zusammengestellt von Norbert Kollenda
Diese Ausgabe blickt auf die angespannte Lage im polnischen Gesundheitswesen, die Krystyna Ptok klar benennt. Ein Schülervertreter schildert die Irrwege und ständigen Richtungswechsel im Bildungssystem. Im politischen Bereich stehen die wachsenden Spannungen zwischen Premierminister Tusk und Präsident Nawrocki im Mittelpunkt – sichtbar auch am polnischen Unabhängigkeitstag am 11. November, den Teile der Rechten zunehmend als Kampftag instrumentalisieren, mit Nawrocki an der Spitze. Thematisiert werden zudem neue Untersuchungen zu den polnisch-deutschen Beziehungen, einschließlich der von der PiS geschürten Angst, Wroclaw könne „germanisiert“ werden. Ein Rückblick erinnert an den historischen Brief der polnischen Bischöfe an die deutschen Bischöfe vom 18. November 1965 („Wir verzeihen und bitten um Verzeihung“) und an die aktuelle Diskussion darüber. Abschließend geht es um die Ernennung von Grzegorz Rys zum neuen Erzbischof von Krakau. (Norbert Kollenda)
Gewerkschaften brechen Gesundheitsverhandlungen ab
OKO.press, 24. November 2025
Krystyna Ptok, Vorsitzende der Gesamtpolnischen Gewerkschaft der Krankenschwestern und Hebammen (OPZZPiP), erklärt, warum die Gewerkschaft die Sitzung der „Dreiseitigen Gruppe für den Gesundheitsschutz“ verlassen hat.
Dieses Gremium aus Gewerkschaften, Arbeitgebern und Regierungsvertretern tagte am 18. November, um über die finanzielle Lage des Gesundheitswesens sowie über ein Gesetz zum Mindestlohn für Beschäftigte zu beraten. Erwartet wurde unter anderem, dass das Finanzministerium die Situation des Nationalen Gesundheitsfonds (NFZ) erläutert. Doch niemand aus dem Ministerium erschien.
Ptok schildert, wie die aktuelle Krise ihren Anfang nahm:
Im Frühjahr 2025 waren sich alle Vertreter der Dreiergruppe einig, dass gegen die überhöhten Einkommen einzelner Ärzte vorgegangen werden müsse. Beschwerden über ‚Rekord-Ärzte‘ mit extrem hohen Verdiensten hatten das NFZ erreicht, später machten sie öffentlich Schlagzeilen und lösten verständliche Empörung aus.
Im Juli fanden drei Treffen statt, an denen auch der stellvertretende Gesundheitsminister teilnahm. Zu Beginn stellte er einen Sieben-Punkte-Plan vor, der die Höchstverdienste begrenzen sollte. Bereits beim zweiten Treffen war davon nur ein Teil übrig, beim dritten lediglich noch kosmetische Korrekturen. Danach wurde die Arbeit unterbrochen.
Es sei daran erinnert, dass unsere Gewerkschaft das Gesetz zur Regulierung der Arzteinkommen abgelehnt hatte. Bereits im Mai 2023 habe ich im Namen der zum Gewerkschaftsforum (FZZ)* gehörenden OPZZPiP ein Bürgerprojekt im Parlament eingereicht – ohne Reaktion der Regierung oder einer Parlamentskommission.
Nach der Ernennung der neuen Gesundheitsministerin Sobieranska-Grenda traf sich die Dreiergruppe am 27. Oktober erneut. Die Ministerin stellte ihre Vorschläge vor, doch die Teilnehmer:innen hatten sie – anders als vereinbart – vorher nicht schriftlich erhalten.
Erst nach der Sitzung stelle sich heraus, dass die Vorschläge der Gewerkschaft vollständig ignoriert worden waren. Die Debatte sollte ausschließlich auf Basis der ministeriellen Vorschläge stattfinden.
Schon seit Jahren krankt das Gesundheitssystem und Reformen sind nicht in Sicht. Ärzte mit enormen Einkommen, private Kliniken, die lukrative Eingriffe durchführen und Komplikationen an staatliche Einrichtungen „zurückreichen“, Patient:innen, die oft nur privat einen Facharzt finden, und Ärzte, die aus „Gewissensgründen“ Abtreibungen verweigern, aber gleichzeitig ihre Privatpraxen empfehlen.
So langsam scheint es in meinen Beruf wieder mehr Absolventen zu geben, aber bis die Lücken gefüllt sind, ist es noch ein weiter Weg – zumal viele Kolleginnen bald in Rente gehen werden. Während in der EU auf 1.000 Einwohner 8,2 Pflegekräfte kommen, sind es in Polen 5,7, in manchen Regionen sogar nur 5 Pflegekräfte.
Wir haben inzwischen eine neue Ministerin. Sie hat auf regionaler Ebene die Lage der Kliniken konsolidiert. Nun bleibt abzuwarten, wie es auf nationaler Ebene aussehen wird – hier gibt es deutlich mehr Player.
Der Präsident hat sich bereits mit Ärztevertretern getroffen. Tusk hat das bislang nicht getan. Am 5. Dezember soll im Präsidentenpalast ein Gesundheitsgipfel stattfinden. Und am 2. Dezember gibt es das nächste Treffen der Dreiergruppe.
Wenn wir ernst genommen werden sollen, müssen wir die Unterlagen spätestens sieben Tage vorher erhalten. Nur so zeigt die andere Seite, dass sie die Sache wirklich ernst meint.
Ich hoffe, dass die Materialien auf hohem Niveau sein werden – Vorschläge, die auf ökonomischen und sozialen Analysen beruhen und deren Ergebnisse in kurz- und langfristigen Zielen sichtbar sind. Das ist wohl nicht zu viel verlangt.
*Das Gewerkschaftsforum FZZ ist eine der drei großen Dachgewerkschaften des Landes. Daneben existieren die zur PiS neigende Solidarnosc sowie der traditionell linke OPZZ, gegründet 1984.
Kommentar von Norbert Kollenda:
2007 hatte Premier Jaroslaw Kaczynski ein Treffen mit Vertreter:innen des Gesundheitswesens zugesagt – und ließ sie dennoch warten. Die Kolleginnen und der Kollege der Gewerkschaft der Krankenschwestern und Hebammen verließen den Raum nicht. Sie blieben sieben Tage lang dort. „Du kannst dir nicht vorstellen, wie das war – wie wir uns fühlten, vor allem wir Frauen. Wir waren ja nicht im Jogginganzug zum Treffen mit dem Premier gekommen“, erzählte mir die damalige Vorsitzende Dorota Gardias beim Sozialforum in Cottbus.
Aus diesem außergewöhnlichen Protest entstand später der Film „Weißes Städtchen“: https://www.labournet.tv/de/videos/weisses-staedtchen
Ich hatte das Glück, diese engagierten Frauen kennenzulernen. Mit ihrer Nachfolgerin Iwona nahmen wir Kontakt zu Verdi auf. Trotz zugesagtem Termin erschienen jedoch nur zwei junge Mitarbeiterinnen, die sich Notizen machten. Auch andere Versuche von Iwona und Krystyna, in der EU Kontakte zu knüpfen und gemeinsame Aktionen zu organisieren, verliefen im Sande.
„Die Bildungspolitik ist peinlich und unpädagogisch“
Polityka, 24. November 2025
In der Schule sollte es keine Politik geben – aber sie ist da. Am deutlichsten sieht man das am Beispiel des Fachs Gesundheitserziehung. Ich komme immer wieder darauf zurück, weil ich nicht verstehe, wie dieses Fach so vernachlässigt werden konnte.
So berichtet Pawel Mrozek, Abiturient und Gründer der Initiative „Aktion Schüler“.
Es ist mir peinlich daran zu denken, dass wir Schülerinnen und Schüler im September 2023 gegen den ‚Minister der schwarzen Magie‘ protestiert haben – und jetzt kehrt das Problem zurück, nur mit Barbara Nowacka in der Rolle, diesmal von der PO statt der PiS.
Wir haben keinen Grund, sie positiv zu bewerten. Als im Januar entschieden wurde, dass Gesundheitserziehung freiwillig ist, waren wir frustriert. Es ist ein wichtiges Unterrichtsfach. Und wieder wurden wir nicht gefragt. Das Ganze wurde zu einem Politikum.
Er verweist auf die Teilnehmerzahlen:
In den Grundschulen nehmen nur 40 Prozent teil, in den Gymnasien 10 Prozent und in den technischen Gymnasien 8 Prozent. Das ist deutlich weniger als zuvor beim Fach ‚Erziehung zum Familienleben‘.
Ein weiteres Beispiel sei das Thema Hausaufgaben. Im April 2024 legte das Ministerium fest, dass Grundschulkinder keine verpflichtenden Hausaufgaben mehr bekommen sollen.
Nun heißt es, die Lehrer seien der Meinung, die Kinder seien erholter und die Ergebnisse der Achtklässler seien nicht schlechter. Aber dann erschien fast heimlich der vollständige Bericht des Instituts.
Darin sagen 90 Prozent der Lehrer an öffentlichen Schulen, dass Kinder ohne Hausaufgaben Schwierigkeiten haben, das Gelernte zu behalten, und 80 Prozent meinen, die Schüler hätten ihr Verantwortungsbewusstsein für ihre eigene Bildung verloren.
Die vorherige gekürzte Darstellung durch das Ministerium widerspricht dem Ziel, Kinder gegen Desinformation zu stärken.
Generell habe sich die Lage an den Schulen dennoch beruhigt, berichtet der Schülervertreter. Es gibt keine Ankläger mehr in den Schulverwaltungen, die Lehrer oder Schüler wegen Nichtigkeiten vorladen, nur weil irgendjemand fand, sie seien nicht „rechtgläubig“ genug.
Das geht auf auf die Zeit unter Ex-Bildungsminister Przemyslaw Czarnek zurück, der jahrelang gegen offene, liberale Bewegungen agitierte. Er rechtfertigte etwa das „pädagogische Schlagen“ von Kindern als verfassungskonform – nur eines von vielen Beispielen seiner extremen Positionen.
Zwei Solisten dominieren die Politik
Polityka, 26. November 2025
Der Konflikt zwischen Donald Tusk und Präsident Andrzej Nawrocki dominiert die polnische Politik und lässt kaum Raum für andere Themen. Der Tiefpunkt für Tusk war die Niederlage seines Favoriten Rafal Trzaskowski – ein Moment, in dem der Premier verloren wirkte, unfähig, klare Entscheidungen zu treffen.
Seine Unsicherheit war bei jedem Schritt sichtbar, und seine dominante Stellung im demokratischen Lager schien gefährdet. Für kurze Zeit sah es sogar so aus, als könne Außenminister Radoslaw Sikorski das Amt des Premiers übernehmen.
Doch Sikorski verfolgt andere Ziele. Am Ende liefen die abgesprochenen personellen Wechsel wie vereinbart – niemand grätschte Tusk hinein.
Holownia und seine Polska 2050 steuern dagegen Richtung Bedeutungslosigkeit. Die Koalition des 15. Oktober hat sich wieder stabilisiert – nicht zuletzt, weil die Rechte wächst: der neue Präsident, die erstarkende Konfederacja und die steigenden Umfragewerte des äußersten Rechten Grzegorz Braun.
Nawrocki jedoch hat – wie seine Vorgänger – übersehen, wie eng seine verfassungsmäßigen Spielräume sind. Dazu kommt seine politische Unerfahrenheit. In Polen spricht man davon, er habe auf einen „Blitzkrieg“ gesetzt: die Regierung so lange blockieren, bis sie fällt und Neuwahlen ausgerufen werden.
Doch er traf auf den politisch erfahrenen Tusk. Nawrocki wollte die Regierung zwingen, seine Wahlgeschenke zu übernehmen, und legte mehrfach Veto ein – unter anderem gegen Richterernennungen. [Selbst die Ausweisung eines neuen Nationalparks im unteren Odertal blockierte er. Die Regierung arbeitet inzwischen an Gegenstrategien. Anm. von Norbert Kollenda]
An der Staatsspitze stehen sich somit zwei Gegenspieler gegenüber: Tusk, gestützt auf jahrzehntelange Erfahrung und internationale Netzwerke, und Nawrocki, ein Bewunderer Donald Trumps und lautstarker EU-Gegner.
Tusk stärkt Nawrockis Position indirekt, indem er Kaczynski zunehmend in die Ecke drängt. Doch für viele verkörpert Nawrocki die Antithese zur alten politischen Klasse.
Ob er jedoch nur die Pose eines starken Mannes einnimmt – oder tatsächlich die Fähigkeit besitzt, Macht verantwortungsvoll und im Sinne des Landes auszuüben, wird sich erst noch zeigen.
11. November: Nationalfeiertag mit rechtem Dominanzanspruch
OKO.press, 11. November 2025
Jedes Jahr organisiert die extreme Rechte zum Unabhängigkeitstag den „Marsch der Unabhängigkeit“ in Warschau – diesmal unter dem Motto: „Eine Nation, ein starkes Polen!“.
Präsident Nawrocki kündigte bereits am Vortag an, wie in früheren Jahren teilzunehmen, nun aber „als Präsident der Republik Polen“. Er bezeichnete den Marsch als „schöne Tradition“, bei der „patriotische Kreise ihre Verbundenheit mit der weiß-roten Flagge“ zeigen.
Um die politische Kontrolle über den Marsch konkurrieren inzwischen Konfederacja und PiS. Zwar begannen rechte Gruppen bereits in den 1990er Jahren mit der Organisation solcher Märsche, doch erst ab 2010 erhielten sie politische Bedeutung.
Seitdem bestimmen Hassparolen gegen Fremde, LGBT-Personen und Andersdenkende das Bild; es kam regelmäßig zu Auseinandersetzungen mit Polizei und Gegendemonstranten.
Die PiS versuchte, Einfluss zu gewinnen, doch die radikale Rechte behielt die organisatorische Kontrolle und hielt den Marsch außerhalb des politischen Mainstreams.
In der Einladung zur 15. Ausgabe heißt es, Polen werde seit zwei Jahrzehnten von einem „fruchtlosen politischen Streit zwischen zwei Parteien, PiS und PO“ zerrissen – ein Streit, „der uns in den Abgrund führt“.
Nawrocki präsentiert sich zunehmend als Figur, die die wachsenden rechten Jugendmilieus – neben der Konfederacja – bündeln kann, insbesondere da die PiS an Unterstützung verliert. Er betont immer wieder:
Aus dem ganzen Land kommen polnische Patrioten in die Hauptstadt, um mit weiß-roten Fahnen die Unabhängigkeit zu feiern und ihre Einheit und Liebe zum Vaterland zu zeigen (…). Lasst uns wie jedes Jahr am 11. November in Warschau zusammenkommen.
Wie Polen und Deutsche zueinander stehen
Polityka, 26. November 2025
Das neue polnisch-deutsche Beziehungsbarometer zeigt ein historisches Tief: Die Sympathie der Polen für Deutsche ist so gering wie seit 25 Jahren nicht mehr.
Viele äußern Abneigung; 58 Prozent finden, Deutschland müsse höhere Entschädigungen für den Zweiten Weltkrieg zahlen. Reparationen erwarten 25 Prozent der Polen – aber nur 2 Prozent der Deutschen.
70 Prozent der Deutschen möchten die Beziehungen auf die Gegenwart und Zukunft ausrichten. In Polen teilen 48 Prozent diese Sicht, während 34 Prozent die Geschichte als Hauptproblem betrachten.
Die deutsche Europapolitik bewerteten 2005 noch 63 Prozent der Polen positiv, heute nur noch 35 Prozent. Zugleich meinen 32 Prozent, Deutschland sei innerhalb der EU eine Quelle von Spannungen.
In beiden Ländern verläuft eine klare politische Trennlinie: Wähler liberaler Parteien stehen Europa und dem Nachbarn positiv gegenüber, während Anhänger rechter und ultrarechter Bewegungen Deutschland feindlich sehen – ähnlich wie AfD-Anhänger gegenüber Polen.
Dr. Agnieszka Lada-Konefal vom Deutschen Polen-Institut betont, dass beide politischen Lager – wenn auch unterschiedlich stark – Verantwortung für den Vertrauensverlust tragen.
Neben der negativen Rhetorik der Rechten gebe es ein Fehlen konkreter Vorschläge auf deutscher Seite, ebenso wie eine Kooperationsverweigerung der polnischen Regierung.
Vor allem zur Lösung der historischen Entschädigungsfrage fehlten klare Konzepte – und damit die Grundlage für ein partnerschaftliches Verhältnis.
Dr. Jacek Kucharczyk vom Institut für Öffentliche Angelegenheiten unterstreicht, dass die internationale Lage gemeinsames Handeln erfordere. Diese Aufgabe müssten pro-europäische Regierungen beider Länder ernsthaft angehen.
PiS-Politiker fordert „Repolonisierung“ der Bürger von Wroclaw
OKO.press, 26. November 2025, 18:00 Uhr
„Die Repolonisierung eines Teils der Polen von Wroclaw wird eine der schwierigsten Aufgaben sein, die getan werden müssen!“, warnte der PiS-Abgeordnete und ehemalige Bildungsminister Przemyslaw Czarnek.
Seine weiteren Ausführungen – für einen Parlamentsabgeordneten unwürdig – richteten sich gegen einen Teil der Bevölkerung und gegen Mitglieder des Stadtrats.
Auslöser seiner Attacke war die Renovierung der Most Grunwaldzki („Grunwald-Brücke“), auf deren Metallbogen der ursprüngliche deutsche Name „Kaiserbrücke“ angebracht ist.
Die Brücke selbst bleibt weiterhin „Most Grunwaldzki“; eine Mehrheit des Stadtrats entschied jedoch, die historischen Inschriften und die Hohenzollern-Insignien im Zuge der Renovierung wieder in ihren Originalzustand zu versetzen.
Die Brücke wurde zwischen 1908 und 1910 errichtet. Nach dem Zweiten Weltkrieg bauten die neuen polnischen Bewohner die Stadt wieder auf – allerdings ohne die originalen Elemente dieser Brücke zu rekonstruieren.
Während in der Volksrepublik Polen alle deutschen Spuren in den sogenannten „wiedergewonnenen Gebieten“ systematisch entfernt wurden, zeigt sich heute ein völlig anderes Selbstverständnis: Die Bewohner Wroclaws wissen um die deutsche Vergangenheit ihrer Stadt, sind stolz auf ihre Heimat und interessieren sich für ihre Geschichte.
Lokale Politiker scheuen sich nicht, historische deutsche Inschriften wieder sichtbar zu machen – ein Ausdruck dieses gewachsenen Selbstbewusstseins.
60 Jahre nach dem Versöhnungsaufruf der polnischen Bischöfe an die Deutschen
Tygodnik Powszechny [liberal-katholische Wochenschrift], 12. November 2025
Am 18. November 1965 sandten die polnischen Bischöfe ihren berühmten Brief an die deutschen Bischöfe: „Wir vergeben und bitten um Vergebung.“ Dieser Satz steht bis heute auf dem Denkmal für Erzbischof Boleslaw Kominek in Wroclaw – dem Initiator des Schreibens.
Anlässlich des 50. Jahrestags sprachen Präsident Andrzej Duda und der damalige deutsche Bundespräsident Joachim Gauck von einem Ereignis, „das die deutsch-polnischen Beziehungen und die Geschichte Europas grundlegend verändert hat.“ [Zum 60. Jahrestag hingegen erschienen lediglich politische Vertreter der dritten Reihe. Anm. Norbert Kollenda]
Der Brief galt als exemplarischer Versuch, Brücken zwischen einstigen Feinden zu bauen. Die Polen hatten zwischen 1939 und 1945 die deutschen Verbrechen erlebt; viele Deutsche wiederum waren von der NS-Ideologie geprägt, die Polen als minderwertige Nation darstellte.
Kominek betonte damals, der Brief richte sich an beide Völker. Er war getragen von christlicher Radikalität und politischer Weitsicht – ein Appell, um eine erneute Katastrophe zu verhindern und sich sowohl gegen die destruktive Haltung westdeutscher Rechtskonservativer als auch der kommunistischen Machthaber in Polen zu stellen.
Doch der Brief traf 1965 auf Widerstände: Die kommunistische Regierung in Warschau reagierte gereizt, die deutschen Bischöfe distanziert. Viele von ihnen stammten aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten und fürchteten den Verlust ihrer Landsmannschaften.
Nach 1989 wurde der Appell in Forschung und Öffentlichkeit überwiegend positiv bewertet. In den letzten Jahren verschob sich jedoch die Deutung – getrieben durch rechtsnationale Narrative. Der PiS-Politiker Arkadiusz Mularczyk erklärte 2017:
Ich denke, wir Polen sind betrogen worden mit Phrasen wie deutsch-polnischer Versöhnung. Die Deutschen verweigern Wiedergutmachung und führen gegenüber Polen eine herabwürdigende Politik. Wollen wir uns mit einer fiktiven Versöhnung abspeisen oder für unsere Interessen eintreten?
Die polnische Rechte steht der Versöhnung skeptisch gegenüber, betont jedoch gleichzeitig ihre Bindung an die Kirche – und vermeidet es, den Appell offen anzugreifen, da er auch von späteren kirchlichen Ikonen wie Johannes Paul II. und Kardinal Stefan Wyszynski unterschrieben wurde.
Stattdessen nutzt die PiS das Thema politisch: Deutschland wird als Gegner dargestellt, oft mit der gleichen rhetorischen Schärfe wie Russlands Putin – ungeachtet der engen Partnerschaft in EU und NATO.
In Polen ist man sich bewusst, dass viele deutsche Täter nie zur Rechenschaft gezogen wurden und das Wissen über die Verbrechen an Polen in Deutschland bis heute lückenhaft ist. Auch politische Entscheidungen wie Nord Stream, das die östlichen EU-Partner umging, belasten das Vertrauen.
Dennoch: Die Versöhnung war kein Fehlschlag. Sie muss – gerade in einer Zeit wachsender gegenseitiger Vorbehalte – weiter vertieft werden.
„Die polnische Kirche ist gegenüber Deutschland nicht mehr christlich“
Polityka, 10. November 2025
Adam Krzeminski, Germanist und Publizist, der 1967 in Leipzig studierte, schreibt:
Die polnische Kirche ist für Deutschland nicht mehr christlich, denn die Grundhaltung unserer Bischöfe gegenüber Deutschland ist nicht mehr christlich.
Er erinnert daran, dass der Lubliner Erzbischof – Vorsitzender der deutsch-polnischen Kontaktgruppe – im Mai ein gemeinsames Gedenken zum 60. Jahrestag des Versöhnungsbriefes angekündigt hatte.
Doch bei der Wallfahrt der Radio-Maryja-Familie zitierte Bischof Mering einen alten Dichter:
Seit jeher wird ein Deutscher einem Polen kein Bruder sein.
Eine Aussage, die die tausendjährige gemeinsame Geschichte beider Nationen ignoriert.
Solche Spannungen haben in Polen eine besondere historische Prägung. Im 19. Jahrhundert existierte kein polnischer Staat; die katholische Kirche hielt das nationale Bewusstsein aufrecht und formte die enge Verbindung von „Pole sein heißt katholisch sein“.
Zugleich stieß der polnische Unabhängigkeitsdrang immer wieder auf kirchliche Zurückhaltung – etwa auf den Satz, der dem Papst zugeschrieben wurde: „Bebaut euer Land und betet, statt Aufstände zu planen.“
Auch Papst Pius XII. reagierte 1939 auf den Einmarsch deutscher und sowjetischer Truppen in Polen nur zögerlich. Nach 1945 drohte der Vatikan, Kommunisten aus der Kirche auszuschließen, während die polnischen Bischöfe nach Wegen suchten, innerhalb des Staates handlungsfähig zu bleiben.
Mit der Wahl Karol Wojtylas zu Papst Johannes Paul II. entstand eine Massenbewegung; der Katholizismus wurde ein zutiefst „päpstlicher“. Johannes Paul II. warb nachdrücklich für den EU-Beitritt Polens und beruhigte skeptische Bischöfe.
Gleichzeitig überschätzte er die religiöse Inbrunst seiner Landsleute. In einem Brief an den Herausgeber des Tygodnik Powszechny beklagte er, die Kirche sei nach 1989 einer Atmosphäre von Vorwürfen und Antiklerikalismus ausgesetzt – und finde nur wenig Unterstützung.
Der Tod Johannes Pauls II. und der Wahlsieg der PiS markierten eine Zäsur – sowohl im deutsch-polnischen Verhältnis als auch in der Haltung zur EU. Offene Kritik an dem verstorbenen Papst war unmöglich, doch langsam fror die PiS ihre Haltung gegenüber Deutschland ein und spielte die Vorteile der EU herunter. Erzbischof Muszynski warnte bereits 2017 vor einer tiefen Krise in den bilateralen Beziehungen und vor einer Selbstisolation Polens.
Trotz Appellen von Papst Franziskus und Versuchen einzelner Bischöfe weigerte sich die polnische Regierung 2015, 7.000 Geflüchtete aufzunehmen. Gleichzeitig trieb die PiS die Debatte über Kriegsreparationen voran – obwohl, wie Muszynski betonte, Polen 1953 offiziell verzichtet hatte und der Vertrag von 1991 das Thema nicht mehr vorsah.
Aus Teilen des Episkopats kamen irritierende Aussagen. Ein Journalist fragte öffentlich, ob Äußerungen wie „Der Deutsche wird nie dem Polen ein Bruder sein“ nicht eine neue Form des Heidentums im polnischen Episkopat seien.
Es gibt allerdings andere Stimmen: Der Erzbischof von Wroclaw, Józef Kupny, betont, er wolle die von seinem Vorgänger Boleslaw Kominek eingeleitete Versöhnung fortführen.
In Wroclaw wollen wir nicht sagen, dass der Deutsche nie ein Bruder des Polen sein wird. Wir wollen klar sagen: ‚Wir verzeihen und bitten um Verzeihung‘.
Doch das, so Krzeminski, sei gegenwärtig die Stimme einer Minderheit.
Grzegorz Rys wird neuer Erzbischof von Krakau
OKO.press, 26. November 2025
Der Vatikan gab am frühen Morgen bekannt, dass Kardinal Grzegorz Rys, bisher Erzbischof von Lódz, neuer Erzbischof von Krakau wird. Für viele Katholikinnen und Katholiken der Stadt ist dies eine erfreuliche Nachricht, denn seine beiden Vorgänger hatten das Ansehen der Diözese schwer belastet.
Erzbischof Marek Jedraszewski wird vor allem dafür in Erinnerung bleiben, dass er von der Kanzel aus Hassparolen und Verwünschungen gegen LGBT-Personen verbreitete. Die Schwarzen Proteste der Frauen bezeichnete er als „Manifestation des Todes der Zivilisation“, Ökologie sei für ihn „Ideologie“ – ebenso wie Gender.
Grzegorz Rys hingegen gilt als Symbol einer offenen Kirche. Er trat immer wieder gegen Ausgrenzung auf und kritisierte beispielsweise die Aussage eines Mitbischofs bei der Familienwallfahrt von Radio Maryja, wonach „die Deutschen nie Freunde und Brüder der Polen sein könnten“.
Rys nahm auch am Treffen der polnischen und deutschen Bischöfe in Wroclaw teil, das an den 60. Jahrestag des berühmten Versöhnungsbriefes von 1965 erinnerte.
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