Palantir – ein Überwachungstool gegen demokratische Gesellschaften
von Kai Hasse
Die Überwachungssoftware des US-Konzerns Palantir führt in Deutschland zu heftigen Debatten. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) sieht das Programm als zentralen Baustein seiner Sicherheitsphilosophie und will es bei der Bundespolizei, dem Bundeskriminalamt (BKA) und den Geheimdiensten einsetzen.
»Die Menschen sollen sich sicher fühlen – im Alltag wie zu Hause«, so seine einfache Botschaft. Bürgerrechtler und linke Kräfte sehen den Einsatz von Palantir extrem kritisch. Dobrindts Vorgängerin Nancy Faeser war gegen den Einsatz der Software ebenso wie die jetzige Justizministerin Stefanie Hubig (beide SPD). Um zu verstehen, worum es dabei geht, muss man einige Fakten kennen.
Das Unternehmen Palantir hat seinen Sitz in den USA, in Denver Colorado. Es entwickelt und vertreibt eine umfassende Überwachungssoftware. Sie kann große Datenmengen miteinander verknüpfen und analysieren. Diese Möglichkeiten lösen bei autoritären Staatslenkern, rechten Politikern, Polizeikreisen, Geheimdiensten und Militär regelrecht Begeisterung aus.
Was ist Palantir?
Als das Unternehmen 2020 an die Börse ging, schnellte der Aktienkurs sofort nach oben. Anfang November 2025 erreichte die Palantir-Aktie mit einer Kurssteigerung von 665 Prozent in nur fünf Jahren ihr bisheriges Allzeithoch und notierte bei 207 USD. Was ist das Besondere an dieser Überwachungssoftware?
Im Prinzip ist das eine Plattform, an die andere Datenbanken und unterschiedliche Quellen angeschlossen werden können – Datensammlungen der Polizei, Fotos und Videos von Überwachungskameras, abgefangene E-Mails und Social-Media-Posts, allgemeine Internetquellen oder abgehörte Telefonprotokolle.
Wegen der großen Geheimhaltung des Konzerns ist öffentlich wenig über die genaue Funktionsweise der Software bekannt. Aber offensichtlich besteht sein Kern aus einem sehr leistungsfähigen Datenbanksystem. Um die Verarbeitung von vielfältigen Daten zu ermöglichen, benötigt es umfangreiche spezifische Schnittstellen.
Auch künstliche Intelligenz und Machine-Learning-Algorithmen dürften eingesetzt werden. So ist KI etwa nötig, um Objekte in Bildern effektiv zu identifizieren, Gesichter zu erkennen und die Bewegung von Personen anhand von Videoaufnahmen zu analysieren.
Das gilt auch für die Erkennung von Mustern und Zusammenhängen in großen, wenig strukturierten Datensätzen. Im Anschluss an deren Sammlung können die Daten personenbezogen konzentriert und in Form von Diagrammen, Tabellen und Karten ausgegeben werden.
Nicht zuletzt wegen dieser einfachen Handhabung dürfte der eher rechtsstehende Innenminister von Baden-Württemberg, Thomas Strobl (CDU), das Programm verharmlosend als »Google für die Polizei« bezeichnet haben. Praktisch könnte die Polizei also Fotos oder Telefonnummern, die bei einer Demonstration unspezifisch gesammelt worden sind, in das Analysetool eingeben.
Palantir könnte dazu Zusammenhänge mit Telefonkontakten, Autokennzeichen oder abgehörten Telefonprotokollen erstellen. Damit geraten dann weitere Personen, die in Kontakt zu den überwachten Demonstranten stehen, in das weit gespannte polizeiliche Überwachungsnetz. Allein diese Möglichkeiten laden zu Missbrauch regelrecht ein.
Die Palantir-Bosse und ihre Weltsicht
Sehr kritisch wird es auch, wenn man einen genauen Blick auf das Unternehmen und sein Führungspersonal wirft. Palantir wurde 2003 von dem in Deutschland geborenen Tech-Milliardär Peter Thiel gegründet. Er ist noch heute Verwaltungsratschef des Unternehmens. Das Vermögen von Thiel wurde im Mai 2025 von Forbes auf rund 20,8 Milliarden US-Dollar geschätzt.
Der Milliardär nutzt sein Geld systematisch dafür, die amerikanische Politik in seinem Sinn zu formen. Freiheit und Demokratie hält er für unvereinbar. Unverhohlen wenden sich seine Grundsätze gegen demokratische Gesellschaftsstrukturen: »Das Wichtigste ist, dass ich Freiheit und Demokratie nicht mehr für vereinbar halte.«
Thiel war bereits 2016 ein wichtiger Unterstützer von Donald Trump, und er vergibt regelmäßig Großspenden an Personen der amerikanischen extremen Rechten. Er war auch der zentrale Strippenzieher beim politischen Aufstieg von JD Vance, für dessen Senatskandidatur er 15 Millionen Dollar spendete.
Geschäftsführer von Palantir ist der Amerikaner Alexander Karp, der ebenfalls enge Beziehungen zu Deutschland unterhält. Er hat in Frankfurt am Main an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Philosophie studiert und seine Dissertation auf Deutsch verfasst. Auch Karp gehört zur Riege der rechts gestrickten US-Tech-Milliardäre. Nach einer Schätzung von Forbes verfügte er 2025 über ein Vermögen von 9,7 Milliarden US-Dollar.
Seine rechte Weltsicht offenbarte Karp im Dezember 2025 einem breiteren Publikum, als er dem Handelsblatt ein Interview gab. Seine Sicht auf Deutschland ist reichlich krude: »Wer in Deutschland ein besonderes Talent hat, der wird zurechtgestutzt.«
Die Palantir-Beschäftigten bezeichnete er als »Deutschlands Zukunft«. Auf den Einwurf, Palantir werde von der US-Einwanderungsbehörde ICE dazu benutzt, Jagd auf Migrant:innen ohne Papiere zu machen, antwortete er: »Der größte Menschenrechtsbruch war die Politik der offenen Grenzen.«
Seine Vision für Deutschland ist eindeutig: »Ich kann Ihnen sagen, was ich tun würde: Grenzen zu. Und allen, die ohne Pass hier leben, die auch nur die entfernteste Art mit Kriminalität zu tun haben, würde ich sagen: Hier ist das Flugticket. Ihr habt vier Wochen Zeit das Land zu verlassen, danach wird es nicht nett für euch.« Die Migrationspolitik Deutschlands sei »die dümmste Entscheidung, die je in der deutschen Nachkriegszeit getroffen wurde«.
Es blieb dem Handelsblatt-Interviewer nur noch die Schlussfolgerung, Karp klinge »wie ein AfD-Politiker«.
Wer sind die Kunden von Palantir?
Die Plattform ist in zahlreichen Ländern bei der Polizei, dem Militär und bei Geheimdiensten im Einsatz. US-Regierung und die US-Geheimdienste CIA und NSA nutzen die Software. Das US-Militär hat jüngst einen 10-Milliarden-Dollar-Vertrag über die Anschaffung von Palantir-Lizenzen abgeschlossen. Und die US-Einwanderungsbehörde ICE nutzt seit vielen Jahren Palantir, um Migranten zu erfassen und auszuspähen. Dies geschah sowohl unter republikanisch wie unter demokratisch geführten Regierungen.
Diese Daten kann Trump jetzt für sein Ziel nutzen, jedes Jahr eine Million Migrant:innen zwangsweise nach Südamerika oder in große Straflager zu deportieren.
Zu den Kunden von Palantir zählen seit vielen Jahren auch die israelischen Streitkräfte. Dutzende großer Unternehmen setzen Versionen von Palantir ein, so etwa Google, Microsoft, Airbus oder Fiat Chrysler.
Auch die größte Bank der USA, Morgan Chase arbeitet mit Palantir. Allerdings gab es negative Schlagzeilen, als dort bekannt wurde, dass ein Überwachungstool gegen Beschäftigte im Finanzsektor eingesetzt wurde.
Palantir in Deutschland
Die Palantir-Software, um die es in den Diskussionen meistens geht, nennt sich Gotham. Der Name geht auf den Batman-Comic zurück, in dem der Held in der von Kriminellen beherrschten Stadt Gotham City für Recht und Ordnung sorgt.
Drei deutsche Bundesländer, Hessen, Nordrhein Westfalen und Bayern haben bereits eine abgespeckte Version von Gotham gekauft. Die hessische Version »Hessendata« kann bei Ermittlungen zu staatsgefährdenden Gewalttaten eingesetzt werden.
Die Software greift dabei laut Antwort auf eine FDP-Anfrage aus dem Jahr 2018 auf »drei Polizeidatenbanken für Kriminalfälle und Fahndungen, Verbindungsdaten aus der Telefonüberwachung, Daten aus ausgelesenen Handys Verdächtiger und Fernschreiben sowie auf Daten aus sozialen Medien zu«.
In Bayern wird Palantir auch bei gewöhnlicher Kriminalität eingesetzt. Die Software heißt hier »VeRA« und gilt gleichfalls als abgespeckte Version.
Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) will die Palantir-Software auf Bundesebene einsetzen. Aktuell wird die Anschaffung noch »geprüft«. Die Software dürfte seinem Gesellschaftsbild entgegenkommen. So forderte er, alle Abgeordneten der Linkspartei im Bundestag und in den Bundesländern sollten vom Verfassungsschutz überwacht werden.
Der angebliche Nutzen von Palantir für die Verbrechensbekämpfung wird maßlos übertrieben bzw. ist vorgeschoben. Viele Kritiker sehen in Palantir vielmehr ein allumfassendes Überwachungsinstrument, das sich direkt gegen die Grundlagen demokratisch verfasster Gesellschaften richtet.
Das Führungspersonal von Palantir ist hoch umstritten. Es ist eng verbandelt mit rechten Unterstützern der Trump-Regierung. Der SPD-Innenpolitiker Fiedler attestierte Alexander Karp eine »krude, zusammengewürfelte Ideologie« und sprach sich gegen den Einsatz des Programms aus.
Allein um die demokratischen Rechte zu verteidigen, sollten sich Linke und Demokraten aller Richtung dafür einsetzen, dass Palantir nicht zum Einsatz kommt.
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