… und ihre Grenzen
von Peter Drucker
Nicht-Marxisten verstehen unter Imperialismus hauptsächlich militärische Intervention, Marxisten hingegen sehen den militärischen und geopolitischen Imperialismus im wirtschaftlichen Imperialismus begründet. Das bedeutet ungleiche kapitalistische Entwicklung, Kapitalexport, Wettbewerb um Rohstoffe, ungleicher Tausch usw.
In der Ukraine beispielsweise wird der europäische imperialistische Einfluss mindestens ebenso stark durch wirtschaftliche Macht ausgeübt – und durch Formen dessen, was irreführend als »Soft Power« bezeichnet wird – wie durch Waffenlieferungen oder über die NATO.
Das bedeutet keineswegs, dass militärische Macht für den Imperialismus unwichtig ist. Die USA versuchen unter Trump, ihren relativen Niedergang dadurch aufzuhalten, dass sie auf Bereiche setzen, in denen sie besonders stark sind: auf den militärisch-industriellen Komplex und die fossile Brennstoffindustrie. Ob Trumps Strategie aufgeht, ist dabei eine andere Frage.
In den verschiedenen Epochen des Imperialismus waren die interimperialistischen Konflikte mal mehr, mal weniger intensiv. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts führte der Wettstreit um Kolonialreiche zweimal zu weltweiten interimperialistischen Kriegen. In der Zeit vom Kalten Krieg bis zur Finanzkrise 2008 waren die Rivalitäten weniger intensiv: Der US-Imperialismus dominierte die kapitalistische Welt und ordnete sich andere Imperialismen unter.
Heute, im Zeitalter von Trump und eines rechtsextremem, neofaschistischen Nationalismus, nehmen die interimperialistischen Rivalitäten wieder zu, etwa zwischen den USA und Deutschland oder Frankreich.
Jede Entgegensetzung eines bösen Trump-Imperialismus und weniger böser europäischer Imperialismen ist jedoch nicht schlüssig. Der Aufstieg des Neofaschismus ist in Europa ebenso offensichtlich wie in den USA, sowohl in bestimmten Mitgliedstaaten der EU als auch in den EU-Institutionen selbst – ablesbar insbesondere an den Absprachen, die die traditionelle Rechte mit der extremen Rechten im Europäischen Parlament trifft.
Der chinesische Imperialismus
Der Aufstieg des chinesischen und des russischen Imperialismus ist nicht der einzige Grund für die wachsenden interimperialistischen Rivalitäten, zum Gesamtbild gehören weitere Elemente dazu.
Doch noch stehen wir nicht vor einem globalen Krieg. Wie heftig aber werden die heutigen interimperialistischen Konflikte voraussichtlich werden?
China ist eindeutig eine aufstrebende Wirtschaftsmacht, die weithin als Hauptrivalin der USA gesehen wird. Zwar sind die USA immer noch mit Abstand die dominierende militärische Supermacht, aber China ist zur weltweit dominierenden Supermacht im verarbeitenden Gewerbe geworden. Anfänglich galt sein Aufstieg den traditionellen Imperialismen nicht als Bedrohung; im Gegenteil, es war ein wichtiger Akteur bei der Gestaltung der neoliberalen Ordnung, indem es eine Art Symbiose mit westlichen multinationalen Konzernen einging. Diese Verflechtung ist heute so eng, dass ihre angestrebte Entkopplung eine enorme Herausforderung darstellt.
Die typische enge Zusammenarbeit zwischen imperialistischen Staaten und multinationalen kapitalistischen Unternehmen – etwa zwischen dem niederländischen Staat und einem multinationalen Unternehmen wie Shell – wird in China auf einzigartige Weise durch die Kommunistische Partei hergestellt, wobei Parteikomitees die Rolle zentraler Organe der Unternehmensführung übernehmen. Bei jeder internationalen Intervention Chinas – sei es die Kontrolle über den griechischen Hafen von Piräus, der chinesische Stützpunkt in Dschibuti oder chinesische Projekte in Afrika oder Lateinamerika – sind die geopolitischen Interessen Chinas eng mit der wirtschaftlichen Expansion des chinesischen Kapitals verflochten.
In den letzten Jahren sind der chinesische und der westliche Imperialismus zunehmend aneinandergeraten, etwa über die Kontrolle wichtiger Seewege. Parallelen zu den wachsenden interimperialistischen Spannungen vor dem Ersten Weltkrieg wurden vielfach festgestellt.
Russland – ein Sonderfall
Russland ist wirtschaftlich weitaus schwächer als China und viel stärker auf militärische Macht angewiesen, um seine regionale wirtschaftliche Vorherrschaft aufrechtzuerhalten. Hier gibt es eine Parallele zum zaristischen Imperialismus vor dem Ersten Weltkrieg – und man beachte, dass Lenin sich durch Russlands Armut und wirtschaftliche Rückständigkeit nicht davon abhalten ließ, das Land als imperialistisch zu bezeichnen.
Heute, insbesondere seit der Errichtung einer tiefen und umfassenden Freihandelszone mit der EU nach dem Maidan-Aufstand, wird die Ukraine unwiderstehlich in den Wirtschaftsraum der EU hineingezogen. Und genau wie die Einbindung eines Großteils von Polen in den russischen Markt zu Lenins Zeiten die politische Beherrschung durch das Zarenreich voraussetzte, ist eine Einbeziehung der Ukraine in den von Russland dominierten »eurasischen Raum« nur durch russische Militärmacht möglich.
Der Nahe Osten
Betrachtet man den Nahen Osten und insbesondere Palästina, so erkennt man, dass interimperialistische Konflikte eindeutig Grenzen haben.
Für die westlichen Imperialismen war und ist Öl von zentraler Bedeutung für die Kapitalakkumulation – mit zunehmend verheerenden Folgen für das Weltklima und die Völker. Seit den 1930er Jahren war das Öl aus Arabien und dem Golf für den Aufstieg des US-Imperialismus von zentraler Bedeutung, seit den 50er Jahren gründet sich die Weltwirtschaft auf Petrochemie und Kunststoff. Die heutigen imperialistischen Krisen des Imperialismus werden von ökologischen Katastrophen überlagert.
Mit dem wachsenden arabischen Widerstand gegen den Kolonialismus, insbesondere nach der ägyptischen Revolution von 1952, wurde die Region zu einer großen Herausforderung für den Imperialismus. Dies machte das Bündnis der USA mit dem Siedlerkolonialstaat Israel, insbesondere seit 1967, zu einem hervorragenden Geschäft für das US-Kapital. Die fast vier Milliarden Dollar, die die USA jährlich an Israel zahlen, kommen sie weitaus billiger als eine direkte US-Intervention.
Heute ist die Ära Trump auch die Ära Netanyahu, der in vielerlei Hinsicht Wegbereiter des heutigen globalen rechtsextremen Nationalismus ist. Trump und Netanyahu haben in den letzten gut zwei Jahren gemeinsam den völkermörderischen Angriff auf Gaza geführt. Trotz verbaler Verurteilungen durch die große Mehrheit der UN-Generalversammlung und durch den Internationalen Gerichtshof hat der UN-Sicherheitsrat im vergangenen November Gaza an Trump übergeben, indem er seinem sogenannten »Friedensrat« zugestimmt hat – mit europäischer Unterstützung und bei Stimmenthaltung Russlands und Chinas. Wir wissen mittlerweile von fünf Ländern, deren Truppen Trumps Herrschaft durchsetzen werden: Indonesien, Marokko, Albanien, Kasachstan und Kosovo. Dies entspricht der »Koalition der Willigen«, die George W. Bush vor Jahrzehnten für die Invasion des Irak ins Leben rief.
Die Lehre daraus ist klar: Die wirklichen Grenzen werden imperialistischen Mächten durch die Kämpfe der Palästinenser:innen und anderer unterdrückter Völker gesetzt, nicht dadurch, dass sie sich auf interimperialistische Rivalitäten verlassen.
Beim vorliegenden Text handelt es sich um einen Redebeitrag vor dem Internationalen Komitee der IV.Internationale im Februar 2026.
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