Nur Online 12. September 2026

Arbeiter:innen gegen Faschismus

von Gerhard Klas

Wenige Tage nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, bei der sechs von zehn Arbeiter*innen die AfD wählten, trafen sich über 140 Gewerkschafterinnen, Betriebsrätinnen und Beschäftigte zum „Megazoom“ der Initiative „Arbeiter*innen gegen Faschismus“. Kolleg*innen aus völlig unterschiedlichen Branchen: Pflege, Logistik, Medien, Bildung und Wissenschaft.

Was als Idee einer Berliner Intensivpflegekraft begann, nimmt konkrete Formen an: Vom 22. bis 24. Januar 2027 soll eine bundesweite Konferenz unter dem Motto „Verstehen, Vernetzen, Verabreden“ in Halle (Saale) stattfinden – also in Sachsen-Anhalt, wo die AfD die meisten Stimmen holte. Mobilisiert wird dabei ohne große finanzielle Mittel, über persönliche und kollegiale Netzwerke in den Betrieben – genau darin sehen die Organisatorinnen ihre größte Stärke.

Zwei Treffen innerhalb einer Woche

Bereits am 8. September, zwei Tage vor dem Megazoom der „Arbeiter:innen gegen Faschismus“, hatte sich ein weiterer Kreis von 114 Kolleginnen zum mittlerweile zweiten „Gewerkschaftsratschlag“ getroffen. Unter dem Titel „Sozialstaat verteidigen – Die Reichen zur Kasse“ stand bei der Videokonferenz der Austausch zu den Sozialprotesten im Mittelpunkt, mit Berichten einer ver.di-Vertrauensperson und einer Betriebsrätin über die Mobilisierung aus den Betrieben.

Für dieses Treffen standen Mercedes-Arbeiter*innen aus Stuttgart-Untertürkheim Pate mit ihrem Aufruf gegen Militarisierung und Sozialabbau unter dem Motto „Schluss jetzt. Protest, Widerstand, Streik“. Auch die Wahlerfolge der AfD waren Thema – und ihre Vereinnahmung sozialer Fragen.

Die AfD und andere rechte Kräfte versuchen derzeit, die Sorgen der Kolleg:innen in der Autoindustrie mit der simplen Parole „Zurück zu den Fossilen“ für sich zu vereinnahmen, und haben sich im Wahlkampf plakativ gegen die Rente mit 70 gewendet.

Davor warnte der Ratschlag mit einem Zitat des gewerkschaftsnahen Sozialphilosophen Oskar Negt: „Interessen und Bedürfnisse bleiben nie herrenlos auf der Straße liegen; entweder organisiert sie die eine Seite oder die andere; entweder rechts oder links.“ Die Unzufriedenheit mit der Bundesregierung und dem Angriff auf den Sozialstaat ist greifbar– die Frage ist also, wer sie organisiert.

Die Antwort gegen Rechts kann nur eine kämpferische Gegenbewegung aus den Betrieben heraus sein, so die einhellige Meinung. Es gab viel Kritik an den heutigen Gewerkschaftsführungen, die viel zu defensiv seien.

In diesem Zusammenhang wurde an die Kampagne des DGB von 1996 gegen die Absenkung der Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall erinnert. Sie mobilisierte damals 350.000 Menschen nach Bonn und über 150.000 Kolleginnen in betrieblichen Aktionen während der Arbeitszeit.

„Demokratie ist keine Feierabend- oder Wochenendveranstaltung. Sie macht auch nicht vor den Werkstoren halt“, erklärte damals die IG Metall. „Aufrufe der Gewerkschaft zur Teilnahme an Protestaktionen gegen die Sozialabbaupläne der Bundesregierung“, so hieß es damals, seien „zulässig“.

Der diesjährige Automobil-Aktionstag am 21. September und der dezentrale Aktionstag gegen Sozialabbau am 26. September sollen nun der Startpunkt für eine neue Kampagne sein. Die Teilnehmer*innen planen außerdem eine bundesweite Demo in Berlin und eine Aktionskonferenz im Oktober in Göttingen. Für die Online-Petition „Gegenwehr jetzt“ werden Unterschriften gesammelt, mehr als 1300 sind innerhalb weniger Tage zusammen gekommen.

Das „AfD-Paradox“ verstehen

Der Ton bei den „Arbeiter:innen gegen Faschismus“ zwei Tage später war zunächst geprägt von Erschütterung. Deprimierende Einblicke lieferte ein Kollege aus Magdeburg: In seinem Betrieb sitzen offenkundig rechte Kolleg:innen im Betriebsrat, und selbst ein Kollege mit einem behinderten Kind wählte die AfD, trotz ihrer Anfeindungen gegen Menschen mit Behinderungen.

Diverse Branchen waren auch hier vertreten: Ein Sporttherapeut aus Berlin moderierte die Videokonferenz, eine Intensivpflegekraft, ein Kollege der Berliner Stadtreinigung, eine Betriebsrätin vom Lufthansa-Bodenpersonal präsentierten sich als Initiatoren. „Wir sind die, die dieses Land am Laufen halten“, brachte es der Kollege der Stadtreinigung auf den Punkt. „Wenn wir uns wehren, dann kann uns keiner aufhalten.“

Wissenschaftlichen Input bei den „Arbeiter:innen gegen Faschismus“, die mittlerweile mehr als 500 Kolleg:innen auf ihrem Informationskanal zählen, lieferte ein Kollege, der sich schon lange mit der AfD beschäftigt. Im Zentrum steht das „AfD-Paradox“: überdurchschnittliche Zustimmung unter Arbeiterinnen bei einem Programm gegen ihre Interessen – verschärft dadurch, dass viele das sogar wissen.

Die AfD bediene den Mythos der „hart arbeitenden Bevölkerung“, der Partei der „Leistungsträger“, und stigmatisiert zugleich Sozialleistungsempfängerinnen: 66 Prozent der AfD-Wählerinnen halten Bürgergeldbezug für ein „bequemes Leben auf Kosten der Gesellschaft“. Zudem steht die Partei der organisierten Arbeiterinnenbewegung offen feindselig gegenüber.

Als Angriffspunkt gegen die AfD böte sich ihre Kampagne gegen „kulturfremde Fachkräfte“ an, die sich gegen so viele Kolleg:innen richtet, ohne die die Betriebe in der Pflege und der Logistik stillstehen würden. Die Diagnose des Referenten: Die Legitimationskrise des Parteienstaats habe ihr Epizentrum in der Arbeiter:innenklasse. Die Antwort muss demokratische Selbstwirksamkeit am Arbeitsplatz sein: Solidarität, Veränderung, Handlungsfähigkeit.

Wie das gehen kann, zeigte ein Kollege vom DHL-Hub Leipzig: Unter einen Brief der Leipziger Vertrauensleute sammelte er Unterschriften für die Sozialproteste am 26. September, erhielt rund 60 Zusagen in seiner Abteilung, 80 weitere bei der Betriebsversammlung.

Viele Kolleg*innen übernähmen zwar AfD-Talking-Points, doch eigentlich wollten sie – auch die AfD-Wählenden – einen „sozialen“ und „fairen Staat“. Seine Hoffnung: Der soziale Konflikt ist das Tor, um sie zurück in die gemeinsame Bewegung zu holen.

Wie weiter?

Kritik gab es auch an den Gewerkschaften selbst: Eine verdi-Kollegin beklagte passive Strukturen, warnte vor einer Machtübernahme der AfD und appellierte an die Spitzenfunktionäre: „Wenn es so weitergeht, gibt es euch in zwei Jahren nicht mehr.“ Und aus dem Chat kam der Vorschlag, auch die Kampagne gegen Verdachtskündigungen als Erbe des nationalsozialistischen Arbeitsrechts zum Thema antifaschistischer Betriebsgruppenarbeit zu machen.

Die Konferenz in Halle versteht sich auch als Auftakt vor kommenden Wahlen im nächsten Jahr: Workshops zum Verstehen der Krisendynamiken, Vernetzen zwischen Betrieben – auch gegen die faschistische „Zentrum“-Organisation – und konkrete Verabredungen zu Aktionen.

Zum Thema „betrieblicher Antifaschismus“ soll anlässlich der Konferenz auch ein Sammelband der Zeitschrift Jacobin erscheinen. Die Botschaft des Megazooms: Nicht alle Arbeiter*innen stehen rechts. Und wenn wir uns wehren, können sie uns nicht aufhalten. Nützlich wäre es, wenn im Laufe des Jahres 2027 beide Initiativen zusammenfänden.

27. August 2026

Ost-Wahlen & Die Linke: Bloss keine Allparteienregierung

Faschismus ante portas? – Vor den Landtagswahlen 2026
von Thies Gleiss

Nur noch wenige Tage bis zu den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt (6.September) und Mecklenburg-Vorpommern (20.September) und die Debatten über das Verhalten der Partei Die Linke gegenüber der scheinbar unaufhaltbar aufsteigenden AfD nehmen täglich an Schärfe zu.

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22. Mai 2026

Timmy und die rechte Wal-Show

Den Fisch essen und den Wal retten – Rechte Mobilisierung am Beispiel von Wal ›Timmy‹
von Musa Kaplan

»Warum heißt dieser Wal Timmy und auch Hope?«, fragt ein versteinerter Meermann mit blau leuchtenden Augen. Ein junges Mädchen, blond, blauäugig, ein blaues Leuchtherz auf der Brust, weiß die Antwort: »Timmy nennen ihn nur die Geldgeier, Hope die Menschen mit Herz.« Anschließend schwimmt der Buckelwal ins Meer, im Hintergrund erscheint eine Deutschland-Fahne. Diese Sequenz stammt aus einem der unzähligen KI-generierten Videos, die rund um das Spektakel des gestrandeten Buckelwals vor der Insel Poel entstanden. Doch wer genau sind in diesem Drama die Geldgeier, wer die Menschen mit Herz, und wieso erinnert das Blauherz eigentlich so sehr an die AfD?

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1. April 2026

Brandstifter auf dem Vormarsch

Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz
von Heinrich Neuhaus

Als am Abend des 8.März 2026 die Ergebnisse der Landtagswahl in Baden-Württemberg bekannt wurden, war das Adjektiv »historisch« nicht zu überhören. Damit bedachten Kommentatoren die erfolgreiche Aufholjagd des »grünen« Spitzenkandidaten Özdemir im Wettbewerb um das Amt des Ministerpräsidenten.

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1. April 2026

Neues aus dem Bundestag

Die Koalition bröckelt
von Violetta Bock

Die Brandmauer fällt nicht erst dann, wenn CDU und AfD irgendwann offen koalieren. Sie fällt schon jetzt, in Ausschüssen, in Hinterzimmern, in Abstimmungen. Im Europaparlament hat die EVP laut Recherchen eng mit AfD und anderen Rechten an einer weiteren Verschärfung der Migrationspolitik gearbeitet. Das ist kein Ausrutscher. Das ist der Zustand dieser politischen Mitte: nach außen liberal reden, nach unten treten und nach rechts regieren.

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1. Januar 2026

Gießen hat gegen die AfD geleuchtet

Über 50.000 Menschen haben nach Angaben des Bündnisses widersetzen am 29.11. im mittelhessischen Gießen gegen den Gründungskongress der AfD-Jugend protestiert. Zugleich haben sich mindestens 15.000 Menschen an Blockaden und anderen Widerstandsaktionen gegen die faschistische Jugendorganisation beteiligt.

›Gießen hat nicht gebrannt, Gießen hat geleuchtet!‹
von Christoph Rettler, Ver.di Gießen

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1. Januar 2026

Widersetzen. Eine Reportage

Zum Aktionstag gegen die Gründung der AfD-Jugendorganisation
von Marina Hoffmann

Es ist noch mitten in der Nacht, da strömen wir auf die Straße. Wir waren viele Stunden unterwegs, Ich hatte noch bis Mitternacht gearbeitet, bin ohne Pause dann zum Reisebus. Geschlafen habe ich kaum.
Jetzt geht es los. Ohne meinen Pullover, den ich zuhause vergessen hatte, und mit einem schweren Rucksack auf dem Rücken. Die Polizei hat unseren Bus weit vor Gießen gestoppt und wir müssen noch durch zwei Dörfer, bis wir in Gießen ankommen. Wir wollen blockieren. Zum ersten Mal in meinem Leben nehme ich an einer Aktion des zivilen Ungehorsams teil.

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Nur Online 2. Dezember 2025

Riesiger Erfolg für das Bündnis widersetzen

Newsletter vom Aktionsbündnis widersetzen

Über 50.000 Menschen kommen zur größten antifaschistischen Mobilisierung in der Geschichte der Bundesrepublik.

Gießen. Das Bündnis widersetzen sieht einen riesigen Erfolg seiner Aktionen des zivilen Ungehorsams gegen die Gründung der AfD-Jugend. 15.000 Menschen nahmen an Blockaden von widersetzen teil und versperrten die Zugänge zum Gründungskongress. Zehntausende weitere Personen demonstrierten in Gießen gegen die AfD. Damit geht der heutige Tag als größte antifaschistische Mobilisierung in die Geschichte der Bundesrepublik ein.

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1. Dezember 2025

Gegen eine ›Generation Deutschland‹

Alle nach Gießen am 29. November
von Marina Hoffmann

In ganz Deutschland bilden sich Bündnisse mit dem Ziel, am 29. November die Neugründung der AfD-Jugendorganisation zu blockieren.

Die alte AfD-Jugendorganisation, die Junge Alternative für Deutschland (JA), hatte Verbindungen zur Neonazi-Szene, zur Identitären Bewegung und war noch extremer als die AfD selbst.

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1. November 2025

Brandbeschleuniger CDU

Einstürzende Mauern
von Gerhard Klas

Dafür muss man nicht links sein: Es ist schon einiges an Hirnakrobatik nötig, um die offiziellen Verlautbarungen der CDU noch nachvollziehen zu können.

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1. Oktober 2025

Kommunalwahlen in NRW

Linke und AfD im Aufwind
von Helmut Born und Angela Klein

Wahlen in Nordrhein-Westfalen, dem größten Bundesland, sind immer auch so etwas wie ein Barometer für die Stimmung im Land. Das gilt auch für die Kommunalwahlen, die am 14.September dort stattfanden. Es waren die ersten landesweiten Wahlen nach den Bundestagswahlen im Februar und sie haben ein paar Merker gesetzt.

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1. Oktober 2025

Wer finanziert die AfD?

Die Partei erhält doppelt soviel vom Staat wie von Großspendern
von David Stein


Die AfD hat vergleichsweise wenig Mitglieder, gerade mal 60.000. Sie ist auf Großspenden angewiesen, u.a. vom Lübecker Unternehmer Winfried Stöcker und über Umwege vom Duisburger Immobilienmilliardär Henning Conle. Das meiste Geld kommt aus staatlichen Mitteln.

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