Die Christliche Vereinigung
von Angela Klein
Die zwölf Artikel von Memmingen geben nur unvollständig die Vorstellungen wieder, die in der Bauernschaft gärten. Daneben hatten die in Memmingen zusammengetroffenen Haufen auch eine Bundesordnung beschlossen, die zum Teil ihre eigene Zusammenarbeit regeln sollte, dann aber auch darüber hinausgriff und Veränderungen in der Repräsentation und die Stellung der Bauernschaft im öffentlichen Leben der Zeit betrafen.
Die Christliche Vereinigung war ein Repräsentationsgremium der Bauern: Jeder Haufe sollte einen Obersten und vier Räte wählen, die gemeinsam Vollmacht hatten zu handeln. Jede Gemeinde soll förmlich der Bundesordnung beitreten und »sich nicht ohne Zustimmung der Vereinigung mit ihrer Herrschaft vertragen dürfen«. Das war nicht mehr und nicht weniger als eine Parallelstruktur.
Handwerker und Kriegsleute, die aus dem Land ziehen, müssen sich verpflichten, nicht wider die Vereinigung zu handeln. Die Dienstleute der Fürsten und Herren sollen unter Eid beitreten oder das Land verlassen.
Weitergehende Vorstellungen betrafen eine Steuer von zwei Kreutzern, die jeder Haushalt zur Deckung der Unkosten zahlen sollte. Und dass das göttliche Recht für weltliche Beschwerden der einzige Maßstab sein sollte. Darüber gab es jedoch keine Einigkeit. Dafür wurde eine Bestimmung aufgenommen, dass Schlösser und Klöster, die der Vereinigung nicht beitraten, nur noch Verpflegung, nicht aber mehr Geschütze und Munition erhalten sollten. Die Belegschaften mussten zur Vereinigung schwören. Zehnt- und Zinszahlung sollten eingestellt werden. Die Obrigkeiten waren damit zur Machtlosigkeit verurteilt.
Um zu unterstreichen, dass nunmehr eine neue Ordnung galt, versuchten die Bauern namhafte Reformatoren zugewinnen, dass sie aus ihrer Sicht ihr Urteil über die Rechtmäßigkeit der Forderungen und der neuen Ordnung der Bauern sprachen, das wurde vom Schwäbischen Bund jedoch vereitelt.
Das verhinderte nicht, dass die neue Ordnung überall im Land eingeführt wurde, in den Dörfern wurde sie von der Kanzel herab verkündet, Pfarren wurden neu besetzt, die Adligen mussten ihre Schlösser den Bauern öffnen. In der zweiten Märzhälfte wird südlich der Donau, von Überlingen am Bodensee bis zum Lech, kaum noch ein Dorf gewesen sein, das nicht zu den Bauern geschworen hatte.
Dieser Aspekt wird in den gängigen Berichten über den Bauernkrieg meist übergangen oder unterbelichtet, im Vordergrund stehen die verlorenen Schlachten. Tatsächlich hatten die Aufständischen aber mit ihren Organisationsprinzipien eine Situation der Doppelherrschaft geschaffen.
Über die Vorstellung einer Doppelherrschaft gingen die in Memmingen Versammelten freilich nicht hinaus. Nur vereinzelt haben Bauernführer wie Balthasar Hubmayer in Waldshut oder Michael Gaismair in Tirol Vorstellungen entwickelt, die eine reale Entmachtung nicht nur des Klerus, sondern auch des Adels und sogar der Kaufmannschaft vorsahen. Die Mehrzahl der Bauern war reformerisch gesinnt – und vor allem kaisertreu; ihnen war vor allem um eine Verringerung ihrer Lasten zu tun .
So erklärt sich auch, weshalb sie immer auf Verhandlungen setzten und fest davon ausgingen, dass sie letzten Endes bei der Gegenseite Gehör finden würden. Sie beauftragten ehrenwerte Bürger – Bürgermeister, Amtmänner, Stadtschreiber –, zwischen ihnen und dem Schwäbischen Bund zu vermitteln. Eine gewaltsame Auseinandersetzung wollte sie um jeden Preis vermeiden. Das war das Problem.
Dem Schwäbischen Bund lag nichts an einem Erfolg der Verhandlungen, er verlangte die vollständige Unterwerfung. Mit dem falschen Versprechen, den Streit zu einem späteren Zeitpunkt zu klären, sollten sie nach Hause gehen. Nun fühlten sie sich fühlten sich betrogen, begannen, Klöster und Schlösser in Brand zu setzen und bewaffneten sich.
Bei Leipheim nahe Ulm stießen die Heere aufeinander, die Bauern deutlich in der Unterzahl. Vor der überlegenen Macht des Bundes wichen sie zurück, ein ungeordneter Rückzug, der alsbald in einer heillosen Flucht mündete. Von den Landsknechten wurden sie in die Donau getrieben oder in den Auen erstochen. Es war keine Schlacht, nur ein Gemetzel, 1000 wurden erschlagen, 4000 gefangen, die Dörfer mussten sich restlos ergeben.
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