Verantwortungslos, dumm, folgenschwer
von Paul Michel
Jetzt schon wissen wir: 2025 wird wohl das zweit- oder drittheißeste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen. Es war ein Jahr, in dem ein Extremwetter das nächste jagte: Starkregen, Stürme, Hitze, Trockenheit und Orkane: 45,4 °C in Katalonien, über 50 °C im Death Valley (USA) und im Norden Chinas.
Kein Zweifel, diese Ereignisse sind Folge des Klimawandels. »Die Beschleunigung der globalen Erwärmung ist derart schnell, dass wir aus der Klimakurve fliegen«, sagte Frank Böttcher, Vorsitzender der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft. »Wir müssten dringend auf die Bremse treten, doch emittieren wir weiterhin viel zu viel CO2.«
Doch statt den Brand einzudämmen, schütten Bundesregierung, Autoindustrie und EU-Kommission noch Öl ins Feuer. Seit Monaten schimpfen wichtige Teile der Autoindustrie und des politischen Establishments, die EU-Regelung zum Verbrenner-Aus sei für die aktuellen Probleme der Autoindustrie verantwortlich. Das Versagen der Autokonzerne ist natürlich kein Thema. Dabei ist die Weigerung, vom überholten Verbrennerantrieb abzurücken, entscheidend verantwortlich für den aktuellen technologischen Rückstand der Automobilindustrie im Land des feinstigen Exportweltmeisters.
Am 16.Dezember erreichte die konservative deutsche »Viererbande« (Söder, Merz, Manfred Weber, von der Leyen) ihr Ziel – gegen den Widerstand aus Spanien, aber auch aus Frankreich und den nordischen Ländern: Die Europäische Kommission will auch nach 2035 Autos neu zulassen, bei denen klimaschädliches Kohlendioxid aus dem Auspuff kommt.
Der Verweis auf die angeblich segensreiche Wirkung von Plug-in-Hybriden ist schlicht Unsinn. Plug-in-Hybride, die auch elektrisch fahren können, verbrennen in der Fahrpraxis vor allem eines: Benzin. Die ebenfalls als Alternative gepriesenen synthetischen E-Fuels sind viel zu teuer und viel zu wenig vorhanden.
Das Gerede von den »hocheffizienten Verbrennern« ist eine peinliche Worthülse. Bezeichnenderweise konnte der Regierungssprecher konnte auch auf mehrfache Nachfrage das Rätsel nicht auflösen: »Ein hocheffizienter Verbrenner ist ein Verbrenner, der hocheffizient ist.« Loriot in der Bundespressekonferenz.
Leben in einer Drei-Grad-Welt
Schon in den letzten Jahren war die Autoindustrie mit ihren kaum geminderten CO2-Ausstößen maßgeblich dafür verantwortlich, dass Deutschland selbst die Hürde der von der Regierung bescheiden angesetzten Klimaziele stets gerissen hat. Mit den jetzt in Brüssel beschlossenen Maßnahmen bekommt die Autoindustrie grünes Licht für die Fortsetzung ihres unverantwortlichen Treibens. Die globale Erwärmung wird sich noch mehr beschleunigen.
Wie aber würde unser Leben in einer Drei-Grad-Welt aussehen? Meteorologen und Wissenschaftler scheuen solch düstere Blicke in die Zukunft. Viele Forscher gehen allerdings davon aus, dass bei einer Erwärmung von drei Grad der komplette Westantarktische Eisschild verschwindet. Allein dadurch könnte der Meeresspiegel um fünf Meter steigen. Sämtliche Küstenstädte dieser Erde wären bedroht, auch die deutsche Küste, die Halligen wären verschwunden, das Wattenmeer auch.
In der Drei-Grad-Welt wird es Hitzewellen, wie sie derzeit nur alle 25 Jahre vorkommen, wohl alle zwei Jahre geben. Temperaturen von 50 Grad in Metropolen wie Neu-Delhi erscheinen dann auch in unseren Breitengraden möglich.
Wir werden dann wohl in einer Welt der sich ausbreitenden Wüsten leben müssen. Das wiederum bedeutet: weniger Anbauflächen für Getreide. Wird die Hitzetoleranz von Mais und Soja überschritten, könnten auch deren Ernteerträge deutlich einbrechen, Nahrungsmittel würden knapp.
Da durch die Erwärmung mehr Energie in die Atmosphäre kommt, würden Hochwasser, Starkregen und Fluten zunehmen. Sturmfluten würden heftiger ausfallen – auch in Deutschland.
Der Amazonasregenwald käme an seine Grenzen. Möglicherweise geht er in einer Drei-Grad-Welt durch Brände verloren und wird zur Steppe mit unabsehbaren Folgen für den Rest der Welt.
Die Tyrannei der Gewinnmarge
Wir dürfen davon ausgehen, dass das Führungspersonal in Politik und Autoindustrie über diese Gefahren im Bilde ist. Aber solche Fakten spielen bei den Entscheidungen der Manager keine Rolle. Die notwendigen Gegenmaßnahmen sind für sie nur Kostenfaktoren, die eine profitmindernde Wirkung haben. Im Kapitalismus ist bekanntermaßen die Rendite das Maß aller Dinge.
Management und Aktionäre haben nichts gegen Geschäfte, die zur Ausbreitung von Krankheiten beitragen, Wälder vernichten, Ökosysteme zerstören oder unser Wasser, unsere Luft und unseren Boden zu Jauchegruben und Müllhalden machen, solange sie eine gute Rendite abwerfen. Deshalb sprechen wir von der ökologischen Tyrannei der Gewinnmarge.
Im Dieselskandal hat die deutsche Autoindustrie ihre Skrupellosigkeit eindrucksvoll vorgeführt. Damals ging es um die Beherrschung der Weltautomärkte, wo die deutschen Autokonzerne vor allem im lukrativen Hochpreissegment riesige Gewinne abschöpften und sich dumm und dämlich verdienten. Heute ist die Lage anders. Die deutschen Konzerne sind längst nicht mehr die Champions auf den Weltmärkten. Ganz im Gegenteil, heute sind sie auf dem absteigenden Ast. Nicht zuletzt deshalb, weil ihre Arroganz sie blind machte gegenüber den Veränderungen in der Welt und auf den Automärkten.
Wider besseres Wissen leugnen sie die katastrophalen Auswirkungen des Geschäftsmodells »Verbrenner«. VW und Mercedes treten seit dem letzten Jahr bei ihren Programmen für den Umstieg auf das Elektroauto auf die Bremse. Dagegen verlängern sie den Lebenszyklus ihrer Verbrennermodelle. Als Grund dafür nennen sie, ihre bisherigen Elektroautos seien bei der Kundschaft weniger gut angekommen als erwartet.
Dabei war völlig klar, dass die schnell zusammengebastelten deutschen E-Autos, Luxuskarossen mit rückständiger Technologie und überhöhten Preisen, als Ladenhüter enden würden. Vor einigen Monaten fand sich selbst in der Bild-Zeitung ein Artikel mit der Überschrift: »Wer kann sich diese Autos eigentlich noch leisten?«
Kurs auf Absturz
VW will bis 2030 rund 55 Milliarden Euro, ein Drittel der gesamten Forschungs- und Entwicklungsausgaben, in seine Verbrennertechnologie investieren. Die partielle Rolle rückwärts ins fossile Zeitalter ignoriert, was mittlerweile in der Welt passiert: E-Autos erobern die Märkte, Benziner verlieren an Attraktivität.
Selbst die Unternehmerversteherin aus der Runde der »Wirtschaftsweisen«, Monika Schnitzer, warnt, das Festhalten an Benzin und Diesel werde den deutschen Autoherstellern allenfalls kurzfristig helfen. China und viele andere Länder wollen Deutschlands große Verbrenner nicht mehr. Die Autoindustrie klammert sich wider jegliche Vernunft an überholte Technologien und ein aus der Zeit gefallenes Geschäftsmodell. Statt den Rettungsring rechtzeitig aufzupusten, bläst sie die Backen auf.
Es bedarf keiner hellseherischen Gaben festzustellen, dass es für die deutschen Hersteller keine Rückkehr zur guten alten Zeit des Verbrennungsmotors geben wird. Vielmehr ist davon auszugehen, dass sich die Fehlorientierung schon in wenigen Jahren bitter rächen wird. Beim nächsten zu erwartenden großen Absturz wird es Jammern und Zähneknirschen geben.
Aber eines ist wohl auch sicher: Die hochbezahlten Automanager werden nicht die Leidtragenden sein. Die Zeche werden die Belegschaften in Form von Massenentlassungen und drastischen Lohnkürzungen zahlen. Und natürlich wir alle. Denn die Natur vergisst nicht, was ihr durch das CO2 aus den Verbrennermotoren angetan wird.
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