Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden
Aufmacher 4 21. Mai 2026

Der Aufstand der Soldaten im Vietnamkrieg ab 1968
von Joel Geier

In diesen Tagen rückt mit der zunehmenden Militarisierung der Gesellschaft in Deutschland, mit jeder Milliarde mehr für Rüstung und jedem Wehrpflichtigen, der neu rekrutiert wird, die Frage wieder in den Mittelpunkt: Wem dient die Bundeswehr? Wofür werden wir in den Krieg geschickt? In dem Maße, wie deutlich wird, dass es einen langen Atem und einige politische Klarheit braucht, um standfeste Argumente für das Nein zur Wehrpflicht zu erwerben, stellt sich auch die Frage, ob das Nein zum Krieg nicht auch innerhalb der Armee Fuß fassen sollte.

Die Notstandsgesetze, beschlossen 1967, sehen den Einsatz von Soldaten zur Unterdrückung von Aufständen im Inneren vor. Soll dies verhindert werden, muss die Armee für einen solchen Einsatz untauglich gemacht werden. Wie kann das gehen?
Die Geschichte kennt mehrere Beispiele, wo die Zersetzung der Armee dem Krieg ein Ende gemacht hat – das jüngste Beispiel dafür ist der Vietnamkrieg, gegen den die dort eingesetzten US-Soldaten in einem Maße revoltierten, dass der vorgesetzte Offizier schließlich als ein größerer Feind galt als der vietnamesische Kommunist. Die größte Militärmacht der Welt wurde auch von den eigenen wehrpflichtigen Soldaten geschlagen. Deren Rückhalt war die Antikriegsbewegung, die größte Massenbewegung in den USA nach dem Zweiten Weltkrieg. Ihre bekannteste Losungen waren: »Make love, not war«; »Give peace a chance«; »Hell no, we won’t go!«; »Bring the boys home« – ein Ausdruck des Widerstands gegen die Wehrpflicht (Draft), bei dem junge Männer öffentlich ihre Einberufungsbescheide verbrannten.

Der folgende Beitrag ist ein Ausschnitt aus einem längeren Artikel über die Kampfverweigerung der wehrpflichtigen Soldaten, den Joel Geier 1999 für die Zeitung der US-amerikanischen ISO (International Socialist Organization) geschrieben hat.

die Redaktion


Meuterei
»Wenn ein Offizier versuchte, einem Soldaten eine Disziplinarstrafe aufzuerlegen, fehlte ihm die Macht, diese durchzusetzen. Darin liegt eines der sicheren Zeichen einer echten Volksrevolution.«
L.D. Trotzki: Geschichte der Russischen Revolution

Die Verweigerung eines Befehls, in den Kampf vorzurücken, ist ein Akt der Meuterei. In Kriegszeiten ist dies das schwerste Verbrechen im Militärgesetzbuch, das mit dem Tod bestraft wird. In Vietnam grassierte die Meuterei, die Macht zur Bestrafung schwand dahin und die Disziplin brach zusammen, als Einsätze des »Search and destroy« (Aufspüren und Vernichten) von unten her aufgehoben wurden.
Bis 1967 war die offene Missachtung von Befehlen selten und wurde hart unterdrückt, mit Strafen von zwei bis zehn Jahren für geringfügige Verstöße. Die Ablehnung des »Search and destroy« äußerte sich in verdeckter Kampfvermeidung: Ein Zug, der ausgesandt wurde, um »durch die Wildnis zu stapfen«, suchte sich einen sicheren Unterschlupf, von dem aus er erfundene Berichte über imaginäre Aktivitäten einreichte.
Nach der Tet-Offensive 1968 wurde aus der Kampfvermeidung allerdings offene Meuterei. Ein Pentagon-Beamter berichtete: »Meuterei wurde so alltäglich, dass die Armee gezwungen war, ihre Häufigkeit zu verschleiern, indem sie stattdessen von ›Kampfverweigerung‹ sprach.« Kampfverweigerung, so ein Kommentator, »ähnelte einem Streik und trat auf, wenn Soldaten einen Befehl zum Kampf verweigerten, missachteten oder verhandelten«.
Meutereien fanden in einem Ausmaß statt, wie es zuvor nur bei Revolutionen zu beobachten war. Die fortschreitende Kampfunwilligkeit amerikanischer Soldaten bis hin zum offenen Ungehorsam vollzog sich über einen Zeitraum von vier Jahren zwischen 1968 und 1971.
Von einzelnen Einheiten weiteten sich die Kampfverweigerungen auf ganze Kompanien aus.
Die erste gemeldete Massenmeuterei ereignete sich im August 1969 in der 196.Leichten Brigade: Die Kompanie A des 3.Bataillons, deren Stärke von ursprünglich 150 auf 60 Mann geschrumpft war, hatte sich fünf Tage lang unter schwerem Beschuss durch das Songchang-Tal gekämpft, als sie sich weigerte, einem Befehl zum Vorstoß über einen gefährlichen Berghang nachzukommen. Die New Yorker Daily News titelte groß: »Sir, meine Männer weigern sich zu gehen.« Die GI-Zeitung The Bond stellte fest: »Es war ein organisierter Streik … Eine erschütterte Führung entließ den Kompaniechef … aber sie erhoben keine Anklage gegen die Männer. Die Führung beugte sich der Stärke der organisierten Männer.«
Dieser Präzedenzfall – kein Kriegsgericht wegen Verweigerung des Gehorsams gegenüber dem Befehl zu kämpfen, sondern Enthebung des Linienoffiziers von seinem Kommando – war das Muster für den Rest des Krieges. Massive Insubordination wurde vom Offizierskorps nicht bestraft, denn es lebte in Angst vor seinen eigenen Männern. Selbst die Androhung von Strafen schlug oft fehl. Ein berühmte Vorfall war die Weigerung der B-Kompanie des 1.Bataillons der 12.Infanterie, in ein vom ­Vietcong, der südvietnamesischen Befreiungsfront FNL, gehaltenes Gebiet vorzurücken. Als ihnen ein Kriegsgericht angedroht wurde, schlossen sich andere Züge an und weigerten sich vorzurücken, bis die Armee einlenkte.
Als die Angst vor Bestrafung nachließ, nahmen die Meutereien sprunghaft zu. Hanois Vietnam Courier dokumentierte 1969 15 bedeutende GI-Aufstände, Hunderte kleinerer wurden gemeldet. Die CBS Evening News übertrug live eine Patrouille der 7.Kavallerie, die ihrem Hauptmann mitteilte, sein Befehl zum direkten Vorstoß gegen die FNL sei Unsinn, er würde Verluste mit sich bringen und sie würden ihn nicht befolgen. Eine weitere CBS-Sendung zeigte die Meuterei einer Gewehrkompanie der 1.Luftkavalleriedivision.
Als Kambodscha 1970 überfallen wurde, führten Soldaten der Fire ­Base Washington ein Sit-in durch. Sie sagten gegenüber Up Against the Bulkhead: »Wir haben dort nichts zu suchen … wir haben uns einfach hingesetzt. Dann versprachen sie uns, dass wir nicht nach Kambodscha gehen müssten.« Bei der Invasion von Laos im März 1971 weigerten sich zwei Züge, vorzurücken. Um eine Ausweitung der Meuterei zu verhindern, wurde das gesamte Geschwader aus dem Einsatz in Laos abgezogen. Der Hauptmann wurde seines Kommandos enthoben, doch gegen die Soldaten wurden keine Disziplinarmaßnahmen ergriffen.
Diese Beispiele zeigen, wie sehr der Verfall der Disziplin die Macht der Offiziere untergraben hatte. Die einzige Strafe für die meisten Meutereien bestand darin, den befehlshabenden Offizier seines Amtes zu entheben. Folglich meldeten viele Kommandeure nicht, dass sie die Kontrolle über ihre Männer verloren hatten. Nachrichten über Meutereien, die ihre Karrieren gefährden würden, kehrten sie unter den Teppich. Da sie stillschweigend mitschuldig wurden, verlor das Offizierskorps jegliche verbleibende moralische Autorität, Disziplin durchzusetzen.
Auf jeden Akt der Auflehnung im Kampf kamen Hunderte kleinerer Fälle von Ungehorsam in den hinteren Basislagern. Ein Infanterieoffizier berichtete: »Man kann keine Befehle erteilen und erwarten, dass sie befolgt werden.« Dieser demokratische Aufschwung von unten war so weitreichend, dass die Disziplin durch eine neue Kommandotechnik namens »Working it out« ersetzt wurde. »Working it out« war eine Form von Verhandlungen zwischen Offizieren und Soldaten, um Befehle festzulegen. »Working it out« zerstörte die Autorität des Offizierskorps und untergrub die Fähigkeit der Armee, Such- und Vernichtungsmissionen durchzuführen. Doch die Armee hatte keine alternative Strategie für einen Guerillakrieg gegen eine nationale Befreiungsbewegung.
Die politischen Auswirkungen der Meuterei waren weit über Vietnam hinaus zu spüren. Wie H.R. Haldeman, Nixons Stabschef, feststellte: »Wenn Truppen meutern, kann man keine aggressive Politik betreiben.« Die Revolte der Soldaten schränkte die globale Reichweite des US-Imperialismus ein.

Fragging
Die Tötung amerikanischer Offiziere durch ihre eigenen Truppen war in Vietnam ein offen verkündetes Ziel. Eine GI-Zeitung forderte: »Desertiere nicht. Geh nach Vietnam und töte deinen Kommandanten.« Und das taten sie. Ein neuer Slangbegriff entstand, um die Hinrichtung von Offizieren zu feiern: Fragging. Das Wort stammt von der Splittergranate, die die Waffe der Wahl war, da die Beweise dabei vernichtet wurden.
In jedem Krieg töten Soldaten Offiziere, deren Inkompetenz oder Leichtsinn das Leben ihrer Männer bedroht. Doch nur in Vietnam wurde dies in Kampfsituationen allgegenwärtig und war in den hinteren Basislagern weit verbreitet. Es war der bekannteste Aspekt des Klassenkampfs innerhalb der Armee, er richtete sich nicht nur gegen unerträgliche Offiziere, sondern gegen die »Lebenslänglichen« als Klasse.
Nach der Tet-Offensive wurde Fragging zu einer Epidemie. Die Armee meldete 126 Fraggings im Jahr 1969, 271 im Jahr 1970 und 333 im Jahr 1971, dann hörte sie auf, die Zahlen zu erfassen. Allein in der American Division (bekannt durch My Lai) kam es in dem Jahr zu einem Fragging pro Woche, nur ein Bruchteil wurde gemeldet. In den Zahlen sind Offiziere nicht enthalten, die von ihren eigenen Männern in den Rücken geschossen und als verwundet oder im Einsatz getötet geführt wurden.
Die Armee räumte ein, sie könne nicht erklären, wie 1400 Offiziere und Unteroffiziere ums Leben kamen. Sie schätzte, dass 20–25 Prozent – wenn nicht mehr – aller während des Krieges getöteten Offiziere von Soldaten getötet wurden, nicht vom »Feind«. Diese Zahl ist in der Kriegsgeschichte beispiellos. Soldaten, die den kollektiven Beschluss ausführten, erhielten eine Belohnung ihrer Kameraden.
Das Motiv für die meisten Fraggings war nicht Rache, sondern die Änderung des Kampfverhaltens. Aus diesem Grund wurden Offiziere in der Regel vor Fraggings gewarnt. Zunächst wurde eine Rauchgranate in der Nähe ihrer Betten abgelegt. Wer nicht reagierte, fand als sanfte Mahnung eine Tränengasgranate oder einen Granatenzünder auf seinem Bett. Schließlich wurde die tödliche Granate in das Bett der schlafenden, unnachgiebigen Offiziere geworfen.
Die Offiziere verstanden die Warnungen und fügten sich in der Regel, wodurch sie den Forderungen ihrer Männer ausgeliefert waren. Es war das praktischste Mittel, um die Disziplin in der Armee zu brechen. Die Einheiten, deren Offiziere darauf reagierten, verzichteten auf Such- und Vernichtungsmissionen.
Offiziere, die Fragging-Versuche überlebten, konnten nicht sagen, welcher ihrer Männer versucht hatte, sie zu töten, oder wann die Männer erneut zuschlagen könnten. Sie lebten in ständiger Angst vor künftigen Fragging-Versuchen durch unbekannte Soldaten. In Vietnam galt die Binsenweisheit, dass »jeder der Feind« war. In Teilen Vietnams schürte Fragging unter Offizieren und Unteroffizieren mehr Angst als der Krieg gegen »Charlie«.
Gegenangriffe durch sich wehrende Offiziere trugen zu einem Krieg im Krieg bei, da Offiziere versuchten, potenzielle Unruhestifter oder diejenigen zu töten, die sie verdächtigten, einen Anschlag auf sie zu planen. Bis 1970 trauten viele Kommandeure Schwarzen oder radikalen Weißen keine Waffen mehr an, außer bei Wachdienst oder im Kampf. In der American Division wurden den Truppen keine Splittergranaten ausgehändigt. Die US-Armee entwaffnete langsam ihre eigenen Männer um zu verhindern, dass die Waffen auf den Hauptfeind gerichtet wurden: die Berufssoldaten. Es fällt schwer, sich eine andere Armee vorzustellen, die solche Angst vor ihren eigenen Soldaten hatte.

Frieden von unten – Suchen und Meiden
Meutereien und »Fraggings« waren Ausdruck der Wut und Verbitterung, die Kampfsoldaten empfanden, weil sie als Kanonenfutter eingesetzt wurden, um Kommunisten zu töten. Dies zwang die Truppen dazu darüber nachzudenken, wer der wahre Feind war. Viele kamen zum Schluss, dass der Feind die »Lifers« oder die Herrschenden in den Vereinigten Staaten waren – dass es die Kapitalistenklasse war und nicht, wie sie einst geglaubt hatten, die FNL.
In einem bemerkenswerten Brief schrieben 40 Offiziere vom Einsatz im Juli 1970 an Präsident Nixon, »das Militär, die Führung dieses Landes wird von vielen Soldaten fast ebenso sehr als unser Feind wahrgenommen wie der Vietcong und die nordvietnamesische Armee«.
Fort Ords Right-On-Post verkündete, die Soldaten müssten sich selbst und alle ausgebeuteten Menschen von der Unterdrückung durch das Militär befreien, »unseren wahren Feind erkennen … Es sind die Kapitalisten, die nur den Profit sehen … Sie kontrollieren das Militär, das uns in den Tod schickt. Sie kontrollieren die Polizei, die die schwarzen und braunen Ghettos besetzt.« Für andere war der Feind unmittelbarer. Die GI-Zeitung Ft. Lewis-McChord Free Press stellte fest: »In Vietnam sind die Berufssoldaten, die hohen Offiziere der wahre Feind.«
Von dort war es nur ein kleiner Schritt zur Vorstellung, dass »der andere Krieg, der Krieg gegen Charlie«, beendet werden müsse. Nachdem die Invasion Kambodschas 1970 den Krieg ausgeweitet hatte, erfassten Wut und die demoralisierende Erkenntnis, dass nichts die Kriegstreiber aufhalten könne, sowohl die Antikriegsbewegung als auch die Truppen.
Das beliebteste Helm-Logo wurde »UUUU«, was so viel bedeutete wie »die Unwilligen, angeführt von den Unqualifizierten, die das Unnötige tun für die Undankbaren«. Frieden, sollte er kommen, müsse von den Truppen selbst geschaffen werden, herbeigeführt durch einen inoffiziellen Truppenabzug, der die Such- und Vernichtungsmissionen beendete.
Dieser Frieden von unten wurde als »Search and Avoid« oder »Search and Evade« bezeichnet. Er war so weit verbreitet, dass »Search and Evade« (was die stillschweigende Vermeidung von Kämpfen durch Einheiten im Feld bedeutet) nun praktisch ein Kriegsgrundsatz wurde, anschaulich ausgedrückt durch den GI-Satz: »CYA« (Cover your ass) und nach Hause! Dabei ging es nicht mehr darum, dass sich einzelne Einheiten vor dem Krieg versteckten – nun war es eine offene, politische und klare Strategie zur Herbeiführung von Frieden.
Patrouillen, die ins Feld geschickt wurden, wichen potenziellen Zusammenstößen mit der FNL bewusst aus. Nachtpatrouillen, die am gefährlichsten waren, hielten an und nahmen Positionen ein paar Meter jenseits des Verteidigungsperimeters ein, wo der Vietcong niemals hinkommen würde. Sie hofften, der FNL klar zu machen, dass ihre Einheit ihren eigenen Friedensvertrag geschlossen hatte. Eine andere Taktik bestand darin, das Basislager zu verlassen, ein sicheres Gebiet im Dschungel einzunehmen und ein Verteidigungssystem zu errichten, in dem man sich für die Dauer der Mission verschanzte. Einige Einheiten nahmen bei solchen Such-und-Ausweich-Einsätzen sogar feindliche Waffen mit, damit sie bei ihrer Rückkehr einen Feuerwechsel melden und Beweise für feindliche Verluste vorlegen konnten, um die vom Oberkommando geforderten Opferzahlen zu erreichen.
Ein amerikanischer Soldat aus Cu Chi wurde in der New York Times zitiert: »Es ist keine große Sache, sich zu weigern. Wenn einem Mann befohlen wird, an diesen oder jenen Ort zu gehen, macht er sich nicht mehr die Mühe, sich zu weigern; er packt einfach sein Hemd ein und besucht ein paar Kameraden in einem anderen Basislager.«
In Pace, nahe der kambodschanischen Front, wurde ein einseitiger Waffenstillstand weitgehend durchgesetzt: »Die Männer waren sich einig und gaben die Anweisung an andere Züge weiter: Niemand schießt, es sei denn, er wird beschossen. Am 10. Oktober 1971 gegen 11 Uhr erklärten die Männer der Bravo-Kompanie ihren eigenen privaten Waffenstillstand mit den Nordvietnamesen.«
Die FNL reagierte auf die neue Situation. Die People’s Press, eine Zeitung für US-Soldaten, behauptete in ihrer Ausgabe vom Juni 1971, Einheiten der FNL und der Armee Nordvietnams hätten den Befehl erhalten, keine Feindseligkeiten gegen US-Soldaten zu eröffnen, die rote Halstücher trugen oder Friedenszeichen zeigten, es sei denn, sie würden zuerst beschossen. Zwei Monate später erhielt der erste Vietnamveteran, der Hanoi besuchte, eine Kopie eines »Befehls an nordvietnamesische Truppen, nicht auf US-Soldaten zu schießen, die Antikriegssymbole trugen oder ihre Gewehre mit der Mündung nach unten hielten«. Dies habe ihn davon überzeugt, »dass ich nun auf der Seite der Vietnamesen stand«.
Oberst Heinl berichtete: »Dass dieses ›Suchen und Ausweichen‹ vom Feind nicht unbemerkt geblieben ist, wird durch die jüngste Erklärung der Vietcong-Delegation bei den Pariser Friedensgesprächen unterstrichen, wonach kommunistische Einheiten in Indochina den Befehl erhalten haben, amerikanische Einheiten, die sie nicht belästigen, nicht anzugreifen. In derselben Erklärung wurde – nicht ohne faktische Grundlage – damit geprahlt, dass sich amerikanische Überläufer in den Reihen des Vietcong befinden.«
Einige Offiziere schlossen sich dem inoffiziellen Waffenstillstand von unten an oder führten ihre Männer dazu. Ein Oberst der US-Armee behauptete: »Ich hatte Einfluss auf eine ganze Provinz. Ich setzte meine Männer ein, um bei der Ernte zu helfen. Sie errichteten Gebäude. Als die nord­vietnamesische Armee begriff, was ich tat, ließen sie nach. Ich spreche hier von einem De-facto-Waffenstillstand, verstehen Sie? Der Krieg kam in den meisten Teilen der Provinz zum Stillstand. Das ist die Art von Geschichte, die nicht aufgezeichnet wird. Nur wenige Menschen wissen überhaupt, dass es passiert ist, und niemand wird jemals zugeben, dass es passiert ist.«
»Search and Avoid«, Meuterei und »Fraggings« waren ein brillanter Erfolg. Zwei Jahre nach dem Beginn des Aufstands der Soldaten, im Jahr 1970, war die Zahl der US-Kampfopfer um mehr als 70 Prozent (auf 3946) gegenüber dem Höchststand von über 14.000 im Jahr 1968 gesunken. Es war die »Revolte der Leichensäcke«, von Männern, die sich weigerten, in Leichensäcke gesteckt zu werden, um zu Opfern des amerikanischen Kapitalismus zu werden. Die Revolte der Soldaten gewann den Krieg innerhalb der Armee. Die Bodentruppen wurden aus Vietnam abgezogen. Die Streitkräfte scheuen sich immer noch, sie anderswo einzusetzen.

Die Revolution und die Armee

»Es ist eine offensichtliche Tatsache, dass die Desorganisation der Armeen und eine völlige Lockerung der Disziplin sowohl Vor­aussetzung als auch Folge aller bisherigen erfolgreichen Revolutionen waren.«
Engels an Marx, 26. September 1851

Es ist eine Maxime revolutionärer Politik, dass für den Erfolg einer Revolution ein Teil der Armee zu den revolutionären Kräften überlaufen muss. Damit dies geschieht, muss die revolutionäre Bewegung stark genug sein, um den Soldaten das Vertrauen zu geben, dass sie sie vor den Folgen eines Bruchs der militärischen Disziplin schützen kann.
Die Armee revoltierte in Vietnam – doch es fehlte ihr an revolutionärer Organisation. Es gab keine Revolution, zu der sie überlaufen konnte. Die Revolte war zwar erfolgreich darin, den Einsatz von Bodentruppen zu beenden, ließ aber die Strukturen der Armee intakt, was es dem Imperialismus ermöglichte, sich langsam wieder aus den Trümmern zu erheben.
Die Armeerevolte wies alle Stärken und Schwächen der Radikalisierung der 60er Jahre auf, deren Teil sie war. Es war ein mutiger Massenkampf von unten, der die notwendigen taktischen Mittel zur Erreichung seiner Ziele im Laufe der Entwicklung kreativ improvisierte. Er verließ sich auf niemanden außer sich selbst, um seine Schlachten zu gewinnen.
Die Revolte war revolutionär in Temperament und Taktik, aber es fehlten ihr die Voraussetzungen für revolutionären Erfolg: Organisation, Programm, Kader und Führung. Man kann Dutzende heldenhafter Taten der Soldatenrevolte in Vietnam aufzählen, aber es ist unmöglich, irgendeine Organisation oder einen Anführer zu benennen. Sie sind namenlos.
Die Revolte war brillant, aber kurzlebig. Die einzigen Organisations­instrumente waren die Untergrundzeitungen der GIs. Eine Zeitung ist, wie jeder Revolutionär bestätigen kann, ein Organisator, das Gerüst für den Aufbau einer Organisation. Doch die Zeitungen wurden zum Ersatz für eine Organisation. Es gab ein Gerüst, aber kein Gebäude.
Ein Widerspruch moderner imperialistischer Armeen besteht darin, dass sie den Eroberungskriegen der herrschenden Klasse dienen, während sie sich auf Truppen der Arbeiterklasse stützen, die – ungeachtet ihrer anfänglichen ideologischen Verwirrung – kein materielles Interesse an Eroberungen hat. Dieser Widerspruch birgt das Potenzial, Armeen zu zerstören. Im 20.Jahrhundert tat er dies mit der russischen und der deutschen Armee am Ende des Ersten Weltkriegs, mit der portugiesischen Armee in den afrikanischen Kolonialkriegen der 70er Jahre und mit der US-Armee in Vietnam. Aber Armeen wurden auch für die Konterrevolution eingesetzt, wofür die Niederlage der chilenischen Revolution eine noch immer lebendige Erinnerung ist.
Die verborgene Geschichte der 60er Jahre beweist, dass die US-Armee gespalten und für die revolutionäre Bewegung gewonnen werden kann. Doch das erfordert die lange, langsame und geduldige Arbeit der Aufklärung, der Propaganda, der Bildung, der Organisation sowie der Agitation und Aktion. Der Vietnamaufstand zeigt, wie einfache Soldaten dieser Aufgabe gewachsen sein können. Die noch unvollendete Aufgabe besteht darin, dass auch die revolutionäre Organisation dieses Niveau erreicht. Wenn dies geschieht, können die Truppen der amerikanischen Armee zu Truppen der amerikanischen Revolution werden.

Bei dem vorliegenden von der SoZ-Redaktion gekürzten Text handelt es sich um den zweiten Teil eines längeren Textes, der 2025 anlässlich des 50. Jahrestags des Endes des Vietnamkriegs in Against the Current, Nr. 238 und 239, erschienen ist. Erstveröffentlichung in: International Socialist Review, Nr. 3, Herbst 1999.

Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Folgende HTML-Tags sind erlaubt:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>


Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.


Kommentare als RSS Feed abonnieren