Zwangsverheiratung, Widerstand und die brutalen Verbrechen des ›Islamischen Staats‹
von Florian Osuch
Kudret Günes, Christopher Girard: Freiheit im Blut. Wien: Bahoe Books, 2026. 160 S., 28 Euro
Die im Frühjahr 2026 auf deutsch erschienene Graphic Novel Freiheit im Blut erzählt die erschütternde, traumatisierende Realität von Unterdrückung, Krieg und Verachtung (junger) Frauen durch fundamentalistische Islamisten.
Protagonistin des 160 Seiten starken Buches ist Rojin, eine junge Kurdin aus Paris. Schon das erste Kapitel über Zwangsverheiratung zeigt die patriarchale Brutalität des Islamismus. Würde Rojin nicht nach Türkisch-Kurdistan fliehen, würden ihr »Ehemann« und dessen Familie die junge Frau so lange jagen, bis sie entweder die Zwangsehe eingeht oder ermordet wird.
Autorin von Freiheit im Blut ist Kudret Günes, die nach dem Militärputsch in der Türkei 1980 ein Stipendium der französischen Regierung erhielt, um sich in Paris als Nachwuchsregisseurin weiterzubilden. Günes, ist Autorin, Filmemacherin und kurdische Feministin. Der Künstler und Zeichner Christophe Girard hat die Geschichte illustriert.
Doch auch in Amed (türkisch: Diyarbakir) findet Rojin keine Ruhe. Sie kommt bei einer Tante unter, deren Sohn sich dem kurdischen Freiheitskampf angeschlossen haben soll. Deshalb steht die Polizei irgendwann vor der Tür und nimmt beide Frauen mit. Hier schildert Günes, den Alltag türkischer Gefängnisse. Rojîn überlebt Folter und sexualisierte Gewalt schwer verletzt.
Im Kampf
Das Cover von Freiheit im Blut zeigt die junge Rojin als kurdische Soldatin mit erhobener Faust. Doch die Graphic Novel ist keine romantisch-verklärte Erzählung einer Freiheitskämpferin. Es ist eine harte Geschichte, die laut Verlagsangaben von der Schwester von Günes inspiriert sei.
In La Liberté dans le sang, so der französische Originaltitel (2024), geht Rojin nach Kobane im Norden Syriens. Dort schließt sie sich den Frauenverteidigungseinheiten der syrisch-kurdischen Miliz YPG an. Die Stadt an der türkischen Grenze war zwischen September 2014 und Januar 2015 Angriffen der jihadistischen Terrororganisation »Islamischer Staat« ausgesetzt. Später wird Rojîn ins umkämpfte Afrin abkommandiert und gerät in die Hände von Daesh, wie der »Islamische Staat« in Syrien genannt wird. Dort trifft sie andere Mädchen und junge Ezidinnen, die aus der Sengal-Region im Nordirak verschleppt worden sind. Auf einem Markt werden sie höchstbietend verkauft.
Diese realen Bezugspunkte machen die Graphic Novel zu einem eindrucksvollen Zeugnis des menschenverachtenden Regimes der Islamisten in weiten Teilen Syriens und des Irak.
Gefangenschaft
Ein bisher oftmals wenig beachteter Aspekt durchzieht Freiheit im Blut: die Rolle von Frauen bei der Aufrechterhaltung der islamistischen Herrschaft. Sei es bei den »Vorbereitungen« auf die Zwangsheirat in Paris, der Sammlung und dem Transport der versklavten Mädchen und Frauen in Syrien oder beim »Aufhübschen« der Sklavinnen in einem »Schönheitssalon«, damit sie beim Verkauf einen möglichst hohen Preis erzielen.
Auch hier orientiert sich Günes, an der Realität. So wurden im Zuge des Sieges über den »Islamischen Staat« ab 2019 zehntausende Islamistinnen gefangenen genommen. Im Lager al-Haul im Norden Syriens lebten zeitweise bis zu 90.000 Personen, vor allem Frauen und Kinder. Die meisten blieben dem IS treu. Die Herrschaft des IS ging im Lager weiter: Einige Frauen sollen ihre Töchter zwangsverheiratet haben, Abweichlerinnen wurden getötet.
In Freiheit im Blut gelingt Rojîn die Flucht aus der Gefangenschaft. Über das kurdische Gebiet im Irak kommt sie zurück nach Paris. Dort muss sie sich weiter versteckt halten. Sowohl die Familie des enttäuschten »Ehemanns« als auch die Anhänger des von Rojin auf ihrer Flucht getöteten Kalifen wollen Rache. Zudem ist die junge Frau von einer Vergewaltigung schwanger. Es fließt noch viel Blut.
Das Buch stellt Gewalt, Erniedrigung, Stalking, Versklavung, sexuelle Übergriffe und Vergewaltigung in Text und Bild dar. Das ist oftmals harter Stoff, aber auch bittere Realität. Die Graphic Novel sei vor allem jenen empfohlen, die aus einer »antiimperialistischen« Sichtweise auf die Welt heraus radikale Islamisten als potenziell Verbündete sehen – sei es in Palästina, im Libanon oder im Iran.
Für Kudret Günes, hatte La Liberté dans le sang zur Folge, dass sie im Mai 2025 bei der Einreise in die Türkei festgenommen wurde. Der Vorwurf lautet auf Propaganda für eine »Terrororganisation« – gemeint ist die PKK – sowie die Veröffentlichung der Graphic Novel. Es folgten ein Ausreiseverbot und Hausarrest für die inzwischen 70jährige Künstlerin. Der Verlag hat nach eigenen Angaben keinen Kontakt zu ihr.
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