Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Aufmacher 4 1. Februar 2026


von Manfred Klingele

Bekannt war er aus Theater, Film, Fernsehen und diversen Sprecherrollen. Doch er war nicht nur Schauspieler, sondern engagierte sich auch für politische Häftlinge, gegen NATO-Kriege und gegen die Erpressung Griechenlands. Nur wenige wissen, dass er bis zum Schluss Mitglied der Gruppe „Arbeiterpolitik“ war. 


Rolf Becker (1935-2025) lernte ich 1974 in Hamburg in der Gruppe Arbeiterpolitik kennen. Er fiel mir auf als derjenige, der während unserer politischen Diskussionen fast durchgehend nebenher Texte las und redigierte. Dass er Schauspieler war, erfuhr ich erst deutlich später.

In dem vor einigen Jahren ausgestrahlten Porträt des MDR, Der sanfte Rebell, berichtet er davon, wie er 1969 am Bremer Theater, wo er Opernintendant war, die Revolution ausprobieren wollte. Als er die totale Demokratie auf der Bühne und im Zuschauerraum ausrief, wurde er entlassen.
Es war die Zeit der Studentenbewegung, des Aufruhrs, die auch das Theater erfasste. Die Studentenbewegung stieß aber nach dem Jahr ihres Höhepunkts, 1968, an ihre Grenzen. In diese abflauende Welle und die beginnende Resignation platzten die Septemberstreiks 1969, vor allem in den Stahlbetrieben. Der schlafende Riese, die Arbeiterklasse, war plötzlich erwacht und ließ für ein paar Wochen seine Muskeln spielen.
Auch auf der Klöcknerhütte in Bremen wurde gestreikt. Rolf muss zu den Streikenden Kontakt bekommen haben. Auf der Hütte hatte die Gruppe Arbeiterpolitik starken Einfluss. Sie hatte sich 1948 aus Überlebenden der Weimarer KPD-Opposition (KPO) gegründet, die nach 1928 aus der KPD ausgeschlossen worden war. Die KPO hatte an der KPD-Politik die Unterordnung unter die Moskauer Zentrale kritisiert und gefordert, eine Politik zu betreiben, die den deutschen Verhältnissen angepasst war.
Rolf hatte nun eine politische Orientierung gefunden und wurde 1969 Mitglied der Gruppe Arbeiterpolitik. Er kniete sich förmlich hinein in die Geschichte der KPO, die auch eine Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung war, und wurde ihr Archivar. Eine Frucht dieser Arbeit war sein mit Claus Bremer herausgegebenes Buch über das nach dem Krieg in Salzgitter lebende KPO-Mitglied Paul Elflein: Immer noch Kommunist? Überhaupt verband ihn sehr viel mit der Gewerkschaftsbewegung in Salzgitter, insbesondere der IG Metall, wo noch Reste der alten kämpferischen Tradition überlebt hatten.
Als er 1971 ans Schauspielhaus in Hamburg kam, zog er an die Elbe. Dort gab es eine relativ starke Ortsgruppe der Arbeiterpolitik, zu der auch Pep gehörte.

Josef Bergmann, ›Pep‹
Josef Bergmann, in der Gruppe Arbeiterpolitik als Pep bekannt, Jahrgang 1913, war ein KPO-Genosse, der in Schweden den Zweiten Weltkrieg überlebt hatte und nach dem Krieg wieder als Drucker in Hamburg arbeitete. Er hatte sich als Kollege und Betriebsrat einen kämpferischen Ruf erworben und war in seiner Gewerkschaft, der IG Druck und Papier, und darüber hinaus bekannt und anerkannt. In der Hamburger Gruppe Arbeiterpolitik war er eine Autorität und auch auf Rolf hatte er großen Einfluss. Bis zu seinem Tod 2005 blieb Pep für Rolf ein politischer Bezugs- und Orientierungspunkt.

Widerständig
Rolf hätte ja, da er immer erfolgreicher und bekannter wurde, seine »linken Flausen« hinter sich lassen und sich seiner Karriere widmen können, wie es viele um ihn herum und aus der Studentenbewegung auch gemacht haben. Doch er bewahrte sich das Widerständige, das bei ihm am Theater erwacht war. Am Theater war er in der Gewerkschaft, trat später der IG Medien bei und war lange dort im Hamburger Ortsvorstand aktiv, etwas, das man nicht unbedingt mit einem erfolgreichen Schauspieler verbinden würde.
Rolf bekam als Kind den Tod seines Vaters im Krieg mit, die letzten Kriegsjahre und die zerstörten Städte. Irgendwann muss in ihm die Überzeugung gewachsen sein: So etwas wie der Faschismus, der diesen Krieg über Europa brachte, darf nie mehr vorkommen! Vielleicht war er im Grunde noch mehr Pazifist und Antifaschist als Kommunist. Als Grundkonstante war ihm immer klar: Die Stoßrichtung des deutschen Imperialismus geht nach Osten, ­gegen Russland. Davon ließ er sich auch nicht beirren, als es nach 1990 lange nach einer friedlichen Entwicklung aussah. Dass er nach Beginn des Ukrainekriegs eine Lesung über die Blockade Leningrads entwickelte und vortrug, ist alles andere als zufällig.

Furchtlos
Der Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien, angefeuert von Deutschland, wütete schon ein paar Jahre, als 1999 die NATO gegen Restjugoslawien, also Serbien und Montenegro, einen völkerrechtswidrigen Bombenkrieg begann. Es bildete sich, u.a. auf Anregung von Pep, der immer sagte, man darf nicht nur reden, eine Initiative Solidarität von unten gegen die Bomben von oben! von Gewerkschaftskolleg:innen aus Hamburg und Salzgitter. Rolf war sofort mit dabei und fuhr mit der Initiative während des Bombenkrieges nach Serbien, wo sie unter anderem die Kolleg:innen des von der NATO zerstörten Automobilwerks in Kragujevac besuchten.
Als 2002 der ehemalige serbische Präsident Milosevic vor dem internationalen Strafgerichtshof in Den Haag angeklagt wurde, trat Rolf dem Komitee zur Verteidigung von Milo­sevic bei. Er betonte, dass es hier nicht um einen fairen Gerichtsprozess gehe, sondern um ein Siegertribunal, mit dem man nachträglich den Angriffskrieg rechtfertigen wolle. Wenn es darum gehen würde, tatsächlich Verbrechen aufzuarbeiten, dann müssten auch NATO- Verantwortliche vors Gericht gezogen werden.
Ein Jahr später wurde Rolf zum Betreuer des RAF-Gefangenen Christian Klar. Dieser war zu lebenslanger Haft verurteilt worden, hätte aber nach der gesetzlichen Frist entlassen werden müssen, was ihm jedoch verwehrt wurde. Für Rolf war Christian jemand, dessen politische Ansichten er nicht teilte, aber dessen gemeinsamen Gegner er erkannte, der Christian im Gefängnis verrecken lassen wollte.
Auf einmal gab ihm der NDR keine Aufträge mehr, dabei war er einer der beliebtesten Synchron- und Hintergrundsprecher gewesen. Auch für das Schauspielhaus war er plötzlich gestorben. Nur noch der MDR bot ihm einen Job in der Arztserie In aller Freundschaft.

Griechenland
2012 gründete sich eine gewerkschaftliche Initiative Griechenland-Solireisegruppe »Gegen Spardiktate und Nationalismus!«, der ich auch angehöre. Griechenland wurde seit 2010 von Deutschland und der EU einem rigorosen Sparzwang unterworfen, was große Teile der Bevölkerung schockartig in Armut und Entrechtung stürzte. Unser Spendenkonto wurde vor allem deshalb gefüllt, weil Rolf seine gesamten Emailkontakte angeschrieben und um Spenden gebeten hatte. Auch das stolze Ergebnis einer Sammlung zur Feier seines 80.Geburtstags spendete er vollständig dem Arbeitslosenzentrum in Perama. Was Rolf gut konnte, war auch auf diesen Reisen wichtig: Bei wichtigen Anlässen fand er immer die passenden Worte.
Im Jahre 2019 fuhr ich mit Rolf im Rahmen der Solireise in das Dorf Lyngiades, das 1943 von der Wehrmacht niedergebrannt und dessen Bewohner ermordet worden waren. Es war der Vorabend des Gedenktags an dieses Verbrechen. Auf dem Dorfplatz hatten sich schon viele versammelt, Bänke und Tische waren aufgestellt, Souvlaki wurde gegrillt. Da kam ich nun mit Rolf dazu und wir Deutschen wurden sehr misstrauisch beäugt: Was will dieser blonde Deutsche hier? Rolf muss das geahnt haben, denn er hatte sich vorbereitet. Er hatte das Buch Feuerrauch. Die Vernichtung des griechischen Dorfes Lyngiades am 3.Oktober 1943 (von Christoph Schminck-Gustavus) dabei, das natürlich viele im Dorf kannten. Damit war das Eis gebrochen und wir wurden zum Essen eingeladen.

Solidarität
Je älter Rolf wurde, desto angesehener wurde er unter Linken. Wo immer möglich hat er mit seiner kraftvollen Stimme aus seinem riesigen literarischen Fundus passende Texte rezitiert und die Anwesenden tief berührt. Noch kurz vor seinem Tod trat er auf dem Hamburger Rathausmarkt während der Kundgebung gegen das Manöver Red Storm Bravo auf und las Wolfgang Borcherts Gedicht »Sag Nein!«. Wichtig war ihm, Gräben zu überbrücken und unterschiedliche politische Gruppierungen zusammenzuführen. Also Solidarität zu leben.

Eine Zusammenstellung von Rolf Beckers Ansprachen in Griechenland findet sich unter https://arbeiterpolitik.de/wp-content/uploads/2025/12/Internet-Gedenken-Rolf.pdf.

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