Deutschlands dümmstes Bahnprojekt wackelt
von Paul Michel
Am Montag, dem 30.März 2026, sah der Stuttgarter Schlossplatz die sage und schreibe achthundertste Montagsdemo gegen das gigantomanische Bahnhofsprojekt Stuttgart 21. Zwischen achthundert und tausend Menschen waren gekommen. Das waren etwa dreimal so viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer wie bei »normalen« Montagsdemonstrationen.
Natürlich sind die Teilnehmerzahlen im Jahr 2026 nicht zu vergleichen mit jenen der frühen 2010er Jahren. Am 10.September 2010 beteiligten sich laut Polizei 35.000, nach Veranstalterangaben fast 70.000 Menschen an einer Menschenkette um den Stuttgarter Landtag. Nach der gewaltsamen Räumung des Schlossgartens am »Schwarzen Donnerstag« im September 2010 durch die Polizei gab es Demonstrationen mit über 100.000 Menschen.
Das Bemerkenswerte und wohl auch Einmalige am Protest gegen Stuttgart 21 sind die Hartnäckigkeit und die Durchhaltefähigkeit der Protestierenden. Dass nach 15 Jahren noch immer jeden Montag eine Demonstration stattfindet, dürfte bundesweit einmalig sein.
Auch wenn die unmittelbare Ausstrahlung in die Stadtgesellschaft geringer ist als in den frühen 2010er Jahren: der Protest ist immer noch ein Stachel im Fleisch der Betreiber. Dank ihrer geballten inhaltlichen Kompetenz sind die S21-Gegner:innen immer wieder in der Lage, die propagandistischen Lügengebäuden der Betreiber bloßzustellen.
Zwischenzeitlich schien in Stuttgart das Thema Tiefbahnhof etwas aus dem Blick zu geraten zu sein. Das hat sich aber im Herbst letzten Jahres geändert, nachdem die Projektbetreiber einräumen mussten, dass mit der erst einige Monate zuvor vollmundig verkündeten Teileröffnung Ende 2026 doch nichts wird. Jetzt berichten auch Teile der bürgerlichen Presse über die Mängel des Projekts, die es lange schön geschrieben hatten.
Hinzu kommt, dass die Fakten, die jetzt durchdringen, immer haarsträubender werden. Man hatte sich schon daran gewöhnt, dass Streckensperrungen mit der Notwendigkeit der Installation von Komponenten für das digitale Sicherungssystem ETCS begründet werden. Nun enthüllte aber der Südwestrundfunk, dass die jüngsten Streckensperrungen nicht erfolgten, weil neue Technik eingebaut, sondern weil fehlerhaft verbaute Technik herausgerissen werden musste. Diese, die Erwartung aller Kritiker übertreffende Inkompetenz, macht sprachlos.
Hauptleidtragende des Baustellenwahnsinns rund um Stuttgart 21 sind natürlich die Bahnfahrer:innen im Raum Stuttgart. Aber Deutschlands größtes und dümmstes Bahnprojekt hat auch negative Auswirkungen jenseits des Großraums Stuttgart. Schließlich ist Stuttgart 21 mit rund 11,5 Milliarden Euro (Stand 2025) finanziell ein Fass ohne Boden. Das im Tiefbahnhof sinnlos verbuddelte Geld fehlt andernorts für notwendigen Modernisierungen und den Ausbau der Infrastruktur – etwa für den Einbau von Ausweich- und Überholgleisen, die Beseitigung von Langsamfahrstrecken oder die längst überfällige Elektrifizierung des Netzes.
Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Im Moment strauchelt das Projekt. Aber es wird wohl nicht von allein kollabieren. Die für das Dauerdesaster Verantwortlichen werden alles dafür tun, das Ausmaß ihrer Fehlkalkulationen und ihre systematischen Betrügereien nicht gegenüber der Öffentlichkeit erklären zu müssen. Sie fürchten die dann über sie hereinbrechende Welle der Empörung und wohl auch mögliche juristische Konsequenzen.
Wenn es keine breite Bewegung für eine bessere Bahn in Stuttgart und im Rest der Republik gibt, durch die ein starker Druck auf sie entfaltet wird, wird das, was schon längst hätte passieren müssen, das Einräumen des Scheiterns der eigenen Pläne, nicht geschehen.
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