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Aufmacher 2 1. Januar 2026

›Die haben versucht, die Mobilisierung klein zu halten‹
Musa Haydo im Gespräch mit Golo Busche

Golo Busche, geb. 2008, ist Oberstufenschüler an einem Gymnasium in Kiel und aktiv bei der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ).
Musa Haydo sprach mit ihm über den bundesweiten Schulstreik gegen die Wehrpflicht am 5.Dezember 2025, an dem sich auch viele Schüler:innen seiner Schule beteiligten.

Warum bist du aktiv geworden?

Weil es mich selber betrifft. Ich bin 2008er Jahrgang. Ich habe Angst davor, dass das ein weiterer Schritt der Militarisierung ist. Das ist ein Kampf, der alle Jugendlichen betrifft. Vielleicht werden wir ihn nicht gewinnen, aber wir können ihn führen, um Menschen damit aufzuzeigen, was ihre eigentlichen Interessen sind. Wir, die SDAJ, saßen schon davor im »Nein-zur-Wehrpflicht«-Bündnis und haben Demos organisiert. Mit diesem Bündnis haben wir dann die Schulstreiks initiiert und so die Grundlage geschaffen, dass andere Schüler:innen mitmachen können.

Welche Rolle spielen die Streikkomitees?

Zu Beginn wurde viel von dem »Nein-zur-Wehrpflicht«-Bündnis geplant. Da sind auch Menschen mit mehr politischer Erfahrung dabei. Wir haben uns jede Woche getroffen und überlegt, was wir machen wollen.
Wir Schüler:innen wurden immer gefragt, ob wir eigene Ideen haben. Viele waren zum ersten Mal politisch aktiv. Mit der Zeit haben alle richtig engagiert mitgearbeitet. Einige mussten wir sogar bremsen: die hatten in einigen Ecken der Stadt fast alle kommerziellen Werbeanzeigen zuplakatiert. Unser Vorbild waren die Streiks von Fridays for Future (FfF).
Aber es gibt einen großen Unterschied: Deren Forderungen passten damals gut zur Staatspolitik. Sogar Kanzlerin Merkel hat sie gelobt, für so ein wichtiges Thema auf die Straße zu gehen. Das ist jetzt überhaupt nicht so. Deswegen ist die Repression auch deutlich stärker.

Wie seid ihr auf eure Mitschüler:innen zugegangen?

Wir haben vor den Schulen Infostände gemacht und Material verteilt. Wir hatten auch eine Umfrage: Bist du gegen oder für die Wehrpflicht? An meiner Schule haben über 200 Leute bei der Abstimmung mitgemacht. Das Ergebnis: 91 Prozent sind gegen die Wehrpflicht.
In anderen Schulen haben sie z.B. Banner von den Dächern gehängt. Schüler:innen sind durch die Klassen gegangen, haben den Unterricht gestört, dort geredet und haben dann auch Ärger von den Lehrern bekommen. Infoveranstaltungen an Schulen haben wir leider nicht geschafft. Leider haben sich bisher die Schülervertretungen an allen Schulen geweigert – mit der Behauptung, sie dürften nicht politisch sein.

Gab es in jeder Stadt ein eigenes Streikkomitee? Oder in jeder Schule? Wie wart ihr unter den Schulen miteinander vernetzt?

Bundesweit ist es so, dass jede Stadt ein Schulstreikkomitee gegründet hat, das sich jede Woche trifft. Dar­aus sind dann Gruppen an den Schulen entstanden, die von den Schü­ler:innen initiiert wurden. Die haben sich darüber informiert, was an den anderen Schulen läuft und was sie übernehmen können.

Du hast an deiner Schule Repressionen erfahren. Wie kam es dazu?

Wir haben heimlich Plakate an der Schule aufgehängt. Dafür haben wir einen Rucksack in der Schule versteckt. Wir sind dann regelmäßig los und guckten, ob die Plakate wieder abgehangen wurden und haben sie dann wieder aufgehängt.
Direkt bei der ersten Aktion wurde allerdings ein Mitschüler vom Hausmeister erwischt. Da hat die Schulleitung eine ziemliche Welle gemacht. Sie haben alle entfernt, sogar in der Gegend drumherum die Plakate von den Stromkästen gerissen. Die haben richtig versucht, die Mobilisierung klein zu halten.
Ich wurde zweimal von der Schulleitung aus dem Unterricht geholt. Die haben mir dann gesagt, dass das, was ich mache, verfassungsfeindlich, böse und antidemokratisch sei. Und dass ich aufpassen soll, dass ich von der SDAJ nicht zu sehr indoktriniert werde.
Sie sagten auch, dass der Hausmeister wegen mir Überstunden machen muss und dass die Toiletten kaputt sind, weil ich da angeblich überall Aufkleber angeklebt hätte. Mir standen drei Erwachsene gegenüber, die mir erzählt haben, dass das, was ich mache, falsch ist. Aber ich konnte gut dagegenhalten.

Wie seid ihr im Bündnis mit der Repression umgegangen?

Das war ein großes Thema in den Schulstreikkomitees. Wir haben dort darüber aufgeklärt, was Repression ist und was man dagegen tun kann. Und wir haben immer wieder aufgezeigt, wenn Schulleiter Faxen machen, dann sind wir ein Bündnis von über 500 Leuten, die dagegenhalten können. Wenn der Schulleiter euch das Leben zur Hölle machen möchte, dann machen wir halt sein Leben zur Hölle. Er kann uns keine Angst machen, weil wir mehr sind. Deswegen ist es wichtig, sich zu organisieren.

Wie ist das Bewusstsein über die eigene Betroffenheit unter den Schüler:innen?

Es ist viel dieser individuelle Gedanke, dass man nicht zur Wehrpflicht gezwungen werden möchte, und wenig aus dem größeren Aspekt, dass das mit Militarisierung einhergeht. Da herrscht wenig Klassenbewusstsein.
Für uns geht es darum, da anzusetzen und aufzuklären. Warum ist auch ein Zivildienst blöd? Warum ist die Wehrpflicht blöd? Und warum wird sie überhaupt wieder eingeführt?
Es geht auch darum, die Bedrohungslüge aufzudecken, dass Russland morgen in Deutschland steht. Warum wird uns das erzählt und was können wir dagegen tun?
Wir wollten den Schüler:innen auch näher bringen, dass Streik wichtig ist. Unser Vorbild war der 56-Tage-Streik, damit haben Metallarbeiter aus Kiel die allgemeine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall erkämpft. Streiken ist unser Mittel, um Sachen durchzusetzen und Druck zu machen.

Was muss sich ändern, damit wir friedensfähig werden?

Es geht darum, dass die Menschen verstehen, was dieser Staat ist und welche Interessen er vertritt. Und dass man aufhört, von dem Wir zu sprechen. Dieser Staat vertritt nicht dieselben Interessen wie man selbst. Man muss dieses »Wir« aus den Köpfen raus bekommen, diesen Nationalismus, der von Grüne bis AfD vertreten wird und teilweise auch bei der Partei Die Linke.

Zuletzt gab es weltweit große Jugendbewegungen, in Nepal, Marokko und vielen anderen Ländern. Von einer globalen Revolte der Gen Z war die Rede. Welches Potenzial hat die Bewegung gegen die Wehrpflicht?

In anderen Ländern haben ja sogar Regierungsgebäude gebrannt. Das wird hier nicht passieren, die Leute hier sind nicht so kämpferisch. Aber dass wir bundesweit aus dem Nichts mit 55.000 Menschen in Deutschland auf die Straße gegangen sind, macht schon Hoffnung.

Wie lief der Streik am Freitag für dich?

Ich habe die Demo hier moderiert. Das war das erste Mal für mich und ich war ziemlich aufgeregt. Anfangs waren wir enttäuscht, weil so wenige da waren. Dann kam eine weitere Demonstration hinzu, und am Ende standen wir in Kiel mit 1500 wütenden Leuten.
In Lübeck ist die Demo an einer Schule vorbeigelaufen und dann kamen da dreißig Schüler:innen rausgerannt und haben sich angeschlossen. In Bonn ist jemand aus dem Klassenzimmer geklettert, um an der Demo teilzunehmen. In Berlin standen 10.000 auf der Straße. Schon krass, wie viele Menschen man damit mobilisieren kann.

Wie geht es jetzt weiter?

Erstmal gibt es ein Streikkomiteetreffen, um den Streik und die Vorbereitung auszuwerten. Dann arbeiten wir darauf hin, an den Schulen Antikriegs-AGs zu gründen, damit die Schüler:innen an ihren eigenen Schulen dauerhaft aktiv werden können. Und wir arbeiten auf den nächsten Schulstreik am 5.März 2026 hin.
Wir wollen nicht wie FfF jede Woche streiken, weil das zu viel Kraft aus unserer Bewegung nimmt. Wir möchten jetzt erstmal die Schüler:innen, die aktiv geworden sind, weiter einbinden. Dann sind wir nächstes Jahr beim Streik noch viel mehr, die auf die Straße gehen.

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