Warum die Mitte nach Rechts rutscht
Deutschland am Scheideweg
von Angela Klein
Der Aufstieg der AfD scheint unaufhaltsam: Nach den jüngsten Landtagswahlen hat sie bundesweit in der Sonntagsfrage noch einmal zugelegt (auf 28 Prozent, Stand: 20.9.) und löst damit die CDU als stärkste Partei ab. Diese ist in Mecklenburg-Vorpommern unter die 5 Prozent gerutscht und wird in Berlin von der Linken um sieben Prozentpunkte überholt. Das hat ein politisches Erdbeben ausgelöst.
weiterlesenArbeiter:innen gegen Faschismus
Die Initiative ›Arbeiter:innen gegen Faschismus‹ lädt zu einer Konferenz in Halle ein
von Gerhard Klas
Wenige Tage nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, bei der sechs von zehn abhängig Beschäftigten die AfD wählten, trafen sich über 140 Gewerkschafterinnen, Betriebsräte und Beschäftigte zum »Megazoom« der Initiative »Arbeiter:innen gegen Faschismus«. Kolleg:innen aus völlig unterschiedlichen Branchen: Pflege, Logistik, Medien, Bildung und Wissenschaft.
weiterlesenAfD: Radikal neoliberal
Die vermeintliche Protestpartei ist alles andere als eine Stimme der kleinen Leute
von Wolfgang Pomrehn
Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hat die AfD Anfang September triumphiert. Von allen Parteien liefen ihr Wählerinnen und Wähler zu, aber besonders von der FDP. Fast 60 Prozent ihrer Abtrünnigen landeten bei Blaubraunen. Das war kein Zufall, denn ganz wie bei der FDP findet man bei der AfD jede Menge knallharten Wirtschaftsliberalismus.
weiterlesenWie weiter nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt?
Bürgerlicher Antifaschismus in der Krise. Eine Reportage
von Toni Wolff
Der Raum ist zum Bersten gefüllt. 60 Menschen sitzen auf Stühlen, Bänken und leeren Getränkekästen. Das Bündnis Solidarisches Magdeburg hat eine knappe Woche nach der Landtagswahl zum offenen Treffen eingeladen.
weiterlesenWie faschistisch ist die AfD?
Die Tabuisierung der AfD ist gescheitert
von Angela Klein
Die Regierungsfähigkeit der AfD auf Landes- und evtl. auch auf Bundesebene hat die Diskussion um ein Verbot der AfD neu entfacht. Untermauert wird sie durch die Behauptung, die AfD sei eine faschistische Partei, die sich außerhalb des »Konsenses der Demokraten« stellt und deshalb ausgegrenzt gehört – was sie allerdings nicht daran hindert, wachsenden Zulauf zu bekommen. Die Diskussion tobt schon länger, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Wir fragen: Wozu führt diese Diskussion?
weiterlesenArbeiter:innen gegen Faschismus
von Gerhard Klas
Wenige Tage nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, bei der sechs von zehn Arbeiter*innen die AfD wählten, trafen sich über 140 Gewerkschafterinnen, Betriebsrätinnen und Beschäftigte zum „Megazoom“ der Initiative „Arbeiter*innen gegen Faschismus“. Kolleg*innen aus völlig unterschiedlichen Branchen: Pflege, Logistik, Medien, Bildung und Wissenschaft.
Was als Idee einer Berliner Intensivpflegekraft begann, nimmt konkrete Formen an: Vom 22. bis 24. Januar 2027 soll eine bundesweite Konferenz unter dem Motto „Verstehen, Vernetzen, Verabreden“ in Halle (Saale) stattfinden – also in Sachsen-Anhalt, wo die AfD die meisten Stimmen holte. Mobilisiert wird dabei ohne große finanzielle Mittel, über persönliche und kollegiale Netzwerke in den Betrieben – genau darin sehen die Organisatorinnen ihre größte Stärke.
Zwei Treffen innerhalb einer Woche
Bereits am 8. September, zwei Tage vor dem Megazoom der „Arbeiter:innen gegen Faschismus“, hatte sich ein weiterer Kreis von 114 Kolleginnen zum mittlerweile zweiten „Gewerkschaftsratschlag“ getroffen. Unter dem Titel „Sozialstaat verteidigen – Die Reichen zur Kasse“ stand bei der Videokonferenz der Austausch zu den Sozialprotesten im Mittelpunkt, mit Berichten einer ver.di-Vertrauensperson und einer Betriebsrätin über die Mobilisierung aus den Betrieben.
Für dieses Treffen standen Mercedes-Arbeiter*innen aus Stuttgart-Untertürkheim Pate mit ihrem Aufruf gegen Militarisierung und Sozialabbau unter dem Motto „Schluss jetzt. Protest, Widerstand, Streik“. Auch die Wahlerfolge der AfD waren Thema – und ihre Vereinnahmung sozialer Fragen.
Die AfD und andere rechte Kräfte versuchen derzeit, die Sorgen der Kolleg:innen in der Autoindustrie mit der simplen Parole „Zurück zu den Fossilen“ für sich zu vereinnahmen, und haben sich im Wahlkampf plakativ gegen die Rente mit 70 gewendet.
Davor warnte der Ratschlag mit einem Zitat des gewerkschaftsnahen Sozialphilosophen Oskar Negt: „Interessen und Bedürfnisse bleiben nie herrenlos auf der Straße liegen; entweder organisiert sie die eine Seite oder die andere; entweder rechts oder links.“ Die Unzufriedenheit mit der Bundesregierung und dem Angriff auf den Sozialstaat ist greifbar– die Frage ist also, wer sie organisiert.
Die Antwort gegen Rechts kann nur eine kämpferische Gegenbewegung aus den Betrieben heraus sein, so die einhellige Meinung. Es gab viel Kritik an den heutigen Gewerkschaftsführungen, die viel zu defensiv seien.
In diesem Zusammenhang wurde an die Kampagne des DGB von 1996 gegen die Absenkung der Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall erinnert. Sie mobilisierte damals 350.000 Menschen nach Bonn und über 150.000 Kolleginnen in betrieblichen Aktionen während der Arbeitszeit.
„Demokratie ist keine Feierabend- oder Wochenendveranstaltung. Sie macht auch nicht vor den Werkstoren halt“, erklärte damals die IG Metall. „Aufrufe der Gewerkschaft zur Teilnahme an Protestaktionen gegen die Sozialabbaupläne der Bundesregierung“, so hieß es damals, seien „zulässig“.
Der diesjährige Automobil-Aktionstag am 21. September und der dezentrale Aktionstag gegen Sozialabbau am 26. September sollen nun der Startpunkt für eine neue Kampagne sein. Die Teilnehmer*innen planen außerdem eine bundesweite Demo in Berlin und eine Aktionskonferenz im Oktober in Göttingen. Für die Online-Petition „Gegenwehr jetzt“ werden Unterschriften gesammelt, mehr als 1300 sind innerhalb weniger Tage zusammen gekommen.
Das „AfD-Paradox“ verstehen
Der Ton bei den „Arbeiter:innen gegen Faschismus“ zwei Tage später war zunächst geprägt von Erschütterung. Deprimierende Einblicke lieferte ein Kollege aus Magdeburg: In seinem Betrieb sitzen offenkundig rechte Kolleg:innen im Betriebsrat, und selbst ein Kollege mit einem behinderten Kind wählte die AfD, trotz ihrer Anfeindungen gegen Menschen mit Behinderungen.
Diverse Branchen waren auch hier vertreten: Ein Sporttherapeut aus Berlin moderierte die Videokonferenz, eine Intensivpflegekraft, ein Kollege der Berliner Stadtreinigung, eine Betriebsrätin vom Lufthansa-Bodenpersonal präsentierten sich als Initiatoren. „Wir sind die, die dieses Land am Laufen halten“, brachte es der Kollege der Stadtreinigung auf den Punkt. „Wenn wir uns wehren, dann kann uns keiner aufhalten.“
Wissenschaftlichen Input bei den „Arbeiter:innen gegen Faschismus“, die mittlerweile mehr als 500 Kolleg:innen auf ihrem Informationskanal zählen, lieferte ein Kollege, der sich schon lange mit der AfD beschäftigt. Im Zentrum steht das „AfD-Paradox“: überdurchschnittliche Zustimmung unter Arbeiterinnen bei einem Programm gegen ihre Interessen – verschärft dadurch, dass viele das sogar wissen.
Die AfD bediene den Mythos der „hart arbeitenden Bevölkerung“, der Partei der „Leistungsträger“, und stigmatisiert zugleich Sozialleistungsempfängerinnen: 66 Prozent der AfD-Wählerinnen halten Bürgergeldbezug für ein „bequemes Leben auf Kosten der Gesellschaft“. Zudem steht die Partei der organisierten Arbeiterinnenbewegung offen feindselig gegenüber.
Als Angriffspunkt gegen die AfD böte sich ihre Kampagne gegen „kulturfremde Fachkräfte“ an, die sich gegen so viele Kolleg:innen richtet, ohne die die Betriebe in der Pflege und der Logistik stillstehen würden. Die Diagnose des Referenten: Die Legitimationskrise des Parteienstaats habe ihr Epizentrum in der Arbeiter:innenklasse. Die Antwort muss demokratische Selbstwirksamkeit am Arbeitsplatz sein: Solidarität, Veränderung, Handlungsfähigkeit.
Wie das gehen kann, zeigte ein Kollege vom DHL-Hub Leipzig: Unter einen Brief der Leipziger Vertrauensleute sammelte er Unterschriften für die Sozialproteste am 26. September, erhielt rund 60 Zusagen in seiner Abteilung, 80 weitere bei der Betriebsversammlung.
Viele Kolleg*innen übernähmen zwar AfD-Talking-Points, doch eigentlich wollten sie – auch die AfD-Wählenden – einen „sozialen“ und „fairen Staat“. Seine Hoffnung: Der soziale Konflikt ist das Tor, um sie zurück in die gemeinsame Bewegung zu holen.
Wie weiter?
Kritik gab es auch an den Gewerkschaften selbst: Eine verdi-Kollegin beklagte passive Strukturen, warnte vor einer Machtübernahme der AfD und appellierte an die Spitzenfunktionäre: „Wenn es so weitergeht, gibt es euch in zwei Jahren nicht mehr.“ Und aus dem Chat kam der Vorschlag, auch die Kampagne gegen Verdachtskündigungen als Erbe des nationalsozialistischen Arbeitsrechts zum Thema antifaschistischer Betriebsgruppenarbeit zu machen.
Die Konferenz in Halle versteht sich auch als Auftakt vor kommenden Wahlen im nächsten Jahr: Workshops zum Verstehen der Krisendynamiken, Vernetzen zwischen Betrieben – auch gegen die faschistische „Zentrum“-Organisation – und konkrete Verabredungen zu Aktionen.
Zum Thema „betrieblicher Antifaschismus“ soll anlässlich der Konferenz auch ein Sammelband der Zeitschrift Jacobin erscheinen. Die Botschaft des Megazooms: Nicht alle Arbeiter*innen stehen rechts. Und wenn wir uns wehren, können sie uns nicht aufhalten. Nützlich wäre es, wenn im Laufe des Jahres 2027 beide Initiativen zusammenfänden.
Ost-Wahlen & Die Linke: Bloss keine Allparteienregierung
Faschismus ante portas? – Vor den Landtagswahlen 2026
von Thies Gleiss
Nur noch wenige Tage bis zu den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt (6.September) und Mecklenburg-Vorpommern (20.September) und die Debatten über das Verhalten der Partei Die Linke gegenüber der scheinbar unaufhaltbar aufsteigenden AfD nehmen täglich an Schärfe zu.
weiterlesenTimmy und die rechte Wal-Show
Den Fisch essen und den Wal retten – Rechte Mobilisierung am Beispiel von Wal ›Timmy‹
von Musa Kaplan
»Warum heißt dieser Wal Timmy und auch Hope?«, fragt ein versteinerter Meermann mit blau leuchtenden Augen. Ein junges Mädchen, blond, blauäugig, ein blaues Leuchtherz auf der Brust, weiß die Antwort: »Timmy nennen ihn nur die Geldgeier, Hope die Menschen mit Herz.« Anschließend schwimmt der Buckelwal ins Meer, im Hintergrund erscheint eine Deutschland-Fahne. Diese Sequenz stammt aus einem der unzähligen KI-generierten Videos, die rund um das Spektakel des gestrandeten Buckelwals vor der Insel Poel entstanden. Doch wer genau sind in diesem Drama die Geldgeier, wer die Menschen mit Herz, und wieso erinnert das Blauherz eigentlich so sehr an die AfD?
weiterlesenBrandstifter auf dem Vormarsch
Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz
von Heinrich Neuhaus
Als am Abend des 8.März 2026 die Ergebnisse der Landtagswahl in Baden-Württemberg bekannt wurden, war das Adjektiv »historisch« nicht zu überhören. Damit bedachten Kommentatoren die erfolgreiche Aufholjagd des »grünen« Spitzenkandidaten Özdemir im Wettbewerb um das Amt des Ministerpräsidenten.
weiterlesenNeues aus dem Bundestag
Die Koalition bröckelt
von Violetta Bock
Die Brandmauer fällt nicht erst dann, wenn CDU und AfD irgendwann offen koalieren. Sie fällt schon jetzt, in Ausschüssen, in Hinterzimmern, in Abstimmungen. Im Europaparlament hat die EVP laut Recherchen eng mit AfD und anderen Rechten an einer weiteren Verschärfung der Migrationspolitik gearbeitet. Das ist kein Ausrutscher. Das ist der Zustand dieser politischen Mitte: nach außen liberal reden, nach unten treten und nach rechts regieren.
weiterlesenGießen hat gegen die AfD geleuchtet
Über 50.000 Menschen haben nach Angaben des Bündnisses widersetzen am 29.11. im mittelhessischen Gießen gegen den Gründungskongress der AfD-Jugend protestiert. Zugleich haben sich mindestens 15.000 Menschen an Blockaden und anderen Widerstandsaktionen gegen die faschistische Jugendorganisation beteiligt.
›Gießen hat nicht gebrannt, Gießen hat geleuchtet!‹
von Christoph Rettler, Ver.di Gießen
Widersetzen. Eine Reportage
Zum Aktionstag gegen die Gründung der AfD-Jugendorganisation
von Marina Hoffmann
Es ist noch mitten in der Nacht, da strömen wir auf die Straße. Wir waren viele Stunden unterwegs, Ich hatte noch bis Mitternacht gearbeitet, bin ohne Pause dann zum Reisebus. Geschlafen habe ich kaum.
Jetzt geht es los. Ohne meinen Pullover, den ich zuhause vergessen hatte, und mit einem schweren Rucksack auf dem Rücken. Die Polizei hat unseren Bus weit vor Gießen gestoppt und wir müssen noch durch zwei Dörfer, bis wir in Gießen ankommen. Wir wollen blockieren. Zum ersten Mal in meinem Leben nehme ich an einer Aktion des zivilen Ungehorsams teil.