Hafenstraße ’96 – in Lübeck soll ein zehnfacher Mord endlich aufgeklärt werden
von Wolfgang Pomrehn
30 Jahre war es am 18.Januar her, dass in der Lübecker Hafenstr.98 ein Brandanschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft verübt wurde. Das Feuer wurde tief in der Nacht gelegt. Alle oder fast alle schliefen. Zehn Menschen starben in den Flammen, darunter sieben Kinder und Jugendliche. 38 weitere Menschen wurden verletzt, einige von ihnen sehr schwer.
Das nächtliche Feuer, die Rauchvergiftungen und der Verlust von Kindern, Angehörigen und Nachbarn muss stark traumatisierend für die Betroffenen gewesen sein. Ebenso das Verhalten der Justiz. Während es vom sozialdemokratischen Bürgermeister und von zahlreichen Gruppen und Menschen sehr viel Unterstützung gab, schlug die Staatsanwaltschaft bald schon einen ganz anderen Ton an und verfolgte einen äußerst fadenscheinigen Ermittlungsansatz, der sich gegen einen Hausbewohner, einen jungen Libanesen, richtete. Geständnisse von verdächtigen Neonazis und andere Indizien wurden hingegen ignoriert.
Der von der Staatsanwaltschaft Beschuldigte wurde schließlich in Untersuchungshaft genommen, trotz des Protests der Überlebenden. Bis Ende 1999, fast vier Jahre, sollte es dauern, bis er endlich von einem offensichtlich von den merkwürdigen Ermittlungen frustrierten Gericht endgültig freigesprochen wurde. Nach einem vorhergehenden ersten Freispruch hatte die Staatsanwaltschaft sogar noch ein Revisionsverfahren angestrengt, statt den sich geradezu aufdrängenden Spuren ins Nazilager nachzugehen.
Die Ermittlungen seien »nie ergebnisoffen, also auch in Richtung eines rechts motivierten Verbrechens, geführt worden«, meinte kürzlich Gabriele Heinecke, die seinerzeit den jungen Libanesen vertreten hatte, gegenüber junge Welt.
Die Spuren, die zu Tätern aus dem Nazimilieu im nahegelegen Grevesmühlen führten, waren schon bald nach der Tat öffentlich bekannt. In einer Erklärung der Überlebenden hieß es seinerzeit:
»Nach Wochen der Trauer wenden wir uns an die Öffentlichkeit. Nicht genug, dass wir zehn Menschen aus unserer Mitte verloren haben. Wir werden weiter gequält. Die Presse ist über uns hergefallen. Wir selber sollen den Brand gelegt haben. Unser Freund, Bruder und Sohn Safwan soll der Täter sein. Aber die wirklichen Täter laufen frei herum und werden nicht weiter verfolgt …
Der Polizei haben wir gesagt, wo die meisten Menschen im Haus sind. Sie hat uns nicht geholfen. Die hat zugeschaut, bis die Feuerwehr kam. Mit schlimmen Knochenbrüchen, Brandverletzungen und Rauchvergiftungen sind wir in die Krankenhäuser gebracht worden. Viele von uns waren und sind schwer verletzt. Das hat die Polizei nicht interessiert. Noch in der Tatnacht haben sie uns langen und quälenden Verhören ausgesetzt. Wir wurden verdächtigt, selbst Schuld zu sein. Wir sind behandelt worden wie Täter, wie Verbrecher. Sie haben keine Rücksicht genommen auf unsere Trauer um die Menschen, die wir verloren haben. Zuerst wurden wir für dumm und primitiv gehalten. Wir sollen Feuer in den Wohnungen gemacht haben, wir sollen mit Benzin gehandelt haben, wir sollen an der elektrischen Anlage herumgespielt haben und so weiter…
Wir wollen, dass die richtigen Täter gesucht und gefunden werden und dass unsere Beobachtungen ernst genommen werden. Wir wollen, dass unser Bericht öffentlich bekannt wird und unsere schlimmen Erfahrungen international untersucht werden.«
Nichts dergleichen ist geschehen. Auch 30 Jahre nach der Tat nicht. Der Mord an zehn Menschen ist weiter unaufgeklärt. Drei Jahre mussten die Überlebenden stattdessen sogar noch darum kämpfen, dass das vom Lübecker Bürgermeister abgegeben Versprechen auf einen sicheren Aufenthaltstitel tatsächlich umgesetzt wird. Aber auch das geschah nicht vollständig. Einer von ihnen, Victor Atoe, der einigen Angaben zufolge als wichtiger Zeuge galt, wurde am 1.Mai 1996 gewaltsam in das seinerzeit von einer Militärdiktatur regierte Nigeria abgeschoben.
Doch die Überlebenden kämpfen weiter. In der Initiative Hafenstraße ‘96 haben sich einige von ihnen mit anderen Aktiven zusammengeschlossen, um »sich für eine lebendige, antirassistische Gedenkkultur (zu) engagieren. Unser Anliegen ist es, das Erinnern an die Opfer und Betroffenen des Brandes in der Lübecker Hafenstraße wachzuhalten und weiterzutragen.«
Die Initiative hat anlässlich des Jahrestags einen Aufruf an Zeugen veröffentlicht und fordert Untersuchungsausschüsse in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern.
»Wir haben uns entschieden, noch mal in Lübeck und in Grevesmühlen große Plakatwände aufzustellen und Menschen zu suchen, die damals in Justiz, Staatsanwaltschaft, Polizei, Stadt, bei der Feuerwehr oder im Sanitätsdienst gearbeitet haben«, so die Sprecherin der Initiative, Amanda C., Mitte Januar gegenüber junge Welt.
Und weiter: »Wir wollen, dass die Erinnerung an Lübeck in die Liste Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Solingen aufgenommen wird … Wenn der Brandanschlag als ein rassistischer verurteilt worden wäre, hätte es eine institutionelle Erinnerungskultur geben können und damit mehr Rückhalt für die Überlebenden … Es ist für die Betroffenen schmerzhaft, dass das Erinnern an ihnen selbst hängt. Wir wollen Gerechtigkeit, auch juristische Gerechtigkeit. Dann hätten wir mehr Möglichkeiten, die Erinnerung zu schaffen.«
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