zusammengestellt von Norbert Kollenda
Liebe Leserinnen und Leser,
mit den Zeitschriften „Polityka“ und „Przeglad“ gibt es in dieser Ausgabe einen Rückblick auf das auslaufende Jahr. Darüber hinaus geht es erneut um den Zustand der unterschiedlichen linken Strömungen in Polen sowie um die Dreistigkeit, mit der während der PiS-Regierung kriminelle Machenschaften durchgeführt und verschleiert wurden – hier unter dem Deckmantel eines angeblichen geistlichen Ordens, dort über einen Verband vermeintlicher „Hochschulen“. [Norbert Kollenda]
Umfrage der Polityka (25./26. November)
In einer Umfrage von Polityka vom 25. und 26. November wurden die Befragten gefragt, ob das staatliche System Polens gemäß der Verfassung radikaler Veränderungen bedarf. 16 Prozent der Befragten bejahten dies ausdrücklich. 49 Prozent sprachen sich für einige Verbesserungen aus. 18 Prozent gaben an, dass es ihnen schwerfällt, dies zu beurteilen. 17 Prozent sind der Auffassung, dass keine Veränderungen erforderlich seien.
Mit dem eigenen Leben zeigen sich 55 Prozent der Befragten zufrieden (10 Prozent „unbedingt ja“, 45 Prozent „ja“), 35 Prozent äußern Unzufriedenheit (23 Prozent „nein“, 12 Prozent „keineswegs“), während 10 Prozent unentschieden sind.
Deutlich skeptischer fällt die Bewertung der wirtschaftlichen Lage aus. Nur 38 Prozent sind der Meinung, dass Inflation und Preiserhöhungen gestoppt wurden (11 Prozent „unbedingt ja“, 27 Prozent „ja“), während 53 Prozent dies verneinen (27 Prozent „nein“, 26 Prozent „keineswegs“). 9 Prozent können dazu keine klare Einschätzung abgeben.
Auch die Einschätzung der allgemeinen wirtschaftlichen Situation ist verhalten: 44 Prozent halten sie für gut (12 Prozent „unbedingt ja“, 32 Prozent „ja“), 40 Prozent für schlecht (25 Prozent „nein“, 15 Prozent „keineswegs“), 16 Prozent sind unentschlossen.
Ein besonders ausgeprägtes Meinungsbild zeigt sich bei der Frage nach der Abhängigkeit von größeren EU-Staaten, vor allem von Deutschland. 56 Prozent der Befragten sehen hier eine Abhängigkeit Polens (30 Prozent „unbedingt ja“, 26 Prozent „ja“), 30 Prozent widersprechen dieser Einschätzung (18 Prozent „nein“, 12 Prozent „keineswegs“), 14 Prozent sind unentschieden.
Bei der Unterstützung der Ukraine bleibt die Gesellschaft gespalten. 46 Prozent halten es für richtig, der Ukraine umfangreich zu helfen (21 Prozent „unbedingt ja“, 25 Prozent „ja“), 40 Prozent lehnen dies ab (19 Prozent „nein“, 21 Prozent „keineswegs“), während 14 Prozent keine klare Position beziehen.
Jahresrückblick des Chefredakteurs der Polityka
17. Dezember 2025
Was ist mit Polen geschehen? Kurz gesagt: Am 1. Juni haben die Wählerinnen und Wähler – wenn auch mit knapper Mehrheit – die „Oktoberrevolution“ von 2023 faktisch rückgängig gemacht.
Sie entschieden sich für einen offenen Machtkampf an der Staatsspitze und ebneten den Weg für eine Rückkehr der Rechten an die Macht – diesmal in einer noch extremeren und radikaleren Variante als die PiS selbst.
Nach aktuellen Umfragen gilt eine Koalition aus PiS, Konfederacja und der Partei „Krone“ unter der Schirmherrschaft von Präsident Karol Nawrocki als das wahrscheinlichste Szenario der politischen Zukunft Polens.
Vorerst – besonders in der Zeit der Feiertage – ist es jedoch ratsam, sich diesen politischen Frankenstein lieber nicht allzu plastisch vor Augen zu führen.
Die Folgen dieser Entwicklung zeigen sich besonders deutlich bei der jungen Generation. Sie lebt überwiegend im Internet und ist noch kaum durch eigene politische Erfahrungen oder Enttäuschungen geschützt.
Vor allem junge Männer, mobilisiert durch die Konfederacja, trugen entscheidend zum Wahlsieg Nawrockis bei. Zugleich bilden sie den aktivsten Teil der immer stärker werdenden Partei „Krone“ von Grzegorz Braun.
Brauns Bewegung nutzt einen Feuerlöscher als Symbol – eine direkte Anspielung auf den antisemitischen Vorfall im vergangenen Jahr, als Braun während der Chanukka-Feier im Sejm mit einem Feuerlöscher den Leuchter löschte. Dieses Bild steht sinnbildlich für die Radikalisierung eines politischen Milieus, das zunehmend an Einfluss gewinnt.
Aktuelle Umfragen zeigen: Würden ausschließlich Menschen unter 30 Jahren den Sejm wählen, könnte die Konfederacja gemeinsam mit Brauns Partei allein regieren.
Es bleibt zu hoffen, dass diese Ergebnisse vor allem Frustration, internetgetriebenen Radikalismus oder auch provokative Überzeichnung widerspiegeln. Doch schon heute ist klar: Diese Stimmen könnten – wie bereits 2025 – auch über den Ausgang der Parlamentswahlen 2027 entscheiden.
Gewinner und Verlierer eines politischen Ausnahmejahres
Robert Walenciak, Przeglad, 29. Dezember 2025
2025 war ein politisch verrücktes Jahr – voller Überraschungen und Umbrüche. Der Sieg von Karol Nawrocki galt vielen als Schock. Doch war er wirklich so unerwartet?
Bereits vor einem Jahr hatte Przeglad darauf hingewiesen, dass der Ausgang offen sei – und dass Jaroslaw Kaczynski diese Wahl als Volksabstimmung für oder gegen Donald Tusk inszenieren würde. Genau so kam es. Und das Wahlkampfteam von Rafal Trzaskowski tat letztlich alles, um in diese Falle zu laufen.
Nach der Niederlage folgte in der Bürgerplattform eine Phase kollektiver Niedergeschlagenheit – als sei das Ende der Welt gekommen. Die PiS wiederum prahlte bereits mit einer Machtübernahme im Herbst. Doch nichts davon trat ein. Im Gegenteil: Tusk gewann sichtbar an politischer Frische zurück und gibt inzwischen erneut den Ton an.
Währenddessen verschoben sich die Kräfte in den hinteren Reihen. Waldemar Zurek übernahm die Rolle der strafenden Hand der Gerechtigkeit, Zbigniew Ziobro setzte sich nach Ungarn ab. In der PiS begann eine „Nacht der langen Messer“.
Und ganz rechts außen drängt sich Grzegorz Braun nach vorn – mit einem denkbar einfachen Programm: Gott segne euch, ich hasse euch alle! Nun ja, vielleicht mit einer Ausnahme: Putin. Ob Brauns Erfolg ein Vorbote eines dauerhaften Trends ist oder lediglich eine saisonale Erscheinung, bleibt offen.
Auch internationale Projektionen erwiesen sich als trügerisch. Donald Trump sollte der polnischen Rechten Rückenwind verleihen. Man setzte rote Kappen auf und rief im Sejm seinen Namen. Heute schämt man sich dafür.
Am Ende gleicht die polnische Politik einem guten Bigos: Alles, was im Laufe der Zeit hineingeworfen wurde, köchelt gemeinsam vor sich hin. Guten Appetit.
Gewinner
Karol Nawrocki:
Karol Nawrocki gewann die Präsidentschaftswahlen und kündigte an, die Politik grundlegend umkrempeln zu wollen. Sein bislang sichtbarster Akt: Der legendäre Runde Tisch verschwand aus dem Präsidentenpalast. Ob Nawrocki tatsächlich zu einer „neuen Qualität“ der Rechten führen kann, bleibt fraglich. So primitiv ist die polnische Rechte nicht – und Politik besteht aus mehr als lautstarken Aufmärschen auf der Straße.
Donald Tusk:
Nach der Niederlage seines Kandidaten Rafal Trzaskowski schien Tusk angeschlagen. Doch er erholte sich schnell. Die Stimmen, die ihn politisch aufs Altenteil schicken wollten, sind verstummt. Die Niederlage verlieh ihm neue Energie – fast entsteht der Eindruck, Nawrocki wirke auf ihn wie ein politisches Stimulans.
Wlodzimierz Czarzasty:
Der Vorsitzende der Neuen Linken, die mit 21 Abgeordneten im Sejm vertreten ist, rückte überraschend ins Zentrum der Politik. Als Sejm-Präsident ist Czarzasty zugleich erster parlamentarischer Gegenspieler Nawrockis und wichtiger Unterstützer Tusks. Wohin ihn diese neue Rolle führen wird, bleibt offen – politisch bedeutungslos ist er jedenfalls nicht mehr.
Waldemar Zurek:
Der Justizminister ist für die PiS fast noch verhasster als Tusk – und das nicht ohne Grund. Zurek verfolgt systematisch die Vergehen der Vorgängerregierung. Als ehemaliger Richter, den die PiS aus dem Amt drängte, weiß er, wie langwierig Verfahren sein können. Umso wichtiger ist es für ihn, früh Druck auszuüben und den Verantwortlichen keine Ruhe zu lassen.
Slawomir Mentzen:
Der Vorsitzende der Konfederacja begeistert vor allem junge Menschen. Er trinkt öffentlich Bier, erklärt, wie man reich wird, und stilisiert sich zum Anti-Establishment-Star. Eine Generation, die den politischen Betrieb ablehnt, jubelt einem Steuerberater zu, der offen damit prahlt, Millionen am Fiskus vorbeigeschleust zu haben. Mentzen positioniert sich rechts von der PiS – doch dort ist kein freier Raum: Mit Nawrocki und Braun drängen sich bereits andere Figuren.
Verlierer
Andrzej Duda:
Andrzej Duda ist von der politischen Bildfläche verschwunden. Noch vor einem halben Jahr kursierten Gerüchte, die USA könnten ihm einen prestigeträchtigen Posten bei der UNO oder anderswo verschaffen. Geblieben ist davon nichts. Stattdessen tauchte er auf Kanal Zero, einem Internetportal, auf – doch auch dort interessiert sich kaum jemand für ihn. Donald Trump, der sich während seiner Amtszeit um Duda bemühte, scheint ein gutes Gespür dafür zu haben, wer ein starker Akteur ist – und wer lediglich ein Kellner.
Rafal Trzaskowski:
Der Warschauer Bürgermeister bleibt ein politisches Phänomen: Ihm gelingt wenig, doch sein Umfeld hält unbeirrt an der Überzeugung fest, er sei außergewöhnlich und brillant. Trzaskowski wirkt zunehmend wie das Produkt einer gut gemachten Werbekampagne – mit geringer eigener Durchschlagskraft.
Mateusz Morawiecki:
Der ehemalige Premierminister passt nicht mehr in die strategische Ausrichtung der PiS, die sich weiter nach rechts bewegen will. Morawiecki steht dabei im Weg. Auch der Parteivorsitzende wird ihn nicht dauerhaft vor strafrechtlicher Verfolgung schützen können. Und davon steht einiges im Raum. Präsident Nawrocki wird ihm kaum Gnade erweisen.
Zbigniew Ziobro:
Der frühere Justizminister floh nach Ungarn und ruft von dort aus lautstark in die Heimat. Doch seine Stimmen aus dem Exil wirken eher kläglich als mobilisierend. Massen, die bereit wären, Ziobro zu verteidigen, sind nicht in Sicht. Auch das PiS-Milieu scheint ihn abgeschrieben zu haben – nach dem unausgesprochenen Motto: Man hat dich mit der Hand in der Keksdose erwischt, Zbysiu. Jetzt sieh selbst zu.
Szymon Holownia:
Holownias rasanter Aufstieg und ebenso schneller Absturz bestätigen einige bekannte Wahrheiten: Es ist nach wie vor möglich, einen neuen politischen Star zu schaffen – Voraussetzung sind Bekanntheit und rhetorisches Talent. Die Gesellschaft ist empfänglich für neue Gesichter. Doch an der Spitze zu bleiben, ist ungleich schwerer. Entscheidend ist, glaubhaft zu machen, dass es nicht um Applaus geht, sondern um Inhalte und konkrete politische Projekte. Genau daran ist Holownia gescheitert.
Weitere Figuren zwischen Abstieg, Ernüchterung und Hoffnung
Jaroslaw Kaczynski – Nullpunkt:
Viele sehen Jaroslaw Kaczynski bereits im politischen Ruhestand, zumal innerhalb der PiS offen über seine Nachfolge gestritten wird. Nach dem Sieg Nawrockis glaubte er, Donald Tusk endgültig im Netz zu haben – eine Fehleinschätzung. Das bedeutet jedoch nicht, dass seine Kräfte erschöpft wären. Noch einige Male wird Kaczynski aus der Versenkung auftauchen und die politische Bühne aufmischen. Abschreiben sollte man ihn nicht.
Barbara Nowacka – Ernüchterung:
In Polen gibt es rund 511.000 Lehrkräfte. Rechnet man ihre Familien hinzu, betrifft Bildungspolitik weit über eine Million Menschen. Diese Gruppe wurde unter der PiS jahrelang drangsaliert und herabgewürdigt – und erlebte nun einen Schock. Ausgerechnet „ihre“ Ministerin enttäuscht auf ganzer Linie. Eine Fehlentscheidung folgt der nächsten, und im Bildungsministerium scheint kaum jemand zu arbeiten, der sich jemals ernsthaft mit Schule beschäftigt hat.
Grzegorz Rys – Hoffnung:
Kardinal Grzegorz Rys steht für das nicht-konservative Gesicht der Kirche. Er verteidigte Migranten und Geflüchtete, entschuldigte sich bei den Juden in Polen für das Verhalten von Grzegorz Braun und setzte eine Kommission zur Untersuchung von Fällen sexuellen Missbrauchs in der Kirche ein. Offen, mutig, widerspruchsbereit. Die kleine, aber beharrliche Gruppe progressiver Katholiken ruft seit Jahren: „Rys, nur Rys!“.
Mit der Übernahme der Erzdiözese Krakau nach Marek Jedraszewski hat er Erwartungen geweckt. Krakau gibt der polnischen Kirche den Ton an. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Rys die Kirche aus der politischen Umklammerung der PiS lösen kann. Sondern: Wird es ihm gelingen, diesen schweren Stein wenigstens ein Stück zu bewegen?
Die Linke nach diesem Jahr: erschöpft und zerstritten
Polityka, 20. Dezember 2025
Für das Präsidentenamt kandidierten drei Personen, die unterschiedliche Strömungen der polnischen Linken verkörperten:
Adrian Zandberg stand für die ideologisch stringente, explizit proletarische Linke; etwas weiter zur Mitte hin positionierte sich seine frühere Parteikollegin, die Senatorin Magdalena Biejat, mit starkem Fokus auf Frauenrechte; und einen radikalen Feminismus, verbunden mit einer teils widersprüchlichen postkommunistischen Identität, repräsentierte Joanna Senyszyn.
Entgegen vieler Befürchtungen führte diese Vielfalt nicht dazu, dass sich die linke Wählerschaft gegenseitig neutralisierte. Im Gegenteil: Es kam zu einem gewissen Synergieeffekt, der sich unter anderem in einem deutlichen Mitgliederzuwachs der Partei Razem zeigte. Auch wenn sich dieser bislang kaum in den Umfragen niederschlägt, hat Razem entschieden, bei den kommenden Parlamentswahlen eigenständig anzutreten.
Dies war zugleich der zentrale Grund für Zandbergs Kandidatur. Ein Teil der Kommentatoren deutete diese Präsidentschaftswahl weniger als Machtkampf um das höchste Staatsamt denn als Fortsetzung der innerlinken Auseinandersetzung um Identität und Strategie.
Denn Razem und Nowa Lewica sind seit Langem uneins darüber, ob man „für ein bisschen Einfluss“ Teil der Regierung sein oder – angesichts der Weigerung, selbst ein linkes Mindestprogramm umzusetzen – „nicht an dieser Farce teilnehmen“ solle.
Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht. Klar ist jedoch, dass das Scheitern zentraler linker Forderungen nicht allein der Linken selbst anzulasten ist. Verantwortlich sind auch politische Akteure wie Wladyslaw Kosiniak-Kamysz, der Fragen wie die Einführung von Lebenspartnerschaften gezielt blockiert, sowie Donald Tusk, der dieses Verhalten seines Koalitionspartners toleriert.
Tusk macht es sich mit dem Verweis auf die sicherheitspolitische Lage leicht: Der Krieg in der Ukraine dient ihm als Argument, die „Heimatfront“ zu vernachlässigen und sich als internationaler Staatsmann zu profilieren, ohne die gegenüber Frauen gemachten Versprechen in reproduktiven Fragen einzulösen. Diese Strategie ist kurzsichtig – und ihre Folgen könnten bereits in zwei Jahren schmerzhaft spürbar werden.
Ein Gegenbild liefert der Blick nach New York. Dort gewann ein Bürgermeister die Wahl, der keine Angst hatte: Er sprach offen über Reformen, die Milliardären wehtun, und stellte sich klar an die Seite von Minderheiten.
Genau darin liegt vielleicht das einzige tragfähige Rezept für die Linke im kommenden Jahr: keine Angst haben, nicht kapitulieren – und vor allem die Cafés und sozialen Netzwerke verlassen. Statt sich in einem virtuellen Marxismus zu verlieren, müsste sie sich wieder den realen sozialen Problemen zuwenden.
Betrüger gründen einen katholischen Orden
OKO.press, 19. Dezember 2025
Maciej Lisowski, Sozialassistent des stellvertretenden Landwirtschaftsministers in der PiS-Regierung, gründete den angeblichen „Orden der Heiligen Jungfrau Maria“, um illegal beschäftigte Ausländer einzusetzen.
Mateo aus Kolumbien sagte:
Ich dachte mir: Vielleicht funktioniert es so in Polen, es ist ein katholisches Land.
Ein Anwalt der Kanzlei LEX NOSTRA erklärte, dass eine Beschäftigung ohne Arbeitserlaubnis zulässig sei „bei Ausländern, die Geistliche, Mitglieder religiöser Orden oder andere Personen sind, die im Zusammenhang mit ihrer religiösen Funktion arbeiten“. Pikant: Die Direktorin der Stiftung LEX NOSTRA ist Janina Lisowska, die Mutter von Maciej Lisowski.
Unter derselben Adresse in Warschau, ulica Sienna 45/5, befinden sich sowohl die Arbeitsagentur NOBLE JOB als auch der „Orden der Heiligen Jungfrau Maria“ – beide unter der faktischen Kontrolle von Maciej Lisowski.
Lorena kam im Herbst 2024 mit ihrem Mann nach Polen. Arbeit suchten sie über Facebook-Gruppen für lateinamerikanische Migranten. Wenige Tage später meldete sich eine Agentur mit dem Angebot, Pakete in einer Breslauer Filiale von InPost zu sortieren. Vor Arbeitsbeginn fand ein organisatorisches Treffen statt, bei dem Dokumente zur Unterschrift vorgelegt wurden.
Eines davon war ein Dekret über den Eintritt in den „Orden der Heiligen Jungfrau Maria“. Mit der Unterschrift wurde die jeweilige Person zur „Geistlichen, Missionarin des Ordens der seligen Jungfrau Maria“ erklärt und schloss zugleich eine „Vereinbarung im Rahmen des Dienstes“ ab.
Darin wurde festgehalten, dass diese Personen – wie polnische Missionare – automatisch zu 100 Prozent staatlich versichert seien. Die Dokumente trugen die Unterschrift von „Padre Maciej Lisowski“, später sogar von ihm als „Generaloberer des Ordens“.
So entstand ein lukratives Geschäftsmodell. Polnische Auslandsvertretungen in Südamerika und Asien wurden von Lisowski aus dem Landwirtschaftsministerium aufgefordert, Arbeitskräfte zu rekrutieren und ihnen unbürokratisch Visa zu erteilen.
In Polen angekommen, wurden die Betroffenen ohne ihr Wissen in einen „Orden“ aufgenommen, von der Firma untergebracht und in der Landwirtschaft, auf dem Bau oder in Logistikzentren eingesetzt. Der Lohn: etwa fünf Euro pro Stunde, deklariert als „für Sonderausgaben“. Als Religionsgemeinschaft zahlten sie keine Steuern, als angebliche Missionare waren sie vollständig staatlich versichert.
Ursprünglich war die Stiftung gegründet worden, um Justizopfern zu helfen – rechtlich, psychologisch und materiell. Dafür unterzeichnete die Lisowski-Stiftung 2019 Verträge mit dem Justizministerium im Umfang von 4,5 Millionen PLN.
Parallel schloss sie Vereinbarungen mit der Kanzlei LEX NOSTRA, die ebenfalls unter der Adresse Sienna 45/5 firmierte. Präsidentin beider Einrichtungen war Janina Lisowska.
Im Jahr 2020 überprüfte die Oberste Kontrollkammer (NIK) die Verwendung der Mittel aus dem Justizfonds. Laut NIK floss fast die Hälfte der Zuschüsse an die Kanzlei LEX NOSTRA. Zusätzlich zahlte diese Honorare an Janina Lisowska und stellte Rechnungen für angebliche „Erstkontaktleistungen für Verbrechensopfer“ aus – insgesamt über 78.000 PLN.
Die Erzdiözese Warschau weiß nichts von der Existenz eines „Ordens der Heiligen Jungfrau Maria“. Ihr Sprecher, Przemyslaw Sliwinski, bestätigte dies per E-Mail. Er verwies darauf, dass ihm ähnliche Praktiken aus den USA bekannt seien: Dort wurden Osteuropäern Visa für angebliche „religiöse Dienste“ erteilt, die sie dann auf Baustellen, Farmen oder in Fabriken verrichteten. Nun sei dieses Betrugsmodell offenbar auch in Polen angekommen.
Offensichtlich ist der „Orden der Heiligen Jungfrau Maria“ nicht die einzige angebliche Religionsgemeinschaft, mit der Geschäfte auf Kosten schutzloser Menschen gemacht werden.
Anmerkung [Norbert Kollenda]:
In Polen entstanden bereits zu Beginn der Industrialisierung Ordensgemeinschaften, deren Ziel es war, insbesondere Frauen zu unterstützen, die aus den Dörfern in die Städte und Fabriken gingen. Diese Orden wollten den Arbeiterinnen nicht nur praktische Hilfe leisten, sondern ihnen auch einen sozialen und „moralischen“ Halt geben.
Die Ordensschwestern trugen häufig keine Ordenskleidung, arbeiteten selbst in den Fabriken und lebten unter denselben Bedingungen wie die Frauen, die sie begleiteten. Besonders in Lódz, dem Zentrum der polnischen Textilindustrie, entstanden mehrere solcher Frauenorden, da dort vor allem Frauen beschäftigt waren.
Bis heute gibt es in der katholischen Kirche vereinzelt Gemeinschaften wie die „Kleinen Brüder Jesu“ und „Kleinen Schwestern Jesu“, die bewusst einfache Arbeiten annehmen und mitten unter den Menschen leben, mit denen sie ihren Alltag teilen. Ein ähnliches Konzept verfolgen die sogenannten Arbeiterpriester, die ihren priesterlichen Dienst mit regulärer Lohnarbeit verbinden.
Korruptionsaffäre bringt Wroclaw in Misskredit
Przeglad, 22. Dezember 2025
Die Bürgerkoalition, mit deren Unterstützung Jacek Sutryk zum Präsidenten von Wroclaw gewählt wurde, hat den Stadtchef zum Rücktritt aufgefordert. Anlass ist die Anklage im Korruptionsskandal um das Collegium Humanum, an dem gegen Bestechungsgelder MBA-Abschlüsse vergeben worden sein sollen. Solche Titel berechtigten zum Einzug in Aufsichtsräte staatlicher und kommunaler Unternehmen.
Jakub Nowotarski, Mitglied des Stadtrats, kritisiert vor allem die bewusste Wahl dieser Hochschule:
Was mich an dieser Angelegenheit am meisten empört, ist die Auswahl der Hochschule. Als die Breslauer Beamten dort ihr Studium aufnahmen, waren die Kontroversen um das Collegium Humanum bereits bekannt. In Wroclaw gibt es hervorragende Hochschulen mit Aufbaustudiengängen. Warum wurden ausgerechnet die wichtigsten städtischen Beamten an das Collegium Humanum geschickt und nicht an die Wirtschaftsuniversität, die Universität Wroclaw oder die Technische Universität? Warum wurde das Collegium Humanum ausgewählt?
Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Sutryk seinen MBA-Abschluss durch Bestechung erlangt habe, ohne an Lehrveranstaltungen teilgenommen oder Prüfungen abgelegt zu haben.
Der gefälschte Abschluss soll anschließend genutzt worden sein, um Tätigkeiten in Aufsichtsräten städtischer Unternehmen in Tychy, Gliwice und bei den Niederschlesischen Eisenbahnen aufzunehmen.
Auf diese Weise habe Sutryk rund 230.000 Zloty unrechtmäßig erhalten. Das Collegium Humanum gilt als eine Kaderschmiede der PiS.
Anmerkung [Norbert Kollenda]:
Der Fall Collegium Humanum ist kein Einzelfall. In den vergangenen Monaten wurden weitere private Hochschulen bekannt, die wie organisierte kriminelle Vereinigungen agierten. Sie stellten gegen Geld entsprechende Bescheinigungen aus, um Ausländern die Einreise nach Polen zu ermöglichen, fertigten falsche Hochschuldiplome an und sollen zudem in großem Stil Geldwäsche betrieben haben.
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