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Nur Online Dezember 2019 Geschichte,Gesellschaft, | 

Mit Poulantzas kämpfen

Klassen und Staat im Kapitalismus, Teil 2
von Thomas Goes

Wie im ersten Teil dieses Artikels dargelegt (SoZ 11/2019), hat Nicos Poulantzas Klassenbeziehungen von vornherein im Zusammenhang mit politischer Herrschaft analysiert. Das drückte sich zum einen in der Art seiner Klassenbestimmung, zum anderen in seiner Theorie des kapitalistischen Staates aus.

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Nur Online November 2019 Geschichte,Gesellschaft,Zur Person, | 

Mit Poulantzas kämpfen

Klassen und Staat im Kapitalismus, Teil 1
von Thomas Goes

Am 3.Oktober 1979 nahm sich der marxistische Politikwissenschaftler Nicos Poulantzas das Leben, gerade 43 Jahre alt.

Poulantzas gehörte zu einer Generation marxistischer Intellektueller, die unter historisch außergewöhnlichen Bedingungen wirkte: innerhalb und im Umfeld der großen «eurokommunistischen» Parteien Italiens und Frankreichs, die nach einem demokratischen Weg zum Sozialismus suchten; im Schatten der Jugendradikalisierung Ende der 1960er Jahre und einer lebendigen, wenngleich sich dogmatisierenden radikalen Linken; im Rahmen eines Marxismusrevivals an den Universitäten, die zu Hochburgen der gesellschaftlichen Linken wurden.

Marxismus als strategische und eingreifende Wissenschaft
Poulantzas verfolgte vor diesem Hintergrund eine Art «strategische und eingreifende Wissenschaft», die sich direkt auf die Kämpfe der Arbeiterbewegung und der Linken bezog. Deren Probleme wurden aufgegriffen, um durch Analyse und Theoriebildung zu ihrer Lösung beizutragen.
Was können wir 40 Jahre später aus Poulantzas’ Arbeiten lernen, um eine wirkungsvolle antikapitalistische Alternative zu schaffen?
Strategisch besonders wichtig sind heute noch Poulantzas’ Beiträge zur Klassenanalyse der 70er Jahre und zur Staatstheorie. Von vornherein bestimmte Poulantzas Klassen im Zusammenhang mit der politischen Macht, nicht zuletzt also mit dem kapitalistischen Staat, der laut Poulantzas «immer schon» in den Klassenverhältnissen wirkt (und nicht erst nachträglich interveniert). In der Staatstheorie versuchte Poulantzas schließlich nicht nur wissenschaftlich zu bestimmen, in welchem Verhältnis Klassen- und Staatsmacht zueinander stehen, sondern wie der Staat die Handlungsbedingungen der Volksbewegungen und der Linken beeinflusst.

Klassen und Arbeitsteilung
Klassen, so Poulantzas, existieren aufgrund der Gesamtheit der gesellschaftlichen Arbeitsteilung. Dazu gehört, wer wirklich über die Produktionsmittel verfügt, aber auch die damit zusammenhängende ideologische und politische Arbeitsteilung, die für Klassengesellschaften typisch ist.
Ausführlicher habe ich Poulantzas’ Klassentheorie in meinem Buch Klassen im Kampf dargestellt. Hier stilisiere ich deshalb: Gesellschaften (bei Poulanztas heißt es «Gesellschaftsformationen») bestehen immer aus einer Kombination von Produktionsweisen, wobei eine davon immer die dominierende ist. Jede Produktionsweise hat zwei Hauptklassen, in der kapitalistischen sind es die Bourgeoisie und die Arbeiterklasse.
Neben den beiden Hauptklassen entstand in der kapitalistischen Produktionsweise eine lohnabhängige Zwischenklasse, die zwischen Bourgeoisie und Arbeiterklasse existiert. Poulantzas sah darin, neben dem traditionellen Kleinbürgertum (einfache Warenproduzenten und Kleinhändler), eine Fraktion des Kleinbürgertums. Er zählte im Prinzip alle Lohnabhängigen zu dieser Klasse, die aufgrund ihrer sozialen Stellung ideologisch und politisch daran mitwirken, Klassen- und Klassenherrschaft zu reproduzieren (z.?B. LehrerInnen, WissenschaftlerInnen, ManagerInnen) und Beschäftigte innerhalb der Staatsbürokratie (also Beschäftigte in den Staatsapparaten, die nicht durch das Kapital ausgebeutet werden).

Der Klassencharakter «neuer» Gruppen von Lohnabhängigen
Das politische Anliegen hinter dieser Analyse bestand darin, die materiellen und politischen Interessen dieser verschiedenen lohnabhängigen Gruppen, ihr klassenpolitisches Eigengewicht, angemessener zu bestimmen. Immerhin haben sie im Zuge der Herausbildung des Spätkapitalismus fortwährend an Bedeutung gewonnen.
Deshalb tauchte auch in den Kommunistischen Parteien die Frage auf, ob und wie ein Bündnis zwischen diesen Gruppen und der Arbeiterklasse zu schmieden wäre. In der Theorie des staatsmonopolistischen Kapitalismus war daher von «Zwischenschichten» die Rede, derart schwankend, dass sie bei korrekter Politik der Linken und entsprechender Stärke der Arbeiterklasse «relativ einfach» für ein Bündnis gewonnen werden könnten.
Poulantzas’ Analyse mahnt hier zur Vorsicht. Zwar, so lässt er etwa in seiner Arbeit «Klassen im Kapitalismus – heute» wissen, sei ein derartiges Bündnis notwendig (und auch möglich), aber das Eigeninteresse der Mittelklasse müsse genau bestimmt werden, um Widersprüche und Grenzen der Zusammenarbeit zu klären. Unter anderem müssten die klasseninternen sozialen und politischen Differenzierungsprozesse genau betrachtet werden, die bewirken, dass sich Teile der Mittelklasse in Richtung Arbeiterklasse neigen.
Überzeugt diese Analyse auch weitgehend, geht Poulantzas aber doch einen Schritt zu weit. Zur Arbeiterklasse zählt er lediglich ArbeiterInnen, die direkt an der Mehrwerterzeugung beteiligt sind. Beschäftigte im Großhandel oder in der kapitalistisch organisierten Gesundheitswirtschaft würden aus dieser Perspektive zum Kleinbürgertum gehören. Das ist eine sehr verkürzte Klassenbestimmung. Angemessen wäre es, zwischen einer Arbeiterklasse zu unterscheiden, zu der alle gehören, die an der Erzeugung von Mehrwert beteiligt sind, ob nun im Bankensektor (Zirkulation I), im Industriesektor (Produktion) oder im Handel (Zirkulation II), und einer lohnabhängigen Mittelklasse sowie dem Kleinbürgertum. Zur Mittelklasse gehören Staatsbeschäftigte und Lohnabhängige, die – aufgrund ihrer sozialen Stellung – ideologisch und politisch an der Ausübung von Klassenherrschaft mitwirken. Sie bilden aber keine Fraktion des Kleinbürgertums.

Das notwendige Volksbündnis
Laut Poulantzas – hier in Übereinstimmung mit den eurokommunistischen Debatten der damaligen Zeit – müsste die Linke aus diesen Klassen (bei ihm: aus der Arbeiterklasse und den von ihm bestimmten beiden Fraktionen des Kleinbürgertums) ein Bündnis schmieden. In Anlehnung an Lenin nannte er dieses Klassenbündnis «das Volk». Innerhalb dieses Volksbündnisses müsste die Arbeiterklasse die führende Kraft werden. Diese Überlegungen sind auch 40 Jahre später noch wichtig, weil die Gruppen von Lohnabhängigen, die nicht zur Arbeiterklasse gehören, an Gewicht gewonnen haben.

Zwei falsche klassenpolitische Linien
Innerhalb der Linken kursieren heute zwei m.?E. problematische Vorstellungen. Die erste zählt zur Arbeiterklasse alle Menschen, die lohnabhängig sind, also ihre Arbeitskraft verkaufen müssen. Im Nachhinein werden dann Gruppen herausgerechnet, die der eigenen sozialistischen Perspektive nicht ganz passen: z.?B. ManagerInnen, höhere Staatsfunktionäre oder Polizisten. Das ist aber keine Analyse mehr, sondern grenzt an Beliebigkeit. Wichtiger: Mit dieser «breiten» Bestimmung einer «Lohnabhängigenklasse» wird gerade das verwischt, was erfolgsversprechende sozialistische Politik braucht: die klare Bestimmung von Widersprüchen und Konfliktpotenzialen innerhalb des Volkes.
Die zweite falsche Vorstellung besteht in einer Art «Arbeitertümelei», die bisher theoretisch kaum ausformuliert wurde, die sich aber insbesondere bei AnhängerInnen der gescheiterten Initiative «Aufstehen» fand. Abgewertet wurden darin sowohl neue Fraktionen der Arbeiterklasse, die nicht dem Blaumannbild des Produktionsarbeiters entsprachen, als auch qualifizierte Angehörige der lohnabhängigen Mittelkasse.
Beide Vorstellungen sind problematisch, beide verhindern eine angemessene klassenpolitische Bündnispolitik, in der die ArbeiterInnen führend sein sollten.

Fortsetzung folgt

Nur Online November 2018 Arbeitskämpfe,Arbeitswelt,Gesellschaft, | 

Die ArbeiterInnenklasse – ein zerbröseltes Subjekt?

Die Bedeutung der objektiven Interessenlage
von Jakob Schäfer

Seit einigen Jahren wird wieder vermehrt über die ArbeiterInnenklasse diskutiert. Nicht wirklich hilfreich allerdings sind dabei Betrachtungsweisen nach folgendem Muster: Von einer ArbeiterInnenklasse kann nur gesprochen werden, wenn sich die ArbeiterInnen als Klasse verstehen und sich im Kampf gegen das Kapital stellen. weiterlesen

Nur Online Oktober 2018 Arbeitswelt, | 

Das Ende der Arbeiterbewegung, wie wir sie kannten

Schwerpunkt: Klassenanalyse
von Lidia Cirillo*

Seit der Finanzkrise ist die «soziale Frage» wieder stärker in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit von linken Aktivistinnen und Wissenschaftlern gerückt, und mit ihr die Frage: Wer ist heute eigentlich noch Arbeiterklasse? Nach den Umbrüchen, die der massiven Internationalisierung des Kapitals, landläufig Globalisierung genannt, und der Einführung von Hartz IV geschuldet sind, ist es alles andere als leicht, die Frage zu beantworten. weiterlesen

Nur Online Oktober 2018 Arbeitswelt,Gesellschaft,Startseite, | 

Auf der Suche nach der Arbeiterklasse

Ein bisschen Empirie schadet nie
von Angela Klein

Auf der Suche nach der Arbeiterklasse muss Jörg Miehe tief graben. Denn es ist nicht nur so, dass die Beschäftigtenzahlen in der Grundstoffproduktion und dem verarbeitenden Gewerbe mit Ausnahme der Kfz-Produktion (und einiger stagnierender Bereiche wie der Mess- und Steuertechnik sowie der Energieversorgung) samt und sonders rückläufig sind. Es ist auch so, dass unter den Arbeitnehmern, die bei den einzelnen Wirtschaftszweigen aufgeführt sind, der Anteil der Arbeiter gegenüber dem der Angestellten rückläufig ist. Es boomen stattdessen Datenverarbeitung und Dienstleistungen ­«aller Art» für Unternehmen (häufig sind das Bereiche, die zuvor aus den Unternehmen ausgelagert wurden), Handel und Gastgewerbe sowie die Bereiche der Daseinsvorsorge Erziehung/Unterricht und Gesundheit. weiterlesen

Nur Online Oktober 2018 Arbeitswelt,Gesellschaft, | 

Klassenkampf findet alltäglich statt

Ist die Arbeiterklasse noch ein politisch relevantes Handlungssubjekt?
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Vorbei sind die Zeiten, als selbst in linken Diskussionen problematisiert wurde, ob es eine Arbeiterklasse überhaupt noch gibt. Die große Krise hat zumindest in dieser Hinsicht für Klarheit gesorgt: Selbst im Parteiprogramm der LINKEN wird von der Arbeiterklasse gesprochen. weiterlesen

Nur Online Oktober 2018 Arbeitswelt,Film,Gesellschaft,Zur Person, | 

«Wenn wir den Klassenkampf nicht verstehen, verstehen wir gar nichts»

Über die Bedeutung von Klassenbewusstsein
Gespräch mit Ken Loach

Der britische Filmregisseur Ken Loach ist einer der angesehensten Filmemacher unserer Zeit. Er ist ein sehr engagierter Künstler und einer der wenigen Regisseure, die zweimal die prestigeträchtige Goldene Palme von Cannes erhalten haben. In seinem Werk greift er oft soziale oder politische Themen auf. weiterlesen