Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Buch 1. Februar 2026

Ein Plädoyer wider die Hoffnungslosigkeit
von Angela Klein

Annette Schlemm: Fortschritt als Fehlschritt? Eine rettende Kritik. Stuttgart: Schmetterling, 2025. 206 S., 15 Euro

Eine Dialektik von Schöpfung und Zerstörung sieht Marx am Werk, wenn er im Kapital Fortschritt unter kapitalistischen Produktionsbedingungen beschreibt: »Jeder Fortschritt der kapitalistischen Agrikultur ist nicht nur ein Fortschritt in der Kunst, den Arbeiter, sondern zugleich in der Kunst, den Boden zu berauben, jeder Fortschritt in Steigerung seiner Fruchtbarkeit für eine gegebene Zeitfrist zugleich ein Fortschritt im Ruin der dauernden Quellen dieser Fruchtbarkeit.«

Diese Dialektik lässt sich in gleicher Weise auf einen großen Teil der Technik wie auch der Arbeitsteilung im Kapitalismus anwenden – auf denen die Entfaltung der Produktivkräfte und des materiellen Reichtums beruht.
»Aufgrund dieser Widersprüchlichkeit im Fortschritt wandten sich Marx und Engels deutlich gegen eine abstrakte Idee ›des Fortschritts‹«, schreibt Annette Schlemm in ihrem neuesten Buch. Statt dessen betonten sie: »Die Bourgeoisie kann nicht existieren, ohne … sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse fortwährend zu revolutionieren« – und damit ihre eigenen Totengräber hervorzubringen.

Historisch geworden: unser Fortschrittsglaube
Auf Marx und Engels kommt Schlemm immer wieder zurück, wenn sie die Geschichte des Fortschrittsdenkens in der, vorwiegend europäischen, Philosophie vorstellt und diskutiert. »Der Fortschrittsbegriff ist eng an die Philosophie der Geschichte gebunden, weil er allgemeine Aussagen zum Voranschreiten der Zivilisation im Laufe der Zeit macht. … [Er steht] für die Vorstellung, dass die Geschichte ›kein wildes Durcheinander von Eventualitäten ist‹.« Geschichte habe einen Sinn und diesem strebe sie zu. »Zusätzlich zur Zielgerichtetheit enthält der Fortschrittsbegriff zumeist auch die Annahme, die Veränderungen würden Verbesserungen mit sich bringen…« – also eine Gesetzmäßigkeit zum Höheren enthalten.
Dieser Fortschrittsbegriff ist, wie auch die Geschichtsphilosophie, laut Schlemm mit dem Aufstieg des Kapitalismus verbunden. Er setzt »eine bestimmte Zeitstruktur voraus, die nicht nur gegeben, sondern auch kulturell konstituiert ist« – es ist nicht die zyklische Zeit früherer, an den Zyklus der Natur gebundener Kulturen, sondern eine lineare Zeit, der die Vorstellung von Vollendung, von einer Bewegung hin zu Höherwertigkeit innewohnt. Dieser Vorstellung von Fortschritt sind Wachstumszwang, Machtstreben, Technikgläubigkeit, Kolonialismus und Rassismus eingeschrieben.
»Herder und Hegel sind die … Philosophen der Aufstiegsperiode der bürgerlichen Klasse, [sie sind] von der erkennbaren Gesetzmäßigkeit der historischen Entwicklung überzeugt. Die Frage, ob es eine ›historische Vernunft‹, einen erkennbaren ›Sinn‹ der Geschichte gebe, wird in ihren Werken bejaht. Eben das macht ihre Philosophie für die Verfallsperiode unannehmbar«, zitiert Schlemm Wolfgang ­Harich.

Fortschritt als Weg-Schritt
Der zweite Teil des Buches ist der Kritik am Fortschrittsgedanken gewidmet – die so alt ist wie der lineare Fortschrittsgedanke selbst. Es fällt auf, dass die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zugleich einen grenzenlosen Optimismus als auch einen tiefen Nihilismus hervorbrachte. Einen wenngleich nicht ganz so ausgeprägten Höhenflug gab es nach dem Zweiten Weltkrieg im Zuge des langen wirtschaftlichen Aufschwungs noch einmal, aber bereits gebrochen durch die Gefahr des Atomkriegs, dann durch die Mahnungen an die »Grenzen des Wachstums«. Heute »interessiert die Zukunft nicht mehr«, konstatiert Schlemm auf der Basis repräsentativer Umfragen unter jungen Menschen. Sie sind eher darauf orientiert, »die Gegenwart zu verlängern«, von der Zukunft erwarten sie nur Verschlechterungen.
Was bleibt unter diesen Bedingungen vom Fortschrittsgedanken übrig, angesichts der nach wie vor gewaltigen Sprünge in Naturwissenschaft und Technik, die jedoch einhergehen mit zunehmend düsteren Ausblicken auf die Zerstörung der Umwelt? Der positive Determinismus kippt in einen negativen, die Hoffnung auf eine humane Ordnung wird als »Heilslehre« diskreditiert.
Schlemm möchte den Fortschrittsbegriff retten. Die Fortschrittseuphorie ist verflogen, schreibt sie, die Möglichkeit von Fortschritten nicht. Im Gegenteil, menschliches Handeln ist so gut wie immer zweckbestimmt und auf Verbesserungen ausgerichtet. »Fortschritt zu verleugnen ›wäre eine neue Form des Geschichtsdeterminismus, allerdings negativ und katastrophisch gefasst‹«. Fortschritt will Schlemm »als Weg-Schritt heraus aus den heute herrschenden Wirtschafts- und Lebensbedingungen« verstanden wissen.
Die absehbaren und real schon stattfindenden Klimakatastrophen mit ihren verheerenden Auswirkungen auf den bewohnbaren Lebensraum und die Nahrungsmittelbeschaffung erfordern von uns eine Form der Anpassung, die nicht ein Sich-Fügen in das jeweils Gegebene ist, sondern ein kreativer Umgang damit, bei dem auch neue Lebens- und Wirtschaftsweisen entstehen können.
»Die wichtigsten Folgerungen aus der berechtigten Kritik an falschen Fortschrittshoffnungen verweisen uns darauf, dass wir keine Zukunftszuversicht mehr aus ihnen ziehen können, sondern dass wir Verantwortung übernehmen müssen für das, was in der Gegenwart geschieht, damit wir überhaupt noch eine Zukunft haben.«

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