von Musa Kaplan
Kobanê ist wieder unter Beschuss – die von Merz hofierte islamistische Regierung in Damaskus schickt ihre Milizen gegen die kurdischen Gebiete.
„Dies ist ein Angriff auf unsere Werte, unsere Menschenrechte, unsere Träume von Gerechtigkeit und von Demokratie werden angegriffen. Wir haben seit 2011 einen großen Widerstand gezeigt, wir haben für ein freies Syrien, für Würde und für eine Demokratie, in der alle Teile der Gesellschaft gehört werden, gekämpft. Wir sind stolz, diesen Kampf zu führen. Leider ist dieser Kampf nun in Gefahr. Alle unsere Genoss*innen an allen Fronten sind alarmiert.“
Mit diesen Worten leitet Nesrin Abdullah, eine Kommandantin der Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) aus Kobanê (Rojava, Nordsyrien), eine kurzfristig anberaumte Pressekonferenz ein. Die Stadt befindet sich am Beginn eines intensiven Belagerungszustandes. Islamistischen Milizen haben sie von drei Seiten umzingelt. Nachdem die Islamisten-Miliz HTS vor einigen Tagen die nahegelegene Stadt Tabqa erobert hatte, ist jetzt die Strom- und Wasserversorgung für Kobanê unterbrochen.
Es fehlt an Lebensmittelvorräten, an Medizin, an Treibstoff, und an warmen Häusern für die unzähligen Geflüchteten aus den Dörfern der Umgebung. Um die 400.000 Menschen haben sich inzwischen in der kleinen 50.000-Einwohner-Stadt versammelt. Am Donnerstag (22.1.26) begann es dann auch noch zu schneien. Auch die Internetverbindung ist nur über internationale Zugänge möglich, während der Konferenz bricht sie mittendrin einmal ein. Die Lage ist ernst.
Erneute Massaker
Seit knapp zwei Wochen hält die Offensive gegen die Selbstverwaltung Rojavas an. Begonnen hat sie mit den Angriffen auf die kurdischen Viertel in Aleppo, Sheikh Maqsoud und Ashrafiye, die demselben Muster folgten wie zuvor die Massaker an den Alawit*innen und danach den Drus*innen (die von Nesrin Abdullah als Genozid beschrieben werden).
Islamistische Söldnergruppen, die sich in der HTS versammelt haben, konnten unter Wohlwollen der Übergangsregierung von al-Sharaa Zivilist*innen massakrieren. Die Weltöffentlichkeit fand vielleicht ein paar kritisierende Worte, doch im Großen und Ganzen lobt sie den ehemaligen al-Qaida-Kommandanten für seine neu gewonnene Staatsmännigkeit. Sogar ausstehende Investitionen, wie die vom deutschen Bundeskanzler Merz zugesagten 620 Millionen Euro, wurden dadurch nicht in Frage gestellt.
Der Terror ist zurück
Doch dieses Mal sollte es nicht bei einem isolierten Massaker bleiben. Ausgehend von der Gewalt in Aleppo formierten sich die islamistischen Milizen unter Führung der HTS, um die Truppen der SDF (Syrian Democratic Forces) auf ihrem vereinbarten Rückzug aus der Region Deir Hafer, anzugreifen. Diese Attacke ging dann in eine Offensive auf breiter Front gegen die Selbstverwaltung über.
Inzwischen haben die Islamisten mehrere Gefängnisse in ihre Gewalt gebracht und die dort inhaftierten IS-Kämpfer befreit, die sich wiederum den Milizen anschließen. In Raqqa wurde die Fahne des IS gehisst, während die HTS-Milizionäre in den Gefängnissen von den IS-Kämpfern unter Allahu-Akbar-Rufen empfangen werden.
Darauf folgten grausame Videos von Enthauptungen, einem Menschen wurde das Herz herausgerissen, Leichen wurden aus Gebäuden geworfen, Frauen, die lebendig gefangen wurden, um versklavt zu werden. Die aktuelle Belagerung von Kobanê stellt das neueste Glied in dieser Kette unheilvoller Entwicklungen dar.
Was ist aus der Anti-IS-Koalition geworden?
Das kurdische Volk scheint alleine dazustehen. Die US-amerikanischen Truppen in ihren Stützpunkten, die als Teil der Anti-IS-Koalition und als Schutzmacht der Kurd*innen fungiert hatten, halten sich bisher trotz aller Hilferufe zurück.
Auch die Türen anderer westlicher Staaten wie etwa Frankreich bleiben für die Belange kurdischer Vertreter*innen bisher verschlossen, während Merz seine Einladung an al-Sharaa für einen Besuch im Kanzleramt bestärkt. Aus dem Treffen des SDF-Kommandeur Mazlum Abdi mit dem US-Sondergesandten Tom Barrack gelangten bisher keine Neuigkeiten nach Kobanê.
Verglichen mit der Belagerung von 2014 steht Kobanê heute alleine da. Was sich hingegen nicht geändert hat, ist die militärische Unterstützung durch die Türkei – für die islamistischen Kräfte. Wie schon 2014 liefert sie schwere Waffen an die islamistischen Kämpfer, zudem beteiligen sie sich in Form von Drohnenschlägen, unter anderem durch sogenannte Selbstmorddrohnen.
Eine widerständige Gesellschaft
In dieser schwierigen Situation hat die Selbstverwaltung auf Drängen der Gesellschaft eine Generalmobilmachung ausgerufen. Wer kann, soll sich bewaffnen. Wer sich nicht bewaffnet, der soll einen anderen Weg finden, sich an der Selbstverteidigung zu beteiligen.
Diesem Aufruf folgen nicht nur Menschen aus der kleinen Stadt in Rojava. In der Türkei haben sich tausende Menschen auf den Weg zur Grenze bei Kobanê gemacht. Es kursieren Videos in denen Menschen in der Grenzstadt Nusaybin zu Hunderten über die Grenze nach Nordostsyrien gehen, unter scharfem Beschuss durch türkische Militärs.
Ebenso bewegen sich Zivilist*innen aus Erbil und Sulaimaniyya (Irakisch-Kurdistan) Richtung Grenze. Aus Europa startete am Freitag (23.1.) eine Karawane von Internationalist*innen, deren Ziel das umzingelte Kobanê ist. Es ist eine unglaubliche Energie, die in diesen Tagen mobilisiert wird, um den Krieg gegen die Selbstverwaltung zu stoppen.
Ein Leben in Würde
Doch wie kam es zu dieser Situation? War die Interimsregierung nicht zuvor im Dialog mit den Kräften der Selbstverwaltung, gab es nicht Pläne einer Eingliederung in den neuen syrischen Staat in Form von autonomen Brigaden und einem friedlichen Zusammenleben?
Ja, die gab es, doch sie wurden von al-Sharaa zeitgleich mit den Massakern von Aleppo einseitig aufgekündigt. Die neue Forderung war: bedingungslose Kapitulation und Unterwerfung unter Androhung eines Genozids.
Trotz einer ausgerufenen Waffenruhe hörten die Angriffe auf die SDF nicht auf. Unter diesen Umständen sind keine Gespräche möglich, betont Abdullah, doch die Selbstverwaltung bleibe nach wie vor offen für einen Dialog. Die Bedingung dafür seien einfach: Es bräuchte bloß eine Anerkennung der Würde des kurdischen Volkes, und den Willen zum Frieden.
Da die Interimsregierung nicht zu einem Dialog bereit ist, machen sich die Menschen von Kobanê bereit für ihre Selbstverteidigung. Sie sind entschlossen, für ein Leben in Würde zu kämpfen und notfalls zu sterben. Angesichts der drohenden Massaker und Entmenschlichungen bleibt ihnen keine andere Wahl.
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