Das Gesicht der Diktatur Trump über Lateinamerika
von Tobias Lambert
Monatelang hat US-Präsident Donald Trump militärische Angriffe auf »Ziele an Land« in Venezuela angedroht. Die Bombardierungen in der Nacht auf den 3.Januar und die Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro kamen dennoch überraschend.
Ohne UN-Mandat und ohne Bewilligung des US-Kongresses griffen die USA mehrere militärische Einrichtungen und Flughäfen an, darunter den Militärstützpunkt Fuerte Tiuna und den Militärflughafen La Carlota in Caracas, sowie den Seehafen im nördlichen Küstenstaat La Guaira. Einem Spezialkommando gelang es, Maduro und seine Ehefrau Cilia Flores anscheinend im Schlaf zu überwältigen und mit Hubschraubern aus Caracas auszufliegen. Maduro und seine Frau Cilia Flores sind nun in New York inhaftiert, wo ihnen wegen »Drogenterrorismus« und anderer Vergehen der Prozess gemacht werden soll.
Mittlerweile zeichnet sich ab, wie es nach dem Willen von Donald Trump weitergehen soll. Von der Pressekonferenz, die der US-Präsident noch am Tag des Angriffs in Mar-a-Lago gab, bleiben vor allem zwei Dinge in Erinnerung: Erstens verkündete er, die USA würden Venezuela vorerst »selbst regieren« (»run the country«). Und zweitens sehe er die venezolanische Oppositionsführerin und frisch gebackene Friedensnobelpreisträgerin Maria Corina Machado nicht als künftige Präsidentin Venezuelas an. Sie sei »nett«, im Land fehle ihr aber die nötige »Unterstützung und der Respekt«.
Dass der US-Präsident anscheinend ohne Machado plant, die über Monate lautstark die militärische Drohkulisse in der Karibik unterstützt hat und sich selbst als Trump-Verbündete sieht, stellt die rechte Opposition Venezuelas vorerst ins Abseits. Stattdessen setzt er bis auf weiteres auf Maduros bisherige Vizepräsidentin Delcy Rodriguez, die mit Rückendeckung des Obersten Gerichts am 5.Januar auf unbestimmte Zeit als Übergangspräsidentin vereidigt wurde.
Inwieweit es interne Absprachen mit den USA gegeben hat, um Maduro zu stürzen, die bisherige Regierung jedoch an der Macht zu lassen, ist unklar. Doch hat Rodriguez vorerst die Rückendeckung der USA. Auch der innere chavistische Machtzirkel bleibt zunächst intakt.
Das Öl
»Wenn sie nicht das Richtige tut, wird sie einen hohen Preis bezahlen, wahrscheinlich einen höheren als Maduro«, drohte Trump kurz nach den US-Angriffen abermals mit Gewalt und erpresst die venezolanische Regierung somit offen. Gab sich Delcy Rodriguez zunächst kämpferisch und erklärte, Venezuela werde »niemals zur Kolonie von niemandem« werden, kündigte sie bereits vor ihrer Amtseinführung an, mit den USA über eine »Agenda der Zusammenarbeit« sprechen zu wollen. Einer weiteren Angriffswelle erteilte Trump anschließend vorerst eine Absage, die Zusammenarbeit mit der neuen Regierung laufe gut.
Die derzeitige Absprache läuft anscheinend darauf hinaus, der US-Regierung unbeschränkten Zugang zu den Rohstoffen zu gewähren, für politische Stabilität zu sorgen und dafür nach innen einen weiterhin antiimperialistischen Diskurs pflegen zu dürfen, der in offenem Widerspruch zur Unterordnung unter US-Interessen steht.
Demnach wird Venezuela den USA bis zu 50 Millionen Barrel Erdöl liefern, was derzeit fast zwei Monate Produktion bedeutet. Verwaltet werde das Geld von Trump persönlich und solle sowohl den USA als auch Venezuela zugute kommen. Venezuela werde von den Einnahmen ausschließlich US-amerikanische Produkte kaufen.
Nach dem Sturz Maduros scheint der Zugriff auf venezolanisches Erdöl Trumps zentrales Thema zu sein. Über nichts sprach er seitdem häufiger, während er Begriffe wie »Demokratie« und »Menschenrechte« kaum in den Mund nahm. Dabei bräuchten die USA das venezolanische Erdöl gar nicht. Trump geht es auch darum, über ein höheres Angebot die Erdölpreise zu senken. Doch die umgehend ins Weiße Haus geladenen Erdölkonzerne zögern, unter den gegebenen Bedingungen in Venezuelas zu investieren.
Darüber hinaus verfolgt die US-Regierung laut der Anfang Dezember veröffentlichten Nationalen Sicherheitsstrategie das übergeordnete Ziel, ihre Dominanz in Lateinamerika wieder herzustellen und andere Mächte wie China, Russland oder den Iran aus der Region herauszudrängen. Auch den Zugriff auf Rohstoffe will man dadurch sicherstellen.
Der Hinterhof
Die US-Angriffe folgten auf eine beispiellose Eskalation in den letzten Monaten. Seit August schickten die USA unter dem Deckmantel der Drogenbekämpfung tausende Soldaten in die südliche Karibik. Die erhoffte Absetzung Maduros durch das venezolanische Militär blieb jedoch einmal mehr aus. Unter Missachtung des Völkerrechts versenkten US-Streitkräfte bislang mehr als 30 angebliche »Drogenboote« in der Karibik und dem östlichen Pazifik und töteten über hundert Personen. Dabei ist Venezuela lediglich ein vergleichsweise untergeordnetes Transitland für Kokain aus Kolumbien.
Dass der angebliche »Kampf gegen die Drogen« hingegen von Beginn an nur vorgeschoben war, zeigt ein nicht ganz unbedeutendes Detail im Vorfeld des Prozesses gegen Maduro. Das US-Justizministerium ließ kurzerhand den Anklagepunkt fallen, wonach Maduro der Kopf eines sog. Sonnenkartells sei, das Drogen in die USA schmuggele. Zur Begründung heißt es, bei dem vermeintlichen Kartell handele es sich gar nicht um eine bestehende Organisation, sondern lediglich um ein informelles Netzwerk. Expert:innen hatten auf diesen Umstand, den die US-Regierung seit August 2025 immerhin maßgeblich als Begründung dafür anführte, die Karibik zu militarisieren, seit Monaten hingewiesen.
Gemäß der alten Monroe-Doktrin wollen die USA die gesamte Region in die klassische Hinterhofrolle zurückdrängen. Im Jahr 1823 erklärte der damalige US-Präsident James Monroe vor dem Kongress, die europäischen Mächte sollten sich nicht in die Angelegenheiten der neu entstehenden Staaten Lateinamerikas einmischen. Im Laufe der Jahre entwickelte sich daraus die entsprechende Doktrin als zentraler Pfeiler der US-Außenpolitik, um die Region zu kontrollieren und unliebsame Regierungen abzusetzen.
Seit dem Ende des Kalten Krieges schien die offene militärische Einmischung in Lateinamerika an Relevanz zu verlieren. In der Sicherheitsstrategie wird die neue Ausrichtung als »Trump-Zusatz« zur Monroe-Doktrin bezeichnet.
Es geht Trump auch darum, jegliche Ansätze souveräner lateinamerikanischer Politik zu unterbinden und seine Interessen über lokale Verbündete wie die Präsidenten Nayib Bukele in El Salvador oder Javier Milei in Argentinien durchzusetzen. Dafür setzt Trump auf eine Mischung aus Drohungen und Anreizen und mischt sich über Kredit- und Unterstützungszusagen aktiv in Wahlkämpfe ein. Nach der kürzlichen Abwahl der linken Regierungen in Bolivien, Honduras und Chile stehen in diesem Jahr u.a. in Kolumbien und Brasilien Präsidentschaftswahlen an.
Dass es gegenüber den übrigen linksregierten Ländern nur bei Drohungen bleibt, ist nicht ausgemacht. US-Außenminister Marco Rubio, der aus einer exilkubanischen Familie stammt, strebt als eines seiner Hauptziele auch in Kuba einen Regierungswechsel an. Die sozialistische Inselrepublik sieht er durch den Wegfall von Erdöllieferungen aus Venezuela nachhaltig geschwächt.
Reaktionen
Der politisch gespaltene Kontinent antwortet wie erwartet nicht einheitlich auf die US-Aggression. Vor allem linksgerichtete Regierungen wie in Mexiko, Kolumbien und Brasilien verurteilten die Angriffe. Auch China und Russland äußerten sich ablehnend. Sie dürften sich durch das US-Vorgehen aber andererseits auch gegenüber ihrer eigenen selbst definierten Einflusssphäre, also Taiwan und den ehemaligen Sowjetrepubliken, gestärkt sehen.
Das linke Menschenrechtskollektiv Surgentes aus Venezuela bezeichnete den US-Angriff in einem Kommuniqué als »kolonialen Akt«. »Weder die USA noch die De-facto-Regierung noch die proimperialistische Opposition vertreten die Interessen oder Rechte der venezolanischen Bevölkerung«, erklärt die Organisation und schlägt vor, unter Mitwirkung aller politischen und sozialen Kräfte ein breites Abkommen zu schließen, um Demokratie, nationale Souveränität und Menschenrechte wiederherzustellen. Anschließend müssten Neuwahlen stattfinden, an denen alle politischen Kräfte mit politischen Garantien teilnehmen dürften.
Wenn die Regierung Rodríguez, ihr Umfeld und das Militär alle US-Forderungen erfüllen, könnte die Regierung bald schon mit Protesten konfrontiert sein. Auch dürfte sie dann den Rest der in den letzten Jahren ohnehin geschrumpften chavistischen Basis verlieren, die trotz aller Probleme bislang nicht mit der Regierung gebrochen hat. Sie muss also den schier unmöglichen Spagat wagen, sowohl die US-Regierung als auch ihre eigenen Leute sowie die venezolanische Bevölkerung zufrieden zu stellen.
Das dürfte auf Dauer schwierig werden, zunächst hat die venezolanische Regierung aber wohl Zeit gewonnen. Neben den wirtschaftlichen Konzessionen an die USA ließen die Behörden eine Reihe politischer Gefangener frei. Großproteste sind nach dem US-Angriff bislang ausgeblieben, in der Hauptstadt Caracas herrschte in der Woche nach den Angriffen eine angespannte Ruhe. Die Menschen warteten vor allem ab und deckten sich nach Möglichkeit mit dem Nötigen ein.
Je nachdem wie es weitergeht, kann das politische Spektrum links der Regierung, das unter Maduro teils offen angefeindet und kriminalisiert wurde, durchaus in Bewegung kommen. Ebensogut möglich ist jedoch, dass es zu Rissen innerhalb des Regierungsapparats oder des Militärs kommt, und Venezuela chaotischen Zeiten entgegenblickt.
Tobias Lambert ist freier Autor, Übersetzer sowie Redakteur der Zeitschriften Südlink und Lateinamerika Nachrichten.
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