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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online November 2017 Buch, | 

Domenico Losurdo: Wenn die Linke fehlt… Gesellschaft des Spektakels, Krise, Krieg.

Köln: PapyRossa, 2017. 356 S., 19,90 €
von Anton Holberg

«Das Schild der Humanität ist die beste, sicherste Decke der niederträchtigsten öffentlichen Gaunerei.» Dieser Satz des Schriftstellers Johann Gottfried Seume (1763–1810) könnte zusammen mit «Doppelte Moral – möchte man hinzufügen – war schon immer etwas weniger als gar keine Moral» (Jörg Fauser im Nachwort zu Mickey Spillanes Roman Gangster) als Motto für das im Oktober auf Deutsch erschienene Buch des emeritierten italienischen marxistischen Philosophieprofessors Domenico Losurdo dienen. Losurdo wiederum zitiert in gleichem Sinn Nietzsche: «Und niemand lügt soviel als der Entrüstete.»

In acht Kapiteln legt Losurdo im Sinne der Eingangszitate die Verlogenheit nicht der Menschenrechte, sondern des imperialistischen Menschenrechtsdiskurses dar. Gleichzeitig thematisiert er dessen trotzdem gegebene Macht. Diese ist nicht nur Ergebnis der wachsenden Monopolisierung und technischen Entwicklung der Medien, sondern auch des Zerfalls der Linken, insbesondere seit der Kapitulation der Staaten, die von ihm ebenso wie von der Mehrheit der Menschen als «sozialistische» betrachtet wurden und werden.

Diese Macht verdeutlicht Losurdo insbesondere an der zersetzenden Wirkung auf verschiedene namhafte Ideologen der – realpolitisch inzwischen weitgehend abwesenden – Linken wie etwa dem Gespann Hardt/Negri oder Slavoj Žižek, um von philosophischen Hofnarren der herrschenden Bourgeoisie à la Sloterdijk oder Habermas oder gar einem Bernard-Henri Lévy erst gar nicht zu reden.

An Beispielen von Kuba über Vietnam bis hin zu Afghanistan, Jugoslawien, Irak, Libyen, Syrien und der Ukraine verweist er auf den dort nicht selten im – zumindest objektiven – Interesse militärischer Interventionen imperialistischer Staaten gepflegten Menschenrechtsdiskurs. Er tut das auf der Basis großbürgerlicher Quellen, d.h. solcher, denen kein eingebautes Interesse an einer Demaskierung der imperialistisches Kriegspropaganda zugeordnet werden kann. Was dort zu finden war, fand sich naturgemäß generell erst post festum, d.h. nachdem die Mainstreampropaganda bereits ihren Zweck erfüllt hatte.

Deren Verlogenheit bzw. mangelnder Wahrheitsgehalt nicht zuletzt in Form von Einseitigkeit hat sogar ausgewiesene Linke wie Rossana Rossanda von Il Manifesto oder die Generalsekretärin des italienischen Gewerkschaftsbundes CGIL, Susanna Camusso, dazu animiert, sich begeistert für die Bombardierung Libyens einzusetzen. Deren katastrophale Folgen für die Menschenrechte der Mehrheit der Libyer, ganz zu schweigen von den dortigen schwarzafrikanischen Migranten, waren allerdings absehbar und sind inzwischen offenkundig.

Eine besondere Rolle spielen hier im übrigen nicht wenige der internationalen NGOs, die oft nur formell von ihren Regierungen und deren «Diensten» unabhängig sind. All diese Kräfte haben – so Losurdo – gewissermaßen die Rolle der christlichen Missionare in der Zeit des direkten Kolonialismus für die Zeit der neokolonialen Interventionen übernommen.

 

Der Menschenrechtsimperialismus

Im Zentrum des Buches stehen zwei Staaten, die USA und die VR China. Jene, weil sie als militärisch stärkste imperialistische Macht nach dem Ende der direkten – politischen – Kolonialherrschaft die Hauptsäule des imperialistischen Systems sind, zu dem die übrigen imperialistischen Länder in einer Art Vasallenverhältnis stehen. Auf der anderen Seite steht die VR China, der man keineswegs die ihr vom Autor  zugeschriebenen «sozialistischen» Qualitäten andichten muss, um ihre Bedeutung als (zusammen mir Russland) primäre Gegenmacht zu den USA & Co. zu erkennen – wegen der Größe ihrer Bevölkerung, vor allem aber wegen ihrer wirtschaftlichen Entwicklung seit der Herrschaft Deng Xiaopings.

Darüber besteht bei den herrschenden Klassen diesseits und jenseits des Atlantik keinerlei Zweifel. Mehr als alle einschlägigen Erklärungen legt davon die militärische Konzentration der USA auf den pazifischen Raum Zeugnis ab. Die USA, in denen die Sklaverei noch legal war, als sie in ihrem früheren Mutterland bereits abgeschafft war, und in deren Südstaaten noch bis weit in die 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts nicht nur faktisch Rassentrennung und -unterdrückung herrschten, pflegen bis in die Gegenwart den quasireligiösen Anspruch, eine – nein: «die» – Nation mit einer ewigen globalen «Mission» zu sein.

War die menschheitsbeglückende Mission zwischenzeitlich, nämlich unter Präsident Franklin D. Roosevelt im Zweiten Weltkrieg, noch auf die Realisierung oder zumindest Propagierung der «Freiheit von Not» und der «Freiheit von Furcht» gerichtet, hat sie sich unterdessen wieder auf die alten liberalen Freiheiten des «Marktes», oder ungeschminkter: auf die Freiheit der Ausbeutung zurückentwickelt.

Entsprechend lehnten die Herolde des Neoliberalismus wie Ludwig von Mieses und Friedrich August von Hayek den Sozialstaat und die zugehörigen gewerkschaftlichen Rechte als der «Freiheit» grundsätzlich widersprechend ab. Ihre Position ist also im engeren Wortsinn «asozial». Dem dient unter dem Schlachtruf «Demokratie und Menschenrechte» erklärtermaßen auch die Unterstützung sorgfältig ausgewählter, mit dem Ehrentitel «Dissidenten» versehener Oppositioneller in Ländern, die dieser Art von reduzierter Freiheit Widerstand entgegensetzen.

In Kapitel VIII («Vergesellschaftetes Elend» oder Sozialstaat?) setzt Losurdo sich mit der Sichtweise des zweifellos marxistischsten der hier behandelten «Linken», David Harvey, auf die Entwicklung der VR China auseinander und betont dabei die reale Abhängigkeit der politischen Demokratie von der realen «Freiheit von Not» (materieller Armut) und «Freiheit von Furcht» (der Furcht vor militärischen und/oder wirtschaftlichen Angriffen von außen). Er macht überzeugend deutlich, dass der Menschenrechtsimperialismus tatsächlich alle Menschenrechte mit Ausnahme des Rechts auf Profitmaximierung verneint.

Losurdos Buch präsentiert eine unwahrscheinliche Fülle an Fakten zu den angesprochen Themen und stößt dabei auch in außerhalb der Fachwelt eher wenig bekannte, philosophiegeschichtliche Bereiche vor. Es ist unbedingt lesenswert – auch für jene, die als Linke sein relativ ungebrochenes Verhältnis zum «Realsozialismus» nicht teilen.