Klima 26. September 2026

Leben mit der Klimakrise – Anpassung und Entschädigung gehören auf die Tagesordnung
von Wolfgang Pomrehn

Ein weiterer Hitzesommer liegt hinter uns. Schon von Mitte Juni an wurde Deutschland von der ersten schweren Hitzewelle getroffen, die zehn Tage anhielt. Diese brachte nicht nur neue Temperaturrekorde, sondern zeigte auch ein sehr ungewöhnliches Timing. Für gewöhnlich treten Hitzewellen hierzulande eher vier bis sechs Wochen später auf.

Bisher hatten sie auch nicht solche Intensität: Mit 41,8 Grad Celsius wurde im sachsen-anhaltinischen Möckern-Drewitz am 27.Juni ein neuer deutscher Temperaturrekord aufgestellt. Die Nacht vom 27. auf den 28.Juni brachte einen weiteren Rekord im benachbarten Sachsen. Dort, in Kübitz, sank das Thermometer über Nacht nur auf 29,4 Grad Celsius. Das sind Temperaturen, wie sie eher in tropischen Regenwäldern zu beobachten sind. Ein derart hohes nächtliches Minimum war an den rund 2000 Messstationen des Deutschen Wetterdienstes bisher noch nicht beobachtet worden.
Derartige Temperaturen sind für Menschen extrem belastend, besonders für Kinder, Kranke und Senioren. Nach einer Erhebung des Robert-Koch-Instituts in Berlin starben im Sommer 2026 in Deutschland 16.000 an den viel zu hohen Temperaturen (Stand 17.9.). Die allermeisten davon, 14.500, waren 65 oder älter, fast die Hälfte hochbetagt.
Hitze ist vor allem in Zusammenhang mit anderen Erkrankungen tödlich und wird daher nur in den seltensten Fällen im Totenschein als Ursache genannt. Das RKI ermittelt die Zahl der Hitzetoten daher aus den Sterbestatistiken des Statistischen Bundesamts. Wenn in diesen die Todeszahlen weit über das Maß der Vorjahre hinaus nach oben schnellen und in der gleichen Zeit auch besonders hohe Temperaturen registriert wurden, gehen die Forscherinnen und Forscher davon aus, dass es sich um Todesfälle aufgrund der Hitze handelt.

Klimaanpassung
Derweil ist die hohe Zahl der Todesopfer unter der älteren Bevölkerung alles andere als unvermeidbar. Klimaanlagen in Altersheimen und Krankenhäusern und öffentliche Kälteräume könnten Abhilfe schaffen. Außerdem müsste die Pflege erheblich verbessert werden, denn viele alte Menschen trinken zu wenig, wenn sie nicht dazu angehalten werden. Bei großer Hitze kann das schnell zur Dehydrierung und schlimmstenfalls zum Tod führen.
Auch für den Rest der Bevölkerung ließe sich die Hitze erheblich erträglicher machen. Unsere mit Beton und Asphalt versiegelten Städte heizen sich im Sommer besonders stark auf. Lokale Temperaturen können die unter Idealbedingungen fernab von Gebäuden und über Rasenflächen gemessenen Werte der Wetterdienste um einiges übersteigen.
Im Gegensatz dazu ist die Temperatur in Wäldern und Parks meist um einige Grade niedriger als im benachbarten Betondschungel. Mehr Straßenbäume und sonstige Begrünung können also auch in Straßenschluchten für Abhilfe sorgen. In Berlin gibt es zum Beispiel seit knapp einem Jahr – auf Druck einer Volksinitiative – ein Klimaanpassungsgesetz, das für erheblich mehr Straßenbäume und Stadtgrün sorgen soll.
Die tatsächliche Politik sieht allerdings – nicht nur in Berlin – noch immer völlig anders aus. Vor allem die CDU will den Bau von Stadtautobahnen durch dicht bewohnte Viertel weiter vorantreiben, ganz so, als lebten wir noch in den 1960er Jahren. Im Südosten der Stadt sollen umfangreiche Grünanlagen einer Entlastungsstraße weichen. Und noch 2025 war das AfD-geführte Ordnungsamt im Bezirk Treptow-Köpenick exakt auf dem Höhepunkt der letztjährigen Hitzewelle in klimaanlagegekühlten Autos unterwegs, um Pflanzkübel von den Gehsteigen als »illegale Sondernutzung« zu entfernen.

Neue Aufgaben
Im Kampf gegen die Klimakrise geht es also künftig nicht mehr allein darum, endlich die Treibhausgasemissionen drastisch zu reduzieren, den Kohleausstieg durchzusetzen, neue Gaskraftwerke zu verhindern und die Verkehrswende zu erzwingen. Auch der Kampf gegen die Folgen des Klimawandels muss mehr Aufmerksamkeit bekommen, zumal sich der Planet immer mehr erhitzt und das 2015 in Paris vereinbarte Ziel, die Erwärmung möglichst auf 1,5 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu beschränken, kaum noch erreichbar scheint.
Die Folgen bekommen nicht nur wir hierzulande mit Hitzewellen, Extremniederschlägen und in wenigen Jahrzehnten schon mit einem immer rascher steigenden Meeresspiegel zu spüren. Noch mehr haben unter ihnen Gesellschaften und Menschen zu leiden, die nichts zum Problem beigetragen haben, deren Treibhausgasemissionen im Vergleich zu den hiesigen verschwindend gering sind.
Zum Beispiel Nepal: Dort kam es am 26.August im Grenzgebiet zu China, hoch oben im Himalaja, zu einem folgenschweren Abbruch eines Gebirgshangs. Mit ausgelöst wurde er vermutlich durch das Auftauen von Permafrost und Abschmelzen des über ihm gelegenen Gletschers, was vermutlich mit den ungewöhnlich hohen regionalen Temperaturen in den Wochen vor der Katastrophe zu tun hatte.
Auf einer Fläche von rund zwei Quadratkilometern brachen Felswand und Gletschereis ab und stürzten rund 1400 Meter tief in ein Tal. Im dortigen Fluss wurde eine gewaltige Flutwelle aus Schlamm, Wasser, Geröll und Eis ausgelöst, die viele Dutzendkilometer talabwärts schoss. Eine belebte Grenzstation und zahllose Häuser wurden weggerissen. Zehntausende wurden obdachlos. Bei Redaktionsschluss wurden noch immer 5000 Menschen vermisst, während 1400 Todesfälle bereits bestätigt waren.
Und was heißt das alles für uns im reichen, immer noch viel zu viele Treibhausgase in die Luft blasenden Deutschland? »Was gefährdete Länder brauchen, ist nicht einfach nur Mitgefühl oder herkömmliche Entwicklungsfinanzierung«, meint Alina B.K. vom nepalesischen Pokhara-Jugendnetzwerk für Klimaschutz gegenüber der in Hongkong erscheinenden South China Morning Post.
»Wir brauchen Klimagerechtigkeit, einschließlich einer zeitnahen … Entschädigung für die Verluste und Schäden, die wir erleiden«, so Alina weiter. Das hierzulande durchzusetzen, wäre eine andere wichtige Aufgabe der Klimaschutzbewegung. Finanzieren ließe sich der Schadenersatz etwa durch eine Abgabe auf Gewinne aus der fossilen Industrie.

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