Von der Tierliebe im Anthropozän
von Matthias Becker
In einem wenigstens muss man »Schnitzelbomber« recht geben: »Das hier ist mehr als nur ein Wal!« So heißt es in einem von diesem »Influencer« mit KI generierten Ohrwurm bei Tiktok. Das hier ist mehr als nur ein Wal, offensichtlich, das ist ein Symbol. Die Parabel entsteht im Livestream – aber wovon handelt sie? Unter der Oberfläche, vielleicht auch unbewusst, wird das Verhältnis zwischen Mensch und Tier im Anthropozän verhandelt. Wie weit reicht die Naturbeherrschung – und wer eigentlich muss gerettet werden?
In der populären Debatte steht der Begriff »Anthropozän« für das Verschwinden einer unberührten, vom Menschen unabhängigen Natur. Menschen waren immer Teil des Erdsystems und beeinflussten damit das Schicksal der anderen Gattungen, vor allem mit ihrer Landwirtschaft. Mit der sogenannten Großen Beschleunigung nach dem Zweiten Weltkrieg haben sich allerdings die Größenverhältnisse verschoben: Der Energieumsatz, vor allem durch das Verbrennen fossiler Treibstoffe, und der damit verbundene Treibhauseffekt, die Emissionen aus der industriellen Produktion und die Landnutzung rühren an den großen Kreisläufen der Erdsystems – Stickstoff, Kohlenstoff, Wasserstoff, den großräumigen Mustern der Niederschläge, Wind und Meeresströmungen.
Was hat das mit »Timmy« zu tun? Meeresbewohnern wie ihm machen auch die Versauerung und Erwärmung des Wassers zu schaffen, die dadurch ausgelöste Migration von Pflanzen- und Tiergattungen, die Nahrungsketten reißen lässt, die wachsende Menge von Plastikrückständen. Artensterben, Klimaerwärmung und Habitatverluste sind chaotische, unkontrollierte Nebenfolgen der industriell-kapitalistischen Produktionsweise. So konfrontiert uns das Anthropozän mit einer kränkenden und beängstigenden Erfahrung: der Gleichzeitigkeit von Macht und Ohnmacht, genauer gesagt: mit individueller Machtlosigkeit, während kollektiv die Welt (durch Arbeit) tiefgreifend umgestaltet wird.
Vor diesem Hintergrund fand das traurige Schauspiel der versuchten Walrettung statt. Bekanntlich ist ein Tod eine Tragödie, aber eine Million Tote nur Statistik. Das Aussterben ganzer Tier- und Pflanzengattungen überfordert die Empathie und Vorstellungskraft. Von daher ließe sich wohlwollend annehmen, dass es sich beim Wirbel um den Wal um eine Ersatzhandlung handelt, psychologisch gesprochen um eine Verschiebung: »Wird dieser eine Buckelwal gerettet, dann kann doch noch alles in Ordnung kommen! Vielleicht ist es gar nicht so schlimm?« Kein Wunder, dass er von den selbsternannten Rettern Hope genannt wurde. Wir fangen im Kleinen an, mögen sie sich gedacht haben. Wir setzen ein Zeichen der Hoffnung, wenn dieses Tier nicht stirbt.
Diese Fixierung trägt Elemente von Verleugnung in sich, von fingierter Selbstwirksamkeit, so wie beispielsweise der Kauf von (vermeintlichen) Bioprodukten. Das Missverhältnis ist grotesk zwischen der enorm teuren und aufwändigen Rettungsaktion, um ein Tier zu retten, und der Ignoranz und Blockade anderer Maßnahmen, um alle zu retten. Dass ihre Geldgeber, abgesehen von der unbekannten Zahl kleinerer Spenden, mit Geschäften in der Automobilindustrie und der Haushaltselektronik reich wurden, gab dem Spektakel eine besonders ironische Note.
Die aufwändige Aktion diente vor allem eigenen psychischen Bedürfnissen. Das Tier in die Nordsee zu schleppen, ist eine symbolische, geradezu kultische Handlung, »Timmy/Hope« ist Projektionsfläche – umso schlimmer, wenn er sich nicht wehren oder fliehen kann.
Das Tier als Phantasieprodukt
Die Beziehung zu den Tieren war natürlich niemals frei von Projektionen und Missverständnissen. Sie wurden gefürchtet, bewundert und verehrt, gehasst und verachtet. Der Wal verschluckt dich aus Versehen, der Wolf mit voller Absicht. Deshalb gilt letzterer als böse. Der Fuchs soll listig sein, der Spatz fröhlich und so weiter. Interessanterweise verweisen solche Tier-Zeichen in anderen Kulturen auf ganz andere Eigenschaften, was zu erheblicher Verwirrung führen kann. In China bringt die Eule Unglück, dafür ist das Kaninchen weise (!?), in Indien steht die Schlange für Fruchtbarkeit statt für Verschlagenheit…
Eine gewisse Willkür und einen Überschuss an Phantasie gab es also schon immer. Sie heftete sich naturgemäß eher an die wilden Tiere als an Nutztiere, weil sich der Lebensvollzug ersterer weniger gut beobachten ließ. Aber erst in industriellen Gesellschaften wurde ein romantisches Naturverhältnis möglich, weil der Sicherheitsabstand zur Natur und ihren Widrigkeiten groß genug geworden war. Die Wildnis und ihre Bewohner wurden nun zunehmend idealisiert; emotionale Bedürfnisse der Menschen begannen, ihre Wahrnehmung zu dominieren. Manche Tiere wurden vermenschlicht und verniedlicht, andere wie die Wale mystifiziert zu kitschigen Sinnbildern einer transzendentalen Weisheit.
Ein Kind mag den Tod eines gestorbenen Haustieres nicht akzeptieren, es weiter füttern und pflegen, den Leichnam heilen wollen. Solche Liebeszeichen sind schrecklich traurig und rührend. Das Kind hat aber – und das ist entscheidend – ein bestimmtes Lebewesen verloren, nicht ein austauschbares Exemplar einer Gattung. Deshalb lehnt es den Trost der Eltern entrüstet ab, die sogleich ein neues kaufen wollen. Denn hier war das Tier nicht (nur) Projektionsfläche, sondern ein Gefährte.
De te fabula narratur
Im Anthropozän geraten nicht nur die planetaren Energie- und Stoffkreisläufe, sondern auch die Kategorien durcheinander. Wo fängt Natur an, wo hört sie auf? Die Nutztiere, die heute fast ausnahmslos der Fleischproduktion dienen, sind fast völlig aus dem Blick verschwunden. Der Unterschied zwischen Haustier und Wildtier scheint zu verschwimmen. Das Bedürfnis, wilden Tieren nahe zu kommen, ist so stark wie eh und je und wird von der Tourismusbranche mit einem fragwürdigen Wildnisspektakel bedient.
Umweltpolitisch schädlich ist die Naturromantik, weil sie Mensch und?Gesellschaft außerhalb der Natur imaginiert. Sie sollen das Gegenteil sein, die Natur unberührt und anderswo. In Wirklichkeit gehören Gesellschaften der Natur an. Sie bleiben auch auf absehbare Zeit auf die Selbstreproduktion der natürlichen Lebensgrundlagen angewiesen, konkret auf Ökosystemleistungen, von denen beispielsweise Bodenfruchtbarkeit und Grundwasserqualität abhängen, auf natürliche Räume als Senken und Ressourcenquellen. Der Mensch ist selbst nur ein Knoten im Netz des Lebens, auch wenn er gegenwärtig große Löcher hineinreißt.
John Berger, Philosoph und Landwirt, hat die Beziehung von Mensch und Tier wohl am tiefsten ergründet. Wenn sie sich gegenseitig in die Augen blicken, erklärt er, fühlen sie Verbundenheit und einen unüberbrückbaren Abgrund. Dieser Widerspruch spiegelt die Dialektik der menschlichen Naturhaftigkeit, das Natur-Sein/Nicht-Natur-Sein. Im Blick des Tiers (ich paraphrasiere hier) erkennt ein Mensch gleichzeitig die Natur in sich – die Gleichheit mit dem tierischen Gefährten, und seine Entfernung von der Natur – die Ungleichheit mit ihm, und schließlich die Einheit dieses Widerspruchs, die ihn zum Menschen macht.
Dem Tier könnte es genauso gehen, wer weiß. Sich zu lieben, ist dennoch möglich, aber sicher nicht auf den ersten Blick und sicher nicht zwischen einem Mensch und einem Wildtier. Selbst bei Tieren, die Gefährten sind – Pferd oder Kuh, Katze oder Hund – kann es keine Liebe unter Gleichen sein.
Die Erfahrung, die John Berger nachvollzieht, stellt sich nicht spontan ein. Sie ist das Ergebnis einer Begegnung und ihrer Reflexion. Die Identifikation mit einem Tier und ihr Scheitern und die dennoch fortbestehende Verbundenheit könnten dabei helfen, ein vernünftigeres, unromantisches Verhältnis zu den anderen Tieren auf dem Planeten zu entwickeln (denn um Tiere handelt es sich ja auch bei den Menschen, auch wenn es besondere Tiere sind).
Heile Welt?
Das Wal-Spektakel an der Ostsee ist ein merkwürdiges Schauspiel. Voller Sentimentalität möchten viele Menschen darauf bestehen, dass irgendwo – ganz tief drinnen und ganz weit weg – eine heile, sich selbst und unbeschadet reproduzierende Natur existiert. Ihr romantisches Bedürfnis lässt sich von Fakten nicht mehr irritieren. Achtung, das wird gleich ein bisschen weh tun: »Timmy/Hope« will eure Liebe überhaupt nicht!
Die Psychoanalytikern Delaram Habibi-Kohlen hat untersucht, wie die ökologische Krise psychisch verarbeitet wird. »Alle interviewten Probanden sahen sich nicht selbst als Teil der Natur, sondern außerhalb von ihr stehend«, berichtet sie. »›Die Natur‹ wurde häufig entweder als gefährlich erlebt oder als eine Art gezähmtes Wellnessreservat, in das man sich am Wochenende zurückziehen kann. Eine Probandin erklärte zum Beispiel, die Umweltzerstörung sei für die Tiere besonders schlimm, denn die bräuchten ja die Natur. Die eigene Abhängigkeit wird hier so weit übersehen, d.h. abgespalten, dass sie noch nicht einmal mehr beunruhigt – jedenfalls nicht bewusst.«
Der Wal ist ein Symbol für Hoffnung. Deshalb muss er leben, ob nun er will oder nicht. So heften sich an das bedauernswerte Tier Omnipotenzphantasien und Überidentifikationen. Aber letztlich stehen die einem besseren Verhältnis zu den Mitbewohnern des Planeten im Weg, und auch einer realistischen Einschätzung der Lage. Free Timmy – von unseren Projektionen! Save the whales.
Matthias Becker
Der Autor hat ein Buch über die kommende Agrarkrise geschrieben: Bodenlos – Wer wird die Welt ernähren? (Köln: Papyrossa, 2025).
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