Klimaklagen gegen RWE & Heidelberg Materials
von Karin Zennig
Während eine Klimakatastrophe die nächste jagt und die Institutionen des regelbasierten Multilateralismus demontiert werden, verteidigen 39 pakistanische Bäuerinnen und Bauern mutig ihr Recht, nicht geschädigt zu werden.
»Es gibt keinen Planeten B« ist auf dem Schild von Abdul Khalique Laghari auf dem Ende Dezember in Karachi organisierten Klimaprotest zu lesen.
Einen Tag nach der Demonstration reicht Khalique gemeinsam mit 38 weiteren pakistanischen Bäuerinnen und Bauern eine Klimaklage ein – nicht in Pakistan, sondern vor einem rund 6000 Kilometer weit entfernten, deutschen Gericht. Eine Klage gegen die beiden Konzerne RWE und Heidelberg Materials. Es ist eine von weltweit nur zwei Schadensersatzklagen auf Klimaschäden, die über die Herstellung konkreter Haftungsverantwortung ein neues Kapitel im Kampf für Klimagerechtigkeit aufzuschlagen versucht.
Doch vorerst zurück nach Pakistan. Laut Klima-Risiko-Index 2025 gehört das Land zu den weltweit am stärksten von der Klimakrise betroffenen Regionen. Die Landwirtschaft, die ein knappes Drittel am Bruttoinlandsprodukt ausmacht, ist immer stärker von Wetterverschiebungen betroffen: Trockenheit, wenn Feuchtigkeit zum Wachstum nötig wäre, später Regen, der Ernten verfaulen lässt.
Aber auch Extremwetter nehmen an Häufigkeit und Intensität zu. Seit Jahren häufen sich wochenlange Rekordtemperaturen von 50 Grad Celsius, massive Überschwemmungen und Dürren. 2022 wurde das Land von der bisher drastischsten Klimakatastrophe heimgesucht – ein Drittel des Landes wurde überflutet. Das Wasser blieb für Monate, zum Teil bis zu einem Jahr. 33 Millionen Menschen wurden vertrieben. Die Weltbank bezifferte allein den unmittelbaren Schaden auf mindestens 30 Milliarden US Dollar.
Betroffen war vor allem die landwirtschaftlich geprägte Region Sindh, aus der auch der 54jährige Abdul Khalique stammt. Nebst seinem wurden auch zwei Millionen weitere Häuser und unzählige Schulen, Straßen, Brücken, Stromleitungen, Bewässerungskanäle und andere Infrastruktur zerstört. Zerstört wurden Lebensleistung und Lebensgrundlage von Millionen von Menschen.
Kampf ums Überleben
Khalique hat ebenso wie sein Vater und Großvater sein ganzes Leben als Bauer verbracht. Durch die Flut 2022 wurde seine komplette Ernte vernichtet. Das Vieh, das er retten konnte, starb in den folgenden Wochen und Monaten an fehlender Nahrung und verschmutztem Wasser. Vor der Flut konnte er von der Bewirtschaftung seines Landes und dem Ertrag seines Viehs leben, heute muss er ums Überleben kämpfen.
Wie ihm geht es Millionen von Menschen in der pakistanischen Provinz. Von 2021 bis heute ist die Zahl der Menschen, die unterhalb der Armutsgrenze leben, von 55 auf 95 Millionen gestiegen. Die Flut hat uns 15 Jahre zurückgeworfen, merkt Khalique an.
Dabei drohen nicht nur Armut und Schulden. Die Familien müssen ihre Mahlzeiten reduzieren, können die Mitgift für Hochzeiten nicht mehr aufbringen, die Kosten für medizinische Behandlungen nicht mehr tragen und sich die Schulbildung ihrer Kinder nicht mehr leisten; nicht selten müssen sie sich unter widrigen Bedingungen als Tagelöhner verdingen.
In den feudalähnlichen Landbeziehungen Pakistans sind Besitzlose und Kleinbauern wie Khalique besonders hart getroffen. In seinem Dorf ist er in einer Bauerngewerkschaft organisiert. Ihre über die Jahre hart erarbeitete minimale Souveränität gegenüber Großgrundbesitzern und Agrarkonzernen wurde durch die Flut hinweggespült.
Die Folgen sind auch drei Jahre nach der Katastrophe noch mehr als präsent: Vielen Häusern fehlen noch immer Wände, die Erträge der Felder sind drastisch gesunken, die Menschen von Hautkrankheiten geplagt – und von Angst. Angst vor am Himmel erscheinenden Wolken, vor der Rückkehr des Regens, der erneuten Zerstörung. Die nächste Katastrophe ist angesichts der fortlaufend steigenden Erderhitzung und dadurch zunehmenden Extremwettern allerdings nur eine Frage der Zeit. Das prognostiziert mittlerweile ein ganzer Wissenschaftszweig, die Attributionsforschung, ebenso wie der Weltklimarat.
Schadenersatz gefordert
Die Extremhitze und die Sturzfluten von 2024 und nochmals im vergangenen Jahr in verschiedenen Regionen Pakistans waren dafür nur ein Vorgeschmack. So wie das Bruttoinlandsprodukt Pakistans nach den Prognosen des Asia-Pacific Climate Report 2024 durch den Klimawandel bis 2070 um knapp 20 Prozent zu sinken droht, sinkt auch mit jeder weiteren Katastrophe die gesellschaftliche Kapazität für deren Bewältigung, für Katastrophenschutz und Anpassungsmaßnahmen. Wiederaufbau wird durch die Normalisierung dieses Dauerkrisenzustands zunehmend zur Illusion.
Pakistan ist dabei nur ein Beispiel und ein Vorgriff auf die auch andernorts drohende zerstörerische Wucht der Klimakrise. Obwohl das Land, eines der bevölkerungsreichsten der Welt, selbst weniger als ein Prozent zum weltweiten Ausstoß von Treibhausgasen beigetragen hat, zahlt die Bevölkerung dort den Preis. Pakistan steht damit beispielhaft für das enorme Ungleichgewicht zwischen Verursachern und Leidtragenden – und für die Notwendigkeit rechtebasierter Antworten. Denn Klimagerechtigkeit kann es nur geben, wenn Verursacher für die Schäden zur Verantwortung gezogen werden.
Um das zu erreichen haben die Bewohner:innen unzähliger pakistanischer Dörfer mit Unterstützung der Partnerorganisationen von medico international, HANDS Welfare Foundation und des Gewerkschaftsverbands National Trade Union Federation (NTUF) begonnen, sich in Komitees für Klimagerechtigkeit zu organisieren.
Sie diskutieren nicht nur mit ihren unmittelbaren Nachbarn, sondern auch mit Menschen in den umliegenden Dörfern über die Ursachen der Katastrophe. Weil sich die Möglichkeit zur Verhinderung neuer Katastrophen aber dem lokalen Handeln entziehen, versucht diese Bewegung von unten, auch Verantwortlichkeit und Rechenschaftspflicht für Klimaschäden durchzusetzen, wo sie freiwillig nicht übernommen oder politisch seit Jahren in gesetzlichen Regulierungen ausgespart wird.
Ein Mittel dafür ist eine Klage gegen die Verursacher: die fossilen Konzerne. Unterstützt werden sie dabei von der Hilfsorganisation medico international und der Menschenrechtsorganisation European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR), weil nicht Hilfe sondern nur Gerechtigkeit ihre Situation tatsächlich verbessern kann.
Mit die größten Verschmutzer
Aus der Mitte dieses Prozesses stellen deswegen jetzt 39 Bäuerinnen und Bauern die Forderung nach anteiligem Schadensersatz für die ihnen 2022 entstandenen Schäden von rund einer Million Euro. Khalique ist einer von ihnen. In den Komitees hat er gelernt, dass die Klimakrise menschengemacht ist, und fordert nun die Verursacher in die Verantwortung.
Diese sitzen – mit RWE als einem der größten Stromerzeuger Europas, und Heidelberg Materials, einem der weltweit größten Zementhersteller – auch in Deutschland. Beide Unternehmen sind nicht nur Branchenführer, sondern auch führend bei den Treibhausgasemissionen. Sie gehören zur Gruppe der sog. carbon major, der rund 100 Unternehmen, die für 70 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich sind.
Seit ihrer Gründung im 19.Jahrhundert stehen beide Unternehmen für ein Wirtschaftsmodell, das durch die Auslagerung sozialer und ökologischer Kosten rücksichtslos Profite generiert. Obwohl ihnen der Zusammenhang zwischen ihrem Geschäft und dessen zerstörerischen Auswirkungen seit sechs Jahrzehnten bekannt ist, heizen RWE und Heidelberg Materials die Klimakrise weiter an – unter deren Folgen unter anderem Khalique zu leiden hat.
Während bisherige Klimaklagen vor allem darauf abzielten, Unternehmen zur Reduktion ihrer Emissionen oder zur Verhinderung künftiger Schäden zu verpflichten, geht die Klage von Khalique und den anderen einen Schritt weiter: Sie fordern den anteiligen Ersatz für bereits entstandene Schäden an ihren Ernten in Höhe von rund einer Million Euro. Die Klage aus Pakistan steht damit auf den Schultern bisheriger Rechtsprechung und wird ihren Teil zu deren Weiterentwicklung beitragen.
Verursacherprinzip
Auch wenn die Klage angesichts weltweit eskalierender Klimakrisenschäden nur einen Tropfen auf den heißen Stein darstellt, so geht es dabei um nicht weniger als die Verteidigung des Verursacherprinzips.
Denn wenn Politik in der Regulierung versagt, besteht die einzige Möglichkeit, diejenigen, die maßgeblich zur Krise beigetragen haben, an deren Kosten zu beteiligen, darin sie vor Gericht zu stellen.
Sollte der Anspruch der pakistanischen Bäuer:innen anerkannt werden, dann ermöglicht die Entschädigung nicht nur ihnen den Wiederaufbau, sie kann auch dazu beitragen, dass Konzerne wie RWE und Heidelberg Materials künftig die echten Kosten ihres zerstörerischen Geschäfts in ihre Bilanz aufnehmen. Allein zwischen 2013 und 2024 waren das laut Internationaler Handelskammer zwei Billionen US Dollar, Tendenz steigend. Klimaschädliche Geschäfte wären vor diesem Hintergrund nicht mehr profitabel.
Karin Zennig ist Referentin für Klimagerechtigkeit und Südasien bei medico international. medico arbeitet seit 15 Jahren mit Partnerorganisationen in Pakistan zusammen und unterstützt Bauern und Bäuer:innen gemeindebasiert bei Katastrophenschutz, Wiederaufbau und klimaangepasster Landwirtschaft. Weitere Infos über www.climatecostcase.org.
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