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Nachruf: Jürgen Wilk (1946–2017)

Das Leben eines klassenbewussten Arbeiters
von Wolfgang Günther (Freidenkerverband Schweinfurt)

Am 20.September ist Jürgen Wilk gestorben. Ehemalige Mitglieder der Vereinigten Sozialistischen Partei, des Runden Tischs der Erwerbslosen, der Euromärsche sowie vieler anderer Organisationen und Initiativen haben einen treuen Freund und Genossen verloren.

Jürgen Wilk erblickte am 28.Mai 1946 als Ältester von drei Geschwistern in Coburg das Licht der Welt. Seine Schwester Dagmar konnte alleine ihren Weg finden, aber um seinen Bruder Rolf kümmerte er sich Zeit seines Lebens liebevoll. Für Rolf war es später immer ein tolles Erlebnis, wenn er bei der «Roten Weihnacht», wie wir die Jahresendfeier in der Gabelsbergerstraße nannten, dabei sein durfte.

In Coburg ging Jürgen Wilk zur Schule und stählte seinen anfangs schwächlichen Körper durch Radfahren und Tischtennis, wobei er auch etliche Auszeichnungen gewann. Sogar das Deutsche Sportabzeichen konnte er erringen. Nach der Schule schloss er 1966 die Facharbeiterausbildung als Maschinenschlosser ab. Um in der Nähe seines Bruders sein zu können, ging er zum Bundesgrenzschutz. In Coburg musste er immer wieder die Aufmärsche der schlagenden Verbindungen erleben, was bei ihm eine antifaschistische Grundhaltung heranreifen ließ. Bis 1970 besuchte er das Polytechnikum in Coburg. Dabei arbeitete er auf dem Bau, um Geld für die Familie zu verdienen.

Irgendwann hatte Jürgen die spießige Atmosphäre in der Beamtenstadt satt und er zog nach Schweinfurt. Auf dem Bayernkolleg musste er sich mit Lehrern auseinandersetzen, die noch immer den Vorstellungen des sog. «Tausendjährigen Reiches» huldigten. 1974 fing er dann an, bei Sachs zu arbeiten und wurde auch in der Gewerkschaft tätig.

Zunächst Mitglied in der KPD/ML, entfremdeten ihn die damaligen Streitereien der verschiedenen kommunistischen Splittergruppen von der Parteiarbeit und er verstand sich zeitlebens als Rätekommunist. 1986, als die Vereinigte Sozialistische Partei gegründet wurde, die erste Herausgeberin der vorliegenden Zeitung, wagte er den Schritt der Parteimitgliedschaft noch einmal. Doch mit dem gesellschaftspolitischen Rückschlag der deutschen Einheit löste sich die VsP in den 90er Jahren auf. Fortan konzentrierte sich Jürgen auf konkrete Projekte.

Eine Herzensangelegenheit war ihm das Projekt des Freiheitskämpfers und Kurdenführers Öcalan. Er verhalf sehr vielen Kurden beim Gang durch die Instanzen zur Anerkennung ihrer Asylanträge und blieb auch immer deren Freund und Ansprechpartner. Als ein langjähriger kurdischer Weggefährte von seinem Tod erfuhr, war seine spontane Reaktion: «Mein Bruder ist gestorben.» Im Kulturverein Solidarität engagierte er sich bis zum Schluss, wobei er sich darüber freute, dass dort junge Leute den Staffelstab übernahmen.

Jürgen Wilk tat aber nie allein etwas für die Leute, sondern immer mit ihnen, dass heißt, er verstand seine Hilfe nicht karitativ, sondern aktivierend als Hilfe zur Selbsthilfe, weil er wusste, dass die Befreiung der Arbeiterschaft nur das Werk der Arbeiter selbst sein kann. Mit dem gleichen Ansatz rief er auch die SALI, die Schweinfurter Arbeitsloseninitiative, ins Leben, um die Betroffenen politisch über ihre Situation aufzuklären: «Schuld an der Arbeitslosigkeit seid nicht ihr, sondern das kapitalistische Wirtschaftssystem, und ihr seid gefordert, eure Situation zu verändern.» Bis spät in die Nacht saß Jürgen oft im Büro, um Flugblätter für Informationsstände zu entwerfen, damit die Bevölkerung nicht den Parolen der rechten Rattenfänger auf den Leim geht, die da lauten: Die Ausländer sind an allem schuld. Deshalb war er auch Mitglied im Steuerungskreis von «Schweinfurt ist bunt» und stellte sich der braunen Schlange entgegen, wo auch immer sie ihr Haupt erhob.

Da er wusste, dass der Faschismus nur eine Form der bürgerlichen Herrschaft ist, wurde er nicht müde, Fahrten nach Buchenwald zum Tag der Selbstbefreiung zu organisieren, um gerade jungen Menschen zu zeigen, wohin die imperialistischen Bestrebungen letztendlich führen können, aber auch welche Kraft gerade von klassenbewussten Kommunisten ausgeht, die vom Sieg über Ausbeutung und Unterdrückung überzeugt sind. Solidarität statt Rassismus war seine Maxime.

Nicht wegzudenken ist Jürgen Wilks Einsatz bei der Deutschen Friedensgesellschaft und den Atomkraftgegnern der BABI. Unzählige Busfahrten hat der Internationalist und Antimilitarist mitorganisiert und Teilnehmer mobilisiert, wenn es darum ging, gegen Ausbeutung, Umweltverbrechen und Krieg zu demonstrieren. Ich war mit ihm etliche Male in Berlin, nach Rostock sind wir gefahren, nach Stuttgart, Frankfurt, München, Dresden, Straßburg und Brüssel, als selbst in Gewerkschaftskreisen Bolkestein noch ein Fremdwort war. Bei jedem Ostermarsch in Würzburg und jedem Antikriegstag in Schweinfurt war er dabei, um seine Stimme gegen Rüstung und Krieg zu erheben. Sein Ruf «Deutsche Waffen, deutsches Geld, morden mit in aller Welt!» ist vielen noch in den Ohren, und so soll es auch sein.

Ein großes Verdienst Jürgen Wilks ist die Mitgründung der SOBIMA, Selbstorganisierte Bildungs- und Medienarbeit e.V. Unter diesem Dach vereinigten sich Parteien und Verbände, die sonst vielleicht nie miteinander ins Gespräch gekommen wären, und entdeckten ihre Gemeinsamkeiten. Treffpunkt war die Gabelsbergerstraße, und hier wirkte Jürgen als Spiritus Rector, mal als väterlicher Freund, mal als streitbarer Diskussionspartner. Über 25 Jahre gab er die Zeitschrift Nachrichten und Standpunkte heraus, die die Geschehnisse von einem linksalternativen Standpunkt aus beleuchteten. Jürgen Wilk war in seinem Engagement anerkannt von kommunistischen über gewerkschaftliche bis in kirchliche Kreise.

Vor 36 Jahren lernte Jürgen seine Martina kennen, 1981 im DKP-Büro bei der Vorbereitung einer Demonstration für die Abrüstung. Mit ihr zusammen lernte er, das Leben auch zu genießen, bei gutem Essen und einem gepflegten Rotwein, denn er wusste: Wer nicht genießt, ist ungenießbar. Zu ihrem 30jährigen Tag der Partnerschaft fuhren sie nach Paris, als er Rentner war nach Norwegen und Madeira. Jetzt erst, wo auch der Druck der politischen Herausforderung zwar nicht aufhörte, aber doch etwas nachließ, lernte er die angenehmen Seiten des Lebens zu schätzen. Gerne wäre er noch mit seiner Martina nach Prag, Slowenien oder Frankreich gefahren, aber frühmorgens am 20.September kam sein sturmbewegtes Herz zur Ruhe, nachdem er noch tags zuvor zusammen mit der SALI in der Stadt über die Gefahren des Einzugs der AfD ins Parlament aufgeklärt hatte.

Für Jürgen Wilk trifft in vollstem Maße zu, was Nikolai Ostrowski in seinem Roman Wie der Stahl gehärtet wurde, sagt: «Das Wertvollste, das der Mensch besitzt, ist das Leben. Es wird ihm nur ein einziges Mal gegeben, und benutzen soll er es so, dass ihn zwecklos verlebte Jahre nicht bedrücken, dass ihn die Schande einer niederträchtigen und kleinlichen Vergangenheit nicht brennt, und dass er sterbend sagen kann: Mein ganzes Leben, meine ganze Kraft habe ich dem Herrlichsten in der Welt, dem Kampf um die Befreiung der Menschheit gewidmet.»


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