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Landwirtschaft 30. April 2026

›Wir brauchen kostendeckende Preise‹
Gerhard Klas im Gespräch mit Xenia Brand (AbL)

Etwa 900.000 Menschen arbeiten hierzulande noch in der Landwirtschaft. Mit dem Beginn der Erntesaison stehen auch immer wieder ihre Arbeitsbedingungen in den 255.000 Betrieben im Fokus, die es noch in Deutschland gibt, Tendenz sinkend. Regelmäßig Schlagzeilen macht vor allem die Situation der mehr als 240.000 Erntehelfer:innen, die jedes Jahr nach Deutschland kommen. Etwa ebensoviele Dauerangestellte gibt es auf den Höfen. Die größte Gruppe stellen die etwa 400.000 sogenannten »Familienarbeitskräfte«.

Xenia Brand, Jg. 1994, ist Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL). Sie hat ökologische Landwirtschaft studiert und als landwirtschaftliche Betriebshelferin gearbeitet. Während des Studiums ist sie zur jungen AbL gestoßen und seitdem in der AbL aktiv – seit Ende 2023 als Geschäftsführerin. Die AbL hat knapp 3000 Mitglieder. Mit Xenia Brand sprach Gerhard Klas.

Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft wurde 1980 in Opposition zum Deutschen Bauernverband (DBV) gegründet. Was ist davon geblieben?

Die AbL ist bis heute eine Interessenvertretung der Bäuerinnen und Bauern, vor allem kleinerer und mittlerer Betriebe.
Für uns heißt bäuerliche Landwirtschaft: eigenständig, regional verwurzelt, verantwortungsbewusst und nicht maximal auf Rendite getrimmt. Viele unserer Mitglieder zeigen schon lange, wie zukunftsfähige Landwirtschaft aussehen kann, indem sie z.B. schon seit Jahrzehnten auf Tierwohl oder regionale Wertschöpfung setzten.
Wichtig ist uns dabei, dass es nicht die eine Definition von bäuerlich gibt. Eine Hektargrenze wäre zu simpel, weil die Agrarstrukturen in Deutschland sehr unterschiedlich sind. Was in Mecklenburg-Vorpommern klein ist, kann in Bayern schon ein großer Betrieb sein. Wir setzen auf den Erhalt der Höfe und nicht auf »Wachsen oder Weichen«. Statt den Status quo zu verteidigen oder gar die Uhr beim Klimaschutz oder im sozialen Bereich zurückzudrehen, kämpfen wir für eine Agrarpolitik, in der Betriebe wirtschaftlich gestärkt werden, die zum Erreichen dieser Ziele beitragen.

Wie unterscheidet sich die Arbeitsrealität von Betriebsleitern und Angestellten?

Betriebsleiter:innen – insbesondere in Familienbetrieben – haben oft keine klaren Arbeitszeiten. Arbeit und Privatleben sind eng miteinander verwoben. Man wohnt auf dem Hof, die Arbeit ist ständig präsent. Es gibt keinen Feierabend im klassischen Sinne.
Bei Angestellten sieht das anders aus: Auf dem Papier gelten für sie gesetzliche Regelungen wie die 48-Stunden-Woche. Je nach Saison schwankt die tatsächliche Arbeitszeit jedoch stark. Angestellte identifizieren sich häufig mit dem Betrieb, in dem sie arbeiten. Dieses »Wir-Gefühl« ist einerseits positiv, kann aber auch dazu führen, dass Missstände weniger offen angesprochen werden. Im Vergleich zu anderen Branchen spielt die gewerkschaftliche Organisierung unter Landarbeiter:innen weniger eine Rolle.

Wie steht es um die Bezahlung und die wirtschaftliche Situation?

Viele stellen sich vor, dass Betriebsleiter wirtschaftlich deutlich besser dastehen als ihre Angestellten. Das stimmt so oft nicht. Gerade in Familienbetrieben zahlen sich Betriebsleiter manchmal sogar weniger aus als ihren Mitarbeitenden. Viele würden grundsätzlich gerne deutlich mehr als den Mindestlohn zahlen, sind aber durch niedrige Erzeugerpreise eingeschränkt. Das zeigt ein strukturelles Problem, für das wenige, große Handelsketten mit ihrem Preisdumping die Hauptverantwortung tragen.
Gute Arbeitsbedingungen hängen auch davon ab, ob landwirtschaftliche Produkte zu kostendeckenden Preisen verkauft werden können. Es ist beispielsweise im Milchbereich immer noch so, dass nicht einmal schriftliche Verträge über Preise und Mengen zwischen Betrieb und Molkerei abgeschlossen werden. In allen anderen Wirtschaftsbereichen wäre dies undenkbar. Die AbL fordert deswegen eine Vertragspflicht.

In der Landwirtschaft gibt es überdurchschnittlich viele Suizide. Wie kommt es dazu?

Viele Landwirt:innen arbeiten unter hohem wirtschaftlichem Druck, haben wenig Planungssicherheit und fühlen sich häufig gesellschaftlich nicht anerkannt.
Burn-Out und Überarbeitung sind die Folge. Hinzu kommt, dass psychische Probleme in der Branche jahrelang verschwiegen wurden. Es ist leider noch nicht selbstverständlich, sich Hilfe zu holen.

Anfang 2025 forderte der Deutsche Bauernverband (DBV) eine Ausnahme vom Mindestlohn für Saisonarbeitskräfte – sie sollten nur 80 Prozent des gesetzlichen Mindestlohns erhalten. Wie positioniert sich die AbL zu Erntehelfer:innen?

Auch sie müssen den gesetzlichen Mindestlohn erhalten, ohne Ausnahme.
Saisonarbeitskräfte gibt es vor allem in Sonderkulturen wie Spargel oder Erdbeeren sowie im Obstanbau. Viele arbeiten für Akkordlöhne. Und da besteht ein enormer Druck: In der Spargelernte stiegen laut Gewerkschaft IG BAU die Vorgaben von 11 Kilogramm pro Stunde im Jahr 2024 auf bis zu 14 Kilogramm pro Stunde im Jahr 2025. Das geforderte Minimum ist kaum erreichbar. So wird der Mindestlohn faktisch ausgehöhlt.
Ähnliches gilt für überfüllte und völlig überteuerte Unterkünfte, deren Kosten vom Lohn abgezogen werden. Bei der AbL gibt es allerdings kaum Betriebe, die im großen Umfang Sonderkulturen anbauen.

Seit 2025 ist an die EU-Zahlungen für Landwirte, die oft einen großen Teil der Betriebseinnahmen ausmachen, eine »soziale Konditionalität« gekoppelt, die Arbeitsbedingungen, Löhne und Gesundheitsschutz umfasst. Wie macht sich das in der Praxis bemerkbar?

In der Praxis ist das System noch im Aufbau. Ein Verstoß muss beim Arbeitsgericht erfasst und dann an die Auszahlungsbehörde weitergeleitet werden.
Bisher gibt es kaum Auswertungen, und bei unseren Mitgliedern ist noch nichts dergleichen angekommen. Für uns ist klar: Diese Regelung muss auch nach 2027 als Bestandteil der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) erhalten bleiben, auch wenn sie aus dem Umfeld des DBV als ‚bürokratische Belastung‘ bezeichnet wird. Für die gesellschaftliche Legitimation der GAP-Gelder, die einen erheblichen Teil des EU-Haushaltes ausmachen, ist es wichtig, dass sie an ein Mindestmaß von sozialer Gerechtigkeit gebunden sind, ebenso an ökologische Leistungen von Bäuerinnen und Bauern.

Die AfD ist in ländlichen Regionen besonders stark. Macht sich der Rechtsruck in der Gesellschaft auch bei der AbL bemerkbar?

Der Rechtsextremismus ist eine Bedrohung für uns alle, das gilt auch für den ländlichen Raum. In unserer Satzung ist verankert, dass die AbL gegen Hass und Hetze und für Menschenrechte eintritt. Auf unseren Treffen ist das immer wieder Thema, das beschäftigt viele unserer Mitglieder.
Rechtsextremes Handeln ist mit der Mitgliedschaft nicht vereinbar. Als Anfang 2025 die großen Demos gegen Rechts stattfanden, hat die AbL bewusst mit dazu aufgerufen. Daraufhin sind einzelne Mitglieder ausgetreten. Viele unserer Mitglieder positionieren sich deutlich gegen Rechtsextremismus und für eine vielfältige Gesellschaft. Einige sind deswegen schon bedroht worden. Es kam auch schon zu Fällen von Brandstiftung auf dem Hof eines Mitglieds.
Zur Landtagswahl 2024 in Sachsen und Thüringen hatte die Junge AbL gemeinsam mit anderen Jugendverbänden Briefe an Landwirte in den beiden Bundesländern geschickt. Sie riefen dazu auf, demokratisch und nicht die AfD zu wählen, weil eine rechtsextreme Regierung die Zukunft junger Menschen auf dem Land verunmöglichen würde. Wir veranstalten auch Tagungen zum Thema Rechtsextremismus und Landwirtschaft, um über die Gefahren aufzuklären.

Ihr seid Mitglied im internationalen Netzwerk von Landlosen- und Kleinbauernvereinigungen La Via Campesina. Dort wird das Konzept der Ernährungssouveränität vertreten. Was bedeutet das konkret?

Ernährungssouveränität verstehe ich am besten in Abgrenzung zu Ernährungssicherheit. Ernährungssicherheit heißt vor allem: genügend Kalorien für alle.
Ernährungssouveränität geht weiter: Lebensmittel, die in einer Region gegessen werden, sollen dort auch angebaut und verarbeitet werden. Mitglied bei La Via Campesina zu sein bedeutet für mich vor allem Einbindung in ein globales Netzwerk. Es ist die größte soziale Bewegung der Welt. Und es berührt mich zu wissen: Bei aller Unterschiedlichkeit haben wir im Berufsstand so viele Gemeinsamkeiten: Wie begegnen wir der Klimakrise, wie Preisabhängigkeiten, wie der Spekulation mit Ackerland? Das sind Probleme, denen wir uns gemeinsam stellen.

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