Eine Betrachtung aus der Sicht indigener Völker
von Angela Klein
Robin Wall Kimmerer: Geflochtenes Süßgras. Die Weisheit der Pflanzen. Berlin: Aufbau, 11.Auflage, 2025. 464 S., 28 Euro
Das ist in jeder Hinsicht ein außergewöhnliches Buch. Es vermittelt dem Menschen der Industriegesellschaft einen lebendigen Eindruck von dem, was ein ökologischer Ansatz ist – nicht mehr und nicht weniger nämlich, als die Aufhebung der Entfremdung des Menschen von der Natur. Ökologie ist die Lehre vom Haushalt der gesamten belebten wie unbelebten Natur, den Menschen eingeschlossen.
Die Autorin gehört dem Volk der Potawatomi an, einer Untergruppe der Anishinaabe, die einst am oberen Mississippi siedelten. Sie lehrt Umweltbiologie an der Universität Syracuse im Bundesstaat New York und hat das Center for Native Peoples and Environment gegründet.
Auf den Lebenszyklus der Süßgräser und ihre vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten fädelt sie unzählige Geschichten auf: aus ihrem eigenen Leben, aus dem ihres Stammes, Geschichten über die Einwirkungen des Menschen auf die Natur und der Natur auf die Menschen. Geschichten von Identität und Identitätsverlust, vom Leidensweg ihres Volkes, das mehrfach aus seinem Siedlungsgebiet vertrieben und schließlich zwangsamerikanisiert wurde. Aber auch von der Einsamkeit des Siedlervolks, das nicht gelernt hatte, mit der Natur zu leben, sondern nur sie zu plündern. Von seiner Zerstörungskraft und von den Heilkräften, die ihr entgegenwirken. Es ist ein trauriges Buch und voller Hoffnung zugleich.
Die Autorin ist Amerikanerin, erzogen in einem College, das dazu da war, die Kinder aus indigenen Völkern gründlich vergessen zu machen, woher sie kamen, was ihre Sprache und Kultur war. Erst im Laufe ihres Studiums der Biologie, als sie Fragen an die Natur richtete, die kein anderer stellte, entdeckte sie ihre Ursprünge, das letzte Dutzend alter Menschen, die ihre Sprache noch sprachen, deren Weisheiten und Umgang mit der Natur.
So betrieb sie das Biologiestudium auf zweierlei Art: nach den Kriterien des Zerlegens und Isolierens und nach denen der ganzheitlichen Betrachtung. Und sie entdeckte, dass die Beobachtungen, die indigene Völker an der Natur anstellen, in der Biochemie durchaus Entsprechungen haben. Sie distanziert sich deshalb nicht von der neuzeitlichen Art, Wissenschaft zu betreiben. Sie distanziert sich von einer Lebensauffassung, die zur Natur ein instrumentelles Verhältnis hat und daraus – aus dem Wachstum der Produktivkräfte – einen Reichtum gewinnt, der die Natur zerstört.
Die Ehrenvolle Ernte
Ihr Kernanliegen ist, dass wir die uns umgebende Natur mit anderen Augen sehen: nicht als Rohstofflieferanten, Nahrungsquelle und Abfallkippe, sondern als Partner in einer Kooperation, in der uns Pflanzen in mancherlei Hinsicht überlegen sind. Der Zweck der Kooperation ist die Vermehrung des Lebens: aus diesem Grundsatz leitet sich der ganze kategorische Imperativ ab, der das Verhältnis des Menschen zur Natur bestimmen sollte.
Was das praktisch bedeutet, veranschaulicht sie am Beispiel der Ernte. Sie trägt 13 Grundregeln einer Ehrenhaften Ernte zusammen:
Wisse um die Lebensweise derer, die für dich sorgen, damit du auch für sie sorgen kannst [damit sind die Pflanzen gemeint].
Stell dich vor. Mach dir klar, dass du derjenige bist, der um Leben bittet.
Bitte um Erlaubnis, bevor du nimmst. Hör auf die Antwort.
Nimm nie das Erste. Nimm nie das Letzte.
Nimm nur, was du brauchst.
Nimm nur, was dir geschenkt wird.
Nimm nie mehr als die Hälfte. Lass etwas für die andern übrig.
Ernte so, dass du möglichst wenig Schaden anrichtest.
Nutze es respektvoll. Verschwende nie, was du genommen hast.
Teile.
Danke für das, was dir geschenkt wurde.
Hinterlasse ein Gegengeschenk für das, was du genommen hast.
Erhalte die, die dich erhalten, und die Erde wird für immer bleiben.
Diese Regeln beschreiben mehr als Schonvorschriften für die Jagd (für Pflanzen haben wir nicht einmal diese!). Sie beschreiben ein Verhalten, das grundsätzlich geprägt ist von Verantwortung und Pflege und die Sorge um den Erhalt desjenigen Lebens, das wir für den Erhalt des eigenen entnommen haben.
Abstrakt fragen wir in Seminaren und auf Veranstaltungen nach den Bezügen zwischen Feminismus und Ökologie. Hier sind sie: Sie liegen in der Sorgearbeit gegenüber der gesamten belebten und unbelebten Welt, nicht nur gegenüber Kindern, Kranken und Alten.
Kimmerer betont, dass die Natur, von der wir leben, nichts Unpersönliches ist. In der Tradition der indigenen Völker sind Pflanzen und Tiere Personen, »nichtmenschliche Personen, die mit Bewusstsein, Intelligenz und Geist ausgestattet sind«. »Ein anderes Leben zu benutzen, um sein eigenes zu erhalten, ist sehr viel gravierender, wenn man die Wesen, die geerntet werden, als Personen wahrnimmt…«
Dankbarkeit
Die Wurzel einer ökologischen Grundhaltung ist nach Auffassung Kimmerers die Dankbarkeit. Sie hat mehrere Facetten: Sie ist erstens Ausdruck des Bewusstseins, dass wir von anderen Menschen, aber auch Pflanzen und Tieren abhängig sind. Ohne dass diese sich uns darbieten, können wir nicht leben. Dafür haben wir etwas zurückzugeben, und das ist Pflege und die Sorge dafür, dass das Leben von Pflanzen und Tieren weitergehen kann.
Zweitens räumt Kimmerer aber auch mit einer Haltung auf, die unter angeblich umweltbewussten Menschen häufig anzutreffen ist: dass wir das, was uns als Geschenk angeboten wird, nicht annehmen sollen (etwa keine Tiere essen sollen): »Die ehrenhafte Ernte sagt nicht: nimm nichts«; sie sagt: »Nimm nur, was dir geschenkt wird und das behandle mit Respekt«. Auch Tiere bieten sich uns als Geschenk an, ob wir ihnen Respekt bezeugen, hängt davon ab, wie wir sie töten.
Die kapitalistische Produktionsweise betrachtet natürliche Ressourcen als etwas Herrenloses, das sich jeder straflos zum Zweck seiner Vernichtung aneignen kann, reine Verfügungsmasse – von Geschenken, die ja Schenkende voraussetzen, ist keine Rede.
Kimmerer zitiert einen Stammesältesten, der von nachhaltiger Entwicklung hört und fragt, worum es da gehe. Es wird erklärt, woraufhin der Älteste nach einer Weile der Überlegung meint: »Diese nachhaltige Entwicklung klingt für mich, als wollten sie nur weiter nehmen dürfen, wie sie es immer getan haben. Es geht immer nur ums Nehmen. Nach unserem Brauch aber heißt der erste Gedanke nicht: Was können wir nehmen?, sondern: Was können wir Mutter Erde geben?«
Vergesellschaftung ist nicht gleich Gemeineigentum
Es versteht sich von selbst, dass in einer solchen Gedankenwelt kein Platz ist für Privateigentum an natürlichen Ressourcen. Unser Diskurs über Verstaatlichung/Vergesellschaftung trifft den Grundgedanken nicht: Verstaatlichung ist auch eine Form von Privatisierung, nämlich durch eine Gemeinschaft/einen Verwaltungsapparat, die sich dadurch von einer anderen Gemeinschaft, einem anderen Staatswesen abgrenzt. Vergesellschaftung meint häufig nur eine demokratisierte Form von Verstaatlichung: unter Kontrolle von Beschäftigten, Nutzer:innen, Umweltschützer:innen.
Die indigene Sicht sagt etwas anderes, sie sagt: Die natürlichen Ressourcen gehören niemandem und damit allen, niemand darf sie für sich persönlich ausbeuten. Auch der Bauer hat den Acker von der Natur nur geliehen, damit er dort anbauen und seinen Lebensunterhalt verdienen kann. Er hat die Verantwortung, dies so zu tun, dass das Leben auf dem Feld am Ende reicher ist als am Anfang seiner Tätigkeit. Die meisten Bauern haben ein solches Verständnis ihrer Tätigkeit nicht. (Auch) für sie ist das höchste der Gefühle der private Besitz an Grund und Boden.
Zerstören und Heilen
Die Anishinaabe kennen das Böse in Gestalt des Windigos, ein sagenhaftes Ungeheuer, ein Mensch, der zum Kannibalen wurde. Durch seinen Biss werden seine Opfer ebenfalls zu Kannibalen. Der Windigo leidet ewig unter Hunger, je mehr er frisst, desto gefräßiger wird er. Verzehrt von Gier, richtet er ein Blutbad unter den Menschen an. Indigene Wissenschaftler bezeichnen den Windigo als »Menschen, dessen Selbstsucht seine Selbstbeherrschung so vollständig ausgeschaltet hat, dass Befriedigung nicht mehr möglich ist«. »In der gegenwärtigen Epidemie selbstzerstörerischer Gewohnheiten«, schreibt Kimmerer, »– der Abhängigkeit von Alkohol, Drogen, Glücksspiel, Technik u.a. – sehen sie ein Zeichen dafür, dass der Windigo lebt und gedeiht… Multinationale Konzerne haben eine neue Art von Windigo hervorgebracht, der unablässig die Ressourcen der Erde verschlingt, nicht aus Not, sondern aus Gier.«
Doch am Ende steht die Zuversicht, erzählt sie die Geschichte des Volkes der Onondaga, die es sich zum Ziel gesetzt haben, den zeitweise am stärksten mit Industrieabfällen und Chemikalien verseuchten See der Vereinigten Staaten im Norden des Staates New York wiederzubeleben, um ihre Heimat zurückzugewinnen. Dabei geht es nicht nur um das Recht der Onondaga auf das Land, es geht auch um das Recht des Landes, intakt und gesund zu sein. Ob sich das mit dem deckt, was bei uns unter den »Rechten der Natur« verstanden wird, weiß ich nicht.
Kimmerer setzt sich auch mit den verschiedenen Konzepten der Renaturierung auseinander. Eine »Nachbildung«, die versucht, 1:1 die frühere Natur wiederherzustellen, lehnt sie ab: »Dieser Art Reparatur liegt ein mechanistisches Bild der Natur zugrunde, in dem das Land die Maschine ist und die Menschen die Fahrer.« »In der Weltanschauung der Indigenen … ist das Ökosystem [aber] keine Maschine, sondern eine Gemeinschaft eigenständiger Wesen von Subjekten und von Objekten.«
Sie zitiert das Indigenous Environmental Network, das 1994 schrieb: »Ökologische Rekultivierung ist untrennbar mit kultureller und spiritueller Erneuerung verbunden, mit der Verantwortung für die Erde zu sorgen und zu ihrer Wiederherstellung beizutragen.« Eine Renaturierung ohne die tätige Einbeziehung des Menschen, dem sie zur Heimat werden soll, gibt es für sie nicht.
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