von Wolfgang Pomrehn
Hierzulande ist die große Hitze vorerst und vermutlich für dieses Jahr vorbei. Das Robert-Koch-Institut in Berlin spricht in seinem jüngsten Wochenbericht von rund 14.000 Hitzetoten in diesem Jahr. Betroffen waren vor allem ältere Menschen über 65 und insbesondere Hochbetagte. Aus Spanien, meldet die Plattform Euractive 4.000 aus Frankreich 7.300 und aus Italien 5.000 bis 8.000 Todesfälle aufgrund der Hitze. Im restlichen Westeuropa dürften noch mehr Opfer hinzukommen. Auch Großbritannien, zum Beispiel, – dort vor allem England – hat massiv unter Hitze und Dürre gelitten.
Ermittelt werden derartige Zahlen mithilfe der Sterbestatistik. Abweichungen vom Mittel der letzten Jahre werden, nach Abzug der üblichen Schwankungsbreite, bekannten Ereignissen zugeordnet. Auf die gleiche Weise werden auch die Opferzahlen für Grippeepidemien oder auch die Coronapandemie. Die entsprechende deutsche Statistik des Statistischen Bundesamts zeigt in der 26. und 27. Kalenderwoche (22. Juni bis 5. Juli) im Vergleich zu den Vorjahren eine deutlich erhöhte Zahl von Todesfällen. Die Statistiker nennen derlei Übersterblichkeit.
In dieser Zeit rollte eine besonders schwere Hitzewelle über Deutschland hinweg. Die Tageshöchsttemperaturen erreichten vielerorts neue Allzeitrekorde. Wir hatten seinerzeit darüber berichtet. An der polnischen Grenze in Sachsen wurden zeitweise Temperaturen über 40 Grad Celsius gemessen.
Der Zusammenhang dieser Hitzewelle mit dem menschgemachten Klimawandel liegt nicht nur auf der Hand, sondern wurde zwischenzeitlich auch von einem internationalen Team von Klimawissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern nachgewiesen. Diese haben die Daten in einem Viereck zwischen Nordspanien und Polen, Süditalien und Südnorwegen untersucht.
Ihre Ergebnisse: In 45 Prozent der untersuchten 854 Städte wurden neue Rekorde der sogenannten Feuchttemperatur aufgestellt. Das ist die Temperatur, auf die ein Thermometer durch Verdunstung heruntergekühlt werden kann. Je höher sie ist, desto schwieriger wird es für Menschen, sich durch bloßes Schwitzen abzukühlen.
Noch 2003, während der ersten großen Hitzewelle des Jahrhunderts, so zeigen die Simulationen der Forschenden, seien derartige Temperaturen im Juni unter den seinerzeit herrschenden Bedingungen zehnmal unwahrscheinlicher gewesen. Die in der diesjährigen Hitzewelle beobachteten Nachttemperaturen seien sogar 100 Mal unwahrscheinlicher gewesen.
Doch seitdem sind die Treibhausgasemissionen – vor allem Kohlendioxid, aber auch Methan, das unter anderem beim Fracken und beim Transport von Erdgas freigesetzt wird – munter weiter gestiegen. Insbesondere der deutsche Verkehrssektor emittiert noch immer so viel Kohlendioxid wie in den 1990er Jahren, und die Bundesregierung zeigt wenig Neigung, den Ausstieg aus dem Verbrennermotor voranzutreiben. Im Gegenteil: Im Auftrag der Automobilkonzerne versucht sie, die entsprechenden Ziele der EU aufzuweichen. Die Zerstörung des Klimas ist halt immer noch ein äußerst lohnendes Geschäft für die hiesige Automobilindustrie.
Und für die Energiekonzerne: Als wäre nichts gewesen, keine Hitzewellen, keine Dürren, keine Waldbrände und kein Niedrigwasser in Flüssen, das die Wirtschaft massiv einschränkt, betreibt die Bundesregierung auch noch den Bau neuer Gaskraftwerke. Nach jetzigem Stand müssten diese vor allem mit dem besonders klimaschädlichen Frackinggas aus den USA betrieben werden.
Die Rechnung für diese desaströse Energiepolitik werden nicht nur künftige Generationen mit einem Klima bezahlen, das außer Rand und Band gerät und unter anderem die Küsten bedroht und die Welternährung infrage stellt. Auch ganz konkret werden die Verbraucherinnen und Verbraucher zur Kasse gebeten werden, denn die Gasversorgung ist anfällig für geopolitische Spannungen (Stichwort: Straße von Hormus), und der Börsengaspreis bewegt sich derzeit mal wieder in äußerst luftigen Höhen.
Siehe auch „Mehr als 5000 Hitzetote“ und „Waldbrände: ‚Die Welt kocht‘„.
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