Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Rand Rolf Euler 22. Mai 2026

An den Rand notiert
von Rolf Euler

Jeder Rand ist auch ein »Anfang« und ein »Ende« – vom Text, vom Wald, von der Straße, vom Loch. Der vorliegende Rand hat sich vom Zeitungsrand aus breit gemacht, um seit einigen Jahren eine Spalte zu erobern. Da stellt sich schon die Frage, was der Rand bewirken soll.

In schlechter Erinnerung: der Heftrand mit der roten Tinte der Lehrer, die die Fehler korrigieren mussten. Der vorliegende Rand korrigiert nicht, er macht sich nicht breiter als nötig, um ein paar Gedanken aus der Werkzeugkiste zu puhlen, die sonst in der SoZ nicht oder so nicht vorkommen.
Rückmeldungen gab es bis auf einmal (Kinder, im Oktober 2016) keine, die Redaktion lobt schon mal, aber lässt den Rand machen, was er will. Als »Randerscheinung« bleibt diesmal, auf den Kontrast zwischen den politischen rechten Rändern, die immer breiter werden und in die Mitte wachsen, und dem viel zu schmalen linken Rand hinzuweisen.
Angesichts der grünen Waldränder, die in diesem sonnigen April besonders verlockend nach draußen riefen, angesichts der Beetränder, deren blaue Vergissmeinnicht, Anemonen, Perlhyazinthen im Kontrast zu gelben Narzissen und grünen Büschen wucherten – wagt man nicht, sich den Frühlingsmotiven zu verwehren, auch den »Vorwurf« in Kauf nehmend zu verdrängen. Das »Reden über Bäume« – Brecht brachte die Frage auf, ob das angesichts der Zeiten ein »Verbrechen« sei?

In unserer Stadt sorgen zwei Bauern dafür, dass auf ihren Feldern ein immer breiterer Rand mit Blumen besät werden. Sie rufen die Bürger auf, mit einer Spende dazu beizutragen, und der Blumenrand wird von Jahr zu Jahr breiter. Solche Ränder sind selten genug, geht es doch den Insekten ständig schlechter in der wohlgeordneten Landwirtschaft. Auch der Stadtrand, früher der direkte Weg ins Grüne, wird immer mehr von Neubauten besiedelt. Die Städte wollen Bewohner anlocken, im Ruhrgebiet machen sie sich gegenseitig streitig, wer mehr »gute Viertel« zulässt – zu gesalzenen Preisen, wahrhaftig kein Sozialer Wohnungsbau.

Am Rand der Gesellschaft leben Menschen, deren Aussichten weder grün noch bunt sind, sondern eher schwarz. Neulich gab es die Meldung, dass 140.000 Jugendliche in Deutschland wohnungslos sind! Also auf der Straße oder in Unterkünften schlafen müssen. Wir sehen einige davon in den Städten, nicht am grünen Rand.
Einige Seiten weiter im Wirtschaftsteil kommt die Meldung, dass der Apple-Konzern im ersten Quartal 2026 30 Milliarden Dollar Gewinn gemacht hat. In einem Vierteljahr! 30 Milliarden! Eine »Randmeldung«? Weit mehr: ein Zeichen, dass Widersprüche zunehmen und die Milliardärskonzerne nicht genug kriegen können, dabei alles tun, um zur weiteren Umweltzerstörung beizutragen.

Ja, erfreuen wir uns am Wald- und Wiesenrand, aber die Menschen am Rand müssen aus dem Zeitungsrand raus und in die Mitte.

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