Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Buch 22. Mai 2026

Ihr Verhältnis aus polnischer Sicht
von Norbert Kollenda

Przemyslaw Wielgosz: Pogoda dla rewolucjonistów. Jak zmienic swiat w czasie katastrofy (Ein Wetter für Revolutionäre. Wie die Welt verändern in einer Zeit der Katastrophe)
Krakau: karakter, 2026

Przemyslaw Wielgosz ist in der polnischen Linken eine wichtige Stimme, der den neoliberalen Kapitalismus fundamental kritisiert und polnische Mythen ad absurdum führt. Wenn seine Werke auch in kleinen Verlagen erscheinen, ist er doch eine wichtiger Autor, der gesellschaftskritische Diskussionen am Laufen hält. Er ist Chefredakteur der polnischen Ausgabe von Le Monde Diplomatique und Chefredakteur der Buchreihe »Le Monde Diplomatique Library«. Geprägt hat ihn in den 80er und 90er Jahren seine Mitgliedschaft in einer anarchistischen Bewegung. Hier schreibt er ein politisches Buch, das die Klimakatastrophe mit sozialen Fragen verbindet und sie zu einer Klassenfrage macht.
So verursachen die reichen 10 Prozent einen Fußabdruck von 50 Prozent des CO2, während die »normale« Bevölkerung nur 10 Prozent hinterlässt. Das erinnert mich an meine Frage an die »Letzte Generation«, warum sie nicht die Zufahrt zu den Villen und Privatjets behindert haben anstelle der hart und für geringe Löhne arbeitenden Pflegekräfte, Paketauslieferer, Handwerker usw. Erstere haben Einfluss, letztere konnten eher Lohnabzüge erwarten.
In seinem Buch zeigt Wielgosz auf, wie sich die kapitalistische Wegwerfgesellschaft entwickelt hat, der es nur um Profitmaximierung geht. Die Bosse waren es leid, Getränkeflaschen wieder zurück zu nehmen, zu waschen und wieder zu befüllen. Als weitaus profitabler erwies sich ein anderer Weg. So zeigte die US-amerikanische Werbung in den 1930er Jahren Angler, die Bierdosen mitten auf einem See wegkicken als ein Sinnbild von Freiheit. Auch 1973 tauchte eine Szene auf, in der Müll aus einem fahrenden Auto geworfen wurde, doch nun war sie mit einer ganz anderen Bedeutung unterlegt: diesmal als Vorwurf und Appell, die schutzlose Natur nicht zu verschmutzen. Eine Filmsequenz in Spielbergs Die Fabelmans zeigte, wie entlastend es für die amerikanische Hausfrau sei, nach dem Essen das benutzte Geschirr und Besteck aus Plastik in den Müll zu werfen.
Auch im Osten gab es Plastik. In einem tschechischen Film bekam eine Familie in Prag ein Mitbringsel aus Polen, bruchsicheres Plastikgeschirr – allerdings wurde es hier nach der Benutzung abgewaschen.

Individuelle Schuld statt kollektiver Gegenwehr
Zu Beginn der 70er Jahre führte ein erhöhtes Umweltbewusstsein zu Diskussionen über die Grenzen des Wachstums und zu Demonstrationen. Nach einer Weile sprach jedoch niemand mehr über ein Verbot der Herstellung von Dosen und Plastikflaschen. Dank eines geschickten Appells an das individuelle Gewissen fühlten sich die Verbraucher schuldig dafür, dass die Industrie ihnen im Namen des Profits den Kauf von Getränken in Dosen und Plastikflaschen aufzwingt. Nicht anders verhielt es sich mit den vielen Produkten, die bald nach der Garantiezeit auf der Müllhalde landen, weil eine Reparatur nicht profitabel ist. Die Unternehmen konnten damit weiter ihren Profit steigern, das Problem sollten die Verbraucher lösen. So entstand ein gewisser ideologischer Rahmen, in den im Laufe der Zeit die meisten grünen sozialen Bewegungen der 70er und 80er Jahre gepresst wurden, ja sich pressen ließen. (Es fehlte nur noch das Recyceln von Waffen und Munition.)
Dass Klima eine Klassenfrage ist, beschreibt der Autor auch anhand der Folgen des Klimaveränderung, da sie die Menschen in ungleicher Weise traf und treffen werden. An der Flutkatastrophe von Valencia 2024 zeigt er auf, dass die meisten Opfer unter den prekär Beschäftigten zu finden waren, die am Tag der größten Gefahr nicht zu Hause bleiben durften oder dies nicht wagten, weil sie einen unsicheren Aufenthaltsstatus hatten. Dazu kam, dass die Regionalregierung an Schutzsystemen »gespart« hatte.
Der Autor zieht Parallelen zur Kleinen Eiszeit und zur Hungersnot zu Beginn des 14. Jahrhunderts, die den Boden bereitete für die Ausbreitung der Schwarzen Pest, die Millionen von Menschen den Tod brachte. Sie dezimierte natürlich nicht die Feudalherren, sondern die arbeitende Bevölkerung in Stadt und Land. Der daraus resultierende Mangel an Arbeitskräften verschaffte ihnen danach eine bessere Verhandlungsbasis gegenüber den Feudalherren, was die Machtverhältnisse deutlich verschob.
Wielgosz bezieht sich auch auf das Buch Schock-Strategie von Naomi Klein, das durch ihre Beschreibung der Transformation in Polen Anfang der 90er Jahre dort für Aufmerksamkeit sorgte. Während Klein hier beschreibt, wie der Kapitalismus Krisen nutzt, um seine Macht auszubauen, stellt Wielgosz die entgegengesetzte Frage: Können Natur- und Sozialkatastrophen nicht auch eine Chance für die Unterdrückten sein, um einen radikalen gesellschaftlichen Wandel herbeizuführen?
Der Kampf um das Klima ist untrennbar mit dem Kampf um soziale Gerechtigkeit verbunden – lokal wie auch weltweit. Anstelle einer grünen Moral, die die Menschen zur Zurückhaltung bei der Befriedigung ihrer Bedürfnisse und zur Änderung ihrer Ernährung aufruft, ist ein Kampf gegen die derzeitige Wirtschaftsordnung angesagt.

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