›Wir alle haben schon diskriminiert‹
Gespräch mit Ann Wiesental
Die Security-Arbeit ist etabliert, Awareness nicht. Lange Zeit ein Ehrenamt, wird Awareness mehr und mehr zum Beruf. Gerhard Klas sprach mit Ann Wiesental über die aktuellen Entwicklungen in der Branche.
Ann Wiesental ist seit knapp zwanzig Jahren im Bereich ›Awareness‹ tätig und hat mehrere Bücher zum Thema verfasst, z.B. Antisexistische Awareness. Ein Handbuch (Münster: Unrast, 2022)
Was ist Awareness-Arbeit und wie unterscheidet sie sich von Arbeitsfeldern der klassischen Sicherheitsdienste?
Awareness kommt aus dem Englischen und bedeutet Achtsamkeit. Der Begriff steht für ein Bewusstsein, das Diskriminierungs-, Macht- und Herrschaftsverhältnisse im zwischenmenschlichen Bereich im Blick hat. Das schließt eigene Betroffenheit und Grenzen mit ein.
Awareness ist ein sehr umfassender Ansatz. Es gibt Schnittmengen zur Security: Beide sollen auf Veranstaltungen den Teilnehmenden das Gefühl der Sicherheit vermitteln. Security-Beschäftigte werden jedoch erst tätig, wenn etwas vorgefallen ist.
Unsere Arbeit beginnt schon im Vorfeld und beinhaltet viele präventive Elemente, zum Beispiel Barrierefreiheit.
Securities sind eher mit den Personen beschäftigt, die übergriffig werden, wir haben überwiegend mit den betroffenen Personen zu tun. Konflikte mit Security-Beschäftigten gibt es, wenn sie sexistisches Verhalten als Kavaliersdelikt abtun oder Menschen an Clubtüren abweisen, weil sie eine bestimmte Hautfarbe haben oder queer sind.
Wie ist das neue Feld der Awareness-Arbeit entstanden?
Die antirassistischen Bewegungen und ihre No-Border-Camps spielen hier eine wichtige Rolle, aber auch Wohnprojekte. Im Zusammenleben kam es dort immer wieder zu Diskriminierungen, aber auch zu sexualisierter Gewalt.
Awareness entstand aus der Idee, dieser Care-Arbeit eine Struktur zu geben. Wenn wir etwa auf einem Politcamp eine Awareness-Gruppe haben, wissen alle, an wen sie sich wenden können. Betroffene sind dann nicht darauf angewiesen, dass ihr Umfeld gerade in diesem Moment Zeit hat und aktiv werden kann.
Ihr versteht eure Arbeit als politische, herrschaftskritische Arbeit. Was bedeutet das konkret?
Diskriminierung und Gewalt bauen auf Herrschaftsstrukturen auf und stabilisieren sie. Es sind eben nicht Einzelfälle oder einzelne Personen, die sich gewalttätig verhalten. Dahinter stecken verschiedene Herrschaftsverhältnisse: Patriarchat, Rassismus, Kapitalismus.
Wir stellen die Handlung, nicht die Person in den Vordergrund, sprechen eher über »diskriminierende« oder »gewaltausübende Personen« als über »Täter«. Ich gehe davon aus, dass sich Menschen verändern können. Und wir haben ja auch alle schon diskriminiert.
Mittlerweile gibt es auch kommerzielle Veranstalter, die auf Awareness-Konzepte setzen. Inwiefern hat sich eure Arbeit im Laufe der letzten Jahre verändert?
2007 sind wir das erste Mal mit unserer Awareness-Struktur an die Öffentlichkeit getreten. Vor allem soziale Bewegungen haben uns angefragt. 2012 haben wir das erste Mal ein Team beim Fusion-Musikfestival gestellt. Anschließend gab es mehr und mehr Anfragen aus der Club- und Festivalbranche. Sogar bei der Fußballeuropameisterschaft 2024 waren Awareness-Teams im Einsatz.
Wir haben in diesem Jahr die Beschäftigten des Berliner Olympiastadions geschult. Die Stadt Wien hat jüngst den Beschluss gefasst, dass alle größeren Veranstaltungen und Clubs ein Awareness-Team haben müssen.
Also steigt der Bedarf an mitarbeitenden Kolleg:innen?
Er wächst beständig und kann kaum gedeckt werden. Es gibt auch einen hohen Bedarf an Schulungen und Workshops. Wenn Veranstalter externe Awareness-Teams buchen wollen, wird es schwierig. Wir regen dann an, dass die Veranstalter ihre eigenen Leute schulen, um Awareness-Teams zu bilden. Viele, die Awareness-Arbeit anfragen, wollen nur wenig bezahlen, manchmal auch gar nichts. Awareness ist eine Form von Care-Arbeit, die nicht besonders hoch gewertet wird.
Welchen sozialen Hintergrund haben die Leute in der Branche? Haben viele selber diskriminierende Erfahrungen gemacht?
Der Awareness-Ansatz ist von Betroffenen und deren Verbündeten entwickelt worden. Ihre Erfahrungen fließen in unsere Arbeit ein. Dazu gehören People of Colour, Non-Binary- und Transpersonen. Ebenso Menschen mit Behinderung und solche, die sexualisierte Gewalt erfahren haben.
Uns ist es wichtig, dass der Bereich sich nicht derart professionalisiert, dass er sich irgendwann abkoppelt von der politischen Bewegung.
Zum sozialen Hintergrund: Es engagieren sich vor allem Studierende. Das ist ein Manko. Vereinzelt wurden wir aber auch schon für Dorffeste angefragt.
Schon von der Sprache her sind da Welten aufeinandergeprallt: Jüngere Studierende auf Ältere, die keinen Hochschulabschluss haben. Wir müssen uns immer wieder bewusst machen: Mit wem spreche ich und wo bin ich hier gerade?
Wie sehr ist im Awareness-Sektor ein wertschätzendes Bewusstsein für die eigene Arbeit vorhanden? Wenn man Awareness als Arbeit begreift, reichen ja keine warmen Worte. Ihr wollt auch angemessen davon leben können.
Von einem angemessenen Lohn sind wir noch sehr weit entfernt. Wenn Personen für Awareness-Einsätze gesucht werden, gibt es offene Anfragen über spezielle Signal- oder Telegram-Gruppen. Diese Angebote liegen in der Regel zwischen 15 und 20 Euro die Stunde. Das ist für eine selbständig arbeitende Person, die sich selber krankenversichern muss, viel zu wenig. Die wenigen Angestellten arbeiten meistens in Anlehnung an die niedrigsten Tarife des öffentlichen Dienstes. Da verdient niemand gut.
Die Notwendigkeit, sich zu organisieren, sehen einige. Aber es ist schwer, das auch umzusetzen. Gerade in der Musik-Kultur-Club-Branche wird das Community-Feeling großgeschrieben. Man ist ein großer Freundeskreis. Da beuten sich alle selber aus. Ich selbst bin zwar Mitglied der Gewerkschaft Ver.di. Insgesamt ist die Branche gewerkschaftlich aber sehr schlecht aufgestellt.
Es gibt auch kaum Betriebsräte. Die meisten Betriebe sind sehr klein und beschäftigen selten mehr als zehn Angestellte. Wir tauschen uns gerade über die Grundlagen unserer Arbeit aus und haben jetzt Awareness-Standards festgeschrieben. Die finden sich auf der Webseite awareness-standards.info. Dazu gehören auch arbeitsrechtliche Aspekte, etwa zu Pausenregelungen oder Schichtlängen. Aber die dann gegenüber Auftraggebern oder Arbeitgebern durchzusetzen, ist eine andere Sache.
Aktuell gibt es viele Angriffe auf alles »woke«, von rechtsextremen Gruppen bis hin zu AfD und CDU. Seid ihr davon betroffen?
Ja, ganz körperlich zum Beispiel auch auf den Christopher-Street-Days, die gerade von den Rechten attackiert werden. Doch das beeindruckt uns nicht so sehr, denn wir bekommen mit, dass Awareness in vielen Teilen der Gesellschaft auf große Akzeptanz stößt und unterstützt wird. Viele Menschen wollen Diskriminierungen nicht länger hinnehmen und etwas dagegen tun.
Eine Langfassung des Interviews wurde zuerst im Blog der Stiftung Menschenwürde und Arbeitswelt veröffentlicht.
www.stiftungmunda.de/blog.
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