Keynes: Staatsintervention gegen kapitalistische Krise
von Ingo Schmidt
Als Massenideologie aufstrebender Arbeiterbewegungen wurde der Marxismus am Ende des 19.Jahrhunderts zu einer realen Herausforderung kapitalistischer Produktionsverhältnisse. Die Mehrheit der bürgerlichen, oft als neoklassisch bezeichneten Ökonomen reagierte darauf mit dem Rückzug in eine Traumwelt. Dort konnten Individuen nach eigener Fasson kaufen und verkaufen und darüber unbehelligt von Klassenkampf, Krise und Krieg selig werden.
Praktizierenden Kapitalisten und bürgerlichen Politikern war damit wenig gedient. Ihr Bemühen, Krisen durch Eroberung neuer Märkte zu vermeiden, führte zum Krieg. Der Krieg führte zu Revolutionen oder wenigstens Revolutionsversuchen. In der Folge waren die kapitalistischen Produktionsverhältnisse und internationalen Beziehungen so zerrüttet, dass die nächste Krise zur Depression führte, statt durch das Aufbrauchen alter Lagerbestände, das Ausrangieren veralteter Maschinen und Senkung der Löhne angesichts der hohen Arbeitslosigkeit dem nächsten Aufschwung den Weg zu bereiten.
Die Nazis waren die ersten, die auf die Depression eine Antwort fanden. Ohne den Ballast liberaler Traditionen, insbesondere der ideologischen Verbundenheit mit dem Prinzip freier Märkte, bereiteten sie den nächsten Krieg vor. Auf Kredit finanzierte Arbeitsplätze in der Rüstungsindustrie warfen üppige Profite ab. Die Ausplünderung der zur Eroberung ausersehenen Länder sollte die staatlichen Kredite tilgen und die nach dem Führerprinzip organisierte deutsche Volksgemeinschaft dauerhaft alimentieren.
Die Idee, Arbeitslosigkeit und Stagnation durch staatliche Ausgabenprogramme zu überwinden, wurde hier und da schon vor der Machtübernahme durch die Nazis diskutiert, fand aber keine politischen Mehrheiten. Liberale Parteien sahen darin einen Schritt zum Kommunismus, Sozialdemokraten einen hilflosen Aufstand gegen die ehernen Gesetze kapitalistischer Entwicklung und Kommunisten einen Verrat an der Revolution.
Systematisch ausgearbeitet wurde die Idee von dem Briten John Maynard Keynes, insbesondere in seiner 1936 erschienenen Allgemeinen Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes. Sie wurde zur wirtschaftspolitischen Leitlinie westlicher Regierungen der Nachkriegszeit.
Vom Klassenkampf zum Staatshaushalt
Keynes wies den Anspruch des Marxismus auf Wissenschaftlichkeit scharf zurück. Marx’ theoretische Werke hielt er für Hokuspokus. Über die mit dem Marxismus verbundene sozialistische Herausforderung war er sich aber völlig im klaren. In einem 1925 gehaltenen Vortrag für die Liberale Partei erklärte Keynes, ein »Klassenkrieg« würde ihn »auf der Seite der gebildeten Bourgeoisie finden«. Am Bildungsgrad real existierender Bourgeois hatte er allerdings Zweifel.
In den Reparationsforderungen des Versailler Vertrags sah er den Keim eines neuen Krieges. Winston Churchills Entscheidung 1925, das Pfund zum Vorkriegskurs an Gold zu binden, galt ihm als Ursache von Deflation und Arbeitslosigkeit. Die damit verbundene Schwächung der Gewerkschaften ermutigten den Premierminister Lloyd George, wie Keynes ein Liberaler, ein Jahr später dazu, einen Generalstreik zu provozieren. Die britischen Gewerkschaften erlitten eine schwere Niederlage, eine Erholung der Konjunktur blieb aus.
Als drei Jahre später ein Wall-Street-Crash die gesamte Weltwirtschaft in die Krise stürzte, die durch Abwertungswettläufe und Zollerhöhungen noch verschlimmert wurde, dämmerte so langsam auch hartgesottenen Liberalen und Konservativen, dass sie den Kapitalismus umbauen mussten, wenn sie nicht zwischen Faschisten und Kommunisten zerrieben werden wollten. Keynes’ Theorien halfen bei der Neuorientierung.
Sein strategischer Ansatz lautet: Akzeptieren der Marxschen These, dass die Kapitalakkumulation zur Krise führt, Ablehnen der Marxschen Schlussfolgerung, dass die Arbeiter, wollen sie eine fortschreitende Verelendung verhindern, den Kapitalismus überwinden müssen. Stattdessen ein Perspektivwechsel vom Klassenkampf zum Staatshaushalt. Der Kerngedanke: Krisen sind Folge eines Mangels an privater Nachfrage. Diese reicht nicht aus, um bestehende Produktionskapazitäten auszulasten und alle verfügbaren Arbeitskräfte zu beschäftigen. Eine Erhöhung kreditfinanzierter Staatsausgaben kann den Nachfragemangel ausgleichen und die gesamte Wirtschaft zur Vollbeschäftigung zurückführen.
Ein Positivsummenspiel: Sparer verdienen Zinsen, die ihnen im Falle einer andauernden Krise entgangen wären. Private Unternehmen steigern ihre Umsätze und Gewinne infolge steigender Staatsausgaben. Arbeitslose finden Arbeit, verringerte Arbeitslosigkeit erlaubt die Durchsetzung höherer Löhne. Kurz: Wirtschaftswachstum entschärft den Klassenkampf. Produktivität und Bevölkerung nehmen zu und damit Produktion, Einkommen und Beschäftigung.
Im Gegensatz zum liberalen Staat, der sich auf die Aufrechterhaltung kapitalistischer Produktionsverhältnisse beschränkt, muss der keynesianische Staat auch für die Auslastung des Wachstumspotenzials sorgen. Andernfalls drohen Krise und die Infragestellung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse.
Ursachen des Nachfragemangels
In der neoklassischen Traumwelt brauchte es keine staatliche Ausgabenpolitik. Dort werden Ersparnisse Unternehmen angeboten, die damit ihre Investitionen finanzieren. Es bildet sich ein Zins, bei dem angebotene Ersparnisse und nachgefragte Finanzierungsmittel zu Investitionszwecken einander gleich sind. Produktion, Volkseinkommen, sprich die Summe aus Löhnen und Profiten, und gesamtwirtschaftliche Nachfrage, die Summe aus Konsum- und Investitionsgaben, sind einander gleich. Aus dieser Sicht stellen Staatsausgaben einen Abzug von Einkommen und privater Nachfrage dar.
Keynes beobachtete in der realen Welt anderes. Trotz Krise, einer Situation, in der Ersparnisse bzw. anlagesuchendes Kapital ebenso ungenutzt bleiben wie ein Teil der Erwerbsbevölkerung, sanken die Zinsen nicht tief genug, um Unternehmen zu einer Erhöhung der Kreditaufnahme und der damit finanzierten Investitionen zu veranlassen. Wozu investieren, wenn schon die bestehenden Anlagen nicht ausgelastet sind? Höhere Löhne hätten über den Konsum die Nachfrage ankurbeln und damit auch Investitionen anregen können. Sie hätten auch, da Arbeiter (fast) ihr gesamtes Einkommen konsumieren, zu einer Verringerung von Ersparnissen bzw. anlagesuchendem Kapital geführt.
Aus Sicht der Kapitalisten war dies ein unzumutbarer Angriff auf die Profite. Doch Lohnsenkungen erhöhten zwar die Profite pro verkaufter Einheit. Eine Verringerung der Lohnsumme, sprich aller pro Periode gezahlten Löhne, verschärfte den ohnehin bestehenden Nachfragemangel jedoch weiter. Gefangen in dem Widerspruch zwischen Profitansprüchen und fehlender Nachfrage drängten Kapitalisten ihre jeweiligen Regierungen, durch Abwertungen und Zölle ihre Exportaussichten zu verbessern.
Ein Negativsummenspiel: Im Zuge der Depression versuchten die Regierungen aller kapitalistischen Industrieländer ihren Anteil am Weltmarkt durch Abwertungen und Zölle zu erhöhen. Die internationale Arbeitsteilung brach zusammen. Deutschland und Japan versuchten sich am Aufbau von Großraumwirtschaften und stürzten die Welt in einen neuen Krieg.
Eingedenk dieser Erfahrungen setzte sich Keynes bei der Bretton-Woods-Konferenz 1943, bei der die Grundzüge der internationalen Wirtschaftsbeziehungen der Nachkriegszeit verhandelt wurden, für ein System fester Wechselkurse ein. Die Stabilisierung von Wachstum und Beschäftigung im Inland sollte nicht durch den Kampf um Weltmarktanteile aus dem Ruder geworfen werden.
Neue Klassenkämpfe
Nach Kriegsende sah es so aus, als wären Keynes’ Vorstellungen Wirklichkeit geworden. Knapp drei Jahrzehnte lang bestimmten Wachstum und Vollbeschäftigung das wirtschaftliche Geschehen. Die Krisen und Klassenkämpfe der Zwischenkriegszeit waren Geschichte, holten die Wirklichkeit in anderer Form aber wieder ein. Nicht zuletzt, weil sich eine von Keynes’ Grundannahmen bestätigte: Mit steigenden Einkommen steigt auch der Konsum, aber nicht so stark wie die Einkommen. Die Sparquote steigt. Um Wachstum und Vollbeschäftigung aufrechtzuerhalten, müssen die Investitionen genauso stark steigen wie die Ersparnisse. Das geschah während des Nachkriegsaufschwungs auch. Dabei wurden allerdings Produktionskapazitäten aufgebaut, deren Auslastung eine Verschiebung der Einkommen von den Profiten zu den Löhnen erfordert hätte.
Angesichts niedriger Arbeitslosenzahlen wäre eine entsprechende Umverteilung auch durchsetzbar gewesen. Diese Aussicht schürte unter den Kapitalisten jedoch Ängste vor einer Profitklemme. Eine Zeit lang konnten sie diese durch Preiserhöhungen vermeiden, stießen damit aber eine Preis-Lohn-Spirale an, die den Wert ihrer Geldvermögen bedrohte.
Die Gunst der Vollbeschäftigung ausnutzend, forderten die Arbeitenden im Laufe des Aufschwungs nicht nur höhere Löhne, sondern auch bessere Arbeitsbedingungen, kürzere Arbeitszeiten und Mitbestimmung am Arbeitsplatz. Die nominellen Lohnkosten stiegen, der Versuch, die realen Lohnkosten durch Preiserhöhungen unter Kontrolle zu halten, bedrohte die Vermögen.
Die Kapitalisten hatten genug von Keynes und seiner Vollbeschäftigungspolitik. Eine Krise musste her, um die Ordnung im Betrieb und auf dem Arbeitsplatz wieder herzustellen. Als herrschende Klassen hatten sie es in der Hand, solch eine »Disziplinierungskrise« durch Verringerung ihrer Investitionen herbeizuführen. Mitte der 70er Jahre eröffneten sie den Kampf gegen Keynesianismus und Vollbeschäftigung.
Ingo Schmidt ist marxistischer Ökonom und lebt in Kanada und Deutschland.
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