Ausreisebeschränkungen
von Marina Hofmann
Mein Bruder möchte dieses Jahr mit seiner Freundin das erste Mal auf eine längere Urlaubsreise aufbrechen, verschiedene asiatische Länder bereisen und die Welt ein bisschen besser kennenlernen. Wie lange der geplante Urlaub gehen soll, wissen die beiden noch nicht, ob ein oder zwei Monate… Solange das Geld und die Lust reichen. Freiheit, vielleicht…
Anfang des Jahres trat das Wehrdienst-Modernisierungsgesetz in Kraft. §3 Abs.2 lautet: »Männliche Personen haben nach Vollendung des 17.Lebensjahres eine Genehmigung des zuständigen Karrierecenters der Bundeswehr einzuholen, wenn sie die Bundesrepublik Deutschland länger als drei Monate verlassen wollen…«
Was früher nur im »Spannungs- oder Verteidigungsfall« galt, soll jetzt immer gelten und bedeutet damit massive Einschnitte in die Freiheit aller Männer zwischen 18 und 45 Jahren. Erstmal allerdings noch nicht bzw. bürokratiesparend, und überhaupt gibt es ja noch gar keine allgemeine Wehrpflicht.
Die Musterung kommt wieder für alle Männer ab Jahrgang 2008. Es war viel zu lesen von Fragebögen, die Männer beantworten müssen und Frauen beantworten können, aber dies soll zunächst auf Freiwilligkeit beruhen, um rund 90.000 neue Soldat:innen zu verpflichten. Aber wer will schon zur Bundeswehr für 2600 Euro brutto und einen Führerschein, wenn Studium, Ausbildung und Selbstentfaltung mehr Perspektiven bieten?
Und dann sollen junge Männer und Menschen doch wieder für ein Land sterben wollen, das ihnen nichts bietet. Die kaputten Schulen, den abgebauten Sozialstaat, die Wohnungskrise, die Menge an Milliardären, die Ausländer- und Zugezogenenfeindlichkeit, den drohenden Faschismus und vieles mehr als Gegenargumente anzuführen, ist müßig, weil niemand einen Staat verteidigen müssen sollte!
Dass mein Bruder seinen Horizont erweitern möchte und es sich dank selbstverdientem Geld leisten kann, ist etwas Gutes. Und zumindest eine gute Sache bietet auch diese Gesetzesänderung: Mein Bruder ist, wie alle jungen Menschen, direkt betroffen. Menschen, die sich bisher wenig bis gar nicht mit der Politik auseinandersetzten, müssen sich jetzt Fragen stellen und ich hoffe, sie antworten mit kalter Wut.
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