Militarisierung/Rüstung 26. September 2026

Zivilmilitärischen Übungsszenario Red Storm Charlie
von Claudia Haydt

Soldaten, die bei Hochwasser Sandsäcke schleppen oder bei Schneeunwettern Turnhallen mit der Schneeschippe von der Last befreien – mit diesen Bildern warb die Bundeswehr viele Jahre lang um ein gutes Image in der Bevölkerung. Wer solche Assoziationen angesichts des zivilmilitärischen Übungsszenarios von Red Storm Charlie hat, geht allerdings grundlegend in die Irre.

Vom 24. bis 26.9.2026 wird zwar in Hamburg und Umgebung im zivilen Raum geübt und es geht um das Zusammenwirken von Militär, Behörden und zahlreichen weiteren zivilen Akteurinnen und Akteuren, aber die Vorzeichen haben sich grundlegend verändert.
Die Übung geht zwar nicht formell von einem Kriegseintritt aus, dennoch geht es um nicht weniger als eine gesamtgesellschaftliche Mobilmachung. Damit Bundeswehr, verbündete Truppen schnell Richtung »Ostflanke« verbracht werden können, soll in Hamburg nach Red Storm Bravo (2025) und Red Storm Charlie (2026) mit Red Storm Delta (2027) und in den Folgejahren die Übungsreihe fortgesetzt werden. Ziel ist die Umsetzung des Operationsplans Deutschland (OPLAN DEU), mit dem die »Drehscheibe Deutschland« für Übungen und Kriegseinsätze ausgebaut werden soll.
Der Operationsplan ist ein Geheimdokument. Zentrale Inhalte lassen sich jedoch dem Grünbuch »Zivil-Militärische Zusammenarbeit 4.0 im militärischen Krisenfall« entnehmen. Zivile Strukturen wie etwa die Landkreise und die Blaulichtorganisationen sollen nicht irgendwie, sondern durch maximale Unterstützung zur »Kriegstüchtigkeit« beitragen. Damit wird implizit die gesamte Gesellschaft in die Verantwortung genommen. Die Liste der zivilen Strukturen, die in Hamburg in Red Storm Charlie involviert sind, ist lang. Sie umfasst neben Polizei, Feuerwehr, THW auch zivile Hilfsorganisationen und selbst den Lebensmittelhändler Edeka.
In Abstimmung mit der NATO legt der Operationsplan u.a. fest, welche Verkehrswege für Truppenbewegungen genutzt werden sollen, welche Brücken geeignet sind und wo Rast- und Sammelplätze einzurichten sind. Sollte sich die Bevölkerung in den nächsten Jahren fragen, warum bestimmte Sanierungsprojekte Vorrang vor anderen haben, dann ist klar, dass nicht der zivile, sondern die militärische Mobilitätsbedarf Vorrang hat. Die Sicherung der militärisch relevanten Infrastruktur erfordert eine enge Abstimmung mit Polizei, Kommunen und weiteren zivilen Institutionen. Der zivile Bereich wird damit nicht mehr als eigenständiger Akteur verstanden, sondern als nachgeordnete Unterstützungsstruktur militärischer Planungen.
Die Szenarien des OPLAN DEU umfassen nicht nur den Transport großer Truppenkontingente nach Osten, sondern auch die Rückführung Verwundeter, Gefallener, Kriegsgefangener sowie die Aufnahme von Flüchtenden aus Kriegsgebieten. All diese Aspekte werden planerisch berücksichtigt und Kommunen wie Hamburg werden dafür eingeplant.
Am anderen Ende der Republik hat die NATO dafür ihr Logistikhauptquartier eingerichtet. Das Joint Support and Enabling Command (JSEC) in der Ulmer Wilhelmsburg-Kaserne koordiniert und sichert die schnelle Verlegung und Versorgung von Truppen. Alle wesentlichen Knotenpunkte dieser umfassenden Mobilisierung wären in einem Kriegsfall zugleich auch Zielscheibe möglicher Gegenangriffe.
In Szenarien wie Red Storm Charlie werden zivile Infrastrukturen wie Krankenhäuser (hier Uniklinikum Hamburg-Eppendorf), Feuerwehren, das Technische Hilfswerk, Rotes Kreuz, Malteser usw. in militärische Planungen integriert. Besonders problematisch ist dabei die geplante Umkehr medizinischer Priorisierung. In einem Konfliktfall sollen sowohl militärische als auch zivile Krankenhäuser primär verwundete Soldaten behandeln, die möglichst schnell wieder einsatzfähig gemacht werden können. Zivilistinnen und Zivilisten würden damit nachrangig versorgt, was einen fundamentalen Bruch mit zivilen medizinethischen Prinzipien darstellt.
Im Mai diesen Jahres haben das Verteidigungsministerium und das Innenministerium das Kommando Zivile Verteidigung der Öffentlichkeit vorgestellt. Darin werden ziviler Katastrophenschutz und militärischer Zivilschutz unter dem Label »Bevölkerungsschutz« miteinander verbunden.
Sowohl der Operationsplan Deutschland als auch Übungen wie Red Storm verdeutlichen, welche Konsequenz dies für die Zivilbevölkerung haben könnte. Nicht nur die Amtshilfe durch die Bundeswehr bei zivilen Katastrophenlagen wird zukünftig wohl wegfallen, sondern die zivilen Strukturen – die jetzt schon schlecht ausgestattet sind – könnten zukünftig für militärische Szenarien eingeplant sein.
Damit leistet der Pakt für Bevölkerungsschutz genau das Gegenteil dessen, was er vorgibt zu leisten. Auch einzelne zusätzliche Finanzmittel für die Hilfsorganisationen verändern dieses Bild nicht, solange die zivilen Mittel nicht sicher für den zivilen Bedarf zur Verfügung stehen. Notwendig ist ein Ende der Kriegsvorbereitungen und ein unabhängiger ziviler und gut ausgestatteter Katastrophenschutz.

Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Folgende HTML-Tags sind erlaubt:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>


Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.


Kommentare als RSS Feed abonnieren