zusammengestellt von Norbert Kollenda
Die politische und gesellschaftliche Lage in Polen bleibt angespannt. In dieser Ausgabe reicht die Spannbreite von den Strategien der Neuen Linken über historische und aktuelle Konflikte innerhalb des Staates bis hin zu tief sitzenden Strukturproblemen – etwa im Bergbau oder in der politischen Kultur der Regierungskoalition. Gleichzeitig zeigen die Berichte über den Umgang mit staatlichen Geldern in kirchennahen Institutionen und die Ermittlungen gegen Pater Rydzyk, wie eng politische Macht, Ideologie und öffentliche Ressourcen weiterhin verflochten sind. Die polnisch-europäischen Beziehungen, die Erinnerungspolitik und die Frage nach demokratischer Stabilität ziehen sich wie ein roter Faden durch die Beiträge dieser Woche. [d. Red.]
Die Neue Linke hat einen Plan
Polityka, 14. Dezember 2025
Auf dem Parteikongress der Nowa Lewica wurde Wlodzimierz Czarzasty im Amt bestätigt und demonstrierte zugleich, dass die Partei einen Plan hat – im Umgang mit EU-Gegnern, den Rechten und dem Präsidenten – und nicht den Kopf in den Sand steckt.
Unterstützt von einer stark beachteten Rede des ehemaligen Präsidenten Aleksander Kwasniewski zeigte die Linke Geschlossenheit und Selbstbewusstsein. Die Phase, in der Czarzasty politisch ins Abseits zu geraten schien, ist vorbei.
Czarzasty hat an Einfluss gewonnen. Er übernahm das Amt des Sejm-Marschall und ist geschickt in Koalitionsverhandlungen. „Die Linke liefert“, erklärte er auf dem Kongress – was sich in dem kommenden Monaten bis 2027 als Wahlkampfslogan entwickeln wird.
Tatsächlich gelang es der Partei (mehr oder weniger erfolgreich) mehrere Projekte durchzusetzen: Witwenrente, das Programm „Aktywny rodzic“ (Aktiver Elternteil), freier Heiligabend, kommunale Mietwohnungen, die Anrechnung von Zeitarbeitsverträgen auf die Betriebszugehörigkeit sowie die Weiterentwicklung des Bürgerportals mObywatel (ein Internetportal zur Kommunikation mit Ämtern).
Die Politiker:innen der Nowa Lewica erinnern auch an die umstrittene gemeinsame Abstimmung mit der PiS über den Nationalen Wiederaufbauplan 2021 (KPO) – was damals kritisch bewertet wurde. Offene Baustellen bleiben: Abtreibungsrecht und Partnerschaftsgesetzgebung. Doch auch dafür, so verspricht die Parteiführung, existiert ein Plan.
Ein weiterer Aspekt für Czarzastys Wahl als Vorsitzenden ist, dass die Linke in harten politischen Verhandlungen jemanden mit Erfahrung braucht. Ein Politiker aus Czarzastys Umfeld bringt es drastischer auf den Punkt: Er könne sich nicht vorstellen, dass jemand wie Agnieszka Dziemianowicz-Bak oder Krzysztof Gawkowski mit Donald Tusk verhandeln könnten. Czarzasty habe sich in dieser blutigen Disziplin jedoch bewährt.
Andere fügten hinzu, dass der Vorsitzende Elan habe und gut in Form sei. Zugleich zeigt sich die jüngere Generation der Linken zufrieden: Die neue Führung gewährleistet sowohl Geschlechter- als auch Generationenparität.
Anlässlich des Jahrestags der Verhängung des Kriegsrechts attackierte Präsident Nawrocki die Linke als „Postkommunisten“, die heute Spitzenämter besetzen würden.
Der ehemalige Präsident Aleksander Kwasniewski entgegnete:
Der Präsident hat Worte benutzt, zu denen verblendete Historiker ein Recht haben mögen – er nicht. Ein Präsident sollte suchen, was die Polen verbindet, und die Sensibilitäten verschiedener Milieus verstehen. (…) Herr Präsident Nawrocki: Ist in Polen heute ein runder Tisch – nicht zwischen Kommunisten und Solidarnosc, sondern zwischen Solidarnosc und Solidarnosc – möglich oder nicht?
Auch Czarzasty konterte mit scharfen Worten: Nawrocki verkörpere „nationalistische Obsessionen“ und die schlimmsten Traditionen Roman Dmowskis (Polnischer Nationalist 1864-1939) – und zwar nicht auf intellektueller Ebene, sondern „in der Gestalt von Hooligans im Stadion“, einer „Form von Nationaldemokratie“, der man sich entgegenstellen müsse.
Er bekräftigte seine Haltung aus seiner Antrittsrede:
Ich werde gegen Nawrocki kämpfen, wenn er die Verfassung angreift oder den Sejm mit populistischen, spaltenden Gesetzen überhäuft, die der Spaltung der Gesellschaft dienen. (…) Nawrocki versteht nur die Sprache der Gewalt – nun gut. Dann wird es Veto gegen Veto geben, ein Veto für ein Veto.
Die Linke bereitet sich also auf den Wahlkampf vor. Dazu gehört „Gas geben“ und durch das Land touren. Eine der stellvertretenden Vorsitzenden erklärt:
Es gilt Strukturen zu überprüfen, auf die Menschen zuzugehen, sich mit Kritikern und Sympathisanten zu treffen. Wir müssen den Menschen bewusst machen, wem sie ihren freien Heiligabend oder die Witwenrente zu verdanken haben.
Die führenden Strategen sind sich einig, dass man auf Menschen mit anderen Ansichten zugehen muss, die heute Vorwürfe gegen die Linke erheben. Parallel dazu baut die Linke ihre Zusammenarbeit mit kleineren außerparlamentarischen Parteien aus.
Hintergründe zum Kriegsrecht vom 13. Dezember 1981
Przeglad, 08. Dezember 2025
Am 13. Dezember 1981 landeten um 6 Uhr morgens Soldaten des 16. Luftlandebataillons der 6. Division auf dem Flughafen Okecie bei Warschau. Sie besetzten die wichtigsten Einrichtungen, blockierten die Rollbahnen mit LKW und wurden dabei von mehreren Hundert bestens ausgebildeten Soldaten der polnischen Armee unterstützt.
Bereits kurz nach Mitternacht hatten 220 Soldaten das Gebäude des Polnischen Fernsehens eingenommen und die Relaisstationen im Kulturpalast unter ihre Kontrolle gebracht. Flughafen, Fernsehsender und andere Kommunikationsanlagen zählen zu den strategischen Schlüsselpunkten eines Landes, die besonders geschützt werden müssen. Und nun wurden sie gesichert, allerdings nicht vor der Solidarnosc.
Im Generalstab war man sich bewusst, dass eine Intervention der Armeen des Warschauer Pakts unmittelbar bevorstehen konnte. General Jaruzelski kannte die Rote Armee und ihre Taktik nur allzu gut.
Bereits seit 1980 lag ein detaillierter Plan für einen Angriff auf Polen vor. Die sowjetische 7. Gardeluflandedivision und die 106. Luftlandedivision sollten die Operation durchführen; ihre Demarkationslinie verlief entlang der Marszalkowska-Straße in Warschau.
Kommandeure in Zivil waren zuvor auf einem sowjetischen Flughafen in Polen gelandet, um die Lage zu erkunden. Es erfolgte eine genaue Aufklärung der Gebäude des Zentralkomitees der Polnischen Arbeiterpartei, des Sejm, der Nationalbank, des Verteidigungs- und Innenministeriums sowie des Flughafens. Diese Objekte sollten besetzt und Jaruzelski wie auch andere Regierungsmitglieder interniert werden.
Die Vorgehensweise der Roten Armee – ebenso heute der russischen Armee – folgt einem bekannten Muster: Truppenbewegungen an der Grenze, anschließend Luftlandetruppen, die Schlüsselpositionen des Landes übernehmen und die Regierung ausschalten.
Jaruzelski wollte dieser Entwicklung zuvorkommen und nicht wie die Tschechoslowakei 1968 militärisch überrannt werden. Er versprach Moskau, die Solidarnosc selbst unter Kontrolle zu bringen, traute dem „großen Bruder“ jedoch nicht und griff schließlich selbst ein.
Die nächtliche Besetzung des Flughafens Okecie durch polnische Spezialeinheiten, den einzigen Flughafen, auf dem sowjetische Transportflugzeuge hätten landen können, sollte eine Invasion verhindern.
Auch Polen ein trojanisches Pferd Trumps?
studioopinii.pl, 12. Dezember 2025
Für Zbigniew Szczypinski, den Autor des Artikels, markiert die neue Nationale Sicherheitsstrategie der USA unter Donald Trump eine zivilisatorische, und nicht nur eine politische Wende.
Es handelt sich diesmal nicht um ein spontanes Interview, sondern um ein offizielles Dokument – und daraus geht unmissverständlich hervor, dass sich die USA künftig nur noch für jene Teile der Welt interessieren wird, die für die amerikanischen Oligarchien finanziell von Bedeutung sind.
Ihr Wert wird in Milliarden bemessen. Das erinnert an Stalins Spott über den Vatikan: bedeutungslos, weil ohne Militärdivisionen. Trump macht zudem offen deutlich, dass er China und Europa als Feinde betrachtet. Russland hingegen ist ein Partner, mit dem sich gute Geschäfte machen lassen.
Im Internet kursiert ein Bild, das die ideologische Nähe dreier Aussagen zeigt. Unter den Porträts von Adolf Hitler, Donald Trump und Jaroslaw Kaczynski stehen die Sätze:
- „Juden sind keine Menschen, es sind Tiere.“ – Adolf Hitler
- „Illegale Geflüchtete sind keine Menschen, es sind Tiere.“ – Donald Trump
- „Die Gegner der guten Wandlung sind keine Menschen, es sind Tiere.“ – Jaroslaw Kaczynski
Drei Aussagen, ein Tenor. Doch Präsident Nawrocki berief daraufhin nicht einmal den Sicherheitsrat ein – obwohl der neuen US-Strategie zufolge Polen eine besondere Rolle zufällt: Es soll Trump dabei helfen, die EU von innen zu destabilisieren.
Droht eine Rückkehr zu Zeiten, in denen der „große Bruder“ den Kurs vorgab und die Satelliten folgten? Haben diejenigen, die das alte System überwanden, dafür gekämpft, um sich nun Trumps Gnadenrecht zu unterwerfen?
Ich (Szczypinski) glaube nicht, dass Trump sich durchsetzen wird. Ich glaube, dass die amerikanische Gesellschaft aufwacht und Leute aus den Ämtern entfernt, die dort niemals hätten sitzen dürfen.
Und hoffentlich wird auch Polen nicht eine Staatsform wählen, die schlimmer wäre als alle, die wir zuvor kannten. Doch die Gefahr ist real – rechtsextreme Populisten gibt es genug. Noch bleibt Zeit, sie aufzuhalten.
Damit Polen nicht zu Repressionsmaßnahmen greifen muss, braucht es eine schnelle Abrechnung mit der früheren Regierung – nicht politisch, sondern rechtsstaatlich.
Verantwortliche müssen für Betrug und Missbrauch vor Gericht gestellt und bestraft werden. Der Vorsitzende aller Vorsitzenden (Kaczynski) kündigte offen an, wo Donald Tusk landen wird, sollte die PiS mit Trumps Unterstützung zurück an die Macht gelangen. Dann wird sich zeigen, wie effizient ein rechtswidriger Staat sein kann, der Trumps neue Strategie umsetzt.
Hoffentlich nicht …
Keine Zusammenarbeit in der Koalition
studioopinii.pl, 29. November 2025
Ausgangspunkt des Textes ist eine Überlegung zu Szymon Holownia – dessen narzisstische Züge und mangelnde politische Erfahrung letztlich zu seinem Scheitern führten.
Der Text ist ein Versuch, die hypothetische Frage zu beantwortern: Was wäre gewesen, wenn der Sejm-Marschall damals mehr Weitblick und Mut gezeigt hätte? Wenn er bei der Vereidigung Präsident Nawrockis anders gehandelt hätte – in einer Weise, die seine Karriere hätte retten und zugleich einen echten Neustart der polnischen Demokratie ermöglicht hätte?
Eine Bewertung, die allein Holownia die Schuld zuweist, wäre jedoch einseitig und unfair. Denn nicht nur er hat die Situation falsch eingeschätzt. Auch die anderen Führungsfiguren der Koalition vom 15. Oktober 2023 – Donald Tusk, Wladyslaw Kosiniak-Kamysz und Wlodzimierz Czarzasty – tragen Verantwortung.
Es ist also keine Geschichte über das Scheitern eines Einzelnen, sondern eine Analyse der strukturellen Unfähigkeit der polnischen Politik zur Zusammenarbeit – eine Unfähigkeit, die das Sozialkapital schwächt und das gesamte Entwicklungsmodell des Landes belastet.
Zwei Jahre nach den historischen Wahlen fällt die Bilanz ernüchternd aus:
Der „Dritte Weg“ zerbrach bereits im Juni 2025. PSL und Polska 2050 liegen mit 2,3 % bzw. 1,7 % an der Fünfprozenthürde. Holownia trat im November 2025 als Marschall zurück und zog sich aus der Politik zurück. Nur ein Viertel der hundert angekündigten Reformprojekte von Donald Tusk wurde umgesetzt.
Noch alarmierender ist der Absturz im IMD-Wettbewerbsranking der Volkswirtschaften: Polen verlor im Jahr 2025 elf Plätze und liegt nun nur noch auf Rang 52 – dem schlechtesten Wert seit fünf Jahren. In der Kategorie „Effizienz der Regierung“ belegt das Land den zweitletzten Platz in Europa.
Die Lehre aus den politischen Ereignissen des Sommers 2025 fällt bitter aus: Alle Koalitionsführer verfügten über den Schlüssel zu einer großen Transformation Polens – doch statt ihn gemeinsam zu nutzen, behielt jeder seinen eigenen kleinen Schlüssel für die Durchsetzung partikularer Interessen.
So wird Holownia nicht als Reformer in Erinnerung bleiben, Tusk nicht als großer demokratischer Führer, Kosiniak-Kamysz nicht als Visionär der Mitte und Czarzasty nicht als Erneuerer der Linken. Sie alle wurden zu Politikern der Kleinheit – in einer Zeit, in der Polen Politiker mit Größe gebraucht hätte.
Jeder neue Tag im Stammeskampf zwischen PiS und PO, jede Illoyalität innerhalb der demokratischen Koalition und jedes populistische Sozialversprechen ohne finanzielle Grundlage erhöht die Mauer, die Polen vom Modell kooperierender Demokratien trennt.
Polen besitzt eine starke Wirtschaft, aber eine schwache Politik – und diese Asymmetrie kann dauerhaft nicht bestehen. Entweder wächst die Politik endlich auf das Niveau der Wirtschaft heran, indem sie Kooperation, Kompromiss und langfristige Strategien erlernt, oder die Wirtschaft sinkt auf das Niveau der Politik – mit fatalen Folgen für das Entwicklungsmodell des Landes.
Die zentrale Warnung lautet: 2025 fehlten in Polen Politiker, die zu überparteilicher Zusammenarbeit fähig waren, weil sie in drei Jahrzehnten Transformation in einer Kultur des Kampfes statt des Gemeinsinns sozialisiert wurden. Das Sozialkapital – eine Schlüsselressource jeder Nation – wurde systematisch abgetragen, zerstört durch einen dauerhaften politischen Stammeskrieg.
Das ist die eigentliche Tragödie Polens nach dem 15. Oktober 2023.
Problem Kohle-Bergbau mit viel Geld zugekittet
Polityka, 25. November 2025
In der gesamten EU wird keine Steinkohle mehr gefördert – außer in Polen. Doch auch hier will die Energiewirtschaft langfristig ohne Kohle auskommen.
Die Bergleute, die im Schnitt 17.000 PLN (ca. 4.000 Euro, etwa doppelt so viel wie der Landesdurchschnitt) verdienen, kündigen dennoch an, zur Verteidigung ihrer Arbeitsplätze „das Land in Brand zu stecken“. Die Regierungen der vergangenen Jahre haben das Problem immer wieder mit Geld übertüncht.
Dominik Kolorz, Vorsitzender der Solidarnosc in Schlesien und Dabrowa, erklärte bei einer großen Demonstration Anfang November in Katowice:
Wir kämpfen dafür, dass Schlesien nicht stirbt.
Nach fünf Jahren wurde das Intergewerkschaftliche Protest- und Streikkomitee der Region reaktiviert – ein deutliches Zeichen, dass sich die Gewerkschaften auf einen harten Konflikt vorbereiten.
Die Liste ihrer Forderungen ist lang, doch zentral ist ihre Forderung nach vollständiger Umsetzung des Sozialvertrags, den die Regierung im Mai 2021 mit den Bergleuten geschlossen hatte.
Damals akzeptierten die Gewerkschaften den EU-Green-Deal und das Ziel einer vollständigen Dekarbonisierung bis 2050, was den Abschied von der Kohle bedeutet. Die Regierung sicherte im Gegenzug zu, den Bergbau finanziell zu unterstützen und die Schließung der schlesischen Gruben so lange wie möglich hinauszuzögern. Die letzte Tonne Kohle soll 2049 gefördert werden.
Doch die Realität holt den Vertrag ein. Bartlomiej Derski vom Portal wysokienapiecie.pl fragt:
Wer wird dann überhaupt noch Kohle brauchen? Bereits in zehn Jahren wird ihr Anteil am polnischen Energiemarkt gering sein, dass ein einziges Bergwerk – das effiziente Bogdanka – ausreicht. Man muss nur verfolgen, wie schnell der Anteil von Kohle bei der Energieerzeugung zurückgeht. In den letzten zehn Jahren sank der Steinkohleverbrauch der Wirtschaft um 33 Prozent (d. h. um 24,1 Mio. Tonnen). Die Förderung ging um 39 Prozent (28,7 Mio. Tonnen) zurück, während die Importe um 4,5 Mio. Tonnen stiegen. Vor zehn Jahren betrug der Kohleanteil im Energiemix über 80 Prozent, im vergangenen Jahr waren es schon nur noch 57 Prozent.
Trotzdem drohen die Gewerkschaften – seit Jahren mit fast identischer Führungsriege –, das Land lahmzulegen, sollte die Regierung ihre Forderungen nicht erfüllen.
Wieder geht es um höhere Löhne, keine frühzeitigen Schließungen und keine Umstrukturierung. Dabei türmen sich bereits 5,5 Mio. Tonnen unverkaufte Kohle neben den Bergwerken, und es wird bald an Platz fehlen.
Jede zusätzliche Tonne verschärft die finanzielle Krise: In schlesischen Bergwerken kostet die Förderung einer Tonne im Schnitt etwa 1.000 PLN. In Bogdanka sind es nur rund 300 PLN. Kraftwerke zahlen aktuell 331 PLN pro Tonne, Heizkraftwerke 449 PLN – orientiert an den ARA-Marktpreisen für importierte Kohle aus Tagebau in Kolumbien, den USA und Australien.
Es ist kaum möglich, damit zu konkurrieren. Polnische Kohle ist teurer und von geringerer Qualität; sie wird unter extrem schwierigen Bedingungen gewonnen – oft mehr als einen Kilometer unter der Erde, was die steigenden Förderkosten erklärt.
Ein polnischer Bergmann fördert im Jahr etwa 500 Tonnen, ein amerikanischer zehnmal so viel – bei ähnlicher Bezahlung. Kein Wunder, dass die polnische Kohle nicht nur zu teuer, sondern auch kaum exportfähig ist. Bergleute gehören dennoch zu den bestverdienenden Berufsgruppen in der Region.
Dr. Adam Drobniak von der Fakultät für Raumwirtschaft und Transformation von Redgionen an der Wirtschaftsuniversität Katowice erklärt:
Der Bergbau beschäftigt 73.000 bis 74.000 Menschen, vor allem bei der Polska Grupa Górnicza und bei JSW. Jeder dieser Arbeitsplätze schafft im Umfeld durchschnittlich 1,21 weitere. Das bedeutet: Rund 170.000 Menschen leben heute direkt oder indirekt vom Kohlebergbau in Schlesien. Eine schnelle Stilllegung würde zu einer wirtschaftlichen Implosion und einer weiteren Entvölkerung der Region führen. Schon die 2001 von Jerzy Buzeks Regierung umgesetzte Reform führte zu einem spürbaren Bevölkerungsschwund. Und auch andere regionale Schlüsselbranchen wie Stahl, Kohleenergie und zunehmend auch Automobilindustrie geraten unter Druck.
Zwischen Warschau und Brüssel spitzt sich der Konflikt zu. Die EU weiß um Polens schwierige Energiestruktur, akzeptiert aber immer weniger, dass der Kohlebergbau mit öffentlichen Mitteln subventioniert wird. Glücklicherweise baut in der EU kein anderes Land außer Polen noch Steinkohle ab (auch in Tschechien wurde das letzte Bergwerk geschlossen). Da die Kohle nicht exportiert werden kann, kann Polen auch niemand unerlaubte staatliche Beihilfen vorwerfen.
Der Sozialvertrag von 2021 wurde bis heute nicht bei der Europäischen Kommission notifiziert – und wird es auch nicht, da er gegen EU-Recht verstößt. Damit droht ein Verfahren vor dem EuGH.
Doch vorerst schaut Brüssel weg, während Warschau behauptet, das Geld fließe in die strukturierte Stilllegung. In Wahrheit dient es vor allem einem Zweck: soziale Ruhe zu bewahren.
Kommentar zum Artikel von Norbert Kollenda:
Eine Bewohnerin der Region schilderte mir, wie rasant ehemals blühende Orte verfallen sind, seit die Bergwerke geschlossen wurden und keinerlei neue Perspektiven entstanden sind. Die Bergleute erhielten Abfindungen, doch oft reichte das Geld nur für ein schickes Auto, und wenn es aufgebraucht war, blieb nicht selten nur noch die Flasche. „Früher bin ich gern nach M. gefahren“, sagte sie, „aber heute mache ich einen großen Bogen um die Gegend. Früher verdienten sie gut, gingen mit fünfzig in Rente, die Arbeitsjahre wurden mit dem Faktor 1,8 angerechnet… Und jetzt?“
Ich erinnere mich daran, wie ich vor 16 Jahren den Vorsitzenden der Gewerkschaft August 80, Boguslaw Zietek, fragte, ob man sich wenigstens Gedanken über neue Perspektiven nach der Kohle mache – denn die Regierung würde es ganz sicher nicht tun. Die Frage löste bei ihm sichtbaren Zorn aus. Er schimpfte auf die Grünen, die die Realitäten angeblich nicht verstünden. Auf die Kohleimporte aus Russland, für die seit dem Zweiten Weltkrieg ein spezielles Breitspurgleis bis nach Slawków in Oberschlesien führt (und über das trotz der Sanktionen nach dem Überfall auf die Ukraine weiterhin sibirische Kohle kam). Und auf Kohle aus Übersee, bei der er bezweifelte, ob sie sich angesichts der Transportkosten rechne.
Manchmal sehe ich ihn heute in Interviews – inzwischen grauhaarig –, wie er verzweifelt versucht, die Kohleförderung zu verteidigen.
Was machte Pater Rydzyk mit staatlichen Geldern?
Przeglad, 08. Dezember 2025
Am 26. November durchsuchte das Zentrale Antikorruptionsbüro (CBA) die Büros der Stiftung Lux Veritas von Tadeusz Rydzyk und beschlagnahmte Unterlagen.
Während der acht Jahre PiS-Regierungszeit erhielt der „katholische“ Medienunternehmer laut Schätzungen zwischen 400 und 500 Millionen PLN aus öffentlichen Mitteln.
Eine der Finanzquellen war der Fonds für Gerechtigkeit, der dem Justizministerium unterstellt war. Dieser Fonds sollte Opfern von Straftaten sowie ihren Angehörigen und Zeugen rechtliche, psychologische und materielle Unterstützung bieten.
Zwischen 2017 und 2023 flossen daraus 21,5 Millionen PLN an Rydzyk. Der damalige Justizminister Zbigniew Ziobro war ein häufiger und gern gesehener Gast im Medienimperium des Redemptoristen.
Mit sieben Millionen PLN gründete Rydzyk das „Zentrum zum Schutz der Rechte der Christen“ (COPC). Nach Darstellung der PiS-Regierung wurden Katholiken im traditionell ultrakatholischen Polen – in dem sich rund 90 Prozent zum Katholizismus bekannten – angeblich verfolgt.
Die Aktivisten des COPC erklärten die „Verfolgung“ anhand von Vorkommnissen wie einer Regenbogenflagge, die an einer Christusfigur in Warschau angebracht wurde, einer Ikone der „Mutter Gottes“ mit Regenbogen-Aura, LGBT-Demonstrationen, Sexualerziehung an Schulen oder den Protesten der Frauenstreik-Bewegung.
Faktisch gab es jedoch keine Opfer, denen der Fonds hätte helfen müssen. Stattdessen wurde das Imperium des kirchlichen Oligarchen weiter ausgebaut. Ein Teil der Mittel floss auch in das Programm von TV TRWAM, das damit seine fundamentalistische Ideologie ausweiten konnte.
Die Oberste Kontrollkammer (NIK) untersuchte die Ausgaben des Fonds und förderte teils absurde Posten zutage. Für 1,2 Millionen PLN wurde ein „Büro für Rechtsberatung“ eingerichtet – ein einzelnes Zimmer im Gebäude des Rydzyk-Imperiums.
Im Durchschnitt nutzte lediglich eine Person innerhalb von zwei Wochen das Angebot. Fünf Juristen sollten die Beratung übernehmen und erhielten dafür 180.000 PLN. Ähnlich sah es bei den Psychologen aus. Für die Verwaltung dieser „Beratungsstelle“ wurden weitere 1,4 Millionen PLN ausgegeben.
Auch aus anderen staatlichen Töpfen floss Geld an den Hochwürdigen Herrn Pater. Der Kulturminister überwies 218 Millionen PLN für den Bau eines Museums „zur Erinnerung an den heiligen Johannes Paul II.“
Das Gebäude steht auf staatlichem Grund, den der Bürgermeister Rydzyk für symbolische 1 PLN überließ. Das Museum soll die „glorreiche polnische Geschichte“ von der Christianisierung bis heute darstellen. Die Mittel wurden ausgezahlt, ohne dass das Projekt oder seine Verwendung kontrolliert wurden.
Neben Ziobro wird sich auch Ex-Kulturminister Glinski verantworten müssen. Rydzyk selbst erhielt eine Vorladung als Zeuge – er erschien jedoch nicht. Nun wurde ein neuer, geheimer Vernehmungstermin angesetzt.
Für Präsident Karol Nawrocki ist Rydzyks Medienimperium „ein glaubwürdiger Prediger der Wahrheit, Einheit und Treue“. Jaroslaw Kaczynski bezeichnet Radio Maryja als „Damm gegen die liberal-linke Tyrannei“.
„Polen braucht Liebe“, verkündete Rydzyk am 6. Dezember zum Jubiläum von Radio Maryja – wenige Tage bevor er am 10. Dezember 2025 in der Staatsanwaltschaft Rzeszów zur Verwendung öffentlicher Gelder in seinem Toruner Imperium aussagen soll.
Rydzyk verhört
TVN24, 10. Dezember 2025
Pater Tadeusz Rydzyk erschien kurz vor 13 Uhr in der regionalen Staatsanwaltschaft in Rzeszów. Der Fall betrifft das Museum „Erinnerung und Identität“ des Heiligen Johannes Paul II., wie Radio Maryja am Mittwoch auf seiner Website mitteilte.
Vor dem Betreten des Gebäudes wollte der Geistliche nicht mit Journalisten sprechen. Als TVN24-Reporter Konrad Borusiewicz versuchte, ihm eine Frage zu stellen, entgegnete Rydzyk lediglich:
Ich spreche nicht mit TVN.
Die Befragung dauerte rund drei Stunden. Nach dem Verlassen des Vernehmungsraums sagte Rydzyk:
142 Einrichtungen werden gemeinsam mit dem Kulturministerium in Polen betrieben, aber nur uns nehmen sie ins Visier. Und sie lügen – sie sprechen mich nicht einmal mit ‚Priester‘ oder ‚Pater‘ an. Aber das ist nebensächlich. Dass die PiS mir Geld gegeben hat – eine Lüge!
Vor dem Eingangstor des Gebäudes versammelten sich etwa 60 Personen. Sie beteten den Rosenkranz, trugen weiß-rote Fahnen sowie ein Transparent mit dem Bild des Heiligen Andreas Bobola und ein weiteres mit der Aufschrift:
Nicht regenbogenfarben, nicht säkular, sondern katholisch-polnisch.
Auch die Polizei war vor Ort.
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