›Es ist und bleibt ein Viertel von unten‹
Musa Kaplan im Gespräch mit Mol und Nora
Die Gemeinschaft des besetzten Prosfygika in Athen lebt Kollektivität. Jetzt droht der griechische Staat sie zu räumen.
Mol und Nora sind beide Teil der Community und aktiv im Internationalistischen Komitee und in der Struktur für technische Arbeiten. Mit ihnen sprach Musa Kaplan.
Wie ist die Nachbarschaft des besetzten Prosfygika entstanden?
Mol: Diese Nachbarschaft besteht seit hundert Jahren und sie hat eine lange Widerstandsgeschichte. In den 90er Jahren wurde sie geräumt, weil der Staat geplant hatte, das Viertel abzureißen. Daraufhin haben autonome und andere politische Menschen angefangen, das Viertel zu besetzen, es kamen aber auch die Mafia und viele Menschen in Not. 2010 hat sich die Community gegründet, basierend auf dem Befreiungskampf gegen die organisierte Mafia, während die Polizei die Steuern vom Drogenhandel abschöpfte. Daraus ist die heutige Nachbarschaft des besetzten Prosfygika mit über zwanzig Strukturen und einem kollektiven Leben entstanden.
Am Anfang gab es drei Grundvereinbarungen: keine Gewalt untereinander, keine Handelsbeziehungen zwischen den Mitgliedern der Community, und kollektives Eigentum. Das heißt, alle Strukturen, alle Häuser, die wir benutzen, in denen wir wohnen, gehören dem Kollektiv und werden gemeinsam verwaltet.
Nora: Prosfygika heißt so viel wie »Flüchtlingsviertel«. Am Rande der Stadt wurden überall diese »Viertel« gebaut, eigentlich waren das migrantische Camps. Heute befinden wir uns damit im Zentrum der Stadt, aber es ist und bleibt ein Viertel von unten. Von Anfang an haben sich hier Migrant:innen, Geflüchtete und solche, die ausgebeutet worden sind, organisiert.
Wie organisiert ihr euch?
Mol: Prosfygika ist ein Viertel mit acht Häuserblocks. Ungefähr 400 Menschen leben hier. Viele sind in der Community organisiert. Dafür haben wir 22 Strukturen aufgebaut, um die unterschiedlichen Bedürfnisse innerhalb der Community zu decken – unter anderem eine Bäckerei, eine Frauenstruktur und eine Gesundheitsstruktur.
Es gibt allgemeine Versammlungen, in denen wir unsere kollektiven Aufgaben organisieren: Wer geht zum Markt, wer macht bestimmte Arbeiten, die für alle getan werden müssen…?
Nora: Alle Menschen, die hier untergebracht sind, haben anfangs der kollektiven Vereinbarung zugestimmt, die die generellen Prinzipien und Abläufe der Community festhält. Wir organisieren uns horizontal und arbeiten mit kollektiver und individueller Verantwortung. Es gibt auch Verantwortliche, sie haben die exekutive Verantwortung, die getroffenen Entscheidungen umzusetzen.
Wie trefft ihr Entscheidungen?
Nora: Die größeren Entscheidungen werden alle zwei, drei Jahre auf unserem großen Kongress getroffen. Das ist ein Plenum, das zwei Monate lang jedes Wochenende stattfindet. Da wird alles ausgewertet und der Plan für die kommenden zwei, drei, fünf Jahre gemacht. Natürlich will die Community ihre Autonomie bewahren, ihre Situation verbessern und ganz grundsätzlich überleben. Die großen Entscheidungen bestimmen dann unsere wöchentlichen und täglichen Plena.
Wenn ich im Plenum der Bäckerei sitze, habe ich die Verantwortung zu überlegen, ob unsere Vorschläge und Entscheidungen der gemeinsamen Richtung entsprechen. Das ist wichtig, denn Ideen und Vorschläge gibt’s viele, aber wenn alles in unterschiedliche Richtungen geht, finden wir irgendwann nur noch Chaos vor.
Das große Montagsplenum, wo wir Entscheidungen über die Community treffen, und die Frauenstruktur als entscheidungsgebendes Organ sind obligatorische Plena für die Leute, die aus politischen Gründen hier sind. Von Menschen, die andere Bedürfnisse und Verantwortungen haben, Familie, Jobs und so weiter, erwartet niemand, dass sie bis zwei Uhr nachts Plenum machen. Wir erwarten aber, dass sie Teil der kollektiven Verantwortung sind.
Wofür wir uns entschieden haben, ist inspiriert von der kurdischen Freiheitsbewegung. Wir üben Kritik und Selbstkritik und stoßen Diskussionen und Prozesse von transformativer Gerechtigkeit an. Alle von uns haben Probleme und bringen diese früher oder später in die Community ein. Das ist unvermeidlich. Die Frage ist, wie wir mit Problemen und Gewalt umgehen, wie wir Gewalt minimieren und es schaffen, so viele unterschiedliche Leute zu einen. Oft müssen wir erstmal einen Schritt zurückgehen, um kollektiv einen Schritt nach vorn zu gehen.
Habt ihr ein Beispiel?
Mol: Ja, unser kollektives Café, der Kioski. In der letzten Zeit gab es Probleme bezüglich der kollektiven Verantwortung dafür. Es gibt einzelne, die für den Kioski viel Verantwortung tragen, aber letztendlich ist es immer noch ein kollektiver Ort. In der letzten Zeit haben Leute ihre Sachen nicht weggeräumt, alles lag irgendwo rum. Am Ende haben immer dieselben Menschen, und zwar die Verantwortlichen, das Chaos der anderen beseitigen müssen.
Die Verantwortlichen sind dann in die Versammlung gekommen und haben innerhalb der Community darüber geredet. Sie haben gefragt, wie kann das sein, dass wir diesen kollektiven Ort haben und ihn behandeln wie einen Shop, in den wir reingehen und alles stehen und liegen lassen? Das sind doch nicht die Beziehungen, die wir miteinander innerhalb der Community führen wollen. Wir haben dann darüber gesprochen, was es für uns bedeutet, als Teil der Community kollektiv Verantwortung für den Kioski zu übernehmen. Wie machen wir den Ort wieder kollektiv?
Wie sind eure Beziehungen zur kurdischen Befreiungsbewegung?
Nora: In diesem Viertel haben schon immer Internationalist:innen gelebt, daher gab es von Anfang an einen engen Austausch mit revolutionären Bewegungen, vor allem mit der kurdischen Befreiungsbewegung. Ein Genosse, Haukur Hilmarsson, hat länger hier gelebt, ist schließlich nach Rojava gegangen und in Afrin durch einen türkischen Luftschlag gefallen.
Mol: Als die ersten Genoss:innen der Community nach Rojava gegangen sind, haben sie festgestellt, dass das Prinzip, wie wir uns organisieren, sehr nah am demokratischen Konföderalismus ist. Uns im Kleinen und Rojava im Großen verbindet die Frage, wie wir bei so vielen unterschiedlichen Menschen und Gruppen das Gemeinsame finden können.
Es gibt erneut Pläne, Prosfygika zu räumen. Wie ist die Lage aktuell?
Mol: Im Juni 2025 haben die Regionalregierung von Attika, das Ministerium für Kultur und eine Institution für Arbeitslosigkeit ein Papier geschrieben. In unseren Häusern sollen Sozialwohnungen und Unterkünfte für Patient:innen und Angehörige vom Aggios Savvas Krankenhaus entstehen. Baubeginn soll Mitte des Sommers 2026 sein, momentan suchen sie einen Träger, der die Verantwortung für die Renovierung übernehmen wird.
Was diesmal grundlegend anders ist: Sie erwähnen unsere Community mit keinem Wort. Dass sich hier 400 Leute kollektiv organisieren und ein Leben in Würde aufgebaut haben, negieren sie komplett. Wir erwarten jederzeit Versuche vom Staat, die Community auf die Straße zu werfen. Hier leben aber Menschen mit Gesundheitsproblemen und Geflüchtete ohne Papiere, für die eine Räumung den Entzug der Lebensgrundlage bedeuten würde.
Als Reaktion darauf haben wir letztes Jahr angekündigt, die Gebäude selber zu renovieren. Man muss dazu erwähnen, die Gebäude stehen unter Denkmalschutz. Von innen werden sie heute schon von der Technikkommission erhalten. Von außen dürfen wir sie aber nicht anfassen, weil sie eben denkmalgeschützt sind.
Wir haben die Genossenschaft »Freunde und Bewohner:innen des besetzten Prosfygika in der Alexandrasallee« gegründet und fordern, dass die Rechte für eine Renovierung an diese Genossenschaft übergehen, damit wir die Renovierung in eigener Regie durchführen können.
Wir renovieren jetzt schon eine Wohnung, um dort ein Museum über den Bürgerkrieg und die Widerstandsgeschichte von dieser Nachbarschaft einzurichten. Wir renovieren ein Haus als weiteres Gästehaus für das Krankenhaus, das erste haben wir schon letztes Jahr eröffnet. Seitdem die Community hier ist, beherbergen wir Patient:innen des Krankenhauses und ihre Angehörigen, weil der Staat das eben nicht tut.
Unser Genossen Aristoteles Chantzis ist am 5.Februar dieses Jahres in den unbegrenzten Hungerstreik getreten. Das wurde bewusst so gewählt, weil es auch für die Community ein Kampf auf Leben und Tod ist. Wir verteidigen diesen Hungerstreik auf verschiedenen Ebenen, es ist ein kollektiver Hungerstreik: Wir sind jeden Tag vor der Community auf der Straße, sammeln Unterschriften, reden mit den Menschen und gehen demonstrieren.
Nora: Das Leben von Aristos ist uns sehr wichtig, genauso wie das Leben von allen von uns, unsere Wohnungen, und das, was hier über all die Jahre von der Community geschaffen wurde. Deswegen sind wir stadtweit, griechenlandweit und auch auf internationaler Ebene dabei, so viel wie möglich über diesen Kampf hier zu berichten. Wir brauchen jede Unterstützung, ob bei der Unterschriftensammlung, bei der Finanzierung von den Renovierungsarbeiten, oder indem ihr zu uns kommt und mit anpackt.
Die Wege sind vielfältig und das Wichtigste ist, darüber zu sprechen, was Prosfygika bedeutet. Was vor 16 Jahren von manchen als unmöglich abgetan wurde, ist tatsächlich möglich. So viele Menschen haben hier ein neues Leben begonnen, wieder angefangen, an Befreiung und an diesen ganzen Kampf zu glauben.
Es sind eben nicht nur acht Blocks, 400 Leute und eine humanitäre Frage. Ein Verlust von Prosfygika, von all seiner Geschichte und der Zukunft, die die Community und ihre Menschen haben, bedeutet viel mehr. Unser Kampf ist natürlich eine Absage an Staat und Kapital, aber es ist auch eine Bejahung des Kampfs. Wir können zusammen leben, wir können unsere Probleme selber lösen, wir können uns selber versorgen. Es ist nur eine Frage von Commitment und Willen und ein wenig Sturheit. Wir haben eine positive Grundhaltung. Was kann ein Mensch in Zeiten von Krieg und absoluten menschlichen Abgründen eigentlich tun? Die Antwort ist: Autonomie bilden, sich organisieren, Strukturen und Beziehungen mit unterschiedlichsten Menschen aufbauen.
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