Die Entzauberung rätselhafter Institutionen
von Helmut Dahmer
Mit Jürgen Habermas ist am 14.März der prominenteste noch lebende Vertreter der Frankfurter Schule gestorben. Er hat ihren kritisch-marxistischen Ansatz weiter entwickelt und sich regelmäßig in die großen politischen Debatten eingemischt – von der Auseinandersetzung mit der Studentenbewegung Ende der 60er Jahre über den Historikerstreit bis hin zur Verteidigung einer republikanischen politischen Identität.
Eine Würdigung von Helmut Dahmer.
Nach der Niederschlagung der deutschen Revolution von 1918 vereinbarten die Freunde des vermögenden Felix Weil – Max Horkheimer, Friedrich Pollock und Karl Korsch – gemeinsam die Bildung eines Instituts »zur Erforschung des Marxismus«. Es wurde 1923 als Institut für Sozialforschung gegründet und setzte sich zum Ziel, orientiert an Marx’ Historischem Materialismus, neue Erkenntnisse zur Geschichte der kapitalistischen Gesellschaftsformation und der internationalen Arbeiterbewegung zu erarbeiten und zu publizieren.
Horkheimer war Mitbegründer der sog. Kritischen Theorie. In einem Aufsatz von 1937 für die institutseigene Zeitschrift für Sozialforschung im Exil mit dem Titel »Traditionelle und kritische Theorie« umschrieb er den Unterschied zwischen beiden Ansätzen: Das Paradigma der traditionellen Wissenschaftstheorie führte er auf Descartes zurück, das der kritischen Theorie auf Marx, konkret: auf dessen Kritik der kapitalistischen Produktionsweise im Ersten Band des Kapital.
Im Umkreis des Instituts erschienen eine Reihe von Publikationen, die Kritik an der (Welt-)Gesellschaft entfalteten, im Gefolge von deren Krise totalitäre Regime aufkamen, deren Zusammenstoß die Barbarei des Zweiten Weltkriegs entfesselte. Die Arbeitsgebiete des Instituts erstreckten sich von der Ökonomie und Soziologie bis zur Philosophie und der Freudschen Psychoanalyse.
Von den Nazis vertrieben, fanden sich viele seiner prominenten Vertreter im Exil in den USA wieder, einige sind dort geblieben.
Kommunikatives Handeln
Habermas, der seine journalistische Karriere 1953 mit einer Kritik an dem in (West-)
Deutschland und Frankreich nach 1945 gefeierten, antisemitisch-profaschistischen Meisterdenker Heidegger eröffnet hatte, kam 1956 zur inzwischen so genannten »Frankfurter Schule« und arbeitete zunächst einmal drei Jahre als Assistent Adornos im neu errichteten Frankfurter Institut für Sozialforschung. 1956 lernte er dort auch Herbert Marcuse kennen, der im Rahmen einer Vorlesungsreihe zu Freuds 100.Geburtstag sprach.
Alsbald machte Habermas sich das an Hegel (und Freud) orientierte (un»orthodoxe«) Marx-Verständnis der Frankfurter Denker zu eigen, das er in der Folge in Auseinandersetzung mit traditioneller und zeitgenössischer Philosophie, Wissenschaftstheorie, Psychologie, Sprach- und Rechtsphilosophie stets wieder modifizierte, erweiterte und erneuerte.
Marx und Engels hatten die gesellschaftliche Arbeit als denjenigen Faktor angesetzt, der den Zusammenhang der Gesellschaft und ihre historische Entwicklung stiftet. Unter den Arbeitsbegriff subsumierten sie die körperliche Organisation der arbeitenden Menschen, die Erzeugung von Werkzeugen, die Entwicklung neuer Bedürfnisse, Fortpflanzung, Arbeitsorganisation und Arbeitsteilung sowie die Sprache…
Habermas, dem soziologischen Kritiker der (idealistischen) Subjekt- und Bewusstseinsphilosophie, erschien die Unterordnung von Sprache unter Arbeit als eine instrumentalistische Verengung der Soziologie. Angemessener schien es ihm (1981), orientiert an den Sprachtheorien von Wittgenstein, Austin und Searle, das »kommunikative Handeln« ins Zentrum der Gesellschaftstheorie zu rücken.
Verfassungspatriotismus
Als Weltbürger und »Verfassungspatriot« verteidigte Habermas den demokratischen Überbau der zweiten deutschen parlamentarischen Republik (mit Gewaltenteilung, Menschenrechtsgarantien und einer wie immer eingeschränkten Öffentlichkeit), deren Grundlage die vordemokratisch verfasste monopolistische Wirtschaft ist. Das Hauptproblem der Entwicklung der (vereinigten) Bundesrepublik sah er (2022) in der Expansion der geld- und machtzentrierten, an Nutzenkalkülen instrumenteller Vernunft orientierten Systeme gegen die, von kommunikativer Verständigung durchwirkte soziale Lebenswelt.
Habermas’ Vertrauen auf die der Sprache und dem Dialog innewohnende Vernunft motivierte ihn, sich auch in Situationen, in denen anderen Intellektuellen (zumal beamteten Professoren) die Sprache wegblieb, öffentlich zu Wort zu melden, auch wenn er bei Hörern und Lesern nicht Beifall fand, sondern auf herbe Kritik stieß. Habermas intervenierte: vom »Positivismus-Streit« der Sozialwissenschaftler zum »Historikerstreit« (in dem es um die Verharmlosung des Holocaust, also um die »Verschönerung« der deutschen Nationalgeschichte ging); von der Ermordung Benno Ohnesorgs zum »Deutschen Herbst« und weiter zur Asyldebatte…
Kritische Wissenschaft
Das gemeinsame Ziel der nachholenden, internationalen Protestbewegung der Generation von 1968 gegen die totalitären Regime und den Zweiten Weltkrieg war der Kampf gegen den Krieg der USA in Vietnam. Im postfaschistischen (West-)Deutschland ging es zudem um den Versuch, das verbissene Schweigen der älteren Generation aufzubrechen, die sich 1945 in die kollektive Verleugnung der Nazizeit geflüchtet hatte.
Theoretisch flankiert wurde der Protest der deutschen antiautoritären Studierenden und Schüler:innen durch zwei »Frankfurter« Veröffentlichungen: Marcuses One-dimensional Man erschien 1964, Habermas’ Erkenntnis und Interesse 1968.
Marcuse hatte bereits 1955 das verbreitete (auch von Freud selbst geteilte) Missverständnis korrigiert, bei der Wissenschaft vom Unbewussten handele es sich um eine »Naturwissenschaft«, und dargelegt, dass es sich dabei vielmehr um eine Gestalt der Philosophie handele, und zwar um eine »radikal kritische«.
Habermas unterschied (1968) drei »erkenntnisleitende Interessen«, das technische (der erklärenden Naturwissenschaften), das hermeneutische (der verstehenden Geisteswissenschaften) und das emanzipatorische der kritischen Wissenschaften. Hatte Horkheimer auf die Marxsche Kritik der Mehrwerttheorien als auf deren Modell verwiesen, so zeichnete Habermas nun die Psychoanalyse als den Prototyp kritischer Wissenschaften aus, weil in der Freudschen Therapie und Theorie Erkenntnis und Interesse zusammenfallen: »In der Selbstreflexion gelangt eine Erkenntnis um der Erkenntnis willen mit dem Interesse an Mündigkeit zur Deckung…«
Die beiden kritischen Theorien – der Marxsche historische wie der Freudsche biologische Materialismus (der zum historischen tendiert) – dienen der Analyse (oder Entzauberung) rätselhafter »Institutionen« der (kollektiven) Sozialgeschichte beziehungsweise der ihr korrespondierenden individuellen Lebensgeschichten.
Marx wollte Mehrwert, Geld und Warentausch verstehen und verständlich machen, Freud die Neuropsychosen und die Träume. Den Verkäufern von Gütern oder Arbeitskraft ist das Anwachsen der Ungleichheit so rätselhaft wie der Wechsel von Prosperität und Krise. Den Psychoanalysepatienten ist ihr Leiden so unverständlich, wie es den Gesunden ihre Wunsch- und Albträume sind.
»Institutionen« wie die Lohnarbeit oder der antisemitische Wahn erscheinen den vergesellschafteten Individuen, die sie – Generation um Generation – »als soziale Tatsachen« vorfinden, als naturgegeben, nämlich invariant, weil sie in ferner Vergangenheit – als Produkte der Lebensnot – bewusstlos zustande kamen (oder ihre Genese alsbald dem Vergessen anheimfiel).
Die Kritiker dieser unheilvollen Verhältnisse suchten nach einem Ausweg und fanden ihn, indem sie Zug um Zug in Dialogen – oder in deren verinnerlichter Version, der Selbstreflexion – die Entstehungsgeschichte der rätselhaften, pseudonatürlichen Phänomene rekonstruierten (und damit den verborgenen »Sinn« von Wahn und Ausbeutung oder die Funktion kollektiver Verleugnung aufdeckten).
Einzig die (dialogische) Rekonstruktion der bewusstlos institutionalisierten Abwehrmechanismen eröffnet die Chance, sie zu revidieren. Darum kam die Veröffentlichung von Erkenntnis und Interesse 1968 zur rechten Zeit – das Buch zeigte denen, die es verstanden, einen Ausweg aus der bestehenden Kalamität ohne Regression auf Terrorismus und Faschismus.
*Helmut Dahmer war viele Jahre Mitherausgeber der Monatszeitschrift Psyche.
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