Film 26. September 2026

Entwurf einer anderen Arbeitswelt
von Peter Nowak

Jeder Acker, jede Fabrik. Ideen für eine notwendige Revolution
Regie: Labournet.TV und Angry Workers
BRD 2026, 68 Min.
Vorführtermine auf der Webseite: www.jederacker.de

»Wir schreiben das Jahr 2026. Die Herrschenden zerstören den Planeten. Verzweiflung und Ohnmacht machen sich breit.« Mit dieser zutreffenden Zustandsbeschreibung beginnt der Film Jeder Acker, jeder Fabrik.
Das Filmteam um die den SoZ-Leser:innen schon bekannte Filmemacherin und Aktivistin Johanna Schnellhagen (siehe SoZ 6/26) hat Arbeiter:innen und linke Aktivist:innen befragt, wie sie mit der Krise des fossilen Kapitalismus umgehen.
Gleich zu Beginn werden sie vorgestellt, es sind Arbeiter:innen und Aktivist:innen unterschiedlichen Alters, aus unterschiedlichen Ländern. Aus Deutschland gehören der VW-Vertrauensmann Lars Hirsekorn ebenso dazu wie der Gartenarbeiter Jakob; aus Italien der verrentete Hafenarbeiter Francesco Moreno ebenso wie der Theoretiker des Operaismo, Sergio Bologna. Mehrere Beschäftigte kommen aus dem Gesundheits- und Pflegebereich.
 
Rückgriff auf die 70er
Der Film erinnert auch an Zeiten, als die proletarische Linke in der Offensive war und das Kapital Angst haben musste. Die proletarischen Aktivist:innen berichten über lange Streiks sowohl beim Autokonzern Fiat wie in den Hafenanlagen von Genua. Aber auch an der Universitätsklinik.
Er zeigt, wie die Kollektivität sich aus den Fabriken in den Alltag ausbreitete. So berichten Beschäftigte der italienischen Elektrizitätsfabrik ENEL, wie sie Menschen, denen Strom und Gas abgestellt wurde, dabei halfen, dass sie wieder an die Energieversorgung angeschlossen wurden. Solche solidarischen Aktionen gab es auch in den Jahren zwischen 2011 und 2015, als die Massenproteste gegen die Austeritätspolitik der EU in Griechenland große Teile der Gesellschaft erfassten.
 
Ansätze für eine andere Gesellschaft
Etwas schnell kommt dann der Sprung in die Gegenwart, wo wir es mit einer demobilisierten und desorientierten Klasse haben, die oft kein Bewusstsein mehr von ihrer Stärke hat, die sie nur in gemeinsamen Kämpfen spüren kann. Da wäre ein Verweis auf die Zerschlagung des britischen Bergarbeiterstreiks sicher hilfreich gewesen.
Doch es bleibt im Film nicht beim Anprangern des desolaten Ist-Zustands. Unter dem Oberbegriff »Weltkommune« berichten verschiedene Beschäftigte aus unterschiedlichen Branchen, wie sie sich ihre Arbeit in einer nichtkapitalistischen Gesellschaft vorstellen:
Beatrix Sassermann etwa verweist auf den Wegfall von Doppelarbeit, wenn das Patentrecht aufgehoben und die Werbung wegfallen würde. Lars Hirsekorn betont, dass die Nachtschicht in einer nichtkapitalistischen Gesellschaft auf jeden Fall wegfallen würde.
Ein großes Plus ist, dass es sich bei den Statements der Arbeiter:innen nicht um ein utopisches Wünschdirwas geht. Die Gesprächspartner:innen kennen sich in ihrem Arbeitsbereich sehr gut aus und beschreiben sehr konkret, was sich in einer Gesellschaft ändern könnten, die nicht mehr nach kapitalistischen Grundsätzen funktioniert. Dafür aber – das wird im Film auch deutlich – ist die Selbstverwaltung der Arbeiter:innen in den Betrieben nötig. Und sie müssen untereinander verbunden sein, damit die gesellschaftlichen Bedürfnisse befriedigt werden können.
Im Film wird das Konzept einer Planwirtschaft von unten vorgestellt, das Rätekommunist:innen als Antwort auf die Verstaatlichung der russischen Revolution bereits in den 1920er Jahren entwickelten. Kernstück ist die Demokratische Arbeitszeitrechnung. Es geht um eine von Arbeiter:innen selbst organisierte Buchhaltung. Damit sollen Produktion und Konsumtion in ein transparentes Verhältnis zueinander gestellt werden – wie Andre, Suse und Sebastian von der Initiative Demokratische Arbeitszeitrechnung erläutern. Sie wollen das Konzept auf die heutige Zeit übertragen. Natürlich ergeben sich dabei viele Fragen, weil auch Carearbeit wie Kinderbetreuung als Arbeitszeit eingerechnet werden soll.
Der Film ist sehenswert, weil er die Lohnabhängigen in aller Welt in den Mittelpunkt rückt. Sie sind es, die die Macht und die Möglichkeiten haben, die Gesellschaft zu verändern. Der Film kann einen Beitrag dazu leisten, dass diese Erkenntnis sich in größeren Teilen der gesellschaftlichen Linken wieder durchsetzt.

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