An den Rand notiert
von Rolf Euler
Die 90er Jahre waren geprägt von der jahrelangen CDU-FDP-Kohl-Regierung und deren Übernahme extrem liberaler Wirtschaftspositionen, die radikaler in den USA und England vorgelebt wurden. Dazu kam die Scheinblüte nach der Übernahme der DDR-Wirtschaft mit zunehmender Arbeitslosigkeit und Betriebsschließungen in Ostdeutschland.
Es blühten aber auch Ideen gegen die Waren- und Geldwirtschaft und die »Alternativlosigkeit« kapitalistischer Produktion. Soziale Initiativen und evangelische Sozialpfarrer im Ruhrgebiet und anderswo griffen die Idee der Tauschringe wieder auf, die in den 1920er Jahren schon mit einigem Erfolg ausprobiert worden waren. Nicht gegen Geld wurde dabei Arbeit eingetauscht, sondern gegen eine »Zeitwährung«. Jede und jeder sollte das einbringen, was er und sie konnte, jede und jeder sollte das erfragen können, was er oder sie an Arbeitsleistung brauchte.
Die Vorbilder in der Geschichte, aber auch Reste der Alternativideen der 70er und 80er Jahre sowie die zunehmende soziale Spaltung in der Gesellschaft beförderten »alte« soziale Ideen und Praktiken. Neben Genossenschaften gründeten sich vor rund 30 Jahren viele Tauschringe in Deutschland. Die Tradition der christlicher Soziallehre, verbreitet etwa von Pfarrer Simanowski in Mainz oder Franz Segbers, wurde ebenso aufgegriffen wie Vorstellungen feministischer Nutzenökonomie, wie sie von Carola Möller in Köln oder von oppositionellen Frauen aus der DDR durchdacht wurden. Die Idee »Anders arbeiten – Ohne Geld leben« war sicher nicht nur der Not und Arbeitslosigkeit geschuldet, sondern auch dem Nachklang alternativer Gesellschaftsentwürfe.
Das Tauschen von Fähigkeiten in der Nachbarschaft hat sicher auch andere Traditionen. Die Tauschringe belebten aber über die unmittelbare Nachbarschaft hinaus die Möglichkeit, in größeren Verbünden Fähigkeiten einzusetzen, die sonst brach lagen. Organisiert wurden in den Orten Zusammenkünfte und jeweils eine ausgedachte »Verrechnungseinheit«, die zwischen den Teilnehmenden die Zeit »vergüten« sollte, die sie jeweils für die andere Mitglieder des Rings ausgaben. Dabei sollte jede Zeit gleich gelten, ob Frauen oder Männer, ob jemand nun mit Zeugnissen qualifiziert war oder nicht, ob er oder sie Computerkenntnis, Hand- und Unterstützungsarbeit aller Art, Betreuung, Reparaturen, Textilarbeit oder sonstiges leistete.
Tauschringe bestehen zum Teil nach über 30 Jahren immer noch, zum Beispiel im zentralen Ruhrgebiet, aber auch in vielen anderen Regionen Deutschlands. In ihrer Hochzeit wurden vielfältige Arbeiten für den Bedarf gestemmt: Umzüge, Möbelbau, Strickwaren, Kinder- und Altenbetreuung – alles ohne professionellen Anspruch, aber mit umso mehr sozialem Engagement. Das Altern der Gesellschaft geht nicht spurlos daran vorbei – die Tauschvorgänge werden seltener, der Bedarf an Kontakten ohne Verpflichtung bleibt.
Ich erinnere viele positive Erfahrungen in unserem Tauschring – der wird auch 30 Jahre alt, ein guter Grund, »am Rand« an diese Bewegung zu erinnern.
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