Ein Handbuch zur Erinnerung
von Peter Nowak
Die große Militarisierung. Die Bundeswehr von der Wiederbewaffnung bis zur Kriegstüchtigkeit. Hrsg. AK Militarismus. Köln: Papyrossa, 2025. 207 S., 16,90 Euro
Im November 2025 feierte die Bundeswehr ihr 70jähriges Jubiläum. Der Jahrestag sorgte in vielen bürgerlichen Medien für Aufmerksamkeit in einer Zeit, die von wachsender Kriegspropaganda geprägt ist. Das wird auch im Stadtbild deutlich, wo Plakate nicht zu übersehen sind, die vermeintliche Gründe für den Eintritt in die Bundeswehr aufzählen.
Gegen diese Herstellung von Kriegsfähigkeit erheben die 18 Autor:innen Einspruch, die das Bundeswehrjubiläum zum Anlass für ein Buch nahmen. Seine Lektüre lohnt gerade deshalb, weil es sich nicht um apologetische Literatur handelt, die ein Loblied auf die Bundeswehr singt. Nein, der Konsens unter den sehr unterschiedlichen Autor:innen wurde vom Herausgeber AK Militarismus so zusammengefasst:
»Nicht jeder Geburtstag ist ein Grund zum Feiern. Das gilt nicht für den Jahrestag im November 2025, der das 70jährige Bestehen der Bundeswehr markiert.« Die unterschiedlichen Texte liefern immer nur kurze Überblicke über die angerissenen Themen. Die angegebenen Quellen laden zum Weiterlesen ein.
Im ersten Aufsatz setzt sich Pablo Flock mit Logiken der Kriegslegitimierung auseinander, die von der Wiederbewaffnung über die Floskel der humanitären Intervention bis zur heutigen Kriegstüchtigkeit reicht. Martin Kirsch von der Tübinger Informationsstelle Militarisierung e.V.(IMI) geht auf die aktuellen Strukturreformen bei der Bundeswehr ein, die für Kriegsfähigkeit notwendig sind. Christopher Marischka, der seit vielen Jahren in der IMI aktiv ist, zeigt in seinem Aufsatz auf, wie Start Ups Teil der Kriegsfähigkeit geworden sind und welche Rolle die KI dabei spielt. »Mit dem neuen Spirit begeben sich BMVg und Bundeswehr in eine gesteigerte Abhängigkeit von Tech-Entrepreneuren und dem dahinterstehenden Kapital und machen uns alle zum Spielball einer kriegstüchtigen Sicherheitspolitik«, lautet sein ernüchterndes Fazit.
Gut sind die Beiträge, die darauf hinweisen, wie die Bundeswehr allmählich in die Kriegsfähigkeit geführt wurde.
Der Journalist Matthias Monroy geht auf die Diskussion über eigene Drohnen der Bundeswehr ein. Kurze Kapitel beschreiben die verschiedenen Einsatzorte der Bundeswehr seit den frühen 1990er Jahren:
Jakob Reimann erinnert an den Bundeswehreinsatz in Somalia, wo am 21.Januar 1991 erstmals ein Mensch von Bundeswehrsoldaten erschossen wurde. Es handelte sich um einen Somalier, der angeblich in das deutsche Militärlager eindringen wollte. Reimann beschreibt auch das rassistische Rauschen in angeblich liberalen Medien wie dem Spiegel.
Daniel Frede erinnert daran, dass die Bundeswehr 1997 in Albanien erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg wieder in einen Schusswechsel verwickelt war. Frank Brendle erinnert an die Kampfeinsätze der deutschen Luftwaffe gegen Ziele in Jugoslawien. Erstmals war die Bundeswehr wieder in einem Land im Einsatz, in dem vor 1945 auch die Wehrmacht wütete. Brendle benennt auch noch einmal die Lügen, mit denen der Krieg begründet wurde.
Emran Feroz beschreibt die chirurgischen Schläge der Bundeswehr am Hindukusch, wo der berüchtigte Oberst Klein im Jahr 2009 für den Tod von etwa 150 Menschen verantwortlich war, die aus einem gestrandeten Tanklaster Benzin abzapfen wollten. Klein, der den Angriff gegen den Rat der NATO-Verbündeten anordnete, wurde nicht etwa bestraft, sondern befördert.
Das ist die Vorgeschichte zur heutigen Kriegstüchtigkeit. Die Aufsätze zeigen, wie in Deutschland das Militärische bewußt enttabuisiert wurde – selbst das Massaker am Hindukusch führte nicht zu großer Empörung. In den 90er Jahren gab es noch große Proteste gegen den Einsatz deutscher Soldaten in Ländern, in denen ehemals Nazis und Wehrmacht wütete. 2009 gab es keine Massenproteste gegen das Massaker von Kunduz. Es waren nur kleine Gruppen, die sich für die Entschädigung der Angehörigen der Opfer einsetzten. Von größeren Protesten gegen Oberst Klein ist in Deutschland nichts bekannt.
Beispiele für Widerstand
Im letzten Kapitel wirft der AK Antimilitarismus einige Schlaglichter auf die antimilitaristischen Bewegungen in den letzten 70 Jahren. Er beginnt mit der Ohne-mich-Bewegung gegen den Wiederaufbau der Bundeswehr in den 50er Jahren, verweist kurz auf die Ostermärsche und die Kampagne gegen öffentliche Bundeswehrgelöbnisse in den 90er Jahren in Berlin und endet bei aktuellen Initiativen wie Rheinmetall Entwaffnen, die mit der Parole »Krieg beginnt hier« zu den zunehmenden Orten der Aufrüstung gehen.
Das Kapitel hätte man sich etwas ausführlicher gewünscht. Denn in der letzten Zeit gibt es zumindest einige positive Ansätze für antimilitaristische Proteste, an denen sich auch wieder mehr jüngere Menschen beteiligen. Für sie ist das Buch ein guter Einstieg und liefert Argumente für den Kampf gegen Militarismus und Kriegstüchtigkeit.
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