›Wir erleben die Folgen der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen‹
von Adam Hanieh
Die Energiemärkte sind in Aufruhr. Am 12.März stieg der Preis für Brent-Rohöl auf über 100 US-Dollar und lag damit nur geringfügig unter dem Höchststand von 119 US-Dollar pro Barrel drei Tage zuvor.
Diese Schwankungen haben die Aufmerksamkeit auf wichtige Energieengpässe wie die Straße von Hormus gelenkt, durch die täglich etwa ein Fünftel des weltweit verschifften Öls und Flüssigerdgases (LNG) fließt. Die Sperrung dieser Meerenge wird sich in den kommenden Monaten im Alltag der Menschen bemerkbar machen, insbesondere in Form von explodierenden Haushaltsrechnungen. Doch die Ölpreise allein geben nicht die volle wirtschaftliche Bedeutung des Konflikts wieder.
Um die weiterreichenden Auswirkungen zu verstehen, müssen wir die großen Veränderungen und Umgestaltungen der Energiemärkte in den letzten zwei Jahrzehnten betrachten und die zentrale Rolle, die die Golfstaaten dabei spielten. Eine unerwartete Folge dieses Krieges ist, dass die beiden größten Feinde der USA – China und Russland – durchaus näher zusammenrücken könnten.
Die erste dieser Veränderungen hängt mit Chinas raschem Wachstum in Industrie und Fertigung zusammen – es hat zu einer dramatischen Wende im weltweiten Ölhandel geführt. Im Verlauf des größten Teils der modernen Öl-Ära floss das Rohöl aus dem Golf vor allem nach Westen und versorgte die USA und Europa.
Heute hat sich der Schwerpunkt dieses Handels entscheidend nach Asien verlagert. Allein auf China entfällt mittlerweile rund ein Viertel der weltweiten Ölimporte, von denen der größte Teil aus den Golfstaaten stammt. China nimmt heute etwa 90 Prozent der iranischen Rohölexporte ab, wobei ein Großteil über Malaysia geleitet wird, um Sanktionen zu umgehen.
Diese Veränderungen erklären, warum der aktuelle Krieg so große wirtschaftliche und geopolitische Auswirkungen hat. Da sich der Schwerpunkt des Ölhandels nach Osten verlagert hat, steht der Engpass, der einst im westlichen strategischen Denken eine große Rolle spielte, nun gleichermaßen im Zentrum der wirtschaftlichen Sicherheit Asiens.
Insbesondere für China stellen Konflikte am Golf und die Anfälligkeit von Transitrouten wie der Straße von Hormus ein großes Risiko für seine Energieversorgung dar. Im Gegensatz dazu waren andere geopolitische Schocks für Peking leichter zu verkraften – venezolanisches Öl macht beispielsweise weniger als 5 Prozent der chinesischen Rohölimporte auf dem Seeweg aus, weshalb die jüngsten Störungen dort für das Land relativ gut zu bewältigen waren.
Kurzfristig kann Peking die Auswirkungen des Krieges abfedern, indem es auf seine strategischen Erdölreserven zurückgreift, die auf etwa 1,1 bis 1,4 Milliarden Barrel geschätzt werden. Sollte die Unterbrechung jedoch andauern, wird China wahrscheinlich seine Abhängigkeit von alternativen Lieferanten, insbesondere Russland, verstärken und damit die wachsende Energiepartnerschaft zwischen den beiden Ländern festigen.
Der Handelsboom mit Asien hat außerdem die staatlichen Ölgesellschaften der Golfstaaten an die Spitze der globalen Öl- und Gasindustrie katapultiert, ihre Reserven, Fördermengen und Exportvolumina haben diejenigen ihrer westlichen Konkurrenten überholt. Saudi-Arabiens Aramco beispielsweise ist heute mit Abstand der größte Ölexporteur der Welt.
Nicht mehr nur Rohöllieferanten
In den letzten Jahren haben sich Unternehmen wie Aramco über den »Upstream«-Bereich der Industrie – das ist die Förderung und den Verkauf von Rohöl – hinaus diversifiziert und sind in »Downstream«-Aktivitäten vorgedrungen, bei denen Rohöl und Gas zu raffinierten Produkten wie Kunststoffen, Petrochemieerzeugnissen und Düngemitteln verarbeitet werden. Infolgedessen ist der Golf heute ein wichtiger Lieferant von Industriegütern, die in der globalen Fertigungsindustrie und Landwirtschaft unverzichtbar sind.
Eine Folge dieser Verlagerung ist, dass der Golf zunehmend mit der globalen Lebensmittelwirtschaft vernetzt ist. Große Mengen an Düngemitteln werden durch die Straße von Hormus transportiert, darunter mehr als ein Drittel des international gehandelten Harnstoffs und fast die Hälfte der weltweiten Schwefelexporte, die in Phosphatdüngern verwendet werden. Harnstoff ist der gängigste Stickstoffdünger und für etwa die Hälfte der weltweiten Pflanzenproduktion unverzichtbar.
Da die Lieferungen aus der Region ins Stocken geraten, haben die Düngemittelpreise bereits stark angezogen. Sollten die Störungen während der aktuellen Anbausaison auf der Nordhalbkugel anhalten, werden die Landwirte mit höheren Kosten für unverzichtbare Betriebsmittel konfrontiert sein – ein Druck, der sich letztendlich auf die Lebensmittelpreise weltweit auswirken wird.
Die Geschichte zeigt, dass die Auswirkungen solcher Schocks selten gleichmäßig verteilt sind. Von der Finanzkrise 2008 bis zu den Nahrungsmittel- und Energiekrisen nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine trafen globale Störungen in der Regel die am stärksten gefährdeten Gesellschaften am härtesten. Steigende Energie- und Düngemittelkosten wirken sich auf Transport, Produktion und Ernährungssysteme aus, wobei ärmere Haushalte und anfälligere Volkswirtschaften die größte Last tragen.
Länder im globalen Süden, die stark von importierten Brennstoffen, Düngemitteln und Lebensmitteln abhängig sind, sind besonders gefährdet, da die höheren Energie- und Rohstoffpreise schnell zu steigenden Lebensmittelkosten und zunehmendem Druck auf die Zahlungsbilanz führen – und möglicherweise zu Hunger und Hungersnöten. Die Folge ist oft eine Verschärfung bestehender Ungleichheiten sowohl innerhalb der Länder als auch in der Weltwirtschaft.
Über diese ungleichen Auswirkungen hinaus offenbart der Krieg eine entscheidende Tatsache in bezug auf die Struktur des globalen Energiesystems: Trotz jahrzehntelanger Diskussionen über die Energiewende bleiben die weltweite Produktion und der Handel stark von Öl und Gas abhängig.
Vor einigen Jahren erklärte der saudische Energieminister, dass »jedes Molekül Kohlenwasserstoff gefördert werden wird«. Die Folgen eines nach wie vor an fossile Brennstoffe gebundenen Energiesystems werden nun deutlich.
Die Golfregion steht im Zentrum dieses Systems, nicht nur als Rohöllieferant, sondern auch als Drehscheibe für die Raffinerie-, Petrochemie- und Düngemittelindustrie, die die globale Fertigungsindustrie und Landwirtschaft stützen. Der Krieg verdeutlicht die Gefahr einer anhaltenden Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen – und warum die Abkehr von ihnen heute wichtiger denn je ist.
Adam Hanieh ist Direktor des SOAS Middle East Institute und Autor von Crude Capitalism. Oil, Corporate Power, and the Making of the World Market.
Aus: The Guardian, 12.März 2026.
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