Locarno 2026: Die Retro »›Red & Black‹. Hollywood Left and the Blacklist«
von Kurt Hofmann
Ein zentrales Ereignis des diesjährigen Festivals in Locarno war die Retro »Red & Black«. Sie war jenen Regisseur:innen, Drehbuchautor:innen, Kameraleuten u.a. gewidmet, die als »politisch verdächtig«galten, also blacklisted waren – eine Ergebenheitsgeste Hollywoods gegenüber dem HUAC, das in den 50er Jahren auf Initiative McCarthys »unamerikanische Aktivitäten« untersuchte.
Es ist eine repräsentative Auswahl geworden, die das herausragende kreative Potential derer zeigt, die blacklisted waren – auch die vielen Genrefilme der Retro verweisen auf einen gesellschaftskritischen Impetus.
Caged
USA 1950
Regie: John Cromwell
Gewiss, ein Frauengefängnis, und hier ist die Handlung von Caged angesiedelt, gebiert keine Ideale. Aber dessen Leiterin hat Ideen, wie ein »ideales« Gefängnis, dessen Ziel nicht Bestrafung, sondern die Chance für einen Neustart »draußen« für die Deliquentinnen wäre. Doch da sind viele internen Widerstände: Die brutale und unkontrollierbare Oberaufseherin ist von ihr nicht zu reglementieren, weil sie einen einflussreichen Freund in den übergeordneten Behörden hat. Und innerhalb der Zellen gibt es eine klare Rangordnung, ein von Oben nach Unten, geprägt von Korruption und Gewalt.
Eine junge, schwangere Frau kommt an, deren von der Polizei erschossener Freund einen Raubüberfall verübt hat, in den er sie mit hineingezogen hat. Obgleich sie darauf hofft, fair behandelt zu werden, wird ihr vom ersten Tag ihrer Inhaftierung an von der Oberaufseherin wie den Mitinsassinnen, die das Sagen haben, klar gemacht, dass nur völlige Anpassung, gleichbedeutend mit Unterwerfung, von ihr erwartet wird. Was gar nicht geht: Solidarität mit anderen, die noch tiefer in der gefängnisinternen »Hackordnung« stehen…
Als endlich die Entlassung ansteht, ist aus der jungen Frau, einst eine aussichtsreiche Kandidatin für ein neues, selbstbestimmtes Leben »draußen«, eine geworden, die weiß, wie man es richtet, zynisch und abgehärtet – sie hat die »Hochschule des Verbrechens« erfolgreich absolviert, an einem Ort »good for nothing«…
Silver Lode
USA 1954
Regie: Allan Dwan
Selten wurde ein von der »Schwarzen Liste« Hollywoods Betroffener so deutlich in seinen Anspielungen wie Allan Dwan in seinem Western Silver Lode.
Da will einer, der in seiner Stadt bei allen beliebt ist, heiraten, als ein »Marshall McCarthy« in die Feier platzt und behauptet, jener sei ein Mörder, für den er einen Haftbefehl habe.
Plötzlich glauben alle die Geschichte des Fremden, weil er (vorgeblich) ein Amt bekleidet – bis auf zwei Frauen: die eine, die der zu Unrecht Beschuldigte ehelichen will, und die andere, »anrüchige«, die ihn ebenso liebt…
In der Handlung, die sich vage an Zinnemanns zwei Jahre zuvor entstandenen (und ebenfalls bei der Retro gezeigten) Klassiker High Noon orientiert, zeigt Silver Lode exemplarisch, worauf Martin Scorsese hinweist: die Zerbrechlichkeit der Demokratie.
Dangerous Citizen. The Life and Times of Abraham Polonsky
USA 2026
Regie: Stephen C. Smith
Er war einer von denen, die sich weigerten, mit dem McCarthy-Komitee zu kooperieren: Von 1951 an ist Abraham Polonsky blacklisted, aus eben diesem Grund. In einem Interview mit James Pasternak aus dem Jahr 1970 sagt der Drehbuchautor und Regisseur Polonsky dazu: »But I was offered – they asked me if I would give them names of people I knew who had been envolved in certain radical activities. And if I just give them those names – they didn’t want too many, just a few to establish the fact that I was cooperative – why than I could just go on doing what I was doing.«
Stephen C. Smith hat 2026 »liegengebliebenes Material« zu einem Film über diesen Aufrechten montiert, das zahlreiche Interviews mit und über Abraham Polonsky enthält.
Der Titel ist aussagekräftig: Dangerous Citizen. The Life and Times of Abraham Polonsky. Während er blacklisted war, hat Polonsky für 15 Filme unter Pseudonymen Scripts verfasst. Erst 1969 darf er wieder unter seinem Namen arbeiten, es entsteht Tell them Willie Boy is here, ein antirassistischer Western, Drehbuch und Regie: Abraham Polonsky (mit Robert Redford).
Anders als weitere Betroffene der McCarthy-Ära muss Polonsky nicht ins Gefängnis, doch so wie die anderen, die eine Zusammenarbeit mit dem HUAC verweigerten, bleibt er unbeugsam und vergisst auch nicht, wer unter den Verrätern war: Als Hollywood 1999 Elia Kazan einen Ehren-Oscar verleiht, ist Polonsky in der ersten Reihe der Protestierenden.
Dangerous Citizen ist nicht nur eine aufschlussreiche Doku, sondern war auf Grund seiner Aussagekraft ein zentraler Film der diesjährigen Retro »Red and Black: Hollywood Left and the Blacklist«.
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