen Republikanischen Richterbund, dem aber nur wenige Richterinnen und Richter angehörten. Die meisten gehörten zum Deutschen Richterbund, der offiziell als politisch neutral galt, inoffiziell aber monarchistisch und deutschnational ausgerichtet war.
Das richtige Bewusstsein und die sozialistische Demokratie
Vor vierzig Jahren starb Georg Lukács (1885–1971)
von Jürgen Meier
Als der Schriftsteller Tibor Déry vor vierzig Jahren am Grab seines Freundes Georg Lukács stand, wandte er sich mit der folgenden Frage an die große Schar der Trauergäste: «Was war es, was uns für seine Arbeit und seine Persönlichkeit gleichermaßen einnahm? In einem Wort zusammengefasst möchte ich sagen: seine Liebe zum Menschen.»
Bedenkt man, dass Lukács, wie Déry in seiner Trauerrede sagte, zwar «bescheiden im Umgang mit Menschen» war, aber «unbarmherzig im Verkehr mit Ideen», so zeigt sich diese Liebe zum Menschen bei Lukács in einer Art Differenzierung zwischen dem einzelnen Alltagsmenschen und dessen Bewusstsein und dem gesellschaftlichen Sein.
Die Deutschen müssen zahlen
Eine Aufstellung der deutschen Kriegsschulden an Griechenland
Tasos Minas Iliadakis
«Die Deutschen sollen erst mal ihre Kriegsschulden an Griechenland bezahlen, bevor sie von uns was wollen.» Diese Forderung wird in Griechenland immer lauter – und sie ist berechtigt.
Chinas Aufstieg zur Weltmacht
Zwei Zeitschriften zum Thema
Fred Schmid, «China – Krise als Chance?» Aufstieg zur ökonomischen Weltmacht. isw-report (München), Nr.83/84, Dezember 2010«China im globalen Kapitalismus»
Prokla (Münster), Nr.161, Dezember 2010
von Paul Kleiser
Seit dem Ende der 70er Jahre und im Gefolge der Wirtschaftsreformen von Deng Xiaoping hat die chinesische Wirtschaft ein unglaubliches Wachstumstempo hingelegt. Ein agrarisch strukturiertes Land hat sich zu einer modernen Industriegesellschaft entwickelt.
Der Landschaftsverband Rheinland und seine psychiatrischen Anstalten
Eine dunkle Vergangenheit
von Lothar Gothe
Die Geschichte des Landschaftsverbands gehört endlich aufgearbeitet. Hier die Zusammenfassung einer Rede von Lothar Gotte vor dem Gesundheitsausschuss des NRW-Landtages am 10.Juni 2011.
Daimler muss wegen Verbrechen in Argentinien vor Gericht
Das kann sehr teuer werden
von Gaby Weber
Die Daimler AG muss sich auf einen Zivilprozess wegen «crimes against humanity» vorbereiten – Verbrechen gegen die Menschheit, die nicht verjähren. Es geht um Beihilfe zum Mord an den Betriebsaktivisten in den Jahren 1976 und 1977, als in Argentinien eine Militärdiktatur herrschte.
Ulrich Grober, Die Entdeckung der Nachhaltigkeit
Kulturgeschichte eines Begriffs
München: Kunstmann, 2010, 299 Seiten, 22,50 Euro
von Hermann Dworczak
Die atomare Katastrophe in Japan zeigt drastisch, was es mit der Mär vom «billigen, sauberen und sicheren Atomstrom» auf sich hat. Wer tiefer schürfen will und für einen nachhaltigen Umgang mit der Natur optiert, für die ist das Buch von Ulrich Grober die ideale Lektüre.
Leonardo Padura, Der Mann, der Hunde liebte
Zürich: Unionsverlag, 2011, 730 Seiten, 28,90 Euro
von Jürgen Meier
Dem Kubaner Leonardo Padura ist es gelungen, einen Roman zu schreiben, der auf drei Ebenen schildert, wie Stalins Terrorherrschaft Millionen Menschen liquidierte, aber auch viele Kommunisten in ihren Bann zog, und wie Trotzki noch sechzig Jahre nach seiner Ermordung für junge Kubaner eine Unperson geblieben ist, dessen tatsächliche Geschichte und Ideen niemand wirklich interessierten.
Jakob Rosenberg/Georg Spitale, «Grün-weiss unterm Hakenkreuz»
Der Sportklub Rapid im Nationalsozialismus
Hg. DÖW und SK Rapid. Wien 2011, 303 Seiten, 18,99 Euro
von Dieter Braeg
Von Stefan Goch und Norbert Silberbach erschien 2005 das Buch Zwischen Blau und Weiß liegt Grau, es dokumentiert die Geschichte des FC Schalke 04 in der Zeit des Nationalsozialismus.
Wadans Welt – Von der Würde der Arbeit
Dokumentarfilm
Regie: Dieter Schumann, Deutschland 2010
von Gaston Kirsche
Die vorerst letzte Finanzkrise wurde bislang kaum in Bilder gefasst. Halden von Autos, Fassaden von Bankhäusern, ein paar hektisch telefonierende Broker, das war’s. Mit Wadans Welt – Von der Würde der Arbeit kommt jetzt ein Film in die Kinos, der die Folgen der Krise aus der Sicht von Schiffbauern im mecklenburgischen Wismar zeigt.
Frauenfußball-WM
Playboy und Barbiekick
von Reinhard Krennbrunner, Clemens Schotola, Nicole Selmer
Am 26.Juni wurde im Berliner Olympiastadion die 6.Frauenfußball-WM eröffnet. Und noch immer tut sich die Männerwelt schwer damit, darin nicht mehr zu sehen als ein sportliches Ereignis auf hohem Niveau.
Was sollen wir essen?
Leitfaden für kritische Verbraucher
von Larissa Peiffer-Rüssmann
Thilo Bode, Die Essensfälscher. Was uns die Lebensmittelkonzerne auf die Teller lügen. Frankfurt 2011: S.Fischer, 14,90 Euro
Die Lebensmittel- und Getränkeindustrie gibt jährlich 2,8 Milliarden Euro für Werbung aus, mehr als die Autoindustrie. Vor allem die großen Lebensmittelkonzerne sind zum Wachstum verdammt, denn ihr Erfolg misst sich an der Rendite.
Anita Idel, Die Kuh ist kein Klima-Killer
Marburg 2010: Metropolis, 210 S., 18 Euro
von Boris Schultz
Anita Idel leistet mit diesem Buch einen sehr wichtigen Beitrag zur aktuellen Klimaschutzdebatte. Sie betont die Bedeutung der ökologisch vertretbaren Weidehaltung für den Klimaschutz.
Klassenanalyse@BRD
Arbeitende Klasse in Deutschland –
Macht und Ohnmacht der Lohnarbeiter
E.Lieberam/J.Miehe (Hg.), Bonn 2011: Pahl-Rugenstein, 210 S., 19,90 Euro
von Jochen Gester
Lieberam/Miehe legen eine Aufsatzsammlung vor, deren Hauptteil sich mit der strukturellen Entwicklung der Arbeiterklasse in den letzten Jahrzehnten befasst und darüber hinaus versucht, die Faktoren zu beschreiben, die verhindern, dass sich die abhängig Beschäftigten als selbstbewusste und handlungsfähige Klasse konstituieren.
Der Afghanistankrieg ist aussichtslos
Warum wird er dann geführt?
Umgangssprachlich: Krieg – Testfall. Afghanistan und deutsche Politik (Hg.Mario Tal) Köln: 2010, PapyRossa, 275 S., 14,90 Euro
von Anton Holberg
Als einer der führenden Rüstungsexporteure ist die Bundesrepublik Deutschland schon lange indirekt in viele, wenn nicht alle Kriege oder bewaffnete Konflikte der Welt verwickelt; am unmittelbarsten bislang allerdings in den Afghanistankrieg.Der vorliegende Sammelband zeigt in 14 Beiträgen elf verschiedener Autoren faktenreich auf, dass die ursprüngliche Rechtfertigung für diesen Krieg, ebenso wie für den unmittelbar vorhergegangenen Irakkrieg, nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat.
Kochbuch für die harten Zeiten
Reinhard P. Gruber, «Einfach Essen!». Graz/Wien: 2010, Literaturverlag Droschl, 120 Seiten, 18 Euro
von Dieter Braeg
Über den Autor Reinhard P. Gruber muss man mehr als nur einige lobende Worte erwähnen. Er hat viele gute Texte geschrieben, und er wäre es wert, im deutschsprachigen Raum mehr gelesen zu werden. Da wäre zum Beispiel sein Buch Nie wieder Arbeit, da kann man ein Manifest lesen, hieraus eine kurze Kostprobe:
Filme aus Nordafrika
Das Filminitiativ Köln e.V. reagierte auf die Revolutionen in Nordafrika mit einer höchst interessanten und informativen Filmschau.
von Angela Huemer
Die Leute von Filminitiativ erwerben sich seit Jahren große Verdienste für ihre unermüdliche Verbreitung des afrikanischen Kinos. Mitglieder des Kollektivs reisten im Oktober zu den 23.Kinotagen von Karthago, Tunesien, und im Dezember zum 34.Internationalen Filmfestival von Kairo – also jeweils unmittelbar vor den Revolutionen.
Dominique Manotti, Roter Glamour
Hamburg: Ariadne Argument, 2011, 246 S., 12,90 Euro
von Udo Bonn
In wohliger Erinnerung an den Beginn der ersten Präsidentschaft François Mitterrands 1981 wollte die Sozialistische Partei Frankreichs (PS) ihre Kandidatenkür für die Wahlen im nächsten Jahr gestalten. Doch ein geiler Mann in New York hat sich selbst (und die PS?) aus dem Rennen katapultiert und der Öffentlichkeit noch einmal demonstriert, um was es bei der großen Politik geht: Geld, Macht und Sex , dessen Zugang und Formen nicht unwesentlich von ersteren Faktoren bestimmt sind.
Hermann Scheer, Der energethische Imperativ
München: Kunstmann, 2010
Hundert Prozent jetzt!
von Rolf Euler
Hermann Scheer, langjähriger Streiter für solare Wirtschaft und Energiegewinnung, Träger des Alternativen Nobelpreises, starb im Oktober vergangenen Jahres. Kurz darauf erschien sein Buch Der energethische Imperativ, sein Erbe sozusagen, das auf erhöhte Aufmerksamkeit stieß, als durch das Atomunglück in Japan alle Welt plötzlich von alternativen Energien redete.
25 Jahre nach dem Mord an Olof Palme
Mordsmäßiges Schweigen
von Henrik Andersson
Vor 25 Jahren wurde Olof Palme erschossen. Bis heute ist der schwedische Staat nicht an einer Aufklärung interessiert.
Mythos Kronstadt
Diskussionsbeitrag zu
Klaus Gietinger, 90 Jahre Aufstand von Kronstadt (SoZ 4/2011)
von Meinhard Creydt
Klaus Gietinger nimmt Partei für die Kronstädter Aufständischen von 1921. Michael Schneider spricht von den Kronstädter Matrosen als «den Sturm- und Elitetruppen des Oktoberumsturzes», die nun, 1921, «von Lenin und Trotzki als Konterrevolutionäre gebrandmarkt wurden.“
Das demokratische Weinbuch
Wein soll das Volk trinken!
Rainer Balcerowiak
Das demokratische Weinbuch
Augsburg: Mondo Communications, 2010
128 S., 14,95 Euro
von Dieter Braeg
Es gibt so Diskussionen in jenen Kreisen, Indiesemihremland, die sich große Sorgen machen, wie man nun den Spargel essen solle – mit Messer und Gabel, mit Spezialbesteck oder gar, ohpfui, mit den Händen. Menschen, die über solche und ähnliche Probleme schreiben, erzeugen dann Sätze wie: «Die Feinschmeckerei als Ausdruck einer hedonistischen Lebensweise gehört mittlerweile zum gängigen Lebensstil.» Ähh, geht‘s denn noch?
Großer Aufwasch im Subunternehmen
Film über Leiharbeiterinnen in Frankreich
Frankreich 2008
Regie: Ivora Cusack
von Angela Huemer
Zu Beginn des Films lernen wir drei der Protagonistinnen kennen, Gnima Seydi aus Senegal, Fatoumata Coulibaly aus Mauretanien und Franzette Lassource aus Martinique. Gnima und Fatoumata wurden von ihren Ehemännern nach Frankreich geholt, beide haben Kinder.
Patrick Pecherot, Belleville-Barcelona
Ein Krimi zur Zeit der Volksfront in Paris.
Hamburg: Edition Nautilus, 2011
224 Seiten, 14,90 Euro
von Udo Bonn
Vor einiger Zeit wurde an dieser Stelle Vilars wunderbarer Roman Die Verschwundenen vorgestellt. Paris 1938, die Endphase der Volksfrontregierung unter Leon Blum, der Vormarsch der Faschisten in Spanien, die dritten Moskauer Prozesse.
Die Pariser Kommune, 18.März–28.Mai 1871
Die erste Regierung der Arbeiterklasse
von Jean-Michel Krivine
Für Marx war die Pariser Kommune «wesentlich eine Regierung der Arbeiterklasse, das Resultat des Kampfes der hervorbringenden gegen die aneignende Klasse, die endlich entdeckte politische Form, unter der die ökonomische Befreiung der Arbeit sich vollziehen konnte». Vor 140 Jahren, im Mai 1871, unterlag sie der blutigen Konterrevolution.
El Cimarrón
Zum 85.Geburtstag von Hans Werner Henze
Zu Ehren des 85-jährigen Hans Werner Henze veranstaltete die Werkstatt des Berliner Schillertheaters zu Beginn dieses Jahres einen Zyklus von Aufführungen seiner Komposition «El Cimarrón». Das Stück gilt als eindrucksvolles Beispiel für eine zeitgenössische Weiterentwicklung politisch engagierter Musik und wird seit Jahrzehnten immer wieder neu arrangiert.
Hexen, Zauberer und andere Verfolgte
Immer geht es um die Erhaltung der Macht
von Hanna Behrend
Aus Anlass ihres Todes am 30.11.2010 bringen wir Auszüge aus einem Text, den Hanna Behrend 2003 geschrieben hat.*
Massenverfolgungen und -ausrottungen Unschuldiger im Auftrag von Amtsträgern sind in der Geschichte der Menschheit nichts Ungewöhnliches. Die Verfolgung und Hinrichtung wegen Hexerei von Frauen, aber auch Männern vor allem in Europa zwischen dem 15. und 18.Jahrhundert war zwar keineswegs die früheste Massentötung unschuldiger Menschen, sie war aber eine der spektakulärsten und folgenreichsten in der Geschichte.
Während Thomas von Aquin [noch] jegliche Verhütungspraxis für sündhaft und bußbedürftig, nicht aber für Mord hielt, übertraf die im 13.Jahrhundert von dem Dominikaner Raimund von Penaforte im Auftrag Papst Gregor IX. herausgegebene Sammlung päpstlicher Dekretalen, si aliquis, die bis dahin übliche restriktive und sinnenfeindliche Haltung der Kirche zu Ehe und Nachwuchs erheblich. Jegliche Verhütung galt fortan als Mord, was im Widerspruch zum vorherigen Kirchenrecht stand, dem zufolge erst «die Abtreibung eines beseelten Fetus als Mord unter Strafe» gestellt wurde, d.h. eines Fetus von ca. 80 Tagen.
Die Legende vom widerständigen Köln
Horst Matzerath, Köln in der Zeit des Nationalsozialismus 1933–1945
Teil des Gesamtwerks Geschichte der Stadt Köln, Bd.12
Köln: Greven, 2009, 657 S., 60 Euro
von Larissa Peiffer-Rüssmann
Bis in die 70er Jahre hielt sich die Legende, derzufolge die rheinische Metropole Köln angeblich prinzipiell gegen den Nationalsozialismus eingestellt gewesen sei, gar ein Hort des Widerstands.
Solidarische Ökonomie: Ein Wegweiser und ein Denkweiser
Gisela Notz, Theorien alternativen Wirtschaftens.
Fenster in eine andere Welt, Stuttgart: Schmetterling, 2010
Elisabeth Voß, Wegweiser Solidarische Ökonomie.
Anders Wirtschaften ist möglich!, Neu-Ulm: AG SPAK, 2010
von Rolf Euler
Nachstehend werden ein „Wegweiser“ und ein „Denkweiser“ vorgestellt: Elisabeth Voß stellt einen „Wegweiser Solidarische Ökonomie“ zusammen, Gisela Notz eine Übersicht über „Theorien alternativen Wirtschaftens“.
Stefan Klein, Der Sinn des Gebens
Warum Selbstlosigkeit in der Evolution siegt und wir mit Egoismus nicht weiterkommen
Frankfurt: S.Fischer, 2010, 335 S., 19,95 Euro
von Paul B. Kleiser
Der wirtschaftliche und ideologische Siegeszug des Neoliberalismus seit den 80er Jahren hat auch in den Gesellschaftswissenschaften zu einer Anthropologie geführt, die den Menschen als ein zutiefst eigennütziges Wesen beschreibt.
Fritz Keller, Gelebter Internationalismus
Österreichs Linke und der algerische Widerstand (1958–1963)
Wien: Promedia, 2010, 315 S., 19,90 Euro
von Paul Kleiser
Der Wiener Fritz Keller hat sich als Historiker der (nicht nur) österreichischen Arbeiterbewegung einen Namen gemacht. Sein neuestes Buch schließt eine nicht unbedeutende Lücke.
Hanna Behrend (1922–2010)
von Gisela Notz
„Ich stelle mir vor, dass sich meine Oma am 30.November 2010 plötzlich an einem warmen Frühsommertag wiederfindet. Schmerzfrei und gut zu Fuß begibt sie sich einen kleinen Weg entlang und hinter einer Kurve steht mein Opa, wie er immer da stand, das Kinn leicht nach oben, als wolle er in den Himmel schauen und wartet. Er bemerkt sie, macht eine kleine Handbewegung und alle die Haustiere, die schon bei ihm sind, kommen herbei. Meine Oma lächelt ihn an. Er sagt: «Da bist du ja.» Und sie sagt: «Ich habe alles geregelt, sie trauern, aber es geht ihnen bald wieder gut. Ich habe ihnen gesagt, sie sollen mich in guter Erinnerung behalten; an dich haben sie sich auch immer erinnert.» Dann machen sie mit den Hunden und Katzen einen Spaziergang.“
Katharina Gruhle, Berlin, 1.12.2010
Peter O. Chotjewitz, 1934–2010
Jedem Trend zum Trotz
von Jörg Sundermeier
Am 15.Dezember ist Peter O. Chotjewitz gestorben. Einer der letzten Großen der Nachkriegsliteratur ist damit tot, und einer ihrer vielseitigsten Autoren, vielleicht der vielseitigste von ihnen allen.
Peter Turrini, Wie verdächtig ist der Mensch?
Wortmeldungen. (Hg. Silke Hassler)
Berlin: Suhrkamp, 2010, 286 S., 9 Euro
von Dieter Braeg
Noch gibt es im deutschen Sprachraum, der politisch mehr und mehr zu einer unterentwickelten Kulturruine wird, Zuhörerinnen und Zuhörer. Jetzt können sie auch lesen, was ihnen Peter Turrini zu sagen hat. Bislang hat er hauptsächlich Theaterstücke geschrieben, dies ist das erste Mal, dass seine Reden und verstreuten politichen Texte in einem Sammelband erschienen sind.
The Coca-Cola Case
Kanada 2010, Regie: Germán Gutiérrez und Carmen Garcia
von Angela Huemer
Gleich zu Beginn erfahren wir drastisch worum es geht. Dan Kovalik, Anwalt der Stahlarbeitergewerkschaft United Steelworkers of America hält sich in Kolumbien zu einer Pressekonferenz auf. 470 Gewerkschafter, erzählt er, sind seit 2002 in Kolumbien ermordet worden.
Wolfgang Klaes, Todfreunde
Reinbek: Rowohlt, 2004, 507 Seiten
von Udo Bonn
Was Wolfgang Klaes da als Krimi abgeliefert hat, ist schon eine Sonderklasse. Er, der bei vielen zweitklassigen Zeitschriften und Zeitungen rund um Bonn geschrieben hat, bietet hier Erstklassiges.
Hexen, Zauberer und andere Verfolgte
Immer geht es um die Erhaltung der Macht
von Hanna Behrend
Aus Anlass ihres Todes am 30.11.2010 bringen wir Auszüge aus einem Text, den Hanna Behrend 2003 geschrieben hat.*
Massenverfolgungen und -ausrottungen Unschuldiger im Auftrag von Amtsträgern sind in der Geschichte der Menschheit nichts Ungewöhnliches. Die Verfolgung und Hinrichtung wegen Hexerei von Frauen, aber auch Männern vor allem in Europa zwischen dem 15. und 18.Jahrhundert war zwar keineswegs die früheste Massentötung unschuldiger Menschen, sie war aber eine der spektakulärsten und folgenreichsten in der Geschichte.
Peter Nowak: Zahltag. Zwang und Widerstand
Erwerbslose in Hartz IV
Münster: Unrast, 2009, 7,80 Euro
von Willi Hajek
Peter Nowak, freier Journalist in Berlin, hat die Aktionen und Initiativen von Erwerbslosen gegen Schikanen und andere Folgen der Hartz-IV-Gesetze engagiert verfolgt. Er blickt zurück auf die Montagsdemonstrationen im Sommer 2005, ausgelöst in Ostdeutschland, die eine politische Bewegung der Strasse in Gang gesetzt haben. Das Gesetz konnte nicht verhindert werden, aber die Sensibilität gegen Hartz IV war überall präsent.
Anté Ciliga: Im Land der verwirrenden Lüge
Die Buchmacherei, 304 S., 12 Euro
von Jochen Gester
Die Oktoberrevolution markierte einen historischen Einschnitt in der Geschichte der Arbeiterbewegung des 20. Jahrhunderts. Ihr Gelingen wurde in fast allen Strömungen der revolutionären Arbeiterbewegung mit Sympahie und großen Hoffnungen verfolgt. Und obwohl sich das stalinistische System zu einem Alptraum entwickelte, gaben viele Sozialisten die Hoffnung nicht auf, dass der Realsoz noch die Kraft zur Selbstkorrektur finden könnte.
Daniela Matijevic: Mit der Hölle hätte ich leben können
München: Wilhelm Heyne Verlag, 2010, 240 S., 18,80 Eurovon Paul B.KleiserHinter dem Verlegenheitstitel verbirgt sich ein ebenso ungewöhnlicher wie unter die Haut gehender Erfahrungsbericht einer jungen Frau namens Daniela Matijevic über ihren dreimonatigen Kosovo-Einsatz als Sanitätssoldatin der Bundeswehr. Die Brutalität des Krieges hat sie so stark traumatisiert, dass sie bis heute – wie viele ihrer Kollegen und Kolleginnen, die im Auslandseinsatz waren – an einer «Posttraumatischen Belastungsstörung» (PTBS) leidet und berufsunfähig ist.Das Buch ist auch ein Versuch, sich die täglichen Qualen von der Seele zu schreiben.
Drei Bücher übers Wasser
* Petra Dobner, Wasserpolitik, Berlin: Suhrkamp, 2010
* Eric Orsenna, Die Zukunft des Wassers, München: C.H.Beck, 2010
* Ulrich Grober, Vom Wandern, Frankfurt/M.: Zweitausendeins, 2006
von Rolf Euler
Wer sich mit dem Wasser, seiner Verteilung, Nutzen und Schaden beschäftigen will, hatte diesen Sommer genug Anschauungsmaterial: Pakistan, zum großen Teil überschwemmt, doch in der riesigen Wassermasse fehlt vor allem: Wasser – Trinkwasser!
Juden- und Islamfeindlichkeit haben dieselbe Wurzel
Achim Bühl
Islamfeindlichkeit in Deutschland. Ursprünge, Akteure, Stereotype
Hamburg: VSA, 2010, 319 Seiten, 24,90 Euro
von Paul B.Kleiser
Vor ein paar Wochen schrieb der Stern-Journalist Hans-Ulrich Jörges unter dem Titel «Wo der Schweinehund knurrt» (Stern 44/2010) einen kritischen Artikel über Sarrazin und wie die Medien über sein Buch Deutschland schafft sich ab «diskutierten». Er bemerkte, das Buch habe in gebildeten, bürgerlichen Kreisen «eine Migranten- und Islamfeindlichkeit aufgedeckt», «die erschrecken lässt. Die Integrationsdebatte wurde darüber, in ihren hysterischen Entgleisungen, zur kaum noch kaschierten, primitiven Ausländer-raus-Kampagne. Sie hat Ressentiments freigelegt, verfestigt und verbreitet, die lange nachwirken werden.»
«Kulturen bekämpfen sich nicht, sie fließen zusammen»
Ilija Trojanow/Ranjit Hoskoté, Kampfabsage
Frankfurt: Büchergilde Gutenberg, 2010, 224 Seiten, 17,95 Euro
von Rolf Euler
Die Thesen des US-Amerikaners Samuel Huntington über den «Kampf der Kulturen» werden hier einer radikalen Kritik unterzogen. Die Autoren gehen der Kulturgeschichte Europas und ihrer Quellen im indischen, arabischen und afrikanischen Raum nach. Sie schildern die vielen geistigen und kulturellen Leistungen in Schrift, Sprache, Wissenschaft, Handwerk, Kunst, Mathematik und Astronomie, die «zusammengeflossen» sind und die heutige europäische Kultur ausmachen.
E.Meiksins Wood, Demokratie contra Kapitalismus
Beiträge zur Erneuerung des historischen Materialismus
Köln/Karlsruhe: Neuer ISP Verlag, 2010
304 S., 29,80 Euro
von Nancy Holmstrom
Es ist ein verblüffendes Paradox, wie Wood mehrfach bemerkt, dass gerade im Moment der weltweiten Dominanz des Kapitalismus theoretische Richtungen auf der Linken Überhand nehmen, durch die diese Tatsache unwichtig, unbegreifbar oder gar unsichtbar wird. Die postmoderne Feindseligkeit gegenüber jeder Vorstellung von System, Struktur und «großer Erzählung» macht es unmöglich, den Kapitalismus als ein System mit spezifischen Gesetzen oder seinen totalisierenden Charakter zu begreifen;
Der unbekannte Mark Twain
Zum 175.Geburtstag des amerikanischen Schriftstellers
von Helen Scott
Vor 175 Jahren, am 30.November 1835, wurde Mark Twain geboren. Hierzulande ist er hauptsächlich als Humorist, Spaßmacher und Kinderbuchautor bekannt. Der folgende, hier stark gekürzt wiedergegebene Beitrag* zeigt den anderen Mark Twain: den Antiimperialisten, Sozialkritiker und Verteidiger unterdrückter Völker.
Eberhard Fiebig: Kunstwerk ist Handwerk
Plädoyer für eine Produktionsästhetik
Ein Gespräch mit dem Metallbildhauer Eberhard Fiebig über Material und Materialismus in der Kunst, das materielle Fundament des künstlerischen Schaffens und die Frage, wozu Kunst gut ist.
Rudolf Brunngraber, Karl und das 20.Jahrhundert
Wien: Milena Verlag, 2010
270 S., 21,90 Euro
von Dieter Braeg
Dieser Roman wurde erstmals im Jahre 1932 im Frankfurter Societätsverlag veröffentlicht. In Österreich wurde das Buch ausgezeichnet. In Deutschland im Jahre 1933 wurde es von der Gestapo verboten.
Water Makes Money
Regie: Leslie Franke und Herdolor Lorenz
Deutschland 2010, 90 Min.
von Angela Huemer
Der Film beginnt in Paris, dort wo auch die Geschichte beginnt, um die es im Film geht: die Privatisierung der wohl wesentlichsten Grundlage eines jeden Gemeinwesens, Wasser.
Blinde Zeugen und London Boulevard
Stuart MacBride Blinde Zeugen, Manhattan: 2010, 606 Seiten, 14,99 Euro
Ken Bruen London Boulevard, Frankfurt: Suhrkamp 2010, 262 Seiten, 8,95 Euro
von Udo Bonn
Günter Benser/Michael Schneider (Hg.), Bewahren – Verbreiten – Aufklären
Archivare, Bibliothekare und Sammler der Quellen der deutschsprachigen Arbeiterbewegung.
Bonn/Bad Godesberg: Friedrich-Ebert-Stiftung, 2009
376 Seiten, kostenlos
von Gisela Notz
Über die Geschichte der Archive und Bibliotheken der Arbeiterbewegung im deutschsprachigen Raum gibt es bereits zahlreiche wissenschaftliche Veröffentlichungen. Über die Menschen, die sie gegründet oder unterstützt haben oder in ihnen maßgeblich tätig gewesen sind, wissen wir wenig.
Iris Gusner/Helke Sander, Fantasie und Arbeit
Biografische Zwiesprache, Marburg: Schüren, 2009
291 Seiten, 19,90 Euro.
von Gisela Notz
20 Jahre nach dem Mauerfall haben die beiden Filmemacherinnen Iris Gusner (DDR) und Helke Sander (BRD), in 30 Kapiteln eine deutsch-deutsche Doppelbiografie geschrieben.
Abdullah Öcalan: Jenseits von Staat, Macht und Gewalt
Köln: Mesopotamien Verlag, 2010
573 Seiten, 15 Euro
von Ulf Petersen
In den letzten 10 bis 15 Jahren findet ein Prozess der Umwandlung der PKK zu einer antinational, antistaatlich, feministisch und ökologisch orientierten Bewegung statt. Treibende Kraft ist dabei der politische Führer Abdullah Öcalan, der seit seiner Entführung durch den türkischen Geheimdienst 1999 in Einzelhaft auf der Gefängnisinsel Imrali lebt.
Sarrazin, Grotjahn, Olberg…
Die Rede vom Volkstod. Über sozialdemokratische Volksverbesserung und eugenischen Sozialismus
von Wolfgang Ratzel
Sarrazins Weckruf «Deutschland schafft sich ab!» gebührt das Verdienst, die sorgsam verdrängte eugenische und rassenhygienische Dimension des Sozialdemokratismus ins Bewusstsein gezerrt zu haben. «Deutschland schafft sich ab», samt Intelligenzvererbung, Geburtensteuerungs-, Unterschichts- und Zuwandererdebatte, aktualisiert nämlich die Rede vom «Volkstod», vom «Volk, das von innen stirbt» – so nannten das seine sozialdemokratischen Vordenker (und nicht nur die).
Mario Vargas Llosa
Literaturnobelpreis 2010: Von der nueva novela zum Kandidaten der Konservativen
von Paul Kleiser
Nachdem er seit bald vierzig Jahren als Anwärter gehandelt wurde, hat der 1936 im peruanischen Arequipa geborene Mario Vargas Llosa in diesem Herbst nun endlich den Nobelpreis für Literatur erhalten. Er folgt damit auf seinen früheren Freund und heutigen Gegenspieler Gabriel García Márquez, der 1982 ausgezeichnet wurde, sowie auf den Mexikaner Octavio Paz, der 1990 an der Reihe war.
Verordnetes Schweigen
«Auf Leichen im Keller kann keine neue Gesellschaft aufgebaut werden» (Stanislaw Jerzy Lec). Die Verfolgung deutscher Antifaschisten in der Sowjetunion
von Jochen Gester
Unter dem Motto «Das verordnete Schweigen» fand im Vorsommer im Berliner Haus der Demokratie ein Seminar zum Schicksal deutscher Antifaschisten statt, die in der Sowjetunion Opfer politischer Verfolgung durch das NKWD (Volkskommissariat für innere Angelegenheiten, das Innenministerium) wurden. Veranstalter waren die Helle Panke, die Berliner VVN (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes) und die Stiftung des Hauses der Demokratie.
Versailles
Frankreich 2008, 113 Minuten
Regie: Pierre Schoeller. Kairos-Filmverleih
von Gaston Kirsche
Versailles ist das Symbol für verschwenderischen barocken Reichtum schlechthin. Rund um das französische Königschloss erstreckt sich eine akkurat angelegte, gepflegte Parkanlage. Die junge Obdachlose Nina (Judith Chemla) und ihr fünfjähriger Sohn Enzo (Max Baissette de Malglaive) verbringen hier den Tag.
Don Winslow: Tage der Toten
Frankfurt: Suhrkamp, 2010, 689 S., 14,95 Euro
von Udo Bonn
In den letzten Monaten werden vermehrt Meldungen veröffentlicht, nach denen das mexikanische Militär schwere Schläge gegen die einheimischen Drogenkartelle führt und der Staat erstmalig seit dem Beginn des von Präsident Calderón 2006 ausgerufenen Drogenkrieges in der Offensive ist.
Walter Benjamin (1892–1940)
«Über den Begriff der Geschichte»
Band 19 der Kritischen Gesamtausgabe* erschienen
von Helmut Dahmer
Zum 70.Todestag von Walter Benjamin hat der Suhrkamp Verlag eine kritische Edition der Thesen Über den Begriff der Geschichte herausgegeben. Sie umfasst die sechs verschiedenen Versionen der Thesen samt Faksimiles, Entwürfen und Briefen sowie einen 200 Seiten starken Kommentar.
Das «Prinzip Potosí»
Ausstellung über den Beginn des Kapitalismus
Berlin, 8.10.2010–2.1.2011
Die Ausbeutung der Gold- und Silberminen von Potosí (im heutigen Bolivien) durch die spanischen Kolonialherren, deren Schätze allesamt nach Europa verschifft wurden, waren Anfang des 17.Jahrhunderts der Beginn einer enormen «ursprünglichen» Akkumulation. Sie gilt als der Beginn des Kapitalismus. Die Dynamik, die von der Ökonomie der Kolonien ausging, verursachte eine gewaltige Bilderproduktion, einhergehend mit der Gegenreformation.
«Die Befreiung lesen und denken»
Der chinesiche Musiker Sun Heng über sein Museum für Kunst und Kultur der Wanderarbeiter und die «Heimstatt für Wanderarbeiter» in Peking
Der Künstler Matthijs der Bruijne bereiste 2008/09 China, um Träume von Arbeitern aufzunehmen. Dabei traf er den Musiker Sun Heng, Gründer des «Museums für Kunst und Kultur der Wanderarbeiter». Exponate dieses Museums sind im Rahmen der Ausstellung «Das Potosí-Prinzip» zu sehen, zudem tourt Sun Heng im Oktober durch Deutschland.
Martin Dolzer, Der türkisch-kurdische Konflikt
Menschenrechte – Frieden – Demokratie in einem europäischen Land?
Bonn: Pahl-Rugenstein, 2010, 201 S., 19,90 Euro
von Ulf Petersen
Dieses Buch ist im besten Sinne «auf den Knien geschrieben» (Lenin). Es ist eine Art Zwischenbericht von Martin Dolzers intensiver Tätigkeit als Menschenrechtsaktivist und Journalist in der Türkei und Kurdistan mit nicht weniger als 17 Delegationsreisen von 2001 bis 2009.
Manuel Kellner, Kritik der Religion und Esoterik
Außer sich sein und zu sich kommen
Stuttgart: Schmetterling, 2010, 240 S., 10 Euro
von Paul Kleiser
Das neue Buch unseres Mitarbeiters Manuel Kellner ist in der verdienstvollen theorie.org-Reihe des Stuttgarter Schmetterling-Verlags erschienen. In 7 Kapiteln behandelt er überblicksweise die verschiedenen Formen des religiösen Bewusstseins,
Trotzki, Biermann und Moneta
Mythen und Legenden in «Europas schönster Tageszeitung»
von Helmut Dahmer
Am 21.August jährte sich die Ermordung Trotzkis durch Ramón Mercader, einen Auftragskiller der GPU, zum 70.Male. Dirk Maxeiner und Michael Miersch, die ansonsten mit «Frohen Botschaften» gegen ökologische «Mythen» angehen, fanden, dies sei eine Gelegenheit, um den Lesern der Welt endlich einmal klarzumachen, was es mit dem Verfechter des Internationalismus und der Arbeiterselbstverwaltung eigentlich auf sich hatte.
Das menschliche Erbe. Anmerkungen zur Ungleichheit
Verwandtschaft und Variationen
von Manuel Kellner
Die Apostel der gesellschaftlichen Ungleichheit haben immer wieder angebliche Naturgegebenheiten und vorgebliche Resultate naturwissenschaftlicher Forschung für sich in Anspruch genommen, um Ansprüche auf soziale Gleichheit zu bekämpfen. Die missbräuchliche Anwendung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse auf gesellschaftliche Gegebenheiten gehört zurückgewiesen.
Evelyne Polt-Heinzl. Einstürzende Finanzwelten
Markt, Gesellschaft und Literatur
Nachwort von Wolfgang Polt mit 7 Illustrationen von Thomas Kussin
Wien: Sonderzahl, 2009 240 S., 18 Euro
von Dieter Braeg
Die Krise gibt es heute täglich und man kann sie nachlesen in den Blättern, die die Welt in Schutt und Asche schreiben. Tag für Tag schwatzt es Krisengeräusche aus öffentlichen und privaten Kanälen, da wird der letzte Widerstand der Menschen entsorgt.
Im Angesicht des Verbrechens
10-teilige Fernsehserie
Deutschland 2010. Regie: Dominik Graf
von Angela Huemer
«Berlin ist das Paradies», das ist keine Feststellung, sondern der Titel der ersten Folge der zehnteiligen Fernsehserie Im Angesicht des Verbrechens, verfasst von Drehbuchautor Rolf Basedow.
Moshe Lewin (1921–2010)
Historiker des «sowjetischen Jahrhunderts»
von Alain Gresh
Am 14.August 2010 starb in Paris der Historiker und Kritiker der Sowjetunion Moshe Lewin. Geboren 1921 in Vilnius, das damals unter polnischer Kontrolle stand, wuchs er in einer jüdischen Familie auf und war sehr jung der antisemitischen Verfolgung ausgesetzt.
Er schloss sich einer linkszionistischen Jugendorganisation an, musste aber bei der Ankunft der Nazi-Armee im Juni 1941 fliehen und wurde von Soldaten der Roten Armee gerettet, die sich vor dem deutschen Vormarsch zurückzogen.
Leo Trotzki: Denkzettel
Politische Erfahrungen im Zeitalter der permanenten Revolution
(Hg. George Novack/Helmut Dahmer)
Wien: AdV-Verlag, 2010
496 S., 24 Euro
von Hans-Günter Mull
Rechtzeitig zum 70.Jahrestag der Ermordung Leo Trotzkis durch einen stalinistischen Agenten liegt der ursprünglich 1981 im Suhrkamp Verlag erschienene und von Helmut Dahmer herausgegebene Band mit ausgewählten Texten Trotzkis in einer neuen Ausgabe vor, für die erneut Helmut Dahmer als Herausgeber zeichnet.
„Von oben ist nichts zu erhoffen“
Arno Klönne über Geschichte und Aktualität deutscher Linkssozialisten
Im Dezember des vergangenen Jahres veranstaltete die Rosa Luxemburg-Stiftung NRW eine wissenschaftlich-politische Konferenz zur Problemgeschichte, Programmatik und Aktualität des Linkssozialismus. Die dort gehaltenen Beiträge sind nun in Buchform im Hamburger VSA-Verlag erschienen. Wir dokumentieren aus diesem Anlass die Eröffnungsrede zum Kongress, die der emeritierte Politikwissenschaftler und Zeitzeuge Arno Klönne damals gehalten hat.
In Teufels Namen
Fritz Teufel 1943–2010
von Markus Mohr
Er war der personifizierte Widerspruch zur herrschenden Ordnung und die deutsche Justiz hat sich dafür bitter an ihm gerächt.
Der Gewinn der Krise
Regie: Jörg Nowak/ Bettina Hohorst
Deutschland 2010
von Angela Huemer
Das Jahr 2009 war das Jahr der Wirtschaftskrise. Rettungsschirme wurden aufgespannt, Belegschaften in Kurzarbeit geschickt, Firmen gingen pleite. Eisenhüttenstadt ist die erste Station einer Deutschlandreise, einen «Roadmovie» nennen die Macher ihren Film.
Fasten-Jazz am Goldnen Horn
Das Festival Ramazanda Caz (14.–31.8.)
von Lothar A.Heinrich
Die vorherrschende Vorstellung hierzulande von türkischer Kultur, insbesondere von Musik, beschränkt sich auf Folklore mit Saz, Zurna und Davul, Bauchtanz, Arabesk Müzik und etwas Türk Pop. Grund dafür ist neben dem Desinteresse der hiesigen Massen der überwiegend ländliche soziale Hintergrund der hier lebenden türkischen «Gastarbeiter».
Christopher Cook u.a.
Christopher Cook, Robbers, München: Heyne 2010, 558 S., 9,95 Euro
Roger Smith, Kap der Finsternis, München: Heyne 2010, 356 S., 8,95 Euro
Robert Littell, Die Söhne Abrahams, Frankfurt: S.Fischer 2010, 349 S., 8,95 Euro
Jo Nesbö, Headhunter, Berlin: Ullstein 2010, 302 S., 14,95 Euro
von Udo Bonn
Stillleben A40
Es geht auch anders. Kulturhauptstadt von unten
von Rolf Euler
Am 18.Juli hat das Ruhrgebiet die Kulturhauptstadt in die Hand und unter die Füße genommen. Zwei Millionen Menschen haben gezeigt, dass sie ohne Zwischenfälle und in völlig entspannter Atmosphäre sich gemeinsam an etwas freuen können.
Bertold Huber: «Wechsel für Deutschland»
Berthold Huber formuliert seine Lehren aus der Krise
von Jochen Gester
Wechsel für Deutschland – Die Lehren aus der Krise.
Campus-Verlag 2010
Der Campus Verlag hat ein Buch herausgegeben, das den 1.Metall-Vorsitzenden Bertold Huber als Autor ausweist. Huber zeichnet dort verantwortlich für den Hauptbeitrag über ca. 80 Seiten. Daran schließen sich eine Reihe von Wortmeldungen an, die mehrheitlich von Sozialwissenschaftlern kommen.
Fußball-WM in Südafrika
Was bleibt, ist ein Berg Schulden
Von Selbsttäuschung, Nationalstolz und sozialem Sprengstoff
von Neville Alexander
Mit der Regenbogennation ist es vorbei, das kann auch die WM nicht verhehlen.
Es ist verständlich, dass in Südafrika wegen der Fußball-WM große Aufregung herrscht. Immerhin ist es das erste Mal, dass dieses Spektakel der populärsten Sportart, die weltweit hauptsächlich von jungen Menschen aus der Arbeiterklasse betrieben wird, in Afrika stattfindet. Verständlich auch, dass die südafrikanische Regierung und, in vielleicht geringerem Maße, die meisten anderen afrikanischen Regierungen, der «Welt zeigen» wollen, dass Afrika wie alle anderen auch in der Lage ist, die «größte Show der Welt» aufzuführen.
Heinz Dürrbeck (1912–2001)
Das Vermächtnis der «sozialistischen Brückengeneration»
von Ulrich Peter
Stefan Müller
Heinz Dürrbeck (1912–2001): Gewerkschafter, Sozialist und Bildungsarbeiter
Essen: Klartext, 2010
568 Seiten, 39,95 Euro
Gut geschriebene Biografien sind zwischen zwei Buchdeckel gepresste lebendige Zeitbilder. Ein gutes Beispiel dafür ist der vorliegende Band von Stefan Müller über Heinz Dürrbeck. Er leistet im Rahmen einer politischen Biografie einen wichtigen Beitrag zur Organisationsgeschichte der IG Metall und zur Nachkriegsgeschichte des deutschen Linkssozialismus.
Manuel Kellner: Gegen Kapitalismus und Bürokratie
Zur sozialistischen Strategie bei Ernest Mandel
Köln: Neuer ISP Verlag, 2009
464 Seiten, 36 Euro
von Michael Löwy
Dieses Buch ist der erste substanzielle Versuch, das Denken des wichtigsten Leitungsmitglieds der IV.Internationale in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts systematisch darzustellen.
Good bye Archie
Joachim «Archie» Kuhnke,
14.7.1947 – 8.6.2010
von Willi Hajek
Die Diagnose der Ärzte im Dezember war eindeutig. Der Kampf gegen den Krebs ist nicht mehr zu gewinnen. Archi hat dieses «Urteil» akzeptiert und ist sich auch seinem letzten Lebensabschnitt als rheinische Frohnatur treu geblieben. Angehörige, FreundInnen und politische Weggefährten haben ihn bis zuletzt begleitet. Am 8.Juni starb er im Hospiz des Krankenhauses Havelhöhe in Berlin.
Vor 15 Jahren starb Ernest Mandel
Ein unheilbarer Optimist
Michael Löwy bespricht die Biografie von Jan Willem Stutje
Jan Willem Stutje
Rebell zwischen Traum und Tat. Ernest Mandel (1923–1995)
Hamburg: VSA, 2009
470 S., 39,80 Euro
Am 20.Juli 1995 starb der marxistische Ökonom Ernest Mandel. 2005 erschien aus der Feder des niederländischen Historikers Jan Willem Stutje eine erste Biographie über ihn; Ende 2009 veröffentlichte der Neue ISP Verlag eine Darlegung seiner wirtschaftlichen und politischen Theorien von Manuel Kellner.
Echo-Preis erstmalig an Jazz-Musiker verliehen
Jazzpreise, Lounge und Rassismus
von Lothar A. Heinrich
Am 5.Mai wurde in der Jahrhunderthalle in Bochum der Echo von der Deutschen Phonoakademie und dem Kulturinstitut des Bundesverbands der Musikindustrie e.V. verliehen – und zwar erstmalig für den Bereich Jazz. Wer erhielt für was einen Preis? Und welche Botschaft sollte insbesondere die vom Fernsehen übertragene Show in Bochum aussenden?
Balkanbeats
A Night in Berlin
Piranharecords Berlin, 2009
von Heiko Bolldorf
DJ Robert Soko verließ 1990 Bosnien-Herzegowina und landete in Berlin. Als sein Heimatland in einem grausamen Bürgerkrieg versank und Flüchtlinge nach Berlin kamen, begann er in der Kreuzberger Punkrockbar «Arcanoa» jugoslawischen Punkrock und Ska für die Flüchtlinge aufzulegen,
When the Mountain Meets its Shadow
Im Schatten des Tafelberges
Deutschland 2010
Regie: Alexander Kleider und Daniela Michel
Kaufpreis: 24 Euro.
von Angela Huemer
In ruhiger, klassischer Dokumentarfilmmanier erzählt Im Schatten des Tafelbergs drei unterschiedliche Lebenswelten in Kapstadt.
Dennis Lehane: Im Aufruhr jener Tage
Berlin: Ullstein, 2010, 760 Seiten, 22,95 Euro
von Udo Bonn
Dennis Lehanes Mystic River und Shutter Island (die Verfilmung erscheint dieser Tage auf DVD) sind an dieser Stelle lobend empfohlen worden. Da Lehane sich nach deren Veröffentlichung mit dem Schreiben von Drehbüchern befasste, schien mit weiteren Romanen so schnell nicht zu rechnen zu sein.
Adeus, Saramago
Variationen über eine moderne Apokalypse
von Francesca Borrelli
«Es gibt solche, die schreiben, um den Tod fernzuhalten», meinte einmal der portugiesische Dichter José Saramago, «ich tue es, um den Anderen kennenzulernen».
Saramago war 87 Jahre alt und an Leukämie erkrankt. Der Tod ereilte ihn auf Lanzarote, wohin er nach dem Streit um die Veröffentlichung seines Buches Das Evangelium nach Jesus Christus gezogen war.
Gewerkschaftliches Organizing zwischen Anspruch und Realität
Peter Birke, Die große Wut und die kleinen Schritte.
Gewerkschaftliches Organizing zwischen Protest und Projekt
Hamburg/Berlin: Assoziation A
von Jochen Gester
Dieses Buch hat mir sehr gefallen. Zum einen wird das Thema nicht auf akademische Art und Weise abgehandelt. Die Entstehung der gewerkschaftlichen Organizing-Konzepte und ihre Philosophie werden zwar sozialwissenschaftlich vorgetragen, doch geschieht dies nicht nur auf Basis der Papierlage, sondern nach Maßgabe eigener sozialer Erfahrungen.
Ein Blick hinter die WM-Kulissen
Südafrika. Die Grenzen der Befreiung
Hg. J.E.Ambacher/R.Khan
Berlin/Hamburg: Assoziation A, 2010
263 Seiten, 16 Euro
von Peter Nowak
Die ersten Werbesymbole für die Fußballweltmeisterschaft in Südafrika tauchen schon in deutschen Städten auf. Wer sie zum Anlass nehmen will, um sich über die sozialen und politischen Verhältnisse des Landes zu informieren, dem sei dieses Buch empfohlen.
Gut gekocht ist halb gegessen
Was man alles über Küchen nicht weiß
Antonia Surmann
Gute Küchen, wenig Arbeit
Berlin: WVB, 2010, 80 Euro
von Angela Huemer
Antonia Surmann schreibt über die Geschichte des Küchendesigns im 20.Jahrhundert.
Computerkino
Die Geburt eines neuen Filmgenres
von Angela Huemer
Es ist noch nicht so lange her, seit man sich jedes Mal, wenn man ins Internet wollte, mühsam einwählen musste und die Verbindung gerade mal schnell genug war, um eine vorher verfasste E-Mail loszuschicken. Seit sieben bis acht Jahren hat sich das auf breiter Basis massiv verändert und seither gibt es neben Bildern, Text, animierten Elementen ganz viel Filme und Videos im Internet.
Wolfgang Schorlau: Das München-Komplott
Köln: KiWi, 2009
335 Seiten
8,95 Euro
von Udo Bonn
Am 26.September 1980 starben bei einem Attentat auf dem Münchner Oktoberfest dreizehn Menschen, 220 wurden zum Teil lebensgefährlich verletzt. Der Kanzlerkandidat der CDU/CSU, Strauß, versuchte Linksradikale dafür verantwortlich zu machen,
Helge Buttkereit: Utopische Realpolitik
Die Neue Linke in Lateinamerika.
Bonn: Pahl-Rugenstein, 2010
161 S., 16,90 Euro
von Andreas Bodden
Der Publizist Helge Buttkereit hat ein Buch zu den derzeitigen linken Bewegungen in Lateinamerika vorgelegt. Owei, könnte man da denken, das xte Buch über lateinamerikanische Linke. Das Buch von Buttkereit hat jedoch einiges zu bieten.
Neo Rauch: Der Archetyp auf der Leinwand
von Jürgen Meier
Die Pinakothek der Moderne, München, und das Leipziger Museum der bildenden Künste richten dem Maler Neo Rauch zu seinem 50.Geburtstag in einer Doppelausstellung Jubiläumsschauen aus. Seine Bilder nennt Rauch «Begleiter», so heißt auch die Doppelausstellung, die bis zum 15.8. zu sehen ist.
Wir trauern um Anna Walentynowicz
80 Jahre alt und welch ein Leben!
von Willi Hajek
Anna Walentynowicz gehörte zu den Menschen, die bei dem Flugzeugabsturz in der Nähe von Katyn am 10.April 2010 ihr Leben verloren.
Marc Thörner: Afghanistan Code
Schießen auf Verdacht. Eine Reportage über Krieg und Fundamentalismus
Hamburg: Edition Nautilus, 2010
160 Seiten, 16 Euro
von Gerhard Klas
März 2009, Imam Sahib, eine Kleinstadt in der Nähe des deutschen Feldlagers in Kundus, Afghanistan. Bei einem Sturm auf das Anwesen des Ortsvorstehers Sufi Manan tötet ein US-Sonderkommando fünf seiner Hausangestellten. Angeblich, so die offizielle Version des US-Militärs, habe es sich um Notwehr gehandelt.
Zur Lage der Welt
Einfach besser leben. Zur Lage der Welt 2010
(Hg. Worldwatch Institute)
München: oekom, 19,90 Euro
von Rolf Euler
Fast zwanzig Jahre nach der Rio-Konferenz, nach gefühlten tausend Büchern über nachhaltiges Wirtschaften und Leben, stehen Menschen mit der Absicht, eine solidarische Gesellschaft zu bauen, vor steigenden Problemen: Die nötige Abkehr von der Übernutzung der natürlichen und kulturellen Ressourcen findet nur in Kleinstschritten statt.
Sloterdijks Klassenanalyse …
… und Heinsohns Sozialhilfebegrenzung
Ist der Mensch ein Wesen, von dem es zu viele gibt?
von Wolfgang Ratzel
Der Staat schaufelt den öffentlichen Reichtum in die privaten Taschen und verarmt dabei. Seine Funktionsfähigkeit hält er dadurch aufrecht, dass er Leistungen für das untere Drittel der Bevölkerung kürzt. Wenn es unten nichts mehr zu streichen gibt, ist der Sozialstaat am Ende. Um solches durchzusetzen – und weitere Spardiktate zu rechtfertigen – muss der ideologische Boden vorbereitet werden, sonst akzeptiert die Gesellschaft das nicht.
Nikolaus Brauns/Brigitte Kiechle: PKK
Perspektiven des kurdischen Freiheitskampfes. Zwischen Selbstbestimmung, EU und Islam
Stuttgart: Schmetterling, 2010
510 S., 26,80 Euro
von Ulf Petersen
Karin Guth: Z 3105: Der Sinto Walter Winter überlebt den Holocaust
Hamburg: VSA, 2009
228 Seiten,18,80 Euro
von Gaston Kirsche
Am 16.Mai 1940 wurden an die tausend Roma und Sinti aus Hamburg und Umgebung nach Polen in das Vernichtungslager Belzec deportiert. In den Jahren nach der Machtübergabe an die Nazis wurden alle, die nach rassistischen Kriterien als Roma und Sinti eingestuft wurden, ebenso wie alle als Juden eingestufte Menschen, systematisch gesellschaftlich diskriminiert und kriminalisiert. Roma und Sinti wurden zur Zwangsarbeit verpflichtet.
Adrian McKinty: Der sichere Tod
Frankfurt: Suhrkamp, 2010
464 S., 9,95 Euro
von Udo Bonn
Unterordnen muss man sich schon können, will man beim Militär oder in einer Gang seinen zugewiesenen Platz behalten oder schlicht überleben will. Unterordnung ist aber nicht das Ding für den jungen Michael Forsythe, der als protestantischer Belfaster der britischen Armee beitritt und trotz seiner Talente wegen Aufsässigkeit entlassen wird.
Eine Weltkarte der Zeit
Der Digitale Peters ist eine engagierte und weitsichtige Fortsetzung von Arno Peters’ Synchronoptischer Weltgeschichte mit elektronischen Mitteln.
von Angela Huemer
Arbeitsdienst
Kampf gegen «Ballastexistenzen». Ein Vergleich mit dem Ende der Weimarer Republik
von Anne Seeck
Lange herrschte Krisenstimmung in Deutschland. Nur wir Hartz-IV-Bezieher merkten wenig davon in unserem Leben, was konnten wir schon verlieren? Allerdings fürchteten viele die Zeit nach der Bundestagswahl.
Jüdische Bergsteigertraditionen
Der Berg rief nicht alle
von Dieter Braeg
Die Ausstellung «Hast du meine Alpen gesehen?» wird ab dem 22.April in München gezeigt.
Edelbert Richter: Trotzige Ermutigungen
Die Linke im Epochenumbruch. Eine historische Ortsbestimmung
Hamburg: VSA, 2010
302 S., 20,80 Euro
von Eckart Spoo
Er sagt nicht «Yes, we can», wie einst der Wahlkämpfer Obama. Der philosophisch und ökonomisch interessierte Theologe Edelbert Richter sagt in seinem neuen Buch oft: «Wir könnten.» Und er meint: Wir müssten.
Amaral: Antônia
Brasilien 2006
Regie: Tata Amaral
Verleih: W-film, www.wfilm.com
von Gaston Kirsche
Im Frühjahr 2010 tourt der brasilianische Musikfilm Antônia durch die Programmkinos.
Pierschel/Kirchner: EDGE
Perspectives on Drug Free Culture
Regie: Marc Pierschel und Michael Kirchner
Deutschland 2009
von Peter Nowak
Der Film setzt sich kritisch mit der Straight-Edge-Bewegung auseinander.
Ulf Miehe: Puma
Köln: Dumont, 2010
475 S., 11,95 Euro
von Udo Bonn
Martin Compart startete 1999 bei Dumont mit der Herausgabe der Noir-Serie, in der innerhalb eines Jahres 23 erstklassische Kriminalromane (wieder)veröffentlicht wurden. Unter ihnen ist nur ein Roman eines deutschen Autors, der es mit der Brillianz eines Pelecanos, Suckerman, Sallis und Lansdale aufnehmen konnte: Ulf Miehes Roman Puma aus den 70er Jahren.
«Wir verlangen das Paradies auf Erden»
Vor 90 Jahren entstand und verging die «Rote Ruhrarmee»
von Andreas Bodden
«Wir wollen nicht im Staube kriechen vor denjenigen, die durch den Zufall der Geburt sich ein Von-Oben-Herabblicken anmaßen dürfen.
Jovan Nikolic
Jovan Nikolic wurde 1955 in Jugoslawien geboren. Beide Eltern waren Musiker. Seine Kindheit verbrachte Nikolic zunächst auf Reisen mit seinen Eltern, später ging er in der Kleinstadt Cacak zur Schule und absolvierte eine Ausbildung als Maschinenbautechniker.
Bedingungslos für Israel?
Positionen und Aktionen jenseits deutscher Befindlichkeiten
(Hg. Sophia Deeg/Hermann Dierkes)
Köln: Neuer ISP Verlag. 2010, 224 S., 19,80 Euro
Der Überfall der israelischen Armee auf den dicht besiedelten, abgeschnürten Gaza-Streifen im Winter 2008/09 hat weltweit schockiert. Die jahrelange völkerrechtswidrige Abriegelung des Gazastreifens hält auch nach dem Waffenstillstand an. Die deutsche Bundesregierung, die EU und die USA unterstützten das israelische Vorgehen
Winfried Wolf: Sieben Krisen, Ein Crash
Wien: Promedia, 2009, 253 S.
von Hermann Dworczak
Winfrieds Wolf Buch bietet eine gründliche Analyse der aktuellen Krisen des globalen Kapitalismus – quer zu diversen, gänzlich an der Oberfläche verharrenden Erklärungen.
Jason Reitman: Up in the Air
USA 2009
Regie: Jason Reitman
Mit George Clooney, Vera Farmiga, Anna Kendrick
von Angela Huemer
«Up in the air», der Filmtitel, wird nicht übersetzt. Wörtlich heißt das: «hoch oben in der Luft», auf englisch ist «up in the air» eine Metapher für «alles ist offen», eine Art Limbo, Zwischenzustand, ein nicht hier und noch nicht dort sein.
James Ellroy: Blut will fließen
Berlin: Ullstein, 2010
783 S., 24,90 Euro
von Udo Bonn
Knapp zehn Jahre lies James Ellroy sich Zeit, den dritten Band der Underworld-USA-Trilogie zu veröffentlichen. Eine lange Zeit mit nur noch vagen Erinnerungen des Lesers an seine Darstellung der Planung der Ermordung der beiden Kennedybrüder und Martin Luther Kings durch einen Komplott von FBI-Agenten, der Mafia, korrupten Gewerkschaftern, rechtsextremen Exilkubanern und paranoiden Söldnern.
Subversive Maschen
Wie Stricken und Häkeln im 21.Jahrhundert zu einer subversiven Tätigkeit mutiert.
von Angela Huemer
Als Ende Januar an der Humanwissenschaftlichen Fakultät Köln im Rahmen der Passagen, Teil der Internationalen Möbelmesse, ein «Knit-In», eine Strickaktion, unter dem Titel «HypoRealKnittingafFair» stattfand, konnte ich mir zunächst wenig drunter vorstellen. Was soll denn Stricken mit der Finanzkrise zu tun haben?
New Left Review wird 50
Ehrwürdiger großer Bruder
von Stefan Collini
Vor 50 Jahren, im Januar/Februar 1960, erschien in Großbritannien die erste Ausgabe von New Left Review. Die Zeitschrift wurde schnell eine der einflussreichsten Publikationen der Neuen Linken Großbritanniens
Daniel Bensaïd (1946–2010)
von Tariq Ali
Daniel Bensaïd, der am 12.1.2010 mit 63 Jahren gestorben ist, war einer der talentiertesten marxistischen Intellektuellen seiner Generation.
Jörg Huffschmid (1940–2009)
Nachruf
von Ingo Schmidt
Im Kampf für soziale Gerechtigkeit war Jörg Huffschmid unermüdlich. Seinen Kampf mit dem Krebs hat er verloren. Am 5.Dezember ist er an den Folgen der Krankheit gestorben.
Von der Aktualität des Kommunismus
von Daniel Bensaïd
Der folgende Artikel ist einer der letzten, die Daniel Bensaïd geschrieben hat. Er ist Ende 2009 im vierten Heft der neuen Folge der von ihm zusammen mit Eustathis Kouvelakis und Francis Sitel herausgegebenen Pariser Zeitschrift ContreTemps erschienen, als einer von elf Beiträgen zum Thema «Wofür steht die Bezeichnung Kommunismus?».
Willie Mitchell (1928–2010)
Tod einer Soullegende
von Lothar A. Heinrich
Am 5.Januar erlag Willie Mitchell in Memphis einem Herzstillstand. Er war 81 Jahre alt und ist zu einer Legende der Soulmusik geworden.
Christa Wichterich, Gleich gleicher ungleich
Paradoxien und Perspektiven von Frauenrechten in der Globalisierung. Sulzbach: Ulrike-Helmer-Verlag, 2009
240 S., 19,90 Euro
von Gisela Notz
Christa Wichterich hat mehr als eine Aufsatzsammlung geschrieben. Es entstand ein feministischer Weltbericht über Paradoxien und Perspektiven von Frauenrechten in der Globalisierung.
Gerard Donovan, Winter in Maine
Gerard Donovan, Winter in Maine. Luchterhand, 2009, 208 S., 17,95 Euro
von Udo Bonn
Maine ist der nordöstlichste Bundesstaat der USA und mit 14 Einwohnern je Quadratkilometer sogar noch dünner besiedelt als etwa Finnland. Mit dem Oktober geht die Zahl der Touristen zurück, vorübergehend werden sie durch Jäger ersetzt, aber wenn der erste Schnee mit den kalten Stürmen aus Kanada kommt, wird es in Maine einsam und mit der Kälte unangenehm.
Eine andere Welt ist möglich?, Deutschland 2009
Kampf um Amazonien. Regie: Martin Keßler
von Angela Huemer
Die wichtigste Stromquelle Brasiliens ist die Wasserkraft. Nun plant die Regierung ein Riesenkraftwerk, Belo Monte, mitten in Amazonien. Es soll der größte Staudamm Brasiliens werden, 10.000 Quadratkilometer Urwald sollen darin versinken.
«Wir sind Kulturhauptstadt»
Essen und die Ruhr im Ausnahmezustand
von Rolf Euler
Am zweiten Januarwochenende wurde die Kulturhauptstadt Ruhr2010, oder wie es offiziell heißt: «Essen für das Ruhrgebiet» eröffnet. Hunderttausend Menschen kamen zur ehemaligen Zeche Zollverein, die schon länger zum Weltkulturerbe gehört.
Alfred Hrdlicka (1928–2009)
Die Kunst bleibt politisch
von Trautl Brandstaller
Alfred Hrdlicka, gestorben am 5.12.2009, war einer der bedeutendsten Bildhauer des 20. Jahrhunderts. Er war daneben auch Zeichner, Maler, Grafiker und Schriftsteller. «Ein erratischer Block, der ihn an die Figuren der Ersten Republik, an die große Zeit des Roten Wien erinnert», so hat Elias Canetti einmal Alfred Hrdlicka beschrieben.
Klassenbewußtsein und Klassensolidarität
Günter Bell
Ein Stadtteil, in dem die Arbeiterklasse zu Hause ist?
Klassenbewußtsein und Klassensolidarität in sozial-räumlichen Milieus
VSA, Hamburg 2009, 206 Seiten, 16,80 Euro
von Angela Klein
Biermann/Klönne: Großmachtambitionen in Deutschland
Werner Biermann/Arno Klönne: Ein Spiel ohne Grenzen. Wirtschaft, Politik und Großmachtsambitionen in Deutschland von 1871 bis heute. Köln: PapyRossa Verlag, 2009, 293 S., 17,90 Euro
von Mario Tal
Klaus Kinkel, amtierender Außenminister der FDP in der Regierung Kohl, erklärte 1993 über die Rolle Deutschlands nach der Wiedervereinigung in der FAZ:“Nach außen gilt es etwas zu vollbringen, woran wir zweimal zuvor gescheitert sind: Im Einklang mit unseren Nachbarn zu einer Rolle zu finden, die unseren Wünschen und unserem Potenzial entspricht.” Noch bündiger war Edmund Stoiber (CSU) 1992: „Kohl vollendet, was Kaiser Wilhelm und Hitler nicht erreicht haben.” Und 2007 attestierte Günther Gloser, SPD und
Die osmanische Geschichte der Uhlandstraße in Herne
Fragmentarische Erinnerungen
von Hatice Aksoy-Woinek
Da wallt dem Deutschen auch sein Blut,
Er trifft des Türken Pferd so gut,
Er haut ihm ab mit einem Streich
Die beiden Vorderfüß‘ zugleich.
Als er das Tier zu Fall gebracht,
Da fasst er erst sein Schwert mit Macht,
Er schwingt es auf des Reiters Kopf,
Haut durch bis auf den Sattelknopf,
Haut auch den Sattel noch zu Stücken
Und tief noch in des Pferdes Rücken;
Zur Rechten sieht man wie zur Linken,
Einen halben Türken heruntersinken.
Ludwig Uhland, „Als Kaiser Rotbart lobesam”, 4.Strophe
Ob der alte Dichter sich wohl im Grabe umdrehen würde, wenn er wüsste, welche Straße ausgerechnet nach ihm benannt wurde, hier in Herne-Sodingen? Welche Schublade auch alle zehn Jahre geöffnet wird, eins ist klar: Die Osmanen kamen doch, Herr Uhland!
Wir trauern um Willi Scherer
13.Dezember 1921–2.November 2009
Wir trauern mit der Familie und vielen Menschen in der Arbeiterbewegung, in sozialistischen Organisationen und in der Gewerkschaft um einen Weggefährten in langen Jahren sozialistischer Arbeit, unermüdlicher Aufklärung und tätiger Veränderung der Verhältnisse. Wir verdanken Willi Scherer eine stetige Diskussion um alle wichtigen Probleme der Arbeiterbewegung, die Mitarbeit bis ins hohe Alter an unserer Zeitung und an vielen Projekten über seine Heimatstadt Gelsenkirchen hinaus.
Wassili Grossman: Leben und Schicksal
Berlin: Claassen, 2007, 1084 S., 24,80 Euro; Taschenbuch- Ausgabe: Berlin: List, 2009, 1084 S., 14,90 Euro
von Jochen Gester
Der Winter steht vor der Tür, lange dunkle Abende und vielleicht eine Insel mit lohnarbeitsfreier Zeit am Jahresende. Zeit, sich auch mal wieder etwas mehr zuzumuten an schwerer Kost und langer Lektüre. Mein Tipp: Leben und Schicksal (Originaltitel: Shisn i sudba) von Wassili Grossman.
Teza, Äthiopien/BRD 2008
Buch und Regie: Haile Gerima, Kamera: Mario Masini. Mit Aron Arefe, Abiye Tedla, Takelech Beyene, Teje Tesfahun u.a. Kinostart: voraussichtlich im Januar 2010
von Andreas Bodden
Während Anberber, der Protagonist des Films, in Deutschland Medizin studiert, wird in seiner Heimat Äthiopien Kaiser Haile Selassie gestürzt. Die damals überwiegend links orientierten äthiopischen Studierenden an der Universität Köln verfolgen die Ereignisse gespannt am Fernsehen und begrüßen enthusiastisch den Sturz des reaktionären Feudalherrschers. Endlich
John Brown (1800–1859)
Eine Geißel der weißen Vorherrschaft
von Terry Bisson
Vor 150 Jahren, am 16.Oktober 1859, führte der weiße Abolitionist John Brown als Anführer einer aus 19 Schwarzen und Weißen bestehenden Guerillagruppe einen Angriff auf ein Waffenarsenal der US-Armee in Harpers Ferry (Virginia) durch. Der Anschlag scheiterte; Brown wurde gefangengenommen, hingerichtet und — zusammen mit zehn seiner Männer, die bei der Aktion getötet worden waren, darunter einer seiner Söhne — auf seiner Farm in North Elba, New York, beigesetzt. Militärisch war Browns Aktion ein Fehlschlag.